Kögel, Rudolf - Das Vaterunser in elf Predigten ausgelegt - IV. Dritte Bitte.
(Totenfest).
Matth. 6, 10:
Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel!
Als gestern Abend das Totenfest eingeläutet wurde, als über das ganze Land von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt die große Gedächtnisklage anhob um die Tausende, die in diesem Jahre der Krieg und die Cholera und die sonst der Todesengel hingerafft, war es nicht bei dem Geläut, als hörten wir sie rufen die Stimmen stark und zart, Stimmen die wir gekannt und geliebt, war's nicht als begegneten sich in den Lüften die Grüße der Heiligen von oben mit denen nach oben, als senkten sich unsere Klagen zuletzt beruhigt hernieder, und als schwängen die Vollendeten, nachdem sie uns getröstet, sich jubilierend in die Wohnungen des Lichtes zurück?! Doch mächtiger als irgendeine Menschenstimme sprach dazwischen, spricht heut wieder die Stimme dessen, der von den Höhen der Unsterblichkeit in das Tal der Todesschatten fuhr, um gläubigen Menschenkindern durch Gethsemane und Golgatha den Weg zu seines Vaters Wohnungen zu bereiten, der in der dritten Bitte seines Vaterunsers uns eine Stätte zum Ausruhen mitten in der Trübsal und zugleich eine Brücke zur Begegnung mit der oberen Gemeinde, zur seligen Nachfahrt gegeben hat.
Heilige Macht des Vaterunsers an den Särgen und Gräbern - heilige Macht selbst über die Ungläubigen! Anstandshalber haben sie, da sie nun einmal dabeistehen mussten, dem unaustilgbaren Märlein von dem Tod als dem Sold der Sünde, von einer Auferstehung und einem letzten Gericht zugehört; im Stillen haben sie dem Evangelium von Jesu, der unseren Tod auf sich gelegt und überwunden habe, widersprochen da beginnt das Vaterunser, siehe und unwillkürlich senken sie das Haupt und mit der Ehrfurcht, die sie noch eben weit von sich weisen wollten, beten sie auch unsere dritte Bitte! O wenn sie wüssten, was sie beteten, sie würden von dem Sohne, der so beten gelehrt hat, auch all seine übrigen Lehren und Wohltaten willig annehmen!
Liebliche Macht und Gemeinschaft des Vaterunsers an einsamen Gräbern! Wie klein und arm ein Begräbnis vor sich gehen mag ohne Pomp und Gefolge, ohne Trauerchöre und Trauerflöre, und wenn der ganze leidtragende Zug nur aus dem betrübten Vater selbst besteht, der den kleinen Sarg seines geliebten Kindes unter dem Arm in früher Morgenstunde zur Kirchhofspforte trägt wenn er dann an dem frischen Hügel seine Knie beugt und seine Hände faltet, so ist es das Vaterunser des Sohnes Gottes, das die Todesstätte heilig und den Trauernden getrost und aus dem einsamen Beter eine Gemeinde von vieltausend verborgenen Mitbetern im Himmel und auf Erden macht.
Himmel und Erde verbindende Macht des Vaterunsers auf dem Gottesacker! Trauender, du warfst drei Hände voll Erde ins offene Grab, aber nicht bloß die staubige Scholle, auch ein stilles Vaterunser sandtest du mit hinab und wenn du glauben gelernt hast, so ist dir längst aus der dritten Bitte eine Himmelsleiter geworden, auf der die Engel Gottes hinauf und herniederfahren, auf der du nachklimmst in das himmlische Jerusalem.
Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden!
Die dritte Bitte im Vaterunser am Totenfest, sie ist:
1) eine Ruhebank an den Gräbern der Unsrigen,
2) eine Brücke hinauf in die triumphierende Kirche!
Vater unser, der du bist im Himmel, dein Wille geschehe jetzt und immer an uns, in uns, durch uns! Amen.
1.
