Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXXV. Das Gotteslamm.
„Die Idee des Gottes,“ sagt Jemand, „der die Prüfung und den Fall der Urmenschen zuließ, damit sie sich ihrer Freiheit und göttlichen Natur bewusst werden möchten, - welches herrlich und erhebend durch den Sieg hätte geschehen können, aber schmerzlich und demütigend durch den Fall geschah, - erfordert notwendig die Idee der Erlösung.“ Ja, also ist es. Die erste Hindeutung auf die Art und Weise, in der die Erlösung zu Stand und Wesen kommen sollte, begegnet uns 1 Mos. 3, 21, wo uns berichtet wird, Gott habe den ersten Menschen nach dem Sündenfall „Röcke von Fellen gemacht und sie ihnen angezogen.“ So seltsam, ja fast kindermärchenhaft, diese Erzählung klingt, so sinnig und tief bedeutsam ist sie. Ein Tun außerordentlicher göttlicher Herablassung erzeigt sich hier; aber es sollte eben nach Gottes Absicht von vorneherein sich offenbaren, dass nur ein solches Tun die Rettung der sündigen und dem Fluch verfallenen Welt vermitteln könne. Die gefallenen Menschen hatten den Versuch gemacht, sich selbst zu helfen, und mit Feigenblättern ihre Blöße zu bedecken. Gott aber verwarf diese Hülle als eine unzureichende, und bezeugte dadurch, dass der Mensch der Befähigung, sich selbst gerechtfertigt vor Seinen Augen darzustellen, durchaus ermangele. Er selbst, der Allerhöchste, übernahm es darum in eigener Person, dem Sünder eine Bekleidung zu verschaffen, in welcher er sich wieder vor Ihm könne blicken lassen. Wie aber vollführte Jehova dieses Werk? Ein unschuldiges Leben ward geopfert, ein Tier, unbezweifelt ein Lamm, und dessen reines Vlies den Sündern zur Decke-dargereicht. Wer verkennt in diesem göttlich symbolischen Akte den Urtypus aller späteren Opfer der Hütte und des Tempels? Und wer sieht nicht, dass das Lämmervlies, welches den ersten Sündern ihre Blöße bedeckte, nach Gottes Willen das bedeutungsvolle Vorbild der Gerechtigkeit war, welche der Mittler Christus gehorchend, leidend und sterbend uns erstritt? Was im Anfang der Menschengeschichte vor den kaum geschlossenen Pforten des Paradieses figürlich geschah, sehen wir in den Passionsevangelien wirklich werden. Ja, was Gott an Adam und Eva in tiefer Symbolik tat, das vollzieht er wesenhaft bis zu dieser Stunde an Allen, die um ihre Sünden bekümmert zu Seinem Gnadenthrone ihre Zuflucht nehmen.
- Wir treten heute zu dem erhabenen Gegenbilde jenes Opferlammes zurück, das den Gefallenen des Paradieses die Hülle lieh, in der sie wieder getrösteter ihr Haupt erhoben. Helfe Gott, dass, was an ihnen prophetisch einst geschah, über uns als beseligende Erfüllung kommen möge!
Joh. 18, 38. Matth. 27, 12-14. Luk. 23, 4.
Und da er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden, und spricht zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an ihm, und keine Ursache an diesem Menschen! Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart. Und da er verklagt ward von den Hohenpriestern und Ältesten, antwortete er nichts. Da fragte ihn Pilatus abermals, und sprach zu ihm: Antwortest du nichts? siehe, wie hart sie dich verklagen! hörst du nicht? Jesus aber antwortete ihm nichts mehr, nicht auf ein Wort, also, dass sich auch der Landpfleger sehr verwunderte.
„Und ich sah, und siehe ein Lamm!“ Wem fallen Angesichts der Szene, die in unserem heutigen Passionsauftritte sich vor uns entfaltet, nicht diese Worte der heiligen Offenbarung ein? Irgendein Mal musste die Gestalt des jesajanischen vor seinem Scheerer verstummenden Opferlammes recht vollständig ausgeprägt erscheinen, und dies geschieht in unserem heutigen Evangelium. Schauen wir uns das Gotteslamm näher an, und zwar in der dreifachen Beleuchtung, welche es durch das Zeugnis seines Richters, durch die Beschuldigungen der Hohenpriester und des Volkes und endlich durch sein eigenes Verhalten erhält! Unter dem Segen Gottes verkläre sich unsere Erwägung zu einer stillen Herzensfeier, die durchklungen und getragen werde von dem alten Kirchengesang:
O Lamm Gottes unschuldig!
