Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - LI. Das Vermächtnis der Liebe.
Ein holdes Bild ist's, das aus den prophetischen Worten Michas 4, 4 uns anschaut: „Ein Jeglicher wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen ohne Scheu.“ Wir dürfen nicht glauben, den Sinn dieser Worte schon erschöpft zu haben, wenn wir sie nur im Allgemeinen auf den Frieden deuten, der in den Tagen des Neuen Bundes die gläubigen Herzen beglücken werde. Der Prophet winkt zugleich mit seinem Bilde auf eine jener messianischen Zukunft angehörige Häuslichkeit und Verbrüderung hinüber, die nicht bloß den Heiden, sondern, während der Herrschaft des Gesetzes, auch selbst dem Volke Israel ihrem innersten Wesen nach ein unbekanntes Land war. Freilich war das Band der Familie bereits geknüpft; aber es war mehr das der gesetzlichen Ordnung, als das der heiligen Liebe. Es war fast nur der Gesichtspunkt der Über- und Unterordnung oder der gegenseitigen Dienstleistungen, aus welchem man sich einander ansah; ein höherer Gesichtspunkt wurde nur erst leise geahnt. Hausfürst war der Vater der Familie; die Mutter, des Hauses dienende Magd; die Kinder kannten kaum ein anderes Verhältnis zu den Eltern, als das des ehrerbietigen Gehorsams; und die Verwandten fanden ihre Beziehungen zueinander in ihrem Stammbaume nur und etwa im Erbrecht. Das Gefühl eines Vereinigt- und Zusammengebundenseins in Gott zu gemeinsamer Wallfahrt nach dem Jerusalem da droben, zu wechselseitiger Förderung in göttlichem Leben und Wandel, und zu tatsächlicher Darstellung himmlischer Befreundungsverhältnisse im dunklen Erdental kam in den Alten noch nicht zum Durchbruch; und es darf uns dies umso weniger wundern, da sie sich des Herrn als eines traulich mit ihnen in Hütte und Kammer, und nicht bloß im Tempel, wohnenden Hausfreundes noch nicht bewusst, und des Geistes der Kindschaft, der da ruft „Abba, lieber Vater!“ noch nicht teilhaftig worden waren. Nähern wir uns dagegen den gläubigen Hausgenossenschaften und Freundschaftsbündnissen des Neuen Testamentes, so fühlen wir uns gleich von einer ganz anderen Luft angeweht. Wir wandeln zwischen diesen Schöpfungen geselliger Vereinigung wie zwischen Gewächsen eines anderen Himmelsstrichs. Ein andrer Schmelz liegt auf den Blättern; ein andrer Duft haucht uns aus den Blüten an. Ja, es macht sich uns sogleich bemerkbar, Christus habe eine neue Gemeinschaft gestiftet: die Gemeinschaft der Heiligen; und ein neues Band geknüpft: das „Band der Vollkommenheit“, welches ist die Liebe zu Ihm, aus Ihm, und durch Ihn.
Begehrt ihr von dieser lieblichen Sache ein Weiteres zu vernehmen, so folgt mir heute nach Golgatha.
Joh. 19, 25-27.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter, und seiner Mutter Schwester Maria, Cleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sah, und den Jünger dabei stehen, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn. Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter. Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Welch stilles, freundliches Bild, das heute aus den Schauern Golgathas vor uns auftaucht! Ist's doch, als wären wir plötzlich auf einen ganz anderen Schauplatz versetzt, als auf dem wir bisher gestanden. Nach dem Sturm, Erdbeben und Feuer tritt das „stille sanfte Sausen“ ein. Nichts Herzzerreißendes mehr in dieser Szene. Alles so freundlich, so lieblich und holdselig, und das Ganze wie ein Stück blauen, heiteren Himmels nach dem Ungestüm! Wie wohl tut dem Herzen ein solcher Ruhepunkt auf der Betrachtungsfahrt durch das wetterschwüle Reich der Passionsgeschichte! Wir geben dem geschichtlichen Gemälde, vor dem wir stehen, die Aufschrift: „Das Vermächtnis der Liebe.“ Wir hätten dasselbe auch „Der Liebe Triumph“ überschreiben können. Kommt, und betrachten wir miteinander zu unserer Freude zuerst die Liebe, der Christi drittes Wort vom Kreuze schon begegnet; sodann die Liebe, die sich in diesem Worte kundgibt und betätigt; und endlich die Liebe, die durch das Wort auf Erden gepflanzt wird. O, dass von der Liebesfülle, die wir heute sich wogend ergießen sehen, ein Bächlein auch in unsere Herzen überströmte! Gott walte dies in Gnaden!
