Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLIV. Simon von Kyrene.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XLIV. Simon von Kyrene.

In der ganzen alttestamentlichen Geschichte begegnet uns kaum ein rührenderes und ergreifenderes Bild, als dasjenige, das nach 1. Mos. 22, 6-8 in dem Gange Abrahams und Isaaks zum Berge Morija uns sich darstellt. Der ehrwürdige Patriarch hat, ob mit gebrochenem Vaterherzen auch, in unbedingtem Gehorsam dem harten Befehle seines Bundesgottes sich gefügt, und schreitet eben hin, um den ihm gebotenen unerhörten Opferakt zu vollziehen. Sein einziges geliebtes Kind, der Träger der ganzen Zukunft seines Hauses, wandelt arglos zu seiner Seite. Am Fuße des verhängnisvollen Hügels angelangt, nimmt Abraham dem Lasttiere das Bündel des für die Brandopferflamme gespaltenen Holzes ab, und legt's, - ihr könnt euch denken, mit welchen Empfindungen, - seinem Isaak auf die Schulter. Er selbst ergreift das Schlachtmesser und die Fackel. So steigen sie schweigend zur Anhöhe hinan. Unterweges schlägt Isaak seine Augen zu seinem Vater auf und spricht: „Mein Vater!“ - „Hier bin ich mein Sohn“, erwiderte Abraham. In rührender Einfalt fährt der erstere fort: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Lamm zum Brandopfer?“ Da entgegnete Abraham, die aufquellenden Tränen gewaltsam in sich niederkämpfend: „Gott wird ihm, mein Sohn, zum Brandopfer ein Lamm ersehen.“ - „Und die Beiden“, meldet die Geschichte, „gingen miteinander.“

Wer verkennt in dieser Szene das Vorbildliche und prophetisch Bedeutsame? Ist sie doch durch und durch davon durchwoben. Ja, scheint's doch fast, als habe dieser Akt nur um seiner typischen Hintergründe willen ins Leben treten sollen. Der opfernde Vater, der zum Brandopfer bestimmte Sohn, und letzterer das Holz, auf dem er verbluten soll, selbst zu seinem Todeshügel tragend! Welche tiefe, sinnvolle Bilderschrift! Wir werden dieselbe heute zu ihrer Verwirklichung kommen sehen, und zwar an dem „Lamme“, auf das der Vater Abraham unbewusst weissagend als auf dasjenige hinwies, welches Gott sich in der Tat zum Brandopfer ersehen werde.

Matth, 27, 32, Mark. 15, 21. Luk. 23, 26.

Und indem sie hinausgingen und ihn hinführten, fanden sie einen Menschen von Kyrene mit Namen Simon, der ein Vater war Alexandri und Rufi, der vom Felde kam und vorüberging, den ergriffen sie, und legten das Kreuz auf ihn, und zwangen ihn, dass er Jesu sein Kreuz nachtrüge.

Je weiter wir in der Passionsgeschichte vorwärts schreiten, um desto deutlicher tritt es in dieser selbst zu Tage, aus welchem Gesichtspunkt die Marter Jesu anzuschauen sei. In Gethsemane umgraute uns noch tiefes Dunkel, und wir mussten anderswoher die Fackeln entnehmen, die dasselbe uns erhellen konnten. Vor dem Gerichtshof des Hohenpriesters, wo wir den Heiligen Israels die schwersten Beschuldigungen mit bedeutsamem Schweigen über sich ergehen lassen sahen, stellte sichs schon klarer ins Licht, Er stehe an der Sünder Stelle. Handgreiflicher trat dies Stellvertretende seines Leidens auf Gabbatha in die Erscheinung, und namentlich in jenem unerhörten Tausch und Wechsel, der dort zwischen Ihm, dem Gerechten, und dem Mörder Barabbas vor sich ging. Nicht minder unverkennbar prägt sich in dem Bilde, das heute vor unsere Blicke tritt, die Wahrheit aus, dass Christus mittlerisch unseren Fluch getragen habe, Und kommen wir erst zu der Szene, wo Er, der der Krone des ewigen Lebens würdig war, mit dem herzzerreißenden Schrei: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ in den Abgrund eines verfluchten Todes hinunter fährt, so werden wir uns vollends überzeugen, dass entweder die äußerste Blindheit, oder der verstockteste Eigensinn dazu gehöre, um noch bezweifeln zu können, dass es das Strafleiden eines verurteilten Sünders, und nicht das Züchtigungsleiden eines nur geprüften Heiligen war, unter welcher der große Dulder sein Königshaupt zum Tode neigte. Es führt uns demnach auch unser heutiges Evangelium so wenig aus dem Heiligtum der Passion heraus, dass es uns vielmehr nur noch tiefer in dasselbe hinein geleitet, und den teuren Wahrheiten, die wir mit weiten Auftun unseres Mundes bis hierher euch zu verkündigen die Freude hatten, ein neues Siegel der Beglaubigung aufdrückt. Oft geschiehts, dass man sich bei der Geschichte Simons von Kyrene in der Wahl des Themas vergreift, indem man von der Schmach meint handeln zu müssen, welche jeder wahre Christ in der Nachfolge seines Herrn zu gewärtigen habe.