Am Kreuzesstamm geschlachtet!
Allzeit erfunden geduldig,
Wiewohl du wardst verachtet!
All' Sünd' hast du getragen;
Sonst müssten wir verzagen.
Erbarm' dich unser, o Jesu!
1.
Nach seiner ersten Unterredung mit Jesu tritt Pilatus aus dem Prätorium wieder auf die offene Richterbühne vor das Volk heraus, und nimmt diesmal den Verklagten mit sich. Der Landpfleger ist uns seiner Gemütslage nach kein Unbekannter mehr. Wir lernten ihn als einen Menschen kennen, in welchem keineswegs schon alle Empfänglichkeit für wahre Geistesgröße erloschen war. Eine stille Bewunderung der außerordentlichen Persönlichkeit, welche in Jesu vor ihm stand, bildete die Grundstimmung, die während der ganzen mit demselben gepflogenen Verhandlung in steigendem Maße ihn beherrschte. Jesu Reden und Schweigen, der Blick seines Auges, wie das Ganze seiner Haltung, seine Demut, und dann wieder seine stolze Ruhe, seine Lammesgeduld, und nicht minder sein nie getrübtes Königsgefühl und Selbstbewusstsein: dieses Alles hat einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht; und hätte er dem, was traumartig sein Inneres durchzog, überall den angemessenen Ausdruck leihen wollen, so würde wenigstens in einzelnen Momenten etwas Ähnliches aus ihm heraus verlautet sein, wie das große Johanniszeugnis: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Ja, auch ein Pilatus trug für die Schöne des Herrn vom Himmel noch einen Spiegel in seiner Brust; nur war es leider! ein Eisspiegel, über den die warmen Petrus- und Magdalenentränen noch nicht geflossen waren. Wo diese aber fehlen, hält der Spiegel der Seele die Strahlen des göttlichen Morgensterns nicht fest, und nimmt im günstigsten Falle sein Bild nur geteilt und stückweise auf. Dennoch leuchtete die Hoheit Immanuels zu mächtig selbst in das Innere unseres Römers schon hinein, als dass es dessen freier Wahl noch anheim gegeben gewesen wäre, wie er sich zu ihm stellen solle. Bis zu einem gewissen Grade ist er innerlich von ihm überwunden. Er muss ihn lossprechen von aller Schuld. Er kann einer geheimen Ehrerbietung gegen ihn sich nicht erwehren, und wird, so oft er den Einflüsterungen egoistischer Rücksichten gegen Jesum Gehör geben will, von der Stimme der Wahrheit, die in ihm redet, gerichtet und gewarnt, ja unwiderstehlich genötigt, in die Bahn eines Fürsprechers und Anwalts des Gerechten zurückzulenken. Welch eine Majestät muss also auch da noch das Gotteslamm umleuchtet haben, als Marter und Schmach schon wie Meeresfluten über sein Haupt zusammenschlugen; und mit welchem Wunderglanze musste die Sonne der Gerechtigkeit auch das Gewölk der tiefsten Erniedrigung noch durchbrechen, dass sie im Stande war, selbst einem verweltlichten Kinde des epikureischsten aller Jahrhunderte eine solche Devotion1) abzunötigen! Ein Gleiches, wie dem Pilatus, würde vielen auch seiner heutigen Sinnesgenossen widerfahren, wenn sie nur einmal in ähnlicher Weise, wie er, mit Jesu zusammenträfen. Ich habe solche Menschen hier im Auge, welche sich freilich an dieser Stätte nicht mehr betreffen lassen, weil sie längst mit Kirche und Gottes Wort sich auseinandersetzten, und vom Taumelkelch des herrschenden Zeitgeists trunken das ganze Christentum als eine „nicht mehr zu haltende Sache“ aufgegeben, und Christo selbst ohne vorhergegangenes Verhör als einem „wie die Sterblichen alle, dem Truge unterworfenen jüdischen Rabbi“ mit der Untertänigkeit ihrer Vernunft auch diejenige ihres Herzens und Lebens gekündigt haben. Fern aber sei es von mir, selbst diese Leute unbedingt wegzuwerfen. Nicht alle sind sie schon so ganz im gemeinen Weltwesen versumpft, dass sie eines edleren Geistes- und Gefühlsaufschwungs durchaus nicht mehr fähig wären. Sie kennen zum Teil nur den Jesus noch nicht, von dem sie sich losgesagt, ja beurteilen in ihm eine ihnen völlig fremde Persönlichkeit. Dass sie nur einmal sich entschließen könnten, in der göttlichen Bilderhalle der Evangelien ihm näher zu