1.
Wir sammeln uns wieder um das Kreuz. Wo könnten wir lieber weilen, als in seinem Schatten. Es geht ja alle Tage der Flug unserer Gedanken wie hungriger Bienlein dahin zurück. Denn weil wir alle Tage leider! wieder sündigen, bedürfen wir auch täglich für das verwundete Gewissen neuer Heilung. Wir Arme, wenn wir zu jenem Hügel nicht fliehen könnten! O Golgatha, du bist mein Ararat, wo ich täglich aus der Angstflut lande! Mein Zoar bist du, das mich vor den Flammen Sodoms sicher stellt! Meine Nebos Höhe, von der ich ins gelobte Land hinüberschaue, und mein Tabor, wo ich frohlocke: „Hier ist's gut sein! Hier wollen wir Hütten bauen!“
Ein lieblich Schauspiel stellt sich uns heute unter dem Kreuze dar. Der Schönste der Menschenkinder stirbt doch nicht unbeweint. Zwischen der Wut und dem Ingrimm steht auch die Liebe bei seinem Sterbebette, und sieht tränend und zärtlich ihn umfassend zu ihm empor. Gewahrt ihr das Häuflein dort, das schmerzensreiche? O, ein holdseliger Kreis, der da inmitten der Satansrotten uns begegnet: ein verstecktes Rosenbeet unter wildem, wirrem Dorngestrüpp; ein lichter Lilienkranz um das Todeslager des Gerechten! In solcher Einfassung aber steht das Kreuz in der Welt auch heute noch: freilich immer noch von der wutschäumenden Hölle umtobt, aber zugleich umgeben von dem Schönsten, was auf Erden zu finden ist. Denn sucht man heilige Tränen, Liebe aus Gott geflossen, Geduld, die nicht ermattet, und Dankbarkeit, die Alles hingibt; wo wachsen diese holden Himmelsblumen, als unter dem Kreuz? Wir kennen sie schon, die Getreuen dort, die eine lebendige Randzeichnung bilden zu dem Worte des Hohenliedes: „Liebe ist stark wie der Tod, und fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, dass auch viele Wasser sie nicht mögen auslöschen, noch die Ströme sie ersäufen.“ Was kümmert sie's, ihr Leben in Gefahr zu sehen? Ihr Leben ward der Mann am Kreuze! Was fragen sie nach dem Spott und Hohn der Welt? Von einer Welt, die ihren König mit Dornen krönte, begehren auch sie nichts Anderes, noch Besseres! Hätte man sie samt ihm an das Kreuz geschlagen, sie würden die Erde wie ein leckes, morsches Schiffswrack unter sich weggestoßen, und ihren Anker triumphierend in die Wolken hinaufgeschleudert haben. Was konnte die Erde noch für sie für Reize haben, nachdem Seine Segenstritte auf diesem Dornen- und Distelacker nicht mehr rauschten?
Seht euch die tapferen Herzen etwas näher an. Wer sind sie? Merkwürdig, bis auf einen lauter Frauen. Die Starken sind geflohen; die Schwachen hielten Stand. Die Helden wurden verzagt; die Zarten, die nichts zu geloben sich vermaßen, überwanden die Welt. Das machte: sie breiteten ihre Herzen aus vor Gott, sprechend: „Halte du uns wankende Rohre aufrecht“; und lehnten sich, indem sie es sprachen, fest auf Gottes Arm: da wurde Seine Kraft in ihrer Schwachheit mächtig. Wie oft ereignete sich Ähnliches, wie dort! Ist des Mannes die Glanztat der zusammengerafften Kraft, so ist die Tat der durchhaltenden Geduld des schwachen Weibes. Gehört dem ersteren das Heldentum, das den Knoten durchhaut, so gehört letzterer das größere der still sich opfernden Treue bis in den Tod.
