Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - LII. Eli, Eli, lama Asabthani!
„Sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not!“ So ruft Jeremias im Buche seiner Weissagungen Kap. 17, 17, nachdem er eben den Herrn sagen hörte: „Ich prüfe das Herz, und ergründe die Nieren, und gebe einem Jeglichen nach seinem Tun, nach den Früchten seiner Werke.“ Der Prophet gedenkt an seine eigenen Sünden, und die Empfindungen, die diese Betrachtung in ihm hervorruft, ergießen sich in dem Beterschrei: „Sei du mir nur nicht schrecklich!“ Diese wenigen Worte umschließen einen reichen Inhalt. Der Prophet erklärt darin, dass er zu jedem Opfer, das von ihm gefordert werden möchte, bereit sei; dass er gerne tragen werde, was Gott ihm aufzuerlegen für gut befinde; ja dass er, wenn es so sein müsse, von der Welt verkannt, verstoßen, mit Füßen getreten sein, und in allen Wüsten darben, in allen Kerkern schmachten wolle; nur das ihm Gott „nicht schrecklich sei.“ Und allerdings bezeichnet er mit den letzteren Worten das Einzige, wovor die Seele allen Ernstes zu erzittern Grund hat. Denn was immer Dunkles auf Erden uns begegnen mag, ist Gott unser Freund, so lichtet sich durch dieses Bewusstsein Alles; und Er selbst nimmt dem Schrecklichsten durch die Beimischung seiner himmlischen Tröstungen und überraschenden Hilfsleistungen und Erleichterungen seine Schauer. Und ließen auch die göttlichen Erquickungen vergeblich auf sich warten, so bleibt doch die gewisse Hoffnung auf die bevorstehende jenseitige Auflösung aller Misstöne des Erdenlebens uns zugesellt, um auch über das schwärzeste Trübsalsgewölk, das hienieden uns umlagern kann, unsere Seele wie auf Engelflügeln hinwegzuheben. Fehlt aber diese Hoffnung, gebricht's an jenem Bewusstsein, und steht der Allerhöchste fremd, ja, als Feind uns gegenüber, was ist dann das freudenreichste Dasein, als ein Trank mit Galle gemischt, als ein Festmahl Belsazars, in das, alle Lust vergiftend, das verhängnisvolle „Tekel“ von der Wand hereinblitzt? Denn bald ist der Traum des Erdenlebens ausgeträumt, und man erwacht vor dem Richterthrone dessen, der bei Mose spricht: „Das Feuer ist angegangen durch meinen Zorn, und wird brennen bis in die unterste Hölle!“ - „O, sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not!“ - Ja, auch wir rufen's aus voller Seele dem Propheten nach. Aber haben wir Grund, auch der Gewährung dieser Bitte uns zu trösten? Wir hätten keinen, liebe Freunde, wäre das nicht geschehen, dessen wir heute Zeugen sein werden. Aber kommt, und seht zuerst, wie schrecklich es sei, „in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen;“ und schaut dann mit frohlockendem Geiste, wie und an wem diese Schrecken sich gebrochen haben.
Matth. 27, 45-47. Mark. 15, 33-35. Luk. 23, 44. 45.
Und es war um die sechste Stunde; und von der sechsten Stunde ward eine Finsternis über das ganze Land bis zu der neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani! das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und Etliche, die dabeistanden, da sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft dem Elias!
