Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLIX. Vater, vergib!
Mahnend an den siebenstimmigen Posaunenakkord, unter dessen mächtigem Schalle einst, wie Josua 6, 4 berichtet wird, die Mauern Jerichos zusammenstürzten, und der hierdurch den Israeliten den Eingang ins gelobte Land eröffnete, durchtönen das geheimnisvolle Dunkel der Passionsgeschichte sieben Worte, die Größeres bewirkten, als das Geschmetter bei Jericho, und die wie sieben wunderbare Glockenklänge daherziehen, der fluchbeladenen Welt ihre Erlösung, den Mühseligen und Beladenen den Sabbat Gottes einzuläuten. Wie sieben Himmelslichter blitzen sie auf, diese Worte, und beleuchten uns das Heiligtum des Herzens Jesu, und zugleich die innersten Tiefen des Kreuzgeheimnisses. Sieben Blüten erschließen in ihnen sich an dem dürren, schauerlichen Kreuzesstamm, zwar blutbetaut, aber darum gerade himmlische Freude und Erquickung hauchend. Die einzelnen Töne der siebenfachen Harmonie begegnen uns verteilt in den vier Evangelien. Keiner der Evangelisten hat die Worte alle; sondern der eine bewahrte uns diese, der andere jene. Auch dieser Umstand gehört mit zu den Zeugnissen, dass die vier Bücher, die sie uns hinterließen, ein Ganzes bilden. Vier Stimmen, aber nur ein Chorus, nur eine schon durch ihren Siebenklang als heilig bezeichnete Symphonie. Dass dem Lukas die Aufzeichnung des ersten jener Worte zufiel, entspricht seinem apostolischen Sonderberufe; denn vorzugsweise war ihm die Aufgabe gestellt, Christum als den barmherzigen Sünderfreund uns vorzuführen. Und wie verherrlicht sich der Herr in dieser Eigenschaft namentlich in dem Auftritte, bei dem wir heute auf unserem Betrachtungsgange. angelangt sind. - Seine große hohepriesterliche Fürbitte tönt uns an. Ich weiß nicht, was vor unserem Ohre Erwünschteres und Süßeres verlauten könnte!
Matth. 27, 32-44. Mark. 15, 32, Luk. 23, 34. 35. 37.
Und die vorüber gingen, lästerten ihn, und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Pfui dich! wie fein zerbrichst du den Tempel Gottes, und baust ihn in dreien Tagen! Hilf dir nun selber! Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuze! Desgleichen auch die Hohenpriester verspotteten ihn untereinander, samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Anderen hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Ist er Christus, der König in Israel, so steige er nun vom Kreuze, dass wir sehen, so wollen wir ihm glauben. Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn es ihm gefällt; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn, der Christ, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm, und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Desselbigen gleichen schmähten ihn auch die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Wir treten in die Schauernacht des Hügels Golgatha zurück; doch heute nur, um dieselbe von einem Sonnenstrahl der Erbarmung durchzuckt zu sehen, wie ein beseligenderer die sündige Erde niemals angeleuchtet hat. In der Fürbitte des Blutenden am Kreuz entfaltet dieser Strahl seinen Glanz. In ihr wirft zugleich der göttliche Dulder von seinem Holz herab die erste Frucht seiner Passion der Menschheit, die zu erlösen Er gekommen, in den Schoß. Versenken wir uns mit unserer ganzen Andacht in das bewunderungswürdige hohepriesterliche Gebet, und nachdem wir uns den Inhalt desselben vergegenwärtigt haben, betrachten wir den Berechtigungsgrund, auf dem die Bitte fußt, und endlich die Schranken, innerhalb deren sie Erhörung findet.
Sei der Herr nicht ferne von uns, und schaffe Er dem Worte seiner Gnade einen reichen Wiederhall in unseren Herzen!
1.
