Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXVI. Das große Bekenntnis.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXVI. Das große Bekenntnis.

Ihr erinnert euch, Geliebte, wie Paulus einmal seinen Timotheus „bei Gott, der alle Dinge lebendig mache“, und „bei Christo Jesu, welcher unter (nicht: vor) Pontius Pilatus bezeugt habe das gute Bekenntnis“, feierlichst beschwört, dass er getreu bis in den Tod bei seinem Glauben verharren wolle. (1 Timoth. 6, 13.) Es bedarf wohl keines Beweises, dass dem Apostel hier ein bestimmtes Bekenntnis vor Augen schwebt. Er bezeichnet es als ein wohlbekanntes; und indem er es mit Nachdruck „das gute“ oder „das schöne“ nennt, hebt er es als ein solches hervor, das alle andern Bekenntnisse Jesu mit besonderem Glanze überstrahle. Wir erraten, welches Bekenntnis er meint, und überzeugen uns bei dieser Gelegenheit aufs Neue, für welch einen hohen Schatz die Kirche dasselbe von Anfang an erachtet habe. Und wahrlich ist es das Bekenntnis wert, dass es bis zur Stunde noch den teuerwertesten Vermächtnissen beigerechnet werde, die uns Christus hinterlassen hat. Dies verdient es nicht bloß als ein unübertreffliches und ewig vorleuchtendes Muster todesmutigster Glaubenszeugenschaft, sondern vor Allem als der mächtigsten Grundpfeiler einer, auf welche die Gemeine sich mit ihrem Glauben stützt, der die Verheißung gilt, dass die Pforten der Höllen sie nicht überwältigen sollen. Heute tönt das unter der Statthalterschaft des Pilatus abgelegte „gute Bekenntnis“ in unsere Mitte herein. Wie Manchem schon hat dasselbe sturmwindähnlich im Nu den geistigen Horizont von allem Zweifelsgewölk gesäubert! Jagen auch an unserem Glaubenshimmel noch verdunkelnde Schatten solcher Art, so gebe Gott, dass es uns heute dieselben Dienste erweisen möge!

Matthäus 26, 63-66. Markus 14, 61-64.

Da fragte ihn der Hohepriester abermals und sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du seist Christus, der Sohn Gottes, des Hochgelobten? Jesus sprach zu ihm: Du sagst es; Ich bin es. Doch sage ich euch: Von nun an wird es geschehen, dass ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur rechten Hand der Kraft, und kommen in den Wolken des Himmels. Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert; was bedürfen wir weiter Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr seine Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch? Sie aber verdammten ihn alle, antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig!

Welch' eine Szene, geliebte Brüder! Die Sonne der Gerechtigkeit bricht durchs Gewölk; der König aller Könige lüftet die Schleier! Wer ermisst die Größe und Bedeutung dieses Moments? Herzu, wem noch die Frage um Christi Person das Herz beklemmt! Diese Lebensfrage des Christentums findet hier ihre schließliche Entscheidung. Wer hinfort die Gottheit des Menschensohnes noch zu verneinen wagt, bejaht damit das himmelschreiende Bluturteil des hohen Rats. Ja, der Zweifel wird jetzt zum Attentat, der Unglaube zum Mordschrei: „Kreuzige, kreuzige!“ Wir werden uns davon überzeugen, indem wir das „große Bekenntnis Jesu“ zum Gegenstande unserer näheren Betrachtung machen. Wir sehen zuerst, wodurch es veranlasst ward; wir ergründen dann seinen Sinn und Inhalt; und richten endlich den Blick auf seine nächsten Folgen.

Walte der Herr, dass das Ergebnis unserer Betrachtung sich darin bekunde, dass wir am Schlusse derselben Ihm sämtlich mit einem entschiedenen: „Wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ zu Füßen fallen!

1.