Unter den lieben Frauen beim Kreuze nimmt eine vor allen anderen unsere Teilnahme in Anspruch. Es ist die Gebenedeite, die den Blutenden am Holze einst unter ihrem Herzen trug: die schmerzensreiche Mutter Maria. Es ist wahr, hart war der Stand der Mutter Eva am Grabe ihres Lieblings Abel; ein tieferer Schmerz noch durchdrang das Herz des Patriarchen Jakob, als man ihm das blutige Gewand seines geliebten Josephs zeigte. Aber was war jenes Weh gegen dasjenige des Mutterherzens, das dort beim Kreuze blutet? O, denkt nur, wo Maria sich stehen sieht, um was sie zu klagen hat, und um wen ihre Tränen fließen! Denkt, welch' ein Sohn! Welch ein Sterbebette! Welch ein Tod! O, wer wird sich fähig dünken, die Empfindungen zu schildern, die hier Mariens Herz durchstürmen? Doch Eins werde festgehalten, das Eine, dass die grambeladene Jungfrau keine Verzweifelnde war. Auch durch ihre Tränennacht schimmerten gleich hellen Sternen noch so manche Worte ihres Sohnes hindurch: von der Notwendigkeit der Leiden, die sein harrten, und von der „Herrlichkeit danach.“ Und ob es auch schwere Arbeit kostete, selbst jetzt noch daran sich fest zu klammern, und ob auch ein ungestümes Heer ängstigender Zweifel Mariens Brust durchtobte: eine trostlos Zagende war sie so sicher nicht, als die apostolische Bezeugung keine Lüge ist, dass Gott die „Seinen nicht über Vermögen versucht werden lässt.“ Nein, wo das Gold im Tiegel ist, da ist auch jederzeit der Schmelzer nahe, und wo ein Kind des Höchsten leidet, da liegt auch immer zwischen der Last und der belasteten Schulter lindernd und erleichternd die Mutterhand Jehovas. Erfahren schon wir es so, Geliebte, wie wird es eine Maria erst erfahren haben! Ihr seht ja auch, dass sie, wenngleich auf den Jünger sich lehnend, unter dem Kreuze doch noch aufrecht steht, und nur ein milder Tränentau von ihren Wangen gleitet, aber kein Angstgestöhne über ihre Lippen geht. Als des Pinehas Weib die Bundeslade in der Feinde Gewalt erblickte, sank sie vor Bestürzung tot zu Boden. Maria sieht dort Ärgeres, als jene einst; dennoch bleibt sie leben. Freilich muss sie Christum noch einmal unter großem Weh gebären. Der irdische Sohn stirbt ihr dahin, samt den irdischen Verhältnissen, in denen sie bisher zu ihm gestanden, und den irdischen Vorstellungen von Ihm und Seinem Königreiche, so weit auch sie denselben bei sich Raum gegeben hatte. Dagegen hat sie Christum jetzt durch den Glauben gleichsam aus seiner Asche als einen ganz anderen wieder zu nehmen: als einen neuen Christum, als einen bis dahin noch nicht Gekannten, als einen Herrn, König und Friedensfürsten von ungleich höherer Art und Ordnung, als alle menschlichen. Und ohne Kampf und Schmerz gelangte sie zu diesem Ziele nicht.