Ob du dir, du Trauernder, an einem Grabe, das dir teuer ist, eine Ruhebank hast aufstellen lassen, um dann und wann dort zu sitzen und die Stirn in die Hand zu legen und alte Zeiten an dir vorüber und neue Hoffnungen in dich einziehen zu lassen - das weiß ich nicht, aber das weiß ich, dass man nicht Einmal nur im Jahr Totenfest halten, sondern zu den Gräbern häufiger Fuß und Gedanken lenken soll. Das Leben ist so zerstreuend: hier ist der Ort dich zu sammeln, dich auszufragen über das Woher und Wohin deiner Wege. Das Leben ist so laut und lärmend, - hier ist es still und du kannst von fern die Uhr der Ewigkeit schlagen hören. Das bunte Leben lässt so oft heilige Farben erblassen, an der dunklen Wand des Grabes treten sie wieder hell und mahnend hervor. verlorener Sohn, vor deinen Irrfahrten steh doch einmal still an deiner Mutter Grab, ist auch hier keine Umkehr für dich? Geschwister, seit Jahren entzweit, könnt ihr euch nicht am Grabe eures Vaters zusammenfinden, der euch mit der Johannespredigt verließ: Kindlein, liebt euch untereinander! Und du Mann mit dem Mammonsherzen, der mit dem Gefühl auf der Erde umhergeht: was für ein reicher Mann bin ich und was für ein kluger Mann und was für ein angesehener Mann und niemand und nichts auf der Welt kann mir etwas anhaben - Kirchhofserde, sagt man, reibe den Rost ab, der sich so leicht an eine Menschenseele setzt, - spiegle doch einmal nur all deine Hoffarts- und Narrengedanken an deines Kindes Grabe. Und damit ihr Alle wisst, was ihr an den Gräbern zu suchen, zu erbitten, zu geloben habt soll anders euch der Gottesacker ein Acker neuen Lebens werden - sprecht und erwägt: Gott, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden!
Und wie geschieht Gottes Wille bei uns? So fragt der Katechismus und gibt die Antwort: wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, so uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, als da ist des Teufels, der Welt und unsers Fleisches Wille. Wer also die dritte Bitte ernstlich betet, der betet die bösen Lüste und Gewohnheiten, die an die Welt ihn fesseln, entzwei, entzwei die leichtsinnigen Grundsätze, mit denen er sein Treiben zu beschönigen sucht, entzwei die finstern Mächte, die ihn dem Fürsten der Schadenfreude und der Hölle wie ein Schlachttier verkaufen, betet aber auch, sobald er den Willen Gottes, welcher Fleisch, Welt, Teufel brechen und hindern wollte und sollte, selbst freventlich zu brechen und zu hindern fortfährt, sich das Gericht auf Haupt und Hals! Denn dass der halsstarrige Sünder gerichtet werde, das ist der Wille des dreimalheiligen Gottes. Nein, spotte nicht länger, der du die dritte Bitte bisher statt gebetet, verspottet hast, werde ein Mensch nach dem Herzen und Willen Gottes, besuche heute ein Grab, das du lieb hast, und kein drohendes Schafott mehr, sondern eine erquickende Ruhebank sei dir dort der Ruf: Gott, dein Wille geschehe!
Dass Gott uns stärkt - fährt der Katechismus fort - und uns fest in seinem Wort und Glauben erhält, das ist sein gnädiger und guter Wille. In seinem Wort hat uns Gott seinen guten und gnädigen Willen bekannt gemacht, gleichwie er durch sein Wort sein Reich unter uns gegründet hat. Siehe, teure Gemeinde, die du Leid trägst um das Gedächtnis der Deinen, auch das Totenfest liegt wenn schon am Ausgang, doch immer noch innerhalb des Kirchenjahres, innerhalb des Preises der großen Taten Gottes in Christo Jesu, innerhalb des Weihnachtlichtes, das auch die Gräbereinsamkeit mit Gedanken des Friedens weiht, innerhalb des Karfreitagsblutes, das bei dem Herrn die Gnade und viel Erlösung bei ihm finden lässt, innerhalb des Osterjubels, der uns anstimmen lässt: Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland ist im Leben, innerhalb des Pfingstwehens, das die Totengebeine rauschen und uns die drei goldenen Worte in einander fügen lässt: ich glaube die Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben! Was Gott tut, das ist wohlgetan! Er hat sein Wort gegeben und uns nach seinem Willen gezeugt durch das Wort der Wahrheit, auf dass wir wären Erstlinge seiner Kreaturen. Auch in diesem Kirchenjahr hat er unseren Kindern die Taufe, uns Erwachsenen das Abendmahl, uns Betern das Vaterunser und die Bibel dargereicht. Ist durch Wort und Sakrament, ist durch das verborgene Wehen des Heiligen Geistes der gute und gnädige Wille Gottes bei uns durchgedrungen? Ist unser Wille lauterer, Gott geeinter, ist uns die Errettung aus der Verdammnis gewiss, ist unsere Buße tiefer, unsere Liebe reiner unser Glaube stärker, unsere Hoffnung reicher, sind wir in allen Dingen dankbarer geworden? Denn eben das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an uns!
