Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLV. Die Töchter Jerusalems.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLV. Die Töchter Jerusalems.

„Weine nicht!“ rief der Herr nach Luk. 7, 13 jener trauernden Witwe bei Nain zu. In diesem „Weine nicht!“ entschleiert sich uns die eigenste Signatur seiner amtlichen Erscheinung und Wirksamkeit auf Erden. Mit so holdem Gruße näherte er sich überall den mühseligen und beladenen Herzen; und sein „Weint nicht“ war nicht, wie in den meisten Fällen das unsere: ein leeres Wort und ein „leidiger Trost;“ sondern mit Kräften Gottes ging es verpaart und tat Wunder der Heilung. Kam Er ja doch, um die Ursache aller Tränen auf Erden aufzuheben und unsere Klage zu verwandeln in einen Reigen. Auf Grund seiner Verdienste tönt mit vollster Berechtigung und im umfassendsten Sinne durch die Tränenkammern aller göttlich Betrübten jetzt wie Festposaunenhall der Zuruf: „Weint nicht; denn es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda!“

Ein einziges Mal nur während seines ganzen Erdenwandels sprach der Fürst des Friedens „Weint!“ Wie triftigen Grund zum Trauern musste das Auge des Herzenskündigers da entdecken! Wer möchte nicht gern erfahren, was Ihn zu dieser seiner Abweichung von seiner gewohnten Zuspruchsweise zu bewegen vermochte? Nun, Freunde, wir kommen in unserem Betrachtungsgange heute zu der Szene, aus der jenes sein einziges: „Weint!“ zu uns herübertönt, und werden vernehmen, was es sei, um das der Herr gebeut, dass wir weinen sollen.

Luk. 23, 27-31.

Es folgte ihm aber nach ein großer Haufen Volks, und Weiber, und beklagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und eure Kinder, denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: selig sind die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben. Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns! und zu den Hügeln: deckt uns! Denn so man das tut am grünen Holz, was will am dürren werden?

So taucht denn in dem Schauerbilde von nichts als Grausamkeit und Härte, das auf der Straße nach dem Kalvarienberge sich uns darstellt, endlich auch einmal ein Zug der Menschlichkeit auf, der uns in etwa wenigstens das gepresste Herz erleichtern will. Es kommt an den Tag, dass für den Heiligen Israels auch außerhalb des kleinen Kreises seiner Jünger noch nicht alles Mitgefühl erstorben sei. Es geben sich innige Sympathien für ihn kund, ja Tränen des Schmerzes fließen um den hart geprüften Dulder. Doch siehe, Ihm selbst gewähren diese Kundgebungen mitleidiger Teilnahme keine Labung; vielmehr sieht er sich veranlasst, dieselben abzulehnen, ja zu schelten. Dies befremdet uns, ja flößt uns Bestürzung ein; denn wir sehen hier, wie scharfer Sichtung selbst auch die Empfindungen des Wohlwollens für den Herrn noch unterworfen werden, und wie nahe die Gefahr liegen müsse, sich einbilden zu können, man liebe Ihn jetzt mit der Liebe, welche die Seele des neuen Lebens bildet, während man dieser Liebe doch noch völlig bar ist.

Kommt, forschen wir der Ursache nach, aus welcher der göttliche Dulder eine Feier seiner Passion, wie sie in den weinenden Frauen auf seiner Kreuzesstraße Ihm entgegentrat, verwerfen musste; und vernehmen wir sodann, welches diejenigen Empfindungen seien, mit denen er sich auf seinem letzten Gange von uns begleitet sehen will.

Möge es denn dem Heiligen Geist gefallen, uns nicht allein zu dem rechten Begriffe wahrer Passionsandacht zu verhelfen, sondern vor Allem auch das Wesen der letzteren selbst uns bleibend einzuhauchen! Ist's doch Er allein, der dies vermag. Auf dem Boden der Natur wachsen die Blumen nicht, an denen auch das Auge und das Herz Gottes sich erlaben mögen.

