Kögel, Rudolf - Das Vaterunser in elf Predigten ausgelegt - VIII. Zweite Predigt über die sechste Bitte.
Sonntag Oculi.
Matth. 6, 13:
Führe uns nicht in Versuchung.
Wer einen Blinden irre macht auf seinem Wege, oder ihm einen Anstoß in den Weg legt, dass er darüber fällt, der sei verflucht. Und alles Volk soll sagen Amen. So das Alte Testament! Die sechste Bitte - daran erinnerte uns jüngst eine gemeinsame Betrachtung - ein Seufzer aus einer dunklen Welt voll Unfall und Herzeleid, ein Ruf zugleich voll Erhörungsgewissheit zu einem treuen Gott, der nimmer Blinde irre macht auf ihrem Wege, uns nimmer versucht werden lässt über Vermögen. Wie aber, wenn Sehende sich selbst blenden, wenn sie mutwillig die gefahrvollsten Straßen aufsuchen oder Mitpilgernde auf falsche Fährten und Verderbenswege locken und verführen?! Die sechste Bitte bringt ernste Pflichten, unweigerliche Gelübde mit.
Führe uns nicht in Versuchung:
ein doppeltes Gelübde ist darin enthalten: wir wollen
1) kindlich,
wir wollen
2) brüderlich wandeln!
Umzukehren und zu werden wie die Kinder, stark zu werden im Geist, einfältig aufs Böse, weise aufs Gute, Männer in Christo, dazu hilf uns, Vater unseres Herrn Jesu um deines Namens willen!
Amen.
1.
Wir wollen kindlich wandeln, so versprechen wir dem Vater unser in der sechsten Bitte. Kindliche Aufrichtigkeit, kindliche Ehrfurcht und Liebe, kindliche Demut, kindlicher Gehorsam, dies vierfache Gelübde umfängt uns sofort.
Kindliche Aufrichtigkeit! Übersehen wir nur nicht beim Eintritt in diese Betrachtung: die Schwelle zur sechsten Bitte ist die fünfte, die Vergebung der Sünden ist das Fundament aller Bewahrung in der Versuchung. Wie mag Solches zugehen? Ohne Vergebung bleibt das Gewissen böse. Von der Schuld ist es nicht losgesprochen, von der Liebe zur Sünde hat es sich nicht losgesagt. Ohne die Eine Sühne dauert der Bann, ohne den Born der Gnade der Zorn des Gerichts, ohne den Eintritt in das Kindesverhältnis die Knechtschaft der Sünde und die Kraftlosigkeit zum Guten. Ist Gott wider uns, wer mag für uns sein? Wir regen den Arm, aber er ist gelähmt, wir erheben das Schwert aber es ist stumpf, es zerbricht im Kampf wider die Anläufe des Fleisches und der Finsternis. „Da ich es wollte verschweigen“, spricht der schuldbedeckte Hehler im 32sten Psalm, „da verschmachteten meine Gebeine. Ich sprach: ich will dem Herrn meine Übertretung bekennen. Da - vergabst du mir die Missetat meiner Sünde! Dafür um dieser Gerichts- und Gnadenordnung willen, werden dich alle Heiligen bitten zur rechten Zeit; darum wenn große Wasserfluten kommen, werden sie nicht an dieselben gelangen.“ Die Fluten, welche die sechste Bitte rauschen hört, schrecken den nicht, der in der Friedenshütte der fünften Bitte wohnt. Dem Aufrichtigen lässt es der Herr gelingen. Aller Aufrichtigkeit Anfang aber zwischen dem Menschen und seinem Gott ist Beichte und Vergebung. Ein Augustinus gesteht aus seiner Zeit vor der Bekehrung: wohl rief ich, ach bekehre mich, aber im tiefsten Innern sprach leise eine Stimme: „nur nicht gleich, nur nicht gleich“, so lieb war mir noch die böse Lust! Und jener Mann der Wüste, mit dem Livingstone redete, - ich fürchte, er hat ehrlich herausgesagt, was viele in Bezug auf allerlei Sünden unehrlich und unehrerbietig mit sich herumtragen: Besser, sagte er, ich lerne nicht lesen, deine Bibel könnte mir am Ende zeigen, dass Vielweiberei Unrecht ist! Dem Unbekehrten nimmt daher die sechste Bitte warnend das Gelübde ab: ich will von meiner Missetat zum Herrn mich bekehren; dem Bekehrten das Gelübde: in aufrichtigem Nahen zu meinem Gott, in täglichem Bekennen und Selbstgericht, in täglich erbetener und reichlich empfangener Vergebung der Sünden durch Christi Blut will ich, los von dem bösen Gewissen, mit wahrhaftigem Herzen meine Erwählung fest machen!