Ein besonders ernstes Kirchenjahr schließt sich, ihr wisst, welche Buß- und Danktage, welche Einzugs- und welche Friedensfeste von uns gefeiert worden sind, gefeiert bald unter dem unheimlichen Pfeil schwirren der Cholera, bald unter dem Donner der Geschütze, bald unter den Tränen Verwaister und Verkrüppelter, doch wohl immer gefeiert unter den Gebeten Vieler, die früher schon gebetet hatten und nun heißer beteten, Mancher, die sonst nicht beteten, allein nun wieder! Sollte nur unser Ruhm dabei gewinnen und nicht unser Herz? Nur unser Land sich ausbreiten und nicht das Reich Gottes? Nur der Lorbeer frischer aus den Gräbern wachsen und nicht die Palme? Zu dem Allgewaltigen, Allweisen, Alleinheiligen, dessen Gericht hier die Weissager toll macht und die Klugen in ihrer Klugheit erhaschet, dort den Rat seiner Boten vollführt wenn sie auf Ihn achten, der die Herzen der Könige und die Geschicke der Völker in seiner Hand hat, der zu den Strömen des Verderbens sprechen kann: versieget, und durch Kores, seinen Hirten und Knecht zu Jerusalem: sei gegründet und zum Tempel: sei gebaut, zu ihm lasst heut und allezeit das Gebet aus aufrichtigem, krumme Wege hassendem Herzen aufsteigen: deine Gedanken sind weiser, deine Wege besser denn unsere, dein Wille geschehe!
Doch was will heut die Geschichte der Völker? Uns ruft die der Familie. Nicht zu einer Völkerwarte, - zu einer Ruhebank wollte die dritte Bitte heut uns werden. Wem ist sie es? Stumpfe Leute gibt es, die Alles wie einen Naturprozess betrachten und wie man etwa vom Wetter sagt: es regnet, es schneit, so haben sie ein hohläugiges, gespensterhaftes „es ist nun einmal so“, - ach jene von den Anhängern Muhameds gerühmte Ruhe, mit der eine Leiche unter der Hand des Totenwäschers unbeweglich still hält. Stumpfheit ist nicht Ergebung, Stumpfheit kann die dritte Bitte nicht beten. Andere sie tragen nicht die von Gott aufgelegte Lasst, sie lassen sich von ihr zermalmen; sie beugen sich nicht, sie wollen lieber gebrochen hinwelken; sie treten nicht nur auf die Dornen, sie wälzen sich darin; in ihrem Grame grollen sie, sie finden eine Art Genugtuung wider Gott zu fragen: womit haben wir das verdient? sie lösen sich so zu sagen in Traurigkeit auf, ihr Leben soll zum Totenmonument, ihr Schmerz eine Art Geschäft, ihr Weinen ein Kultus werden! Was sie hatten, das wissen sie, denn sie haben es verloren; was sie noch haben, das achten sie nicht. Die dritte Bitte ist für sie nicht vorhanden! Hinweg mit einem Totenfest des Fatalismus und der Sentimentalität! Alles kann der Christ verlieren, nur die Freudigkeit nicht, dass der Herr gebe und nehme und nach wie vor der Liebe und des Lobes wert sei. Der Christ bettet seine Toten nicht bloß in den Sand, sondern auch in Gottes Vaterhand und Vaterwillen. Jesus Christus, der vor Gethsemane gebetet hat: deinen Willen, mein Gott, tue ich gern,
Siehe, er bietet auch heute den Schwachen den Reichtum seiner Kraft an, so oft ein neuer Verlust droht und ein alter sich erneuert, fasst er uns bei der Hand und führt uns zu seiner Ruhebank und hilft uns die Hände falten und das Fleisch beschwichtigen mit der Bitte: nicht, was ich mir ersehe, dein Wille der geschehe!
