Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXVII. Petri Tränen.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXVII. Petri Tränen.

Auf der Höhe seines geistlichen Lebens stand der König David, als er an der Spitze seines Volkes, unter Harfen-, Psalter- und Paukenklang, die Bundeslade aus dem Hause Obed-Edom, des Gathiters, abholte, um sie in Jerusalem einzuführen. Seine Seele schwebte auf Flügeln des Dankes und der Freude; und der Rhythmus seiner Empfindungen teilte sich harmonisch allen Gebärden und Bewegungen seines Körpers mit. Bekleidet mit dem leinenen Brustkleide eines Leviten „tanzte er, mit aller Macht vor dem Gnadenthron des Herrn her“, d. h. unter feierlichen, den Tönen der Instrumente und den Liedern der Sänger bedeutsam entsprechenden Gesten schritt er dem Heiligtume voran. Ob Michal, die Tochter Sauls, am hohen Fenster des Palastes über ihn die Nase rümpft, und höhnisch ausruft: „Wie herrlich ist heute der König von Israel gewesen, der sich vor den Mägden seiner Knechte erniedrigt hat;“ - was kümmert's ihn? - „Ich will“, entgegnet er freudigen Trotzes voll der hämischen Königstochter, „vor dem Herrn spielen, der mich erwählt hat vor deinem Vater, und vor alle deinem Hause, dass er mir befohlen hat, ein Fürst zu sein über das Haus des Herrn; und will noch geringer werden, denn also, und will niedrig sein in meinen Augen, und mit den Mägden, davon du geredet hast, zu Ehren werden!“ 2 Sam. 6, 21. 22.

Welch ein köstlicher Sinn, den diese Worte atmen! Aber David ahnt nicht, was er mit dem „Ich will noch geringer werden, denn also,“ sich selber weissagt. Es hat eine eigentümliche Bewandtnis mit der Demut. Sie ist im Herzensgarten der Gläubigen die Blume, die Gott alleine kennen und pflegen will; die aber ihr zartes Leben aushaucht, sobald das Selbstbewusstsein sie berührt, und sie in seinen Tugendkranz verweben will. Es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass selbst jener gehobenste Moment in Davids Glaubensleben insofern mit dazu beigetragen hat, seinen nachmaligen Fall herbeizuführen, als er, vom Fleische missbraucht, das Vertrauen auf die eigene Frömmigkeit in ihm wecken und nähren half. Ach, in welchem Maße war David „geringer geworden, denn also,“ da er, nachdem er in so hohen Bahnen der Gottseligkeit und des Glaubens die Flügel geschlagen hatte, später urplötzlich im Unflat eines Ehebrechers, ja in der Blutschuld eines Mörders sich wiederfand! Da ging, was irgend von Selbstruhm in ihm war, auf ewig zu Grabe, und die Demut kehrte bei ihm ein, die für ihre Hoffnung außerhalb der freien Gottesgnade keine Handbreit Ankergrunds mehr findet. Freilich hat sich David nach seinem Fall, wenn ihm gleich die göttliche Vergebung auf sein zerbrochenes, tränenweiches Herz versiegelt ward, nie wieder zu seiner früheren Freudigkeit und Kindesunbefangenheit vor Gott erhoben. Er blieb vielmehr, so lange er noch auf Erden lebte, ein geschlagener Mann, weil der Gnadenthron damals noch verschleiert und „der Weg zum Heiligtum“ nach apostolischem Ausdruck „noch nicht offenbar“ war.

- Anders standen die Sachen, als Davids späterer Geistesverwandter, Simon Petrus, mit rotgeweinten Augen von seinem Falle wieder sich erhob. Da hatte die göttliche Sünderliebe in Christo ihrer letzten Hüllen sich entkleidet, und auf dem Grunde des blutigen Versöhnungsgeheimnisses fand der gefallene Jünger einen Frieden, wie er ihn nie vorher gekannt.

Matthäus 26, 74 u. 75. Markus 14, 72. Lukas 22, 60-62.

Und alsobald, da er noch redete, krähte der Hahn zum andern Mal. Und der Herr wandte sich, und sah Petrum an. Da gedachte Petrus an das Wort Jesu, da er zu ihm gesagt hatte: Ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus, verhüllte sein Haupt und weinte bitterlich.