treten, und einige stille Stunden der Sammlung dazu anzuwenden, seinem Tun nachdenkend zuzuschauen, seinen Reden ruhig zu lauschen, und dann an der Hand der Geschichte seiner Kirche auf seinen Eroberungsgängen durch die Welt im Geiste ihm nachzugehen! Ich bin gewiss, dass auch ihr Gemüt bald von Ahnungen überwältigt werden würde, die es ihnen mindestens unmöglich machten, noch fernerhin in einer gleichgültigen Stellung zu ihm zu verharren; ja, dass sie sich, ehe sie sich's selbst versähen, in ihrem Inneren genötigt fänden, entweder diesem Jesu zu huldigen, und mit ihrer ganzen Liebe sich ihm hinzugeben, oder mit derjenigen Empfindung ihn zu hassen, die man Jemandem entgegenträgt, dem man die Berechtigung, dass er über uns herrsche, nicht abzusprechen vermag; unter dessen Zepter man aber gleichwohl sich zu beugen nicht gewillt ist.
Es mögen sich in der eben bezeichneten Lage vielleicht schon Manche unter uns befinden. Sie bedürfen des Herrn Jesu nicht, und wissen doch auch nicht von ihm loszukommen. Sie versagen ihm die Unterwerfung, und sehen ihn doch als einen Unterwerfung fordernden unablässig vor sich stehen. Sie wollen ihre eigenen Wege wandeln, und vernehmen doch in ihrem Gewissen ununterbrochen Sein: „Hierher! Dies ist der Weg; sonst weder zur Rechten, noch zur Linken!“ Sie trachten mit aller Gewalt sich zu überreden, er sei nur ein Mensch gewesen gleich andern Menschen, und meinen doch, so oft sie ihn im Geiste wieder anschauen, von seiner Stirn die Inschrift leuchten zu sehen: „Ich bin das A und das O, der Erste und Letzte!“ Wisst aber, ihr, die ihr unter solchen Eindrücken seiner Majestät einhergeht, und, um nicht ganz unter seine Botmäßigkeit zu geraten, euch genötigt findet, ihn immer wieder gewaltsam von euch wegzustoßen, dass es eine höchst bedenkliche und Gefahr drohende Stellung ist, in der ihr euch befindet. Euer Kampf mit Christus, dies traurige Gegenteil des bekannten Jakobskampfes, kann leicht einen Ausgang für euch gewinnen, der von demjenigen, welchen ein Judas Ischarioth nahm, in nichts verschieden ist. Vor allem Anderen ist Eins euch zu wünschen: die lebendige Erkenntnis, dass ihr, als dem Fluch verfallene Sünder, Alles eher, als diesen Jesum entbehren könnt. Gesellt sich den Ahnungen wider Willen, die Angesichts Jesu euch durch zucken, zur guten Stunde noch diese Einsicht bei, so endet euer innerer Widerstreit gegen den Herrn der Herrlichkeit und den Rechtsanspruch, den er an eure Unterwerfung stellt, zu euerem ewigen Glücke mit einem Fußfall der Reue und Anbetung vor seiner hochherrlichen Erscheinung, und mit dem Liebe und Hoffnung atmenden Ausruf: „Herr Jesu, du Sohn David, erbarme dich meiner!“
Unumwunden bezeugt Pilatus vor den Hohenpriestern und allem Volk: „Ich finde keine Schuld an ihm, und keine Ursache an diesem Menschen,“ und drückt damit das bestätigende Siegel dem bekannten Petrinischen Worte auf, laut welchem wir nicht mit vergänglichem Gold oder Silber, sondern mit dem teuren Blute Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes erlöst sind. Freilich zeugt es von einer großen Oberflächlichkeit des Denkens, und von einem sehr geringen logischen Vermögen, dass er nur „keine Schuld“ an Jesu findet. Eine große Schuld lag in Jesu Bezeugen, dass er der Sohn des lebendigen Gottes, und der König des Himmelreiches sei, wenn er daran log und diese hohen Titel sich nur anmaßte. War er aber berechtigt, so erhabene Dinge von sich auszusagen, wie, dass dann der Landpfleger nichts Besseres für ihn hatte, als das magere Zeugnis, dass er ihn nur schuldlos erkenne. Doch auch dies Zeugnis nehmen wir schon gerne hin. Dem Namen des Landpflegers wurde dafür mit Recht ein unvergängliches Denkmal in dem Bekenntnisse der allgemeinen christlichen Kirche gestiftet. Jedenfalls sehen wir mit inniger Rührung den gutherzigen Römer an, wie er dem Verklagten so gewogen, und von dessen Unschuld und sittlicher Unsträflichkeit so mächtig ergriffen ist.