1.

Die Straße, die von Jerusalem nach dem Kalvarienberge führt, ist mit Volksmassen bedeckt. Möchte sie es geistlicher und kirchlicher Weise auch noch heute sein! denn eine andere führt nicht zu Heil und Leben. Freilich sind's nicht lauter Passionsfeiernde, die dort zwischen Jerusalem und Golgatha uns begegnen. Vielmehr dürfte solcher nur ein sehr geringes verschwimmendes Häuflein vorhanden sein. Aber lieber entschiedene Widersacher auf der Kreuzesstraße, als diese Straße vereinsamt und leer! Ach, in unseren Tagen, und leider! auch in dieser unserer Stadt, erscheint sie sehr verödet! Auf den Straßen zu den Götzentempeln der Welt und den Tummelplätzen der Augen- und Fleischeslust wimmelt's und wogt's. Wie Viele aber sind's noch, denen höher das Herz zu schlagen pflegt, wenn es zu ihnen heißt: „die Passionszeit ist wieder da, und wir schicken uns aufs Neue an, dem Marterhügel zuzuwandern, wo wir die Gründe unserer ewigen Erlösung legen sehen?“

- Unzählige unter uns, besorge ich, sterben fort und fort des ewigen Todes. Aber akuten Krankheiten erliegen die wenigsten mehr von ihnen. Die Meisten sterben an der Bleich- und Dörrsucht des vollendeten Indifferentismus. Ist's doch mit ihnen allmählig dahin gediehen, dass selbst das Erhabenste unter dem Himmel sie langweilt, und die Worte: Kirche, Gottesdienst, Predigt sie nur noch gähnen machen. Die Unglückseligen! Sie wissen nicht, dass sie in diesen bedenklichen Lebenszügen schon die Brandmale des über sie hereingebrochenen Gerichts, ja die Signaturen, wenn auch nicht schon der Verwerfung, so doch der Verwerflichkeit an sich tragen. Der Satan selbst scheint diese Menschen irgendeines energischen Angriffs kaum mehr wert zu achten. Sie fallen ihm wie abgestorbene Bäume von selber zu, und er findet sie in seinen Netzen , ehe er noch dieselben ausspannt.

Ihr, meine Freunde, gehört zu dieser beklagenswerten Gattung nicht. Euch treffen wir ja noch im Geiste auf dem Wege zur Schädelstätte. Ja, dieser Weg ist der Weg zum Himmel; aber, seht euch vor: denn auch er hat seine Risse und Gruben, die in die ewigen Wüsten münden! „Eine große Menge Volks“, lesen wir in unserm Evangelium, „folgte Jesu nach.“ Es waren dies keineswegs lauter Gegner und Übelgesinnte. Viele unter ihnen begehrten nur zu sehen, „wo es mit Jesu hinaus wolle“, und nahmen also mindestens ein geschichtliches Interesse an seiner Person und Sache. Wisst aber, dass Solches zum Seligwerden noch nicht ausreicht. Bedenkt's, die ihr mit jenen Leuten auf gleichem Standpunkt euch befindet. Es begegnen uns heute zu Tage nicht Wenige wieder, und ihre Zahl nimmt zu, die, wie andere auf Politik, Kunst, oder auf was sonst für ein geistiges Feld es sei, so mit ihrer Teilnahme auf die Angelegenheiten des Reiches Gottes, der Kirche und des Christentums sich geworfen haben. Welche Fortschritte das Evangelium mache in der Welt, wie es um den Kirchenbesuch stehe da und dort, was dieser und jener Verein Erkleckliches zu Stand und Wesen bringe, was zur Hebung des öffentlichen Gottesdienstes geschehen könne, wie das Ansehen der kirchlichen Bekenntnisse zu stärken sei, was diese und jene Sekte glaube oder lehre, ja sogar, in welchem Sinne man das eine oder andere Dogma aufzufassen, und wie mans am richtigsten zu formulieren habe: das sind die Gegenstände, für die sie sich interessieren, nach denen sie zu fragen, von denen sie zu reden lieben. Schön dies und löblich!