Ihr seht, wir sollen uns heute wieder von der Bestürzung erholen, mit der wir unsere vorletzte Betrachtung schlossen. Über dem Nachtstück der Niederlage Petri geht mit holdem Glanze der Stern der göttlichen Gnade auf. Wir sehen die Tränen fließen, welche nächst denen, die einst vom Auge des Herrn selbst an Lazari Grabe, über das gottvergessene Jerusalem, und im Gethsemanes Kampfe tauten, die denkwürdigsten heißen dürfen, die je im Pilgertal der Erde vergossen wurden. Die „Tränen Petri“ haben sprichwörtliche Bedeutung gewonnen, und brauchen, etwa mit den Tränen Magdalenens vereint, nur genannt zu werden, um uns eine wesentliche Durchgangsstufe in der evangelischen Heilsordnung zu veranschaulichen. Nicht umsonst, noch ohne liebreiche Absicht, hat uns der im Schriftwort zeugende Geist die Petrustränen in der evangelischen Geschichte wie in einem goldenen Krüglein aufbewahrt. Wie Manchem sind dieselben schon wie lindernde Balsamtropfen ins verwundete Herz gefallen. Mögen sie auch heute unter uns ihre gesegnete Wirkung nicht verfehlen, und in vielen der lieben Augen, die eben aus dieser Versammlung mich ansehen, sich tatsächlich erneuern.

In dem unscheinbaren Vorgange, dessen wir heute Zeuge sind, ist Alles so sehr der Beherzigung wert, dass wir es uns nicht versagen können, jeden einzelnen Zug desselben besonders ins Auge zu fassen. Wir richten demnach, dem Faden der Geschichte folgend, den beschaulichen Blick zuerst auf den Hahnenschrei; dann auf die Zukehr des Herrn; nach diesem auf des Herrn Gnadenblick; dann auf Simons Gedenken; und endlich auf seine Tränen.

„Sende der Herr Sein Licht und Seine Wahrheit, dass sie uns leiten, und bringen uns zu Seinem heiligen Berge!“

1.

Wir suchen den Simon in dem entsetzlichen Momente wieder auf, da er, die Verleugnung vollendend, seine Jesusjüngerschaft unter schweren Flüchen förmlich abschwört. Denkt, Solches tut der Jünger, von dessen Lippe einst das große Bekenntnis erscholl: „Wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes;“ und der feuriger wohl und aufrichtiger, als jemals wir, sein „Wenn Alle untreu werden, so bleib' ich dir doch treu“ daherrief! Aber was ist der Mensch, selbst der beste, wenn er auch auf Momente nur sich selbst gelassen wird! Und was wird aus dem treusten der Christen selbst, genehmigt's der Herr, dass er auch nur für Augenblicke die Gängelbande Seiner Gnade von sich streife! O Torheit, einem wenn auch noch so schönem Gefühle vertrauen zu wollen, über das man nicht einmal eine Sekunde Herr ist! Kindisches Wagstück, mit irgendeiner Siegeshoffnung sich auf die luftige Rüstung zu stützen, die man an seinem sogenannten „guten Willen“ und seinen „edlen Vorsätzen“ zu besitzen wähnt.

- Immerhin möchte man dies tun, ginge dem „willigen Geiste“ nicht das „schwache Fleisch“ zur Seite, und schliche „der Teufel nicht umher wie ein brüllender Löwe, suchend, welche er verschlinge“.

- Aber nun doch in der Schule der Erfahrung erst musste Simon, wie wir alle, zu der Einsicht gelangen, dass der Mensch auch schon der unbedeutendsten Anfechtung gegenüber sich zu viel vermesse, indem er selbst für sein Bestehen hafte. Die Liebe Christi dringt, das Schwerste für Ihn zu wagen; aber stark zum Überwinden macht nur der Glaube an Christi Liebe zu uns, und der Trotz auf Seine Gnadenkraft und Stärke. Derjenige, welcher vor sich selbst als vor einem der Verleugnung des Meisters vor Andern fähigen Menschen erzittert, wird größere Siege erfechten, als der sich Manns genug scheint, sprechen zu dürfen: „Wenn sie Dich Alle verlassen, so doch ich nicht!“ - „Durch den Glauben stehst du“, ruft Paulus; „sei nicht stolz, sondern fürchte dich!“ „Darum“, spricht derselbe Apostel, „will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheiten, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.“