Das vierte der sieben Kreuzesworte, das geheimnisvollste und erschütterndste von allen, ertönt vor unserem Ohr. Will es uns bei demselben doch fast geschehen, wie zu Jerusalem einst unter der bekannten Stimme, die vom Himmel fiel, dem um Jesum her versammelten Volke. „Etliche“, erzählt der Evangelist „sprachen: es donnerte; Andere: es redete ein Engel mit ihm!“ Niemand aber wusste recht, was er aus dem wunderbaren Laute machen solle, obwohl Alle ergriffen, bestürzt, und von unheimlichen Schauern durchrieselt dastanden. Ähnlich stehen wir heute unter dem Wiederhall des Rufes, der vom Kreuze herab tönt; und ich gestehe, dass mir selbst die Seele erzittert, in dem ich mich mit euch den unergründlichen Leidenstiefen nähern soll, aus denen das „Eli, Eli, lama asabthani!“ hervordringt. O wie viel lieber läge ich schweigend vor diesem Auftritte auf meinem Angesichte, als dass ich darüber zu euch reden möchte! Wie es Luther einst erging, als er in diesen rätselhaftesten und ergreifendsten Akt der ganzen Passionsgeschichte nachdenkend sich versenkte, wisst ihr. Drei Tage und drei Nächte blieb er ohne Speise und Trank, und saß schlummerlos, aber unbeweglich wie eine Leiche, in einer Stellung auf seinem Stuhle dahin. Als er endlich aus den Tiefen seiner Betrachtung wie aus einem geheimnisvollen Schachte wieder auftauchte, brach er, die Hände faltend, in den Schrei der Bestürzung aus: „Gott, von Gott verlassen! Wer kann das fassen?“
- Ja, wer kann es? Ein undurchdringliches Dunkel, von dem wir uns hier umgeben sehen! Aber sieht auch der Verstand hier bei der Grenze alles menschlich Begreiflichen sich angelangt, so findet nichtsdestoweniger der Glaube auch zwischen diesen Rätselschatten Weg und Steg. Ein heiliges Tempellicht leuchtet ihm voran, und Stellvertretung heißt dieses Lichtes Name. Schauen wir in deren Beleuchtung den erschütternden Klageruf des sterbenden Mittlers näher an, und richten wir den betrachtenden Blick zuerst auf die äußeren Umstände, die den Ruf begleiten; dann auf des Rufes Inhalt und Bedeutung; und endlich auf die Frucht des Friedens, die uns daraus erwachsen ist.
War es je für uns an der Zeit, das Gebet des Psalmisten uns anzueignen: „Lass leuchten dein Antlitz über deinen Knecht, und meinen Gang gewiss sein in deinem Worte“, dann, Freunde, heute!
1.
Gegen zwölf Uhr Mittags ist's, da wir im Geiste auf der Schädelstätte wieder zusammentreffen. Fast ganze drei Stunden schon schwebt der Heiland blutend an seinem Holz. In seiner Umgebung hat sich mittlerweile nichts verändert, außer dass wir in dem Häuflein der Getreuen, - wir wissen, aus welchem Grunde - den Jünger Johannes und die Mutter Maria jetzt vermissen. In der den Richtplatz umlagernden Volksmenge ist eine augenblickliche Stille ein getreten. Ob auch auf sie das erhabene Verhalten des göttlichen Dulders unter seinen Martern seines ergreifenden und beschämenden Eindrucks nicht verfehlte? Man muss es glauben. Mit schweigendem Ernste blicken sie zu seinem Holze empor. Man vernimmt das Stöhnen der beiden Schächer in ihrem Todeskampfe, und hört die Blutstropfen der Sterbenden deutlich auf die Erde niederfallen; und ebenso verlautet von Zeit zu Zeit das stille Weinen und halb erstickte Schluchzen des treuen Frauenhäufleins, zu dem auch wir im Geiste uns gesellen, mit bangem Herzen fragend, ob denn der Vater droben über seinem Sohne ewig schweigen, und nicht endlich in einem weltdurchleuchtenden Zeichen beurkunden wolle, dass der dem Anscheine nach nicht allein von der Erde, sondern auch vom Himmel Verstoßene kein Übeltäter, sondern wirklich der „Heilige Israels“, und Sein, des Vaters, auserwählter Liebling sei?
- Doch siehe, es erscheint ein Zeichen! Aber was für eins! Mein Gott! wer hätte Derartiges erwarten sollen? Unser Befremden steigert sich zum Grauen; unsere Bestürzung zum Entsetzen. Die Sonne, eben in den Scheitelpunkt eingetreten, zieht, als wäre die Erde nicht mehr wert, ihr Licht zu trinken, ihre Strahlen in sich zurück, und beginnt zusehends bei völlig unbewölktem Himmel sich zu verdunkeln. Erst hebt's zu dämmern an, wie wenn der Tag sich neigen wollte. Dann steigert die Dämmerung sich zum abendlichen Dunkel. Endlich legt sich, einem schwarzen Leichentuche gleich, die finsterste Nacht nicht über das jüdische Land allein, sondern über den ganzen beleuchteten Teil der Erde. Die Kreatur steht entsetzt. Heulend drängen die Herden des Feldes in dichte Haufen sich zusammen. Das Geflügel der Luft flattert ängstlich seinen Schlupfwinkeln zu; und die Volksmassen, die die Schädelstätte umstanden, jagen, die Hände ringend und an ihre Brust schlagend, unter lautem Angstgeschrei gen Jerusalem zurück. Zittern und Wehklagen verbreiten sich, als drohe ein Weltuntergang, durch Paläste und Hütten.
