Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXV. Petri Fall.
„Du stehst durch den Glauben: sei nicht stolz, sondern fürchte dich!“ So der Apostel, Röm. 11, 20. Er spricht es zunächst zu den Brüdern aus den Heiden, die er unter dem Bilde eines der Wurzel des gefällten Israelitentums aufgepfropften, aber dadurch veredelten wilden Ölbaums in eins zusammenfasst. Was er aber diesen sagt, sagt er zugleich jedwedem einzelnen Christen. Wie weit auch immer ein Jünger des Herrn im Werke der Heiligung gefördert werden mag, nimmer gelangt er zu einer so selbstständigen Stellung, dass er hinfort „ein Leben habe in seiner Hand,“ und aus einem ihm zu beliebiger Verfügung gestellten Vermögen die Kosten seiner geistlichen Unternehmungen bestreiten könne. Einen Stand der Mündigkeit, in welchem er die Gängelbande Jesu endlich von sich werfen, und des Schöpfens aus Seiner Kraft- und Gnadenfülle sich überhoben glauben dürfte, gibt es für den Christen nicht. So wenig die Rebe abgesondert vom Weinstock für sich bestehen und in selbstständiger Vereinzelung grünen, blühen und Früchte treiben kann, so wenig ist der Christ außerhalb der Glaubensgemeinschaft mit Christo zu irgendeinem Guten fähig. Nur in der Vereinigung mit Ihm ist er stark; nur auf Seine Schultern gelehnt, trotzt er dem Satan und der Welt. So steht er „durch den Glauben“, d. h. durch die Macht des Herrn, den er durch den Glauben ergreift. Christus ist und bleibt die Quelle aller seiner Stärke. Wo ist nun sein eigener Ruhm? Er ist aus! -
Hätte Simon Petrus dies auf dem Ölbergsgange schon bedacht! Aber ihm war es aufbehalten, die Wahrheit jenes apostolischen Spruchs auf schmerzlichem Erfahrungswege zu erproben. Wir werden dessen heute Zeugen sein. Befestige unsere Betrachtung auch in uns die Überzeugung, dass wir nur „durch den Glauben“ stehen!
Johannes 18, 15-18.25-27. Markus 14, 54.66-72. Matthäus 26, 69-75. Lukas 22, 54-62.
Simon Petrus aber folgte Jesus von ferne nach, und ein andrer Jünger. Derselbige Jünger war dem Hohenpriester bekannt, und ging mit Jesu hinein in des Hohenpriesters Palast. Petrus aber stand draußen vor der Tür. Da ging der andre Junger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus, und redete mit der Türhüterin, und führte Petrum hinein. Es standen aber die Knechte und Diener, und zündeten ein Kohlfeuer an mitten im Palast; denn es war kalt, und setzten sich zusammen und wärmten sich. Petrus aber saß draußen im Palaste bei den Knechten und wärmte sich am Feuer, auf dass er sehe, wo es hinaus wolle. Da kam des Hohenpriesters Mägde eine, die Türhüterin, und da sie sah Petrum sich wärmen, und bei dem Lichte sitzen, trat sie zu ihm, schaute ihn an und sprach zu ihm: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth aus Galiläa? Bist du nicht auch dieses Menschen Jünger einer? Er leugnete aber vor Allen, verleugnete ihn und sprach: Weib, ich bins nicht; ich kenne ihn nicht; weiß nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof; und es krähte der Hahn. - Als er aber zur Tür hinaus ging über eine Weile, sah ihn eine andre, und sprach zu denen, die dabei standen: Dieser war auch mit dem Jesu von Nazareth. Da sprachen sie zu ihm: Bist du nicht seiner Jünger einer? Du bist deren einer! Und Petrus leugnete abermals, und schwur dazu, und sprach: Mensch, ich bins nicht! ich kenne des Menschen nicht! - Und über eine kleine Weile, bei einer Stunde traten hinzu, die dabei standen, und sprachen zu Petro: Wahrlich, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich; denn du bist ein Galiläer. Und ein andrer bekräftigte es und sprach: Wahrlich, dieser war auch mit ihm! Spricht des Hohenpriesters Knechte einer, ein Freund dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm? Da verleugnete Petrus abermals, und hub an sich zu verfluchen und zu schwören, und sprach: Ich kenne des Menschen nicht, von dem ihr sagt! Mensch, ich weiß nicht, was du sagst!
