Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!

Krummacher, Hermann Friedrich - Das Vater Unser in elf Predigten - Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!

Ev. Matthäus 6, V. 13.

Gehalten im Kriegsjahr.

Seit wir zuletzt hier an heil'ger Stätte versammelt waren, sind von verschiedenen Teilen des Kriegsschauplatzes Nachrichten eingelaufen, welche unsre Herzen mit gebeugtem Dank gegen den Herrn erfüllen. Während am allgemeinen Buß- und Bettage im ganzen Lande Tausende und Abertausende zum Hause des Herrn strömten, während Millionen von Händen sich falteten, um vom Herrn Hilfe und Sieg zu erflehen, haben unsre Brüder im Herrn in heißem Streit die Waffen geführt und in fortgesetztem Kampfe haben sie durch Gottes Hilfe einen Sieg um den andern errungen. Mit Gott sind sie für König und Vaterland in die Schlacht gegangen, und Gott ist mit ihnen gewesen und hat durch sie unserm Könige und unserm Vaterland ruhmreiche Siege geschenkt. Darum wollen und können wir heute nicht feiernd im Hause des Herrn vereinigt sein, ohne im Geist ein Eben Ezer aufzurichten, ohne mit demütigem und innigem Danke zu bekennen: „Bis hierher hat der Herr geholfen!“ Es ist wahr, Geliebte, die Freude über kriegerische Erfolge kann nie eine ungeteilte und ungetrübte sein: jeder Sieg wird teuer erkauft mit Blut und Tränen hüben und drüben, auf Seiten der Sieger und der Besiegten. O, wie viele beraubte Eltern, Gattinnen und Bräute in unserm Lande werden nur mit Tränen im Auge und mit blutendem Herzen dem Herrn der Heerscharen dafür danken können, dass er in diesen Tagen unsre vaterländischen Fahnen mit Sieg und Ehre geschmückt hat, und wieviel Weinens und Klagens wird in tausend Hütten und Häusern sein im fremden Lande. Zudem stehen wir nach diesem Segen auch noch inmitten oder vielmehr am Anfang des Kampfes; noch ist der Sieg nicht erfochten, der den großen Streit entscheidet und dessen Frucht der Friede ist und die heilsame Neugestaltung unseres deutschen Vaterlandes. Es werden noch mehr Blutströme fließen, noch mehr Tränenquellen geöffnet werden. Die Erinnerung an Beides: an den Kaufpreis des Sieges und an die noch bevorstehenden ernsten Tage, kann dazu dienen, uns vor jenem hochmütigen und leichtfertigen Übermut zu bewahren, der vor dem Falle kommt, und der unser preußisches Vaterland vor 60 Jahren zu so schwerem Fall gebracht hat. Unsre Siegesfreude darf nicht zum Siegestaumel werden, und bei dem Dankeswort: „Bis hierher hat der Herr geholfen,“ darf nicht die demütige Bitte fehlen: „Herr, hilf in Gnaden weiter, Herr, lass wohlgelingen um deiner großen Barmherzigkeit willen.“

Uns zu beugen unter die gewaltige Hand und vor dem heiligen Angesicht Gottes im Staube anbetend, dankend, bittend Auge und Herz hinaufzuschicken zu dem Ewigen, der väterlich über uns waltet und der hoch über allem Wirrsal der Erde im Himmel königlich thront, dazu will die gegenwärtige Zeit mit ihrem hohen Ernst, mit ihren tiefen Schmerzen und mit ihren freudigen Erregungen uns erziehen und mahnen. Lasst uns die göttliche Zucht und Mahnung annehmen. Dass das geschehe, dazu lasse der Herr auch unsre heutige Betrachtung über den Schluss des Herrengebets gesegnet sein. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen!“ Das sind die Worte, die wir zu betrachten haben. Mag es, wie von Vielen angenommen wird, zweifelhaft sein, ob der Herr Jesus selbst diese Worte dem „Unser Vatergebet“ beigefügt hat; darüber ist jedenfalls kein Zweifel, dass bereits die älteste Gemeinde das Vaterunser mit diesen Worten zu beschließen pflegte. Hat der Herr nicht selbst die sieben Bitten mit diesem Schluss gekrönt, so ist es doch sicherlich keine fremdartige künstliche Zutat, sondern naturgemäß aus dem Gebet des Herrn erwachsen, wie die Blumenkrone aus dem Samen, ein feierlicher Schlussakkord, in dem die Töne, welche durch die vom Herrn gegebenen Gebetsworte angeschlagen werden, harmonisch ausklingen. Der Beschluss des Gebets umfasst zweierlei:

