Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXIX. Christus vor dem Synedrium.
„Wer sagt denn ihr, dass ich sei?“ So der Herr Matth. 16, 15 zu seinen Zwölfen. Nie hat ein Weiser dieser Erde so seine Schüler zu fragen sich vermessen. Hätte Einer sich's getraut, er würde denselben als ein Narr erschienen sein. Es ziemte den menschlichen Philosophen, an diejenigen, welche sie hörten, nur die Frage zu richten, ob ihre Lehre ihnen eingeleuchtet habe, Ihre Person tat zur Sache nichts, sondern ging in ihrer vorgetragenen Weisheit auf. In unerhörtem Missverstande des ganzen Christentums hat man nun aber auch Jesum jenen zur Seite stellen, und ebenfalls, weil sich's ja nur um die Wahrheit seiner Lehre handle, seine Person vergleichgültigen wollen. Aber man hat nicht bedacht, dass Christi Lehre durchweg nur Lehre von seiner Person ist. Er selbst mit seiner Erlösungstat ist nicht der Gewährsmann bloß, sondern der Inhalt und Kern des Christentums. Das Christentum ist keine Doktrin, sondern die welthistorische Tatsache der durch Vermittlung des Sohnes Gottes zu Stand und Wesen gebrachten Entsündigung der Menschheit; und wo es auch Lehre ist, ist's nur Botschaft von dieser großen Begebenheit, und Anweisung, wie man des Segens derselben teilhaftig werde.
Die erste Bedingung darum, an welche der Eintritt in die Gemeinschaft der Christen geknüpft ist, ist die, dass man inne werde, wer Christus sei. Aller Fragen des evangelischen Katechismus erste tönt dort von der Lippe des Herrn selbst uns an: „Wer sagt ihr, dass ich sei?“ Bei einem Menschen, der auf sie die Antwort noch nicht fand, kann von Christentum überhaupt noch nicht die Rede sein. Die ganze christliche Frömmigkeit ist nicht Bestreben, den Sittengeboten eines Rabbi von Nazareth nachzuleben, sondern gläubige Hingebung an den persönlichen Christus als an den Sohn des lebendigen Gottes und den einigen Mittler zwischen Gott und den Menschen.
Jede Gelegenheit, in der Erkenntnis Jesu Christi zu wachsen, muss uns mithin überaus willkommen sein. Eine solche wird uns auch heute wieder geboten. Gereiche sie uns zur Stärkung und Befestigung unseres Glaubens!
Matthäus 27, 1. 2. Lukas 22, 67-71. 23, 1.
Und als es Tag ward, sammelten sich die Ältesten des Volks, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, und führten ihn hinaus vor ihren Rat, und berieten über ihn, dass sie ihn töteten. Und sprachen: Bist du Christus? Sage es uns. Er sprach aber zu ihnen: Sage ich's euch, so glaubt ihr's nicht; frage ich aber, so antwortet ihr nicht, und lasst mich auch nicht los. Von nun an wird des Menschen Sohn sitzen zur rechten Hand der Kraft Gottes. Da sprachen sie alle: So bist du denn Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt's, denn ich bins. Sie aber sprachen: Was bedürfen wir weiter Zeugnis? Wir haben es selbst gehört aus seinem Munde. Und ihr ganzer Haufen stand auf, und banden ihn, führten ihn hin, und überantworteten ihn dem Landpfleger Pontius Pilatus.
Zum andern Male soll die Welt vernehmen, welche Erklärungen Christus selbst über die Würde seiner Person auch gerichtlich, ja, wie wir zu sagen pflegen, „zu den Akten“ abgegeben hat. Der Prozess, dessen wir im hohenpriesterlichen Palaste Zeugen waren, erneuert sich jetzt in förmlicherer und solennerer Weise. Ruhe denn unser betrachtender Blick auch diesmal vor Allem auf dem Herrn, und sehen wir, wie Er seine Richter zeichnet und beschämt; sodann, wie Er das Bekenntnis seiner Gottessohnschaft erneuert; und endlich, wie Er den Armensündergang zum heidnischen Gerichtshof antritt.
Ihr ahnt bereits, wie es auch unserem heutigen Geschichtsabschnitte an großer Bedeutung und reichem Troste nicht gebricht. Möge es uns gegeben werden, im Wege unserer Betrachtung alle seine göttlichen Schätze zu heben!
1.
Die Morgendämmerung graut nach schauerlicher Nacht herauf, und verkündet den Anbruch des größten und verhängnisvollsten aller Erdentage. Der heilige Freitag ist's, der furchtbarste Verkläger der sündigen Welt; aber zugleich der Geburtstag ihres Heils, der Wiegentag ihrer ewigen Erlösung. Es ist der Tag, der, schon in demjenigen der Ausführung des Bundesvolkes aus Ägypten vorgebildet, seit länger als einem Jahrtausende alljährlich in dem „großen Versöhnungstage“ den Gläubigen Israels sich angekündigt hatte, und der der Hauptgegenstand ihrer gemeinsamen Hoffnung und Sehnsucht war.