Zu allen übrigen Martern wird dem göttlichen Dulder nun auch noch das, von einem aus der kleinen Zahl seiner Vertrautesten, auf deren Treue er unter allen Umständen hätte rechnen dürfen sollen, sich verleugnet zu sehen! Kein Leid, kein Schmerz sollte seinem Herzen fremd bleiben, damit er uns überall ein „mitleidiger Hoherpriester“ werden möge. Wie wäre aber auch die Schrift erfüllt worden, wenn er nicht auch das Los seiner lebendigen Vorbilder: Josephs, des Preisgegebenen von seinen Brüdern, und Davids, des zur Zeit des Unglücks Verlassenen, im Gegenbilde wirklich ausgekostet, und die messianischen Psalmklagen: „Meine Liebsten weichen von meiner Seite;“ „meine Nächsten treten ferne und entziehen sich mir,“ wahr gemacht hätte? Zudem musste es ja auch zu unserem Troste irgendwo einmal tatsächlich kund und offenbar werden, dass Er auch „Gaben empfangen habe für die Abtrünnigen“; und wo träte diese Wahrheit heller zu Tage, als in der Begebenheit, deren wir jetzt, freilich nicht ohne tiefe Wehmut, Zeugen sein werden.
Die Verleugnung Petri führt unsere Betrachtung für eine Weile aus dem Tumult des äußerlichen Gerichtsverfahrens gegen Jesum in das Innere der menschlichen Gemütswelt zurück. Eine Herzensgeschichte entschleiert sich vor uns; eine Geschichte, in der wohl manche unserer Freunde wenigstens Bruchstücke ihrer eigenen erkennen werden. Der Fall des armen Jüngers ist der Gegenstand unseres diesmaligen Nachdenkens. Wir betrachten denselben zuerst nach seinen inneren Ursachen, und sodann nach seinem geschichtlichen Verlauf.
Ein gewaltiger Warnungsruf schlägt aus der heutigen Szene an unser Ohr. Finde er eine gute und bleibende Stätte in unserem Herzen!
1.
Gesellen wir uns denn im Geiste zu unserem Simon. Ich sage „zu unserem.“ Er ist's ja vor allen übrigen Aposteln. Vor einem Paulus und Johannes treten wir ehrerbietig zurück, und achten uns nicht wert, die Schuhriemen ihnen aufzulösen. Einem Petrus gegenüber entdecken wir in uns verwandtschaftlichere Züge, und nennen ihn traulich unsern Freund und Bruder. Er ist uns wohl auch in glänzenderen Lebensmomenten begegnet, als heute; aber auch da vermochte seine Erscheinung in uns das Gefühl einer gewissen Ebenbürtigkeit nicht zu unterdrücken. Welch' ein Bekenner war er z. B., als er, seine Mitapostel weit an Glauben überflügelnd, sein „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“ daherrief; aber so etwas Großes deucht uns dieses Zeugnis nicht, dass wir nicht auch uns dazu befähigt halten sollten. Wie herrlich stand er da, als er seine Anhänglichkeit an Jesum mit dem Ausruf bezeugte: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!“ Doch wissen auch wir gehobener Augenblicke uns zu erinnern, in denen Ähnliches auf den Flügeln der Begeisterung von unsern Lippen tönte. Wie tapfer klang auf dem brandenden See sein „Herr, heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!“ Aber auch dieses kühne Wort riss keine allzuweite Kluft zwischen uns und ihm; denn wie bald stieg er von der Höhe seines Heroismus zu uns in unsere Niederung zurück, als jener Wirbelwind daher blies, und das riesige Wogengrab vor ihm sich auftat! Wie hochtönend nahm sich der Warnung des Meisters auf dem Wege zum Ölberge gegenüber Simons Beteuerung aus: „Und wenn sie sich Alle an dir ärgern, so doch ich nicht!“ Aber auch diese seine Heiligkeit imponiert uns nicht allzu sehr; vielmehr will sich gerade hier ein tiefes Verwandtschaftsgefühl zu Simon in uns geltend machen.
