Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan - Dreiundachtzigste Predigt. (Bukki. Caleb)
Text: 4. Buch Mosis 34, 19. 22.
Bukki. Caleb.
Wir fahren heute fort, die Namen derer zu betrachten, welche damit beauftragt waren, das Land Kanaan unter das Volk Israel zu verteilen. Wir betrachten sie in ihrer alphabetischen Reihenfolge, und nachdem wir den Ahihud gehabt haben, so hätten wir jetzt den Buchstaben B und also Bukki, der Sohn Jagli.
Das Wort Bukki heißt leer, Ausleeren. Wie kann aber einer, der leer ist, Andern austeilen? das geht ja nicht an. Das tut's wohl nicht, indessen geht das Ausleeren doch wirklich dem Füllen und Austeilen voran. Sagt nicht die heilige Jungfrau Maria: Er erhebt die Elenden, er füllt die Hungrigen mit Gütern und lässt die Reichen leer? Sind es nicht die Armen am Geist, die unser Herr seligpreist, und von denen er sagt, das Himmelreich sei ihrer? Sind es nicht die Demütigen, welchen er Gnade gibt, und sagt nicht David: Wenn du mich demütigst, so machst du mich groß? Er muss wachsen und ich muss abnehmen, - das ist wirklich der Weg, den man wandeln muss; die Türe ist so enge, dass man wirklich schmal und leer, dass man wirklich ein Bukki sein muss, wenn man hindurch will. Sünder sind es ja, welche der rechte Josua selig macht, und so müssen wir in unsern eigenen Augen Sünder werden, wenn wir Anteil an dem himmlischen Kanaan nehmen wollen. Was deutet es anders als ein Ausleeren an, wenn die Schrift Gott einen solchen nennt, der Gottlose gerecht spricht, wenn der Herr sagt, seine Kraft sei in den Schwachen mächtig; worauf deutet es hin, als auf ein Ausleeren, wenn es heißt: es liege nicht an jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen, es sei aus Gnade und nicht aus Verdienst der Werke. Gott habe das erwählt, was töricht, was schwach, was unedel, was verachtet, ja was nichts ist, damit Er zunichtemache, was etwas ist. Ist nicht das ganze Wort Gottes auf unsere Herabsetzung bedacht, und sind nicht die Führungen der Kinder Gottes darauf angelegt, sie klein und niedrig in ihren Augen zu machen? Bukki wird ein Sohn Fagli genannt, und dieser Name deutet auf einen Offenbarer. Die Mittel, die zum Ausleeren gebraucht werden, sind vornehmlich vier, nämlich das Gesetz, Leiden, Tröstungen und Züchtigungen. Das Gesetz dient dazu, uns von unserer Nichtswürdigkeit zu überzeugen, wenn der Jagli uns dasselbe in das gehörige Licht stellt. Wie das Gesetz den aufgeblasenen Menschen ausleere und zunichte mache, das sehen wir in einem sehr deutlichen Exempel an Paulus. Wie war der Mann so voll hoher Meinung von sich selbst, und wie viel Ursache hatte er dazu. Er hielt sich zu derjenigen Partei, die es mit der Erfüllung der Gebote am genauesten nahm, und zeichnet sich in derselben zu seinem Vorteil so aus, dass er unsträflich war nach dem Gesetz. Er dünkte sich also so voll Gerechtigkeit, so tadellos zu sein, dass er vor dem Richterstuhl des Gesetzes und des Gewissens unsträflich da zu stehen vermeinte. Dabei war er so voll eigener Weisheit, dass er die ganze christliche Lehre als seelenverderbenden Irrtum, und alle Anhänger desselben als strafbare Ketzer verwarf. Der Eifer für die Ehre Gottes bewog ihn auch, sie eifrigst mit Wort und Tat zu verfolgen, und indem er andere ins Gefängnis und Tod schleppte, würde