Selig macht die Vergebung der Sünden, aber nicht sicher, sie macht frei aber nicht frech. Kindliche Ehrfurcht und Liebe das zweite Gelübde, das unsere Bitte uns auflegt. Willst du, so sieht uns die sechste Bitte wie ein Freund ins Auge, willst du die Lockspeise unbeachtet lassen, die am Wege liegt, damit nicht aus dem Hinterhalt die Tatsünde wie ein Raubtier auf dich springe und ihre Krallen in dein Herz grabe, auf seiner Fährte zehn andere Tatsünden nach sich ziehend? Willst du dem versuchenden Gedankenspiel, den umnebelnden Gaukelträumen der bösen Lust ausweichen, ehe die Lust empfängt und in der Sünde vollendet den Tod gebiert? Luther sagt: dass Vögel über deinem Kopfe dahinfliegen, kannst du nicht hindern; wohl aber sollst du hindern, dass sie auf deinem Kopfe Nester bauen.
Ein wie kleines Feuer einen wie großen Wald zündet es an! Wer mit der Sünde spielt, wird immer verspielen. Gott lässt sich nicht spotten! Willst du das an sich Gute und rechtmäßig Besessene und wär's der rechte Fuß, willst du das scheinbar Unentbehrliche und wär's die rechte Hand, willst du auch was mit dir verwachsen und was dir lieb ist und wär's das rechte Auge, abtun und opfern mit raschem Entschluss, wenn es zum Ärgernis, zur Verführung, zur Glaubensschwächung, zum Hindernis der Seligkeit dir wird? Willst du dies in Ehrfurcht vor einem Vater, der ins Verborgene sieht und mit Wohlgefallen die kindliche Stimme hört, die da spricht: wie sollt' ich ein so großes Übel tun und wider meinen Gott sündigen? Willst du's in Liebe zu deinem Herrn, der auch die rechte Hand, das rechte Auge, was sage ich, der es sich seinen eingeborenen Sohn hat kosten lassen um deinetwillen? Vergiss nicht, sagt Sirach, wie sauer du deiner Mutter geworden bist. Vergiss nicht, sagt das Kreuz, wie sauer du deinem Heiland geworden bist. Vergiss nicht, sagt die sechste Bitte, das Gelübde liebevoller Ehrfurcht, ehrfurchtsvoller Liebe; nur in solcher Gesinnung bestehst du die drohende Versuchung! Von Liebe gezogen, von Anfechtungen umringt gelobt die Seele: ich will mich mit dir schlagen ans Kreuz und dem absagen, was meinem Fleisch gefällt; was deine Augen hassen, das will ich fliehen und lassen, gefiel es auch der ganzen Welt!