Wenn Jemand den Herrn feurig liebte, dann unser Jünger. Wen er aber eigentlich in dem Meister liebte, das war ihm nur erst teilweise klar bewusst. Namentlich war ihm das Geheimnis der priesterlichen Stellung Jesu, und die daraus für Ihn hervorgehende Notwendigkeit, sein Leben als Schuldopfer für die sündige Welt dahinzugeben, noch ganz versiegelt. Nur im Allgemeinen erst fühlte und ahnte er, dass seine Seligkeit irgendwie durch die Gemeinschaft mit Jesu bedingt, und er ohne diesen Heiland unfehlbar verloren sei. In Petrus waren, wie dies häufig bei Christen namentlich solcher Gemeinden zutrifft, in welchen wohl Evangelium, aber noch nicht das Evangelium nach der ganzen Fülle seines seligen Inhalts verkündet wird, der Glaube und die Liebe der christlichen Einsicht und Erkenntnis vorausgeeilt. Mehr ein Empfindungsjünger erst, als ein Jünger des klaren, das ganze Leben beherrschenden und bestimmenden göttlichen Gedankens, gemahnt Simon an diejenige Klasse unserer Brüder, von denen wir zu sagen pflegen, dass ihnen das „brennende Herz“ zwar schon gegeben sei, aber das „Licht des Heiligen Geistes“ noch mangle. Das neue Leben ist dem Keime nach gepflanzt, und die Entwicklungsfähigkeit zum Ziel der himmlischen Berufung vorhanden; aber die Entwicklung selbst noch weit zurück, und dem Heiligen Geiste noch vieles zu ergänzen und auszubilden übrig.
Dass unserem Simon die Hauptabsicht des Kommens Jesu in die Welt noch so wenig erschlossen war, das findet seinen Erklärungsgrund nur in der Mangelhaftigkeit seiner Selbsterkenntnis. Er wusste sich freilich als einen armen Sünder, der der Gnade bedürftig sei; aber wie unermesslich weit des Menschen sittliche Verderbtheit und Ohnmacht reiche, ahnte er noch nicht. Sein reges, in den schönsten und täuschendsten Farben schillerndes Empfindungsleben breitete ihm darüber einen Schleier. Er fühlte sich von einer so feurigen Liebe und Begeisterung für Jesum beseelt, dass ihn der leiseste Zweifel schon, womit man nach dieser Seite hin ihn etwa ansehen zu wollen sich vermaß, auf das tiefste entrüstete. Ach, Petrus kannte noch nicht die unbegrenzte Abhängigkeit auch der edelsten menschlichen Erregungen vom Wechsel der Umstände, der Verhältnisse und der Zeiten. Des Jeremias Sprüchlein vom menschlichen Herzen als einem „trotzigen und verzagten Dinge“ war seinem Verständnis noch nicht aufgegangen. Er wusste nicht, dass, wer einmal für den glanzumstrahlten Jesum des Berges Tabor zu schwärmen im Stande war, in diesem seinem Gefühlsaufschwunge noch keine Bürgschaft besitze, dass er eine gleiche Begeisterung auch für den Schmachbedeckten am Kreuze empfinden werde. Eben so wenig ahnte er noch, dass, was unter dem Klange der ergreifenden Abschiedsreden des Meisters in der feierlich stillen Mitternachtsstunde sein Gemüt durchwogte, keineswegs schon notwendig ihn befähige, auch dann noch bei Ihm auszuhalten, wenn über Ihn die jedes begeisternden Elementes ermangelnde Prosa einer polizeilichen Gefangennahme und einer schimpflichen Hinführung vor die richterlichen Schranken hereinbrach. Ein menschlicher Entschluss, wie freudig auch vor dem Treffen gefasst, wagt immer zu viel, wenn er auch für die Stunde für sich gut sagt, da wirklich die Geschosse schwirren werden. Wie manchen Helden, zu dem man sich des Größten versehen zu dürfen glaubte, schuf die veränderte Sachlage plötzlich zum verzagtesten Feigling um. Ein Glaubenszeuge, der seinem Gelöbnisse, dass er für die Sache, die er vertrete, sein Leben lassen wolle, auf offenem Blutgerüste vor dem versammelten Volke unfehlbar stehen würde, wird vielleicht kläglich zu Schanden, sobald ihm, von Zeugen fern, in einem entlegenen Winkel die Besieglung seines Bekenntnisses mit seinem Blute abgefordert wird. Von Gideon lesen wir, der Herr habe sich zu ihm gewandt und zu ihm gesprochen: „Gehe hin in dieser deiner Kraft;“ und freilich ist es bis zur Stunde noch nur die Gnadenzuwendung des Herrn, die wahre Helden zeugt. Aber Dies waren unserem Simon noch unbekannte Dinge. Statt an allem eigenen Heldentume zu verzagen und sich lediglich auf die Schultern des Herrn zu lehnen, vertraute er in kläglicher Selbstüberschätzung dem eigenen Mut; und statt den um die Rüstung seines Geistes anzugehen, der da sprach: „Ohne mich könnt ihr nichts tun,“ wähnte der törichte Jünger, im Harnisch seines eigenen Liebesgefühles Manns genug zu sein, dem Satan und seinen listigen Anläufen Stand zu halten.