er selbst bereitwillig gewesen sein, für das, was er für Wahrheit hielt, selbst ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Er war rasch auf dem Wege, ein großer Heiliger zu werden, und hatte es schon weit gebracht. Aber was geschah nun? der Jagli, der Offenbarer kam über ihn. Nun wurde ihm seine bisherige Blindheit offenbar, offenbar, dass er bis jetzt das Gesetz gar nicht verstanden und begriffen habe; sondern nach Art der blinden Pharisäer das Äußere des Bechers gereinigt, das Innere aber vernachlässigt habe. Sein Eifer für Gott und die Religion wurde in lauter Unverstand, ja, als er das Wahre davon einsah, erkannte er, dass er ein Lästerer, ein Schmäher und Verfolger Jesu Christi selbst war, und dass, wenn er selbst alle seine Habe den Armen gäbe und ließe seinen Leib brennen, er doch nichts war. Aus einem Unsträflichen nach dem Gesetz wurde er nun der Größte unter den Sündern, wurde nun die Sünde in ihm lebendig, und nahm ihn gefangen. Sie wurde überaus sündig. Er schloss sich selbst in das demütige Bekenntnis ein: Wir waren ehemals Unweise, Ungehorsame, Irrige, Dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid und hassten uns untereinander. Er nannte sich den Größten unter den Sündern. Er wurde so heruntergebracht, dass er sich nur der Barmherzigkeit zu rühmen sich unterstand. So macht sich der Bufi, der Ausleerer, über die Seele her, und leert sie aus von aller eigenen Gerechtigkeit, dabei auch von aller Kraft. Paulus war so weit herunter gekommen, dass er nicht nur sagte: Das Gute, das ich will, tue ich nicht, und das Böse, das ich nicht will, tue ich; sondern sogar: Nicht dass wir tüchtig wären, etwas zu denken aus uns selber, und ich dürfte nicht etwas sagen, das Christus nicht in mir wirkte. 3a, sagt er nicht: Ich bin nichts, und spricht im Ganzen sehr verächtlich von sich selbst, und stimmen nicht alle Heiligen mit ihm überein?! gewiss, das Gesch, wenn es recht erkannt wird, ist es ein Bukki, und macht zu sehr armen Sündern, wie im Gegenteil, wenn es nicht erkannt wird, so macht es Selbstgerechte, Selbstkönner, Aufgeblasene, die sich auf sich selbst, nicht aber auf die Gnade verlassen. Hoffentlich wird euch das selbst durch Erfahrung bekannt sein.
Leiden sind auch ein kräftiges Mittel, die Seele von ihrem Eigenen auszuleeren, und auch in dieser Beziehung gehört der Bukki zu denen, die damit beauftragt sind, in Kanaan einzuführen. Es geht häufig so, wie Jesus dem Petrus sagte: Da du jünger warst, gürtetest du dich selbst, und wandeltest, wo du hin wolltest, wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten, und führen, wo du nicht hin willst. Joh. 21, 18. Es geht, wie der Apostel sagt, durch viel Trübsal müssen wir eingehen ins Reich Gottes. Tröstungen bewirken das Nämliche. Die Freude am Herrn ist unsere Stärke. Wird die Seele reichlich durch Christum getröstet, ihres Gnadenstandes, der Vergebung der Sünden kräftig versichert, wird ihr ein lieblich duftender Blumenkranz von köstlichen Verheißungen ums Haupt gewunden, wird's ihr gegeben, zu glauben, zu lieben, zu ruhen, zu genießen, ach! auf welche liebliche Weise wird sie dann von dem Eigenen ausgeleert! Mein Beten ist Genießen. So wird man stille, so hat man Ruhe, so erquickt man die Müden. Das eigene Leben geht in der Seele unter, und