Es stellt sich aber Größeres, Wichtigeres, Höheres hier unserer Erwägung dar als dies. Wie überall in der Passionsgeschichte, so heißt auch hier das Thema: „Christus ist ein Fluch für uns, die Fluchbeladenen.“ Kommt, wir betrachten zuerst den Herrn Jesum mit dem Kreuz des Sünders; und dann den Sünder mit dem Kreuze Jesu!

Sei der Herr uns nahe, und eröffne Er uns das Verständnis eines der bedeutsamsten Lebensbilder seines Evangeliums!

1.

Pilatus hat, von der furchtbaren Konsequenz der Feinde Jesu aus dem Felde geschlagen, den Heiligen Israels gegen die Stimme des Rechts in seiner Brust den Händen der Mörder übergeben, und diese beeilen sich, mit der Hinrichtung so schnell als möglich zum Ziel zu kommen. Einem Rebellen stand nach geschehener Verurteilung eine Appellation nicht weiter zu; im Gegenteil gebot ein römisches Gesetz, dass ein solcher unmittelbar nach gesprochener Sentenz zum Hochgericht abzuführen sei. Diesen Artikel glaubte man nun auch auf den anwenden zu müssen, den man als einen Aufrührer gegen Gott, gegen Moses und gegen den Kaiser nicht schnell genug aus der menschlichen Gesellschaft entfernen zu können meinte. Wir befinden uns bereits, wie ihr wisst, im Geiste mit ihm auf der Straße zu seinem Todeshügel. Langsam, in Staubwolken gehüllt, bewegt der Zug sich vorwärts. Welch ein Zusammenlauf von allen Seiten! Welch Getümmel und dumpfes Getöse! Lanzen, Helme und gezückte Schwerter blitzen im Sonnenschein. Waffenknechte zu Fuß und Ross, Priester und Schriftgelehrte, Vornehme und Pöbel, heulende Weiber und schreiende Kinder, Juden und Heiden: Alles in buntem Gedränge durcheinander. An der Spitze des Zuges, von Scharwächtern umringt, und unter dem Gewicht der Werkzeuge der ihnen zugedachten Todesmarter mühsam vorwärtskeuchend, die drei Delinquenten: zwei Rebellen und Mörder, und zwischen diesen Er, dem genau besehen allein das ganze grauenvolle Schaugepränge gilt. Ach seht, ein blutiger Mann, dem Anscheine nach der schuldbeladenste der drei. Aber wir kennen Ihn! Auch Er trägt sein Kreuz, und in dieser Seiner Stellung nimmt Er im höchsten Grade unsere Teilnahme in Anspruch.