Entsetzlich geht's auf Golgatha her. Ein Chor aus dem Abgrund herauf braust dem himmlischen Chore voran. Die Macht der Finsternis erschöpft sich in Ergüssen der Wut und Lästerung; und wehe! dass gerade die Männer, deren Beruf es ist, das Heilige zu hüten, als die eifrigsten Werkzeuge der Hölle sich erfinden lassen! Ohne es jedoch zu ahnen, verfehlen diese Belialskinder ihres Zweckes doch. Sie beabsichtigen den Mann am Kreuz herabzuwürdigen, und müssen ihn nur verherrlichen. Sie sind darüber aus, Ihm die letzten Reste seiner Krone vom Haupt zu reißen, und heben nur die Schleier von seiner Majestät. Vernehmt die Spottreden, mit denen sie den Heiligen begeifern; aber bemerkt zugleich, wie diese Ausbrüche bei Licht besehen nur die ehrendsten Zugeständnisse für Ihn enthalten. „Er hat Anderen geholfen“, beginnen sie, „und kann ihm selbst nicht helfen!“ Fürwahr! dies unumwundene Bekenntnis seiner Hasser, dass er „Anderen geholfen“ habe, ist von hohem Gewicht, indem es der geschichtlichen Wahrheit der messianischen Wunder, Heils- und Erlösungstaten Jesu, die uns die Evangelien berichten, ein neues Siegel der Beglaubigung aufdrückt. „Er hat Gott vertraut“, fahren sie fort. Ermesst hiernach, Geliebte, wie unzweideutig sich in seiner ganzen Erscheinung sein gen Himmel gekehrtes und Gott ergebenes Wesen ausgeprägt haben müsse, dass es selbst einer stumpfsinnigen Brut, wie jene Nichtswürdigen, nicht verborgen blieb! „Er hat gesagt“, rufen sie, „Ich bin Gottes Sohn, der Auserwählte Gottes!“ Kann es uns anders, als höchst willkommen sein, auch durch seine grimmigsten Gegner es bestätigen zu hören, dass der Herr sich selbst für den Sohn Gottes erklärt, und also mit dem Geheimnis seiner ewigen Geburt nicht hinter dem Berge gehalten habe? „Der du den Tempel zerbrichst“, zischeln sie weiter, „und baust ihn in drei Tagen, hilf dir nun!“ Seht, wie sie auch das besiegeln müssen, dass er auf das Bestimmteste seine Auferstehung von den Toten vorherverkündigt habe. Nicht minder beglaubigen sie durch ihr: „Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun herab vom Kreuze“, dass der Heiland sich wirklich und wiederholt diese bedeutsamen Titel beigelegt habe. Was beginnen sie also, die lästernden Buben? Sie wollen in ihrem Grimm einen Edelstein zerschlagen, und geben demselben, indem sie ihn zertrümmern, nur Raum, in seinen funkelnden Splittern noch erst recht seine Echtheit zu bewähren. Sie zerpflücken in ihrem Zorne eine Wunderrose Gottes; aber bringen gerade dadurch nur, ohne es zu ahnen, den Glanz und Schmelz der einzelnen Blätter dieser Blume des Himmels erst recht zur Erscheinung.
Der Herr vernimmt an seinem Kreuze die giftigen Stachelreden, die von unten her zu ihm herausschallen. Er weiß, woher sie kommen, und wem die Lästerer, ohne dass es ihnen kund ist, als Organe dienen. Er hört aus ihren Wutergüssen nur einen roheren Wiederhall jener Zumutungen heraus, mit denen der Versucher, der Fürst des Abgrunds, einst in der Wüste Quarantania an ihn herantrat. Wie aber dort, so ist auch hier das Bewusstsein, dass er auf einer von seinem himmlischen Vater Ihm gewiesenen Straße sich befinde, der undurchdringliche Schild, mit dem er alle jene Feuerpfeile des Bösewichts auffängt und entkräftet. O, dass wir einen Blick jetzt in sein Inneres werfen könnten! Aber tiefes Schweigen verhüllt uns dasselbe gleich einem Tempelvorhang. Ob in diesen Momenten, da das Maß der wider ihn ausgeschäumten Kränkungen überlief, die Glut einer heiligen Entrüstung in Ihm empor schlug? Ob durch seine Seele jetzt Donner rollten, wie das „Anathema Maranatha!“ des Apostels? Ob sein Herz mit einem „Vergilt den Bösewichtern nach ihren Werken!“ an den sich wandte, der sich einen „Rächer der Bösen „ nennt? und ob in den Tiefen seines eigenen Gemütes wohl ein richterliches „Wehe!“ verlautete wider die Kinder Belials, die Fluchwürdigen? Wäre es der Fall gewesen, seine Heiligkeit würde dabei rein ausgegangen sein, und selbst die Hölle hätte Ihm die Ehre geben müssen, dass Er Recht daran tue, von der Erlösung einer Brut, wie das Geschlecht der Kinder Adams, für immer abzustehen.