- So gerne setzte er der mündlichen Freisprechung des Gerechten, die er wagt, durch eine tätliche die Krone auf; aber die Juden, der Kaiser, seine amtliche Stellung, und was Alles sonst noch! Ach, wen Verstandesüberzeugung nur, oder auch nur eine natürliche Ahnung, aber nicht die Sündennot des schuldbeladenen Herzens mit Jesus verknüpft, an dem wird der Herr, wenn es zum Treffen kommt, niemals einen verlässigen Anwalt und Vertreter haben. Es schlägt ein Solcher ja mit Christo nicht sein teuerstes und unentbehrlichstes Besitztum los. Seinem Gewissen zu Lieb' träte er wohl gerne mit aller Entschiedenheit für ihn in den Riss; aber die Ehre bei der Welt, die Gunst der Menschen, der häusliche und gesellschaftliche Friede, und was des mehr ist, übt auf ihn viel mächtigeren und überwiegenden Einfluss. Wie wenig inbrunstvolles, kräftiges und unverhohlenes Zeugnis für die Gottesherrlichkeit und Heilandswürde Jesu Christi verlautet in unseren Tagen, wenn es darauf ankommt, selbst unter denen, die das Brot der Kirche essen und in deren heiligen Ämtern prangen! Wie viel Winkelzüge nimmt man wahr, wo es einmal ein selbstverleugnendes Bekenntnis gilt! Wie viele Umgehungs- und Ablenkungskünste werden da geübt, wie viele Judasküsse erteilt, und wie viele feine und versteckte Verleugnungen begangen! An Predigern des unverfälschten Evangeliums gebricht's, Gottlob! nicht mehr in unsern Tagen; aber von wo überkamen dieselben das Christentum, das sie das ihre nennen? Können sie alle bezeugen, dass sie es auch noch andere Wege wandeln sahen, als den Weg vom Katheder der Dozenten in ihr Heft, oder aus Schrift und Buch in ihr Gedächtnis? Brachten sie es alle als eine Siegesbeute aus tiefen Herzenskämpfen mit hervor? Kamen sie zu Jesu, wie eine Magdalena zu ihm kam, ein Schächer, oder ein Apostel Paulus, welcher wohl heute noch verzweifelnd am Staube läge und die Hände ränge, hätte er sich an Demjenigen nicht aufrichten können, im Blick auf welchen wir ihn bezeugen hören: „Ich hielt nicht dafür, dass ich etwas unter euch wüsste, ohne allein Jesum Christum, und zwar den gekreuzigten.“ Ferne sei es von mir, mich zum Richter aufzuwerfen; aber allen Ernstes muss ich besorgen, dass unter denen, die wieder glauben zu dieser Zeit, gar viel Pilatusglaube sich finden möge. Es wird aber die Pilatusverehrung gegen Jesum, wie viel Wahres und Schönes auch sie schon in sich berge, am Tage der großen Sichtung nur unter der Spreu erfunden werden, welche als nichtig und völlig wertlos in die vier Winde zerstieben wird.
2.
Pilatus hat seine innerste Überzeugung von der sittlichen Beschaffenheit Jesu aufrichtig ausgesprochen, da heben die Hohenpriester, über die dadurch erlittene Niederlage nicht wenig erbost, aufs Neue an, Anklagen über Anklagen gegen den Gerechten auszuschäumen. „Sie beschuldigten ihn hart“, meldet die Geschichte. Wider besseres Wissen und Gewissen übergießen sie ihn mit einem Meer von Wut und Ingrimm; und jetzt erst kommt das Wort des Propheten: „Da er verklagt ward, tat er seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm“, zu seiner ganzen Erfüllung.