Zu Marias Seite, und dieser als Stütze dienend, begegnet unserem Auge der Apostel Johannes. Dieser „Adler Gottes“ versucht auch im Sturm und Dunkel Golgathas die Schwingen seines durchblickenden Geistes; aber durch dieses Wettergewölk weiß er den Steg doch nicht zu finden. Er sieht sich von Rätseln umringt, vor denen seine Deutungskunst an ihrer Grenze steht. Doch wo sein Begriff nur in ein Wüst und Leer hineinzuschauen glaubt, wittert seine Ahnung nichtsdestoweniger unermessliche, verborgene Himmelsschätze. - Er führt sich hier wieder, wie er so gern zu tun pflegte, als „den Jünger“ ein, den „Jesus lieb hatte.“ Mit diesem Ausdruck deutet er uns an, was sein Stolz war, seine Krone, und sein höchster Ruhm. Zugleich benennt er uns damit den Quell, daraus er all seinen Trost, seine Hoffnung und seine ganze Stärke schöpfte. Dieser Quell war die Liebe, nicht mit der er den Herrn, sondern mit der ihn der Herr umfasste. Und freilich wüsste auch ich etwas Köstlicheres und Begehrenswerteres nicht, als das lebensfrische und wohlbegründete Bewusstsein: „Jesus ist mir gewogen, Jesus liebt mich!“ Welch sanftes Ruhekissen dies in wilder Sturmesnacht! Welch mächtiger Stab und Stecken für die Wanderung durch die Wüste! Welch süßes Labsal in den Gruben, darinnen kein Wasser ist! Und welch ein immer strömender Brunn der Ermutigung im Leben und Sterben! Wer mit Johannes sich unterzeichnen darf: „Der Jünger, die Jüngerin, den oder die Jesus lieb hat“, der hat in dieser Titulatur die sichere Gewähr für Alles, dessen er bedarf, und was sein Herz sich wünschen mag. Müsste er im Übrigen auch sich nennen: „Den Mann, über den alle Wetter gehen“, oder: „den Elenden, den die Welt mit Füßen tritt;“ o, wenn er nur berechtigt ist zu zeichnen: „Der Jünger, den Jesus lieb hat“, was will er mehr? Dieses Bewusstsein vergoldet und versüßt ihm Alles!
2.
Während die Lieben drunten still trauernd zusammenstehen, hängt der große Dulder stumm und verblutend an seinem Holz. Er ist im Heiligtume, und pflegt, das Volk der Sünder auf dem Herzen tragend, göttlichen Priesteramtes. „Ach“, mochte die gebeugte Mutter denken, „wenn Er nur einmal noch seine holdseligen Lippen zu mir öffnen, und nur ein Wörtlein des Abschieds noch mir gönnen wollte!“
Aber wird Er in der erhabenen Stellung, die Er eben einnimmt, auf das noch achten können, was drunten am Fuße Seines Kreuzes vorgeht? Wird Ihm noch Zeit und Ruhe bleiben, an etwas Anderes zu denken, als wie Er sich waffne und wehre gegen die Feuerpfeile des Bösewichts, die Ihn umschwirren, und wie Er das große weltumfassende Werk vollende, mit welchem Er eben in das letzte Entwicklungsstadium eingetreten ist? Kaum möchte mans für möglich halten. Siehe, was begibt sich da? O, wann ereignete sich Holdseligeres und Rührenderes als dies? Wahrlich, bis an das Ende der Tage wird man von dieser Sohneszärtlichkeit noch sagen! Mitten aus seinen Todesfoltern heraus richtet der göttliche Dulder von seiner Kreuzeshöhe her mit einem Male den Blick auf das zusammenstehende Häuflein der Getreuen drunten, und wer in seinen Augen zu lesen weiß, liest darin eine Teilnahme und eine tröstende, aufrichtende und ermutigende Liebe, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Nein, Freunde, was immer es auch für Ihn Großes zu bedenken und zu beschicken gebe, seine Kindlein verliert er nicht einen Augenblick aus dem Gesichtskreise seiner fürsorgenden Beachtung. Was Er auch in seinem Regimente Weites und Unermessliches zu überschauen und zu bewachen habe; dennoch wird in Ewigkeit kein Augenblick erscheinen, da nicht unter all' seinem Walten im Großen, zugleich, ja vorzugsweise das Auge seiner Liebe auf den Einzelnen ruhen wird, die ihm der Vater gab. Sie sind sein erstes Augenmerk, ob sie auch der Zahl oder dem äußeren Ansehen nach zu dem, was er sonst zu regieren, oder zu versorgen hat, wie vereinzelte Tröpflein zu dem weiten, wogenden Ozean, wie verlorene Blumen zu dem unermesslichen dunklen Urwald, in dem sie stehen, sich verhielten: Er findet die Tröpflein wohl heraus, um sie mit dem Lichte seiner Liebe zu durchstrahlen; Er entdeckt die im Walde zerstreuten, einsamen Blumen, um sie zu pflegen, zu betauen, und seine Brust damit zu schmücken.
