Predigt bei dem Diözesan-Gottesdienste in Ravensburg, den 11. Oktober 1852, gehalten von F. Leube, Stadtpfarrer in Friedrichshafen.

Text: Halte an dem Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, vom Glauben und von der Liebe in Christe Jesu. Diese gute Beilage bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.
2. Tim. 1. 13, 14.

Dies apostolische Wort, teure Brüder, stelle ich an die Spitze meines heutigen Vortrages, weil es den Grundgedanken und Empfindungen den entsprechendsten Ausdruck leiht, mit welchen ich in dieser besonders schönen und heiligen Stunde zur Lehre, Mahnung und Ermunterung vor euch treten möchte, und weil es die goldene Schale bildet, in welcher euch die silbernen Äpfel der Erfahrungen des letzten Kirchentages, von denen ich gleichfalls zu reden berufen bin, mitgeteilt werden sollen. Reich an Worten der Kraft und des Ernstes, der Weisheit und der Liebe; reich an Ermunterungen und Warnungen, die uns ebenso von dem gewaltigeren Regen des lebendigen Glaubens in der Kirche Kunde geben, wie von der kalten Zugluft des Unglaubens, die durch ihre Räume streicht, und von den Flammen des verzehrenden Eifers, die von außen her an ihre Mauern schlagen, reich an Bildern des Lebens, in denen die Vorzüge, die wir haben, wie die ungeheuren Schäden und Gebrechen, an denen wir leiden, sich vor unseren Augen aufrollten; - reich daran, sage ich, waren auch diese Tage wieder. Aber wenn ihr mich nun fragt: was ist die Summe deiner Erfahrungen, und welche Ergebnisse bringst du uns mit aus der Ferne? so liegt die Antwort kurz zusammengefasst in dem vorgelesenen Texte. Eine teure Beilage hat unsere evangelische Kirche, aber es gilt, sie zu bewahren und ihre himmlischen Schätze je mehr zu entfalten; halten nur wir sie fest im Glauben, so kann sie nicht von uns genommen werden. Das ist das Wort des Apostels an uns, das ist auch die Stimme des Kirchentages.

Die gute Beilage unserer Kirche

lasst uns deshalb betrachten und zeigen,

1) wie sie besteht in dem Vorbilde der heilsamen Worte, die wir haben von den Propheten und Aposteln;
2) wie wir sie halten und entfalten sollen im Glauben und in der Liebe;
3) wie wir sie bewahren können durch den Heiligen Geist.

Herr! segne unsere Betrachtung und schenke uns als deren Früchte Buße und Glauben, Mut und Vertrauen! Amen.

Geliebte Mitchristen!

„Halte an dem Vorbilde der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast.“ Das ist die Lehre und Mahnung des Apostels an seinen Schüler Timotheus. Er hatte ihm gezeigt, wie er um des Evangeliums willen leide, sich desselben aber in keiner Weise schäme. In diesem Selbstbewusstsein seines Berufes und der Erfüllung seines Berufes fordert er ihn auf, treu zu bleiben der Lehre, die er von ihm überkommen hat, als einer göttlichen Wahrheit, die vom Himmel gekommen und ihm und allen Menschen zum Heile gegeben ist. Das Vorbild der heilsamen Worte also, die wir haben von den Aposteln und Propheten, ist die gute Beilage. Das Wort ist von Jesus selbst den Seinen als das Brot des Lebens gegeben worden, das bei ihnen bleibe und nicht vergehe, wenn auch Himmel und Erde vergehen; das Evangelium, das sie predigen, bezeichnen auch die Apostel nicht als ein menschliches, von Menschen empfangen und gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi, von Gott eingegeben und deshalb nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, dass ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werke geschickt. Das Wort von Gott, wie es durch die Propheten und Apostel unter dem Beistande des Heiligen Geistes niedergeschrieben und gesammelt worden in der Bibel, bildete von jeher in der Christenheit die Quelle der Wahrheit, der Lehre und Erkenntnis, und was in den hundert und tausend Kirchen, die aus der Krippe zu Bethlehem hervorgewachsen und mit dem Zeichen des Kreuzes geschmückt sind, vor 18 Jahrhunderten gepredigt worden ist und heute noch gepredigt wird; das hat, so es anders auf christlichen Gehalt Anspruch machen will, seinen Grund in dem festen prophetischen und apostolischen Worte. Und was in den Millionen von Büchern, die über die Erde hin zerstreut sind, zur Erbauung und religiösen Betrachtung an Wahrheit und Trost zu finden ist, mag es hier in hochbegeisterten Liedern und dort in sanften Ergießungen des Herzens uns entgegen kommen, was irgend Gutes und Wahres und Herrliches darin enthalten ist - am Lichte des Evangeliums ist es angezündet worden. Wenn aber die allgemeine christliche Kirche sich deshalb des apostolischen Wortes nie ganz entschlagen konnte, auch in jenen Zeiten nicht, als das Licht unter den Scheffel gestellt war und nicht mehr leuchtete allen denen, die im Hause waren, so hat im vollsten Umfange und mit dem entschiedensten Nachdrucke unserer evangelischen Kirche das göttliche Wort zur Regel und Richtschnur des Glaubens und Lebens gemacht, so wie es lauter und rein in der Heiligen Schrift enthalten ist.