Simon liegt darnieder. Die Hölle triumphiert. Wie sollte sie nicht? War je eine Seele ihr verfallen, dann die jenes Abtrünnigen, welcher des Fluches, den er selbst auf sich herabbeschworen, so würdig war; und erlitt je die den Mächten der Finsternis so verhasste Sache des Christentums einen empfindlichen Stoß, dann hier, wo ein Apostel desselben der ersten Gefahr, die einem freimütigen Bekenntnisse droht, schmählich erliegt, und nicht hoch genug zu beteuern weiß, dass er „diesen Menschen“, nämlich Jesum, nicht kenne. Nichtsdestoweniger stimmt die Hölle ihre Siegeslieder zu frühe an. Mit dem Fluche, der Petrum treffen müsste, hat's gute Wege. Horcht in den Gerichtssaal des hohenpriesterlichen Palastes hinein. Unter großem Getümmel verlautet da eben die erschütternde Sentenz: „Was bedürfen wir weiter Zeugnis? Er hat Gott gelästert, und ist des Todes schuldig!“ „Wer?“ fragen wir erschrocken; - „Simon Petrus?“ - Nein, ein Andrer, und denkt! ein Heiliger gar; ja derselbe, der einst mit der Eröffnung auftrat: „Ich lasse mein Leben für die Schafe!“ Jetzt will er's lassen; und zu seinen Lämmern gehört auch Simon, von dem der Fluch also auf Jenen, seinen Bürgen, übergeht, und über dessen Haupt darum hinfort der blutgenetzte Schild schwebt, der die Inschrift trägt: „Sie werden nimmermehr umkommen, und Niemand wird sie aus meiner Hand reißen!“ - Was aber den „Stoß“ betrifft, den durch Simons Verleugnung die Sache des Evangeliums erlitt, so wird dieses denselben auch schon überleben. Geduldet euch nur; Einer wird dem Handel eine solche Wendung zu geben wissen, dass derselbe dem Evangelium eher zur Verherrlichung, als zur Verdächtigung wird reichen müssen. Es ist hierzu Alles schon angebahnt und vorbereitet.

In dem Momente, da Petri Sünde eben in einer förmlichen Abschwörung seines Meisters ihr Maß erfüllt, kräht der Hahn. Was gibt es nun? Ernüchterung von Taumel, Buße, Tränen?

Gott weiß es, mit was für einem Getöse der Teufel des Jüngers Ohr betäubte, dass der erste Ruf des gefiederten Wächters zu ihm nicht durchdrang. Simon geriet nur immer tiefer noch in sein Wirrsal hinein, und finstre Nacht, nur von einzelnen Blitzen seines sich regenden Gewissens durchzuckt, umzog sein Besinnen.

Irgendein Hahn ward jedem Menschen zum Wecker bestellt. Ja, fast wo wir gehen und stehen, umschreien uns Stimmen, die zur Buße rufen. Die Natur ist voll davon, wie unser ganzes Leben; nur dass unsere Ohren „dicke“ sind, und nicht hören wollen. Es ist Hahnenschrei in dem Donner, der, ein Herold der unendlichen Majestät, durch die Wolken rollt; in dem Blitzstrahl, der vor dir niederzuckt und spricht: Hier bin ich;“ - in den Sternen, die so starr und fremd aus entlegener Ferne auf dich niederschauen, als wollten sie zu dir sagen: „Wie weit, o Mensch, bist von deiner Heimat du verschlagen?“ in der Blume des Feldes, die in ihrem flüchtigen Erblühen und Verwelken deines eigenen Daseins Bild dir vormalt; - in den Schlägen der Turmuhr, wenn sie zur Mitternachtsstunde wie die Pulsschläge der unaufhaltsam enteilenden Zeit in deine Kammer fallen, und dir zurufen: „Eile, und rette deine Seele.“ Ja, wo wären wir nicht von krähenden Hähnen dieser Art umgeben? Auf den Leichensteinen unserer Gottesäcker sitzen sie, und rufen in die Stadt herein: „Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, und danach das Gericht.“ Von jedem Totenwagen herab, der an dir vorüber rollt, schlägt ihre Wächterstimme an dein Ohr. Diese Stimme ist in jeglichem Geburtstage, den du feierst, in jeglichem Krankheitsanfall, von dem du betroffen wirst, in jeglicher Gefahr, die dein Leben bedroht, so wie in der verborgenen Unruhe, die unablässig dein Inneres durchschleicht. Und wem wäre außer diesen allgemeinen Weckstimmen nicht noch irgendein besonderer Hahn in Haus und Hof gesetzt? Dir liegt eine ungebüßte Sünde auf der Seele; wann wird dieser schreiende Hahn dir die Tränen in die Augen krähen? Dir tritt seit Kurzem ein Unglück um das andere über die Schwelle. O, wie viel Hahnenschrei für dich in diesen Rutenschlägen des allmächtigen Gottes! Du fühlst, dass deine Kräfte schwinden, und deine Lebenssonne anhebt, sich zum Untergang zu neigen. Mensch, hörst du nicht des Hahnes krähen?