Simon war der Mann im Evangelium, der in den Krieg zog, ohne vorher gesessen und die Kosten überschlagen zu haben. Er hätte es schon merken sollen, dass er dieser Törichte sei, als nach seinem unbesonnenen Schwertstreich wider des Hohenpriesters Knecht und nach der darauf folgenden Selbstübergabe des Herrn an die Feinde, seine Begeisterungsglut im Nu dergestalt erloschen war, dass er nicht einmal Mut genug besaß, um nicht mit den Übrigen in schmählichster Weise die Flucht zu ergreifen. Freilich besann er sich nach einer Weile wieder; aber was da ihn wieder bewog, dem gefangenen Herrn „von ferne“ nachzufolgen, war im Grunde mehr nur der Sporn eines jämmerlichen Ehrgeizes, als der edle Antrieb einer todesmutigen Liebe. Er hatte nun einmal so offen und laut von einem „Nimmermehr verleugnen“, ja, von einem „mit Jesu in den Tod gehen“ gesprochen; und wie würde er dastehen, wenn er nun, da es galt, sein Gelübde bräche, und vom Kampfplatz verschwände! Nein, man soll ihn nicht als einen Feigling erfinden. Wo sein Meister ist, da muss auch er sein. Er folgt einem gegen den Wind ansteuernden Schiffe vergleichbar in gehöriger Entfernung dem Zuge der Bewaffneten. Mit geknickten Knien folgt er, und mit innerem Widerstreben. Was hätte er darum gegeben, wenn ein unabwendbares und augenfälliges Hindernis ihm den Weg versperrt, und am Weiterdringen ihn gehindert hätte. In der Tat scheint sich solch erwünschtes Hemmnis dadurch einzustellen, dass, da der Schergenzug mit dem Verhafteten eben in den Hof des hohenpriesterlichen Palastes eingezogen ist, die Pforte hinter ihm zufällt, und von innen verriegelt wird. Nun wäre Simon ja entschuldigt, wenn er wieder von dannen zöge; er konnte ja nicht weiter folgen, wie gern er auch wollte. Ja, irren wir nicht, so schickt er sich schon zum Rückzuge an. Aber, als ob Alles zu seinem Sturze sich verschworen hätte, muss sich's, wie man sagt, „zufällig“ ereignen, dass er vor dem Eingang auf einen Freund und Genossen seines Glaubens trifft, der dem Hohenpriester bekannt war, und als ein Befreundeter desselben zu seinem Hause frei aus und einging. Dieser richtet einige Worte an die Türhüterin, und auch Simon wird, er mochte wollen oder nicht, zur Pforte eingelassen. Wer jener einführende Jünger war, wird nicht gemeldet. War's, wie Manche vermuten wollen, der Evangelist Johannes selbst, dem wir die Kunde von diesem an sich unscheinbaren Umstande verdanken, so wäre es lieblich und wahrhaft rührend, denselben hier in seinem Bericht gleichsam einen Teil der Schuld von seinem Freunde Petrus auf sich nehmen zu sehen. Wer er aber auch gewesen, immer drängt sich hier die Frage auf, warum doch der Alles regierende Gott es nicht gefügt, dass Simon nur um einige Minuten früher oder später bei dem Hoftor ankam, da alsdann jene verhängnisvolle Begegnung vermieden, und dem ganzen späteren Unglück vorgebeugt worden wäre? Aber mit der Frage ist auch alsobald die Antwort zur Hand. Wenn es auch dabei bleibt, dass Gott der Herr Niemanden zum Bösen versucht, geschweige denn gar ihn straucheln und fallen macht, so verhängt er doch nicht selten schwere Prüfungen über diejenigen, die er lieb hat, und hindert's auch nicht, dass sie fallen, wenn sie auf Sein Wort nicht achten, seinen Warnungen nicht glauben, und in andrer Weise, als durch bittere Erfahrung, von ihrem hochfahrenden Trotz auf eignes Sein und Können, nicht genesen wollen. Auch Petri Fall, der, was die Verschuldung angeht, rein auf des Gefallenen Rechnung kommt, und der seinen ganzen Erklärungsgrund in der Selbstüberhebung des Jüngers findet, war zugleich nach des zulassenden Gottes Absicht eine seelenärztliche Maßregel, welche die durchgreifende Heilung Simons von seinem törichten und blinden Selbstvertrauen zum Ziele hatte. Hatte doch der Herr hierauf, wie auch auf die heilsame Frucht des beklagenswerten Falles schon unzweideutig hingewinkt, als er so mütterlich fürsorgend an seinen Petrus die Worte richtete: „Wenn du dich dermaleinst bekehrst, so stärke deine Brüder!“