Dieses heilsame Wort war zum Prüfstein, an welchem unsere Reformatoren die Lehren der alten Kirche prüften; dies zum Schatz, aus welchem sie unter so manchem Schutte menschlichen Irrtums und Aberglaubens und Unglaubens das lautere Gold christlicher Wahrheit gewonnen; dies zum Schwerte des Geistes, mit welchem sie Menschenwahn und Menschenwerk bekämpften und besiegten. Auf dieses göttliche Wort stützten sie daher auch ihr gemeinsames Glaubensbekenntnis, welches noch jetzt das unsrige ist, und erklärten: „dass sie nicht wollen auf ihre Kinder und Nachkommen eine andere Lehre, denn so dem reinen göttlichen Worte und christlicher Wahrheit gemäß, füllen und erben; dass ihre Lehre in Heiliger Schrift klar gegründet sei, und dass sie auch ferner Bericht mit Grund göttlicher Heiliger Schrift zu tun erbötig seien.“ So war, so ist noch jetzt das Vorbild der heilsamen Worte, das uns die Apostel hinterlassen haben, die gute Beilage unserer Kirche. In diesem Vorbilde hat nicht nur unsere Lehre und unser Glaube so sichere Anleitung, sondern unsere ganze Kirche ruht auf diesem Felsgrunde, sie hat in ihm ihre Berechtigung und ihre Sicherheit; die Lieder, die wir singen, die Gebete, die wir zum Himmel senden, die geistlichen Reden, die von unserem Munde fließen, die Sakramente, die wir feiern, die Ämter, die wir haben, der Hirten und der Oberhirten, wie des Diakonats und Presbyteriums, die ganze Gottesdienstordnung hat ihre Gestalt gewonnen aus dem Vorbilde der heilsamen Worte, die wir von den Aposteln haben. Das hat auch aufs Neue jene Menge der Gläubigen bezeugt, die in der Mitte des vorigen Monats in Bremen zu dem Kirchentage sich versammelt hatten. An die 1000 Fahnenträger Christi und Herolde des ewigen Evangeliums, neben den ungezählten lebendigen Kirchengliedern, waren dort wieder beisammen; Professoren fast von allen deutschen Universitäten, Prediger aus Stadt und Land, Lehrer von hohen und niederen Schulen, evangelische Christen aus allen Ständen, der Minister von Oldenburg neben dem Schneidermeister von Hannover, Leute aus aller Welt Enden, aus allen Gauen unseres deutschen Vaterlandes, aus Belgien, Holland, England, Schottland, Frankreich, Einer, ein Missionär, war vom westlichen Amerika herüber gesegelt, ein anderer vom Himalaya in Asien herab gestiegen in jene freie Reichsstadt Alle unter dem Einen Feldzeichen des Kreuzes und mit dem Einen Feldgeschrei: Alles und in Allem Christus!