Alle Sonnenblicke der Gnade, die je und je sie angeschienen, waren nur vorlaufende Ausstrahlungen dieses damals noch im Schoße einer fernen Zukunft schlummernden Tages; und wo irgend Gott einem Sünder in Huld begegnete, geschah es lediglich auf Grund der blutigen Vermittlung, die an diesem Freitage tatsächlich zu Stand und Wesen kam.
Trotz der hohen Morgenfrühe sind die Ratsglieder zu Jerusalem schon auf und in voller Tätigkeit. Sie bereiten ein zweites Verhör mit Jesus vor, „auf dass sie ihn zum Tode brächten.“ - Aber haben sie nicht seine Schuld schon festgestellt, und das Urteil über ihn gesprochen? - Freilich haben sie's. Aber sie finden dabei noch keine Ruhe, sondern wären gerne noch anderer und entscheidenderer Beweismittel gegen ihren Verklagten sich bewusst, als derjenigen, auf welche sie ihr Urteil gründeten. Unverkennbar hat die ganze Haltung des Herrn während des ersten Verhörs, und namentlich sein großes, mit so majestätischer Bestimmtheit und Zuversicht ausgesprochenes Bekenntnis mächtige Eindrücke in ihnen zurückgelassen; und was etwa von Gewissen noch in ihnen übrig war, vom Schlummer geweckt, und wider sie aufgestachelt. Das unstete Wesen, das wir an ihnen gewahren, sowie die Hoffnung, die sie verraten, im Wege erneuerter Verhandlungen zu neuen und erheblicheren Rechtfertigungsgründen für ihr mörderisches Vorhaben zu gelangen, setzt dies außer Zweifel.
Sie treten jetzt, und zwar in ihrem amtlichen Sitzungssaale, der in einem der Tempelgebäude sich befand, zu einer ordentlichen Plenarversammlung zusammen, während ihr erster Zusammentritt in der Wohnung des Hohenpriesters, abgesehen davon, dass einzelne Räte bei derselben fehlten, mehr den Charakter des Zufälligen und Tumultuarischen an sich trug.
- Der „hohe Rat“, oder das „Synedrium“ war, wie ihr wisst, der aus 71 Gliedern, den Oberpriestern, Ältesten und Schriftgelehrten, zusammengesetzte, und von dem Hohenpriester, als seinem Präsidenten, dirigierte oberste Gerichtshof der späteren Juden, welcher, dem Kollegium der 70 Räte, das Moses auf dem Zuge durch die Wüste sich beigesellte, nachgebildet, in allen national jüdischen, und namentlich in den dem Gebiete des Kirchlichen beigehörigen Angelegenheiten richterlich zu erkennen und Urteil zu sprechen hatte. Christus betrachtete nach Matth. 23, 2 diese Gerichtsstelle als eine göttlich sanktionierte, und unterzog sich ohne Widerspruch, „der Obrigkeit untertan,“ ihrem Vorladungsbefehle. Später standen vor den Schranken dieses Hofes auch Petrus, als „vorgeblicher Wundertäter“, dann wiederum er gemeinschaftlich mit Johannes, als „Volksverführer“, ferner Stephanus, als „Gotteslästerer“, und Paulus, als „falscher Prophet“ angeklagt. Seit der Einnahme des Landes durch die Römer ging dieser Gerichtshof des Rechts, gefällte Todesurteile auch in eigener Vollmacht zu vollziehen, verlustig, und bedurfte hierzu fortan, wie aus Joh. 18, 31 erhellt, der Genehmigung des kaiserlichen Prokurators. Dass die Steinigung des Stephanus ohne eine solche vor sich ging, war wohl eine Befugnis-Überschreitung der Juden, für welche sie allenfalls eine Entschuldigung in dem Umstande finden konnten, dass der Landpfleger, der gewöhnlich in Cäsarea am Meere residierte, damals von Jerusalem abwesend war.
Vor diesem Gerichtshof sehen wir nun den Herrn zum zweiten Male erscheinen. Unter bewaffneter Bedeckung wird er den Tempelberg hin angeführt. Zum letzten Male wandert er diese Straße. Er zieht sie - bedeutsames Zusammentreffen! - zugleich mit den Passalämmern, die an demselben Tage dem Priester zur Schlachtung vorgeführt wurden. Welche Empfindungen mögen auf diesem Gange Ihn begleitet haben! Gewiss schwebte Ihm der vorbildliche Moriasgang des Vaters Abraham vor der Seele, der jetzt so augenfällig in dem seinigen seine Erfüllung fand.
- Christus ist ja der gegenbildliche Isaak, der jetzt an seines himmlischen Vaters Hand auf demselben Pfade, auf dem einst sein menschlicher Typus, von seinem irdischen Vater geleitet, demselben Ziele entgegenschritt, zu Gottes Altare wandelt. Freilich fragt Christus nicht, wie der Sohn Abrahams: „Mein Vater, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Lamm zum Brandopfer?“ - Er weiß, was für ein Lamm sich Gott ersehen hat, und beugt sich willig dem erhabenen Ratschluss. Auch ist er sich bewusst, dass es mit Ihm nicht bloß zu einem Willensopfer kommen, und, nachdem Er den Altar bestiegen, ein Engel vom Himmel rufen werde: „Lege deine Hand nicht an den Knaben;“ sondern dass Er sein Bild, wie in Isaak, so zugleich in dem „Widder“ zu erkennen habe, der sich mit den Hörnern in den „Dornen“ verwickeln musste, und welchen Abraham auf Jehovas Wink hinnahm, um ihn an seines Sohns Statt zu schlachten.