Das bedeutsamste und sinnvollste Vorbild, das durch göttliche Verordnung in Israels Geschichte und Gottesdienste sich verwob, war das Lamm. Ja, es begegnet uns vor den kaum geschlossenen Pforten des Paradieses schon in dem Opfer Abels das Lamm als ein Gegenstand besondersten göttlichen Augenmerks und Wohlgefallens. Später ist es das Lamm, das mit seinem Blut dem eigentlichen Anfang der israelitischen Volksgeschichte die Weihe gibt. Lämmerblut, an die Türpfosten gesprengt, vermittelt in Ägypten Israels Bewahrung vor dem tödlichen Schwert des Racheengels, und des Volkes Auszug aus dem Diensthause der Pharaonen. Von da an blieb das Lamm die hervorstechendste Figur, unter welcher Gott den Kindern Abrahams den zukünftigen Messias vor Augen malte. Es gewann dasselbe fortan seine bleibende Statt in Israels Opferritus überhaupt und in der jährlichen Passafeier insbesondere, bei welcher letzteren jede Hausgenossenschaft nach dem mosaischen Gesetze gehalten war, ein Lamm männlichen Geschlechtes und ohne Fehl und Gebrechen zum Heiligtum zu bringen, auf dasselbe in feierlicher Weise ihre Sünden zu bekennen, das nunmehr vorbildlich mit ihrer Schuld beladene im Tempelvorhof zur Schlachtung darzubieten, und dann, nachdem es gebraten war, in festlicher Kommunion mit Freuden und unter Dankgesängen zu Jehova ganz zu verzehren. Das prophetisch Sinnbildliche lag bei dieser ganzen Zeremonie so unverhüllt zu Tage, dass auch das ahnungsloseste Gemüt es nicht verkennen konnte. Jedem nur halbwegs für göttliche Symbolik Empfänglichen drängte sich dabei bald und unabweisbar der Gedanke auf, dass diese ganze gottesdienstliche Anordnung etwas Anderes nicht bezwecken könne, als in Israel mit der Erinnerung an den ihm zugedachten großen Sündentilger zugleich das Vertrauen und die Hoffnung auf denselben wach und lebendig zu erhalten. Johannes der Täufer tritt in der Wüste auf, und der erste, bei jeder Erscheinung des Herrlichen sich wieder erneuernde Gruß, womit er Jesum willkommen heißt, und gleichsam den innersten Kern aus seinem Beruf und das Herz aus seiner ganzen Erscheinung herausgreift, lautet: „Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt!“ „Das wohlbekannte Lamm“, will er sagen, „das zuvor ersehene, das lange in Wort und Bild, in Zeichen und Schatten angekündete, der Lämmer Ägyptens, der Lämmer der Hütte und des Tempels, und namentlich der Passalämmer großes Ur- und Gegenbild, und das zur Schlachtbank gezählte Lamm des Sehers Jesaja!“ Und o, mit welcher seligen Herzensbewegung ruft Johannes es daher, Johannes, der in jahrelanger erfolgloser Selbsterlösungsarbeit unter den Treiberstecken des Gesetzes so tief zerbrochene, aber eben darum auch für den Trost der Versöhnung so gründlich zubereitete Mann! Er ruft mit seinem „Siehe“ die Augen der ganzen Welt herbei, und meint, dass wahrhaft sehenswert hinfort im Himmel und auf Erden nichts Anderes mehr sei, als dies sein Gotteslamm. Und freilich bezeichnet er mit den Worten: „Das Lamm, das der Welt Sünden trägt“, aller Geheimnisse beglückendstes und größtes, und den eigentlichen Kern und Mittelpunkt des ganzen Evangeliums. Denn wenn Christus nur der „Löwe aus Juda“ wäre, und nicht zugleich das Lamm, was hilft uns das? Als Lamm ist er der Völker Trost, der Hoffnungsstern der aus dem Paradiese Verwiesenen, die Sonne der Gerechtigkeit