- Ja, von allen Seiten werden wir angekräht: in Träumen bei der Nacht, in Erlebnissen bei Tage, in ernsten Gedanken, deren wir uns nicht erwehren können, in Predigten und Mahnungen, die an uns ergehen. Aber was frommt's? Es muss diesem Geschrei noch etwas Anderes sich beigesellen, ein Höheres und Mächtigeres, als es selbst; oder nimmer wird es ihm gelingen, so „Unbeschnittene an Herzen und Ohren“, wie wir alle von Haus aus sind, aus ihrem Todesschlafe wach zu rufen.

Seht euch den Petrus noch einmal an, wie er, der Fels, auf welchen Christus seine Kirche bauen wollte, im Hofe des Hohenpriesters jämmerlich darniederliegt, und die Mächte der Hölle triumphierend über ihn mit Händen klappen. In dieser Lage ist er ein Bild der Gemeine des Herrn auf Erden in ihrem gegenwärtigen Zustande. Wer sind wir? Ein Städtlein, um das man eine Wagenburg geschlagen, ein „Würmlein Jakob“, das man anpfeift auf den Gassen, eine „Sekte“, der „in aller Welt widersprochen wird“, eine „Elende, über die alle Wetter gehen“, und der schon prophezeit wird, dass es „bald um sie geschehen“ sei. Aber nur guten Mutes, liebe Brüder! Hört ihr die Hähne nicht krähen an allen Enden und Orten, und in allerlei Tönen und Melodien? In Krieg und in Geschrei von Kriegen? In Bewegungen der Völker und im Herauftauchen falscher Propheten? In dem ängstlichen Warten der Dinge, die da kommen werden, wie es steigend überall sich kundgibt, und sonderlich in der Predigt des Evangeliums unter „aller Kreatur“, und in dem lauten Wächterrufe, mit dem der „Engel“, der das „offene Buch“ trägt, „mitten durch den Himmel fliegt“? Versteht ihr diese Signale nicht? - Dieses Hahnengeschrei weit und breit deutet auf Anbruch des Morgens. Gemeine Gottes, es verkündet dir, wie weiland dem Petrus, vorab noch eine kurze Zeit der Tränen und des Kampfes; - aber danach die Nähe eines Triumph- und Auferstehungstages. In dem Momente, da die Hölle ihre Siegesfahnen auf die Mauern Zions wird pflanzen wollen, wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel“, und „alle Geschlechter der Erde werden sehen, in welchen sie gestochen haben.“

2.

Der Hahn im Hofe des Hohenpriesters kräht zum andern Mal, und dieser Ruf dringt durch und findet Wiederhall. Dem Simon beginnt's unter dem Wiederschein der in ihm wach gerufenen Erinnerungen an des Meisters Warnung, über dem Abgrunde, in den er hineingeraten ist, zu tagen. Fährt aber er entsetzt zusammen, so mag die Hölle nur sein Erschrecken teilen, indem ihr dieser zweite Hahnenschrei, wie die Josuasposaunen einst die Mauern Jerichos, die stolzen Siegestrophäen, die sie schon aufgerichtet, mit einem Male wieder über einander wirft.