Die Sitzung des Synedriums ist eröffnet. Der Angeklagte steht vor den Schranken. Da ergeht denn an Ihn aufs Neue die richterliche Frage: „Bist du Christus? Sage es uns!“ Als hätte er es nicht schon deutlich genug gesagt, dass er es sei! Aber es ist, als ob sie noch Bedenken trügen, Ihn deshalb ohne Weiteres als einen Lügner und Gotteslästerer dem Tode zu überantworten; ja, als suchten sie unwillkürlich die Sache in die Länge zu ziehen, weil ein leiser Nachhall der übertäubten Gewissensstimme ihnen sagte, nicht zwar, dass Er der wirklich sei, für den Er sich ausgegeben, aber doch, dass Er der möglicher Weise wohl sein könnte. Der Herr nimmt das Wort; und nun gebt Acht, wie das Blatt sich wenden wird, und der Verklagte zum Richter, die Richtenden hingegen zu Delinquenten werden. „Sage ich's euch,“ spricht Er, „so glaubt ihr's nicht; frage ich aber, (d. i., schicke ich mich an, disputierend, und durch Beweise euch überführend mich mit euch einzulassen,) so antwortet ihr mir nicht, und lasst mich auch nicht los.“
O, wie Viele werden auch heute noch durch dieses Wort geschlagen! Nicht gänzlich religiös gleichgültige Leute sind es, die ich im Auge habe. Auch sie fragen, wer Christus sei, und es ist, als ob sie nicht Ruhe fänden, bis sie es in Erfahrung gebracht. Aber obwohl, wer Er sei, ihnen bald so, bald in einer andern Form eröffnet wird, glauben sie doch nicht. Die Kirche sagt's ihnen in dem zweiten Artikel des apostolischen Bekenntnisses; aber „die Kirche“, sprechen sie, „kann irren; was sagen die Zeitgenossen Jesu?“ Die Apostel rufen um die Wette: „Er ist das Wort, das von Anfang bei Gott, und selbst Gott war, der Abglanz der Herrlichkeit Gottes, der Sohn, in welchem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte;“ aber nun heißt es unter Achselzucken: „Liebe ist blind, und Begeisterung sieht Gesichte!“ - Nur, was Jesus selbst von sich bezeugte, wollen sie gelten lassen. Und Jesus schreitet vor, und kündet sich ihnen an, nicht allein als das „Licht der Welt“, als „die Wahrheit“ und „das Leben“, sondern als einen Größeren, denn dieses Alles: als den, „der mit dem Vater eins“, der „eher, denn Abraham war“, und dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben“ sei. Glauben sie jetzt?
- Sie stutzen; aber ehe man sich's versieht, biegen sie mit allerlei Fragen, z. B. ob die Berichterstatter Jesum auch richtig verstanden hätten, ob seine Aussprüche im buchstäblichen Sinne aufzufassen seien, ob es überhaupt im Bereiche der Möglichkeiten liege, dass Gott Mensch werde usw. wieder aus. Und wie sich nun der Herr Beweis führend zu den Zweiflern herablässt, und, durch unmittelbare Einwirkung auf ihre Gedankenwelt, oder durch einen seiner menschlichen Dolmetscher und Anwälte sie zu fragen anhebt, wer Er denn sein könne, wenn Der nicht, für den Er sich ausgegeben, nachdem eine zweitausendjährige Weissagung bis aufs Jota in Ihm ihre Erfüllung erreicht, seine Auferweckung von den Toten selbst in dem Zeugnisse seiner Feinde ihre Bestätigung gefunden, die Jüngerschar, die Ihn von Angesicht gesehen, mit Freuden Blut und Leben für Ihn in die Schanze geschlagen, der Heilige Geist Seiner Verheißung gemäß mit seiner wiedergebärenden Macht wirklich die Erde begrüßt, der Kern des Menschengeschlechts durch achtzehn Jahrhunderte hindurch Ihm huldigend die Ehre gegeben habe, und lauter, als irgendein Wort und eine vereinzelte Tat das lebendige Denkmal Seiner Kirche für Ihn zeuge: da stehen sie zwar betroffen, und sehen sich am Ende ihrer Entgegnungen angelangt; aber glauben darum doch nicht, und lassen den Herrn insofern auch nicht los, als sie nicht ermüden, seine übermenschliche Hoheit anzuzweifeln, und auch Andern dieselbe zu verdächtigen. Sie wollen nicht glauben; dies ist des Rätsels Deutung. Es graut ihnen vor dem Gedanken, die Idole ihrer eigenen Weisheit und Gerechtigkeit, wie diejenigen der Lust und Ehre dieser Welt, um Jesu willen ans Kreuz, nageln zu sollen. Sie sehen zwischen sich und dem Herrn einen Abgrund offen, der ihnen nichts Geringeres, als die ganze Herrlichkeit und Selbstständigkeit ihres Ich zu verschlingen droht; und vor diesem Tode schrecken sie zurück. Zwar haben sie noch Gewissens zu viel, um sich von Ihm, wie jener Gadarener, mit einem: „Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesu?“ entschieden loszusagen; aber doch Gewissens zu wenig, um der auf sie eindringenden Wahrheit Raum zu geben. Sie lassen lieber die Sache auf sich beruhen, und verschieben die Entscheidung.