Mit schwankendem Tritte überschreitet Simon die Schwelle des geöffneten Tors, und setzt damit seinen Fuß auf den verhängnisvollen Kampfplatz. Wenn er nur jetzt noch betend an den Hals seines Gottes sich geworfen hätte! Aber nein; er verlässt sich immer noch auf sich, oder doch auf die Gunst der Umstände und des Ungefährs. Satan und Welt stehen bereits wider ihn gerüstet auf dem Plan. Er hätte sich vor ihnen nicht zu fürchten gebraucht, hätte der Harnisch des Glaubens um seine Brust gelegen. Jetzt können wir für den armen Mann nur zittern, ja, würden ihn verloren geben müssen, wüssten wir nicht um die treffliche und treue Hut, in der er, ohne dass er selbst es ahnt, geborgen ist. Das „Wahrlich, wahrlich!“ mit welchem der Herr ihm auf dem Gange zum Ölberge vorherverkündete, was ihm bevorstehe, hängt, wenn auch einstweilen schweigend noch, gleich einer Glocke in seinem Gedächtnis, die ihm im rechten Momente das Signal zur Wiederermannung geben wird. Der Hahn, dieser göttlich bestellte Wecker, steht schon auf seinem Posten, und sein Ruf wird zu seiner Zeit seine Wirkung nicht verfehlen. Die priesterliche Fürbitte, dass Simons „Glaube nicht aufhöre“, schwebt einem schützenden Schilde gleich über unsres Jüngers Haupt; und Der selbst, welcher den glimmenden Docht nicht auslöscht“ und „das zerstoßene Rohr nicht zerbricht“, bleibt glücklicherweise in Simons Nähe, und wird, wenn Not an Mann geht, hilfreich zur Stelle sein.
2.
Beobachten wir nun den betrübten Vorgang im Hofe des Hohenpriesters. In dem Augenblicke, da Simon auf Verwenden des Freundes zum Tore eingelassen wird, leuchtet ihm die Pförtnerin mit ihrer Laterne unter die Augen, und sieht ihn mit einer Miene an, als ob sie ihn erkennt, aber doch ihrer Sache noch nicht ganz gewiss wäre. Er merkt's, wendet das Angesicht, und huscht so schnell wie möglich an der spähenden Verräterin vorüber. In der Mitte des Hofraums haben sich die Waffenknechte zum Schutz gegen die Morgenkühle ein Feuer angezündet, und vertreiben sich, um dasselbe her geschart, mit Plaudern und Scherzen die Zeit, während im Innern des Hauses die Gerichtsverhandlungen gegen Jesum gepflogen werden. Simon, dem es in dieser Atmosphäre unheimlich genug zu Mute ist, nähert sich dem lärmenden Trotz, und nimmt, den Unbefangenen spielend, und mit der Miene, als begehre auch er nur sich zu wärmen, inmitten der lärmenden Gesellen Platz. Im Grunde hatte hiermit die Verleugnung bereits begonnen; denn offenbar ging seine Absicht dahin, vor den Söldlingen sich den Schein zu geben, als gehöre er mit zu ihrer Horde, und teile ihre Gesinnungen gegen den Nazarener. Nicht wenig befriedigt, so ein Doppeltes erreicht zu haben: die Sicherstellung seiner Person, und eine gewisse Berechtigung, sich sagen zu dürfen, dass er ja Mut genug beweise, indem er sich mitten unter die Feinde mische, und dass er sein Versprechen, den Meister nicht zu verlassen, ja nun wirklich halte, sitzt der bejammernswerte Held denn da, und meint, den weiteren Gang der Ereignisse ohne Gefährde abwarten zu können. Da plötzlich wird ihm ein verdrießlicher Strich durch die Rechnung gemacht. Die Türhüterin, die gerne wissen möchte, ob sie sich an dem eingelassenen Fremdlinge versehen habe, oder nicht, hat sich unbemerkt herbeigeschlichen, und sich spähend unter den Söldnerhaufen gemischt; und wie sie beim Schein des flackernden Feuers den verkappten Gast entdeckt, schaut sie ihm über die Schultern ins Angesicht, und spricht mit triumphierender Schadenfreude: „Warst nicht auch du mit dem Jesu von Nazareth aus Galiläa? Bist du nicht auch der Jünger dieses Menschen einer” Wer beschreibt unseres Simons Bestürzung? Er hatte sich so wohl geborgen geglaubt; und nun dieser plötzliche Angriff! —
Doch er rafft sich zusammen, „Was will diese Magd?“ denkt er. „Wer berechtigt sie zu solcher Frage? Die Zumutung, einer jeden müßigen Neugier Rede und Antwort zu stehen, wäre Doch zu stark! Einem Kaiphas oder der Obersten einem würde ich sagen, wer ich sei; aber wer ist diese vorwitzige Dirne, dass ich ihr Rechenschaft schulden sollte?“
— Er denkt's, und entgegnet dann mit der erheuchelten Betonung eines an seiner Ehre angetasteten: „Weib, ich bin's nicht; ich kenne ihn nicht; ich weiß nicht, was Du sagst!“
— Wehe, wehe! Der für Jesum sogar den Fehdehandschuh des Schreckenkönigs selber aufzunehmen sich erbot, erliegt mit seinem ganzen Mute schon der ersten, und obendrein noch zweifelhaften Gefahr, die er hinter der Frage einer elenden Sklavin wittert! Wer hört aus seiner Rede nicht den Sturm der sich unter einander „verklagenden und entschuldigenden Gedanken“ heraus, welcher sein Inneres durchtobt?
