Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - LVII. Der Lanzenstich.
„Dieser ist's, der da kommt mit Wasser und Blut!“ So, in großartiger Anschauung, der Apostel Johannes in seinem ersten Briefe Kap. 5, 6. Er sieht die Welt der Sünder vor sich liegen: über ihr die drohende Wetterwolke des Fluchs; unter ihren Füßen die Hölle, für die sie reif ist. Er riefe ein Wehe über sich aus, dass er geboren ward, sähe er nicht durch das riesige Nachtgemälde eine majestätische Erscheinung schreiten, vor der, wie vor der aufgehenden Sonne das Heer der Schatten, so Alles, was Not, Sorge und Kummer heißt, zerstiebend davonjagt. Was von Anbeginn her die Welt bewusst oder unbewusst in ihren besten Stimmungen und Stunden gesucht, erschmachtet und gehofft, das sieht er in dem einen Manne, auf dem sein entzücktes Auge ruht, überschwänglich jetzt erfüllt; und hindeutend auf Ihn, der hinfort der Mittelpunkt all seines Denkens und Erwartens, ja sein Eins und Alles ist, ruft er wie ein Wächter von der Höhe seiner Warte feierlich und freudig bewegt hinaus ins Weite: „Dieser ist's!“ - „Dort“, will er sagen, „schreitet er her, der allem Unheil ein Ende macht, und der, wie die ganze Vergangenheit auf Flügeln der Sehnsucht Ihm entgegenstrebte, so die Zukunft des Menschengeschlechtes, ja, die der ganzen Schöpfung, tragen, bestimmen und gestalten wird!“ - Versieht sich aber Johannes an dem Manne seiner Freude nicht? O nein! Der Herrliche kommt ja, wie kein anderer kommen kann: nicht mit Vorschrift nur, mit Weisung und Belehrung; sondern einzig in seiner Art: mit „Wasser und mit Blut.“ Dies ist Sein eigenstes Wahrzeichen. Wie wir dasselbe uns zu deuten haben, werden wir heute näher vernehmen.
Joh. 19, 31-37.
Die Juden aber, dieweil es der Rüsttag war, dass nicht die Leichname am Kreuz blieben den Sabbat über (denn derselbige Sabbattag war groß), baten sie Pilatum, dass ihre Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Kriegsknechte und brachen dem ersteren die Beine, und dem anderen, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesu kamen, da sie sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und derselbige weiß, dass er die Wahrheit sagt, auf dass auch ihr glaubt. Denn solches ist geschehen, dass die Schrift erfüllt würde. Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen. Und abermals spricht eine andere Schrift: Sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben.
Die eben vernommenen Vorgänge berichtet uns allein Johannes, der sinnige und tiefblickende Jünger, der sicherer, als jeder andere, auch die in tiefster Verborgenheit blühende Geistesblume entdeckt, und auf das Lesen göttlicher Zeichenschriften sich versteht, wie Wenige. Mit gehaltreichen Hieroglyphen sieht er auch die letzten Auftritte auf der Schädelstätte durchwebt. Beachten wir die bedeutsamen Fingerzeige, die er uns zu deren Verständnis gibt, und nehmen wir mit dankbarer Freude die neuen sinnbildlichen Aufschlüsse hin, die sowohl über die Person, wie über die Heilswirksamkeit des Gekreuzigten in dem, was wir heute auf Golgatha sich ereignen sehen, uns geboten werden.
Erleuchte uns aber der Herr mit seinem Geiste, und erfülle Er an uns das Wort seiner Verheißung: „Ich will dir geben die heimlichen Schätze, und die verborgenen Kleinodien, auf dass du erkennst, dass Ich, der Gott Israels, dich bei deinem Namen gerufen habe!“
1.