2.
Der Herr bekennt aufs Neue. Die ihm vorgesetzte Obrigkeit fordert's, und Er gehorcht. Zudem liegt ihm daran, dass die Welt mit Bestimmtheit wisse, wer Er sei, und wen sie gekreuzigt habe. Von der Höhe des Tempelberges überblickt er im Geiste die Menschheit und die kommenden Jahrhunderte. „Von nun an“, beginnt Er, noch einmal den Schleier seiner Knechtsgestalt lüftend, und den Adelsstern auf seiner Brust entblößend, „wird des Menschen Sohn sitzen zur rechten Hand der Kraft Gottes!“ Ein großes Wort; unverkennbar auf Daniels, des weitschauenden Propheten, Ausspruch Kap. 7, 13 hinüberdeutend: „Es kam Einer in des Himmels Wolken wie eines Menschen Sohn.“ Nicht einen Augenblick konnte es den Priestern und Schriftgelehrten zweifelhaft sein, dass er hiermit sowohl für den durch die Seher Gottes verheißenen Messias sich erkläre, als göttliche Natur und Wesenheit sich beilege. Schon durch den Namen: „des Menschen Sohn“, mit dem er sich gewöhnlich zu bezeichnen pflegte, deutete er an, dass seine Menschheit nur ein in außerordentlichem Wege zu seiner Person Hinzugekommenes sei. Denn wäre er sich seiner nur als eines Menschen bewusst gewesen, was hätte dann jene auffallende Benennung für einen Sinn gehabt?
Dass er aber ein nahe bevorstehendes „Sitzen zur rechten Hand der Kraft“ oder „der Majestät Gottes“ von sich aussagt, ist nichts Anderes, als eine bestimmte Eröffnung, er werde mit seinem himmlischen Vater den Stuhl der Ehren teilen, und in gleicher Machtvollkommenheit und Glorie mit Ihm die Welt regieren.
Der Hohe Rat, mit den Redeweisen der Propheten wohl vertraut, verstand auch die Worte in diesem Sinne. „So bist du also Gottes Sohn?“ schreien sie ihm wie aus einem Munde zu. - „Ihr sagt's“, entgegnet Er mit majestätischer Festigkeit und Ruhe, „denn ich bins!“
Es dürfte hier an seinem Orte sein, die biblische Begründung der Lehre von der Gottheit Christi noch weiter und umfassender nachzuweisen. - Sie verdient's, weil von ihr als von seinem wesentlichsten Grundpfeiler das ganze Christentum, sofern dasselbe nicht Doktrin und Gesetz, sondern Tatsache der Erlösung ist, getragen wird. Es fällt die besagte Lehre mit derjenigen von der Präexistenz, oder dem Vordasein Christi, in eins zusammen. Unter diesem Vordasein verstehen wir aber weder das Sein der Christus Idee im Bewusstsein und Ratschluss Gottes; noch das Dasein des Christus-Ideals in der Weissagung der Propheten, bevor es sich verkörperte; noch endlich gar das Vordasein Christi als einer Potenz oder Möglichkeit der menschlichen Natur, so dass in dem Herrlichen von Nazareth nur ein dieser Natur inwohnendes Gute zu seiner erschöpfenden Entfaltung gekommen wäre, und Jesus als die sittliche Blüte der menschlichen Gattung angesehen werden dürfte; eine Vorstellung, die wir in das Gebiet träumerischer und von aller Wahrheit entblößter Einfälle eines das „Fleisch“ vergötternden ästhetisierenden Pelagianismus verweisen müssen. Die Lehre, um die sich's handelt, ist vielmehr die, dass Derjenige, welcher sich durch Wirkung des Heiligen Geistes in der Jungfrau Maria mit der menschlichen Natur vereinigte, vor seiner Menschwerdung, ja vor aller Schöpfung, als selbstbewusstes Subjekt schon da war.
Lehrt die Schrift in der Tat ein solches Vordasein unsres Herrn? - Dass so selbst in der Kirche noch gefragt werden kann, zeugt meines Bedünkens nur von der ungeheuren Verderbnis, in welche seit länger, als einem halben Jahrhundert, die Exegese oder Schriftauslegungskunst hineingeraten ist. Die ganze biblische Christus-, Heils- und Erlösungslehre hat jenes Vordasein in der Person unsres Mittlers zu ihrem Grunde. Die Beweisstellen aber, die hier vornehmlich in Betrachtung kommen, zerfallen in zwei Klassen. Es sind zuvörderst solche, welche die Präexistenz, gestattet nun dies fremdländische Wort, zu ihrer notwendigen Voraussetzung haben; und sodann solche, welche dieselbe ausdrücklich lehren, und in Form einer dogmatischen Satzung aussprechen.