Der Herr richtet den Blick zuerst auf seine Mutter, die liebe, die schwer geprüfte. Durch das zum Schächer gesprochene Wort vom Paradiese hatte er freilich auch ihre Blicke und Gedanken schon über Tod und Grab hinweggehoben. Doch blieb die Arme einstweilen, für wie kurze Zeit auch immer, in der fortan für sie entsetzlich verödeten Welt allein zurück; und siehe, auch für diese Erwägung bewahrte sich der Schmerzensmann am Kreuze selbst inmitten seiner Welterlösungssorgen noch Raum in seinem Herzen. Aufs freundlichste sieht er die Tränenreiche an, öffnet den Mund, und spricht, nicht in weicher Zerflossenheit, sondern mit großartiger Ruhe, Fassung und Klarheit des Gemütes, hinwinkend auf den Jünger, auf den die Mutter sich gelehnt: „Weib, siehe, das ist dein Sohn;“ und dann zu Johannes, auf Maria deutend: „Siehe, das ist deine Mutter!“ - Wenige Worte; aber wer erschöpft die Fülle zartsinnigster Liebe und Alles bedenkender Zärtlichkeit, die darin ausgegossen ist? Wie tröstlich musste dem gebeugten Mutterherzen schon die ganze fast heitere Art und Weise sein, in der der Sterbende hier sein Testament vollzog. Der Klang seiner Stimme, und der friedensreiche Blick, der sein Wort begleitete, sagten ihr ja schon: „Maria, dein Sohn ist nicht verloren! Er tritt nach des Lebens Mühsal nur in das selige Vaterhaus zurück, um dort auch dir die Stätte zu bereiten!“
Und nun der Worte Inhalt! Wie wunderzart verkleidete Er in sie sein letztes Lebewohl an seine teure Mutter! Wie fein veranstaltete er durch den dem Johannes gegebenen Wink, dass die schon schwer genug Geprüfte nicht auch noch Zeuge sei des letzten und härtesten seiner Kämpfe; und mit welcher Fürsorglichkeit geht er zugleich auf alle, auch die unscheinbarsten Bedürfnisse der Verwaisten für das Stück armen Erdenlebens ein, das sie noch vor sich hatte! Fürwahr, wenn je dem göttlichen Gebote: „Du sollst Vater und Mutter ehren“ eine tiefe und umfassende Genüge geschehen ist, dann hier auf Golgatha!
Man hat befremdet wohl gefragt, was den Heiland bewogen habe, bei der Anrede an Maria statt des zärtlichen Mutternamens des fremder klingenden Wortes „Weib“ sich zu bedienen; und wenn auf diese Frage geantwortet wurde, er habe dies getan, teils, um durch den süßen Mutternamen die Wunden ihres blutenden Herzens nicht noch tiefer aufzureißen, teils, um in sich selbst nicht einen Sturm menschlicher Empfindungen heraufzubeschwören; teils aber auch, um die Mutter nicht den Rohheiten des umherstehenden Haufens bloßzustellen, so hat dies Alles sicher seine Wahrheit. Der Hauptgrund aber, aus welchem er statt des Mutterlautes den allgemeineren Gattungsnamen „Weib“ oder „Frau“ gebrauchte, liegt hier, wie in der bekannten Szene auf der Hochzeit zu Kana, ungleich tiefer. Er wollte allerdings der Maria zu verstehen geben, dass hinfort das irdische Sohnesverhältnis, in welchem er seither zu ihr gestanden, einem höheren weichen müsse. „Du, meine Mutter“, wollte er sagen, „wirst fortan meiner Töchter eine sein, und ich dein Herr! Du glaubst hinfort an mich, und ich werde dich segnen! Du erfasst meines Gewandes Saum, und ich vertrete dich! Du betest mich an, und ich bin dein Hoherpriester und dein König! Mutter, Bruder, Schwester sind fortan mir Alle, die huldigend zu meiner Fahne schwören. Die Beziehungen nach dem Fleische und der Weise dieser Welt haben ein Ende, und andere, geistigere, himmlische treten an deren Stelle!“