Lassen wir uns jedoch um einige Augenblicke vor den Moment, in dem der zweite Hahnenruf erscholl, zurück versetzen. Was ereignet sich da im Innern des Ratssaals? Ein wüster Lärm dringt aus demselben uns zugetragen. Großes hat sich eben dort ereignet. Der Verklagte legte das eidliche Bekenntnis ab, dass er der Sohn des lebendigen Gottes sei. Der Hohepriester zerreißt in erheuchelter Bestürzung sein Gewand; unter wildem Gebrüll wird das Todesurteil über den Heiligen Israels ausgesprochen, und die Schergen ergreifen den Verurteilten, um ihn in den Hofraum abzuführen, und dort ihre entzügelte Wut an ihm auszulassen. - Eben tritt der göttliche Dulder zur Hoftür heraus, als der Morgenruf des Hahns zu seinem Ohr dringt. „Und der Herr wandte sich um,“ meldet die Geschichte. - Nach wem? - Wir wissen's. Jener Laut verkündete ihm den Fall seines Jüngers; und ihn sucht sein Auge, ihn sein mitleidvolles Herz. Ein Solcher ist Er. Mit mehr als mütterlicher Zärtlichkeit umfasst Er die Seinen, und ihre Untreue hebt Seine Treue nicht auf. Welche Leidenswogen gehen eben über Sein Haupt! Aber Er kann Alles vergessen über der Sorge für sein gefallenes Kind. Ja, eher vergäße Er, müsste Eins vergessen werden, das Regiment der Welt, und ließe die Völker ihre Wege gehen, ehe Er eins seiner „Kleinen“ aus den Augen ließe. So lange nur noch eine Rose, die Er pflanzte, auf Erden blüht, wird Ihm diese Wüste ein lieber Garten sein, und Er den Himmel lassen, um dieses Pflänzlein zu warten und zu pflegen. Und selig, ihr Schwachen unter den Seinen, ihr vor Andern Hilfsbedürftigen und Armen! Es scheint, als läget ihr Ihm zu allernächst am Herzen.

Tief, tief stak Simon im Schlamm der Sünde, „Da,“ erzählen die Evangelisten, „wandte der Herr sich nach ihm um.“ Wer von uns hätte nach einem so treulosen Verleugner sich weiter umsehen mögen? - Ja, wären dergleichen Leute an uns gewiesen, sie führen übel. Wie schnell sind wir bereit, strauchelnde Brüder zu Heuchlern zu stempeln, und zu verwerfen. Statt auch nur einen Finger zu rühren, um sie wieder aufzurichten, tauchen wir sie nicht selten lieber noch tiefer in den Kot hinein, und verfolgen sie schärfer als die Welt; und es erfüllt sich geistlicher Weise, was geschrieben steht: Wenn Jerusalem belagert wird, wird Juda mit blockieren helfen. Der Herr dagegen, dem doch allein in solchen Fällen das Richteramt zusteht, schämt sich nicht, zur Rolle jenes Weibes im Evangelio sich herabzulassen, die, wenn sie einen Groschen verloren hat, ein Licht anzündet und zum Besen greift, und nicht aufhört, im Staube herumzukehren, bis der verlorene wieder da ist; und wenn sie ihn gefunden, ihre Nachbarinnen zusammenruft, und zu ihnen spricht: „Freuet euch mit mir, denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte.“ Ihm sitzen seine Kinder so lose am Herzen nicht, wie häufig uns die Brüder.

- Sagt doch, ihr Väter und Mütter, hörten eure verirrten Söhne und ungehorsamen Töchter durch ihre Verirrung auf, eure Kinder zu sein? Fühlt ihr es nicht vielmehr alsdann nur tiefer noch, dass sie „Fleisch von eurem Fleisch, und Bein von eurem Beine“ sind? Steigert sich nicht eure Liebe gar durch die Gefahr, in der ihr sie schweben seht? Ja, tritt es euch nicht, wenn ihr um sie weinen müsst, viel mächtiger noch ins Bewusstsein, dass ihr ein Leben mit ihnen lebt, als da ihr harmlos ihrer euch nur freuen durftet? - „So denn ihr, die ihr arg seid“, euern Samen nicht verleugnen könnt, wie sollte Der Seines Fleisches und Blutes“ je vergessen können, der da spricht: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch;“ und der uns zuruft: „Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet!“ Auch der gefallene Petrus blieb sein Petrus. Wie arg er's gemacht hatte, Jesu Herz veränderte sich gegen ihn nicht. Seht, wie mütterlich besorgt Er sich nach ihm umsieht. Zum zweiten Male hieß es jetzt zu Simon: „Ich aber ging vor dir über, und sah dich in deinem Blute liegen, und sprach zu dir, da du so aufs Feld geworfen in deinem Blute lagst: Du sollst leben; ja, zu dir sprach Ich: Du sollst leben!“ Fürwahr, wenn der Herr nicht gewollt hätte, dass wir glauben sollten, der Bund der Gnade stehe auf Seiner Seite unverbrüchlich fest, so würde er gewiss Bedenken getragen haben, uns Exempel in den Gesichtskreis zu rücken, wie das eines David, des Mörders und Ehebrechers, der nichtsdestoweniger „ein Mann nach Seinem Herzen“ blieb, und das eines Simon Petrus, von dem es heißt: „Und er hub an, sich zu verfluchen und zu schwören: ich kenne den Menschen nicht;“ und bald darauf: „Und Jesus wandte sich um nach ihm, und sah ihn an.“ - Ja, glauben wir nicht, so bleibet Er treu; Er kann sich selbst nicht leugnen;“ - und der feste Grund Gottes besteht, und hat dieses Siegel: „Der Herr kennt die Seinen.“

