Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLVIII. Die Überschrift.
„Freiheit und Gleichheit!“ hieß das Losungswort des bekannten Aufruhrs der Rotte Korah in der Wüste. Nicht Moses und Aaron allein sollten herrschen, sondern ein Jeder im Volke gleichberechtigt, und „die ganze Gemeine heilig sein.“ Da sprach der Herr zu Mose: „Sage den Kindern Israel, und nimm von ihnen zwölf Stäbe, von jeglichem Fürsten ihrer Väter Häuser einen; und schreibe eines jeglichen Stammfürsten Namen auf seinen Stab. Aber den Namen Aaron sollst du schreiben auf den Stab Levi. Denn je für ein Haupt ihrer Väter Häuser soll ein Stab sein. Und lege sie in die Hütte des Stifts vor der Bundeslade, da Ich euch zeuge. Und welchen Ich erwählen werde, dessen Stab wird grünen, dass Ich vor mir stille das Murren der Kinder Israel, das sie wider euch murren!“
Ihr wisst, der Befehl Jehovas wurde vollzogen. Die Stämme brachten ein jeder seinen Stab, und Moses legte sie an den bezeichneten Ort im Heiligtume. „Des anderen Morgens aber, da er die Hütte öffnete, fand er den Stab Aarons grünen, und die Blüte aufgegangen, und Mandeln tragen.“ (4 Mos. 17, 8.) Er zeigte ihn dem Volke als ein göttliches Zeichen, dass dem Stamme Levi das Priestertum und die Pflege der heiligen Hütte gehöre.
Wir kommen heute auf unserem Betrachtungsgange zu einer Stätte, wo wir in ähnlicher Weise und unter ähnlichen Verhältnissen, wie einst im Lager Israels, ein dürres Holz mit dem Namen eines großen Hohenpriesters bezeichnet finden. Auch Ihm wurde Seitens einer wilden Meutererbande das königliche wie das priesterliche Primat bestritten. - Hat es Gott dem Herrn gefallen, auch Ihm Zeugnis zu geben? Hat auch sein Stab gegrünt, in Blüten sich gekleidet, und Mandeln getragen? - Ich denke: ja; und noch köstlichere trug er, als der Stab Levi. Er hat es den Stäben aller Gewaltigen und Weisen in der Welt an Fruchtbarkeit zuvorgetan. Kommt, Freunde, und beschauen wir uns dieses Wunder in der Nähe!
Matth. 27, 37. Mark. 15, 26. Luk. 23, 38. Joh. 19, 19-22.
Und oben zu seinem Haupte hefteten sie die Ursache seines Todes, was man ihm Schuld gab, beschrieben. Und Pilatus schrieb die Überschrift, und setzte sie oben auf das Kreuz, und war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Und es war geschrieben auf hebräische, griechische und lateinische Sprache. Diese Überschrift lasen viele Juden. Denn die Stätte war nah bei der Stadt, da Jesus gekreuzigt ward. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilato: Schreibe nicht: der Juden König, sondern dass er gesagt habe: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben!
So stehen wir denn wieder auf dem Marterberge. Lautes, wildes Getümmel um uns her. Vom Kreuze des göttlichen Dulders schimmert die Aufschrift uns entgegen: „Jesus von Nazareth, der Juden König.“ Dreifach wurde sie daran verzeichnet, und zwar, auf dass alle Welt sie läse und verstände, in der griechischen, lateinischen und hebräischen Sprache, also in den drei Sprachen der Theologie. Pilatus hatte es so verordnet, teils durch eine dunkle ehrfurchtsvolle Ahnung dazu bestimmt, teils in der Absicht, zu guter Letzt noch den verhassten Juden einen Schlag zu versetzen. Als diese die Inschrift lesen, eilen sie ergrimmt zum Prokurator, und herrschen ihn an: „Nicht, wie du geschrieben hast, darf es heißen! Herunter mit jener Tafel vom Kreuze des Lästerers! Schreibe, er habe anmaßend gesagt, dass er der Juden König sei!“ Pilatus aber entgegnet kurz und entschlossen: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben!“ - Recht so, Pilate! Was du schriebst, schriebst du nicht in Willkür; sondern ein Anderer führte dir dabei die Hand. Geweissagt hast du, wie einst Bileam, und bist mit deiner Aufschrift wider Wissen und Wollen ein Zeuge der Wahrheit geworden!
