MacDuff, John - Abendopfer - 29ster Abend. Um Beistand beim Sterben
„Am Abend will ich beten“
„Herr, zeige mir deine Wege, und lehre mich deine Steige.“
Ps. 25, 4.
Gott! Auch am Abend dieses Tages komme ich zu Dir, durch Jesum Christum, Deinen eingeborenen Sohn, meinen Heiland und Herrn, Dich anzurufen, dass Du Dich meiner erbarmen und mir Deinen Frieden geben mögest, der höher ist denn alle Vernunft. Gelobet sei Dein großer und heiliger Name, für alle die seligen Himmelshoffnungen, die Du mir durch Dein Evangelium eröffnet hast! Christus ist der Todesüberwinder, das ist meine Freude. Über dem Dunkel des Todestales steht der Regenbogen von köstlichen Bundesverheißungen und alle Finsternis desselben ist verschlungen von dem Licht der Gnade und alles Schreckliche von diesem letzten Feinde hinweggenommen, durch den Triumph des Gekreuzigten. Des Todes dunkle Pforte ist das lichte Eingangstor zu einer ewigen Herrlichkeit.
Gib mir die Gnade, o Gott, in treuer Vorbereitung auf den Tod zu wandeln, nicht zu verschwenden die kurzen goldenen Stunden der flüchtigen Gegenwart. Lehre mich leben im Leben und sterben im Leben. Lass mich das Leben als ein anvertrautes Pfund ansehen, das mir immer kostbarer wird, weil es Dir angehört und in Deinem Dienst verwertet werden muss. Be hüte mich davor, dass ich nicht einst in meiner Todesstunde, wenn es zu spät ist, beweinen muss die vielen mir dargebotenen und von mir verscherzten Gnadenstunden. Behüte mich vor allem törichten Aufschub dessen, was jetzt, was heute getan werden muss, weil es noch heute heißt. Lehre mich täglich von neuem mich vergewissern meines Anteils an den ewigen Gütern, damit ich nicht zu bangen brauche, wenn bald (wie bald vielleicht!) der silberne Strick zerreißt und die goldene Quelle verläuft und der Eimer zerschlägt am Borne. Jesus hat dem Tode die Macht genommen und Seinem Volke verwandeln sich alle seine Schrecken in das Licht eines ewigen Tages.
Du hast es mir nicht an nachdrücklichen Erinnerungen daran fehlen lassen, dass gerade zu der Stunde, da ich es am wenigsten erwarten möchte, der Ruf erschallen wird: Schicke dich, zu begegnen deinem Gott! - Jeder Augenblick hienieden ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tode, lass mich ein so gewisses Glaubensleben leben, dass dieser Schritt für mich nur ein Schritt ist zwischen mir und der Herrlichkeit.
Herr, bereite Du alle Sterbenden zu diesem großen Wechsel vor! Lass ihre Augen gerichtet sein auf Jesum, ihre Hoffnungen auf die Ewigkeit. Gib ihnen, ihr Haupt zu neigen gebettet auf Deine heiligen Verheißungen, und zu entschlafen in dem gewissen Trost der herrlichen Auferstehung!
Segne alle Trauernden. Alle, die kürzlich teurer und treuer Freunde beraubt wurden, deren Schritt sich zu den engen Gräbern lenkt, welche deren sterbliche Reste umschließen, mögen durch Deine Gnade befähigt werden, ihr Auge weit auszuschlagen und hoch empor zu heben zu den lichten Friedenhöhen droben und zu der seligen Stunde, wo sie mit ihren vorangegangenen Lieben vereint anstimmen werden den Triumphgesang: Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg!
Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
Wollt Gott, ich wär in dir!
Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat
Und ist nicht mehr bei mir;
Weit über Berg und Tale,
Weit über braches Feld
Schwingt es sich über Alle,
Und eilt aus dieser Welt.
Nimm mich in dieser Nacht in Deine Gnadenhut, und wenn die letzte Nacht für mich hereinbricht, dann lass mich auch durch sie hindurchblicken zu dem seligen Lichte, und die Augen des Leibes schließen, um zu erwachen zu einem Anschauen von Angesicht zu Angesicht, durch Jesum Christum! Amen.
Mein Gebet müsse vor Dir taugen wie ein Räuchopfer, meiner Hände Aufheben wie ein Abendopfer!