Doch stille! - Seht, seine Lippen bewegen sich! - Er will reden. Was werden wir nun vernehmen? Wird etwas der eben bezeichneten Art vom Kreuze nieder donnern? Man möchte es erwarten. Seht, Er öffnet seinen Mund. Aber was ist das? Dürfen wir unseren Ohren trauen? „Vater“, beginnt er; doch wie weiter? Etwa: „Überhebe mich dieses Kelchs?“
Nein, nein, den Kelch trinkt er gern. Weiß Er doch, warum Er ihn leert. So denn: „Vater, lindere meine Not?“ Auch nicht einmal das! An sich denkt der Dulder gar nicht, sondern nur an seine Peiniger, an seine Mörder. Und was beansprucht er für diese? Das Gericht? Behüte! So denn Schonung etwa und Milderung ihrer Strafe? - Freunde! es betet in dem Blutenden ein König, und der spendet, wo er schenken will, nichts Halbes. „Vater“, ruft er, „vergib ihnen!“ - Wie? wirklich? ihnen? Wen meint er? - Die Satansknechte doch wohl nicht, die ihn ans Kreuz geschlagen? Doch nicht die herzlosen Tiger, die jetzt noch mit den giftigen Bissen ihres Spottes Ihn zerfleischen? Ja, sie sind es, sie, die er bei seiner Fürbitte im Auge hat. Für sie begehrt er Gnade und Vergebung! Wir senken unser Haupt und beten an. Welch ein Wort das: „Vater, vergib ihnen;“ und in dem Worte, welch' eine Tat! Ja, diese Tat ist größer, als die glänzendsten Wunder, mit denen er wie mit leuchtenden Denkmalen seinen Weg durch die Welt bezeichnete. Wohl schön war Christus in dem Verklärungsakte Tabors; aber hier strahlt Er in noch hehrerem Lichte. „Vergib ihnen!“ O, ist es möglich? Mit diesem Worte, das so ehrlich gemeint ist, wie es klingt, bedeckt er die schuldbeladenen Häupter seiner Mörder selbst mit dem goldenen Schild der Liebe, um gegen die Geschosse des wohlverdienten Gotteszornes sie zu sichern.
