Kern, Robert - Predigt am Karfreitag

Kern, Robert - Predigt am Karfreitag

von Dekan Dr. Kern in Sulz.

Leidensgeschichte, 6. Abschnitt.

Sei Du uns gegrüßt, du stiller Tag der Schmerzen, sei uns gegrüßt, du blutige Gestalt am Kreuzesholz auf Golgatha! Ja, du Marterholz, du Zeichen des Fluchs, so grausig und verhasst dem Geist und Sinne dieser Welt, du sollst und musst uns ewig heilig sein, du sollst glänzen und funkeln in unsres Herzens Grund alle Zeit und Stund, du heiliges Kreuz des Gotteslamms samt dem teuren Jesusnamen, der unzertrennlich mit dir zusammengeheftet ist! Meine geliebten Freunde und Brüder! Wir sind hier, um im Geiste miteinander auf Golgatha zu gehen und unsere Andacht zu dem dort in der Mitte stehenden Kreuze mit schmerzdurchdrungenen Herzen zu erneuern, und dieses Kreuz aufs Neue als unser allerteuerstes Heiligtum in unsre Herzen zu schließen. Als eine große Menge sind wir heute versammelt, scharenweise wallend ging es heute die Straßen entlang und die Stufen herauf in dies Gotteshaus, und manche Seele ist da, die man sonst nicht oft im Lauf des Jahres an dieser Stätte findet. Was ist es denn, das heut an diesem Tage vor allen anderen Tagen die Seelen so mächtig zieht und hereinruft? Karfreitag heißt dieser Tag von alters her, und das heißt: Der Tag des Weinens und Wehklagens. Und wenn nun auch kein lautes Jammer- und Klaggeschrei heute die Luft und das Land erfüllt, so ist es doch eine Kunde von großer Traurigkeit und herbem, hartem Herzeleid, die auf diesen Tag von Neuem alle Christenheit durchdringt und an alle Herzen unabweisbar herandringt, wenn sie sich an heiliger Stätte versammeln und sich nicht verstocken und versteinern, es ist die Kunde von der Todesqual des für unsere Sünden geschlachteten Gotteslamms, und wer die vernimmt, muss innerlich in seines Herzens Grunde bitterlich weinen. Warum aber kommt ihr doch in so großer Zahl an diesen Ort, wo diese Kunde ertönt, Alte samt den Jungen, Jünglinge und Jungfrauen, die sonst doch das Weh und Ach nicht lieben? Warum? Ich will es euch sagen, was euch euer Herz ohne Worte sagt: Es ist in all der Traurigkeit des Karfreitags eine wonnige Macht verborgen, die die trauernden Herzen wundersam und geheimnisvoll durchbebt und auch die Fernestehenden heute herbeizieht, das ist die wonnige Macht der alles Denken übersteigenden, alle Welt überwindenden Liebe, die an diesem Tag sich selbst geopfert hat, um unser aller Seelen auf ewig zu erlösen! Diese Liebe zu verkünden und zu preisen ist das Karfreitagswerk des heiligen Gottesgeistes, und diesem Werke mag kein Herz widerstehen, das noch nicht versteinert ist. So lasst uns unsre Herzen ihm willig und begierig öffnen, dass wir mit heiligem Beben und süßem Schmerz erkennen die Liebe am Kreuz,

I. die alles, was sie will, so fest umschlingt,
II. und den Sündern zulieb bis in die Gottesferne sinkt,
III. und alles überwindend durchs Todestor dringt.

Auf, armes Herz, erweitre dich,
Dir soll ein Kleinod werden!
Kein Schatz wie dieser findet sich
Im Himmel und auf Erden!
Weg mit den Schätzen dieser Welt
Und allem, was dem Fleisch gefällt!
Ich hab' ein bess'res funden.
Herr Jesu Christ, mein großes Gut
Ist dein für mich vergoss'nes Blut,
Das Heil in deinen Wunden! 1)

I.