Auf dieser Ruhebank sehe ich mein Leben freilich noch nicht abgeschlossen wie das der entschlafenen Meinen. Was sie mir waren, wie könnt' ich's vergessen? Wie sie es mir wurden, welche Glut, welche Hammerschläge, welche Proben und Anfechtungen sie zu bestehen hatten, bis der gute und gnädige Wille des Erlösers ihr Bild von einer Klarheit zur anderen hindurchgeläutert - ich müsste blind sein, wollte ich nicht Gottes Hand erkennen, und undankbar, wollte ich nicht demselben heiligen Bildner und Erzieher den spröden Stoff meines Innern anvertrauen und täglich prüfen, welches sein guter, wohlgefälliger und vollkommener Wille sei, um mich fertig machen zu lassen zu allen guten Werken und darum seinem Worte gehorchen, seine Züchtigung ehren, seine Fußwaschung annehmen samt der Verheißung: was ich jetzt tue, weißt du nicht, du wirst es aber hernachmals erfahren!
Hernachmals - die dritte Bitte ist nicht bloß eine Ruhebank, ein geduldiges Warten auf das Hernach, sondern
2.
eine Brücke hinauf und hinein in die triumphierende Kirche.
„Wie im Himmel“ also verbürgt uns auch dies Wort des Herrn ein Reich der Vollendung, ein Land der Herrlichkeit, eine Kirche des Triumphes, einen Thronsitz unbeschränkter Gottesoffenbarung, ein himmlisches Jerusalem mit dem Mittler des Neuen Testaments, mit der Menge vieler tausend Engel, mit der Gemeinde der Erstgeborenen und der vollkommenen Gerechten. Da ist keine verstimmte, keine gesprungene Saite, da ist Alles Ein Lied frisch und hell wie gestern so heut und in Ewigkeit. Da ist nicht Frost und Hitze, nur grüne Weide und lauter lebendige Wasserbrunnen und kein verlorenes Schaf mehr. Da ist nicht Leid noch Geschrei noch Tod, weil keine Sünde mehr herrscht. Der Strom des Heiligen Geistes, der die Erlösten ganz und vollkommen mit dem Sohn und dem Vater verbindet, treibt aus dem Holz des Lebens zwölffache Frucht und heilende Blätter, da welkt kein Menschenglück mehr. Lobet den Herrn all seine Heerscharen, die ihr seinen Willen tut! Lobe den Herrn meine Seele und sprich: dein Wille, du Vater, geschehe, wie im Himmel, so lauter und rein und freudig, also auch auf Erden!
Du seufzest bei dieser Schilderung: das Los eines deiner Verstorbenen beunruhigt dich. Nicht sein Hinscheiden so sagst du sei dein Kummer, sondern die Ungewissheit, wohin er gekommen, ob zur Rechten, ob zur Linken! Nimm diesen Trost, aber einen, der von Barmherzigkeit trieft: wirf dein Anliegen auf den Herrn; wo die Sünde mächtig geworden, ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Du willst Näheres wissen, so nimm mit jenem Trost die Mahnung: hättest du bei des Bruders Lebzeiten so um seine Seele gebangt, jedenfalls wärest du besser daran. Willst du heut über den quälenden Gedanken um den Entrissenen die Seelsorge an den Gebliebenen versäumen, versäumen das „so lang es heute heißt“ der Einwirkung auf Andere durch ein einfaches Wort, durch stille Fürbitte, durch treues Vorbild? Gottes Wille geschehe - über diese Brücke führe die Deinen nach oben!