Mit diesem Worte, das selbst die Engel in anbetendes Erstaunen versetzen musste, nimmt er die Bluthunde in die Arme seiner Barmherzigkeit, und trägt sie zu den Thronesstufen seines Vaters empor, um sie seiner Gnade zu empfehlen. Denn wisst, das „Vergib ihnen!“ heißt im Munde Jesu nicht bloß: „Rechne ihnen nur diese an mir begangene Mörderschuld nicht zu.“ Nein, wo Jesus sein: „Vergib!“ spricht, da umschreibt es einen weiten, weiten Kreis, und umfasst tilgend das ganze Schuldregister. In Seinem Munde heißt das „Vergib“: „Versenke das ganze Sündenbild ihres Lebens in des Meeres Tiefe, und gedenke keines ihrer Fehle mehr; sondern betrachte die Sünder hinfort als rein vor Dir, und verfahre mit ihnen als mit Heiligen!“ Es gibt Menschen auf Erden, für die Niemand mehr beten mag, weil sie gar zu tief versanken. Es gibt solche, die nicht einmal selber mehr für sich zu beten wagen, weil ihr Gewissen ihnen zeugt, dass Nichtswürdige, wie sie, auf Erhörung nicht mehr rechnen dürften. Welch eine Aussicht wird Leuten dieser Gattung hier eröffnet! Ach, wenn denn für sie auf Erden auch kein Herz mehr schlägt, so mag ja das Herz des Königs aller Könige noch für sie schlagen. Wenn unter ihren Freunden denn auch keiner mehr sich findet, der ihrer fürbittend gedenken mag, so schämt sich vielleicht der Herr der Herrlichkeit noch nicht, ihren Namen zu des Vaters Thron zu tragen! O, welche Hoffnung erblüht auf Golgatha der Sünderwelt! Und wenn der große Fürsprecher dort für einen Missetäter eintritt, wie schlägt das durch! Protestiere eine ganze Welt: Er betet selig, wen er will. Mit unabweisbarer Macht dringt seine Stimme an des Ewigen Herz. Seine Anliegen sind Gebote, Berge von Sünden zerstieben vor Seiner Fürsprache. - Wie höchst bezeichnend und tief bedeutsam ist es, dass der Herr mit jenem „Vater, vergib!“ den Siebenklang seiner Kreuzesworte eröffnet! Dieses „Vergib“ beleuchtet uns nicht bloß den Himmel der Leutseligkeit und Liebe, den er im Busen trägt; zugleich zuckt's wie ein erhellender Blitz durch das Dunkel der ganzen Passionsnacht, und entziffert uns die geheimnisvolle Stellung, welche der Heilige Israels hier als Bürge, Mittler und Hoherpriester einnimmt.
2.
„Als Hoherpriester?“ fragt ihr. Freilich ja! Fühlt ihr's doch alle, dass er nur in Eigenschaft eines solchen eine Bitte wie diejenige wagen konnte, die uns eben aus seinem Munde anklang. Von seiner eigentümlichen göttlichen Beamtung abgesehen, erschien jene seine Bitte als ein Titanensturm gegen die Ordnung Gottes; ja, als ein empörerischer Versuch, den Thron des Allmächtigen von seinen Grundfesten1), welche Recht und Gerechtigkeit heißen, herunterzusetzen. Wie kann der heilige Gott mit Sündern verkehren? Darf Er etwas Anderes, als ein: „Hinweg von mir, Befleckte!“ für sie haben? Wie darf der Gott der Gerechtigkeit Missetäter behandeln gleich Gerechten? Muss Er nicht, wenn Er sich selbst nicht widersprechen will, „einem Jeglichen vergelten nach seinen Werken?“ Wie ziemt es dem „Gott der Weisheit“, blindlings in den Menschenhaufen hinein zu greifen, um den, den Er gerade erhascht, zu Seiner Herrlichkeit zu erheben? Gebührt sich's nicht vielmehr, dass Er fürsorglich sichte und scheide; und wäre es nicht ohne dies um seinen Ruhm, ein Gott der Ordnung zu sein, geschehen? Vermag der wahrhaftige Gott Gesetze zu geben und Drohungen ergehen zu lassen für die Übertreter, um dennoch, wo wirklich das Gesetz mit Füßen getreten ward, sein „Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in Allem“ begnadigend zu brechen und zurück zu nehmen? Unmöglich!