„Der Herr wandte sich um.“ Jede Sünderbekehrung beginnt damit, dass das geschieht, um was David bittet: „Siehe dich um nach mir.“ Von Natur sind wir verdorrte Gebeine auf einem großen Totenacker, und können zu Ihm nicht kommen. Hebt aber der Herr an, „sich nach uns umzusehen“, so wird dies bald verspürt. Man kommt, ehe man noch will, in nähere Berührung mit Ihm. Man hört gleichsam Seine Fußtritte um sich rauschen. Man fühlt sich tief und wundersam bewegt durch Dinge, die man sonst kaum beachtete. Bei tausenderlei Umständen drängt sich dem Herzen gleich der Gedanke auf: Siehe, Gott will dich hierdurch zur Buße rufen. Man hatte einen ängstlichen Traum, oder es fällt unversehens ein Bild uns von der Wand, oder es verdorrt uns plötzlich ein kräftiger Baum im Garten, oder ein Leichenzug begegnet uns, wo wir ihn nicht vermutet, oder man schlägt zufällig einen nachdenklichen Spruch im Bibelbuche auf: überall sagt uns sogleich ein Gefühl: „Du wirst zur Bekehrung aufgefordert“; und oft möchte man mit Jakob sprechen: „Gewiss ist der Herr an diesem Orte!“ Da wohnt uns denn der Allmächtige nicht mehr fern und fremd in entlegener Höhe, sondern Er wandelt durch unsere Kammer, Er begegnet uns innerhalb der engen Grenzen unsres Lebens. Kein Tag vergeht, oder irgendetwas tritt ein, wobei wir sagen müssen: „Siehe, der Herr!“ - Doch in solchem Verhältnisse zum Herrn kann man sich lange bewegen, ohne dass es darum schon zu einer wirklichen Bekehrung mit uns kommt. Nach wem er aber erst in Liebe sich umsieht, der treue Hirte, an dem wird Er auch noch ein weiteres tun.

3.

Der Hahn allein krähte den Jünger von seinem Falle noch nicht auf. Das Umwenden des Herrn nach ihm erzielte eben so wenig noch die erwünschte Wirkung. Es kam aber zu jenem und zu diesem noch ein Drittes, ein Wirksameres, hinzu. Was war's? Ein Wort? Ein Zuruf? Eine Predigt? - Nein, ein Blick, den das Auge des „Hüters Israels“ dem am Rande des ewigen Verderbens taumelnden Jünger zuwarf. Dieser Blick tut Wunder.

- „Jesus wandte sich, und sah Petrum an.“ Was für ein Blick dies gewesen sei, und welche Fülle göttlicher Wehmut und Liebe sich in ihm gespiegelt habe, wird einst Petrus selbst unter den himmlischen Friedenspalmen uns erzählen. So viel aber wissen wir schon jetzt, dass jener Blick nicht leer daher kam, sondern angetan mit Funken des Geistes und Strahlen der Gnade. Beides, ein Schwert zum Verwunden, und zugleich den Balsam zum Heilen führte er mit sich. Wie ein zerschmetternder Blitz schlug er ein; und zugleich ergoss er sich wie ein erquickender Tau. O, welche Macht in den Blicken des Herrn ruht, ist nicht zu sagen.

Mit dem Blicke der Majestät sieht Er die Erde an, und sie erbebt. Mit seinem Richterblick ereilt Er den Sünder, und es verlautet die Hiobsklage: „Deine Augen sehen mich an, darüber vergehe ich.“ Sein brechender Todesblick vom Kreuze her schmelzt steinerne Herzen, und sänftigt Löwen zu Lämmern, Aus seinen Taubenaugen, hervorleuchtend aus Windeln und Krippe, trinken ein Simeon und eine Hanna sich ewige Jugend.