- Den Vätern der alten Kirche, wie einem Origenes und Eusebius, waren, zum Teil aus weit entlegeneren Ländern, auch Zeugnisse der Heiden, wie z. B. dasjenige des Phlegon, eines Freigelassenen des Kaisers Hadrian, bekannt, die von einer gleichzeitig mit der Kreuzigung Christi eingetretenen Sonnenfinsternis meldeten, wie eine so vollständige, schreckhafte und wundersame nie zuvor in der Welt gesehen worden sei. Ja, eine alte Überlieferung berichtet, wie ihr wisst, dass Dionysius Areopagita die dem Tode Jesu vorangegangene Verdunklung der Sonne im fernen Ägyptenlande erlebt, und dabei ausgerufen habe: „Entweder leidet in diesem Augenblicke die Gottheit selbst; oder sie hat Mitleid mit Einem, der da leidet!“
Auch wir, Geliebte, stehen erstarrt vor diesem Schauerphänomen, in welchem auch der Blindeste eine Handschrift des allmächtigen Gottes nicht wird verkennen können. Aber was besagt sie, diese riesige Hieroglyphe an den Säulen der Welt? Man hat darin eine sinnbildliche Kundgebung des Zornes Gottes wider die Mörder Jesu erblicken wollen. Aber solche Deutung steht mit dem Akte nicht in Einklang, der eben auf der Höhe Golgathas sich vollzieht, und in welchem Gott durch die Dahingabe seines eingeborenen Sohnes nicht sowohl seinen richtenden Ernst und seine strafende Gerechtigkeit, als vielmehr sein Erbarmen gegen die Mörder betätigt. Man hat aus der Finsternis auch den Gedanken herauslesen wollen, es müsse der Untergang Christi auch den der Natur nach sich ziehen. Aber auch diese Erklärung erscheint wenig begründet, indem ja Christus durch seinen blutigen Versöhnungstod, erst recht der Natur Halt, Träger und Erneuerer geworden ist. Man hat gemeint, das nächtliche Dunkel habe bildlich andeuten sollen, dass mit Christo das Licht der Welt erlösche. Aber in Christi vermittelndem Opfertode ist ja erst der Welt das Licht des Trostes und des wahren Lebens aufgegangen. Man hat ferner von einem „Mitgefühl“ selbst der vernunftlosen Schöpfung mit den Wehen ihres Herrn und Gebieters sprechen wollen. Aber für solche dichterische Anschauung bleibt vollends hier kein Raum. Es verdunkelte ja auch die Sonne nicht sich selbst, sondern der sie in jenen Trauerschleier hüllte, war Gott der Herr.
- Die Bedeutung der plötzlich hereingebrochenen Nacht liegt ungleich tiefer, als die eben erwähnten Entzifferungen es auch nur ahnten. Schon der Klageruf des Dulders lässt es nicht einen Augenblick bezweifeln, dass die Finsternis in unmittelbarster Beziehung zu seiner heiligen Person, und der Lage steht, in der er eben sich befindet. Allerdings sollte das Wunder nach Gottes Absicht auch nebenher der Welt das Ungeheure der eben in die Geschichte eintretenden Begebenheit bezeichnen, dass der Sohn der Ewigkeit, der Urquell alles Lebens, selbst ein Raub des Todes ward. Es ging aber der Hauptzweck des erschütternden Phänomens dahin, in einem großartigen Bilde die geheimnisvolle Stellung und den inneren Zustand, darin der Blutende am Kreuze eben sich befinde, abzuschatten. Wie hinter einen Tempelvorhang tritt der Herr, den Augen der Menschen sich entziehend, hinter den schwarzen Schleier der grauenvollen Nacht zurück. Drei volle Stunden hängt er, das dorngekrönte Haupt gedankenvoll auf die Brust herabgesenkt, von jener Finsternis umfangen an seinem Holz. Er ist im Allerheiligsten; Er steht am Altar des Herrn; Er verrichtet Priesterwerk. Der wahrhaftige Aaron ist Er, und zugleich das Lamm; das Opferfeuer aber, das ihn umlodert, brauche ich euch nicht erst zu nennen. Was während dieser Stunden zwischen Ihm und seinem himmlischen Vater verhandelt worden ist, liegt einstweilen mit sieben Siegeln verschlossen in den Tiefen der Ewigkeit verborgen. Wir wissen nur so viel, dass Er hinter jener Verhüllung den heißten Kampf gekämpft, den glänzendsten Sieg errungen hat, und seinen stellvertretenden Gehorsam erst mit der Krone der Vollendung schmückte. Wir wissen, dass das Grab unserer Sünden dort gegraben, die Handschrift, die wider uns war, „aus dem Mittel getan“, der Fluch, der auf uns lastete, getilgt, und die Scheidewand beseitigt wurde, welche uns und unseren Gott voneinander trennte. Nennt den Anblick des großen Blutbeflossenen in seinem Dunkel herzzerreißend; wir kennen ein entzückenderes Bild im Himmel und auf Erden nicht, als eben jenes. Uns ist der Mann am Holze der schönste Stern am Horizont der Welt. Wir schauen ihn an, und fühlen uns von jedem Harm genesen. Als Moses aus dem „Dunkel“ zurücktrat, „da Gott innen war“, strahlte sein Angesicht in einem Glanze, den das bestürzte Israel nicht ertragen konnte. Der Glanz, den wir aus dem Dunkel Golgathas, sofern wir gläubig in dasselbe hineinzutreten wussten, auf unseren Stirnen mit uns bringen, ist lieblicher und milder: denn er ist der Glanz eines Friedens, von dem die arme Welt nicht weiß, und einer inneren Siegesfreude Glanz, um welche selbst die Engel uns beneiden möchten.