„Jesus von Nazareth, König der Juden.“ Dieser Titel sei unser heutiges Thema; und in dem gekreuzigten Manne den wirklichen König Israels anzuschauen, sei der liebliche Zweck unserer ferneren Betrachtung. Wir erkennen ihn als den König am Kreuz zuerst an der Majestät, die ihn dort umgibt; dann an den Siegen, die er am Holz davonträgt; zum dritten an der Reichsgründung, die er da selbst vollzieht; zum vierten an den Gerichten, die er dort verhängt, und endlich an dem Regimente, das er vom Holze herab ausübt. Begleite der Herr unsere Erwägung mit seinem Segen, und helfe Er, dass sich die Schrift des Kreuzes in das Mark unserer Herzen übertrage!
1.
Den König Israels willst du schauen! Komm, Freund, und folge mir! Wohin? Nach Jerusalem etwa? Nein, nach dem Marterhügel Golgatha! Siehst du den Mann dort in seinem Blute schwimmen? - „Wie“, sprichst du, „dieser ein König?“ - Schüttle nicht das Haupt, sondern wisse: Dir nur fehlt das Licht, nicht Ihm die Majestät. Tritt in die Tempelhallen des Alten Testaments zurück und siehe da in heiligen Liedern und Gottessprüchen die Kerzen brennen, die dir Golgatha beleuchten. Zünde deine Fackel an den Psalmen Davids an, in denen du einen großen König klagen hörst: „Sie haben mir Hände und Füße durchgraben, und geben mir Galle zu trinken in meinem Durste;“ und er bleibt doch ein König! - Vernimm den alten Prophetenspruch des Sehers Jesaias von einem Manne, der zwar „um unserer Missetaten willen werde zerschlagen“ werden, „auf dessen Schultern“ aber nichtsdestoweniger „die Herrschaft sei“, und dessen „Friedens kein Ende werden“ solle auf Erden, Lies Sacharias Wort: „Schwert mache dich auf über den Mann, der mir der Nächste ist!“ und höre den Herold durch die Wüste rufen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Eile mit diesen Lichtern nach der Schädelstätte zurück, und sage, ob dich's noch so sehr befremden kann, über dem mittleren der drei Kreuze die Schrift zu finden: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“ Eine ganze Wolke heiliger Zeugen umgibt gesenkten Haupts das Kreuz: ehrwürdige Gestalten, erprobte Heilige; Patriarchen und Seher, Sänger und Propheten, Könige und Priester. Nein, diese macht das Königsbild in seinem Blut nicht irre. Anbetend, und nicht stutzend, lesen sie die Schrift der Kreuzestafel: „Jesus von Nazareth, König der Juden.“
Fragst du, wo denn die Majestät dieses Königs sei? Fürwahr, sie ist vorhanden, wenn auch augenblicklich wie der Goldglanz der Bundeslade unter den Widderfellen. Ärgere dich nicht an der dunklen Wolke, die Ihn umgraut! Der Blick des Glaubensauges dringt durch sie hindurch, und begegnet in duftigem Hintergrunde einem Regenbogenkranz von Engelhäuptern und Seraphsangesichtern. Sehen sie traurig, weil ihres Königs Auge im Tode bricht, so tragen sie doch die Palmen schon in den Händen, mit denen sie Ihn zu seiner Thronbesteigung begleiten werden. Und wer ist dort in den entlegeneren Firnen der himmlischen Welt die leuchtende Schar, die in Anbetung versunken unter den Bäumen des Lebens auf ihren Angesichtern liegt? Die Heiligen Gottes sind's, die schon das Reich ererbten, ehe noch der Herr der Herrlichkeit zur Erde niederstieg. Aber Er sprach, als sie den Staub der Pilgrimschaft vom Fuße schüttelten: „Ich lasse mein Leben für diese Lämmer!“ und auf dieses Königswort hin öffneten sich auch ihnen die Paradiesestüren. Henoch ist's, und Methusalah, Noah und Abraham, Isaak und Jakob, Moses und Elias, und wie sie weiter heißen. Seit lange schon genossen sie die Früchte der Verdienste ihres Bürgen, bevor derselbe noch sein Werk auch nur begonnen hatte. Nun sehen sie Ihn den verheißenen Sold für sie bezahlen, und die Wohnung der Seligkeit, in der sie hausen, mit den Stützpfeilern des Rechtes untermauern. Und was bleibt ihnen übrig bei diesem Anblick, als anbetend vor dem Wunderbaren in den Staub zu sinken, und zu bekennen, dass sie auch mit ihren verklärten Augen die Tiefen einer solchen Erbarmung nicht zu ergründen wüssten?