- Aber es kann der Fall sein, dass sie mitten in dem heiligen Lande, in welchem sie mit ihren Interessen sich bewegen, ebenso wohl nur der Verdammnis entgegenreifen, wie die Bejammernswürdigen, die in den Steppen der äußersten Gleichgültigkeit, oder gar in den Sümpfen der Frivolität ihr Element gefunden haben. Es gibt eine natürliche Teilnahme an den göttlichen Dingen, und mitunter sogar eine recht rege, durch welche dem alten Menschen kein Haar gekrümmt, und dem Fürsten der Finsternis in keinerlei Weise das Spiel verdorben wird. In dem Bewusstsein, dass es eine solche gebe, geschah es, dass einmal ein alter an christlicher Erfahrung gereister Prediger einem jungen vielgereisten Theologen, der mit den Worten sich bei ihm einführte: „Es wird Ihnen angenehm sein, etwas aus dem Reiche Gottes zu vernehmen?“ die kurze und trockene Antwort gab: „Nein!“ Der junge Mann stutzte, verstummte, und zog verlegen wieder ab. Später aber ist ihm dieses dürre „Nein“ zum Segen geworden, indem es ihm bei tieferem Nachdenken zu der gerade ihm besonders heilsamen Einsicht führte, dass man an kirchlichen Angelegenheiten fast schwärmerischen Anteil nehmen könne, ohne darum selbst ein wahrer Christ zu sein. Wie jene Teilnahme selbst bis auf die Passionsgeschichte sich erstrecken könne, begreift sich leicht. Diese Geschichte, die mit der reichen Mannigfaltigkeit ihrer Szenen, Persönlichkeiten und Charaktere einen Spiegel der Welt abgibt, wie sollte sie nicht auch schon da eine anziehende Kraft ausüben können, wo sie nur, abgesehen von jedem religiösen Bedürfnis, das noch gänzlich schlummern kann, einer Empfänglichkeit für rein Menschliches begegnet? Aber eine solche Teilnahme ist eben wesentlich von keiner anderen unterschieden, und hat mit dem Glaubensleben, auf das allein Gottes Augen sehen, nichts gemein.

Etwas edlerer Natur, als das eben bezeichnete, ist das Interesse derjenigen, deren Befreundung mit der Geschichte und Sache Christi in der Verehrung des letzteren als des „Heiligen in Israel“ wurzelt. Einzelne dieses Schlages befanden sich wohl auch unter jenem nachdrängenden Volke, und auch unter uns begegnen uns solche höher besaitete Naturen nicht selten. Christus schwebt ihnen als das vollendete Ideal sittlicher Menschengröße vor dem staunenden Blick. Auch sie sind der Überzeugung, dass Christus in der Menschheit Gestalt gewinnen, und Alles in Allem bei ihr werden müsse, wenn der Welt ein goldenes Zeitalter erscheinen solle. Es hindert sie auch nichts, mit lebhafter Empfindung die Passion des Herrn mit uns zu feiern, indem sie hochherzig ergrimmen wider das ruchlose Geschlecht, das den einzig Tadellosen, der die Erde betrat, ans Kreuz schlagen konnte. Aber beten sie auch mit uns: „O Lamm Gottes unschuldig, das du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser?“ O nein, das kommt ihnen nicht in den Sinn. So wenig sie eine Ahnung davon haben, dass Christus, dem sie als der „Blüte“ und dem „Musterbilde der Menschheit“ gern alle Ehre angedeihen lassen, noch etwas Höheres gewesen sein könne, als dies, ebenso wenig lassen sie sich's träumen, dass der Menschheit, wenn ihr geholfen werden solle, irgendetwas Weiteres obliegen möchte, als dass sie nur unter Zusammenraffung ihrer eigenen Kräfte und mit durchhaltender Willensenergie jenem lebendigen Vorbilde sich zu verähnlichen strebe. Seht, so geben diese trefflichen Leute allerdings mit uns den Kirchenweg, ja in einem gewissen Sinne sogar den Weg nach Golgatha; und dennoch steht es außer Zweifel, dass ihnen selbst noch die ersten und wesentlichsten Erfordernisse des wahren inneren Christentums: das zerbrochene Herz und der lebendige Glaube an Christum als an den Gott gleichen Mittler völlig abgehen. Entrüstet über die Mörder Jesu, wissen sie nicht, dass sie selbst deren Bluturteil mit unterzeichnen. Denn indem sie über den Menschen in Jesu nicht hinaus wollen, stempeln ja auch sie Ihn, der eidlich beteuerte, dass er wesentlich eins sei mit dem Vater, zu einem todeswürdigen Gotteslästerer. Scheltend auf die Pharisäer sind sie im Grunde selbst nur Sinnesgenossen derselben; denn so wenig, wie diese, mögen auch sie von einem Jesus etwas wissen, der sie als Sünder behandeln, und ihnen zumuten will, sich durch Ihn erlösen zu lassen.