1. die sogenannte Doxologie oder Lobpreisung: denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,
2. das Amen!

Indem wir uns anschicken, diese beiden Stücke des Beschlusses nacheinander näher zu betrachten, bitten wir den Herrn, dass er uns in Gnaden seinen Beistand und Segen verleihen wolle. Ja, Herr, hilf uns, und segne dein Wort an unsern Herzen. Amen.

I.

„Gelobt seist du, Gott Israels, unsers Vaters, ewig. Dir gebührt die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Dank. Denn Alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein ist das Reich, und du bist erhöht über Alles zum Obersten. Dein ist Reichtum und Ehre vor dir, du herrscht über Alles; in deiner Hand steht Kraft und Macht; in deiner Hand steht es, Jedermann groß und stark zu machen. Nun, unser Gott, wir danken dir und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit“ (1. Chron. 30, 10-13) so preist David den Herrn im Gebet über den gegenwärtigen Zustand Israels. Und im Buch der Offenbarung beten die 24 Ältesten an vor dem, der da ist von Ewigkeit und zu Ewigkeit und werfen nieder ihre Kronen vor den Thron und sprechen: „Herr, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.“ (Offenb. 4, 11.)

In solche Lobpreisung der Heiligen aller Zeiten auf Erden und der Seligen im Himmel stimmen wir ein, wenn wir sprechen: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“

Aber diese Lobpreisung steht nicht für sich allein, sondern sie ist durch ein: „denn“ enge mit dem Gebet des Herrn verknüpft, dieses „denn“ greift nicht bloß auf die letzte Bitte zurück, sondern auf alle sieben samt der Anrede. Es ist, als ob wir sprächen: „Mit solchem Gebete kommen wir vor dich, weil wir wissen, dass dein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit ist in Ewigkeit! Denn weil wir dieses wissen, darum wissen wir, dass du ein Gott bist, zu dem wir beten können, und der mächtige Hilfe und gute Gabe bereit hat für die, welche ihn anrufen!“