- Will Er nicht selbst gegründeter Anklage verfallen, so muss Er trotz alles menschlichen „vergib, vergib“ Fluch zahlen, wem Fluch gebührt, und Zorn, wem Zorn. Alles dies steht felsenfest. Und dennoch - Seht, dort hebt es seine Flügel dem Thron der Majestät entgegen, das große „Vergib!“ vom Marterhügel, und durchkreuzt dem Anscheine nach alle jene ewigen und unantastbaren Satzungen und Schranken. Ja, die Berge Sinai und Ebal schiebts zur Seite, und beachtet den Cherub des Gesetzes nicht, der die Pforte des Paradieses hütet und beordert ist, nur Gerechte einzulassen. Unbekümmert um das Flammenschwert desselben schwingt sich's mit scheinbar unerhörter Kühnheit über die ehernen Wälle der tausendfachen göttlichen Fluchdrohungen hinaus, welche den Unreinen unerbittlich den Zugang zu Gottes Wohnungen versperren, und verlangt in grellstem Widerspruch mit der unauslöschlichen Aufschrift über dem ewigen Heiligtume: „Ich will den aus meinem Buche tilgen, der an mir sündigt“, für Rebellen, Gotteslästerer und Mörder Begnadigung, ja den Einlass in die Behausungen der seligen Gotteskinder. Solches tut das „Vergib!“ „Und wäre doch kein Himmelssturm?“ -
Ja, Freunde, es ist ein solcher; aber ein wohlberechtigter, ein tief gegründeter, ein heiliger! Die Gnade begehrende Liebe am Kreuz ist auch eine allen Gottesordnungen untertänige Liebe. Was etwa von Schein der Vermessenheit ihr anhängt, ist nichts, als eben Schein. Sie weiß, was sie tut, indem sie ihr „Vergib!“ zu dem emporruft, bei welchem „kein Wechsel ist des Lichtes, noch der Finsternis.“ Sie ist sich der „Ziemlichkeiten des Hauses Gottes“ in dem Augenblicke wohl bewusst, da sie Segen und Freiheit für Leute begehrt, die das Gesetz verdammt und zur Hölle verweisen muss. Sie richtet sich mit ihrer Bitte nicht an eine göttliche Willkür, die nicht existiert; sondern appelliert wie an Gottes Barmherzigkeit, so zugleich an seine Gerechtigkeit. Ihr „Vergib“ stößt keine der göttlichen Ordnungen um, sondern lässt sie alle unversehrt und unangetastet stehen. Ja, sie ist so weit entfernt, zu wollen, dass der Allmächtige irgendwie sich selbst, oder sein Wort verleugne, dass sie vielmehr Gottes Ehre als das höchste und letzte Ziel all' ihres Tuns und Trachtens im Auge hat. „Aber kann Gott in Ehren bleiben, wenn er Mörder mit Gnadenkronen lohnen soll?“
- Ja, Freunde, Er kann; und dies ist eben das „kündlich große Geheimnis der Gottseligkeit“, von welchem uns das Evangelium die Siegel bricht, das aber nur dem Glauben sich erschließet. Der Jesus, der hier für seine Mörder bittet, steht eben auch an dieser Mörder Stelle, und vertritt sie. Haben sie das Gesetz gebrochen, so ist er der Bürge, der es an ihrer Statt erfüllt. Sind sie die des Todes Schuldigen, so ist er das Lamm, das sich für sie von Gott zur Sünde machen ließ, damit die Sünde ihnen nicht mehr zugerechnet werde. Beluden sie sich mit dem Fluche des Gesetzes, so ist er der Mittler, von dem geschrieben steht: „Christus hat uns erlöst vom Fluche des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns.“ Sind sie nach Gottes Recht den Mächten der Finsternis verfallen, so gibt er als williges Opfer sich den Feuerpfeilen derselben bloß. Trifft sie das Urteil: „Welches Tages du von diesem Baume isst, wirst du des Todes sterben“, so lässt er dieses Urteil an seiner heiligen Person vollziehen, damit es heißen könne: „Ist Einer für Alle gestorben, so sind sie Alle gestorben.“ „Also Genugtuung, Sühne, Stellvertretung?“ - Ja, Freunde, dies sind die inhaltschweren Worte, welche den Grund der Berechtigung euch bezeichnen, von dem die Fürbitte Jesu getragen wird. Jetzt muss die ganze Welt verstummen, und die Hölle dazu, wenn Gott selbst Lästerer und Mörder, für welche Jesus in den Riss trat, zu Gnaden annimmt. Denn allen Ordnungen des ewigen Heiligtums ist ihr volles Recht wiederfahren, und die Gerechtigkeit im Throne kann nicht Einspruch mehr erheben, wenn die ewige Liebe Sünder segnend an ihr Herz drückt. Wie trostvoll aber und tief beruhigend ist es, die göttliche Vergebungsgnade auf solchen Fundamenten ruhen zu sehen! Jetzt begreifen wir sie wohl, die Betonung vollkommener Gewissheit, Festigkeit und Zuversicht, womit das große Wort „Vater, vergib!“ dahertönt. Der Hohepriester spricht's aus dem Allerheiligsten heraus, und zwar in dem Momente, in welchem er eben die Schuld der Schuldigen bezahlt. Dass er dies wirklich tue, und hierin die wahre Bedeutung seines Leidens zu suchen sei, das will er von seiner Kreuzeshöhe herab ein für Allemal tatsächlich der Sünderwelt vor Augen malen; und darum sendet Er gerade aus seinem Blute heraus dies entschiedene unbedingte Gnadengesuch zu Gunsten der ärgsten Sünder, seiner Mörder, hinauf gen Himmel.