In dem Augenblick, in welchem wir heute in den Gerichtssaal des Synedriums zurücktreten, herrscht daselbst eine auffallende und unheimliche Stille. Alles schweigt. Aber auch diese Pause hat ihren Inhalt. Der Geist der Wahrheit schreitet richtend durch die Versammlung. Scham und Verlegenheit halten die Gemüter umfangen. Die falschen Zeugen haben ihre Rollen aufs kläglichste gespielt, und stehen entlarvt. Ihre von Widersprüchen wimmelnden Aussagen dienten nur dazu, sie selbst zu Schanden zu machen und zu vernichten. Das erhabene, nur von seiner Unschuld zeugende Verhalten des Verklagten band und lähmte die Widersacher vollends. Aller Augen haften an dem vorsitzenden Kirchenhaupte. Jeder Blick scheint verwundert ihn zu fragen: „Wo gerätst du hin, du Priester des Allerhöchsten? - Wo ist deine Weisheit? Was wird aus deiner Würde?“ Er aber befindet sich selbst in der peinlichsten Lage von der Welt. Die ernstlichste Besorgnis sowohl um die Wahrung seiner amtlichen Ehre, als um den Ausgang des ganzen Handels foltert seine Seele. Da sitzt der stolze Hierarch, und seine Gedanken pflegen tumultuarischen Rat, wie dieser Knoten zu lösen, wie aus dieser Klemme zu entrinnen sei? Seht, dies das Ende des Gerichtsverfahrens gegen den Heiligen in Israel! Ich frage: Wer verlor den Prozess, Jesus oder seine Richter? Seid aber versichert, dass in gleicher Weise einst auch der große welthistorische Prozess gegen Christum enden wird. Enden wird er mit der äußersten Bestürzung, ja Verzweiflung Aller, die Ihm entgegenstanden. Haltet darum eure Akten noch ungeschlossen, ihr seine Widersacher!

Die Bedrängnis des Hohenpriesters ist groß. Was beginnt er nur, um seine Verlegenheit zu verbergen? Es muss der Sache eine neue Wendung gegeben werden; aber welche? - Er sinnt und sinnt. Wie ein Feuerrad kreisen die Gedanken ihm in seinem Hirn. Da gerät er auf einen Einfall, und, wie er meint, auf einen glücklichen. Und in der Tat kommt ihm dieser Gedanke auch nicht von Ungefähr. Ein Größerer webt und waltet über der Szene. Krampfhaft rafft der Prälat seine hingesunkene Würde gleichsam vom Staube wieder auf; und mit sichtlicher Anstrengung in die Gravität seines Amtes sich verhüllend, tritt er in feierlicher Haltung einige Schritte vor, und gibt die Absicht zu erkennen, den Verklagten jetzt vor den Thron des Allmächtigen zu laden, und ihn aufzufordern, hier, und zwar eidlich, unter Anrufung des hochheiligsten Namens, zu bezeugen, wer er sei: ob wirklich der, für den er von seinem Anhang gehalten werde und sich halten lasse, oder ob ein falscher Prophet und ein Betrüger? - Wir freuen uns dieser allerdings mehr von der Verzweiflung als von ruhiger Überlegung ergriffenen Maßregel. Es kommt die Sache nun zur Entscheidung. Man denke: ein eidlich Zeugnis Jesu von sich selbst! Dies fehlte nur noch, um auch dem letzten unserer Wünsche genug zu tun.

Hört nun! Der größte und feierlichste Moment des ganzen Prozesses ist herbeigekommen. Der Hohepriester, wirklich wieder mit dem vollen Schein seiner großen Würde angetan, öffnet zu der erhabensten aller Fragen seinen Mund. „Ich beschwöre dich“, spricht er, „bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du seist Christus, der Sohn Gottes, des Hochgelobten?“ Er bedient sich der in Israel gesetzlich gebräuchlichen Beschwörungsformel. In dieser Form wurde der Eid zugeschoben und abgenommen. Der Schwörende antwortete, ohne die Formel selbst zu wiederholen, mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“, und war sich dabei bewusst, dass er dieses „Nein“ oder „Ja“ bei dem lebendigen Gott, und unter dem zwar stillschweigenden, aber feierlichen Anerkenntnis ausspreche, dass, falls er von der Wahrheit weiche, der Erhabene, den er zum Zeugen angerufen, ihn ewig strafen und in seinem gerechten Zorn für immer der zukünftigen Seligkeit verlustig erklären werde. Unter so feierlich ernstem, die Grundfrage des ganzen Christentums auf die Spike stellenden Aufruf, fordert der Hohepriester dem Herrn Jesu gleichsam sein Beglaubigungsschreiben ab; und in seiner amtlichen Stellung besitzt er auch vollkommen die Befugnis und das Recht dazu. Er ist zum Wächter bestellt, dass nicht irgendein falscher Messias in Israel sich geltend mache; und wo ihm scheint, dass von Jemandem durch Anmaßung göttlicher Vorrechte Jehova gelästert worden sei, da ziemte es ihm, zu Gericht zu sitzen und mit unnachsichtiger Strenge die göttlichen Gesetze zu vollziehen.