in den Tränennächten derer, die das Gesetz verdammt, und die himmlische Leuchte der Wandelnden im dunklen Sterbetal. Ja, dieses Alles ist er als das Lamm, das „der Welt Sünde trägt“. Dieser Ausdruck besagt aber mehr, als dass die Sünde der Welt sein heiliges Herz bekümmert, mehr, als dass er die Unbilden der sündigen Menschen erlitten, mehr vollends, als dass er, was die Sünden der letzteren ihm Schmerzliches bereiteten, geduldig ertragen, und mehr auch, als dass er durch seine Lehre und sein Leben die Hinwegnahme der Sünden beabsichtigt habe. Der Ausdruck deutet in unergründliche Tiefen hinunter. Christus trug die Sünde der Welt in einem viel eigentlicheren, buchstäblicheren Sinne, als dem eben angedeuteten. Er trug sie, indem er sich dieselben in einer uns unbegreiflichen Weise von Seiten Gottes seines Vaters so zurechnen ließ, dass sie nicht mehr die unsrigen, sondern die seinen waren. Denn wie lesen wir 2 Kor. 5, 19? „Gott“, spricht der Apostel, „rechnete der sündigen Welt ihre Sünden nicht zu.“ Was kann das heißen, als Gott habe die Welt nicht selbst ihre Übertretungen büßen, noch selbst für ihre Sünden sie haften lassen? „Aber“, fragen wir stutzend, wenn die große Schuldnerin nicht selbst, wen ließ dann Gott ihre Missetat entgelten? Die apostolische Antwort lautet im 20sten Verse: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns (an unserer Statt) zur Sünde gemacht.“ Das „zur Sünde machen“ muss gemäß den vorhergegangenen Worten dasselbe bedeuten, was „Sünde anrechnen“. Wendet nun Jemand ein, Sünde sei etwas Individuelles, und könne wohl im Wege der Ansteckung und Verführung, aber nicht in dem der Zurechnung von schuldigen Persönlichkeiten auf eine unschuldige übertragen werden, so entgegnen wir: „Wer bist du, Mensch, der du mit Gottes Wort zu rechten wagst, welches dasjenige, was du bezweifelst, nicht allein für möglich erklärt, sondern als ein zur geschichtlichen Tatsache Gewordenes uns verkündet?“ Es ist hier das Verhältnis wunderbarster Einigung und Vergliederung nicht außer Augen zu lassen, in welches Christus mit der Menschheit eintrat, und dessen geheimnisvolle Tiefen wir hienieden nie ergründen werden. Einst werden wir darob erstaunen, in welchem umfassenden und tiefen Sinne Christus unser Haupt geworden ist, und in welcher buchstäblichen Bedeutung der Name eines „Gesamtmenschen“ ihm gebührte. Alsdann werden wir aber auch erkennen und begreifen lernen, wie ohne Widerspruch mit der sittlichen Weltordnung eine fremde Schuld auf ihn übertragen, und er in der Tat das Opferlamm werden konnte, das der Welt Sünden getragen habe.
Halten wir nun diese Mittler- und Bürgenstellung unseres Herrn fest im Auge, so gewinnen die Beschuldigungen, womit Christus in unserer heutigen Szene überschüttet wird, eine tiefe symbolische Bedeutung. Obwohl an und für sich, und sofern sie dem Herrn als einem sittlichen Einzelwesen gelten sollen, die schmählichsten Verleumdungen und Lügen, haben sie doch auch wieder eine große Wahrheit und umfassende Begründung. Es lädt die Welt die Missetaten, deren sie selber schuldig ist, nach Gottes Rat und Willen auf ihren Stellvertreter Jesus Christus ab, und ihre nichtswürdigen Anklagen müssen am Ende nur dazu dienen, uns mit den scheinendsten und brennendsten Lichtern die Lammesgestalt unseres großen Mittlers zu beleuchten.
3.