Auf die erstere Klasse lenke ich euern Blick zunächst. Es fallen in sie alle diejenigen Stellen der Schrift, in denen Christo göttliche Prädikate überhaupt, und namentlich die Wesens-Einheit mit seinem himmlischen Vater zuerkannt werden.
Schon durch die Bilder- und Hieroglyphenschrift des Alten Testaments bricht der große Artikel von jener wesentlichen Einheit vielfach hell hindurch, wenn auch zugegeben werden muss, dass, was dem Messias hier eigentümlich Göttliches zugeschrieben wird, öfter als ein durch den Heiligen Geist Vermitteltes erscheint, und darum möglicher Weise als etwas Ihm erst in seiner geschichtlichen Erscheinung von Oben her Mitzuteilendes betrachtet werden könnte. Wir legen darum für unsern gegenwärtigen Zweck kein großes Gewicht darauf, wenn er dort Namen trägt, wie „Immanuel“, „Gottheld“ usw., und göttliche Stärke, Wunderkraft und Herrschaft ihm beigelegt werden. Aber es fehlt auch nicht an vielen Aussprüchen, in denen ihm nicht allein eine durch den Geist vermittelte ökonomische, d. h. nur Behufs der Aufrichtung seines Reichs ihm verliehene, sondern auch eine ursprüngliche, natürliche und wesenhafte Einheit mit Gott zugeeignet wird.
Hierher gehören zuvörderst alle diejenigen Stellen, in denen er als der Maleach oder Engel Jehova (nicht Jehovas) von dem Jehova Elohim unterschieden, und doch auch wieder mit demselben gleichgestellt wird. So unterscheidet Gott 2 Mos. 33, 14 den „Engel seines Angesichts“, der Israel führen soll, ausdrücklich als eine andere Persönlichkeit von Sich selbst, und seht ihn auch wieder Sich gleich, indem er 2 Mos. 23, 21 von ihm sagt: „Mein Name ist in ihm“, was nur heißen kann: „Ich bin in ihm wesentlich gegenwärtig“; oder „Er ist mein andres Ich, und selbst Jehova“. So heißt auch der Engel, der sich dem Abraham im Haine Mamre offenbarte, die Verheißung ihm gab, und „Feuer regnen ließ von dem Jehova im Himmel“, selbst wieder „Jehova“, ein Name, der ausschließlicher noch ein Name Gottes ist, als irgendein andrer.
- Nicht ohne Belang ist es ferner, dass Jeremias 23, 6 Jehova bezeugt, das „gerechte Gewächs“, das er „dem David erwecken wolle“, solle genannt werden: „Jehova Zidkenu“, d. i. Jehova, unsere Gerechtigkeit. - Endlich steht es nach dem Neuen Testamente außer Frage, dass der Gott gleiche „Engel Jehova“ des alten Bundes mit Christo ein und dieselbe Person war. So lesen wir 1 Korinth. 10, 4: der Führer Israels in der Wüste sei Christus gewesen, und Vers 9: die Israeliten hätten während ihrer Wanderschaft in Jehova Christum versucht.
Im Neuen Testamente tritt die Wesens-Gleichheit Christi, des Sohnes, mit dem ewigen Vater noch unzweideutiger hervor. Jesus selbst wusste sich auf das bestimmteste als den nicht bloß sittlich, sondern wesentlich und natürlich Gott gleichen Mittler. In der bekannten Stelle Matth. 22, 45, wo er spricht: „So nun David ihn einen Herrn heißt, wie ist er denn sein Sohn?“ stellt er sich als den Jehova des 110ten Psalms dar. Matth. 7, 22. 19, 29. 23, 38. 39. 24 u. 25 kündet er sich als den zukünftigen souveränen Richter der Lebendigen und der Toten an. Matth. 28, 18 eignet er sich „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ zu. Matth. 9, 6 tritt er als der Inhaber der ausschließlich göttlichen Vollmacht, Sünden zu vergeben, auf. Joh. 5, 26 erklärt er sich in demselben Sinne für die Quelle des Lebens, in welchem der Vater es sei, und sagt, dass die in den Gräbern einst seine, des Sohnes, Stimme hören würden. Joh. 14, 9 spricht er: „Wer mich sieht, sieht den Vater. Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin, und der Vater in mir?“ Ebendaselbst Vers 3 verheißt er, dass Er ( „Ich“, spricht er)
tun und gewähren wolle, was man in seinem Namen bitten werde; und Joh. 20, 28 besiegelt er das anbetende „Mein Herr und mein Gott“ des Thomas mit seinem: „Jetzt glaubst du. Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben!“
Sämtliche Verfasser der neutestamentlichen Schriften erkennen in Jesu den Kyrios, d. i. den „Herrn“, und gebrauchen diese Bezeichnung als gleichbedeutend mit dem alttestamentlichen „Jehova“. 1 Kor. 8, 6 sagt Paulus: „Wir haben Einen Gott, den Vater, von welchem alle Dinge sind, und Einen Herrn, Jesum Christum, durch welchen alle Dinge sind.“ - Kol. 1, 15 heißt Christus das „Ebenbild“ oder „die Sichtbarkeit“ des „unsichtbaren Gottes“; und Hebr. 1, 3: „der Abglanz Seiner Herrlichkeit“, und „der Charakter (der lebensvolle Abdruck) Seines Wesens.“ Richtig bemerkt ein erleuchteter Schriftausleger, es sei hier nicht die Rede von der Gegenständlichkeit und Abbildung Gottes in dem Mensch gewordenen „Wort“, und in den menschlich vermittelten Erscheinungen desselben; sondern in beiden obigen Stellen werde weit mehr auf die Vermittlung der Weltschöpfung und Welterhaltung, als auf die Erlösung hingesehen. Und also ist es. Es handelt sich hier mehr von dem Verhältnis des Sohnes zu Gott, als von seinem Verhältnisse zu der Welt.