Was ist es also, das Jesus beschwören soll? Werden wir uns hierüber vor Allem klar! Zuvörderst soll er bezeugen, ob er Christus, d. i. der Messias sei. Kaiphas, der Haushalter über Gottes Geheimnisse, bezeichnet mit jenem Namen die Blüte der Prophetie, und fasst hier in erinnerndem Geiste alle Verheißungen und Vorbilder des Alten Testaments zusammen, aus denen, wie aus geheimnisvollen Hüllen und Windeln eine erhabene Gestalt hervorsteigt, welche als Prophet das Licht der Ewigkeit zur Erde niedertragen, als Hoherpriester das eigene Leben zum Sühnopfer für die Welt dahingeben, und als König ein ewiges Reich der Gnade und des Friedens gründen werde. Diese Persönlichkeit heißt der „Gesalbte Gottes“ oder „Christus“. Kaiphas aber weiß, dieser Christus werde sein ein Mensch, der zugleich, wie David und Daniel ihn sahen im Gesichte, „Gott in der Höhe“, und ein Herr, „dessen Ausgang“, wie Micha verkündete, „von Anfang und von Ewigkeit her gewesen sei.“ Es ist ihm bewusst, der Messias werde in einem Sinne „Gottes Sohn“ heißen, wie kein Anderer im Himmel und auf Erden so heißen könne. Er werde nicht bloß Jehova ähnlich, sondern Jehova gleich, also selbst Jehova sein. Aus dieser erhabenen Anschauung heraus fragt Kaiphas: „Bist du der?“ und glaubt sich für den Fall, dass Jesus dies bejahen sollte, vollkommen berechtigt, für einen Gotteslästerer ihn zu erklären, und ihn als solchen zu verdammen.

Erhabene Frage, die dem Herrn zur Beantwortung vorliegt! Größte und inhaltreichste, die je in der Welt verlautet ist! Mein Gott, wenn auf diese Frage ein „Nein“ erfolgte! Dieses „Nein“ bejahte unsere ewige Verdammnis! Durch alle Zeiten hindurch kreischt eine wüste Brut: „Nein, nein, er ist es nicht gewesen!“ Aber sehen wir näher zu, von wannen diese Verneinung kommt, so sind es Unken im Schlamm der Sünde, flügellose Kreaturen, Ebenbilder der Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Erde frisst, die also schreien. Ein Chor von Adlern dagegen jauchzt durch alle Zeiten: „Ja, ja, Er war, Er ist es!“ Überblickt nur einmal flüchtig die Geschichte der Abstimmungen über Ihn. Wer stimmte: „Nein“? „Nein“ stimmten Heiden, die in tierischen Lüsten verkommen waren; „Nein“ ein Rebellengesindel, das vom Blute der Brüder trunken war; „Nein“ ein Voltaire, der im Rachen der Verzweiflung endete; „Nein“ ein Rousseau, der keinen Gott im Himmel glaubte; „Nein“ ein Philosoph, der Sodom nach Halle trug; „Nein“ ein Anderer, der zuletzt seinem Christusleugnerischen Leben als Selbstmörder ein Ende machte; „Nein“ stimmt in unsern Tagen eine dämonisierte Rotte, die es keinen Hehl mehr hat, dass sie darüber aus sei, das durch das Christentum gekränkte Fleisch in seine Rechte wieder einzusetzen; „Nein“ ein Völklein, das sich seiner Schanden in öffentlichen Schriften rühmt; „Nein“ eine Weisheitsschule, die überhaupt die Lehre von den übersinnlichen Dingen für ein Märchen hält. Dies ist die linke Seite der Stimmenden. Dies sind die Häupter und Kohortenführer der Verneinenden. Wer sind aber die Bejahenden, die Jesu die Ehre geben? „Ja“ stimmten alle heiligen Apostel, die Ihm die Welt erobert haben; „Ja“ die Märtyrer, die um Christi willen ihr Leben nicht liebten bis in den Tod; „Ja“ die Reformatoren: ein Luther, Melanchthon, Calvin, Knox und wie sie weiter heißen. „Ja“ die in späterem Zeiten hochragenden, ehrwürdigen Männer, die noch immer in jeglicher Beziehung als Sterne erster Größe am Himmel der Geschichte glänzen: ein Pascal in Frankreich, ein Haller in der Schweiz, ein Newton in England, und in Deutschland ein Haman, ein Francke, ein Spener, und wie viele sonst! „Ja“ stimmten zu allen Zeiten die Besten und Trefflichsten der Erde, sie, „deren die Welt nicht wert war“. So sagt denn, auf welche Seite gedenkt ihr euch zu schlagen? Wo ist's am wahrscheinlichsten, dass die Wahrheit sei? Unter welchem Paniere sich mit zu befinden, erscheint als das Ehrenvollste? Ich meine, es bedürfe nicht viel Sinnens, um hierüber zur Klarheit zu gelangen.