— „Ich bin’s nicht; ich kenne ihn nicht,“ beginnt er mit ziemlicher Bestimmtheit. Dann aber, von seinem Gewissen verurteilt, sucht er diese entschiedene Leugnung in etwa wieder zu verwischen, indem er, an der Notwendigkeit, eine gerade Antwort zu erteilen, sich vorübermachend, in eine andre Redeweise einlenkt und fortfährt: „Ich weiß nicht, was du sagst. Was meinst du doch? Ich verstehe dich nicht!” Es reicht dies aber nicht mehr aus, das unzweideutige: „Ich kenne ihn nicht!” wieder wegzulöschen. Während er jene kläglichen Worte herausstotterte, ist er, von Angst und innerem Vorwurf gepeitscht, von einem Sitze wieder aufgestanden, und versucht, sich unvermerkt aus dieser verfänglichen Umgebung zu entfernen.
Wirklich gelingt es ihn, ohne weitere Anfechtung aus den Menschenknäuel sich herauszuwinden. Nach dem Hoftor nimmt er seine Richtung, ob er es vielleicht geöffnet finde, und durch Dasselbe glücklich entwischen könne. Da kräht zum ersten Mal der Hahn; aber die Aufregung, in der der Jünger sich befindet, lässt ihn diesmal noch diesen Wächterruf überhören; und umso mehr das, da eben in der Person einer anderen Magd unversehens eine neue Verräterin ihm den Weg vertritt, und bestimmter noch, als die erstere, den sich um sie sammelnden Kriegsknechten zuruft: „Hierher! — Dieser Mensch war auch mit dem Jesu von Nazareth!“ Diese Enthüllung war den Söldnern willkommen. Sie gab ihnen erwünschten Stoff zu neuem Spaß und Kurzweil, „Bist du nicht auch seiner Jünger einer?” fragen sie barsch und drohend, „Freilich“, fahren sie fort, „gehörst auch du zu der Sekte!”
— Was fängt nun unser armer Petrus an? Nachdem ihm einmal der Fuß geglitten, sehen wir ihn nun in eine völlige Haltlosigkeit hineingeraten. Der Weg zur zweiten Sünde ist immer schnell zurückgelegt, nachdem die erste begangen ist. Es raunt dann wohl gar ein finsterer Dämon uns ins Ohr, die Wiederholung einer einmal vollbrachten Sünde könne uns eben nicht verdammlicher machen, da Gott die Sünden nicht zu zählen, sondern zu wägen pflege; oder: durch Konsequenz im Begehen der einen oder andern Sünde beurkunde man nur, dass man dieselbe nicht eigentlich für Sünde erachtet, und also mehr unwissentlich sich vergangen habe.
— Genug, Simon verleugnet abermals, und nun, wenigstens dem Wortklange nach, noch dreister, denn zuvor, „Mensch“, spricht er, „ich bin es nicht”, und bleibt schon nicht mehr bei der einfachen Verneinung stehen, sondern fügt eine Beteuerung hinzu; ja, vergisst sich schon so weit, dass er in wegwerfendem Tone von seinem Meister redet, indem er spricht: „Ich kenne des Menschen nicht.” Nun müssen sie ihm ja glauben, dass er mit Jesu in keiner Verbindung stehe; dem so wird ja nimmer ein Freund von seinem Freunde sprechen, es müsste denn der Verleugnende ein Abschaum von Treulosigkeit und Falschheit sein. Eine solche Niederträchtigkeit trauen sie dem Simon doch nicht zu, und lassen ihn gehen. O Schmach für den Jünger, die Rotte wirklich moralisch überzeugt zu haben, er könne Jesu Freund nicht sein, sondern müsse vielmehr zu ihrer, der Widersacher Fahne geschworen haben!