- Und schaut weiter noch im Geist. Die Menschenherde dort aus allen Völkern, aus allen Jahrhunderten, die Augen sehnsuchtsvoll zum Kreuz emporgerichtet, den Blick voll heiligen Friedens und stiller Hoffnungsseligkeit, wer ist sie, diese in unabsehbaren Kreisen den Todeshügel um drängende Schar? Seine Gemeine ist's, das Volk der Erlösten, überall und zu allen Zeiten die Besten und Edelsten der Menschheit in sich schließend. Seht, Weihrauchschalen in ihren Händen! Von nichts mehr wollen sie wissen, diese Feiernden, als von dem erwürgten Lamme. Herrliche Bekränzung des Marterberges! Lieblicher Ehrenbogen um den Kreuzespfahl!
- Wisst, dergleichen Gesichte sieht der Glaube, der die Schleier zu heben versteht, und in das Inwendige schaut. Und wie er diese Bilder sieht, verwandelt sich das Kreuz vor ihm in einen Thron, in ein Diadem der Dornenkranz um des Schmerzensmannes Stirn; und mit ehrfurchtsvoll gebeugtem Knie liest er die Pilatusinschrift: „Jesus von Nazareth, der Judenkönig!“
Ja, es gibt sich am Kreuze eine Majestät kund, zu deren Erkennung es des Glaubensauges nicht einmal bedarf; eine Majestät, wie diejenige der aufgehenden Sonne, wenn eben noch die Schatten und Nebel drunten ihr Wesen trieben, als wäre ihnen auf Erden das Reich beschieden. Aber nun tritt sie hervor, wie ein „Bräutigam aus seiner Kammer“, und schreit nicht, noch lässt sie ihre Stimme hören auf den Gassen; und nichtsdestoweniger jagen die Schatten vor ihrem Angesicht auseinander, und die Nebel zerrinnen in nichts unter dem Glanze ihrer Flügel. So betätigt sich des Menschen Sohn an seinem Holz, Er, „die Sonne der Gerechtigkeit mit Genesung unter ihren Flügeln.“ Welch ein satanischer Rauchqualm um ihn her! Welch wüstes, höllisches Nachtgewölke, das Ihn umgibt! Hört dieses Hohngeschrei aus den aufgerissenen Mäulern des Volks und seiner Führer: „Er hat Anderen geholfen, er helfe ihm selber, ist er der Christ, der Auserwählte Gottes! Bist du der Juden König, so zeig's, und steig' herab vom Kreuze!“ Aber seht den Verhöhnten, wie unter dieser Höllenbrandung in seinem heiligen Königsangesichte auch nicht eine Miene sich verändert. Mit erhabener Ruhe schaut er von seiner Höhe darein, und die Lästerer sind beschämt, verwirrt, und fallen in ihre eigenen Schwerter, indem sie, während sie den Herrn der Herrlichkeit zu lästern vermeinen, nur mit lauter Stimme als denjenigen Ihn preisen müssen, „der Anderen geholfen habe.“ Wir gewahren Diese seine königliche Ruhe, diesen übermenschlichen Gleichmut, Diese himmlische Geduld; und angesichts solcher Majestät, die allein schon hinreicht, seine Widersacher zu vernichten, meinen wir die Inschrift auf seinem Holze nur umso glänzender erstrahlen zu sehen: „Jesus von Nazareth, der Juden König.“
2.