Kreuze bekam man unter der Herrschaft der Römer oft zu sehen. Gar häufig wurde irgendein rebellischer Sklave zu dieser schmählichsten und qualvollsten aller Strafen verurteilt und abgeführt. Mit dem Kreuze jedoch, das wir den Heiligen Israels nach Golgatha tragen sehen, hat es eine ganz besondere, höchst eigentümliche Bewandtnis. Dieses Instrument wurde nach einem Modell der unsichtbaren Welt gezimmert. Bei der Fertigung dieses Marterpfahls begegneten sich, wenn ich so sagen mag, ein Höllenplan und ein Plan des Himmels. Seit Jahrtausenden war die Gestalt dieses schauerlichen Baums im oberen Heiligtum schon bekannt. Ja, von Ewigkeit her stand der schreckliche Umriss desselben vor dem Bewusstsein des allmächtigen Gottes, und wurde den alten Vätern, wie uns bereits bekannt, in mancherlei geheimnisvollen Schatten vor Augen gemalt. Um dieses Kreuzesholz seiner innersten Bedeutung nach zu verstehen, ist es erforderlich, dass wir uns in die Geschichte des Volkes Gottes vertiefen. In die Wüste treten wir zuerst zurück, in welcher Israel vierzig Jahre hindurch in Wanderzelten wohnte. Was erblicken wir hier? Inmitten des Lagers erhebt sich eine kreuzförmige Panierstange, an die man eine kupferne Schlange, also das Bild der Sünde und des von Gott verfluchten Tiers, befestigt hat. Das Volk ward von giftigen Nattern gebissen, und die Wunden drohen unvermeidlichen Tod. Aber wer im Glauben das erhöhte Fluch- und Sündenbild anschaut, ist bald genesen. So hat der Allmächtige selbst es veranstaltet, und die Erfahrung besiegelt Gottes Verheißung. Wir stutzen über diese unerhörte Sache, und möchten's ja nimmer wagen, nach eigenem Ermessen in jener Panierstange ein Bild des Kreuzes Christi, in dem Sündenbildnis an derselben einen Schatten Christi selber zu erblicken? Erschiene nicht eine solche Vergleichung einer fluchwürdigen Lästerung ähnlich? Und dennoch, was vernehmen wir Joh. 3, 14? Da tritt der Heiland selber auf, und spricht: „In gleicher Weise, wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhte, muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Dürfen wir jetzt noch Anstand nehmen, in jener Stange ein prophetisches Vorzeichen des Holzes zu gewahren, mit welchem wir heute den Herrn der Herrlichkeit beladen sehen, und das Fluch- und Sündenbild der ehernen Schlange als einen Typus dessen aufzufassen, der, obwohl persönlich jedes Sündengiftes bar, nichtsdestoweniger, auf dass die sündige Welt durch Ihn genese, „zur Sünde gemacht“ ward, und als ein Träger des Fluches auf Golgatha zwischen Himmel und Erde schwebte?

Treten wir jetzt in die „heilige Hütte“ des auserwählten Volkes ein, und werfen einen Blick in die ehrwürdigen Rollen des göttlichen Gesetzes. Was lesen wir da 5. Mos. 21? „Wenn Jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und an ein Holz gehängt, so soll sein Leichnam nicht über Nacht am Holze bleiben, sondern du sollst ihn desselbigen Tages begraben, denn ein Gehenkter ist verflucht bei Gott; auf dass du dein Land nicht verunreinigst, das dir der Herr dein Gott zum Erbe gibt.“ Diese merkwürdige Verordnung Gottes wurde in Israel pünktlich beobachtet. So oft ein Verbrecher an das Schmachholz geheftet ward, betrachtete man denselben, dem göttlichen Ausspruch gemäß, als einen Gegenstand des tiefsten Abscheus des Allmächtigen, und war sich bewusst, dass Gott das Land so lange nur mit Zorn und Widerwillen anschauen könne, als das gehenkte Scheusal nicht aus seinen reinen Augen hinweggenommen sei. Die Erleuchteten im Volke wussten aber wohl, dass dies Alles nur einen vorbildenden Sinn umschließe, und prophetisch darauf hinüberdeute, dass einmal Einer am Holze hangen werde, über welchen in der Tat die Zornesschalen des Himmels sich ergießen, in dessen sühnender Marter aber dann auch der Fluch und die Verdammnis der sündigen Welt ihre Endschaft erreichen würden. Wer möchte es aber wagen, diesen wirklich mit Gottes Fluch Beladenen in Christo zu suchen, und die Behauptung auszusprechen, jenes grausige Vorbild der Wüste habe auf Golgatha seine Erfüllung gefunden, wenn nicht Gottes Wort selbst zu einer solchen Annahme die Berechtigung gewährte? Aber es gewährt sie. Schlagt Galat. 3, 13 auf. Da tritt der Apostel Paulus uns entgegen, und verkündet ohne Hehl und Umschweif: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluche des Gesetzes, da er ward ein Fluch“ (griechisch: „Katara“ d. i. ein Gegenstand göttlicher Verdammung,) für uns; denn“, so fährt der Apostel fort, „verflucht ist Jedermann, der am Holze hängt, auf dass der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Christo Jesu.“ Und indem Paulus, der hocherleuchtete Gottesmann, Solches sagt, lästert er nicht, sondern spricht nur eine Wahrheit aus, welche uns in veränderten Ausdrucksformen tausendmal in der Schrift begegnet. Was er aber mit jenen Worten sagen will, das, meine ich, liege zu klar zu Tage, als dass wir es auch nur einen Augenblick verkennen könnten!