In dem Momente, in welchem wir heute zum Marterhügel kommen, finden wir daselbst die Szene sehr verändert. An den drei Kreuzen herrscht tiefes Schweigen. Der Tod, das stumme Ungetüm, hat über dieselben seine schwarzen Flügel ausgebreitet. Die Massen der Gaffer, die den Richtplatz umlagert hielten, haben, zum Teil tief erschüttert, und geschlagenen Gewissens, sich zerstreut. Auch das Häuflein der getreuen Frauen scheint, von allem Weh und Harm bis zum Erliegen müde, sich in die Stadt zurück gezogen zu haben. So treffen wir denn nur noch die römische Wache, und außerdem den Jünger, „den Jesus lieb hatte“, welcher, nachdem er die Mutter Maria in seiner friedlichen Hütte geborgen hatte, dem Drange seines Herzens nicht widerstehen konnte, den Ort, wo sein Eins und Alles am Holze hing, wieder aufzusuchen. Wen hätten wir uns aber lieber zum Zeugen der letzten Begebenheiten Golgathas bestellt sehen mögen, als diesen sinnigen und geheiligten Jünger? Er erzählt uns nun in aller Einfalt, was er dort geschaut; aber sein ganzes unendlich tief bewegtes Herz liegt mit allen seinen Empfindungen und Gedanken in seinem kurzen und schmucklosen Berichte vor uns offen.
Die Priester und Schriftgelehrten, gewohnt „Mücken zu seihen1)“, während sie „Kamele verschluckten“, gedenken nicht an die himmelschreiende Blutschuld, die sie auf sich luden, sondern nur an den in Israel herrschenden Gebrauch, Hingerichteten, deren Leiber man dem Volke zur Warnung an einen Pfahl gehängt und so öffentlich zur Schau gestellt hatte, vor Anbruch der Nacht noch von ihren Prangern wieder abzunehmen, und zu verscharren. Diese Gewohnheit beruhte jedoch auf einem ausdrücklichen göttlichen Gebote. Wir lesen 2. Mos. 21, 22. 23: „Wenn Jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet, und man ihn an ein Holz hängt, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holze bleiben, sondern sollst ihn desselbigen Tages begraben: denn ein Gehenkter ist verflucht bei Gott, auf dass du das Land nicht verunreinigst, das dir der Herr, dein Gott gibt zum Erbe.“ Eine eigentümliche, ja seltsame Verordnung dies, in der wir uns wohl kaum zurecht zu finden wüssten, hätte uns der Geist des Herrn nicht selbst den Schlüssel zu derselben dargereicht.
Der Umstand, dass Gott die „Gehenkten“ als vorzugsweise mit seinem Fluch belastete bezeichnet, nötigte die Sinnigeren in Israel zu der Annahme, es müsse hier irgendetwas Vorbildliches zu suchen sein, indem ja ein nicht gehenkter Gottloser in Wahrheit nicht minder verflucht sein könne, als ein solcher, dessen entseelte Hülle in der genannten Weise öffentlich zur Schau gestellt wurde. Sodann eröffnete der göttliche Befehl: „Begrabe den Leichnam“, und die daran geknüpfte Verheißung: „So wirst du mit demselben den Fluch begraben, der auf dem Lande ruht“, die trostvolle Aussicht, dass eine Hinwegnahme und Tilgung des Gesetzesfluchs wirklich im Reiche der Möglichkeit liege. Weil es sich aber von selbst verstand, dass dieselbe durch die Verscharrung hingerichteter Missetäter nicht erzielt werden könne, so musste Angesichts jener Satzung endlich zugleich die Ahnung sich erzeugen, dass es im Ratschlusse Gottes liegen werde, in Zukunft durch den Tod und das Begräbnis irgendeiner hervorragenden geheimnisvollen Person die Aufhebung des Fluches tatsächlich zu bewerkstelligen. Wenn nun gläubige Israeliten auf solche Gedanken gerieten, so dachten sie ganz der Absicht Gottes gemäß, der allerdings mit seiner die Gehenkten betreffenden Verordnung nichts anderes, als eine prophetische Versinnbildlichung der zukünftigen Erlösung durch Christum bezweckte. Letzteres erhellt unzweideutig aus Gal. 3, 13. 14, wo der Apostel spricht: „Christus hat uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns, (denn es steht geschrieben: Verflucht ist Jedermann, der am Holze hängt;) auf dass (statt des Fluches) der Segen Abrahams unter die Heiden käme, in Christo Jesu.“ Hier wird Christus also unleugbar als das Gegenbild der Gehenkten in Israel dargestellt. Er war an seinem Kreuze stellvertretend der Träger unseres Fluches, und starb als solcher den öffentlichen Missetätertod. Nach dem er aber seinen Geist als willig dargebrachtes Opfer in die Hände seines Vaters befohlen hatte, wurde zugleich mit seinem Leichnam der Fluch, der auf der Erde und ihren Bewohnern lag, tatsächlich begraben, indem hinfort Alle, die an Ihn glauben, des Fluches ledig, und Erben eines unvergänglichen himmlischen Segens sind.