Ein drittes Verhältnis zu Christus, und namentlich zu dem Passionschristus, veranschaulichen uns die Frauen, die wir in unserem Auftritte weinend und wehklagend dem göttlichen Dulder folgen sehen. Hier scheint uns nun die rechte Passionsandacht zu begegnen. Hier erblicken wir inniges Mitgefühl mit dem Mann der Schmerzen, herzliche Rührung im Hinblick auf sein Kreuz, ja Tränen, angesichts der spottenden Feinde um Ihn geweint, und in diesem Allem unumwundenes Bekenntnis, dass ein Unschuldiger zum Richtplatz geführt werde, der der achtungsvollsten Liebe, nicht aber der Verhöhnung und des Hasses wert sei. Was will man mehr, als hier zusammen trifft? Der Herr unterlässt es auch nicht, diese teilnehmenden Begleiterinnen Seiner Beachtung zu würdigen. Er wendet sich nach ihnen um. Wozu? Wir denken, sie zu loben, zu trösten, und sich selbst an ihrem Anblick zu stärken und aufzurichten. Aber wie geschieht uns, da wir gerade das Entgegengesetzte eintreten sehen? Der Herr weist die Traurigkeit der Weinenden als eine verirrte ab, und richtet ihre Tränen als etwas Unnützes und Unfruchtbares. Er, der, wie Er überall, und auch in den tiefsten Leidenswegen, die vollkommenste Klarheit und Fassung des Geistes sich zu bewahren wusste, so auch nicht einen Augenblick die Ihm aufgetragene Fürsorge als Hirten für die verirrten Schafe aus dem Hause Israel aus den Augen verlor, ruft den Weinenden hinter Ihm zu: „Ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch und eure Kinder!“ Ein ernstes beherzigenswertes Wort, von dem nicht jene Frauen allein, sondern zugleich gar Manche unter uns getroffen werden! Ja, es schlägt Alle, deren Andacht zum Kreuz ebenfalls nur in einer natürlichen Rührung über das Tragische des Lebensausganges des Gerechten besteht, und die auch nichts anderes, als Tränen des Mitleids und der Empfindsamkeit für den Heiland haben. Wie viel gemütliches Zerfließen, das bei lebhaften Veranschaulichungen der Marter Jesu, bei musikalischen Oratorien, bei feierlichen Kirchenszenen, oder liturgischen Andachten vorkommt, wird hier als unreines Opfer vom Herrn selbst zurückgewiesen! Kaum zu ermessen ist es, welch' eine Fülle von Unbußfertigkeit und pharisäisch selbstgerechten Wesens hinter solchen Gefühlströmungen sich verstecken kann. Der Eine ist bei seiner Passionsandacht im Grunde nur gerührt über die eigene Tugend. Er denkt: „Es liebt die Welt, das Edle zu schwärzen! Wie einstmals Du, da du zum Kreuze gingst, so werde auch ich misskannt auf Erden!“ Und dieses Gedenken ist's, was ihm das Herz bewegt. O frevelhafter Hochmut des nichtswürdigen Sünders, in solcher Weise dem Gerechten aus der Höhe sich an die Seite stellen zu wollen!