„Aber deute uns das schauerliche Dunkel!“ hör ich sagen. „Entziffere die grauenvolle Rätselschrift! Eröffne, was für Zustände sie bezeichnet!“ - Hört! Es bedeutet das Phänomen den Zurücktritt einer anderen Sonne, als die irdische. Es bezeichnet die Umdunklung einer inneren Welt. Es schattet den Niedergang eines Trostes- und Freudentages ab. Es weist in eine Seelennacht hinein, in der der letzte heitere Stern erlöschen will. Denkt euch, wenn ihr es vermögt, einen Mann, der sündenfrei, heilig, ja göttlicher Natur, den Allmächtigen sein Licht, Gottes Nahbeiheit sein Paradies, Gottes Liebe seine Seligkeit nennt. Denkt ihn euch aber alles dessen nun beraubt, von keiner Erfahrung der Gnadengegenwart seines himmlischen Vaters mehr erfrischt, ja mit seinem: „Wenn ich nur Dich habe“ zwischen lauter Schauer- und Schreckgesichte der Hölle hineingebannt, und von nichts, als von Bildern der Sünde und des Todes umgeben. Denkt euch einen Solchen, und sagt, ob dessen Zustand nicht in einem nächtlichen Dunkel ein überaus entsprechendes Gleichnis fände? „Aber“, höre ich euch entgegnen, „in solcher Lage wird doch der Sohn des lebendigen Gottes sich nicht befinden?“ Wenn Er aber wirklich in solcher Lage sich befände? - Nicht wahr, dann würde euch für das, was er in seinem Inneren erführe, selbst die Verfinsterung der Sonne noch als ein zu wenig sagendes Symbol erscheinen! Was übrigens in seinem Inneren vorgegangen sei, darüber will Er selbst euch Aufschluss geben. Tretet näher herzu, und vernehmt sein viertes Wort vom Kreuze!
2.
Die dritte Stunde der grauenvollen Weltumnachtung neigt sich zum Ende. Schon beginnt die Sonne ihres dunklen Schleiers sich wieder zu entkleiden. Da bricht der Dulder sein langes, banges Schweigen, und herzergreifend tönt von des wie aus einem tiefen Schachte Auftauchenden Lippen einem Notglockensignal, aber zugleich auch wieder einem Siegesposaunenklang vergleichbar, der unergründliche Ruf daher: „Eli, Eli, lama asabthani!“ Von Schauern der Ehrfurcht durchdrungen geben uns die Evangelisten diesen Ruf in derselben Sprache, in der er aus dem Munde des Dulders kam. Es ist, als hätten sie besorgt, dass eine Übersetzung desselben ins Griechische irgendetwas von seinem Inhalte verwischen könnte. Wie in diesem Augenblicke wir, so, Geliebte, haben schon seit achtzehn Jahrhunderten alle Gläubigen stutzend und staunend vor diesem Wort gestanden; aber wie sie sannen, grübelten und forschten, sie haben das Wort in seiner Tiefe nicht ergründet.