Ja, Geliebte, indem wir das Gebet des Herrn mit der Lobpreisung beschließen, bekennen wir zuerst, dass der Gott, den wir anbeten, ein persönlicher, lebendiger, überweltlicher, geistiger Gott ist. Dein ist in Ewigkeit das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit sprechen wir und damit sagen wir uns los von der Lügenweisheit derer, welche keinen lebendigen Gott, keinen Gott, der da Geist ist und das Leben in sich hat, wissen wollen. Sie sagen: das Schicksal regiert die Welt; die Naturkraft erzeugt und erhält alles Leben, die Welt trägt alle Herrlichkeit in sich und im Fortschritt der Zeit entfaltet sich die Herrlichkeit der Welt zu immer größerer Vollkommenheit. Das Schicksal ist Gott; die Naturkraft ist Gott; die Welt ist Gott. Das ist heutzutage die gottesleugnerische Lehre Vieler, die sich weise und aufgeklärt dünken und nennen. Es ist Lüge und Heuchelei, wenn sie den Namen Gottes missbrauchen, um das damit zu schmücken, was nicht Gott ist: das blinde Schicksal, die bewusstlose Naturkraft, die vergängliche Welt. Beten können sie nicht zu dem, was sie ihren Gott nennen. Da ist kein Ich, das man mit du anreden kann; da ist kein Ohr, das hören kann, da ist kein Herz, das Liebe hegen kann; da ist kein Arm, der helfen kann, ein Ausschütten des Herzens, ein Auftun des Mundes vor Gott, ein Gespräch des Herzens mit Gott und eine Erhebung der Seele zu ihm - es ist ein Unsinn und eine Unmöglichkeit für die gottesleugnerischen Götzendiener in der Christenheit, die ärger sind als die Heiden. Wir aber bekennen den Gott, zu dem man beten, den man anrufen, bei dem man Gnade, Trost und Hilfe suchen und finden kann, wir bekennen ihn, indem wir sprechen: „dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit!“ Nicht das Schicksal, der Zufall, die Notwendigkeit regiert die Welt: das Reich und Regiment ist unseres Gottes. Nicht die Naturkraft erzeugt und trägt die Dinge, sondern Gott hat Alles geschaffen und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort; wo Kräfte wirken, da sind sie von ihm und Er wirkt durch sie. Durch seine Kraft erhält er das Leben in der Natur und ergießt die Fruchtbarkeit in sie; alles Sehnen und Suchen der Kreatur nach Speisung, Stärkung und Erquickung ist ein Suchen nach Gott; darum sagt die Schrift: „die jungen Raben rufen ihn an.“ „Es wartet Alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit.“ Sein ist die Kraft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sein auch die Herrlichkeit: alle Wunder der Welt, im Himmel und auf Erden verherrlichen seinen Schöpfernamen, und die zukünftige Welt der Herrlichkeit wird sein Werk sein und alle ihre Herrlichkeit ein Widerschein seiner eigenen Herrlichkeit, das ist der Gott, zu dem man beten kann, ein Gott, der sein eigen persönliches Leben lebt und der über der Welt thront als ihr Schöpfer, Erhalter, Regierer und Vollender.

Doch ist das noch keineswegs Alles, was wir mit dem Lobgesang bekennen, vielmehr ist es nur die Grundlage des ernstlichen Bekenntnisses. Wir bekennen nämlich nicht bloß unsern Glauben an den lebendigen, überweltlichen Gott, zu welchem man beten kann, sondern wir sprechen auch zugleich die Gewissheit aus, dass Gott unser Gebet erhören kann. Wenn die Anrede: „Unser Vater, der du bist im Himmel“ den Glauben ausdrückt, dass Gott das Flehen seiner Kinder erhören will, spricht die Lobpreisung die Zuversicht aus, dass es Nichts gibt, was Gott hindern könnte, die Bitten derer, die ihn anrufen, zu erhören, und zu tun, was die Gottesfürchtigen begehren.

Sein ist das Reich! Manche lassen sich einreden, es könne nichts helfen, ob wir beten oder nicht, es gehe doch Alles, wie es gehen solle. Wer es glaubt, dass Gottes das Reich und das Regiment ist, der kann so nicht reden. Denn wenn durch die Weltordnung oder durch den Weltplan, oder wie ihr sonst das Gesetz des Geschehens nennen mögt, Gott die Hände gebunden sind, dann hat er nicht mehr das Regiment, sondern er steht selbst unter dem Regiment und Zwang des Weltgesetzes. Wenn Sein das Reich ist, dann ist Sein Wille das oberste Weltgesetz. Wer nun in seinem Tun und Lassen, in seinem Glauben und Wandel dem allein guten, heiligen, vollkommenen Willen Gottes untertan wird, gegen den verhält sich Gott anders, als gegen den, welcher dem Willen Gottes widerstrebt.