Ein anderer spricht bei sich: „Mit Dir, du Mann der Schmerzen, will ich mich trösten in meinem Unglück; mit Dir, der du einst auch nicht auf Rosen wandeltest, aber durchs Kreuz zur Krone hindurchdrangst!“ Er spricht's, und ihm zerschmilzt bei diesem Gedanken das Gemüt. O strafbare Verblendung! Als litte auch er, wie jener, schuldlos, und als wäre Gott verbunden, ihn für sein Leiden schadlos zu halten! Was ist Pharisäismus, wenn es dies nicht ist?

- Ein Dritter - und dieser zählt seine Genossen nach Tausenden - rechnet sich die Zähren des Mitgefühls selbst, die die Marter Christi ihm entlocken, zur Gerechtigkeit, und erhebt sie als vermeintliche Zeugnisse für seine „Herzensgüte“ zum Grunde seines Trostes und seiner Hoffnung. Beklagenswerte Verirrung! „Weint nicht über mich!“ ruft der Herr. Vernehmt ihr's? Er verbittet sich's, dass man Ihn bedaure, und beklage. Er ist kein Unglücklicher gewöhnlicher Art. Er unterliegt keiner Übermacht, weder einer menschlichen, noch derjenigen drängender Umstände und Verhältnisse. Er stände augenblicklich statt mit dem Kreuze, in der Krone vor uns, wenn Er wollte. Ganz frei gab Er sich in seine Marter hin, um zu vollenden, was Ihm sein Vater aufgetragen hatte; und der Name eines „tragischen Lebensausganges“, im hergebrachten Sinne leidet auf die Passion des Herrn durchaus keine Anwendung. Nirgends ist weniger der Ort für Tränen der Sentimentalität und des Mitleids, als an seinen Marterstätten. Indem man sich solchen Rührungen überlässt, verkennt man den Herrn, ja würdigt Ihn herab, und verfehlt für die eigene Person den Weg des Heils, der uns von Gott gewiesen ist. Darum ruft der Herr ein für alle Mal in die Welt hinein: „Weint nicht über mich!“ und stellt sich damit aus der Reihe gewöhnlicher Elender und Unglücklicher völlig heraus.

2.

Also Tränen gehören zur Passionsandacht nicht? - Wohl gehören sie dazu; aber ihr Gegenstand muss ein andrer sein, als die Person des Herrn. Hört Ihn selbst: „Weint“, spricht er, „über euch, und eure Kinder!“ „Über uns?“ - Ja, Freunde, ja!

In der Hinschlachtung des Herrn vom Himmel gipfelt und vollendet sich die Schuld der Welt. Die Welt war sündig vom Fall im Paradiese an. Dass sie es war, trat in den Tagen Noahs, Nimrods, der Richter und der Könige Israels grell zu Tage. „Die Missetat der Amoriter“ aber war noch nicht voll.“ Damit auch der letzte Scheingrund zu Entschuldigungen und Beschönigungen schwände, mussten der Heiligungshass, der Undank und die gottentfremdete Selbstsucht der Kinder Adams noch unzweideutiger sich offenbaren. Dem menschlichen Geschlecht wurde Gelegenheit geboten, sein innerstes Wesen kund zu geben, als sich die Heiligkeit in Person ihm gegenüberstellte, und Gott der Herr über dasselbe das Füllhorn seiner Erbarmungen ausgoss. Beides geschah in der Sendung Christi, des eingeborenen Sohnes, des guten Hirten. Wie erwies sich nun die Welt? Sie liebte die Finsternis mehr, denn das Licht, entbrannte wider den, der sie von der Sünde zu erlösen kam, in Hass, und stieß ihn von sich, der durch den Mahnruf zu Wiedergeburt und Bekehrung ihren Hochmut kränkte. Ans Kreuz schlug sie den Herold und Träger der Gnade Gottes.