Da, in dieser Versammlung, war auch die Rede von der Einrichtung des Hauptgottesdienstes in unserer Kirche, und manche Vorschläge wurden gemacht, diese Gottesdienste schön zu machen, dass sie das Volk anziehen. Aber wisst ihr, rief ein hochbegabter Lehrer, eine Säule unserer Kirche, warum diese Gottesdienste nicht schön sind? Es hat am rechten Worte gefehlt. Ich habe Solostimmen von Frauen gehört in der Kirche; aber das macht die Gottesdienste noch nicht schön. Man hat für uns etwas erborgen wollen in unsere Kirche aus dem Messdienste - weg damit; man hat unsere Gottesdienste wollen zusammen drängen in gewisse feierliche Dankgebete - ach, wie wenig Verständnis des Evangeliums liegt in allen diesen Vorschlägen? Man mache die Gottesdienste lebendiger, die Gebete, insbesondere auch die Fürbitten, werden individueller, d. h. mehr auf die Verhältnisse der Gemeinde und der Kirche in der Zeit hin gerichtet; man richte liturgische Gottesdienste ein; man verbinde mit der Begehung des Glaubens doch häufiger auch die Begehung der Bruderliebe, und veranstalte in der Kirche selbst regelmäßige Sammlungen durch die Diakonen und Presbyter, während der Geistliche am Altare betet; man tue das und noch mehr; aber die Hauptsache bleibt, dass die Schrift in der Kirche mehr zum Worte kommt, nicht bloß in jenen Trümmern als freie Texte oder Perikopen, sondern in allen ihren Hauptteilen. Es ist etwas ganz Anderes, die Heilige Schrift selbst zu lesen in seinem Hause, als sie vorlesen zu hören im Hause Gottes. Viele sind Feinde der Bibel nur aus Unwissenheit, und wundern sich hernach, dass Dies und Jenes darinnen steht. Und wieder ein anderer sprach mit Rücksicht auf gemachte Vorschläge: Der Vorredner hat Gemeinden im Auge, die gegenwärtig noch nicht existieren. Dies erhellt aus der Stelle, die er der Predigt gibt. Er stellt sie nicht in den Mittelpunkt, sondern an die Seite. Er setzt das Salomonische Zeitalter voraus, wo der Tempel fertig ist; wir leben aber noch im Davidischen, wo erst noch die Modelle zu zeichnen sind. Die Predigt muss jetzt noch allenthalben missionierend voran treten ; die Zeit, wo sie als Cherub an der Pforte des Tempels stehen soll, ist noch nicht da, vielmehr muss sie für uns sein der Cherub, der zuvor die Assyrer schlägt. Darum muss vorläufig Alles die Tendenz haben, den Nachdruck und die Kraft des göttlichen Wortes zu schärfen, die Predigt bleibt noch im Mittelpunkte stehen, auf sie müssen wir allen Fleiß und Arbeit verwenden. Und als später die Rede war von dem Beichtwesen und insbesondere von dem Bedürfnisse der Privatbeichte, und es fast schien, als sei hier ein Streitsatz zwischen der lutherischen und reformirten Kirche; da ließ sich ein echter gläubiger Schriftgelehrter also vernehmen: Beide sind darin einverstanden, dass eine individuelle Seelsorge ein wesentliches Amt des Geistlichen ist in persönlichster Anwendung; es ist somit klar, wie leise diese Seelsorge und die Privatbeichte ineinander übergehen und diese in bekümmerten Gemütern zur Absolution wird. Auch vergibt ja in der lutherischen Kirche nicht das Amt die Sünden, sondern das Wort Gottes; von diesem Worte geht die Kraft aus auf alle empfänglichen Gemüter. Und endlich - es sei das letzte Zeugnis in dieser Beziehung - als, vielleicht der gründlichste Kenner unseres geistlichen und des Volksliedes unserer Zeit, über ein allgemeines deutsch-evangelisches Gesangbuch sprach, ließ er sich unter andrem also vernehmen, und es mag dies zugleich ein gutes Zeugnis für unser jetziges württembergisches Gesangbuch sein: Die Urbilder unserer Kirche stammen aus der Schrift nach Inhalt und Sprache; mit der Reformation erfuhr die deutsche Sprache eine große Umbildung, eine Hochbildung, in der sie die höchsten Ideen zum Ausdruck brachte; sie wurde verklärt und konnte von da an nicht steigen, sondern nur fallen. Wäre ich hochgestellter Geistlicher, so würde ich aussprechen, dass kein Theologe an einer andern Quelle seine Sprache erfrischen und verjüngen kann, als an der Heiligen Schrift und an den Schriften unseres deutschen Klassikers, Luther. Was aber das Gesangbuch betrifft, so bildet dies mit der Bibel für den Bürger, für den Bauern die Quelle seiner Bildung, und er hat daran mehr als der sogenannte Gebildete an allen Erzeugnissen der neuesten Literatur. Er entnimmt daraus das feinste Empfinden, das ernsteste Wollen. Die Bibel spricht zu den Menschen als Gottes Wort, das Gesangbuch ist darauf die Antwort.