das Leben Christi geht auf. Wo es zuvor trocken war, stehen nun Teiche, und wo es dürre war, quellen nun Wasserbrunnen. Sie sehen nun die Herrlichkeit ihres Gottes. Jes. 35. Es ist nun nicht zu sagen, was das für ein Loben und Danken, für ein Rühmen und Preisen gibt. Sein Lob soll nun und immerdar in meinem Munde sein. Was ist das für ein demütiges Bücken vor dem hohen Gott, was für ein demütiges Hinsinken zu seinen Füßen im Staub und Asche, was sind das oft für selige Tränenströme, was ist das für ein Aufopfern, für eine Übergabe an ihn, was für eine Inbrunst der Liebe, was für Einsichten und Gaben, was für Heiligkeit; da sollte man sich unterstehen, die Seele selbst zu rühmen wie undenklich würde es ihr sein, man sollte ihr was zuschreiben, wie unerträglich. Es sei aber ferne von mir zu rühmen, denn allein von dem Kreuz unsers Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt. Man sollte ihre Heiligkeit, ihren Glauben, ihre Freudigkeit, ihre Kraft rühmen, man quälte sie. So werfen diese Tröstungen sie auf die lieblichste Weise ganz in den Staub, wie jene große Sünderin zu Jesu Füßen lag und weinte selige Ströme von Tränen, und trocknete sie mit Haaren; und wie jener Blindgeborne, wie der Herr Jesu ihn fragte: Glaubest du an den Sohn Gottes? worauf er ihm zu Füßen fiel und ausrief: Herr, ich glaube; oder wie Maria: Rabbuni, und betete ihn an. Indessen bleibt es doch dabei: durch viel Trübsal müssen wir eingehen in das Reich Gottes, nämlich durch die Züchtigung. Das tiefe Verderben unserer boshaften, emporstrebenden, eigenliebigen Natur sucht mit der Zeit auch in diesen Annehmlichkeiten ihre Nahrung, und strebt, wie es bei Adam war, dahin, Gott gleich werden zu wollen, und sich das, was Gottes ist, selbst anzumaßen. Man wird in sich selbst etwas, man weiß sich etwas damit, dass man so gläubig, so erleuchtet, so begabt ist, und die Eigenliebe nimmt reichlich ihren Zehnten davon. Wie ging es sogar dem hochbegnadigten Paulus? Seine Entzückung bis in den dritten Himmet fing an, eine üble Wirkung nach sich zu ziehen. Es gesellte sich eine Versuchung zur Selbsterhebung hinzu, und die ist, wie wir an Adam sehen, eine Mutter des Abfalls von Gott. Wie viel leichter war es, wenn Petrus auf dasjenige baute, was er in sich fand, und sich dadurch den schweren Fall bereitete, woraus er nie würde aufgestanden sein, wäre ihm nicht die Fürbitte seines Herrn zu Hilfe gekommen. Wenn David so rühmte: Ich werde nimmermehr danieder liegen, denn, Herr, durch dein Wohlgefallen hast du meinen Berg stark gemacht, so musste doch etwas Unlauteres mit unterlaufen, denn es kommt gleich einer Züchtigung vor, da er sagt: Aber da du dein Angesicht verbargst, erschrak ich. Es geht noch sehr häufig so, wie es Ez. 16 heißt: du warst geziert mit Gold und Silber, und gekleidet mit Leinwand, Seide und Gesticktem, und zierte dich mit Kleinodien und legte Armbänder an deine Arme und setzte eine Krone auf dein Haupt; aber heißt es darauf: du verließt dich auf deine Schönheit. Nun aber tritt die Zeit der Züchtigung ein, wo der Vater der Geister seine Kinder züchtigt, dass sie seine Heiligung erlangen. Statt sich auf die Gnade zu verlassen, die sie in sich selbst finden, sehen sie sich genötigt, ihr Vertrauen ganz zu setzen auf die Gnade, die in Christo Jesu ist.