- Phil. 2, 6 heißt es von Christo, dass er ursprünglich „in Gottes Gestalt“, d. i. „Gott von Art“ gewesen sei; und Vers 11: „dass ihm ein Name über alle Namen gegeben“ sei, und dass „in Seinem Namen Aller Knie sich beugen“ sollen. - In der Offenbarung Johannis werden ihm alle Prädikate der Gottheit zuerkannt. Er ist dort das „Alpha und Omega“, der „Erste und der Letzte“, der „Allmächtige“, der Ewige, der da ist, der da war, und kommt“ usw.
Ja, die Apostel nennen ihn geradezu „Gott“. Röm. 9, 15 sagt Paulus: „Christus kommt her von den Vätern nach dem Fleisch.“ Dieser Satz fordert einen Gegensatz; und die apostolische Antithese lautet: „Christus ist Gott über Alles, gelobt in Ewigkeit.“ Also nach der einen Seite ist Er jenes, nach der andern dieses.
Kol. 2, 8 u. 9 lesen wir: „Lasst euch nicht berauben durch Philosophie und losen Trug; denn in Ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig,“ d. i. wesentlich. - 1 Tim. 3, 16 heißt Christus der „im Fleisch geoffenbarte Gott“. Tit. 2, 13 sagt der Apostel: „Wir warten auf die selige Erscheinung der Herrlichkeit unsres großen Gottes und Heilandes Jesu Christi.“ 1 Joh. 5, 21 steht: „Dieser (Christus) ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.“ - Hebr. 1, 8 wird Ps. 45, 7 u. 8 auf Christum bezogen, und Dieser angeredet: „Dein Stuhl, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du liebst Gerechtigkeit; darum hat Dich, o Gott, dein Gott, gesalbt“ usw. - Hebr. 7, 14 wird es zu den Prädikaten des Messias mitgezählt, dass Er höher „denn der Himmel“ sei. Alle Paulinischen Briefe wünschen und erflehen den Gemeinen Segen von Ihm als von Gott in der zweiten Person. Dass Christus mit dem Vater und dem Heiligen Geiste in gleicher Reihe erscheint, bezeichnet Gleichartigkeit und Wesens-Einheit.
Diese Wesens-Einheit Christi mit dem Vater, d. h. seine Gottheit im substanziellen Sinne des Worts, steht also biblisch unbestreitbar fest, und schließt natürlich die Präexistenz, oder das persönliche Vordasein des Sohnes, schon in sich. Es wird aber dieses Vordasein des „Eingebornen“, als des „Ebenbildes Gottes“, in welchem Gott sich selber gegenständlich wurde, und sich von Gott als seinem andern Ich unterscheidet, auch ausdrücklich in der Schrift gelehrt; und es ist auch dieses unwiderleglich nachzuweisen.
Schon beim Propheten Micha, Kap. 5, 2, wird von dem Messias gesagt, „seine Ausgänge seien von Anfang und Ewigkeit her gewesen.“ - Der Herr selbst bezeugt Joh. 3, 13: „Niemand fährt gen Himmel, außer dem, der vom Himmel gekommen ist, des Menschen Sohn;“ - 6, 38: „Ich bin vom Himmel gekommen, nicht, dass ich meinen Willen tue,“ V. 46: „Niemand hat den Vater gesehen, ohne der von Gott ausgegangen ist, der sah ihn;“ V. 50; „Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen;“ V. 62: „Ihr werdet sehen des Menschen Sohn auffahren dahin, da er zuvor war“; - 8, 23: „Ihr seid von unten her, ich bin von Oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Ich gehe hinweg.“ (Also örtlich ist sein „Ich bin von Oben her“ zu verstehen, und nicht etwa spiritualistisch, oder sittlich; - V. 58: „Ehe denn Abraham ward, bin ich.“ Die Juden wollten ihn dieser letzteren Äußerung wegen steinigen, woraus erhellt, dass sie seine Rede buchstäblich nahmen. Er aber tadelt diese ihre Exegese nicht, sondern bestätigt sie schweigend. - Endlich bezeugt der Herr in seinem hohenpriesterlichen Gebete Joh. 17 zuerst, V. 5: „Verkläre mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war;“ und V. 8: „Sie haben erkannt, dass ich von Dir ausgegangen bin, und Du mich gesandt hast.“ - Beides kann nicht ein und dasselbe sein; die Schrift macht sich solcher Tautologien nicht schuldig. Die ersteren Worte bezeichnen den Wesensausgang vom Vater; die andern seine Sendung vom Himmel auf die Erde.