Doch was auch dieser oder jener zeugen mag; Menschenzeugnis gibt hier nicht den Ausschlag. Was hat Er selbst von sich bezeugt? Dies ist's, worauf hier Alles ankommt. Der Hohepriester fragte: „Bist du Christus, Gottes Sohn?“ Wie höchst erwünscht, dass diese Frage je einmal so bestimmt, so ernst, so feierlich an Ihn ergangen ist! Ihr fühlt ja Alle das ungeheure Gewicht derselben. Noch einmal sage ich: Wenn auf sie ein „Nein“ erfolgte; mein Gott! Unglückliche Welt alsdann! Beklagenswerte Menschheit! Geschlagenes Sündervolk! Möchte dann Jesus sonst auch sein, was immer er wollte: der weiseste Philosoph, der erste Prophet, das glänzendste Tugendmuster, ja, ein Engel und Seraph höchster Ordnung: es wäre damit uns nicht geholfen, und die Hölle bliebe das Ziel unserer Wallfahrt. - Erfolgte ein „Nein“ auf des Hohenpriesters Frage, es verwüstete dieses „Nein“ unsern ganzen Trost; als Brandfackel fiele es in das Schloss unserer Hoffnungen; das ganze Haus unseres Heils würfe es als fundamentlos über den Haufen, und schleuderte uns in den offenen Rachen der Verzweiflung.

Denn was Alles umschließt die eine Frage: „Bist du Christus, der Sohn des hochgelobten Gottes?“ Es fragt Kaiphas damit nach der Stunde unserer Erlösung, ob sie geschlagen habe; nach der Möglichkeit, dass ein Sünder selig werde; nach dem Gehorsam Jesu, ob eine versöhnende Kraft ihm zuzuschreiben sei; nach Christi Bürgschaft, ob sie den Übertretern in Wahrheit etwas nützen könne? Diese Fragen alle, und wie manche sonst, sind verneint, wenn aus dem Munde Jesu auf die eine Frage: „Bist du Gottes Sohn?“ ein „Nein“ erfolgt. Erfolgt aber auf sie ein „Ja“, dann sind sie für alle Ewigkeit bejaht. Wer sollte denn nicht gespannt sein, wie die Antwort lauten werde? - Wohlan, spitzt eure Ohren; und mit den Ohren öffnet eure Herzen!

2.

Die große Frage ist erschollen. Tiefe Stille herrscht in der Versammlung. Aller Gemüter sind aufs höchste gespannt. Aller Augen haften an dem verklagten Manne. Und auch unsere Herzen, nicht wahr, bleiben hier nicht unbewegt. Auch wir stehen in diesem Augenblicke vor Erwartung zitternd dem hohenpriesterlichen Tribunale gegenüber. Wir wissen freilich um die erstaunenswürdigen Wunder, durch welche Jesus sich bereits verherrlicht hat. Wir waren Zeugen, wie Er am Sarge des Jünglings zu Nain und am Grabe des Lazarus seine übermenschliche Herrlichkeit entfaltete. Wir haben Ihn gesehen im schwankenden Schifflein, da die Wut der Elemente sich seinem Winke neigte; und auf dem sturmbewegten Meere, da die wilden Wogen unter seinem Fuße sich festigten, und dem Könige der Natur den Kristallteppich unterbreiteten. Aber dieses Alles konnten ja auch Taten eines von Gott gesandten Propheten, nur Wunder eines menschlichen Trägers göttlicher Kräfte sein. Ein Solcher aber war unserem Jammer nicht gewachsen.