Ist es uns Ernst mit der Bitte: führe uns nicht in Versuchung, so muss es uns auch Ernst sein mit dem Gelübde kindlich demütiger Beachtung der Warnungen aus dem Munde des Herrn. Jede Passionszeit ruft uns das Bild des vermessenen Jüngers zurück, der taub ist für den Warnungsruf: Simon, Simon, Satanas hat euer begehret wie er euch möchte sichten wie der Weizen. O dass er sich warnen ließe, ehe der Hahn kräht, ja dass er sich vor dem Fortschreiten in der Sünde noch warnen ließe, während der Hahn kräht. Trunken und voll von sich selbst wird er erst wach durch den furchtbarsten Fall! Ganz Israel wird gewarnt, - umsonst! Unkindlich, hoffärtig, verachtet es das Locken der Liebe, die ihre Küchlein unter ihre Flügel nehmen möchte vor dem Flug und Stoß des römischen Adlers. Ein Pilatus wird gewarnt. Schon sitzt er auf dem Richtstuhl, als sein Weib flehend und beschwörend ihm sagen lässt: habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute viel erlitten im Traume um seinetwillen. Sind Träume Schäume? Oft genug! Dann aber sind sie mehr als zufällige und willkürliche Eingebungen von Fleisch und Blut, wenn sie aus dem Schlaf der Sünde dich aufschrecken! Kannst du behaupten: als du im Begriffe standest Sünde zu tun, schwere Schuld auf dich zu laden, du seist nicht eben noch gewarnt worden durch einen plötzlich auftauchenden Spruch wie dort Belsazar durch das: „gewogen und zu leicht befunden!“ gewarnt durch einen grade eintreffenden Brief, durch einen im entscheidenden Augenblick eintretenden Freund. Die böse Lust und der böse Feind nennen diesen Zwischenfall Störung, Gottes Engel und dein Gewissen nennen ihn Warnung. Und kenne ich auch deine Lage nicht, nicht die besondere Veranlassung deines Ganges hierher, kann ich auch nicht von der Kanzelbrüstung herab die Hand dir reichen doch kenne ich das Gewebe der Fügungen aus guter Hand, kenne die Tragweite und den Treffer des göttlichen Wortes und dass auch der Dienst dieser Predigt dir eine Warnung, eine Bitte sein soll: schon hat die Uhr zum Schlag der zwölften Stunde ausgehoben, alle Wohltaten und Strafen zusammengerechnet ist die Langmut lange genug auf die Probe gestellt, die Sünde ruht vor der Tür, lass du ihr nicht den Willen! Herr, bin ich's? bin ich's? - wenn ein Nathanael und ein Johannes bei der Ankündigung des Verrats erschreckt so in sich hinein blicken, meinst du zu stehen, siehe zu, dass du nicht schon im Fall begriffen bist, und zögere mit dem Gelübde nicht: ich will mich warnen lassen, so lange es heute heißt, du allein kannst meine Seele aus dem Tode reißen, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten!
Diese Demut ist die Wurzel und das Mark kindlichen Gehorsams. Dort steht der Mann des Gehorsams auf der Zinne des Tempels. Neben ihm der Versucher mit der Berufung auf Engelschuh „bist du Gottes Sohn, so lass dich herab.“ Die einschneidende Antwort im Sinne der sechsten Bitte ist: wiederum steht auch geschrieben, du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen. Nein, weder eigenmächtig herab von der Zinne des Tempels und wäre der augenblickliche Erfolg solcher Zauberfahrt auch noch so groß, noch eigenmächtig von der Zinne des Kreuzes herab und brennte Schmach und Hohn und Schmerz auch noch so heiß! Ruhn oder tun, gehen oder stehen, leben oder sterben - Gehorsam ist die Losung, Gehorsam des Kindes Probe, Gehorsam der sichere Schutz wider alle Versuchung! Der Ort an sich gefährdet dich nicht; so du auf Gottes Befehl durchs Wasser gehst, wird er bei dir sein dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen, und so du nach Gottes Willen durchs Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht anzünden. Der Ort an sich schützt dich nicht; Jesus wird in der Einsamkeit versucht, jener Pharisäer mitten im Tempel zu Hochmut und Heuchelei verleitet. Wohin Gott von Amtswegen dich schicket, dahin geh und wär's wie Naeman in seinem Dienst es musste, hinein in das Haus des Götzen Rimmon, ungefährdet wirst du dort treten auf Ottern und Drachen. Dagegen wohin du nicht betend gehen