Daran kann Niemand zweifeln, der nicht zu den Toren gehört, die in ihrem Herzen sprechen: Es ist kein Gott! Ist es aber so, warum zweifelt ihr denn daran, dass Gott sich anders gegen euch verhalten wird, wenn ihr betend mit Herz und Geist in seinen Willen eingeht, als wenn ihr ohne Gebet dahin geht, ohne Gebet Gottes Gabe hinnehmt. „Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? Du aber, nach deinem verstockten, unbußfertigen Herzen häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zornes und des gerechten Gerichtes Gottes,“ sagt der Apostel Röm. 2, V. 4-5. Wie mag es den Menschen, die das Gebet verachten, wohl zu Mute sein, wenn die Hüllen dieser Welt fallen und sie in jener Welt sehen werden, was sie durchs Gebet hätten erhalten können, wenn sie gewollt hätten. Wie mag es ihnen zu Mute sein, wenn sie einmal sehen, wie viele Seufzer der Kreatur aufgestiegen sind, wie manche Gebete andrer Menschen zu Gottes Thron hindurchgedrungen, und sie müssen mit Beschämung sehen, dass von ihnen kein Gebet, kein Seufzer, kein Lob, kein Dank darunter ist!

Sein ist die Kraft! - Wie kein über ihm stehendes Gesetz seinen Willen bindet, so gibt es auch keine Schranken seiner Macht; wie er der Allerhöchste ist, so ist er auch der Allmächtige: „der ew'ge Geist, des Wesen Alles füllet und den kein Ort in seine Grenzen hüllet, der unumschränkt sich niedersenkt - mit seiner Kraft in alle Dinge, dem nichts zu groß, nichts zu geringe.“

Sein ist die Herrlichkeit! Er ist auch der alleinige Inhaber und Spender der ewigen Lebensgüter, er hat in sich selber die Fülle des Lichtes und des Lebens. Zur Verklärung und Vollendung des Lebens können wir nicht anders gelangen, als wenn wir aus seiner Fülle nehmen. „Du bist die lebendige Quelle, sagt der Prophet, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ Weil der, welchen wir im Namen Jesu als Vater im Himmel anrufen, die ewig strömende Quelle der vollkommensten Lebensherrlichkeit in sich trägt, darum wissen wirs: es können keine Güter und Gaben von ihm erbeten werden, die zu hoch wären, als dass er sie gewähren könnte! Ja, wir haben einen Gott, der Gebete erhören kann, denn Sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit!

Darum aber gebührt es sich nun auch, dass wir betend vor Gott kommen! Dass wir ihn, das höchste Gut, den Vater aller Güter, den Gott, der alle Wunder tut, den Gott, der allen Jammer stillt, dass wir ihn loben, ihm danken, ihn bitten dürfen, das ist für uns Menschen eine große Gnade, ein kostbares Vorrecht, aber es ist auch unsre heilige Schuldigkeit; die Krone der Menschheit, das Gebet, wodurch wir wahrhaftig unser Haupt erst erheben über die Tiere, das Gebet verachten, das ist ein ebenso großes Vergehen, als Unheil, ist eine ebenso große Erniedrigung und Schmach unserer eigenen Natur, als eine Verunehrung Gottes.

Aber freilich, Geliebte, Gottes Wort warnt uns nicht bloß vor der Verachtung und Unterlassung des Gebets, es warnt auch vor dem glaubenslosen, zweifelsvollen Bitten und vor dem Übelbitten. Im Briefe Jakobi im ersten Kapitel, V. 5-7 lesen wir: „So aber Jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte von Gott, der da gibt einfältig Jedermann und rückt es Niemand auf; so wird sie ihm gegeben werden. Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer da zweifelt, der ist gleich wie die Meereswoge, die vom Winde getrieben und geweht wird. Ein solcher Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde.“ In demselben Briefe heißt es im 4. Kapitel, V. 3: „Ihr bittet und kriegt nicht, darum, dass ihr übel bittet, nämlich dahin, dass ihr es mit euren Wollüsten verzehrt.“

Nun, Geliebte, dem verkehrten, ungebührlichen und heillosen Bitten, von dem hier geredet wird, sagen wir ab, wenn wir sprechen: „Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit!“ Denn damit sprechen wir es vor dem Throne Gottes aus, dass wir mit Ergebung, mit Vertrauen und mit Geduld bitten. Das Bekenntnis: „Dein ist das Reich!“ kommt aus einer Seele, die zu sich selbst spricht: „Bist du doch nicht Regente der Alles führen soll - Gott sitzt im Regimente Und führt alles wohl!“ Darum legt sie denn auch Alles in Gottes Hände, und ergibt sich demütig in Gottes Ratschläge und spricht zu ihm! „Dein königlicher und väterlicher Wille geschehe, und nicht mein Eigenwille!“