- Wir hörten Ihn sagen, wer Ihn sehe, sehe den Vater, denn Er und der Vater seien Eins; und ehe denn Abraham war, sei Er gewesen; und was er diesem Ähnliches sonst bezeugte. Aber auch im Blick auf diese Aussprüche könnte der Versucher uns noch einreden wollen, dass sie nicht buchstäblich aufzufassen, sondern nur von der sittlichen Herrlichkeit Jesu zu verstehen seien. Ja, es fehlte an einem Ausspruche noch, an welchem alle Künste des Wortverdrehers aus der Hölle zu Schanden würden. Ein Zeugnis über Jesu Person blieb noch zu wünschen übrig, an dessen feuerfestem und probehaltigem Kern der letzte Zweifelspfeil zersplittern müsste. Für eine höchst begehrenswerte Sache musste es erachtet werden, dass der Herr einmal ganz unzweideutig, mit dürren Worten, für Jedermann verständlich, und wo möglich in feierlicher Eidesform frei heraus eröffnete, wer er sei, und wer nicht. - Und siehe, eben dies soll jetzt geschehen. Er ist gefragt, ob er Jehova sei, der wahrhaftige Gott und das ewige Leben; denn nichts Geringeres bedeutete der Titel: „Christus, der Sohn des Hochgelobten“ in eines bibelgläubigen Israeliten Munde. Wer denn nun Ohren hat, der höre, was angesichts des Allmächtigen der Mann von sich bezeugt, in dessen Munde, auch nach dem Zugeständnis seiner Mörder, nie ein Betrug erfunden ward!

Da steht Er vor den Schranken des Gerichts, dem Ansehen nach ein „Wurm“, und kein „Mensch“. Größe und Hoheit scheinen nur auf seiner Umgebung zu ruhen. An Ihm selbst erschaut ihr nichts, als Niedrigkeit und Armut. Da steht Er, gesenkten Haupts und blassen Angesichts, die Hände gebunden, von Bewaffneten umgeben wie ein Räuber. Zum Umsinken ermattet von allem Leid, das Ihn bereits betroffen, steht Er da, von seinen Freunden verlassen, von den Feinden verschrien; ein Fegopfer der Welt, ein Elender ohne Gleichen. Und an diesen geschlagenen und gebeugten Mann im ärmlichen Kleide ergeht nun aus dem Munde des Ersten und Angesehensten der Nation die feierliche Aufforderung, dass er bei dem lebendigen Gott bezeugen wolle, ob er sei „Christus, des hochgelobten Gottes Sohn“? So muss er denn aus seiner letzten Verhüllung jetzt heraus; und gerne lüftet Er uns zu Lieb den Schleier. So lange es sich um elende Anschuldigungen seiner Persönlichkeit handelte, schwieg er, damit wir im Gerichte möchten reden können, Nachdem die Sache aber eine so ganz andere und so viel ernstere Wendung genommen hat, gilt es, der Wahrheit Zeugnis zu geben, und sich bestimmt über seine Person zu erklären. Er weiß, dass seine Antwort Ihm den Tod bringt; aber jetzt darf Er damit nicht mehr an sich halten, Zum Reden drängt Ihn die Ehrfurcht, die vor dem heiligen Namen, bei welchem er beschworen wird, sein Herz erfüllt. Es drängt Ihn die Unterwürfigkeit dazu, die er der Würde dessen zu schulden glaubt, der Ihn zum Eide fordert. Es drängt Ihn dazu seine Liebe, und sein heiliger Eifer für die Wahrheit; und vor Allen seine zärtliche Fürsorge für uns, die armen Sünder, denen zu Gute Er im Gerichte steht. Es ist ja nicht der hohe Rat allein, vor den Er sich gestellt weiß; seine ganze Kirche steht er im Geiste um sich her versammelt, Er sieht, wie eine ganze Welt in diesem Augenblicke vor Spannung den Atem anhält, und alle Geschlechter der Erde erwartungsvoll sich um Ihn scharen. Das Ohr seiner ganzen Gemeine bis an das Ende der Tage sieht er an seinem Munde hängen, und ist sich bewusst, dass der Augenblick gekommen sei, da er dem Glauben derselben für Jahrtausende einen neuen und unerschütterlichen Pfeiler und Felsen unterschieben soll. So tut er denn seinen Mund auf, und vor dem Throne des lebendigen Gottes, mit klarem Bewusstsein, besonnen, förmlich und feierlich bezeugt, versichert und beteuert er: „Du sagst’s, ich bin es!” Da habt ihr das große Bekenntnis!