Ja, Er ist's! Du erkennst Ihn an seinen Siegen, die Er am Kreuzespfahl erringt, und deren erster als ein glorreicher Doppelsieg erscheint, indem Er ihn über sich selbst und zugleich über den höllischen Versucher davon trägt. Ein mächtiger Anfechtungssturm dringt auf Ihn ein, und zwar in dem aus dem Volk zu Ihm heraufdröhnenden Rufe: „Er hat Anderen geholfen; ist er der Christ, der Auserwählte Gottes, so helfe er ihm selber und steige herab von seinem Kreuze.“ Ein starker Anlauf des Bösewichts; fast ein stärkerer noch, als den er auf der Tempelzinne einst mit seinem „Bist du Gottessohn, so lass dich hinab!“ wider den Herrn wagte. Wie sehr entsprach jenes angeratene: „Steig herunter!“ den Bedürfnissen der menschlichen Natur unseres Friedensfürsten! Folgte Er diesem Winke, so war nicht allein Er selbst mit einem Male von aller seiner Qual erlöst, sondern auch der lästernde Widersacherhaufen auf eine beispiellose Weise aus dem Felde geschlagen, und fast noch unzweideutiger, als es nachmals durch Jesu Auferstehung von den Toten geschah, von dessen Gottheit überführt. Verlockender Gedanke, mit einem Schlage die wütende Rotte verstummen zu machen, und ihre Knie in den Staub zu zwingen! Aber hinweg mit ihm! Jener Rat ist nicht geheuer! Ein Fallstrick ist er; eine Leimrute des listigsten Vogelstellers; ja ein Fels unter dem Wasser, an dem kurz vor der Einfahrt in den Hafen noch das Schiff des ganzen Versöhnungswerks stranden soll. Jesus durchschaut das teuflische Gewebe, und spricht im Geiste: „Hebe dich hinter mich, Satan!“ Nein, nicht heruntersteigen, sondern bluten, opfern und den Sold der Sünde zahlen will Er. Mit erhabenem Schweigen weist Er die Aufforderung ab, und bleibt an seinem Holze. Auch nicht einmal vorübergehend nur hat der Held in seiner Bahn gewankt. Kommt, flechten wir Ihm einen Ölzweig durch die Dornenkrone, und umwinden mit Feierkränzen die Kreuzesinschrift: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
Ja, ein königlicher Sieger hängt in Ihm am Kreuze. Du möchtest denken, Niemand sei besiegter je gewesen, als Er. Aber das Fernrohr des Glaubens belehrt dich eines Anderen. In dem Gemälde, das durch dieses angeschaut sich dir entschleiert, siehst du das Auge Immanuels nicht brechen, sondern zerschmetternde Blitze sprühen; seine Hände nicht gefesselt, sondern frei ein wunderbares Kriegsschwert schwingend; seine Füße nicht im Stock, sondern hinrauschend über einen sturmumtobten Plan. Heiß ist der Streit; wild das Getümmel; ein Kampf der Verzweiflung, der sich entspann, und die Menschheit der Preis, um den die Schlacht geschlagen wird. Die streitenden Parteien der „Fürst über das Heer des Herrn“, und die Hölle. Wie toben und sperren sich die Abgrundsengel! Es soll ihnen der Raub genommen, das Zepter entwand, und das Recht, das sie durch Gottes Gericht über uns gewonnen haben, wieder entrissen werden; und der Mann im Dornenkranze ist's, der ihre Macht bedroht und brechen will. Da bleibt denn im Rüsthaus des Höllenpfuhles nichts unergriffen, was irgend Hoffnung auf Sieg gewährt. Aber der „Held aus Juda“ spottet der „bebenden Lanzen.