Wie tief bedeutsam erscheint demnach, was wir heute zunächst auf Golgatha sich begeben sehen. Freilich wissen die handelnden Personen dort nicht, was sie tun; aber das hindert nicht, dass sie bei all ihrem Tun wie an unsichtbaren Fäden von der Hand der göttlichen Vorsehung bewegt und geleitet werden. Sie erinnern sich nur, ohne weitere Nachgedanken, an den Buchstaben der mosaischen Vorschrift, und glauben, umso mehr mit der Kreuzabnahme und der Versenkung ihrer Gerichteten eilen zu müssen, da sich nicht allein schon der Tag zu Ende neigt, sondern es obendrein der Rüsttag vor dem „großen“, d. h. dem in das Osterfest fallenden, und darum besonders heiligen „Sabbat“ ist.
Sie verfügen sich denn zu Pilatus, und bitten ihn um die Genehmigung, den drei Toten, wie es üblich war, die Beine zerbrechen und sie dann abnehmen und verscharren zu dürfen; und beginnen so an dem großen und gedankenreichen Bilde zu weben, welches später durch Nikodemus und Joseph von Arimathia vollendet ward. Wir schauen ihrem Vornehmen stille zu, und schöpfen daraus Friede und Seligkeit.
Der Landpfleger beanstandet die Gewährung der nachgesuchten Genehmigung nicht, und entsendet zugleich eine neue Wache nach dem Richtplatz, welche die Beinbrechung vollziehen, und von dem wirklich eingetretenen Tode der Gekreuzigten sich überzeugen sollen. Als ein den Gehenkten erwiesenes Werk der Barmherzigkeit betrachtete mans, dass man denselben vor ihrer Beerdigung zur Beschleunigung des etwa noch nicht eingetretenen Todes noch mit eisernen Keulen die Gebeine zerschlug und dann ihnen den letzten, den sogenannten „Gnaden-Schlag“ auf die Brust versetzte. An den beiden Schächern wird mit diesem Verfahren der Anfang gemacht. Wie aber die Reihe auch an den Herrn Jesum kommen soll, nimmt man an Ihm schon alle Anzeichen des wirklichen Gestorbenseins so deutlich wahr, dass man sich die Mühe der Beinzerbrechung umso mehr ersparen zu können glaubt, da einer der Waffenknechte Ihm einen Lanzenstich in seine Seite beibringt, der, wenn der göttliche Dulder etwa noch gelebt hätte, allein schon hingereicht haben würde, Ihn zu töten. An und für sich erscheint auch dieser Vorgang durchaus geringfügig; aber Johannes, der ihn uns so nachdrucksvoll berichtet, hat ihn mit anderen Augen angeschaut. Er erkennt auch in dem doppelten Umstande, dass dem Heiland die Glieder nicht zerschlagen wurden, und der Lanzenstich die Seite Ihm öffnete, eine Fügung Gottes, durch welche abermals nur zwei uralte Weissagungen zu ihrer Erfüllung gekommen seien. „Solches ist geschehen“, hören wir zuerst ihn sagen, „dass die Schrift erfüllt würde: Man soll ihm kein Bein zerbrechen!“ So heißt's 2 Mos. 12, 46 im Blick aufs Osterlamm, welchem somit der Evangelist hier ausdrücklich die Bedeutung eines Vorbildes des zur Versöhnung der Welt dahingegebenen Gotteslammes beilegt. Als Schatten dieses Zukünftigen musste das Passalamm männlichen Geschlechts, und vor Allem, zur Bezeichnung der Heiligkeit des Vorgebildeten, „ohne Fehl“ sein. Dass ihm aber kein Bein zerbrochen werden durfte, dies sollte teils zur Andeutung dienen, dass Christus sich ungeteilt dem allmächtigen Gott zum Sühnopfer darbringen werde, und diejenigen, die des durch Ihn erwirkten Heils teilhaftig zu werden begehrten, Ihn ganz sich anzueignen hätten; teils bezweckte der Herr durch jene Verordnung die Aufstellung eines neuen Merkmals, welches, wenn der wahre Messias erschienen sein würde, dazu beitragen sollte, Ihn Jedermann in unzweideutigster Weise kenntlich zu machen. „Und siehe“, ruft uns nun Johannes gleichsam in unserem Evangelium zu, „hier ist das zuvor versehene Zeichen!“ Die Tatsache, dass das heilige Gefäß seines Leibes unzertrümmert bleibt, drückt dem großen Toten als dem wahren versöhnenden Osterlamme das beglaubigende Siegel auf. Er ist der Gerechte des 31. Psalms, dem Gott „alle seine Gebeine bewahrt, dass ihrer nicht eins zerbrochen wird!“
Ebenso sieht der Evangelist in dem Lanzenstich eine erfüllte Weissagung.