Bekanntlich bilden die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ den Anfang des 22. Psalms, in welchem David, getrieben und geleitet vom Heiligen Geiste, unter Anknüpfung an eigene, gegenwärtige Leiden, das Los eines die sündige Welt durchpilgernden Gerechten schildert. Das Gewand seiner Schilderung weitet sich aber im Fortgange dergestalt, dass des Sängers persönliche Verhältnisse sich gleichsam darin verlieren, und ein Kind erkennen muss, dass dasselbe großartigere und bedeutendere Erlebnisse, als die davidischen, suche, um denselben als entsprechende Ausdrucksform sich anzuschmiegen. Ja, es wächst das hingeworfene Bild des schuldlos Leidenden allmählig zu einer Erhabenheit heran, in der es seit Anbeginn der Welt nur in dem Lebensgange eines Einzigen sein vollständiges Gegenbild gefunden hat. Es tauchen in dem Gemälde einzelne Züge auf, von denen in der Geschichte Davids kaum hin und wieder nur leise andeutende Schatten uns begegnen, und die somit ihre volle buchstäbliche Erfüllung uns anderwärts suchen heißen. Denn nicht allein wird der Dulder des Psalms als ein Fegeopfer aller Welt uns vorgeführt; nicht allein sprechen zu ihm, die ihn sehen: „Er klage es dem Herrn, der helfe ihm aus und errette ihn, hat er Lust zu ihm;“ nicht allein muss er bange seufzen: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine sind zertrennt, meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du, Herr, legst mich in des Todes Staub;“ Er muss auch sehen, was David im eigentlichen Sinne nie erlebte, dass man ihm „seine Hände und Füße durchgräbt“, und dass die Feinde „sich in seine Kleider teilen, und das Los werfen um sein Gewand.“ Überdies nimmt seine Passion einen Ausgang, wie ihn diejenige keines anderen je genommen hat. Denn lauter Siegesglorie webt sich zuletzt um dieses trefflich Bewährten Haupt; ja, Er überkommt sogar das Zeugnis, dass seine Leiden nichts Geringeres, als das Heil der Welt, und die Wiederbringung, Erleuchtung und Beseligung der Heiden zur Folge haben würden. Wer wäre so blind, um verkennen zu können, dass der schwer Geprüfte, aber in solchem Triumphe aus seinem Kampf hervorgehende Gerechte, den der Geist der Weissagung uns im 22. Psalm vor Augen malt, kein anderer sei, als der in Jesu von Nazareth erschienene Messias. Dies stände schon außer Zweifel, wenn auch nicht das Neue Testament, wie es wirklich tut, jenem Psalm ausdrücklich solche Deutung gäbe. Selbst einer der Chorführer des neusten Unglaubens hat den 22. Psalm, weissagend wie Bileam, „das Programm der Kreuzigung Christi“ genannt; und ein anderer wurde wider Willen zu der Äußerung fort gerissen: „Man möchte fast glauben, ein Christ habe diesen Psalm gedichtet.“
Dass dem Herrn jener Psalm in seiner Todesnot vor der Seele geschwebt, wollen wir nicht unbedingt in Abrede stellen. Rief Er aber in der Tat sein „Eli, Eli“ mit bewusster Beziehung auf den besagten Psalm daher, so sprach er diese Worte nicht, damit, sondern nur, weil jenes prophetische Lied sich eben jetzt in Ihm erfüllte. Es war jener Klageruf, wie er aus seinem Munde ging, der reine Ausdruck vollkommenster persönlicher Wirklichkeit und Wahrheit. „Aber war denn Christus wirklich an seinem Kreuz von Gott verlassen?“ Nicht einen Augenblick, geliebte Brüder! Wie hätte der von Gott verlassen werden können, der mit Ihm wesentlich eins, und wenn je, dann gerade in dem Moment seiner unbedingt gehorsamen Selbsthinopferung am Kreuz der Gegenstand des höchsten väterlichen Wohlgefallens war? In den Martertiefen aber, in die er eben hinabgesunken, und über welche das „Eli, Eli, lama asabthani“ wie ein beleuchtender Blitz dahin zuckt, überflutete Ihn eine solche Not, umgrauten Ihn so schreckliche Todesschauer, und brandeten solche Anfechtungen der Hölle um Ihn empor, dass Ihn ein Gefühl anwandelte, wie das Gefühl eines aus der Gemeinschaft Gottes Verbannten und gänzlich den finsteren Mächten Preisgegebenen. Nicht allein breiteten sich alle Schrecken vor Ihm aus, welche der furchtbare Mutterschoß der Sünde in die Welt hineingeboren; auf eine uns freilich unbegreifliche Weise ging Er auch mit seiner heiligen Seele in die Gemeinschaft unseres Schuldbewusstseins ein, und leerte vorempfindend den ganzen Schauerkelch des „Sündensoldes“, d. i. des im Paradies gedrohten, in lauter Fluch getunkten, Todes.