- „Die Welt?“ Ja sie! Schaue nur näher zu, und du wirst dich selbst mit unter dem Haufen finden, der dort den Herrn der Herrlichkeit zur Schlachtbank führt. Irgendwo erblickst du dein eigenes Angesicht. Ist's nicht in Judas, so doch in Hannas; ist's in diesem nicht, dann in dem heuchlerischen Kaiphas, oder in dem verweltlichten Pilatus, oder in der gewissenlosen Ratsherrn einem, oder in wem sonst es sei. Irgendwo begegnet dir der Spiegel, der dir deine eigene moralische Gestalt zurückwirft. Schaue dich um, und sage, ob sich die Szenen Gabbathas und Golgathas nicht geistlicher Weise unausgesetzt erneuern? Ob nicht auch heute noch ein gewisser Mut dazu erforderlich ist, den Namen Jesu auf offenem Markte zu bekennen? Ob nicht nach wie vor diejenigen, die Christum lieben, sich Frömmler und Heuchler gescholten hören müssen; und ob diejenigen, die den Fürsten des Friedens Anderen anpreisen wollen, nicht fast überall nur auf grimmige Abwehr stoßen? Ja, greife nur in deinen eigenen Busen, und sprich, ob du, wie du bist von Natur, mit Jesu zu schaffen haben magst? Was regt sich in dir, wenn Er dir ansinnt, dass du dich zu Seinen Schächern und Zöllnern heruntersetzen, oder deinen Mammon, oder was sonst für ein Götze es sei, ihm opfern sollest? Oder wenn Er auf dem Wege deiner sinnlichen Belustigungen mit aufgehobenem Finger dir entgegentritt, und von dir begehrt, dass du Gott lebst und nicht der Welt, und auf Gottes Stege wandelst, nicht auf dem deinen: was ist's, das du dann zu empfinden pflegst? Ist's etwas Anderes, als Abneigung, Widerwille, Unmut und Verdruss? Hörst du nicht von Allem lieber, als von Ihm, und fällt dir's jemals ein, zu Gottes Füßen dankbar zu zerschmelzen, wenn dich die Botschaft antönt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahin gab?“ O Brüder, bis zu diesem Augenblick noch scheint Christus unter uns nur dazustehen, damit an Ihm unsere Verderbtheit und Versunkenheit in die Erscheinung trete. Wie denn, dass wir sein: „Weint nicht über mich, sondern weint über euch“, nicht verstehen, oder als auf uns keine Anwendung leidend überhören wollen! Fürwahr, alle rechte Passionsandacht hebt damit an, dass wir wehklagend unsere Hände über das eigene Haupt zusammenschlagen, und uns selber richten, verdammen und des ewigen Todeswert erkennen.

Schreckliche Dinge bekommen die Töchter Jerusalems zu hören; nicht aber, damit sie hoffnungslos verzweifeln sollen. Vielmehr ist's auch hier die das Verlorene suchende Liebe, die zu ihnen redet, und sie zur guten Stunde noch zur Buße leiten möchte. „Weint über euch und eure Kinder!“ Unverkennbare Anspielung auf den entsetzlichen Fluch, den das betörte Volk vor Gabbatha auf sich herabbeschwor; und somit zugleich Bezeichnung der Sünde, welche als die Hauptsünde Israels, und folglich auch als die Hauptquelle ihres ganzen nachmaligen Elendes vor Allem zu beweinen sei.