Ja, jene beiden Typen: die Panierstange mit dem Schlangenbilde und die göttliche Verordnung in Betreff der Gehenkten verbreiten uns das hellste Licht über das schauerliche Holz, das der Sohn Gottes dort zum Marterberge schleppt. Dieser Block ist offenbar der Pfahl, über welchem der Verheißung nach das Wetter der göttlichen Gerichte sich entladen sollte; er ist das Schafott, wo nach Römer 3. „Gott, wegen der Nachsicht mit den Sünden, welche vorhin geschah unter göttlicher Geduld, seine Gerechtigkeit zu beweisen“, beschlossen hatte; die Schlachtbank, auf der es zu Gunsten der Sünderwelt mit dem im Paradiese gedrohten Fluche an der heiligen Menschheit des großen Bürgen zur Vollziehung kommt; der Brandopferaltar, wo das Lamm Gottes der ganzen Summe jener Strafen sich unterziehen wird, die von Rechts wegen mich treffen mussten; und das Sterbelager, auf welchem der Tod, dessen Gewalt der Teufel hat, und dem ich durch ein Urteil des allerhöchsten Gerichtshofs verfallen war, einen anderen ergreifen und zu Grunde richten soll, auf dass er seiner Ansprüche an mich für immer verlustig gehe. Sagt nun, ob je in einer Zimmerstätte der Welt ein wunderbareres und verhängnisvolleres Instrument zusammengeschlagen wurde, als das Holz, das ihr dort auf der Straße zum Kalvarienberge sich fortbewegen seht. Es ist der Totensarg einer Welt: denn die ganze unzählige Schar, die je selig werden wird, ist, in Gottes Augen, mit Christo an diesem Pfahl gestorben. Es ist der Blitzableiter über unserem Geschlecht, der den zerschmetternden Strahl von uns ableitete, indem er ihn an sich zog. Die Wetterscheide ist's, wo über uns die Zorneswolken sich zerteilen; ja der Lebensbaum, dessen Blätter den Völkern zur Genesung dienen.

Jesus trägt das Holz. Wenn er je auch in seiner äußeren Stellung als der Fluchbeladene erschien, dann hier. Fürwahr, wenn Gottes Stimme unmittelbar vom Himmel herab gerufen hätte: „Dieser Gerechte ist jetzt der Träger des Urteils, das auf euerm Haupte lag!“ so hätte uns dies hierdurch nicht gewisser werden können, als es durch das lebendige Bild der Kreuztragung uns schon wird. Eine gewaltige Sprache hat dieses Bild, und schließt's schon einem einfältigen Kinde auf, worin der letzte Grund der Passion Christi zu suchen sein müsse. Außerhalb Jerusalems, wie ihr wisst, treffen wir den heiligen Dulder. Die Schrift legt auf den Umstand, dass man ihn aus der heiligen Stadt hinweggeführt, ein großes Gewicht. „Welcher Tiere Blut“, spricht der Apostel Ebr. 13, „getragen wird durch den Hohenpriester in das Heiligtum für die Sünde, derselbigen Leichname werden verbrannt außer dem Lager. Darum auch Jesus, auf dass er heiligte das Volk durch sein eigenes Blut, hat er gelitten außen vor dem Tore.“ Beherzigenswerter Ausspruch! Hier wird uns Christus offenbar als das wahrhaftige Gegenbild des alttestamentlichen Sündopfers dargestellt.