- Mit einem Blicke vergebender Gnade macht Er eine zerknirschte Seele, Himmel und Erde vergessen“ über ihrem Glücke, und vermittelst eines Anblicks wehmutsvoller Liebe holt Er zersprengte Lämmer seiner Herde aus jahrelanger Verirrung wieder zurück. - „Aber,“ höre ich fragen, „kann Er so auch heute noch uns ansehen?“ Ein Geheimnis ist's; aber die Seinen stehen keinen Augenblick an, jene Frage zu bejahen. Sie fühlen noch von Seinen Augen sich bewacht; und in Gemäßheit dessen, was sie in denselben zu lesen glauben, steigt oder fällt ihr Friede und ihre Freude. Ist es Entfremdung, so senken sie das Haupt, und um ihre Ruhe ist's geschehen; ist es aber Gnade, so gehen sie, wie Gideon, freudig hin in dieses Blickes Kraft, und frohlocken mit Maria: „Der Herr hat die Niedrigkeit seiner Magd, seines Knechtes angesehen; von nun an werden mich selig preisen alle Menschenkinder!“

4.

Der Anblick des Herrn verfehlte auch an Simon seine Wirkung nicht. So wie des Jüngers Blick dem Seinigen begegnet, ist der Zauber gelöst, der ihn gefangen hielt, der dämonische Rausch verflogen, das Ohr ihm aufgetan, die Besinnung zurückgekehrt; ja, die Sünde erkannt, das Herz zerschmolzen, der „Strick zerrissen“ und „der Vogel frei“. - „Mein Gott,“ hieß es in seinem Innern, wohin ward ich verschlagen? - Unglückseliger ich! - Wurde mir nicht Alles so vorausgesagt? Sprach Er nicht auf dem Wege: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben? - Wehe mir, dass ich in törichter Selbstüberhebung dieser Warnung mich verschloss, und erst jetzt, nachdem es zu spät ist, ihrer gedenke! - In Gefängnis und Tod gelobte ich mit Ihm zu gehen, und bin der erste, der Ihn verleugnet und abschwört! Wie, dass die Erde mich noch trägt, und nicht ein Blitz vom Himmel mich zerschmettert; sondern stattdessen der noch mich Kind des Todes eines Blicks des Mitleids und der Erbarmung würdigt, der so mütterlich treu mich gewahrschaut, und von dem ich nichtsdestoweniger wegwerfend zu sagen vermochte: Ich kenne den Menschen nicht!“ So mochte seine Seele sprechen, als er, wie die Geschichte meldet, an das Wort des Herrn gedachte, das Er zu ihm gesagt hatte. Unfehlbar wäre er jetzt eine Beute der Verzweiflung geworden, hätte die Mutterliebe Jesu nicht vermittelst jener Unterredung auf dem Ölbergsgange schon alle Anstalten getroffen gehabt, wodurch dem Satan gewehrt wurde, in der Sichtung des armen Jüngers zu weit zu greifen. Wie fürsorglich hatte ihm der Herr in Seinem: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre,“ den Abgrund eines völligen Verzagens gleichsam mit einem Geländer umzogen! Wie in dem: „Wenn du dich dermaleinst bekehrst, so stärke deine Brüder!“ lange zuvor schon für die Stunde des Weinens das Tüchlein zurechtgelegt, damit er die Tränen sich wieder trocknen möge! - O, wie ergoss sich jetzt, da jener Blick voll Milde und Gnade hinzukam, die Balsamkraft aller der Worte, die der mütterliche Sünderfreund zu ihm gesprochen hatte; und wie durfte Petrus jetzt mit der Braut im Hohenliede sagen: „Da der König sich herwandte, gab meine Narde ihren Geruch!“ - Freilich hat sich niemals Einer unglücklicher gefühlt, als hier unser Simon; aber wie würde er von Unglück erst zu sagen wissen, ruhten nicht die Flügel der Erbarmung Christi über ihm ausgebreitet!

5.

Da steht unser Simon, durch des Meisters Blick völlig in Beugung und Trauer aufgelöst. Als dürfe er vor Gott und Menschen sich nicht mehr sehen lassen, hüllt er sein Haupt in den Mantel, und „hebt an, bitterlich zu weinen.“ Und dies sind nun die Tränen, von denen geschrieben steht, der Herr „fasse sie in seinen Sack“, und deren „Aussaat“ eine ewige „Freudenernte“ verheißen wird. Sie zeugen, wie jener perlende Tau, der beim Beginn des Frühlings aus den Reben des Weinstocks dringt, von noch vorhandenem Leben, und verkünden im Auge des Sünders dem Satan den Verlust seines Prozesses, das Ende seines Triumphs.