Viele Dinge müssen zum zweiten Mal und noch öfter gelernt und aufgesagt werden, und es geht so flüssig nicht mehr wie sonst; die Armut des Geistes findet sich mehr und mehr ein, und man wird genötigt, von milden Gaben des gnädigen Gebers zu leben. O! welch großen Nachdruck gewinnen jetzt Sprüche, wie jene sind, wo es heißt: Ohne mich könnt ihr nichts tun, Es liegt nicht an jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen, Niemand kann sich etwas nehmen, es werde ihm denn von oben gegeben, Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater. Mit welcher Inbrunst wird jetzt gebetet: Erquicke mich durch dein Wort; erfülle uns frühe mit deiner Gnade; lass leuchten dein Angesicht, so genesen wir. Da macht sich der Bukki, der Ausleerer, über die Seele her. Die schönen Gaben weichen, und die Seele muss wohl ihr Leid in sich fressen; die herrlichen Einsichten in das Wort der Gnade verdunkeln sich, die Freudigkeit des Glaubens nimmt ab; vorige Sünden, wohl die Sünden der Fugend, die man längst als in die Tiefe des Meeres versenkt betrachtete, tauchen wieder empor; der Gnadenstand selbst wird angefochten und schwere Einwendungen dagegen aufgebracht; man wirft es auf Jesu Schultern, aber es will so nicht haften bleiben; man beschaut die Gerechtigkeit Christi, die Fülle seiner Versöhnung, aber ohne Genuss. Kurz, da heißt es wohl wieder: ich bin arm und elend, meine Seele ist aus dem Frieden gerissen, ich muss das Gute vergessen, mein Herz ist zerschlagen in mir. - Die lieben Psalmen geben uns derartige Winke in Menge und bezeichnen den Weg, den man wandeln muss.
Kennt ihr denn den Bukki? Ich glaube es wohl, ja ich glaube es gewiss, wenn ihr von denen seid, denen der Wohnsitz in Kanaan bereitet wird. Das geschieht durch Armut. Mit derselben fängt man an, in derselben fährt man fort. Es gibt auch in diesem Stück ein Wachstum und zwar ein notwendiges. Soll Christus bei uns wachsen, so müssen wir notwendig in dem Maße abnehmen, damit wir in dem Maße schwach werden, als wir in Christo stark, in uns töricht, als wir in ihm weise, in uns so gottlos, als wir in ihm gerecht, in uns selbst gar nichts werden, um in ihm alles zu sein. Es war demnach etwas Großes, wenn der Apostel sagt: Ich bin nichts, sondern die Gnade, die mit mir ist, und abermals: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Der Weg führt hinauf, indem er hinab führt und im Verlieren gewinnt. Wirst du größer in dir selbst, so schöpfe Verdacht; zu den Kleinen aber will er seine Hand kehren. Da du klein warst, warst du angenehm.
Jesus, Jesus, nichts als Jesus,
Soll mein Wunsch sein und mein Ziel.
Du lieber Bukki, Sohn des Jagli, du sollst uns denn ganz recht sein. Freilich sollten wir wohl kaum glauben, du gehörtest auch mit zu den Zwölfen; wenn wir dich aber näher kennen lernen, so merken wir wohl, dass du nicht zu entbehren bist, um uns zum Durchgang durch die enge Tür zu befähigen. Wehe tust du uns wohl, aber doch nicht übel. Es ist so gut, wie du es machst. Sind wir Steine, so behaue, sind wir Bretter, so hoble uns; sind wir ein Garten, so bearbeite uns; sind wir ein Weinstock, so reinige uns. Schaffe nur, dass wir unser Vertrauen nirgends und nie wegwerfen. Lass uns fröhlich sein in Hoffnung, geduldig in Trübsal, und anhalten am Gebet.
Jetzt gehen wir denn zu dem Buchstaben C über, und da kommt uns der Name Caleb vor. Es ist uns kein unbekannter Name. Er war nebst Josua einer von den Kundschaftern, welche ins Land Kanaan gesandt wurden, das Land zu vorkundschaften, und diese Beiden waren die Einzigen, welche einen günstigen Bericht abstatteten, dem die zehn Anderen widersprachen und dadurch Murren und Aufruhr anzettelten. Dies war ungefähr 40 Jahre vorher, und folglich Caleb wie Josua nicht jung mehr. Sie suchten aber dem Volke Mut einzusprechen, worüber es aber so erbittert wurde, dass man sie steinigen wollte. Sie lebten aber noch und kamen mit über den Jordan.