- Seht, dies war's, was der Herr der Maria zu bedenken geben wollte; und daher das nur auf den ersten Anblick befremdliche „Weib“ statt des trauteren und zärtlicheren „Mutter.“ Ja, es ziemte sich jetzt umso weniger mehr für ihn, sie „Mutter“ zu nennen, da dieser Name im Hebräischen zugleich den Nebenbegriff einer „Herrin“ in sich schließt, er aber eben sich anschickte, als der Herr aller Herren den Thron der ewigen Majestät zu besteigen. Doch wenn er auch die liebe Maria aus dem Kreise ihrer rein menschlichen Mutteranschauungen in einen höheren Anschauungskreis hinaufzuheben sich bemüht, so vergisst er darum doch weder, dass er ihr Sohn, noch dass sie seine teure, schwer geprüfte Mutter sei; und bedenkt zugleich, dass der Mensch in seiner Schwachheit des Menschen bedürfe, und neben Gottes Herzen auch mindestens ein Herz auf Erden besitzen müsse, in das er vertraulich das seinige ausschütten, und auf dessen Liebe und Treue er unter allen Umständen fest zählen dürfe. Aus diesen Gründen will er in kindlicher Fürsorge, so weit es immer tunlich, der Maria auch menschlich die Lücke wieder ausfüllen, die sein Heimgang in ihrem Leben zurückließ, und will ihr auch in irdischer Weise statt Seiner wieder einen Sohn zur Seite geben, dem sie ihr ganzes Vertrauen schenken, und auf dessen Schultern sie sich in allen ihren Nöten, Sorgen und Kümmernissen lehnen könne. Und diesen neuen Sohn vermacht er ihr in seinem Schoßjünger, dem treuen, seelenvollen Johannes. Ist es nicht, als ob er sagen wollte: „Wohl weiß ich, meine Mutter, wie einsamen, öden Weges auf Erden eine Witwe gehen muss, wenn die Krone ihres Hauptes dahinsank. Aber siehe! Hier ist der Jünger, der an meiner Brust lag, und an dieser Stätte recht eigentlich dazu bereitet wurde, dein Pfleger zu werden und deine Stütze. Er ist zu Allem mir bereit, und der ich nicht Gold und Silber habe, vermache dir all' meine Ansprüche an dieses Jüngers Liebe, Dankbarkeit und Treue. Er sei dein Sohn!“ Wie freundlich dies, wie zart und wie leutselig! So hat er geliebt, „bis an das Ende“; so berücksichtigte er zärtlich alle Notdurft seiner Lieben. Und wie er weiland getan, so tut er heute noch. Er ist „der mitleidige Hohepriester“ bis diese Stunde. Aufs menschenfreundlichste geht er auf alle Bedürfnisse derer ein, die ihm vertrauen, so dass ein Jeder in seinem Stand, dass ihr Witwen, Waisen, Armen, Gebrechlichen, oder welcher Klasse der Mühseligen und Beladenen sonst ihr beigehört, in der besondersten Weise seiner Fürsorge euch trösten dürft.
Nach dem „Siehe, Weib, das ist dein Sohn!“ spricht er zu Johannes: „Siehe, das ist deine Mutter!“ O, welch ein Beweis der Liebe und des Vertrauens, womit der Heiland seinen Jünger hier begnadigt! Eine Last legt er ihm auf; aber er weiß, Johannes werde darin die höchste Ehre und Seligkeit erblicken, die ihm auf Erden hätte zu Teil werden können. Und der Heiland irrt sich in seinem Jünger nicht. Johannes versteht die Weisung seines Meisters, sieht Maria an, und seine ganze Seele spricht zu ihr: „Meine Mutter!“
3.
„Von der Stunde an“, meldet die Geschichte, „nahm der Jünger die Maria zu sich“. Johannes besaß also, und uns zweifelhaft in Jerusalem, ein eigenes Haus. Maria besaß ein solches nicht. Joseph war damals bereits entschlafen. Man dürfte wohl aus unserer Geschichte schließen, dass der Heiland Marias einziger Sohn gewesen sei. Der Ausdruck „der Jünger nahm sie zu sich“ besagt übrigens nach dem Grundtext ungleich mehr, als dass er sie nur in seine Behausung und seine Pflege aufgenommen habe. In sein Herz nahm er sie auf, und hat sie hinfort auf seinen Händen getragen. Es lässt sich ja denken, wie ein Johannes die Maria hinfort geliebt, und mit welcher Zartheit und Treue er sie durchs Leben geleitet haben werde. Gereichte es ihm doch zur höchsten Freude, in ihr einen Gegenstand zu besitzen, an dem er in etwa wenigstens das betätigen konnte, was er an Dank und Zärtlichkeit für den empfand, der ihm für alle Ewigkeit die Seele gerettet hatte. So wuchs der Maria die ganze kostbare Liebesernte zu, die in der Gemütswelt des Jüngers unter dem Tau des Heiligen Geistes ihrem Sohne entgegen blühte. Und weil des Johannes Liebe ja im Grunde nichts Anderes war, als ein heiliger Funke aus Jesu eigener Brust, so wurde Maria durch Johannes nach wie vor mit der Liebe ihres göttlichen Sohnes selber fortgeliebt.