— Welch ein „Ja“ dies? — Dieses „Ja“ hebt uns über alle Sorgen hinweg. Dieses „Ja“ untermauert unsern Glauben mit einem Fundamente der Ewigkeit. Dieses „Ja“ begründet und besiegelt die ganze Erlösung, und ist das Grab aller unserer Zweifel, Auf dass aber kein Schatten der Dunkelheit über dem wahren Sinne seines Zeugnisses schweben bleibe, fügt er seinem Ja noch ein Weiteres hinzu, Er lüftet die Schleier der Zukunft, und spricht: „Ich sage euch: Von nun an wird es geschehen, dass ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur rechten Hand der Kraft, und kommen in den Wolken des Himmels!“

Dem Anfange nach geschah es bereits, Mit seiner Auferstehung und Himmelfahrt begann das große Wort sich zu erfüllen. Die Erfüllung schritt fort mit der Ausgießung des Heiligen Geistes und der Gründung seiner Kirche. Und in ununterbrochenem Siegesgange ihrer Vollendung entgegeneilend, wird dieselbe einst unter dem millionenstimmigen Lobgesang: „Nun sind die Reiche dieser Welt unseres Gottes und seines Christus worden“ ihren Zielpunkt erreichen.

Es war nicht möglich, dass es unzweideutiger bezeugt wurde, wer Jesus sei, als es nun durch Ihn selbst geschehen ist. Ist nun sein Zeugnis wahr, wahr ist's dann auch, dass ihr verloren seid, die ihr an Ihn nicht glauben wollt; wahr, dass euch, die ihr die Knie Ihm zu beugen ansteht, nichts übrig bleibe, als ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widerwärtigen verzehren wird; wahr, dass, wer unter euch von neuem nicht geboren wird aus Wasser und Geist, als letzten Urteilsspruch wider sich das furchtbare Wort vernehmen wird, welches die Verfluchten in das Feuer weist, das den Teufeln und seinen Engeln bereitet ist. Denn dieses Alles bezeugte ja ebenfalls derselbe Mann, der dort sein „Ich bins“ gesprochen; und sprach er Letzteres, wie Er es tat, in Wahrheit, so bezeugte auch jenes Alles „der Held in Israel, der nicht lügt.“ Wie könnt ihr denn noch eine ruhige Stunde haben, bevor ihr darüber ins Klare kamt, ob jenes sein „Ich bins!“ der Annahme wert sei, oder nicht? Kommt zur Entscheidung! War es ein falsches Zeugnis, das Er zeugte, und ist Christus nicht der, für den Er eidlich sich erklärte, warum setzt ihr dann noch einen Fuß in eine Kirche, wo Er - vergebe den Ausdruck! - der größte Lügner, den die Welt gesehen, zum Gott gemacht wird? Warum schleppt ihr dann den Christennamen noch mit euch herum, der in jenem Falle nichts besser ja, als ein Brandmal ist? Warum beeilt ihr euch denn nicht, von einer Religionsgemeinschaft euch loszusagen, die euch zumutet, vor einem falschen Propheten als vor einem Gott das Knie zu beugen? Eure heiligste Pflicht ist es ja dann, unverzüglich von den Bänken, die ihr eben einnehmt, aufzustehen, und für immer diesen Götzentempel zu verlassen.

- Ist's aber gegründet, was der Herr vor Kaiphas beteuert, warum dann, du tolles und törichtes Volk, zauderst du, vor einem Könige hinzustürzen, welcher Macht hat, seine Feinde nach Leib und Seele „in die Hölle zu verderben?“ Warum, du wahnsinniges Geschlecht, machst du dann nicht Anstalt, dich in die Hände dessen zu befehlen, außer dem kein Helfer ist im Himmel und auf Erden? Warum bist du dann dir selbst so feind und gram, dass du Fluch und Tod dir wählest, während das Leben dir erschienen ist? Ist Verlass auf des heiligen Nazareners Eid, so sei heute der letzte Tag für dich gekommen, an dem du der Welt gedient, und der unter den Widerstrebenden noch dich antraf. Ja, der nächste Augenblick finde dich schon in den Armen und am Herzen des einigen Mittlers; oder wir müssen dich für einen Unsinnigen erklären, der in einem Momente, da ihm der Himmel angeboten wird, die Hölle an sich reißt, und sich als ewige Beute dem Satan zuschwört.

3.