So haben dort die Männer der Kirche, des Glaubens gesprochen über das Vorbild der heilsamen Worte. Ich denke, wir bedürfen nicht weiter Zeugnis dafür, dass dieses ist die gute Beilage unserer Kirche. Hierzu aber noch Eines. Wenn die Kirche im Allgemeinen das Wort der Schrift so hochzuschätzen hat, so doch ganz besonders noch wir evangelische Geistliche. Ja, was haben wir ohne das Vorbild der heilsamen Worte, die geschrieben sind? Ohne dasselbe stehen wir völlig unberechtigt auf der Kanzel und am Altar; unsere Predigten sind vielleicht wohlgegliederte Reden, aber sind doch nur leere Worte, Floskeln, Menschenwitz und Menschenweisheit. Wenn wir nicht Gottes Wort, sondern das eigene predigen - was wollen wir denen entgegen halten, die unsere Kirche meiden, weil sie sagen, das wissen wir selbst, dazu brauchen wir euch nicht? Ja, geliebte Brüder, da ist unsere Predigt vergeblich, unsere Mahnung ein stumpfes Schwert, unser Trost ein verwässerter Balsam; mit unserer Seelsorge ist's aus, sie verflüchtigt sich in kurze Freundschaftsbesuche; wir haben den Mut nicht, offen mit dem Sünder zu reden und Buße zu fordern, und wenn Feinde der Kirche und des Glaubens kommen, so sind wir verloren, das Schwert ist uns zum Voraus aus den Händen gewunden. Haben wir aber das Vorbild der heilsamen Worte und bewahren es - o dann wohl uns! dann können wir getrost in unsere Kirche einladen: „Kommt her zu uns, ihr Mühseligen und Beladenen, wir wollen euch erquicken“; dann können wir zuversichtlich dem bußfertigen Sünder im Namen Gottes das Wort des Herrn zurufen: „Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben“; dann können wir mit Freudigkeit ans Kranken- und Sterbebett treten, und hier den Bekümmerten und Scheidenden den Himmel offen zeigen; dann, Brüder, Mut gefasst! dem Feind entgegen, er mag kommen woher er will, und sein wer er will, das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidiges Schwert, und dringt durch, bis dass es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Noch, Geliebte, hätte ich euch hier gerne gezeigt, wie das Vorbild der heilsamen Worte eine gute Beilage ist für jeden einzelnen evangelischen Christen, die ihm gegeben ist in der Heiligen Schrift und die Jeder haben soll in seinem Hause.