„Abermals“, fährt er fort, „spricht eine andere Schrift: Sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben!“ Das Wort des Herrn bei dem Propheten Sacharja Kapitel 12, 10 schwebt ihm vor der Seele. „Aber über das Haus David“, heißt es daselbst, „und über die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets; und sie werden sehen, in welchen sie gestochen (oder wen sie durchbohrt) haben.“ Diese Stelle war den Juden ein unauflösliches Rätsel, weshalb sie denn auch in der griechischen Übersetzung der siebzig Dolmetscher dem betreffenden Worte des Grundtextes ohne alle und jede Berechtigung statt der Bedeutung des „Durchbohrens“, diejenige des „Herabwürdigens“ oder „Verachtens“, untergeschoben haben. Seit dem aber hat schon vielen Tausenden von ihnen die Stunde der Aufklärung über den einzig wahren Sinn jenes Prophetenwortes geschlagen; und Hunderttausenden, ja der ganzen Welt, wird sie noch schlagen, sei es als Gnadenstunde, oder als Stunde des Gerichts und des Unheils. Entweder geschieht's, dass sie, die Christo bisher die gebührende Huldigung versagten, ehe sie sich's versehen, vom Heiligen Geist ergriffen und erleuchtet werden, und nun in der Wehmut des Bewusstseins, den Herrn der Herrlichkeit einst durch ihre Sünden mit gekreuzigt zu haben, tränenfeuchten Blicks und um Vergebung bittenden Herzens zu Ihm aufschauen; oder dass sie erleben werden, was Johannes in seiner Offenbarung vorher verkündet: „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und es werden Ihn sehen alle Augen, und die Ihn zerstochen haben, und werden wehklagen über Ihn alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen!“
Seht, Freunde, so entdeckt der tiefgründende Evangelist in Allem, was auf Golgatha sich begab, auch in dem Unscheinbarsten, eine sinnvolle göttliche Bilderschrift, welche nur auf die Kenntlichmachung und Verherrlichung Christi als des wahren verheißenen Messias und Welterlösers abzweckte. Wem kann es aber auch entgehen, dass in allen jenen Zügen die Hand des lebendigen Gottes waltet, und die Fäden der Ereignisse so sich verschlingen lässt, dass in ihnen ein Prophetenspruch nach dem anderen zu seiner Erfüllung kommt? Wie hoch der Evangelist das glaubensstärkende Element in jenen Vorgängen anschlägt, gibt er sehr nachdrucksvoll mit den Worten zu erkennen: „Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und derselbige weiß, dass er die Wahrheit sagt, auf dass auch ihr glaubt.“ Übrigens ist es nicht allein die Kreuzabnahme, der Lanzenstich, und die Bewahrung des heiligen Organismus des Leibes Christi vor der Verstümmelung, was Johannes bei den eben vernommenen Worten im Auge hat, sondern es ist zugleich, ja vorzugsweise, der Wasser- und Bluterguss aus Jesu offener Seitenwunde, worin er nichts Geringeres, als ein tiefes göttliches Symbol der Heilswirksamkeit des himmlischen Friedensfürsten wahrnimmt.
2.
„Der Kriegsknechte einer“, meldet die Geschichte, „öffnete seine Seite mit einem Speer, und bald ging Blut und Wasser heraus.“ Man hat gemeint, Johannes lege darum ein so großes Gewicht auf diesen Umstand, weil er geglaubt habe, dass derselbe gewissen Irrgeistern seiner Zeit, die Christo nur einen Scheinleib, und nicht eine wirkliche Körperlichkeit zuschreiben wollten, zur Widerlegung dienen könne. Möglich ist's, dass ihn bei seiner Berichterstattung über die Sache allerdings auch eine solche Nebenrücksicht auf jene Schwärmer geleitet habe.