Liebe Mitbrüder! arme Mitsünder! Schaut ihn an, den Mann am Kreuze, bleich und bloß, den sein Lieben hat getrieben bis hier aus des Vaters Schoß! Seine Hände und Füße konnte man durchstechen und durchbrechen, Adern, Fleisch und Sehnen seines Leibes konnte man mit mörderischem Eisen zertrennen, aber nicht zertrennen noch durchbrechen konnte man den Zusammenhang seiner Menschenliebe, das Band, das vom Innersten seines Herzens ausgehend die Welt, ja die ganze Sünderwelt, umfasste. Seine Hände und Füße waren ans Kreuz festgenagelt und konnten nicht mehr ins Menschenleben hineintreten und hineingreifen, die Seele aber, die darin wohnte, streckte sich vom starren Holz des Kreuzes aus nur umso mächtiger und unaufhaltsamer in die ganze elende Menschheit hinein, um sie fest und ganz zu umfassen und sie nimmer, nimmermehr von sich zu lassen. Die Sünder und Frevler selbst, die jene heiligen Arme und Füße an das Kreuz anheften, um sie zu lähmen und zu ertöten, ja sie gerade will er dafür mit den unsichtbaren und niemals erlahmenden Armen seiner Liebe so umfassen und umschlingen, dass selbst des gerechten Gottes Gericht sie ihm nicht entreißen soll. Er bittet ja für sie, dass der Vater ihnen vergebe, weil sie nicht wissen, was sie tun! Diese Bitte ist das Liebesband, womit er sie fest umschlingt und umwindet. Und wer fühlt nicht, wenn sein Herz vom Hinblick auf jene Qual und jene Liebe des Gekreuzigten erwärmt, wer fühlt nicht bei jenen Worten der flehenden Fürbitte auch sich selbst mitbetroffen und mitumfasst? Wer unter uns muss nicht, wenn er sich selbst ein wenig kennt, im Stillen mitbekennen: Auch ich hab' oft wider ihn gefrevelt und wusste nicht, was ich tat. Ich war so gleichgültig gegen seine Schmerzen wie die rohen Knechte, die ihn festnagelten, ach, ich kannte ihn so wenig wie sie! Ich hätte ihn kennen sollen, ich hätte wissen können, was ich tat, als ich ihn roh und mutwillig beleidigte, aber ich kannte ihn doch nicht, ich wusste es doch nicht. Mein Nichtwissen kann mich nicht rechtfertigen, aber seine Fürbitte für die Nichtwissenden ist mein Trost und meine Hoffnung, um seiner Fürbitte willen wage ich zu sprechen: Vater, vergib auch mir, denn ich wusste nicht was ich tat! Auch das ganze tolle und törichte Volk, das von seinen bösen Obersten und von dem Obersten aller Bösen zu wahnsinniger Wut gereizt an seinem Blut und seinen Qualen Gefallen hat, auch dies ganze jüdische Volk ist mit eingeschlossen in jener Bitte und jenem alles umfassenden Liebesband. Denn es ist ja doch trotz allem sein Volk und er ist doch trotz allem der wahre König von Israel, und Pilatus hat Recht mit seiner Aufschrift über dem Kreuz, die er nicht abändern lässt, denn dieser ist wahrhaftig der rechte König der Juden. Er hat zwar ein böses Volk, ein abtrünniges Volk, und er weiß wohl, welche Strafgerichte über dessen Bosheit kommen werden, aber es ist doch das Volk Israel, das Volk der Verheißungen, das Volk, das er zu erlösen gekommen ist, und dies Volk bleibt mit einem ebenso dehnbaren als unzerreißbaren Bande trotz allem Abfall so an ihn gebunden, dass es nie ganz von ihm los werden kann und am Ende unfehlbar noch zu ihm zurückkommen muss, und es wird und muss der Tag einst kommen, da dies Volk an allen Orten und mit allen seinen Scharen noch erkennen wird, wer der ist, in den sie dort gestochen haben.