Und es „stand Niemand bei Ihm.“ Kein Gruß der Liebe schwebte vom Himmel zu Ihm herab. Keine Engelerscheinung erlabte Ihn in der unheimlichen Umgebung, in der Er schmachtete. Seinem Innewerden hatte sich der Vater in der Tat entzogen. Im Bereiche seines Empfindens stand Ihm derselbe als ein Fremder gegenüber. Führten die Anfechtungen Gethsemanes den Herrn bis an die Grenze des Gehorsams, so versetzten Ihn die Anfechtungen des Kreuzes bis an diejenige des Glaubens. Nicht mehr ein Schritt, nein, nur eine Linie noch war zwischen Ihm und der Verzweiflung. Schon griff nach Psalm 69, 16 der entsetzliche Gedanke wie mit Geierkrallen in seine Seele ein, es könnte diese Tiefe Ihn „verschlingen“, und „das Loch der Grube über Ihm zusammengehen.“ Da rang sich das „Eli, Eli, lama asabthani“ aus seinem Busen los. Seht nun aber wohl zu, dass ihr in der Deutung dieses Ausrufes nicht fehl greift. Er ist nicht etwa Anklage Gottes, dass dieser Ihn verlassen habe; sondern vielmehr kräftige Gegenwehr wider teuflische Anreizungen zu solcher Anklage. Durch das wiederholte „Mein Gott!“ beurkundet Er ja, dass er mit dem nackten Glauben, Gott sei dennoch sein Gott, durch alles gegenteilige Empfinden sich siegreich durchgerungen habe. Ja, schmiegt Er sich nicht mit dem „Eli, Eli“ in kindlicher Innigkeit an seinen himmlischen Vater an; und sagt Er nicht damit, ob immer auch das „Mein Gott“ statt eines „Mein Vater“ auf ein Überwiegen der Ehrfurcht vor der ewigen Majestät in seinem Inneren schließen lässt: „Zwischen Dir und mir kann von einer Scheidung nimmermehr die Rede sein!“
- „Aber“, höre ich euch einwenden, „er fragt ja doch, warum ihn Gott verlassen habe?“ Freilich wohl; aber erwägt Folgendes. Das „Warum“ fragt zunächst nicht nach dem Grunde seiner Passion überhaupt. Dieses Grundes blieb Er sich auch am Kreuze allaugenblicklich klar bewusst. Es bezieht sich dieses „Warum“ vielmehr ausschließlich auf das persönliche Verhalten des himmlischen Vaters gegen Ihn, namentlich während der dreiständigen Finsternis; und die Frage ist Kindesfrage, gleichbedeutend mit der: „Warum trittst du von mir so fern, und verbirgst dein Antlitz vor mir?“ Dann aber spiegelt's uns als ein lautes Denken des ringenden Mittlers den ganzen zum Siege hindurchbrechenden Kampf seines Inneren wieder. In dem Momente, in welchem der grässliche Gedanke Ihn zu überfallen drohte, es könne diese Hölle, die Ihn umloderte, sich um Ihn her zusammenschließen, und da, soweit es möglich war, das namenlose Unglück eines ewigen Verstoßenseins von Gott in sein Bewusstsein trat, flüchtete Er sich vor diesem grauenvollen Gedankenphantom, vor diesen Feuerpfeilen des Bösewichts, den Schild des Glaubens ihnen entgegenhaltend, wie ein gejagtes zitterndes Reh in die Arme Gottes. Und so ergibt sich denn als eigentlicher Sinn seiner Klagelaute dieses: „Mein Gott! warum verlässt du mich? Wie, dass du deine Hilfe mir entziehst? Habe ich doch wider deine Gebote nicht misshandelt! Bin ich doch dein Kind, dein eingeborener Sohn, an dem Du Wohlgefallen hast! Und bist und bleibst Du doch mein Gott! Wie solltest Du von mir lassen können? Du kannst es nicht! Du wirst mir aushelfen aus dieser Not! Du wirst dein Antlitz mir wieder leuchten lassen!“ Seht, Klage, (nicht Anklage), Ruf um Hilfe, und siegende Kindeszuversicht: dies sind die drei Elemente, die in dem „Eli, Eli, lama asabthani“ sich verschmelzen.
Doch es sei genug gestammelt von einer Sache, die, unzugänglich dem Begriff, selbst der gläubigen Ahnung nur ein geringes Etwas ihrer erhabenen Bedeutung verrät. So viel aber ergibt sich hier für Jeden, dass ohne die Lehre von der Stellvertretung der Klageruf Christi am Kreuz ein schlechthin unauflösbares Rätsel bleibt. In Verbindung mit dieser Lehre aber wird der Ruf zu einem Feierglockenklange, mit dem unsere ewige Erlösung eingeläutet wird. Verleihe Gott in Gnaden, dass er in dieser Eigenschaft einen mächtigen, nie mehr verklingenden Wiederhall auch in unserem Inneren finden möge!