Johannes der Täufer spricht Joh. 1, 15: „Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen; denn er war eher denn ich.“ Es hätten diese Worte keinen Sinn, wenn sie sich nicht auf das Vordasein Jesu bei Gott bezögen. V. 18 spricht er: „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoße ist, der hat es uns verkündigt;“ - V. 27: „Er ist vor mir gewesen; er war eher, denn ich;“ und Joh. 3, 31: „Der von Oben her kommt, ist über Alle, und zeugt, was er gesehen und gehört hat.“ Paulus nennt Christum Kol. 1, 15. 16 „den Erstgeborenen aller Kreatur“, d. i. den vor aller Kreatur Geborenen. „In Ihm“, fährt er fort, „durch Ihn und zu Ihm ist Alles geschaffen. Und Er ist vor Allem, und es besteht Alles in Ihm.“
- Johannes sagt in seinem ersten Briefe 4, 2: „Ein jeder Geist, der da bekennt, Jesum Christum ins Fleisch gekommen, der ist von Gott.“ Hebr. 1, 2 wird geschrieben: „Durch Christum hat Gott die Äonen gemacht;“ 2, 9: Christus ist eine kleine Zeit unter die Engel erniedrigt;“ - V. 14: „Er ist des Fleisches und Blutes teilhaftig geworden.“ Kap. 7 wird er auch darin dem Melchisedek verglichen, dass Er „weder Anfang der Tage, noch Ende des Lebens hat.“ Die Hauptbeweisstelle aber für das persönliche Vordasein Christi bei Gott ist in dem Eingang des vierten Evangeliums enthalten. Hier wird auch abgesehen von Christi Menschwerdung und den Reichsverhältnissen, in die er trat, in der Lehre von dem ewigen „Logos“, oder „Wort“, Gott von Gott unterschieden. Hier haben wir in gedrängtester Kürze die vorweltliche Geschichte Christi vor uns. Hier begegnet uns ein vorgeschöpfliches Sein eines Subjekts, das ein Andrer ist als Gott, und doch wieder Gott gleich, und mit Ihm eins. - Hier haben wir den Sohn nur als „in Beziehung stehend zu Gott“, und noch nicht in Beziehung zur Welt. Der Menschwerdung geschieht erst später als einer im Lauf der Zeiten in die Geschichte eingetretenen Tatsache Erwähnung, nachdem es vor dem: „Und das Wort ward Fleisch“ in feierlicher Weise geheißen hat: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei (oder: hingeneigt zu) Gott; und Gott war das Wort.“
Nun, Brüder, ist es euch kund und offenbar, wer Christus sei nach der Schrift. Wehe euch, wenn auch jetzt noch das Wort euch träfe: „Sage ich's euch, so glaubt ihr's nicht!“ Fürwahr, ihr hättet fast weniger noch zur Entschuldigung eures Widerstrebens vorzuwenden, als die Richter, vor deren Schranken wir heute den Gerechten stehen sehen. Hellere Lichter beleuchteten euch seine Person, als jenen, denen noch das Dunkel seiner Knechtsgestalt im Wege stand.
3.
Der Herr hat sein großes Bekenntnis wiederholt. „Ihr sagt's“, sprach er, „Ich bin es!“ Da fährt die Versammlung teils in wirklicher, teils in erheuchelter Entrüstung und Bestürzung auf, und der Eine ruft lauter, als der Andre: „Was bedürfen wir weiter Zeugnis? Wir haben es selbst gehört aus seinem Munde!“ - Ja wohl, aus seinem eigenen Munde vernahmen sie's. Von diesem ihrem Zugeständnis ist im Himmel Akt genommen. Es wird nicht fehlen, dass es ihnen am Tage des Gerichtes vorgehalten werden wird; und womit wollen sie es dann rechtfertigen, dass sie dem Herrn dennoch die Huldigung vorenthielten, sie, die in der Tat eines „weiteren Zeugnisses“ über ihn, als das ihnen wurde, nicht bedurften.