Deutlicher aber noch offenbart sich das Gotteslamm in Christo in dem Verhalten, das es unter den wüsten Anklagen seiner Widersacher beobachtet. Jesus schweigt, als wäre er wirklich alles dessen schuldig, womit die Verkläger ihn beladen. Pilatus, dem Sturm, der aus der Volksmasse mit erneuter Wut heraufbraust, nicht gewachsen, fleht fast den Herrn an, er möge ein Wort der Selbstverteidigung reden. Aber Jesus schweigt. Pilatus, einzig nur mit dem Herrn noch beschäftigt, spricht zu ihm: „Antwortest du nichts? Sieh doch, wie hart sie dich verklagen! Hörst du nicht?“ - „Jesus aber,“ meldet die Geschichte, „antwortete ihm nichts mehr, auch nicht ein Wort.“ Darüber „verwunderte sich der Landpfleger sehr.“ Wie hätte er sich nicht verwundern sollen, da er nur mit menschlichen Maßstäben das Verhalten des Herrn maß? Ein jeder Andere hätte in einem Moment, da es, wie dort, um nichts Geringeres, als ums Leben ging, Alles in der Eile zusammengerafft, was die erhobenen Beschuldigungen entkräften konnte, zumal, wenn dessen so viel ihm zu Gebote stand, wie dem Herrn; - und Jesus schweigt! Es hätte jeder Andere wenigstens einfach Belege gefordert zu den unverschämten Denunziationen, die man gegen ihn vorzubringen sich erlaubte; aber über Jesu Lippen kommt keine Silbe. In seiner Lage würde Jeder von der verlogenen Priesterzunft an das Gewissen des Volks appelliert, und das Rechtsgefühl der noch nicht ganz Verstockten, deren es gewiss noch viele in der wogenden Menge gab, wach und auf den Plan gerufen haben; aber Jesus appelliert an Niemanden im Himmel und auf Erden. Ach, hätte Pilatus gewusst, wer in dem schweigenden Manne auf seiner Richterbühne vor ihm stand, wie würde er dann erst sich „verwundert“ haben! Er war ja Der, welcher einst alle die Millionen, die je auf Erden geatmet, vor seinen Richterthron fordern wird, um das für alle Ewigkeit gültige Endurteil über sie zu fällen; Der war er, vor welchem auch die Kinder Belials, die dort ihn mit ihrem Kot besudeln, mit der Kette seines Fluchs gebunden einst werden erscheinen müssen, um dann unter dem Donner seiner Sentenz in das Geheul auszubrechen: „Ihr Berge fallt über uns, und ihr Hügel bedeckt uns!“
Und vor deren Schranken steht jetzt Er, und schweigt gleich einem Manne, der der Hoffnung entsagen zu müssen glaubt, den wider in eingeleiteten Prozess je gewinnen zu können! Aber er schweigt, weil er es im Bewusstsein seiner Unschuld unter seiner Würde hält, solchen Anklagen gegenüber auch nur ein Wert zu verlieren. Er schweigt, um der ruchlosen Rotte, die an das, was sie ausschäumt, selbst nicht glaubt, den Stachel ihres Gewissens noch tiefer ins Mark zu treiben. Wohl fühlt Pilatus etwas von dieser in Jesu Schweigen sich beurkundenden Hoheit und Majestät, und sie ist vorzugsweise der Gegenstand der nicht bloß befremdet fragenden, sondern wirklich ehrfurchtsvollen, ja fast anbetenden Verwunderung des Prokurators.
Es schweigt der Herr auch über seinen heutigen Lästerern. Ein Schweigen der Langmut ist es: aber teilweise auch ein Schweigen der Verachtung: denn auch sie lästern wider besseres Wissen und Gewissen. Einst wird Er mit ihren reden, und dann werden sie zitternd bekennen müssen, sie hätten nicht gewollt, dass er über sie herrschte.