3.
Ja, Freunde, so weit es irgend möglich war, - (und im Blick auf die geheimnisvolle Vergliederung, in welche Christus als „andrer Adam“ mit unserem Geschlechte eingegangen ist, haben wir uns die Grenzen dieser Möglichkeit nicht gar zu eng zu denken,) kostete der Herr auch den bittersten Tropfen des ganzen Fluchkelchs: die Verlassenheit von Gott. Das „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ war allerdings der Kämpferruf, mit welchem Er das Verlassenheitsgefühl in sich durch den Glauben niederrang und siegreich überwand. Nichtsdestoweniger aber war es kundgebendes Zeugnis, dass Christus mit diesem grausigen Gefühle in der Tat einen ernsten Kampf zu bestehen hatte.
Fragt ihr nun nach der Frucht, die aus diesem Kampfe uns erwachsen sei, so ist für uns schon das von tröstlicher und erhebender Bedeutung, dass wir den Herrn in dem „Warum?“ aufs Neue das Bewusstsein seiner vollkommenen Gerechtigkeit vor Gott so deutlich beurkunden hören. Denn wie hätte Er in Ermangelung solchen Bewusstseins die kühne Frage an den Dreimalheiligen gewagt, „warum“ derselbe Ihn verlassen habe? Die wesentlichste Beute aber, die wir jenem seinem Kampf entnehmen, ist eine ganz andere noch. Wie versahen sich doch die unter dem Kreuze an dem göttlichen Dulder, die in arger Missdeutung seines „Eli“ einander zuraunen konnten: „Er ruft den Elias!“ Anfänglich war diese Bemerkung allerdings nichts weniger als Spott. Vielmehr brach einmal wieder in den Meuterern die Ahnung durch, es könne der Erhabene dort in seinem Blute wirklich der Messias sein. Weil sie aber aus den Weissagungen der Propheten Jesaja und Maleachi wussten, dass Elias dem großen Zukünftigen als Bahnbrecher vorangehen solle, so stieg der Gedanke in ihnen auf, ob nicht der göttliche Dulder eben jenen gewaltigen Gottesherold zu seiner Hilfe aus der unsichtbaren Welt herausbeschwöre. Welche Verkennung des großen Mittlers lag aber diesem Gedanken seiner Kreuziger zum Grunde! Nein, nicht an sich, sondern nur an die Sünder, für die Er eingetreten war, dachte Christus bei seinem „Eli, Eli“, und sein Absehen ging zuerst dahin, ihnen mit diesem „Eli“ das Herz des lebendigen Gottes wieder zu erobern. Denn wenn Gott Ihn verließ, so hatte er jene verlassen, die Er vertrat. Verwarf Gott sein, des Bürgen, Werk als ein unzulängliches, so war die Erlösung der ganzen Welt gescheitert. Diese Erwägung war es vorzugsweise, die dem Herrn den Angstruf: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ abdrang, und es erhält demnach seine Frage auch diesen Sinn: „Nein, du verlässt mich nicht; du genehmigst mein Werk; und so halte ich dich fest als meinen Gott, und darum auch als den Gott derjenigen, deren Sache ich führe!“
Der Vater im Himmel aber hat es diesem Sohneslaute an seinem Amen nicht fehlen lassen. Sinnbildlich sprach Er's schon dadurch aus, dass er bald die Finsternis zerstreute, und der Sonne ihren vollen, heiteren Tagesglanz zurückgab. Ja, es gehörte jene Verlassenheit wesentlich mit in den Kelch, den der Hohepriester für uns leeren musste. Es kann hinfort für Alle, die durch das Band eines lebendigen Glaubens mit Christo verbunden sind, von einem wirklichen Verlassenwerden Seitens Gottes nicht mehr die Rede sein. Wie für uns kein Nachtgewölk den Himmel mehr umgraut; wie wir jederzeit in Gottes unverhülltes Antlitz schauen, und allaugenblicklich des freien Zugangs zu seinem Gnadenthrone uns trösten dürfen: so wird auch Gott, was sonst uns auch verlassen möchte, in Wahrheit nie mehr von uns weichen. Verlasse uns die Gunst der Welt, der Menschen Freundschaft, das Glück der Erde, des Leibes Kraft; verlasse uns selbst, wie es geschehen kann, die Empfindung der Nähe Gottes und die Frische des inneren Glaubenslebens: Gott selbst bleibt uns in Christo allewege nahe und gewogen. Wie fremd Er mitunter gegen uns sich stelle, in welche Trübsalstiegel Er uns versenke, wie völlig Er unserem Empfinden sich entziehe: in allen Lagen bleibt uns die selige Befugnis, nicht allein beherzt mit einem: „Warum verlässt du mich, dein Kind und den Vertretenen deines Sohnes?“ Ihn anzugehen; sondern auch mit kühner Zuversicht zu Ihm zu sprechen: „Du wirst, du kannst, du darfst mich nicht verlassen, weil das Verdienst deines eingeborenen Sohnes Dich ewig an mich bindet!“