„Es werden Tage kommen“, fährt der Herr fort, in welchen man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!“ Welch eine Verkündigung! Was zu guter Zeit in Israel als ein großes Unglück und eine ebenso große Schmach beklagt zu werden pflegte, nämlich unfruchtbar und kinderlos zu sein, das wird alsdann als ein beneidenswerter Vorzug gepriesen werden! - „Dann“, fährt der Herr fort, (sowohl hier, wie bei der vorhergehenden Rede unverkennbar auf Aussprüche der Propheten Jesaias und Hosea hinüber deutend: denn im Worte seines Vaters lebte er, als in dem eigentlichen Elemente seiner heiligen Seele;) - „dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns; und zu den Hügeln: Bedeckt uns!“ Offenbar erweitert sich hier der Gesichtskreis des Herrn über die Schreckenstage des Untergangs Jerusalems hinaus. Unverkennbar greift Sein Wort, sich verallgemeinernd, bis auf das Weltgericht des Jüngsten Tages hinüber. Die alsdann als solche werden erfunden werden, welche in hartnäckigem Unglauben und andauernder Unbußfertigkeit Ihn, ihren treuesten Freund und einigen Seligmacher, verwarfen, werden sich in eine Lage versetzt erblicken, in welcher sie die Vernichtung dem ferneren Dasein vorziehen werden. Sie werden die Berge anrufen, über ihnen zusammenzustürzen, und für immer sie unter ihrem Schutte zu begraben. Aber die Berge stehen und fallen nur auf Gottes Geheiß, und Gott der Herr, ihr Feind jetzt, hat Anderes über sie beschlossen, als die Vernichtung. So werden sie denn zu den Hügeln flehen, dass sie vor dem Angesichte des zürnenden Richters sie bedecken möchten; aber kein Schlupfwinkel wird auf und unter der Erde zu finden sein, der dann den verfolgenden Blicken dessen sie entrücke, welcher „Augen hat, wie Feuerflammen.“ Schauerliche Aussicht! Und erwägt nur: der hier die Schleier lüftet, ist nicht etwa ein wilder Eiferer, auf dessen Drohungen nicht gar zu viel Gewicht zu legen wäre; sondern der ist's, der die Wahrheit und zugleich die Leutseligkeit selber ist. Wie wird hierdurch der Nachdruck jenes Zurufs verstärkt, in dem eine Bußpredigt an uns ergeht, wie eine gewaltigere und eindringlichere auf Erden nie vernommen ward. Der Herr schließt seine Ansprache an die Töchter Jerusalems mit dem Ausruf: „So man das am grünen Holze tut, was will am dürren werden?“ Diese Worte können nicht missverstanden werden. Der große Kreuzträger stellt sich hier selbst als einen Spiegel des Zornes Gottes dar. Weil Er der Gerechte, ja das Leben selber ist, heißt Er das „grüne Holz.“ Für seine Person gebührte Ihm Herrlichkeit und Wohlsein, nicht aber Leiden. Dennoch erduldet er namenlose Schmach und Folter. Was aber über Ihn ergeht, das muss mit demjenigen, was den Gottlosen gedroht ist und bevorsteht, gleicher Natur und Gattung sein. Verhielte sich's anders, so hätte die Schlussfolgerung, die der Herr uns aus Seinen Nöten auf das zukünftige Geschick der unbußfertigen Sünder ziehen heißt, keine Wahrheit, und der von Ihm aufgestellte Vergleich wäre unangemessen. Waren es „Gnadenleiden“ nur, welche Jesum trafen, wie konnten diese dann zu einem Maßstabe für das künftige Los derjenigen dienen, mit denen die Gnade gar nichts mehr zu schaffen hat. Es waren aber Christi Leiden stellvertretend übernommene Strafleiden, und nun haben Seine Worte einen Sinn; und ihr Sinn ist dieser: „Ich, das grüne Holz, trage zurechnungsweise nur fremde Sünden, und Gott, der dreimalheilige, zürnt mir persönlich nicht. Wie schauerliche Kelche werden nichtsdestoweniger mir eingeschenkt, dass ich sie leere! Urteilt danach, wie es erst denen einst ergehen wird, die als ein dürres Holz, als unfruchtbare Bäume, ihre eigenen Missetaten werden büßen müssen, und bei deren gerichtlicher Heimsuchung der Zorn des heiligen Gottes mit Seiner Liebe und Zärtlichkeit in keiner Weise in Konflikt gerät!“