kannst, dahin geh' überhaupt nicht! Was deines Amtes nicht ist, da lass deinen Fürwitz. Petrus begibt sich unberufener Weise in den Kreis der Knechte und Mägde und wird zum Verleugner. Ist's ein Buch voller Zweifel, das du lesen musst, weil du berufen bist, es zur Bewahrung der Gemeinde zu widerlegen, wisse, du Missionar des Herrn, so du etwas Tödliches trinken willst, soll es dir nicht schaden. Wehe dir dagegen, wenn du mit deiner Lektüre dich geflissentlich und gern niederlässt, wo die Spötter sitzen. Böse Geschwätze verderben gute Sitten und gar Mancher hat sich zu Schanden gelesen! Hierhin, dorthin lenkst du deine Augen, wohl auch den Fuß erst neugierig, dann gierig, mit der verlegen und verlogen gestammelten Entschuldigung, du willst nur deine Menschenkenntnis vermehren, als ob von der Tiefe des tatsächlich durchmessenen Schmutzes die Tiefe der Menschenkenntnis abhinge, als ob du das sündige Herz der Welt nicht genug durchschautest, sobald du die sündige Welt deines Herzens kennst! Es ist eine Zeit ängstlichen Pietismus gewesen „du sollst das nicht essen und du sollst jenes nicht anrühren“ - sie ist gewesen! Die Weltscheu ist gewichen, die Gefahr des heutigen Tages ist: Weltförmigkeit! Zur Einschränkung, zum Wachen, zu jenem Fasten und Beten, vor dem die unsauberen Geister allein weichen, zum Verlassen des Leichtsinnes, der Trägheit, die den heiligen Gott herausfordert, zum Verlassen des geistlichen Müßigganges und Zurücksehens, zum Ergreifen der Zucht treibt die sechste Bitte; sie treibt dahin wo die Quellen unserer Kraft entspringen, in die Schrift, selig die Gottes Wort hören und bewahren, in das Sakrament treibt nach Gethsemane, wo der Sohn Gottes im Staube blutet und so gern dein Gelübde hören möchte: ich will bei meinem Jesu wachen, so schlafen meine Sünden ein! In jener Nacht hat der Hohepriester gebetet: ich bitte nicht, dass du die Meinen von der Welt nimmst, ich bitte nur, dass du sie bewahrest vor dem Bösen. So hat er für uns alle gebetet, die wir zum himmlischen Vater kindlich, die wir untereinander brüderlich stehen, verbunden durch so manches Band, verbunden auch durch das der sechsten Bitte: führe uns nicht in Versuchung. Hier das neue Gelübde:
2.
wir wollen brüderlich wandeln! Genauer: mit Gottes Hilfe wollen wir weder Ärgernis geben noch nehmen, wollen unseren Nächsten nicht richten sondern aufrichten!
Das Vaterunser lädt uns in ein Haus mit Brüdern, dafür ist es eben unser Vaterhaus. Jesus steht in der Tür und spricht zu denen die draußen sind, auf die Gläubigen weisend: wer dieser Geringsten einen, die an mich glauben, ärgert d. h. zur Beute des Argen macht, dem wäre besser dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist. Also eine Wohltat ist dieser Verbrechertod gegen die dem Verführer und Verderber bevorstehende Qual. Brennende, besorgte Liebe zu der zarten, mit blutigem Schweiß bestellten, in der rauen, rohen Welt reifenden Gottessaat spricht sich in jenem flammenden Wort aus. In einer Zeit, wo kräftige Irrtümer für unumstößliche Wahrheiten gelten, als sei z. B. die Bibel verjährt, die Natur an Gottes Stelle getreten, der Unterschied „Gut und Böse“ nur ein fließender, auch Rechte ohne Pflichten denkbar und umso angenehmer: in einer Stadt, wo ein Teil der Presse alles was ehrwürdig ist, hämisch zu besudeln sich nicht scheut, wo Irrlehrer und falsche Propheten dem Unbefestigten Gottes Wort verdächtigen, wo Väter mit Fluchen und Branntwein ihren Kindern den Weg zur Hölle bahnen, wo es Mütter gibt, die ihre Kinder an die Schande verkaufen, wo schandbare Bilder, gemeine Theaterstücke und Tänze giftig wirken, wo Üppigkeit und Pracht nicht daran denkt, dass von ihrem Überfluss viele Arme satt werden könnten, die nun voll Groll scheel sehen - genug der Einzelheiten, das ganze Leben, jeder Ort und der unsere nicht zuletzt ruft das Gelübde hervor: ich will kein Ärgernis geben, auf dass mein Christenamt nicht verlästert werde, welch ein himmelschreiender Widerspruch sonst mit der Bitte: führe uns, uns nicht in Versuchung!