Um jenes seines Zeugnisses willen haben sie Jesum zum Tode verdammt, und dadurch, zur Befestigung unsres Glaubens, nur bestätigt, dass das Zeugnis wirklich aus seinem Munde gegangen sei, Ja, bis zu dieser Stunde lebt unter den Juden die Überlieferung, dass Christus gekreuzigt worden sei, weil er sich Gott gleich gestellt, und damit einer Blasphemie sich schuldig gemacht habe. Nichts in der Welt steht darum so außer Zweifel, als dass Jesus einst wirklich jenes gerichtliche Bekenntnis von seiner Gottessohnschaft abgelegt habe. Wer ihn nun für weniger halten will, als für den ewigen Sohn, stempelt ihn zum Lästerer, und schreit mit den Juden: „Kreuzige!“
Nachdem denn das Todesurteil über den göttlichen Dulder neu bestätigt worden, treten die Schergen auf ihn zu, um die für eine Weile ihm abgenommenen Bande ihm wieder anzulegen, Willig reicht er seine Hände dar, auf dass erfüllt werde, was Jesaias 53, 7 geschrieben steht: „Da er gequält und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt.“ Der eben erst unter Genehmhaltung des ganzen Himmels feierlich seine Gottgleichheit bezeugte, erscheint jetzt in Fesseln wie ein Meuterer. Ungeheurer Kontrast und Widerspruch! Aber wie handgreiflich tritt es gerade hier wieder zu Tage, dass es ein freier Opferakt ist, zu dem wir den Herrn gegürtet sehen; und wie deutlich lesen wir hier wieder aus seiner heiligen Dulderseele die Worte heraus: „Ich muss bezahlen, das ich nicht geraubt habe!“ Seine Fesseln haben uns Erlösung schaffen helfen; denn ewig hätte der Satan uns gehalten, hätte Jesus die Freiheit den Banden vorgezogen. Entsetzlich und herzergreifend ist es, die Hände, die nur im Dienste der Barmherzigkeit sich rührten, von derselben Welt, über die sie nur zum Segnen sich ausgebreitet, wie Frevlerhände mit Stricken gebunden zu sehen. Aber gelobt sei Gott, dass Er, da die Häscherrotte zu Werke ging, den Blitz seines Zorns über den Meuterern zurückhielt, und sie gewähren ließ; denn verhüllt in jenen Stricken schlangen diejenigen sich um Jesu Glieder, die uns Sünder ewig in der Hölle binden sollten. Mit Recht singt darum das alte Lied: „Du wurdest, Jesu, ganz und gar umringet von der Feinde Schar, gebunden und gefangen: Dass wir von Satans Strick befreit, die wahre Frei- und Sicherheit durch deine Kraft erlangen.“
Die Gerichtsdiener haben ihr Amt getan. Da bricht die ganze hohe Versammlung auf, um, gegen Sitte und Gewohnheit, persönlich ihren Verklagten dem römischen Landpfleger zuzuführen, und durch ihr massenhaftes Auftreten diesem die Bestätigung ihres Todesurteils abzutrotzen. So erfüllte sich denn auch das Weissagungswort des Herrn, dass er „den Heiden überantwortet werden“ würde. Es gehört dies mit in die Symbolik der Passionsgeschichte. Die ganze Welt sollte Anlass finden, in ihren Vertretern ihre innere Stellung zu dem „Heiligen in Israel“ an den Tag zu geben, und ihre Mitschuld und Erlösungsbedürftigkeit zu beurkunden. „Man schleppt dich frühe vor Pilatus Haus! Weil Du auch willst für Unbeschnittene leiden, gibt man Dich hin an Sünder aus den Heiden.“ - So singt ein kirchlicher Dichter; und Wahrheit ist es, was er singt. Wir Alle sind der Sünde und dem Fluch, aber auch der Berufung zur Gnade nach, in Israels Gemeinschaft.
Brüder! Der, welchen wir dort gebunden den Schranken des zweiten Gerichtshofs entgegenschreiten sehen, sitzt jetzt, nach längst vollbrachtem Werke, „ein Pfleger der heiligen Güter“, die Er uns erwarb, zur Rechten der Majestät in der Höhe. Neigen wir Ihm anbetend Haupt und Knie, und lassen wir Ihn nicht, bis Er auch auf uns den Segen seiner Passion gelegt. Hüten wir uns, Ihm aufs Neue durch Unglauben die Retterhände gegen uns zu binden; und sehen wir, die wir nach Seinem Namen genannt sind, uns wohl vor, dass wir nicht durch unwürdigen Wandel Ihn abermals den getauften und ungetauften „Heiden“ überantworten, und Ihn der Missachtung derselben überliefern. Binden wir Ihn mit den Seilen dankbarer Liebe an uns; führen wir Ihn auf dem Triumphwagen freudiger Bekenntnisse denen zu, die Ihn noch nicht kennen; stellen wir Ihm unsern Frieden, die Heiligkeit unsres Wandels, und unsere Treue in Seinem Dienste, zu Zeugen, die Ihn vor der Welt rechtfertigen, und lernen wir durch des Heiligen Geistes Erleuchtung schon unter den Gebrechen dieses Lebens und trog derselben zu Seines Namens Preis frohlocken:
Wohl mir, wohl mir! Meine Ketten
Sind entzwei, und ich bin los!
Christi seliges Erretten
Macht mir Mut und Freude groß.
Ach, wie tief lag ich gefangen!
Nun bin ich herausgegangen,
Und das süße Tageslicht
Strahlt ins Herz und Angesicht!
Wohl mir! denn der Hölle Flammen
Sind durch Christi Blut erstickt.
Wer will mich hinfort verdammen,
Da mich Jesus angeblickt?
Heil! ich hab' in seinen Wunden
Ew'ge Freiheit nun gefunden!
Diese bleibt mir allezeit,
Diese gilt in Ewigkeit! - Amen.