Die Bedeutung des Namens Caleb ist buchstäblich diese: wie ein Herz, ein Herz, wie es sein soll, und das ist ja kein anderes, als ein neues Herz. Josua und Caleb werden fast immer zusammen genannt, und Jesus und ein neues Herz gehören ungetrennt zusammen. Nicht ein Herz, wie es ist, das alte taugt nicht, - sondern es muss neu werden. Sollen wir ein Herz erlangen, wie es sein soll, so müssen wir den Anfang damit machen, zu erkennen und zu erfahren, dass es nicht ist, wie es sein soll, und ist, wie es nicht sein soll. Dies schlagen die Menschen nicht nur gewöhnlich über, sondern stehen in dem entgegengesetzten Gedanken und Einbildung. Gott schildert diese Leute Jes. 58 als ein Volk, das Gerechtigkeit schon getan, und das Recht Gottes nicht verlassen hätte, wollen mit Gott rechten, und fordern ihn vor ihr Gericht, als wären sie befugt, ihm Vorschriften zu geben, wonach er sich richten solle. Gott sagt aber, wie an gar vielen Stellen, so insbesondere Jer. 3, 13: Allein erkenne deine Missetat. Aber dazu will der Mensch sich nicht bequemen. Er begehrt keine Anleitung, zu erkennen, wie groß seine Sünde und Elend sei. Er nimmt's vielmehr übel, wie die Pharisäer taten, welche trotzig und ablehnend fragten: Sind wir auch blind? - als Jesus von Blinden redete, die er sehend mache, welches sie nicht zu bedürfen glaubten. Gebt mir nur einen Unterricht, was ich tun und lassen soll, meint er, wobei er sich einbildet, dass er darin es schon ziemlich weit gebracht habe, es auch noch als weiter bringen werde. Dabei wird er nicht viel von Glaubenslehre halten, und seiner Meinung nach in diesem Artikel gar leicht genug tun; dagegen wird er die Verhandlung über Lebenspflichten sehr heben, und ihnen den ersten Rang einräumen. Von der Verderbnis der menschlichen Natur hat er ungern geredet, und geht wohl eifrig dagegen an, wiewohl er's als zweckmäßig zugibt, dass auch von Fehlern und Versündigung mit Nachdruck geredet wird. So gestaltet sich denn ein Christentum ohne Christus, eine Gottseligkeit ohne Gnade, eine Gerechtigkeit ohne Glauben, und ein Gebäu ohne Grund. Man hat Bilder ohne Geist, und im Grunde ist es nichts, als eigener Wille, eigene Kraft, eigene Wirksamkeit, eigene Weisheit und eigene Gerechtigkeit kurz, das eigene Ich. Wisst aber, ein Caleb, ein Herz, wie es sein soll, hat niemand, der nicht den Anfang damit gemacht hat, zu erkennen, dass er's nicht hat, sondern dass es durch und durch verderbt und mit einem Wort alles zu sagen, dass es nach Jer. 17 verzweifelt böse ist. Ohne dies ist kein Anfang da. An dieses Nichts hängt Gott die Erde seiner Gnade. Hiob 26, 7. Ja, dies muss je länger je mehr erkannt werden, und das geschieht auch.
Täglich böser, mein Erlöser,
Find' ich meiner Seelen Stand.