“ Er blutet, aber dieses Blut ist der Feinde Sturz. Er fällt in der Widersacher Hände; aber dies wird das Mittel, uns aus ihren Händen zu erlösen. Er lässt sich fesseln von den Belials-Rotten; aber seine Ketten gebären unsere Freiheit. Er leert den Zorneskelch; aber nur, damit er ihn für uns mit lauter Gnade fülle. Er lässt sich in die Ferse stechen; aber in demselben Augenblick zertritt er der alten Schlange den Kopf; und nach einer ganz anderen Kriegsregel, als die gewöhnliche, erschlägt er den Feind, wie Simson, mit seinem Falle. Solches tut der Mann am Holze. Mag nun der Eine klagen, dass der „Schönste der Menschenkinder“ so erniedrigt sei, und ein Anderer sich heiser schreien: „Steige herab, und zeige, wer du bist;“ wir klagen und schreien also nicht, die wir mit Glaubensaugen zu schau'n verstehen. Uns dünkt, dass Er nicht herrlicher erscheinen würde, wenn Er, umklungen von Engelharfen, in majestätischem Glanz vom Kreuz herniederstiege, als er dort in seiner Blutgestalt vor unseren Augen schwebt. Wir sehen unseren Michael mit Siegesschmuck bedeckt auf tausend Drachenhäuptern stehen, und rufen, in die Posaune des Triumphes stoßend: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
Ein dritter Sieg wird am Kreuze errungen, von allen der größte und wunderbarste. Ich nenne ihn den Sieg des Gesetzgebers über das Gesetz. Wisst, an Lust und Liebe uns zu retten, gebrach's im Himmel nicht. Im reichsten Maße waren sie vorhanden. Nur fehlte die Berechtigung zu dem großen Werk. Das Gesetz, das heilige und unverbrüchliche, war der Riegel vor der Schatzkammer der Erbarmung. Das Gesetz legte gegen unsere Erlösung sein Veto ein. „Kein Heil den Sündern“, sprach es, „bevor sie zahlten, was sie schulden!“ Und siehe, selbst die ewige Majestät sah sich gebunden durch diesen Einspruch. Aber die himmlische Weisheit wusste Rat, auch diese Fessel rechtmäßig zu lösen. Der ewige Sohn stieg zur Erde nieder, um das Nein des Gesetzes in lauter Ja zu verwandeln. Er ließ sich „unter das Gesetz“ tun, und erfüllte es stellvertretend in einer Weise, dass er auftreten und sprechen durfte: „Wer kann mich einer Sünde zeihen?“ Doch dadurch war der Riegel von den Gnadenschleusen noch nicht weggeschoben. Es galt auch noch Erduldung des Fluchs, dem wir durch Schändung des Gesetzes verfallen waren. Er unterzog sich auch dem, und trank den Zorneskelch. Blieb ein Tropfen darin zurück? „Nicht einer!“ urteilt das Gesetz. Und wie nun der Gnadenruf vom Himmel niedertönt, hat das Gesetz nichts mehr dagegen einzuwenden. Die göttliche Gerechtigkeit tritt ihrer hehren Schwester, der Liebe, das Zepter ab, und zwar ohne hierdurch ihrer eigenen Glorie auch nur im Geringsten etwas zu vergeben. Wir staunen ob dieser Überwindung des Gesetzes ohne Gewalttat im Wege Rechtens, und lesen huldigend die Kreuzesschrift: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
3.
Ja, er ist's! Aber wo ist sein Reich? Eben pflanzt Er's von seinem Holz herab. Diese Blutstropfen dort sind das Gold, um das Er sich sein Volk erkauft, und diese Sterbeseufzer, die seiner Brust entsteigen, die Glockenklänge, mit denen der Geburtstag seines Zions eingeläutet wird.