In diesem Augenblick, Geliebte, wird auf unseren Gottesacker die entseelte Hülle einer Pilgerin hinaus getragen, welche wohl zu den allerköstlichsten Edelsteinen gehörte, die einmal aus dieser großen Stadt die Krone Gottes schmücken werden. Wer außer ihren Kindern und einem kleinen Häuflein gleichgesinnter Freunde, die der Herr ihr zugewiesen, kannte sie? Wer hörte außer jenen auch nur einmal ihren Namen? In der Verborgenheit eines dunklen Dachkämmerleins lag sie zwei Jahre hindurch an schwerer, schmerzensvoller Krankheit wie auf Dornen gebettet; aber man glaubte sie auf Rosen liegen zu sehen; so voller Friede und heiterer Ergebung war sie. Das machte: Christus war ihr Leben. Je mehr ihr Fleisch dahinschwand, umso mehr sah man ihren Geist in Gott erstarken. Je sichtlicher ihr äußerlicher Mensch verfiel, desto herrlicher entfaltete und verklärte sich ihr innerer. Ging ihr mitunter auch die Leidensflut bis an die Seele, so haben wir sie doch nicht einmal seufzen gehört, geschweige zagen gesehen. Wollte ihr Glaube sich einmal verdunkeln, so eilte ihr Blick bald nach Golgatha, und unter dem Wiederhall des „Eli, Eli, lama asabthani“ waren die Wolken auf ihrer Stirn schnell wieder zerstreut. „Er kann mich nicht verlassen“, sprach sie lächelnd, „nachdem Er den für mich verließ, der meine Schuld bezahlte!“ Und als einmal in den Tagen ihrer letzten Todeskämpfe das Mitleid mir die Worte abdrang: „Ach, dass es doch dem Herrn gefiele, in etwa diesen Schmerzenskelch zu mildern!“ entgegnete sie unter einer abwehrenden Handbewegung mit einer feierlich ernsten Betonung: „O stille! keinen Tropfen weniger! Ein jeder ist von Seiner Weisheit und Liebe sorgsam zugemessen!“ Aufs Schönste geschmückt mit dem himmlischen Kranze des festesten Glaubens, der lautersten Demut, der durchhaltendsten Ergebung und Geduld und der selbstverleugnungsvollsten Liebe, schied sie, eine triumphierende Siegerin über Tod und Grab, aus dieser Welt. Jetzt singt auch sie das große Halleluja mit der Schar jener Verklärten, die „aus vieler Trübsal gekommen sind, und haben ihre Kleider gewaschen im Blute des Lammes.“ Aber Gott hat abgewischt die Tränen von ihren Augen, und die Palme eines unvergänglichen Triumphs ihr in die Hand gegeben. Sie hinterließ als ihren letzten Willen die ernste Mahnung, dass man an ihrem Grabe von nichts, als von der Gnade Christi und der Macht seines Blutes sagen solle. Und etwas Anderes wollen auch wir nicht rühmen über ihrem Hügel, als die Barmherzigkeit in Christo, und wollen nur hinzufügen den betenden Wunsch: „Unser Ende sei wie dieser Gerechten Ende!“ Ich erzählte euch diesen Zug, teils, um mit einem neuen Beweise euch zu erfreuen, dass Gott auch unter uns sein Volk noch habe, und seine Werbetätigkeit in unserer Mitte noch kein Ende nahm; teils, um an einem Exempel euch zu zeigen, wie das Geheimnis des Kreuzes überhaupt, und wie namentlich dasjenige der Gottverlassenheit des Mittlers ausgebeutet werden müsse. Sei es auch uns beschieden, in solcher Weise die Früchte des Kreuzes Christi uns anzueignen, und werde je länger je mehr in unserem Inneren Wahrheit und Leben das Wort des Sängers:
„Eli“! - Du riefst's; und bis zur Stunde
Tönt's wunderwirkend mir durchs Herz.
Verriet es Deine tiefste Wunde,
Mich heilt's von meinem herbsten Schmerz.
O Wunder! freie, offene Gassen
Brach's sühnend mir ins Paradies.
Gott kann mich niemals mehr verlassen,
Seitdem er Dich statt mich verließ! - Amen.