Und ich will ebenso wenig ein Ärgernisnehmen weder an der Bosheit der Feinde meiner Kirche, die mich zu Zorn und Ungeduld, Zweifel und Unglaube versuchen will, noch an der Uneinigkeit der verschiedenen kirchlichen Parteien, die mir leicht das Ganze der christlichen Wahrheit verdächtigen oder verleiden könnte, noch an den Schwachheiten der Kinder Gottes, an denen ich tragende, siebzig mal sieben Mal vergebende Nachsicht und dienende, fußwaschende Liebe zu beweisen und von ihnen eine gleiche zu erbitten habe. Fehler herauszufinden ist sehr leicht, Fehler gar herauszuwittern ist ein Scharfsinn der Bosheit. Wenn Brüder um ihrer Gebrechen willen bei der Welt Spießruten laufen, sollen wir nicht die Klugen spielen oder gar die Verfolgten mitschlagen. Ratten, sagt ein bekanntes Seemannswort, verlassen das Schiff, wenn der Sturm droht. Mehr Brüderlichkeit und weniger Ärgernisnehmen verlangt die sechste Bitte in Gemeinschaft mit dem Jakobuswort: seufzet nicht wider einander, liebe Brüder, auf dass ihr nicht verdammt werdet, siehe der Richter ist vor der Tür. Am wenigsten will ich an diesem Richter, an meinem Heiland selbst ein Ärgernis nehmen, nicht an der scheinbar harten Rede, die er einmischt, nicht an der Knechtsgestalt, in der er seine Kirche regiert, nicht an der Torheit des Kreuzes, die lauter Wahrheit, nicht an des Kreuzes Ärgernis, das lauter Gotteskraft ist. In dieser Nacht, so heißt es, als die Jünger aus dem Abendmahlssaal in das Dunkel hinaustreten, werdet ihr euch alle an mir ärgern. Selig aber, wer sich nicht an mir ärgert!
Fügen wir nun aus der sechsten Bitte das letzte Doppelgelübde der Brüderlichkeit hinzu: die Brüder nicht zu richten, vielmehr aufzurichten!
Das Vaterunser ladet dich in ein Haus mit Brüdern. Von den geborgenen Räumen aus, während es draußen stürmt, ach wie viel verlorene Söhne erblickst du in der Ferne. Um sie zu richten, zu verachten? Davor bewahre dich Gott! Hier ragen die Mauern eines Zuchthauses. Nicht wahr, du bist anders als gewisse andere Leute hinter den Fenstern mit Gittern, hinter den Türen mit Riegeln? Die sechste Bitte sagt dir ins Ohr: dein Name sei unbescholten aber dein Wesen sei Schwachheit und wenn du unerzogen, leidenschaftlich geblieben wärest wie diese, ohne die Gewohnheit des Weges zur Kirche, ohne eindringenden Schul- und Konfirmanden-Unterricht, ohne Kenntnis der Heiligen Schrift, ohne väterliches Segensgeleit, ohne mütterliche Gebetsmitgift, unbewacht und unbewahrt von Haus aus -, wie, wärst du nicht gesunken wie sie?! Nur kein Missverständnis! Verbrecher bleiben Verbrecher und strafbar; grausam ist die Milde, die sie schont um die Rechtschaffenen zu gefährden. Grausam die Milde, die der heutigen Epistel vergisst, die da droht: der Zorn Gottes kommt über die Kinder des Unglaubens und der Finsternis. Die sechste Bitte widerrät der Obrigkeit die Strafe nimmermehr, sie rät nur der Christenheit die Gesinnung brüderlicher Barmherzigkeit an. Ebenso in Bezug auf die Sittenlosigkeit im engeren Sinne. Stadt und Staat, Kirche und Obrigkeit sollten mit ihrem Zeugnis und mit ihrer Tat ganz anders dagegen einschreiten als es geschieht. Tausende von Sklavinnen schimpflichster Lust durchirren unsere Straßen. Ist's wirklich genug, mit Achselzucken, mit Abscheu oder gar mit Verachtung sie dahinfahren lassen? Ich kenne nicht die vier Wände deines Herzens, aber ich kenne den Tempel der sechsten Bitte und den Tempel der heutigen Epistel mit der Überschrift: das sollt ihr wissen, dass kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger Erbe und Teil hat an dem Reiche Gottes und Christi. Wolle nicht barmherziger sein als der liebe Gott selbst und die Sünde geringschätzen! Sei aber auch nicht strenger als die Schrift! Versündige dich weder mit Weichlichkeit noch mit falscher richterlicher Strenge an der Schrift, an deinen Brüdern, an der sechsten Bitte, die dir die Pflicht auflegt, nicht zu richten, sondern aufzurichten!