Weil wir nun aber wissen, was es mit jenen Sündopfern für eine Bewandtnis hatte, und wie bei diesem gottesdienstlichen Akte dem Opfertiere die Sünden der Übertreter zugerechnet, jenes dann als ein Gegenstand des Abscheus geschlachtet, und sein Leichnam nicht allein aus der Nähe des Tempels entfernt, sondern gar zur Bezeichnung dessen, was von Rechtswegen den Sündern gebühre, mit Feuer verbrannt, die Sünder aber nach solchem Opferwerk losgesprochen und unsträflich erklärt wurden: so springt es wieder sonnenhell in die Augen, dass der Apostel in der angezogenen Stelle nichts Anderes sagen will und sagen kann, als dass Christus bei seiner Wegführung aus den Toren der Stadt zurechnungsweise in der Tat mit unseren Sünden beladen gewesen sei, und unseren Fluch getragen habe. So sind wir es also, die dort zum Hochgerichte wandern; denn Er geht diesen Gang an unserer Stelle. Dass dem wirklich also sei, und Er diese Straße nicht mehr als der heilige Jesus, sondern als der allgemeine und öffentliche Sünder ziehe, das sehen wir bei jedem Schritt, den Er weiter vorwärts tut, unzweideutiger in die Erscheinung treten. Weil Er aber auch im Himmel jetzt als ein Solcher betrachtet wird, so ist es begreiflich, dass der ewige Vater es über sich vermag, solcher namenlosen Schmach und Qual Ihn preiszugeben. Ja, darum eilt kein Engel aus der Höhe Ihm zu Hilfe; kein Feuer fällt darum vom Himmel, die Mörder zu verzehren; vielmehr jagen die Wolken still und schweigend über der schrecklichen Szene hin, als würde droben gut geheißen, was drunten Fürchterliches vorgeht; ja, der Gerechte kann darum unter der Last seines Holzes sterbensmüde fast zusammenbrechen, ohne dass es Jemanden im Himmel und auf Erden zu jammern scheint. Die Pforten des ewigen Heiligtums sind verschlossen, die Fenster der Wohnung des Allmächtigen zugeschoben; und der Gott, der den gerechten Lot aus der Mördergrube Sodoms, den Daniel aus dem Löwenzwinger errettete, dem wutschnaubenden Laban gebot, dass er mit Jakob nicht anders rede, denn freundlich, und allen seinen Heiligen zurief: „Fürchtet euch nicht, denn ich bin mit euch!“ dieser „Hüter Israels“ scheint über seinem Geliebtesten zu schlafen und zu schlummern, und im Blick auf den, der ihm der Nächste ist, seines süßen Verheißungswortes: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen“, usw. vergessen zu haben. Ja, alle die Umstände, unter denen wir den Heiland hier erblicken, sind furchtbar und herzerschütternd; aber alle rufen sie uns mit gewaltigstem Nachdruck zu: „Seht Jesum hier belastet mit dem Fluch der Sünder!“

2.

Jesum mit dem Kreuz des Sünders haben wir angeschaut. Jetzt wechselt die Szene, und ein neues Bild, der Sünder mit dem Kreuze Christi, tritt vor unsere Blicke.

Eine Strecke weit hat sich der Heilige mit seiner schweren Bürde fortbewegt, da wandelt seine blutdurstigen Begleiter die Sorge an, er möchte unter seiner Last zusammenbrechen, und vor der Hinrichtung noch seiner Erschöpfung erliegen können. Um dem vorzubeugen, suchen sie Jemanden zu erspähen, dem für den noch übrigen Teil des Weges das Todesholz Jesu aufzulegen wäre; und bald fällt auch ihr Auge auf einen eben vom Felde kommenden Fremdling, den sie umso lieber zu ihrem Vorhaben sich auserlesen, da sie in seinen Mienen geheime Sympathien mit dem Nazarener wahrzunehmen glauben. Simon war es, aus Kyrene in Afrika gebürtig. Ob er damals schon zu den heimlichen Freunden Jesu gehörte, wird nicht gemeldet. Gewiss aber ward er vom Volk dafür gehalten, und wahrscheinlich nicht ohne Grund. Wenigstens werden Simons Söhne, Alexander und Rufus, nachmals als wahre Christen genannt, und der Schluss von den Söhnen auf den Vater dürfte ja wohl seine Berechtigung haben. Genug, dieser Jude Simon wird angehalten, und ihm das Kreuz des Herrn aufgezwungen. Er sträubte sich anfangs gegen diese Bebürdung und Schmach; doch wusste er sich bald zu bequemen, und bequemte sich dann auch gern.