Nicht dort hat Er sein Reich gegründet, wo Er das Volk um sich versammelte, und predigend zu ihm redete auf dem Berge der Seligkeiten. Nicht dort, wo Er Funken der göttlichen Wahrheit streute durch die Nacht, und vor dem Fackelscheine seines Himmelslichtes die Schatten des Todes auseinanderstoben. Nicht dort, wo Er die finsteren Geister bannte, und durch seine Wunderhülfen Scharen Mühseliger sich zu ewigem Danke verpflichtete. Nicht dort, wo Er mit dem Glanze seiner Taten die Welt entzückte, und sich von den Hosiannas der Begeisterten umklungen hörte. Hätte Er nach diesen Triumphen die Welt wieder geräumt, so wäre Alles beim Alten geblieben auf der Erde, und Er selbst ohne Königreich und Leute. Kein Jerusalem erhöbe sich im Todestal; keine Fahne der Freiheit wehte von Zion; kein Juda Gottes „gen Morgen gelagert“ begegnete unserem Blick, und kein Bruderchor zöge durch die Wüste, und sänge: „Wir reisen nach dem Vaterland!“ Nein, mit Lehre, Predigt und Exempel war's hier nicht getan. Auf „Bundesblut“ musste die neue Stadt gegründet werden. Und es geschah! Die durchbohrten Hände dort am Pfahl des Fluches eroberten die Welt, und bauten inmitten des Reichs der Finsternis das Reich des Lichtes und des Friedens. O Wunder sonder Gleichen! Ja, Pilate, was du geschrieben hast, geschrieben bleibe es für die Ewigkeit: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
4.
Die Juden ahnten nicht, dass Er es sei. Sie wagten zu rufen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Ihr wisst, das Blut ist gekommen, und zwar mit der Stimme, die die Unglückseligen in ihrem Wahnsinn zu hören begehrten. „Wehe“, schrie das Blut, und forderte Rache wider sie vom Himmel. Schaut, was sich ereignet! Schweres Wettergewölk zieht sich über Jerusalem zusammen. Lodernde Kriegesfackeln brechen ins Land. Ein Wald von Feindeslanzen umstarrt die heilige Stadt. Der Tempel geht in Flammen auf. Die Mauern stürzen. Kein Stein bleibt auf dem anderen, und das Blut der Kinder Abrahams fließt in Strömen. Und was dem Schwert entrann, muss hinaus ins Weite, fort von den geliebten Hügeln, von den Gräbern der Väter fort in öde, unwirtbare Fremde. Und Israel bleibt das geschlagene Volk bis diesen Tag, und schleicht nur noch umher als Mumie seiner einstigen Herrlichkeit. Aber nach göttlicher Absicht geschieht's, dass diese achtzehnhundertjährige Salzsäule, dieses Wunder des brennenden Busches, der doch nicht verbrennt, nach wie vor vor unseren Augen dasteht. Dies Volk soll uns in seinem Elend ein bleibendes Denkmal sein, dass der, dessen Blut sie über sich hereinbeschwuren, ein König war und ist, der sich nicht spotten lässt. Und in der Tat, nicht weniger leserlich, als an das Kreuz, ist's diesem Volke mit den Feuerlettern des Gerichtes an die Stirn geschrieben: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“ Doch wir harren einer Zeit, und sie ist nicht mehr fern, da der Herr auch noch in einer anderen und erfreulicheren Weise an diesem alten Bundesvolke es offenbaren wird, dass Er sein wahrer und eigentlicher König sei. Wenn sie einst „weinend kommen werden und betend“, und Er die Verstoßenen „aus dem Lande der Mitternacht sammeln“ und „auf geraden Wegen, längs Wasserbächen hin, sie leiten, und zu ihnen sagen wird: Ich bin Israels Vater, und Ephraim ist mein erstgeborener Sohn:“ dann wird auch der hartnäckigste Unglaube nicht mehr stutzen, sondern ehrfurchtsvoll die Hände falten, wenn er am Kreuz die Inschrift liest: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
5.