3.
„Aber wie konnte der Herr diese verstockten Bösewichter gerade der göttlichen Barmherzigkeit empfehlen?“ „Verstockte“, merkt euch dies wohl, Geliebte, waren sie mitnichten, die er bei seiner Für bitte im Auge hatte. Für Menschen, die die „Sünde zum Tode“ begangen haben, ist freilich kein Heil und keine Rettung mehr, wie denn auch nach apostolischer Weisung für solche nicht mehr gebetet werden soll. Der Herr weiß aber wohl, was er tut. „Vergib ihnen?“ beginnt, er allerdings ganz allgemein; aber bald beschränkt er selbst seine Worte, und zwar so, dass sich z. B. ein Judas, und gewiss auch manche der Oberen des Volks, aus dem Segenskreise Seiner Fürbitte ausgeschlossen sehen. Dieser Zusatz „Sie wissen nicht, was sie tun!“ zieht die Schranke. Durch ihn hebt der Herr aus dem großen Haufen, der ihn umgibt, eine Auswahl von Menschen heraus, der allerdings die meisten seiner Kreuziger beigehören mochten. Es waren Leute, die nicht, wie jene Pharisäer, die Jesum beschuldigten, die Teufel durch der Teufel Obersten auszutreiben, die Sünde wider den Heiligen Geist begangen hatten, sondern in einer, allerdings nicht unverschuldeten, Verblendung Jesum dem Tode übergaben. Beachtet nun zuerst das erhabene Selbstbewusstsein, dass der Herr auch hier wieder, auf der untersten Stufe seiner Erniedrigung, in dem „Sie wissen nicht, was sie tun!“ kund werden lässt. Denn was ist's doch, das hinter dem mit Nachdruck ausgesprochenen „Was“ verborgen liegt, als ein: „Wenn sie sich's bewusst gewesen wären, dass sie es in mir nicht allein mit einem Unschuldigen und Gerechten, sondern mit dem Herrn der Herrlichkeit zu tun hätten, sie würden mich nimmermehr gekreuzigt haben!“ Dann liegt in dem „Sie wissen nicht, was sie tun!“ der Gedanke: „Vergib ihnen, Vater! Denn indem sie mich hinopfern, zahlen sie ja in meiner Person unbewusst das Lösegeld für sich, und ermöglichen's dadurch, dass Du unbeschadet deiner Gerechtigkeit Dich über sie erbarmen kannst.“
Endlich und vorzugsweise ist das „Sie wissen nicht, was sie tun!“ in demselben Sinne aufzufassen, in welchem ich verstanden werden müsste, wenn ich von Jemandem, den ich aus seiner Not zu retten gekommen wäre, der aber meine Absicht verkennt, und schnöde mich zurückwiese, ebenfalls spräche: „Er weiß nicht, was er tut!“ Es wäre in solchem Falle meine Meinung diese: „Geduldet euch; bald, wenn er inne geworden sein wird, wer ich bin, und zu welchem Ende ich in seine Hütte trat, wird er sich besinnen, und sich schon anders zu mir stellen!“ Ich spräche mit meinem Worte eine Weissagung aus; und eine solche enthält unverkennbar auch das „Sie wissen nicht, was sie tun“, des Herrn. Es liegt darin eine verhüllte Vorherverkündigung der zukünftigen Buße und Umkehr derer, für die er bittet. Wurde ihnen doch auch schon in dem „Vater, vergib ihnen!