Angesichts dieses Simon von Kyrene pflegt man des Wortes Jesu zu gedenken: „Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, und ist dann, wie schon erwähnt, gewohnt, aus Anlass dieses Passionsabschnittes von der Schmach zu handeln, die man um Christi willen zu erdulden habe. Aber solch' Thema, will mir scheinen, liegt doch nicht so ganz, wenigstens nicht zunächst in dieser Geschichte, indem Simon ja nicht sein Kreuz, sondern dasjenige, an welchem Christus verblutete, auf sich nahm. So spiegelt sich in der symbolischen Gestalt des Kreuzträgers etwas ganz Anderes ab. Sie veranschaulicht uns die innere Glaubensstellung, die wir zum Kreuze Christi, d. h. zu dem an demselben vollzogenen Opfer- und Erlösungsakte, einzunehmen haben. Wir sollen Kreuzträger werden in demselben Sinne, in welchem Simon es war; nur geistlicher Weise. Wir sind's, wenn das Kreuz Christi das unsere ward im Wege der Selbstbeschuldigung, der Glaubenszueignung und des fortgesetzten Sterbens mit Christo.

Wer unter uns im Geiste Christum unter der Last seines Marterpfahls gen Golgatha wandeln sieht, wird insofern sofort dem Simon ähnlich werden, als er, von Mitleid und Rechtsgefühl gedrungen, das grässliche Holz nicht müßig zuschauend auf dem schuldlos Verurteilten ruhen lassen, sondern es ergreifen, und auf die gottlosen Juden, die ja eigentlich daran gehörten, oder auf eine blinde unbarmherzige Macht, die er Schicksal nennt und ungefähr, oder gar auf Gott den allwaltenden selber werfen wird, den er insgeheim darob anklagt, dass Er so schreienden Ungerechtigkeiten nicht gesteuert habe. Aber in dieser Weise Christum entbürden wollen, zeugt nur von großer Herzensblindheit. Allerdings hebt alles Christenleben damit an, dass man innerlich genötigt wird, dem Herrn Jesu das Kreuz abzunehmen; nicht aber, um es auf Andere zu schleudern, sondern es in aufrichtigem Selbstgericht auf sich selbst zu nehmen. Man wird von dem erleuchteten Gewissen in das Bewusstsein der eigenen Fluchwürdigkeit hineingedrängt. Man schaudert davor zurück, und sträubt sich dagegen aus allen Kräften; aber umsonst! Vor uns steht, jetzt nicht mehr missverstanden, das heilige Gesetz, der furchtbare Gottesspiegel, und wer will es unternehmen, den zu hintergehen oder zu belügen? Vielleicht geschieht's, dass der Blitz, der uns zerschmettert, zuerst nur aus einem Gebot wider uns hervorzuckt, wie z. B. ein Zachäus dem achten, der Schächer dem sechsten, die Samariterin dem siebenten der zehn Worte ihn entfahren sah. Da meint man anfänglich noch, in die übrigen neune sich retten zu können, und wirft sich etwa als in eine vermeintlich sichere Schanze in das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Aber der Geist, der nun einmal mit uns angebunden hat, führt uns immer tiefer in den innersten Wesensgehalt des göttlichen Gesetzes ein; und so heißt es denn zu uns: „Du, der du das erste Gebot gehalten haben willst, liebtest du Gott den Herrn von Kindesbeinen auf von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und aus allen Kräften?“ Man vernimmt die Herz und Nieren prüfende Frage; und wie beeilt man sich, dem ersten Gebote wieder den Rücken zu kehren! Man flieht nun etwa zu dem sechsten. Ist man sich doch bewusst, Niemanden je nach dem Leben gestanden, geschweige, einen wirklichen Todschlag begangen zu haben.