Unstet und flüchtig wie ein angeschossenes und gejagtes Wild treibt sich der unglückliche Jünger fortan in den entlegenen Teilen des Hofraums umher; findet aber zu seinem Schrecken überall die Pforten verschlossen, und den Ausgang versperrt. Für eine Weile gelingt es ihm, dem Anblick und den weiteren Behelligungen der Lanzenknechte wie des Gesindes sich zu entziehen; aber das Drohende seiner Lage nimmt alle seine Sinne und Gedanken dermaßen gefangen, dass wir der Hoffnung nur entsagen können, er werde sich jetzt darauf besinnen, bis zu welchem Punkt der Wind der Versuchung ihn bereits verschlagen habe. Wie ein Taumelnder, der seiner selbst nicht mehr mächtig ist, schwankt er dahin; da, nach Verlauf einer Stunde etwa, umzingelt ihn ein neuer Haufe, welcher nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände doch hinterher noch zu dem Schluss gekommen ist, der Fremdling müsse dennoch den Jüngern Jesu beigehören. „Wahrlich“, sprechen sie, mit größerer Sicherheit jetzt, als früher, „du bist auch einer von denen;“ und wie er abermals sich zu verteidigen anhebt, strafen sie ihn aus seinem eigenen Munde Lügen, indem sie ihm zuschreien: „Deine Sprache verrät dich; du bist ein Galiläer!“ Ein andrer Waffenknecht, durch den Lärm herbeigelockt, sieht ihm unter die Augen und ruft bekräftigend darein: „Freilich war dieser auch mit ihm!“ Endlich tritt gar auch noch der hohenpriesterlichen Diener einer heran, und noch dazu ein Freund dessen, dem Petrus am Ölberge das Ohr abgehauen hatte, und spricht: „Höre, habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen?!“
- Nun sieht Petrus vollends das Netz über sich zusammenschlagen. Was beginnen? Zwei Wege nur stehen ihm noch offen: entweder er widerruft seine schmählichen Verleugnungen durch einen unverhohlenen Bekenntnisakt, und zeigt um Jesu willen den Feinden frei die entblößte Brust; oder er spielt zum Triumph der Hölle seine traurige Rolle in folgerechter Weise durch, und ist in diesem Falle genötigt, die Frechheit der Lüge bis aufs äußerste zu treiben. Er entscheidet sich in seiner Verzweiflung für das Letztere. Ich weiß nicht, was er im Gewirre dieses verhängnisvollen Augenblicks mit halbem Bewusstsein eilends zusammengerafft haben mag, um sich damit wenigstens momentan vor seinem Gewissen zu rechtfertigen. Ob er zu dem Vorwand seine Zuflucht genommen, es sei ja dies Gesindel nicht wert, dass man, die Perle vor die Säue werfend, den heiligen Jesusnamen vor ihm bekenne; oder ob er sich selber mit dem Versprechen zu belügen gesucht, dass er sein Blut für den Moment versparen wolle, der ihm die erwünschte Gelegenheit bringen werde, dasselbe öffentlich vor allem Volke zur Besiegelung seines Glaubens zu verspritzen: wer mag es entscheiden?
- Genug, ganz wieder der alte Fischer, ganz der ehemalige rohe Matrose wieder, ja als ein viel Ärgerer noch, denn er je vorher gewesen, steht er da, und häuft Schwur auf Schwur, und Fluch auf Fluch, dass er den Menschen nicht kenne. Ja, unter Herabrufung des Schrecklichsten auf sein Haupt, und unter Verschwörung seiner Seligkeit, beteuert er: „Ich bin kein Christ!