Das Wort: „Dein ist die Kraft!“ ist ein Bekenntnis der eigenen Ohnmacht aber auch der vertrauensvollen Zuversicht zu Gottes Helfermacht; mit demselben verzichtet der Beter darauf, sich auf sich selbst und auf Menschen zu verlassen und Fleisch für seinen Arm zu halten, aber er betet und birgt sich auch getrost und unverzagt in Gottes Allmacht. „Etliche, sagt Luther, zittern und zappeln, weil sie die Pfeiler nicht sehen, auf welche der Himmel gebaut ist, meinen, er werde einfallen; wenn sie die greifen könnten, dann würden sie glauben, der Himmel stehe fest.“ Wer aber mit Wahrheit spricht: „Dein ist die Kraft“, der bekennt freilich mit Luther: „Mit unsrer Macht ist nichts getan“, aber er stimmt auch zugleich ein in Paul Gerhards Bekenntnis:

„Dein Werk kann Niemand hindern,
dein Arbeit darf nicht ruhn,
Wenn du, was deinen Kindern -
Ersprießlich ist, willst tun!“ -

„Und ob gleich alle Teufel -
Hier wollten widerstehn,
So wird doch ohne Zweifel
Gott nicht zurücke gehn.“ 1)

Mit dem letzten Wort aber: „Dein ist die Herrlichkeit!“ erklären wir uns willig und bereit zu geduldigem Warten auf die Stunde, da der Herr seine Herrlichkeit will offenbar machen. Es gebührt uns nicht, Zeit oder Stunde zu bestimmen, da Gott Alles herrlich hinaus führen wird, aber, dieweil wir wissen, dass diese Stunde sicherlich schlagen wird, so warten wir mit Geduld, und sprechen zu unsrer Seele: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist!“ (Ps. 42.)

„Glaub's nur feste, dass das Beste -
über dich beschlossen sei
ist dein Wille
nur fein Stille
wirst du ganz von Kummer frei!“ 2)

II.

So mündet die Lobpreisung: „Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit“ von selbst in das Amen!

Denn was heißt Amen? Es heißt, mit Luther zu reden: „dass ich soll gewiss sein, solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und erhört, denn er selbst hat uns geboten, also zu beten, und verheißen, dass er uns will erhören. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, es soll also geschehen!“

Gottes Geheiß, dass ich also beten soll, Gottes Verheißung, dass er auch erhören will, das ist das feste Fundament der gläubigen und kindlichen Zuversicht, in welcher der Beter sein Amen spricht. Darum gilt's beim Amen noch einmal zurück schauen auf das, was du gebeten hast, ob es auch stimme zu dem Geheiß und Willen des himmlischen Vaters, und zu dem Sinn des Herrn Jesu, der zu uns gesprochen: Darum sollt ihr also beten! „Das ist die Freudigkeit, sagt der Apostel, (1. Joh. 5, V. 14) die wir haben zu ihm, dass, so wir etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns.“ Wenn dein Beten nicht stimmt mit Gottes Willen und Jesu Sinn, wenn du statt des ganzen Gebets des Herrn nur die vierte oder siebte Bitte im Herzen hast, und alles übrige nur auf den Lippen, wenn du dein Herz gegen den Bruder zuschließest und wider ihn seufzest, während du die fünfte Bitte sprichst, dann hat das Amen am Schluss kein Recht und keine Bedeutung. Je stiller die Seele ist vor Gott, je mehr bei ihr zur Wahrheit geworden ist, was das Lied sagt:

„Meine Seele senket sich,
Hin in Gottes Herz und Hände,
Und erwartet ruhiglich
Seiner Wege Ziel und Ende,
Liegt fein stille nackt und bloß
In des liebsten Vaters Schoß,“ 3)

umso getroster, fester, freudiger, erhörungsgewisser darf sie ihr Amen sprechen. - Ja, sie darf es sprechen im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, der verheißen hat, dass er um Jesu Christi willen Aller, die in seinem Namen zu ihm kommen, sich als gnädiger Vater erbarmen will. Auf Gottes Gnade und auf des Heilandes Verdienst gründet sich die Zuversicht des Christen, nicht auf seine eigene Würdigkeit, nicht auf die Untadeligkeit seines Gebets. Der Grund wäre auch sehr brüchig für Leute, die immer und immer wieder bekennen müssen: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Aber, Gottlob, wir haben einen Fürsprecher beim Vater, Jesum Christum, der gerecht ist!“ Durch den Glauben an ihn gewinnen wir das Recht und die Zuversicht, das „Abba lieber Vater“ zu sprechen, mit dem das Gebet des Herrn anhebt, und das Amen, womit es schließt.

„Amen, Amen,“ d. h. Ja, ja, es soll also geschehen! das halte fest, wenn auch die Hilfe verzieht, und das Beten umsonst scheint. Wenn du in harter, nahrungsloser Zeit umsonst zu seufzen scheinst: „Unser täglich Brot gib uns heute!“ und die Not und der Jammer wollen dir schier das Herz abdrücken, - wirf dein Vertrauen nicht weg, blick hinauf über alles Elend um dich her zu dem Gott, der die Sperlinge und die Raben nährt, der den Elias am Krith und die Witwe zu Zarpath gespeist hat, zu dem Gott, der seinen einigen Sohn dahin gegeben hat, damit uns das Brot des Lebens nicht fehle, und halte fest daran, dass dein Gebet dennoch und trotz Allem Amen ist. Wenn du im heißen Kampfe wider die Feinde der Seele schreist: Vater, führe mich nicht in Versuchung! und dennoch fluten die Versuchungen Welle auf Welle immer wieder gegen dich heran und drohen über deinem Haupte zusammen zu schlagen, lass nicht ab, zu rufen und bleibe fest dabei: es ist dennoch Amen, was du bittest; der Herr lässt dich nicht versucht werden über Vermögen, und lässt dich nicht aus seiner Hand reißen; er spricht zu dir und wird es halten: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich; ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit!“ (Jes. 41, 10.) Und wenn du täglich betest: Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe, und es will dich bedünken, als ob täglich der Entheiligung des göttlichen Namens, des Abfalls von Gottes Reich und Wort, der Übertretung und der Verführung mehr würde, halte dein Amen nicht zurück, sondern sprich es getrost aus voll zuversichtlicher Hoffnung, - denn wie auch die Völker toben und die Könige sich auflehnen mögen, wie auch die Welt widerstreben und die Hölle wüten mag es kommt dennoch der Tag des Lichts, wo die Erkenntnis des Herrn die Erde bedecken wird, wie das Wasser den Meeresgrund! Es müssen dennoch die Reiche dieser Welt Gottes und seines Christus werden! Es muss dennoch der neue Himmel und die neue Erde erscheinen, in welcher Gerechtigkeit wohnt!

Der Herr unser Gott wolle uns mehr und mehr stärken, kräftigen und gründen im wahrhaftigen Glauben, lebendiger Hoffnung und heiliger Liebe und so uns immer geschickter machen, all unser Anliegen mit einem kindlichen Amen an sein Vaterherz zu legen, und allewege also zu beten, dass er sein allerhöchstes väterliches Amen dazu sprechen kann. Er helfe uns aus zu seinem himmlischen Reich, wo alle Verheißungen des Vaters im Himmel und alle Hoffnungen der Kinder Gottes auf Erden lauter Ja und Amen sind und wo mit allen Engeln und Erzengeln die gerecht und herrlich gemachten Sünder von Ewigkeit zu Ewigkeit im höheren Chore jauchzen werden: Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!

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