„Ich bins!“ - Er sprach's. Und wäre dieser Gottmensch nicht zugleich das zu Schmach und Marter ausersehene Opferlamm gewesen, Millionen Stimmen würden sein Zeugnis mit ihrem Amen besiegelt haben. Die Seraphinen wären mit ihren goldenen Harfen über ihm erschienen, und hätten Ihm zugejauchzt: „Jesu, du bist's!“ Aus den Gründen der Erde, die Er legte, würde das „Jesu, du bist's!“ heraufgeschollen sein, und der ewige Vater hätte mit jener Stimme, vor der die Berge erzittern, vom Himmel herabgerufen: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Aber stumm bleibt's über Ihm, stumm um Ihn her; stumm in der Höhe und in der Tiefe. Der Priester Gottes ist im Heiligtum, und mit seinem Opferwerk beschäftigt. Da galt es schweigen. Nur den Feinden ist's vergönnt, zu toben. Wie Kaiphas das unumwundene Bekenntnis vernommen hat, zerreißt er zur Beurkundung seiner freilich nur erheuchelten Entrüstung über den vorgeblichen Frevel seine Kleider; weissagt durch diese Gebärde, aber nur ohne es zu ahnen, indem er symbolisch die bevorstehende Auflösung des vorbildlichen Priestertums signalisiert, das jetzt, nachdem der wahrhaftige Priester in Christo erschienen war, als inhaltlose leere Schale dahinsank. Nur einige Stunden noch, dann ist der Tempel zu schließen, und das Opfern der Lämmer und Böcke hat seine Endschaft erreicht vor Gott. Der Herr Himmels und der Erden hat dann das Allerheiligste, das „mit Händen gemacht ist“, für immer geräumt, um fortan in den Hütten und Kammern der armen Sünder seine Wohnung zu nehmen. Überdies gibt uns der Priester durch seine Trauerzeremonie eine beachtenswerte Lehre. Es ziemt uns, geistlicher Weise vor dem Angesichte Jesu ein Gleiches zu tun, wie er. Mit zerrissenen Kleidern gilt's, vor Ihn hinzutreten; denn anders will er uns nicht sehen. In Stücke mit dem erträumten Schmuck unserer eigenen Gerechtigkeit! In Fetzen mit aller Kleiderpracht eingebildeter eigener Tugend, Kraft und Weisheit! Unsre Blöße bloßgegeben, und unsere Schande in seiner Augen Licht gestellt! Hinein in die Nacktheit, ins Armesündertum, ins Bettlerwesen, wenn wir uns Ihm zu empfehlen wünschen! Alles Vornehmtun ist Ihm ein Gräuel. Weg mit den Flittern; Er will uns schmücken. Gemachte Blumen begehrt er nicht. Er pflückt nur Lilien sich zum Strauße, die er selbst gekleidet.

Der Hohepriester zerreißt sein Gewand und spricht: „Was bedürfen wir weiter Zeugnis?“ Der Mann hat Recht. Wenn's in der Tat eine unbefugte Anmaßung war, dass Jesus sich für Gottes Sohn und den Richter der Welt erklärte, so hätte er keiner Ärgeren Gotteslästerung sich schuldig machen können, als es hiermit geschehen war. Warum aber, ihr Richter Israels, muss es durchaus eine Lüge sein, was Er eben von sich bezeugte? Warum schlechthin undenkbar, dass er der verheißene Herr vom Himmel sei? Ist es sein Leben etwa, das dem widerspräche? Was vermochtet ihr trotz aller eurer Bemühungen Verwerfliches daran zu entdecken? Nichts habt ihr Ihm Schuld zu geben, als dass er mit seiner eben ausgesprochenen Erklärung sich - was ihr doch erst beweisen müsstet - ungebührlich überhoben, und in unbefugter Weise göttliche Ehre sich beigemessen habe. Müsst ihr's doch unverhohlen anerkennen, dass er aus eurer Untersuchung rein wie das Licht des Himmels hervorgegangen sei. Und sagt, steht etwa das Zeugnis von seiner Sohnschaft, das er eben abgelegt, so vereinzelt und ohne weitere Stützen da? Dient demselben nicht vielmehr seine ganze Erscheinung auf Erden als bekräftigendes Siegel? Ward es nicht durch Stimmen aus der Höhe bestätigt? Umgeben es nicht die Hunderte von unerhörten Wundern und Zeichen als ebenso viele Beläge seiner Wahrheit; und hat es nicht den ganzen Chor aller prophetischen Weissagungen, die sich aufs buchstäblichste in Ihm erfüllten, als mächtige Zeugen auf seiner Seite? So möchten wir euch fragen, ihr Richter zu Jerusalem. Aber ihr wollt nicht, dass Dieser über euch herrsche; und darum muss und soll er Der nicht sein, für den Er eidlich sich erklärte. Wehe euch, ihr Exempelbilder aller richterlichen Ungerechtigkeit! Wie wird es euch ergehen, wenn der Tag daher fällt, der euch selbst vor die Schranken stellen und Alles ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen war?