“ ein mächtiger Antrieb zur Buße mit auf den Weg gegeben, und eine liebliche Brücke zur Sinnesänderung gebaut. Und blickt nur eine kleine Strecke vorwärts, so seht ihr schon, zunächst in dem römischen Hauptmann unter dem Kreuze und dessen Schildträgern, jene Weissagung dem Anfange nach in Erfüllung gehen. Beachtet dann die Volksmassen, wie sie an ihre Brust schlagend von Golgatha nach Jerusalem zurückwogen, und wenigstens teilweise unverkennbare Spuren aufrichtiger Reue blicken lassen. Gewiss waren unter diesen auch sie, denen das ,,Vater, vergib!“ gegolten hatte. Und waren sie unter diesen nicht, dann unzweifelhaft unter den drei Tausend, denen am Pfingstfeste das Wort der Apostel durchs Herz ging. Denn hört dort Petrum reden. „Diesen Jesum“, spricht er, „welchen ihr gekreuzigt habt, hat Gott zum Herrn und Christ gemacht.“ Die Geschichte aber meldet von diesen Kreuzigern: „Da sie das hörten, sprachen sie: Ihr Männer und Brüder, was sollen wir tun?“ Ja, diese waren es, die einstmals nicht wussten, was sie taten.“ Jetzt ward es ihnen kund. O, wie schlug nun nachträglich noch das „Vater, vergib ihnen!“ beugend und zermalmend an ihr Herz! Wie ergoss sich erst jetzt die Liebe, die in jenen Worten einst sich kund gegeben, als eine zerschmelzende Tiegelglut durch ihre Seelen! Wehe, ihren einigen Retter und Seligmacher schlugen sie ans Holz! Wie, dass unter solcher Erwägung ihre Augen nicht zu Tränenquellen hätten werden sollen? Die Buße aber, die dem Vergebungstroste erst den Raum bereitete in ihrem Inneren, vollendete sich dann auch in Hingebung an den Herrn und in Treue gegen ihn bis in den Tod. Seht, so hat das „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ weder die Satzungen der göttlichen Gerechtigkeit, noch die ein für Allemal Seitens Gottes festgestellte Heilsordnung irgendwie verkehrt. Die Gerechtigkeit blieb in ihrem Glanze kraft der Genugtuung des eingeborenen Sohnes, und der Heilsordnung ward in der zu seiner Zeit eintretenden Buße und Bekehrung derer, denen das „Vergib!“ gegolten, ihr volles Recht.
Freuen wir uns denn, geliebte Brüder, dass das begehrenswerteste und unentbehrlichste aller Güter, die göttliche Absolution, die Vergebung der Sünden, so voll und so rechtskräftig uns erworben ward. Was helfen uns alle Schätze der Welt, wissen wir uns im Himmel nicht angeschrieben und beerbt? -
Bedenkt aber, dass die am Kreuz erworbene Vergebung, ob immer sie auch ein reines und freies Geschenk der Gnade sei, doch denen ewig vorenthalten bleibt, die da wissen, was sie tun, indem sie Christo ihr Herz versagen und eben so wenig auch denjenigen zu Teil wird, die in ihrem unwissenden und wahnbefangenen Widerstreben gegen Ihn verharren. Darum auf aus dem Todesschlafe der Sicherheit! dem Pharisäerbetrug Valet gegeben! die Sünde, die uns anklebt, als Sünde verdammt! und dann (Dies ist die Straße, die zum Leben führt,) so bußfertig als gläubig zum Kreuz getreten mit des Sängers Worten:
Erweitre dich, mein Herzens Schrein,
Du sollst ein Schatzhaus werden
Der Schätze, die viel größer sein,
Als Himmel, Meer und Erden.
Weg mit den Schätzen dieser Welt,
Und Allem, was dem Fleisch gefällt!
Ich hab' ein Bess'res funden:
Mein großer Schatz, Herr Jesu Christ,
Ist dieses, was geflossen ist
Aus deines Leibes Wunden! - Amen.