- O, was Alles spiegelt sich in diesen Tränen! Wie Edelsteine ihre reinen Lichter, strahlen sie welche gründliche Zerknirschung vor Gott, welch heiliges Ergrimmen wider die Sünde, welch einen brünstigen Gnadendurst, und welche Fülle inniger Liebe zu dem Herrn aus! - „Sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not;“ - „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht;“ - „Wenn ich nur dich habe“: - das sind die Klänge, die sein Herz durchziehen. All sein Sehnen und Verlangen beschränkt sich auf das Eine, dass er der Huld des Herrn sich wieder getrösten dürfe. Ob er ein Geächteter sei vor der Welt sein Leben lang, und dem Fleische nach nur Hiobs- und Lazaruswege gehen müsse: er will sich dem gerne unterziehen, wenn er nur wieder auf Gnade hoffen darf. Seine Tränen künden die Geburt eines neuen Petrus an. Der alte, vermessene, sich selbst vertrauende und das Eigene suchende starb; und ein Mann der Demut, der kindlichen Hingegebenheit an Gott, und des lauteren Begehrens, dass nur der Name des Herrn groß sei und verherrlicht werde, erhob sich phönixartig aus seiner Asche.

Man sagt, dass dem Petrus, so lange er gelebt, das Auge nicht wieder trocken geworden sei. Wenn dies mehr als eine Legende ist, so war die Träne, die man an seiner Wimper fortzittern sah, keine reine Schmerzenszähre, sondern eine Träne der Freude über die erfahrene Erbarmung, nur gedämpft durch eine unauslöschliche Wehmut. Die Rückerinnerung an seinen Fall verließ ihn keinen Augenblick mehr, und schärfte ihm in demselben Maße, in welchem sie ihn niedrig erhielt, den Blick seines Geistes für das Geheimnis des Kreuzes und der freien Gnade. Mehr als einmal sehen wir sie unverkennbar namentlich in seiner ersten Epistel wiederscheinen. Er tröstet die Gläubigen mit der herzerhebenden Eröffnung, „dass sie aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt würden zur Seligkeit.“ Er fordert sie auf, „ihre Hoffnung ganz auf die Gnade zu setzen.“ - Mit großem Nachdruck mahnt er sie an die Hinfälligkeit und Ohnmacht der menschlichen Natur, indem er ihnen das Wort des Propheten ins Gedächtnis zurückruft: „Alles Fleisch ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume abgefallen.“ - Er spricht von dem „teuren Blute Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes“ mit einer Innigkeit, die sogleich den Mann verrät, der die Balsamkraft dieses Blutes tief an sich selbst erfahren hat. Er ist es, aus dessen Munde das Wort der Warnung an uns ergeht: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge.“ Und wenn er die Psalmstelle zitiert, in der es heißt: „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten; das Angesicht aber des Herrn sieht auf die, so Böses tun,“ ist es da nicht, als deute er geflissentlich auf jenen Blick seines Meisters hin, der ihn einst so tief zermalmte, und so allgewaltig ihn zu Boden warf?

Ich schließe. - Wer, Freunde, ist unter uns, der dem gefallenen Petrus gegenüber sich erkühnen möchte, wie weiland der Pharisäer zu sprechen: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie dieser da“? - O, wie viel Verleugnungsschuld, grobe und feine, ruht auch auf uns! Wie reiche Ursache haben auch wir, vor dem Worte: „Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will auch Ich verleugnen vor meinem himmlischen Vater“, ernstlich zu erschrecken! - Hüllen denn auch wir unser Haupt in den Mantel, und gehen mit Simon hinaus, und weinen bitterlich, damit, wie ihm, auch uns ein Ostern der Gnade tagen könne, und auch auf uns der apostolische Zuruf 1 Kor. 6, 11 eine Anwendbarkeit erlange: „Solche sind Etliche unter euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesu, und durch den Geist unsers Gottes!“ - Ja kommt, und stimmen wir mit voller Aufrichtigkeit des Sinnes ein in des Sängers Wort:

Hat Petrus dreimal Dich aus Furchtsamkeit
Verleugnet, und damit Dein Herz durchstochen:
Ach, wie viel öfter hab' ich Treu gebrochen,
Doch es ist mir, o Herr, wie Petro, leid.
Und darum hast Du den treulosen Knecht
Beständig noch zu lieben fortgefahren.
Ach! bring mich auch, wenn ich verirrt, zurecht.
Lass Deinen Geist dies schwache Rohr bewahren. - Amen.

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