„Was dünkt euch?“ fragt der Hohepriester. Da brüllt, das Wort ihm von der Lippe nehmend, die Versammlung wie mit einer Stimme: „Er ist des Todes schuldig!“ Recht so! Als Der, der an unserer Stelle steht, ist er es wirklich! In das „Er ist des Todes schuldig!“ mischen sich noch andre und erhabenere Stimmen, als diejenigen jener Ratsherrn. Was ist's aber für ein Tod, dessen er hier schuldig erklärt wird? Nicht der, von welchem Bileam sagte: „„Meine Seele sterbe des Todes dieser Gerechten, und mein Ende sei wie dieser Ende.“ Nicht der, von dem der Prediger rühmt: „Der Tag des Todes ist besser, denn der Tag der Geburt.“ Eben so wenig der, dem Paulus zujauchzt: „Tod, wo ist dein Stachel?“ noch der, dem Simeon mit seinem „Herr, nun lässt du deinen Diener mit Frieden fahren!“ in die Arme sank. Auch ist es nicht der Tod, welchen Stephanus mit leuchtendem Engelsangesicht begrüßte. Der Tod, den der Bürge Jesus schuldig war, ist der, den wir Offenb. 6 auf einem fahlen Pferde reiten, und dem wir dort die ganze Hölle folgen sehen. Der Tod ist's, der die lästernde Korahrotte erfasste, als unter ihr die Erde sich auftat. Der Tod, der seinen Stachel noch hat, und sein Stachel ist die Sünde; der Tod, der um und um mit Fluch umfangen ist, und den die Schrift „den Sold der Sünde“ nennt. Der Tod des Gottlosen, des Gebannten, des Verworfenen, dieser furchtbare Schreckenskönig, dieser Tod, mit Grauen und Bitterkeit um- und angetan, der ist's, dem der Bürge hier im Namen und Auftrage Gottes feierlich von dem Synedrium geweiht wird. Dass aber dieses Todesurteil Sein heiliges Haupt traf, darin liegt der Grund, der einzige, dass uns nun der Weg zum Leben offen steht. Alle Todesfurcht der Kinder Gottes ist hinfort eine überflüssige, weil unbegründete. Jesus nahm aus unserem Tode den Stachel und das Gift, d. i. die Sünde, weg, und es bleibt hinfort dabei: „Wer an Ihn glaubt, der wird den Tod nicht sehen ewig.“

Wir schließen. Doch vorab noch einmal das große „Entweder, Oder“ euch vergegenwärtigt, das nach dem heute von uns erwogenen Auftritt für euch Alle jetzt eingetreten ist! Ihr seht euch die Alternative gestellt, entweder mit Jesu als dem verwerflichsten Schwärmer, den die Welt gesehen, für immer brechen, und das Bluturteil des hohen Rates wider ihn gut heißen, oder mit uns dem Nazarener euer Hosianna schreien, und Ihm, als dem „Gott, geoffenbart im Fleisch,“ in huldigender Anbetung zu Fuße fallen zu müssen. Für ein Drittes und Mittleres bleibt hier kein Raum. Das Gerede von dem bloß „vortrefflichen Menschen“ Jesus zeugt nur von unerhörter Gedankenlosigkeit, und birgt, bei Licht besehen, nichts als einen Verräterfuß in sich. Wohlan, wie entscheidet ihr euch? Schon die gesunde Vernunft erteilt euch den Rat, unsere Partei zu ergreifen. Seht euch nur noch einmal in der eidlichen Beteuerung Jesu vor dem Hohenpriester den mächtigen Felsen an, von welchem unser Glaube an Ihn gestützt und getragen wird; und dann gebt der Wahrheit Raum, und sprechet mit uns:

Ja, Du bist unser Gott,
Der Bräutigam der Seelen!
Die sich mit Dir vermählen,
Erfahren Dich in Not
Als Freund, als Arzt, als Gott! -
Nun Jesu, Du mein Alles,
Du einz'ger Trost des Falles:
Nimm mich denn gänzlich hin;
Dein bin ich, wie ich bin.
Dein Geist mich stets regiere,
Bis ich dort jubiliere:
Mein Freund ist Gottes Sohn,
Und ich sein Schmerzenslohn! - Amen.

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