- „Ich kenne des Menschen nicht, von dem ihr sagt!“ Und mit einem Tone, und unter Gebärden gibt er diese Versicherung von sich, als ob ihm unter dem Himmel verächtlicher Niemand wäre, als „dieser Mensch“; ja, als hätte ein himmelschreienderes Unrecht ihm nicht widerfahren können, als es in jener Verdächtigung ihm angetan werde. Er ist scheinbar außer sich über die schwere Unbilde, die er erleide. Je heftiger er aber protestiert und schreit, um desto deutlicher kommt sein Galiläerdialekt heraus; und je mehr dies geschieht, um desto gewisser werden am Ende doch die Söldner, dass sie sich an dem Manne nicht versehen haben. Das Maß seiner Sünden ist nun voll. Die Kriegsknechte überlassen ihn, ohne ihm weiter ein Leides zuzufügen, sich selbst, und kehren, sei es aus Verachtung, indem sie einen Renegaten, wie diesen, nicht einmal für wert halten, ihn zum Märtyrer zu stempeln; oder sei es, weil sich eben die Pforte des Richtsaals öffnet, und ein neues Schauspiel in höherem Grade ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, ihm den Rücken.
Mit tief erschüttertem Gemüte brechen wir hier für heute ab. „Bis zu solchen Rückfällen in das alte Wesen also,“ höre ich sagen, „kann es auch noch mit Kindern Gottes kommen?“ Ja, Brüder, wenn die Kinder Gottes, statt in wahrer Herzensbeugung der göttlichen Gnade sich anzubefehlen, in vermessenem Vertrauen auf eigene Kräfte den Kampfplatz betreten, und sich selbst in Gefahr begeben. In diesem Falle kann nicht für sie eingestanden werden, dass es bis zu solchen Niederlagen mit ihnen nicht kommen werde. Es gelangt hienieden auch in den Wiedergeborenen der neue Mensch zu einer so unbedingten Herrschaft über den alten nicht, dass es zur Überwindung und Zügelung des letzteren überall der fortdauernden Geisteseinflüsse aus der Höhe nicht mehr bedürfte. Zwar wird jener bleibend dem Fleische nicht mehr das Feld belassen, sondern zu seiner Zeit dasselbe wieder zum Schemel seiner Füße legen; aber geschehen kann es, des ist Petrus Zeuge, - dass der alte Adam in unbewachten Stunden unter dem Andrang verführender und verwirrender Höllenkräfte für eine geraume Weile abermals durch Zaum und Zügel reißt, und, vor Gott und Menschen in der Schande seiner Blöße offenbar werdend, auf weite Strecken hin dem neuen Ich den Vorsprung wieder abgewinnt. Darum schrieb der Herr den Seinen vor Allem die Mahnung in den Schild, „Wacht und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ Simon gelobte und verhieß nur, und allerdings in der lautersten Gesinnung; aber das Wachen und Beten blieb dahinten. Was war die Folge? Der erste Windstoß der Versuchung streckte ihn jämmerlich dahin; und bedeutungslos, ja wie zum Spotte nur, flatterte über ihm sein Kampfesbanner mit der Inschrift: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, so werde ich dich nicht verleugnen!“
Wohlan denn, „wer da zu stehen meint, sehe wohl zu, dass er nicht falle!“ Zwar ist es wahr, dass im Reiche Gottes ein Fall größeren Segen bringen kann, als ein Sieg; und aus Strauchelungen erwachsen dort mitunter viel köstlichere Früchte, als aus den scheinbar gelungensten Heiligungsbestrebungen. Aber wehe Dem, der diese Wahrheit, auf Mutwillen ziehen möchte! Ein Solcher könnte Gefahr laufen, dass sich keine Gnadenhand mehr regte, von seinem Falle ihn wieder aufzurichten. Und höbe er sich wieder empor, so liegt es doch außer aller menschlichen Berechnung, wie weit ein Rückfall in die Sünde wenigstens für das zeitliche Leben mit seinen verderblichen Folgen greifen kann. In Simons Auge, sagt die Legende, sei, so lange er lebte, die Träne der Wehmut nicht mehr versiegt; und David vollends stieg, ob auch wieder zu Gnaden angenommen, nach seiner Verschuldung an dem Weibe Urias und an Uria selbst, zu der früher von ihm eingenommenen Höhe ungemischter Freudigkeit zu Gott nie mehr empor. Darum stehe obenan in unserer geistlichen Gedenktafel das apostolische Wort: „Zieht an den Harnisch Gottes, dass ihr bestehen könnt gegen die listigen Anläufe des Teufels;“ und auf Schritt und Tritt umtöne uns der andre Zuruf: „Leide dich als ein guter Streiter Jesu Christi!“
Auf denn, Streitgenossen, geht
Mutig durch des Lebens Wüste!
Seht auf euren Führer, fleht,
Dass er selbst zum Kampf euch rüste.
Seine Gotteskraft allein
Kann in Schwachen mächtig sein. - Amen.