Du dort fragst: an der Seligkeit der Meinen zweifle ich nicht, doch das geht mir nah, ob sie von mir wissen, ob das lang gewohnte Miteinander sich fortsetze oder ob ich die abgehauene Hand bin, die hier liegen bleibt, dem Leibe fortan unbekannt, zu dem sie gehörte, der für sich an seinem Orte fortlebt? Ich sollte, wie unvollkommen auch, in ihre Friedenshütte mich versetzen können und sie, sie müssten den Flug zu mir hernieder tun können. - Die Hölle mag vom Himmel durch eine Kluft geschieden sein, doch Erde und Himmel widersprechen einander nicht. Gibt es doch einen vom Himmel hernieder zum Himmel zurückgefahrenen Menschensohn, der während des Gesprächs mit Nikodemus im Himmel zu weilen versicherte, auf dessen Haupt während seiner Erdenwallfahrt die Engel auf- und niederfuhren, der mit der dritten Bitte die Erde an den Himmel band, so dass hienieden sterbende Knechte den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sahen. Wohlan, was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Du Menschenkind, sollst die Sorge der Deinen droben um dich nicht von der Sorge Jesu, des Königs der Geister und des Bischofs der Seelen, scheiden. Wie Jesus zwischen den beiden Emmausjüngern ging, ist er allezeit das lebendige Band zwischen der triumphierenden und der streitenden Kirche. Sie droben sehen ihn von Angesicht zu Angesicht, wir freilich nur in einem dunklen Wort. Sie feiern das Abendmahl mit lautem Halleluja, wir noch mit dem Kyrie aus der Tiefe. Sie haben das Tor des Todes hinter sich, wir haben es vor uns. Aber wie sie, so sollen auch wir überwinden durch desselben Lammes Blut! Nicht wahr? wie würdest du frohlocken, mit welcher Begier öffnen und lesen, brächte ein zuverlässiger Bote von einem der Deinen dorther einen Brief. Über die Brücke der dritten Bitte naht Jesus selbst als Bringer eines Grußes, der Bruder schreibt dir: Jesus der Gerechte und Auferstandene sei auch dir der Weg, die Wahrheit und das Leben, bekehre dich zu ihm! Hier droben ist Freude über jeden Sünder der Buße tut! Die vier letzten Bitten des Vaterunsers teilen die selig Vorangegangenen nicht mehr mit uns, sie haben ja das Land des täglichen Brotes und der täglichen Schuld und der täglichen Versuchung verlassen, sie sind erlöst von allem Übel. Aber in der Heiligung des Gottes- und Vaters-Namens, in der Freude an dem Kommen des Königreichs Jesu sind sie mit dir eins - wenn anders dein Wandel droben im Himmel, wenn anders im Himmel dein Name angeschrieben ist -, eins mit dir in dem Gebet, in dem du dich fleißig mit ihnen begegnen sollst: dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.
Sicherer kannst du nicht dorthin gelangen, seliger nicht nachfahren, als wenn du auf diese Brücke trittst. Die bricht nicht! Merke aber auch: eine zweite, eine andere Brücke in die triumphierende Kirche außer dem zu deiner Seligkeit offenbarten Rat und Willen Gottes gibt es nicht! Ach, es werden nicht alle, die zur Kirche gehen, in jene Kirche aufgenommen. Nicht alle die hier Totenfeste feiern, werden drüben das Fest der Lebendigen mitbegehen. Es werden nicht alle, die zu Jesu Herr Herr sagen, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun seines Vaters im Himmel. Wer ist mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter? fragt der Herr. Der den Willen des himmlischen Vaters tut, der gehört zur heiligen Familie. Ehrst du, suchst, liebst, verstehst du hienieden die Gemeinde der Heiligen trotz ihrer Gebrechen oder verkennst, verachtest, hassest, verfolgst du sie wohl gar? Wenn nun im heutigen Sonntagsevangelium der Richter sagt: ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränkt; ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget; ich bin nackend gewesen und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht; ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen, wenn er als ihm getan ansehen will, was wir einem der geringsten Brüder tun, ansehen aber auch als ihm nicht getan, was wir einem der geringsten Brüder nicht getan haben: hast du auch in solchen Gliedern, die nicht dein Fleisch und Blut sind, Jesum zu pflegen gesucht, hast du an Stelle deiner von Gottes milder Gärtnerhand in ein sturmloses Land verpflanzten Blume ein Kind aufgenommen, das sonst in der Irre ging, das als Schmerzens-Ersatz für dein Haus bestimmt war, das zu dem geführt werden sollte, der keines dieser Kleinen verloren gehen lassen will?! Genug wer ein Grab und wer das Kreuz und wer die Schrift kennt, der soll nicht ein Denkmal der von oben verhängten Schmerzen nur, sondern auch der nachfolgenden Segnungen, ein Gefäß nicht nur bald erlöschender Erinnerungen sondern ein Werkzeug bleibender Glaubens- und Liebeskräfte, mit einem Worte, er soll ein Kind Gottes werden, das ohne Stolz und ohne Widerstreben, ohne Trägheit und ohne Übereilung in der Freiheit liebenden Gehorsams bis ans Ende die Bitte betet und lebt: Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.
Amen.