Ein Caleb, ein Herz, wie es sein soll, muss auch ferner die Erkenntnis und Überzeugung haben und gewinnen, dass es das durch sich selbst durchaus nicht werden könne. Wollt ihr vielleicht einwenden, dass eben dieser Caleb dem Volte am lebhaftesten widersprochen, da es von seiner Ohnmacht redete, welcher sie untauglich macht, Kanaan einzunehmen, und ausrief: Keinem entfalle das Herz! so ersuchen wir, das nicht in ein Gebiet zu ziehen, wohin es nicht gehört. Bedenkt denn auch, wie sonderbar Josua das Volk behandelte, als er es aufforderte, sich zu erklären, wem es dienen wolle, dem wahrhaftigen Gott oder den Götzen, er selbst sich aber erklärte, er und sein Haus wolle dem Herrn dienen. Als nun das Volk einstimmig erklärte: Wir wollen dem Herrn dienen, denn er ist unser Gott; widerte ihnen Josua 24, 19? Lobte er sie? pries er sie? Nein, er antwortete ihnen: Ihr könnt dem Herrn nicht dienen - als hätte er geschrien nicht so rasch, nicht so rasch! Sitzt erst, und überschlagt die Kosten, ehe ihr euren Turmbau beginnt, ob ihr's auch auszuführen wisst, wie Christus sagt. Verfuhr er nicht auch so mit seinen Jüngern, wie sein Vorbild Josua tat? Redet er nicht da ganz besonders kräftig von ihrem Unvermögen, da er von Viel-Fruchtbringen spricht, Joh. 15, 5, wo er sagt: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Gleichwie eine Rebe kann keine Frucht bringen von ihm selber, also auch ihr nicht, ihr bleibt denn in mir. Freilich ist bekannt, wie viel und mit welcher Leidenschaftlichkeit und Erbitterung von Können und Sollen geschwätzt wird; da man aber nicht redlich vom Sollen redet, so kann man auch wegen des Könnens nicht zu einem richtigen Schluss kommen. Es ist ja die Rede nicht davon, ob der Mensch was könne, wer leugnet das? er könnte ja mit Menschen und Engelzungen reden, sondern das ist die Frage: ob er kann, was er soll. Und die Antwort ist das entschiedenste Nein, auch das Geringste nicht, auch keinen Gedanken, weder zum Anfang noch zum Fortgang. Wollt ihr Beweise? Das ist ganz recht. Kann denn auch ein Mohr seine Haut wandeln, und ein Parder seine Flecken? so könnt auch ihr Gutes tun, da ihr des Bösen gewohnt seid. Ja, sagst du, ich bin aber des Bösen, Gottlosen nicht gewohnt; dies Wort passt nicht für mich. Wohlan, hört ein anderes Wort: Fleischlich gesinnt sein ist dem Gesetz nicht untertan, und vermag es auch nicht, und hört Christum noch einmal: Ohne mich könnt ihr nichts, und ihr vermögt das Geringste nicht. Luk. 12, 26. Wisst, o! wisst, Caleb, ein Herz, wie es sein soll, ist ein solches, das von seiner gänzlichen Untüchtigkeit zu irgendeinem, auch dem geringsten Guten gründlich überzeugt ist und immer gründlicher überzeugt wird. Wir können eine Sache nicht eher recht, als bis wir gewahr werden, dass wir sie nicht können, und dazu ist erforderlich, dass wir sie ernstlich wollen. Caleb ein Herz, wie es sein soll, ist ein gläubiges Herz. Als die Juden Jesum fragten: Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken? gab er ihnen die Antwort: Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat. Joh. 6, 29. Als der erschrockene Kerkermeister die Apostel auf seinen Knien fragte: Liebe Herren, was soll ich tun, dass ich selig werde? gaben sie ihm zur Antwort: Glaube an den Herrn Jesum Christum. Aus diesem Glauben floss es her, dass Caleb so mutvoll sprach und der Verzagtheit des Volks so herzhaft widersprach. Durch dies Glauben wird eben die Vereinigung der Seele mit Christo bewirkt, sie dadurch diesem Weinstock einverleibt und seines Saftes zum reichen Fruchtbringen teilhaftig. Und gewiss ist dieser Caleb einer von denen, welche mit der Austeilung des Landes Kanaan beauftragt sind.
Ich schließe mit den Worten des 84. Psalms, wo es Vers 6 heißt: Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten, und von Herzen dir nachwandeln, oder: in deren Herzen gebahnte Wege sind. Richte du auch eine Bahn Dir in meinem Herzen an! Amen.