- Christus schweigt, wenn die Seinen gegen ihn murren und über seine Führungen und Wege sich beschweren. Im tiefsten Unschuldsbewusstsein schweigt er auch hier, wohl wissend, dass sie ihm einst unter flehentlichen Abbitten die Hände dafür küssen werden, dass er gerade so, und nicht anders sie geleitet habe. Im Übrigen schweigt Christus auf Erden nicht. Wer nur ein Ohr hat für seine Stimme, vernimmt sie tausendfältig aller Orten. Zeugend für sich selbst und seine Sache, redet er bald in augenfälligen Gerichten, mit denen er seine Feinde, bald in handgreiflichen Segnungen und Gebetserhörungen, womit er seine Freunde heimsucht. Er redet durch den Herzenssabbat derer, die auf ihn trauen, wie durch die Friedensarmut, die Sorgennot und Todesfurcht, welche er den Ungläubigen zum Geleite gibt. Er redet durch überraschende Bestätigungen, die die Wissenschaften in ihrem Fortgang, oft wider ihren Willen, seinem Wort gewähren müssen, sowie durch mannigfaltige Zeichen der Zeit, in denen, bei Licht besehen, nichts Anderes, als eine buchstäbliche Erfüllung seiner Weissagungen zu Tage tritt. Durch neue Belebungen seiner Kirche Angesichts der Feinde, die schon ihr „Ikabod“ über dieselbe zu schreien begannen, redet er innerhalb der Grenzen der Christenheit; und in der Heidenwelt zeugt er durch immer neue Geistesschöpfungen, die er, wunderwirkend wie vor Alters, aus einem scheinbar hoffnungslosen und aufgegebenen Stoffe ins Dasein ruft. So wird denn im eigentlichsten Sinne des Wortes eine Wahrheit, was Psalm 147 geschrieben steht: „Es ist keine Sprache noch Rede, darin man nicht Seine Stimme höre. Ihr Schall geht aus in alle Lande, und ihre Rede ertönt bis an der Welt Ende!“
Des tiefsten Grundes des Verstummens Jesu aber unter dem brausenden Beschuldigungssturme seiner Verkläger haben wir noch nicht gedacht. Derselbe liegt in seiner Mittlerstellung. Es schweigt in dem Herrn das Gotteslamm, der Hohepriester, der himmlische Bürge, der Alles, dessen er bezichtigt wird, vor dem Angesichte Gottes ohne Widerrede auf sich nimmt, weil er es als der stellvertretende Universalschuldner für uns büßen und entgelten will. Hierhin deutet demnach ganz sonderlich das „Siehe!“, womit der Täufer Johannes strahlenden Angesichtes einst die Wüste erfüllte. Ja, siehe, du tränenfeuchtes Auge, das du an dir selber nichts mehr als Sünde siehst und den Stuhl gesehen hast, welcher in eitel Feuerflammen brennt, sowie die Handschrift, die in dem unwiderruflichen Gesetze des heiligen Berges wider dich zeugt; umflortes Schächerauge, das du mit scheuem Blicke nur den Boden suchst und nicht mehr zum Himmel aufzuschauen wagst: O siehe, hier strahlt dein Morgenstern, hier leuchtet deine Friedenssonne! Sieh hier des Opferlammes Abels, der rettenden Lämmer in Ägypten, des verheißungsreichen Passalammes wahrhaftiges Gegenbild! Was, du schuldbedrückte Seele, frommt dir's, dass du dich festspinnst in deinem Gram, und mit deinem Denken und Betrachten nur an deinem Jammer haftest? Schaue auf! das Heilmittel ist bereit! Verzage an aller Selbstentsündigung, mit der du ewig dich umsonst bemühst! Verzage aber nicht an deiner Rettung und Beseligung: denn siehe, hier ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Auf dieses Lamm lehne dich, und habe Ruhe! Sein Blut, im rechten Lichte angeschaut, beschwichtigt alle Stürme, heilt alle Wunden, wie es alle Sünde gänzlich getilgt, und den Fluch, der ihr gedroht war, hinweggenommen hat. Was alle Misstöne in unserem Innern harmonisch auflöst, alle Leidenschaften bändigt, und das Gebot, sonst eine Kette, zum sanftesten Gängelbande macht, in welchem man, weil Gottes Vaterhand daran uns führt, mit Freude und mit Stolz einhergeht: es ist der Glaubensblick auf das Lamm! In diesem Blicke liegt der Sieg, der die Welt überwunden hat und mit der Welt jedwede Not des Lebens und des Sterbens überwindet.
Entschleiere sich's uns denn je mehr und mehr, das holdselige Gotteslamm; und ob sich's unserem Empfinden auch spärlich zu genießen gäbe, halten wir dennoch auch im Dunkeln an dem Lamme fest! In unserem brechenden Auge noch wird sich's spiegeln, dass wir am Lamm gehalten; und wenn dann jenseits uns das Auge wieder aufstrahlt, werden wir das Lamm ohne Hülle schauen. Keine Wolke verbirgt es uns dann mehr. Wir sinken, seine Wundmale küssend, anbetend vor ihm nieder, und stimmen mit den Scharen der vollendeten Gerechten in den nimmer endenden Hymnus ein: „Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig, zu nehmen Preis, Ehre und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
Bis dahin aber verstumme nicht in unserem Herzenskirchlein der flehentliche Feierklang der Passion:
Christe, Du Lamm Gottes,
Der Du trägst die Sünde der Welt,
Erbarm' Dich unser!
Christe, Du Lamm Gottes,
Der Du trägst die Sünde der Welt,
Gib uns Deinen Frieden! — Amen.