In weit höherem Maße aber erregt sein Interesse zunächst das Wunderbare in dem Vorgang. In Verstorbenen pflegt immer das Blut zu stocken; aus der Wunde dieses Toten dagegen floss es noch hell und reichlich, und obendrein unvermengt mit dem Wasser, welches neben dem Blute aus dem durchstochenen Perikardium2) seines Herzens sich ergoss, und vom Kreuze niederrann. Es war, als ob der große Hohepriester noch in seinem Tode sagen wollte: „Seht, frei vergieße ich mein Blut, und in ganzer Fülle opfere ich es für eure Sünden!“ Was aber die Seele des Johannes am tiefsten bewegt, ist das göttlich Symbolische, welches er hinter der Wunderbegebenheit wittert. In jenem Wasser und Blut sieht er die wesentlichsten Heilsgüter abgebildet, die die Welt Christo zu verdanken hat. Wir wissen schon, dass er in seiner ersten Epistel als die eigenste Signatur des Welterlösers das bezeichnet, dass derselbe komme „mit Wasser und Blut;“ und zugleich mit dem „Heiligen Geiste;“ und wer kann es verkennen, dass ihm bei diesen seinen Worten das Wunderereignis auf Golgatha vor Augen geschwebt haben müsse?
Was bedeuten ihm aber jene drei Elemente, und was zunächst das Wasser? Etwa die Taufe? In einer entfernteren Beziehung unzweifelhaft auch sie. Zunächst aber versinnbildlicht ihm das Wasser im Einklange mit der Bildersprache der ganzen Heiligen Schrift die sittlich reinigende Kraft des Wortes Christi, ja selbst schon der Atmosphäre seines Reichs. Überall, wohin das Evangelium dringt, ändert's, abgesehen noch von Wiedergeburt und Bekehrung im engeren und spezifischen Sinne dieser Worte, die moralische Gestalt der Völker. Gesittung und Bildung verdrängen die Barbarei. Zucht und Ordnung treten an die Stelle eines zügellosen Sündendienstes. Tierische Fleischlichkeit findet an der aufgehenden Ahnung einer höheren Idealität des Menschenlebens mindestens ihre Schranke; das Gewissen der Menschenkinder schärft und verfeinert sich, und die Scham errichtet als Hüterin der Sitte unter ihnen ihren Thron. Wie die Gerechtigkeit in Gesetzgebung und gesellschaftlichen Institutionen, so macht auch die Liebe ihre Anforderungen geltend. Die Verpflichtung zu wechselseitiger Handreichung und Hilfeleistung tritt ins Bewusstsein. Die Armen- und Krankenpflege errichtet ihre Hospitäler, und öffnet den Verlassenen ihre Zufluchtstätten. Ja, was wäre, das nicht sich einigte, veredelte und verklärte, sobald nur ein leiser Hauch des Christentums es berührt! Haltet die christlichen Völkerschaften, selbst die verkommensten unter ihnen, mit allen heidnischen, und selbst auch mit den muhamedanischen zusammen, und sagt, ob sie in Vergleich mit diesen nicht in einem allgemeineren Sinn des Wortes schon „neugeborene“ heißen dürfen? In diesen Wirkungen aber betätigt sich die Wasserkraft Christi und seines Evangeliums. Gewiss waren es vorzugsweise diese Wirkungen, die der allmächtige Gott im Auge hatte, als er durch den Propheten Hesekiel Kap. 36, 25 verheißend sprach: „Ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet von aller eurer Unreinigkeit; und von allen euren Götzen will ich euch reinigen!“ An dieselben Wirkungen denkt unzweifelhaft der Apostel, wenn er Hebr. 10, 22 von einem gewaschen Sein am Leibe mit reinem Wasser“ redet; und ebenso meinte sie der Täufer Johannes, als er sprach: „Ich taufe euch mit Wasser;“ zugleich aber eine andere Taufe, nämlich die „mit Feuer und Geist“, in Aussicht stellte, welche derjenige allein vollziehen könne, der nach ihm kommen werde.
Genug, schon mittels seines Wortes und der Pflanzung seiner Kirche geht von Christo eine sittliche Reinigung, Veredlung und Verklärung des menschlichen Geschlechtes aus; und auf diese seine Wirksamkeit deutet symbolisch das Wasser, das aus Jesu offener Seite strömt.