„Weib, siehe, das ist dein Sohn! Siehe, Johannes, das ist deine Mutter!“ O achtet wohl auf diese Worte! Sie enthalten nichts Geringeres, als die Stiftungsurkunde einer neuen Familien-Gemeinschaft auf Erden. In dieser Gemeinschaft ist Christus das Haupt, und alle seine Gläubigen bilden vereint die eine große eng verbundene Hausgenossenschaft. Aus einem Samen gezeugt und mit einem Geiste getränkt, sind sie Alle zu einem Erbe berufen, und es wird sie, die gegenwärtig in der Welt Zerstreuten einst eine Stadt mit strahlenden Mauern umfangen. Sie erkennen einander bald an der gemeinsamen Gesinnung, Richtung, Mundart und Hoffnungsfreude, und lieben sich mit einer Liebe: der Liebe, die aus dem Herzen ihres Hauptes in das ihrige überfloss. So lange sie hienieden weilen, steht ihre Hütte unter dem Kreuz; und ihr tägliches Brot ist Gottes Wort, ihr Odem das Gebet, und der Friede Gottes die Luft, in der sie frei und selig sich bewegen. Der innerste und wesentlichste Familienzug dieser geistlich Verschwisterten ist aber der, dass der Egoismus in ihnen gekreuzigt, und Christus der Mittelpunkt all' ihres Dichtens und Trachtens geworden ist.
Wer den Johannes um die schöne Aufgabe, der Mutter Jesu eine Stütze zu sein, beneiden möchte, der wisse, dass ihm zu gleicher Ehre der Weg geöffnet ward. Er gedenke zurück an den vorhin erwähnten Ausspruch des Herrn: „Wer ist meine Mutter? und wer sind meine Brüder? Siehe da, die an mich glauben, die sind meine Mutter, meine Brüder, meine Schwestern!“ Gelüstet dich denn wirklich nach dem Vorzug des Johannes, so siehst du, dass er auch dir zuteilwerden kann. Sei aus Liebe zu dem Herrn ein treuer Beistand seiner Kinder: die Hungernden speise, die Dürstenden tränke, und namentlich besuche fromme Witwen in ihrer Verlassenheit, und du übst den „Mariendienst“, der allein ihm wohlgefällt. Ja, werde der Lahmen unter seinen Gläubigen Fuß, der Blinden Auge, der Waisen Rat und Versorger; und auch du vertrittst, wie dort sein Jünger, Seine Stelle auf Erden. Allerdings sah sich Johannes „neu durch die neue Pflicht ans Leben geknüpft“, aber du siehst, dass, wenn du nur willst, das Leben auch für dich in gleicher Weise neuen Reiz gewinnen kann. Liege dem himmlischen Friedensfürsten nur darum an, dass er auch dir für seine stille geheiligte Hausgenossenschaft die Augen öffnen wolle; und wie er dann zu letzterer, seiner geistigen Gemeine, um deren Liebe für dich werbend, sprechen wird: „Siehe, Weib, das ist dein Sohn;“ so wird er bald unter Hindeutung auf irgendeine seinem Herzen teure Schar Mühseliger und Beladener an dich die Worte richten: „Siehe, das ist deine Mutter!“
Ja, Freunde, wenn es überhaupt auf Erden besser werden, und der Welt ein goldenes Zeitalter kommen soll, so kann dies nur durch das Christentum geschehen. Denn sagt selbst, was der Welt noch fehlte, um ein Himmelreich zu sein, wenn jene zarte, tiefe, selbstverleugnende Liebe, wie wir sie Jesum heute betätigen sahen und empfehlen hörten, die Königin in aller Menschen Herzen wäre? Nun ist es aber mit dem ganzen Christentum ja nur darauf abgesehen, dass Christus in jedem einzelnen Sterblichen Gestalt gewinne. Denkt euch aber: jeder Einzelne ein lebensfrisches Spiegelbild des Schönsten der Menschenkinder, wie Er, Gott lebend, und die Brüder liebend, wie Er! O wahrlich, das höchste und herrlichste Ideal menschlicher Gemeinschaft wäre so verwirklicht! Überzeugt euch denn, dass ihr nicht bloß, damit ihr jenseits selig werdet, sondern auch schon, damit die Erde wieder zum Paradiese sich verkläre, zu Jesu geladen und gelockt werdet; denn, - an Johannes nehmt ihr's wahr, wer in lebendigem Glauben an Jesu Herz sich wirft, trinkt bald auch aus Seinem Herzen Seine Liebe.