Ja, unser König ist er! Vom Holze herrscht Er. Vom Holze führt Er das Regiment in seiner Friedensstadt bis diese Stunde. Wohl hängt Er heute dort nicht mehr; aber wo Er sich dem Glaubensauge darstellt, und, um Großes auszuwirken, in Gesichten sich offenbart, erscheint Er nach wie vor in seiner Blutgestalt, am Holze schwebend. Vom Kreuze her nimmt er die Starken zum Raube, und führt Er in den Sündern das Gnadengericht zur Buße aus. Vom Kreuze her erniedrigt Er die „hohen Augen“, und schmilzt die steinernen Herzen im Feuer seines Liebesblicks. Vom Kreuze her tröstet Er die bekümmerten Seelen, und trocknet die weinenden Augen der Zerknirschten. Vom Kreuze her erweckt Er das Jauchzen in der Hebräer Lager, und ermuntert sein Volk zum Freudenreigen vor der Bundeslade. O, in wie mannigfaltigen Erweisungen tritt es tagtäglich in die Erscheinung, dass Er als der Gekreuzigte der wahre König des geistlichen Israels sei. Ja, der in der Dornenkrone regiert die Welt der Geister und der Herzen, und die größten Wunder, in denen Er auf Erden sich verherrlicht, verrichtet Er mit seinen durchgrabenen Händen. Darum bleibt Golgatha die Stätte unserer Huldigungen, und der Ort, wo wir nicht aufhören, anbetend zu rufen: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
So hat denn in der Tat, so lange die Welt steht, keine Menschenhand etwas Gewisseres und Gegründeteres geschrieben, als was Pilatus höchst providentiell an die Kreuzestafel schrieb: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“ Wartet noch eine kurze Weile, und Zeichen am Himmel, Engelerscheinungen, fallende Sterne, und Gräber eröffnende Posaunenklänge werden es besiegeln. So entfalte ich denn seine blutbenetzte Fahne auch vor dir, Gemeine! und rufe dir als ein Herold Gottes zu: „Schwöre zu diesem heiligen Banner! Huldige dem Monarchen in der Dornenkrone, und beuge auch du mit der Schar, die Niemand zählen kann, ehrfurchtsvoll das Knie vor der Kreuzes-Ausschrift: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“
Eine große, ernste Woche ist's, Geliebte, in die wir miteinander eingetreten sind. Diese Kar- und Gnadenwoche, wie ist sie überschwänglich reich an Weckstimmen, Bußrufen, und Lockungen und Heimsuchungen der Erbarmung! In dieser Woche ging einst der König Israels seine Marterstraße. In dieser Woche brach sein heiliges Auge im Tode für die Sünder. Die ganze selige Bevölkerung des Himmels liegt in dieser Woche um den Stuhl des Lammes auf dem Angesicht. Und eure Knie sollen steif, eure Nacken starr, eure Zungen stumm, und eure Herzen kalt und steinern bleiben? O, das sei ferne! Zu einer Woche der Huldigungen werde sie auch in unserer Mitte! Hier sind meine Hände; wer nimmt sie, und schließt sich mir an, dem Schmerzensmanne Herz und Leben darzubringen? Was bisher fern gestanden, der Sünde verhaftet und der Welt, das trete endlich herzu, und ergieße sich in Reuetränen zu seinen Füßen! Was erst mit halbem Herzen Ihm angehörte, das werde ausgeboren in dieser Woche und ganz Sein eigen! Was längst schon Ihm sich zugeschworen, spreche, den Bund erneuernd, im Blick auf die Urkunde seiner einstmaligen Übergabe mit Pilatus: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben!“ und das grüße sich unter einander frohlockend mit dem Rufe: „Glück zu dem Könige auf dem Kreuzesthrone!“
Brüder, es wird so gar lange nicht mehr währen, so lesen wir's nicht mehr auf dem Holze bloß, sondern in strahlenderen Lettern auf dem wallenden Königsmantel des Wiederkehrenden: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“ O, dass dann Keiner von uns zu den Bergen sprechen müsse: „Fallt über uns!“ und zu den Hügeln: „Bedeckt uns“, sondern ein Jeder mit freiem Gewissen Ihm entgegenjubeln könne:
Sei uns gegrüßt, du Hort
Und Bräut'gam unserer Seelen,
Der du erscheinst, hinfort
Dich ganz uns zu vermählen!
Fahr' immer hin nun, Welt!
Sinkt Sterne, Sonn' und Mond!
Wir haben Ihn ja jetzt,
In dem die Fülle wohnt! Amen.