Nichtsdestoweniger hört man sich jetzt von dem Zuruf angedonnert: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger“, und auch die vermeintliche Feste des sechsten Gebots hat seine Bresche. In das neunte wirft man sich. Eines „falschen Zeugnisses“, denkt man, „habe man sich nicht schuldig gemacht. Aber wie?“ heißt es nun, „auf das neunte Gebot wagst du dich zu berufen? Logst, betrugst, heucheltest und schmeicheltest du nie?“ Man hört's, aber lässt die Stimme im Gewissen nicht zu Ende reden, sondern zieht sich ohne Zaudern etwa auf das siebente zurück. „Dieses hielt ich“, spricht man mit großer Zuversicht; „ich brach die Ehe nicht!“ Aber bald dröhnt das Wort uns entgegen: „Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, hat die Ehe gebrochen;“ und man fleucht vor dem siebenten Gebote wie vor einem Feuer, das uns zu verzehren droht. Wohin denn nun? Zu dem fünften Gebote etwa? - Ach, auch Vater und Mutter verklagen uns! Zu dem achten? - Es scheint in der Tat, als wolle wenigstens dieses uns vertreten; denn wir sind ja keine Diebe? Aber wehe! nicht ferne von ihm steht das zehnte mit seinem: „Lass dich nicht gelüsten!“ Dieses stellt uns nun vollends bloß, und macht dem ganzen Prozess mit einem Generalverwerfungsurteil über uns ein Ende. Da ist's denn mit allen unserem Selbstruhm aus.

Zwar zögert man noch, auf ihn Verzicht zu leisten. Man rafft die sogenannten „guten Werke“ in seinem Leben zusammen; aber kaum hat man begonnen, dieses zweideutigen Schatzes sich zu getrösten, als auch schon aus dem Heiligtume Gottes her ein Licht darüber sich ergießt, in dessen scheinenden und brennenden Strahlen auch unser Bestes als eine wurmstichige Frucht unreiner Eigenliebe sich darstellt. So ist man denn genötigt, sich selbst den Stab zu brechen. Was droht aber Übertretern wie die, als welche wir uns selbst erfunden haben, für die Zukunft ihres Lebens? Man liest: „Trübsal und Angst über alle Seelen, die da Böses tun;“ „Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart werden über alles gottlose Wesen!“ Man liest's, und bebt zusammen. „Wehe mir“, ruft man, „ich Unglückseliger bin also verdammt, verflucht, verloren!“ Man will's noch nicht glauben; aber da schallt's von allen Seiten: „Ja, du!“ Und es ist, als riefen's die Wände unserer Kammer und die Sparren im Gebälk. Tausende von Erinnerungen aus der Vergangenheit unseres Lebens sammeln sich gleich Rachegeistern um uns her, und schreien: „Du bist der Mann des Todes!“ Bis in unsere Träume hinein dröhnt es uns nach, dieses schreckliche „du bist's;“ in den Sternen meinen wir's zu lesen, und auf jedem unserer Tage steht's geschrieben. So müssen wir's denn endlich anerkennen. Christi Kreuz wird uns aufgeladen, d. h.: wir finden uns selbst des Kreuzes schuldig, indem wir dem Fluche, welchem Jesus daran erlag, uns selbst verfallen fühlen.

Haben wir nun in diesem Sinne das Kreuz Christi auf uns genommen, so pflegt uns der Gott, der uns gedemütigt hat, zu seiner Zeit auch wiederum zu trösten. Aus dem Schatten und Schauern der Selbstverdammung taucht man in den blutfarbenen Sonnenschein der Versöhnung wieder auf. Man erkennt in Christi Kreuz das verhängnisvolle Holz, an welchem das Urteil längst vollzogen ward, das uns ein ewiges Verderben drohte; man erfasst das Kreuzgeheimnis in seiner trostvollen Tiefe, und tritt in ein ganz neues Verhältnis zu dem Christuskreuze ein: in dasjenige zufluchtnehmender Umarmung und gläubiger Aneignung. Man nimmt dasselbe jetzt in einer ganz anderen Weise auf sich, als zuvor; freilich Anfangs auch jetzt noch mehr nur aus Not, als schon aus Lust. Es widerstrebt der hoffärtigen menschlichen Natur, aus Gnaden selig zu werden. Im Fortgange jedoch söhnt man sich mit der wunderbaren Bürde aus, und endlich trägt man sie sogar mit Wonne, wie ein Erbe seinen Schatz trägt, wie ein König sein Zepter, wie ein Krieger sein Schwert und seinen Schild, wie ein Sieger die Fahne des Triumphs, wie ein entlassener Schuldner seinen Freibrief und wie ein Edelmann das Diplom seines Adels. Und so ist man denn der geistlichen Gestalt nach recht Simon von Kyrene. Man ging in die lebendigste, innigste und seligste Gemeinschaft mit dem Kreuze Christi ein. Überall und immer hat man mit diesem Kreuze nun zu tun; und das Kreuz wird die Signatur, an der man uns erkennt. Mit dem Kreuze legen wir uns zur Ruhe. Auf dem Kreuze schlummern wir mit Frieden ein. Mit dem Kreuze stehen wir am Morgen wieder auf, und erwarten den Segen des neuen Tages unter dem Kreuze. Belauscht man uns in unserem Kämmerlein: unter dem Kreuze beten wir. Sprechen wir: „Abba, lieber Vater!“ so ist's das Kreuz, das uns dazu beherzt macht. Erhoffen wir geneigtes Gehör für unsere Bitten, so kommt uns dieser Mut vom Kreuze. Führen wir im Himmel unseren Wandel, so ist die Himmelsleiter, auf deren Sprossen wir über Welt, Tod und Hölle uns erheben, das Kreuz. Das Kreuz bildet den Kern aller unserer stillen Herzenspsalmen. Ruht ein Freudenschimmer auf unserer Stirn, so ist das Kreuz die Sonne, von der er ausfloss. Sind wir recht getrost, so sind wir's in des Kreuzes Schatten. Überwinden wir die Versuchungen des Bösewichts, so ist Christi Kreuz die Fahne, unter der wir siegen.