Wir scheiden von unserer holdseligen Geschichte; doch muss ich vorher noch eines Vorfalls gedenken, der sich vor mehreren Jahrzehnten in Paris ereignete. Hier hatte sich eine Gesellschaft gebildet, zu der sich wöchentlich die berühmtesten Ungläubigen der damaligen Zeit einzufinden pflegten, um, wie sie sich ausdrückten, die „Abgeschmacktheiten der Bibel aufzudecken“, und sie zum Gegenstand ihres Gespöttes zu machen. Eines Abends aber, als diese Menschen wieder recht bei ihrem Werke waren, und zu ihrem teuflischen Zwecke einige Abschnitte der Evangelien vorgelesen hatten, hub plötzlich der bekannte Philosoph Diderot, der bisher selbst nicht der letzte und wortkargste unter den Lästerern gewesen war, mit einem Ernste, den man an ihm nie gewohnt gewesen, an: „Es verhalte sich nun, meine Herren, mit diesem Buche, wie es wolle, das gestehe ich frei zur Steuer der Wahrheit, dass mir Niemand, weder in Frankreich, noch irgend sonst wo in der Welt, bekannt ist, der mit mehr Kunst und Talent zu schreiben und zu reden vermöchte, als die Fischer und Zöllner, die diese Geschichten hier geschrieben haben. Ich wage zu behaupten, dass auch keiner von uns nur in annähernder Weise eine Erzählung zu schreiben im Stande ist, die so einfach sei, und zugleich so erhaben, so frisch und rührend, und von so gewaltiger Wirkung auf das Gemüt, und von so ungeschwächt durchhaltendem Einfluss auch nach Jahrhunderten noch, wie jeder einzelne und auch der unscheinbarste Bericht über das Leiden und Sterben Jesu Christi vor uns dasteht!“ - Er sprach's, und mit einem Male war statt des Lachens, das kurz zuvor noch den Saal durchdröhnte, ein allgemeines, tiefes Verstummen eingetreten. Man fühlte die Wahrheit jener Rede, und fühlte wohl noch etwas mehr, als das. Schweigend ging man auseinander, und lange währte es nicht, da hatte die ganze Gesellschaft der Lacher sich aufgelöst.
- Sagt aber, ob auch ihr nicht heute wieder Alle bei der kleinen Szene, die wir betrachteten, Ähnliches empfunden habt, wie damals jener ungläubige Franzose? Ja, nichts in der Welt trägt so den Stempel urfrischer, geschichtlicher Wahrheit an der Stirn, als das Evangelium; und was es immer Schönes auf Erden geben mag, wer Augen hat, zu sehen, wird eingestehen müssen: das Schönste, Hehrste, Heiligste sei und bleibe die evangelische Geschichte.
Schwebe uns denn das heute in derselben angeschaute holde Bild seiner Liebe stiftenden Liebe am Kreuze unverrückt vor Augen, und helfe es auch in unserer Mitte die überirdischen Verwandtschaftsbande knüpfen, die Zeit und Tod überdauern werden. Allaugenblicklich erinnre uns dieses Bild an die erste und herrlichste Aufgabe unseres Lebens; den Herrn Jesum lieb zu haben in den Seinen, bis auch an uns eine Wahrheit geworden das Wort des Sängers:
Sie wallen mit vereinten Herzen,
Der Welt von innen unbekannt.
Sie kennen keine Trennungsschmerzen.
Eins reicht dem Anderen seine Hand.
Sie wollen sich mit Freuden dienen,
Mit Herz und Auge, Hand und Fuß,
Bis zu dem völligen Genuss
Des großen Wortes: „Ich in ihnen!“ - Amen.