- Wohlan denn nun, Freunde, überhören wir es nicht, in welcher Gefahr wir schweben, so lange wir als die fleischlich Gesinnten, als die Gottentfremdeten und als die undankbaren Verächter der Rettergnade dessen uns erfinden lassen, den der Allmächtige sich selbst vom Vaterherzen riss, auf dass er uns Unwürdige durch Ihn vom Verderben errettete und zu Sich wiederbrächte. Werden wir uns unserer Riesenschuld bewusst, und stehen wir nicht länger an, mit dem heiligen Schmerze eines Zöllners oder einer Magdalena aufrichtig und herzlich über uns selbst zu weinen!

Ja, hiermit - ich wiederhole es, - beginnt die rechte Passionsandacht. Aber sie beginnt damit nur, ohne damit schon enden zu sollen. Seht den Heiland an. Wozu wandelt er diese Straße? Unsere Schuld will er bezahlen, unsere Missetaten tilgen. Gehen wir Ihm im Geiste nach; denn in wie hohem Grade sind wir bei diesem Gang beteiligt! Die Handschrift, die wider uns zeugt, geht Er ans Kreuz zu nageln. Das „grüne Holz“ gibt sich den Flammen preis, die uns, „das dürre“, verzehren sollten. Hoherpriestergang ist's, Den er geht; Opfer-, Genugtuungs- und Mittlergang. Wäre Er ihn nicht gegangen, so wären wir des ewigen Todes Kinder; oder der Thron Gottes sänke in Trümmer, und Gottes Recht wäre in Unrecht ausgeartet. Aber Er ging ihn! Jetzt ist uns Rettung beschafft, wie tief verschuldet wir immer waren. Treten wir der Hölle und Welt zum Trotz zu Seinem Kreuze, schlagen wir die tränenfeuchten Blätter unseres Schuldbuchs vor Ihm auf, schreien wir auf den Knien um Erbarmung, ergreifen wir die große Absolution im Blut des Lammes, und übergeben wir uns unbedingt und ganz dem dorngekrönten Könige, dass Er mit den Banden des Fluchs auch diejenigen des Fleisches und der Welt uns löse! Nachdem dies geschehen, dann, aber auch erst dann, mögen wir mit gutem Fug und Recht sagen: „Wir haben Passion gefeiert!“ Eine solche Feier aber beschere der Herr uns Allen! Wir flehen darum, und zwar umso brünstiger, da wir im Begriff stehen, das Allerheiligste der Leidensgeschichte unseres großen Hohenpriesters zu betreten. Schicken wir zu diesem feierlichen Gange uns an unter dem Wiederhall des Dichterwortes, dem wir, nachdem wir den erschütternden Mahnruf an die Töchter Jerusalems vernommen haben, wohl umso williger unsere Herzen öffnen werden:

Hört, Sünder, die mit Rach' und Grimme
Der Höll' und Sünde Fluch bedräut,
Hört, Sünder! Seines Blutes Stimme
Ruft laut zu Gott: Barmherzigkeit!
O kommt, und fasst mit Reuetränen
Sein Kreuz, den neuen Gnadenstuhl!
Sein Blut kann eine Welt versöhnen,
Sein Blut löscht Satans Flammenpfuhl! Amen.

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