Freilich umfasst man das Kreuz nicht immer gleich innig und gleich warm. Man trägt's oft wohl gleichgültiger wieder, ja verdrossen, wie eine Last. Dies ist der Fall, wenn sich entweder unvermerkt die Wurzeln unseres Lebens wieder tiefer in den Boden dieser Erde senkten; oder wenn der Herr einmal, „unseren Berg stark machte“, und wir aufs Neue Anlass nahmen, in eigenem Werk und Wesen uns zu bespiegeln. Aber der Gott, der ebenso treu im Demütigen ist, wie im Trösten, weiß uns dann das Kreuz schon wieder süß zu machen, indem Er unseren alten Menschen selbst einer erneuerten Kreuzigung preis gibt, und unter allerlei Not, Schmach und Drangsal das Bewusstsein unseres Elendes in uns belebt und frischt. Überhaupt kommen die Erfahrungen Aller, die im Glauben das Kreuz Christi auf sich nahmen, darin überein, dass sie je länger je mehr auch in das Sterben dessen, der am Holze hing, selbst mit hineingezogen werden. Sie nehmen ab. Sie werden ihrem Bewusstsein nach persönlich ärmer, unwerter, hilfsbedürftiger. Ja, es bleibt ihnen mit der Zeit in ihnen selber nichts mehr, dessen sie sich noch als eines Grundes ihrer Rechtfertigung getrösten könnten. Je vollständiger sie aber mit allem eigenen Schiffbruch leiden, umso köstlicher wird ihnen, als die einige Rettungsplanke in der Brandung, das Kreuz von Golgatha. Wie wird es nun mehr und mehr so innig fest umklammert, wie hoch und laut gepriesen, und mit wie heißen Tränen gerührten Danks betaut; und wie bewegt sich zuletzt in immer enger gezogenen Kreisen, den ihre Sonnen umkreisenden Planeten gleich, das ganze innere Leben um das Kreuz!

Gefalle es denn dem Herrn, die Gestalt des Kreuzträgers Simon an unserem inwendigen Menschen immer deutlicher auszuprägen! Entschleiere Er uns, damit jenes Bild sich völlig in uns ausgebäre, immer umfassender das Verderben, womit wir von Natur behaftet sind! Nur so werden wir das Kreuz Christi tragen lernen mit heiligem Stolz. Nur so wird uns dasselbe zum Baum des Lebens sich verklären, von dem wir himmlische Friedensfrüchte brechen. Nur so wird es uns zur Wunderwaffe, vermittelst welcher wir Welt, Tod und Teufel überwinden. Denn:

Wer nicht der Sünde Gräu'l erkennt,
Glaubt auch im Herzen kein Versöhnen;
Und wenn er einen Heiland nennt,
Geschieht es nur in Heucheltönen.
Er rühmt zwar einen großen Sieg,
Doch leugnet er den Feind und Krieg.
Der ewigen Erlösung Gründe
Ruh'n in dem Überschwang der Sünde! Amen.

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