Doch ich muss zum zweiten Teile eilen. - Lasst mich ein Wort der Mahnung reden, wie wir die gute Beilage unserer Kirche halten und entfalten sollen im Glauben und in der Liebe in Christo Jesu; denn wahrlich es ist nicht genug, diese Beilage nur als einen toten Schatz zu bewahren und im Staube liegen zu lassen - das Wort ist uns vor Allem gegeben zum Glauben. „Glaubt mir,“ sagt der Herr, „dass ich im Vater und der Vater in mir ist; wo nicht, so glaubt um meiner Werke willen“, und wieder: „Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“ So verkünden es die Apostel als eine unumstößliche Wahrheit: „Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum.“ Den Glauben hat deshalb auch unsere evangelische Kirche als die erste Forderung nebenan gestellt an die Heilige Schrift, und wir bekennen es als den Fundamentalartikel unserer evangelischen Lehre: dass wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit vor Gott nicht erlangen mögen durch unser Verdienst, Werk und Genugtun, sondern aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben. Im Glauben also sollen wir jene gute Beilage des heilsamen Wortes in unser Herz aufnehmen und zu unseres Denkens und Wollens, zu unseres Wirkens und Lebens Regel machen. In demütigem Glauben sollen wir uns dem Worte von Gott hingeben und es ohne Zagen, ohne Beugen und Deuteln, ohne Rationalisten als göttliche Wahrheit annehmen; dann erst wird es ein Licht in unserem Geiste, ein Balsam in unserem Herzen, ein Schwert in unseren Händen. Das haben auch jene Männer wieder bezeugt auf dem Kirchentage. Wie die evangelische Kirche sich in Hinsicht der römisch-katholischen Missionen verhalten soll, wurde verhandelt, und mancherlei Ratschläge wurden da auf den Plan gebracht: Kirchenvisitationen, fast in derselben Weise, wie wir sie durch die weise und aufopfernde Hingabe unseres Prälaten jetzt eben haben; Reisepredigten von den Kirchenbehörden, tüchtige Vikariate, Reiseprediger von freien Vereinen - das war für uns nichts Neues, und wir konnten den Andern mit Freuden zurufen: Brüder! kommt zu uns, das Alles haben wir schon. Andere sahen in den Einbrüchen jener Missionen in evangelische Lande einen Friedensbruch, und forderten den Schutz des Staates um des gefährdeten konfessionellen Friedens willen; und wieder andere empfahlen die Presse als eine tüchtige Waffe. Die Ansichten gingen wohl auseinander. Aber wenn der erste Redner sagte: „Unser gefährlichster Feind ist nicht der Jesuitismus, sondern der Unglaube, die reine Verneinung, da kann nicht anders geholfen werden als durch den Kampf für die Symbole, dass wir auf die Glaubensbekenntnisse unserer Väter wieder zurück gehen und sie ins Feld führen; wir müssen uns mit unbedingtem Glauben dem Gottesworte hingeben, der unserer Kirche Grundlage ist, und den Hochmut schwinden lassen, mit welchem Kinder in Christo sich immer wieder ihren eigenen Lehrbegriff bilden und absondern von dem, was die Kirche aus der Schrift geschöpft hat“; - so fand das gar keinen Widerspruch, und in seiner Zusammenfassung der ganzen Verhandlung konnte der Präsident das Wort sagen: in Einem Punkte sind Alle einig, in der Gewissheit, dass das Heil unserer Kirche in erster Stelle von innen heraus kommen muss; die gläubige Verkündigung des wahren Bekenntnisses muss voran gehen. Die Rationalisten sind die Hauptstützen der Jesuiten. Wo jene gearbeitet haben, da ist der Acker gepflügt, und diese dürfen nur den Samen ausstreuen. Wir wollen vorgehen im Glauben und in der Liebe, das ist die richtigste Polemik. Ja, Brüder, das will auch der Apostel von uns, im Glauben sollen wir die gute Beilage, die wir haben, halten und entfalten, und in der Liebe. Was sind wir insbesondere, wir Geistliche, ohne Glauben? Gleichsam als Missetäter stehen wir vor dem aufgeschlagenen Worte Gottes, dem wir Gewalt antun wollen; was für eine harte Arbeit ist da jede Predigt, und doch ganz vergeblich; wie jämmerlich stehen wir, armen Sündern gleich, auf der Kanzel und reden, was wir nicht glauben; wie pocht's und zankt's und kämpft's von Widersprüchen in der eigenen Brust? Wenn wir allein in diesem Leben auf Christum hoffen, sagt der Apostel, so seien wir die elendesten Menschen; das ist auch der evangelische Geistliche, der nicht glaubt von Herzen an Jesum Christum. Also im Glauben lasst uns die Beilage bewahren - oder auch in der Liebe; denn sie ist des lebendigen Glaubens natürliche und notwendige Frucht. Wie das Wort ohne den Glauben ein Buchstabe ist, so ist der Glaube ohne Werke der Liebe tot. Und wenn der Herr selbst von allen seinen Jüngern das als das Zeichen fordert, daran man sie erkenne als die Seinen, dass sie Liebe haben untereinander, so dürfen wir uns dieser Forderung ebenso wenig entschlagen. Ich könnte euch nun noch einmal hinführen nach Bremen zu dem Kongress für Innere Mission und zeigen, wie eben diese aus dem Glauben stammende Liebe bald anklopft an den Toren der Gefängnisse und die Gefangenen tröstet, bald hineilt in die dunklen Höhlen der Schlemmer und Weinsäufer, um sie vom zeitlichen und ewigen Verderben zu retten; wie sie hier mit den Jünglingen und Gesellen Feste feiert, um sie zu Christo zu ziehen, und dort den Auswanderer bis ans Meer, ja hinüber noch ins fremde Land begleitet, um ihn mit Leib und Seele vor Schaden zu behüten.