Wie oft du auch das „uns“ in der sechsten Bitte aussprichst, ich glaube nicht an den Ernst deiner Liebe wenn ich nicht den Ernst deiner Liebesarbeit sehe. Ich kann's nicht glauben, dass du dich im Glauben bewahrst, wenn du ihn nicht durch den Versuch gefallene Brüder zu retten bewährst. Wie kann ich dir glauben, dass dir deine böse Vergangenheit Leid tut, wenn du nicht deine und der dir Anvertrauten Zukunft von neuer Schuld und Versuchung freizuhalten bemüht bist! Noch einmal: die sechste Bitte hängt nicht umsonst mit der fünften zusammen. O denke nur nach: Diesen, Jenen hast du in seinem Unglauben durch deinen weiland Unglauben bestärkt; in Betrug oder Lüge, in Spottsucht oder fleischliches, leichtsinniges Wesen, in Lauheit und Undank gegen Gottes Güte und Gnade hast du eine Reihe von Menschen weiland hineingezogen und verstrickt. Während du ein Anderer geworden bist, treiben jene ratlos in den Wellen, schrecklich, wenn sie an eben den Bleigewichten, an die du sie einst gebunden, zu Grunde gehen, während du am Ufer bist. Und wenn Der und Jener schon aus dem Lande der Lebendigen geschieden wäre, verdorben und gestorben, den du mit auf deinem Gewissen hast, willst du nicht einen Teil der Schuld an Mitlebende abtragen? In christlichen Vereinen sollte man dich sehen mit dem Bestreben gut zu machen, was du verdorben, einzuholen was du versäumt, zu lösen was du gebunden hast. In deinem Kämmerlein sollte Gott auf den Knien dich sehen für die Gestrandeten und für die Gefährdeten: Herr vergib uns unsere Schuld, führe uns nicht in Versuchung. Vor den Eingang deines Hauses solltest du das Gelübde der sechsten Bitte stellen: ich will meine Kinder weder verwöhnen noch erbittern, weder ein Spielzeug in ihnen sehen noch eine Lasst und wenn für einen der Meinen ein Grab zu graben ist, will ich den Dahingeschiedenen weder vergöttern noch vergessen, ich will die mir Gebliebenen aufrichten helfen, aufrecht erhalten im Glauben wo und wie ich kann!
Ja das Können! Ist diese Frage nicht der hinkende Bote hinter all solchen Gelübden? Was jene fromme Sage von einer himmlischen Erscheinung vor Constantins entscheidender Schlacht meldet, über der Glorie eines Lichtkreuzes hoch oben am Firmament sei das Wort sichtbar geworden: in diesem Zeichen wirst du siegen -, du kannst es ohne Bild und Sage an dir erfahren: es ist Passionszeit, Jesus wartet und ihn dürstet, kehre um und werde wie ein Kind! kehre um und bringe deine Brüder mit, bis deine Versuchungen zu Siegen, bis deine Gelübde zu Kränzen geworden sind, zu Kränzen niedergelegt zu den Füßen des Kreuzes, das die Verheißung hat: in diesem Zeichen wirst du siegen!
Amen.