Doch mit dem Wasser allein wäre uns nicht geholfen gewesen. Tief sind wir vor Gott verschuldet; und hörten wir auch von nun an auf, neue Schulden auf die alten zu häufen, so wären dadurch doch die alten weder ungeschehen gemacht, noch abgetragen. Überdies bleiben wir bei aller durch das Wort allein bewirkten Säuberung und Veredelung unseres Lebens, bemessen nach dem Ideale der göttlichen Forderungen, nach wie vor arme Sünder, und als solche dem Fluch verfallen. So tat uns denn vor der sittlichen Besserung, und viel dringender noch, als sie, Entbürdung von dem Urteil der Verdammnis not, das auf uns lastete, und Zurückversetzung in den Stand der Gnade. Dass aber auch diesem Bedürfnis, dem schreiendsten von allen, die gewünschte Abhilfe beschafft worden ist, dies prediget uns das Blut, das wir der Seitenwunde des großen Toten entströmen sehen. Es bezeichnet uns den Zahlpreis, mit welchem vor Gott ein für alle Mal unsere Schuld entrichtet ward; sowie die genugtuende Opfergabe, mittels deren die Versöhnung der göttlichen Gerechtigkeit mit der Sünderliebe Gottes erzielt, und unsere Wiederannahme ohne Beeinträchtigung der ersteren ermöglicht worden ist. Das Blut fließt geschieden von dem Wasser: die Rechtfertigung ist mit der persönlichen Besserung nicht zu vermischen, geschweige zu verwechseln. Was uns der Liebe Gottes wieder empfiehlt, ist einzig Christi Verdienst, und nimmer das Stückwerk unserer eigenen Tugend. Freilich bedarf es unsererseits der Glaubens- und Lebenseinigung mit Christo; aber in Christi Gerechtigkeit und in ihr allein, ergeht über uns die Freisprechung von der verdienten Strafe, so wie wir allein um ihretwillen in die Rechte der göttlichen Kindschaft wieder eingesetzt werden. Der Seligkeit fähig macht uns die Bekehrung; der Seligkeit würdig allein das Blut des Lammes.
Doch wir wissen: Wasser und Blut stellen die Heilstätigkeit Christi keineswegs schon erschöpfend dar. „Drei“, sagt Johannes, „zeugen von Ihm und für Ihn auf Erden: Das Wasser, (die sittigende Macht des Worts,) das Blut, (die sühnende, rechtfertigende und somit Frieden pflanzende Wirkung seines stellvertretenden Verdienstes,) und der Heilige Geist“, der nicht bloß bessert, sondern erneuert, dem Baum der Sünde nicht nur die Äste kappt, sondern ihn entwurzelt, und das Reis eines wesentlich neuen Seins und Lebens an dessen Stelle pflanzt. Derjenige aber, der geschmückt mit den dreifachen Siegeln solcher Machterweisungen die Welt durchschreitet, kann ja nicht anders, als von Oben gekommen, und muss der von Gott verordnete Messias und Erlöser sein. Johannes erachtet es kaum für möglich, dass Jemand dies verkennen könne; und fast stürmisch dringt er mit der Aufforderung an unser Herz, dass wir doch mit ihm zu seiner Fahne schwören möchten, indem er überaus bewegt und nachdrucksvoll uns zuruft: „Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und derselbige weiß, dass er die Wahrheit sagt, auf dass auch ihr glaubt!“
Glauben denn auch wir, teure Freunde, auf dass wir auch den Herrn der Herrlichkeit als denjenigen erfahren, der da kommt mit „Wasser, Blut und Geist, d. i. reinigend, versöhnend und wiedergebärend! Geben wir uns rückhaltlos und ungeteilt Ihm hin, nach dem Er sich bis in den Tod für uns dahin gegeben hat; und machen auch wir die Worte des alten kirchlichen Sängers zu den unsrigen:
„Das Wasser, welches auf den Stoß des Speers aus Deiner Seite floss,
Das sei mein Bad und all' Dein Blut erquicke mir Herz, Sinn und Mut.
O Jesu Christ, erhöre mich! nimm und verbirg mich ganz in Dich,
Schließ mich in Deine Wunden ein, dass ich vor'm Feind kann sicher sein!“
Amen.