Doch ist's Zeit zum Schlusse, und ich eile zum dritten Teile, in welchem ich nur kürzlich den Trost der Ermunterung hinzu fügen will: wie wir die gute Beilage unserer Kirche sicher bewahren können durch den Heiligen Geist. Denn also spricht Paulus zu Timotheus: „Diese gute Beilage bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.“ Ja, das wissen wir wohl, und unsere Kirche hat es von Anfang an bekannt, dass der Buchstabe tötet und nur der Geist lebendig macht; dass eben daher, weil in Sachen des Glaubens Alles geistlich gerichtet sein muss und der natürliche Mensch dazu unvermögend ist, nur durch die erleuchtende Kraft des göttlichen Geistes das Wort der Schrift für uns zur Wahrheit werden kann. Aber deshalb freuen wir uns auch von Herzen der tröstlichen Verheißung, die der Herr gegeben und der Apostel besiegelt hat: dass der Geist Gottes in uns wohnt. Und so müssen wir es gleichfalls bekennen, dass wir weder den rechten Glauben noch die wahre Liebe haben und bewähren können aus eigener Kraft, sondern dass wir darin Alle nur so viel vermögen, als Gott uns Gnade schenkt, und gibt uns seines Geistes Kraft dazu. Aber Heil uns, dass wir auch hier nicht ohne Verheißung sind; Heil uns, dass sich ein Wehen dieses Geistes da und dort in der Kirche regt, wo sonst tote Windstille war; Heil uns, dass die Zeugnisse von neuen Erweckungen oder doch Annäherungen zum göttlichen Leben in der Kirche lauter und häufiger werden! Was immer von jenen Versammlungen des Kirchentages gesagt werden mag, und welche Früchte sie bringen mögen; das ist unzweifelhaft, sie sind sprechende Zeugnisse davon, dass der Heilige Geist mit neuer Kraft durch das Haus Gottes, durch die Kirche weht und in seinen Zeugen wohnt. Brüder! ob er auch in uns wohnt? Gott weiß es.

Aber nötig haben wir ihn Alle, Alle, von oben bis unten. Sollen wir die gute Beilage unserer Kirche bewahren, pflegen, schützen auch in Gefahren, o so muss der Geist Gottes in uns Schwachen mächtig sein. Und so lasst uns denn unsere Hände und Herzen zu ihm erheben und mit demütigem Geiste beten:

Herr, unser Vater, in Christo Jesu! wir danken dir von ganzem Herzen für die teure Beilage deines heilsamen Wortes, das du uns verliehen hast als eine Leuchte unseres Fußes und als einen Trost unseres Gewissens und als einen Born des ewigen Lebens. O hilf, dass Niemand uns diese Beilage raube und die Leuchte unter den Scheffel stelle, sondern dass sie immer heller scheine in unsere Herzen und Häuser, und deine Wahrheit sich immer schöner verkläre in den Gemeinden und in deiner heiligen Kirche; stärke unseren Glauben und unsere Liebe, und heilige uns je mehr und mehr durch deinen Geist, dass wir lebendige Glieder seien an deinem Leibe, und in deinem Dienste werden Tempel des Heiligen Geistes! Amen.

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