Mit demselben unzerreißbaren Bande, wie die mörderischen Knechte, hält er dort auch den Schächer fest umschlungen, der sich in seiner Qual mit gläubigem Flehen zu ihm wendet. Es war ein schwerer Verbrecher, er sagt es ja selbst, dass er seine schauerliche Strafe verdient hat, aber eben diesen schweren Verbrecher hält Jesus fest, als eine Beute, die er nimmermehr lassen will und die ihm umso größeren Wert hat, weil es die Erstlingserwerbung für den Preis seines Opferblutes ist. Er verspricht und beschließt, heute noch mit dieser Schächerseele im Paradies zu erscheinen, und wird sich nicht schämen und hat sich nicht geschämt vor der jenseitigen Geisterwelt, gerade mit diesem vom Schandpfahl mitgebrachten Anhang dort zu erscheinen, denn er will in Ewigkeit der Sünderheiland, der Retter der Verlorenen heißen. Ist keine Seele hier, die das zu ihrem Trost bedarf und nach der den Schächer errettenden Liebe schmachtet? Sie wird gewiss nicht vergeblich schmachten!

Doch über den Feinden und Sündern, die er so festhält und an sich zieht, vergisst er nimmermehr die, die ihn lieben, und von Anfang an mit ihm verbunden sind. Wahrhaftig, manchmal möchte sich eine Seele, die den Heiland schon von Jugend auf kennt und liebt, wie von einer Eifersucht angewandelt fühlen, wenn sie sieht, wie die, die sich erst spät und erst nach arger Sündenzeit bekehren, doch von dem Herrn mit so besonders inniger Liebe angenommen und ans Herz gezogen werden. Doch ich glaube nicht, dass Maria und Johannes, als sie dort unter dem Kreuze standen und hörten, was zum Schächer gesagt ward, darum eifersüchtig wurden. Denn wer sich dem Heiland nah verbunden und verwandt weiß, freut sich auch mit ihm von Herzensgrund über das, was ihn freut, freut sich insonderheit herzinnig mit ihm über jedes verlorene Schaf, das er errettet. Aber das Eine wirst du, wenn du ihn kennst und liebst, doch je und je mit Schmerzgefühl empfinden, dass du jetzt noch nicht ganz bei ihm sein darfst, dass du noch immer durch die Schranken des äußeren Daseins von ihm getrennt bist. Doch diesen Schmerz weiß er aufs Mildeste zu lindern, durch die Liebe, die du auch auf Erden von Anderen, die ihn lieben, erfahren und ihnen hinwiederum erzeigen darfst. Durch solche Liebe und Gegenliebe, die er ihnen ins Herz gab, versüßte der Heiland vor seinem Scheiden den Trennungsschmerz seiner Mutter und seines Herzensbruders Johannes. Durch solche Liebe und Gegenliebe versüßt er noch immer den Seelen, die ihm näher verwandt sind, den Schmerz ihres Heimwehs nach ihm und seinem Himmel. Lerne besser darauf achten und pflege es treuer, das himmlische Band, das dich mit treuer Seele im Namen Jesu verbindet!

II.

So hält er mit Liebeswort und Liebesgebet Freunde und Feinde zugleich fest umschlungen und umschlossen und will die Einen so wenig als die Andern seinem Herzen entreißen lassen. Solche Liebe geht zwar über unser Begreifen, doch können wir ahnen, wie ein solches Lieben möglich ist, so lang es aus der Urquelle aller Liebe seine freiströmende Nahrung zieht. Aber wie, wenn die Nahrung aus jener ewigen Quelle nicht mehr strömen sollte? Wenn das arme, zu Tode gequälte Herz sich von der ewigen Liebe selbst verlassen fühlen sollte? Auch soweit musste es noch kommen in jener entsetzlichen Kreuzesqual: Jesus musste sich selbst von Gott, der die Urquelle seiner Liebe war, verlassen fühlen und zwar eben um der Sünden der Sünder willen, die er so fest umschließen und nicht von sich lassen will. Weil er das gewollt hat, muss er es auch leiden, dass er ganz in Gleichheit mit den Sündern hineinkommt, dass er in gleiche Tiefe des Elends und der Gottentfremdung hineinsinkt, wenn auch nur auf kurze Zeit; er muss es in seiner schwersten Leidensstunde bis auf den tiefsten Grund und Boden durchfühlen, was es auf sich hat, die Sünden aller Sünder auf sich zu nehmen und sich unzertrennlich an sie zu binden. Es war ihm in jenen Augenblicken, als müsste er nun darauf verzichten, Gottes Sohn zu sein, weil er es mit den Sündern hielt, als müsste er auf seines Vaters Liebe verzichten, weil er seine Liebe zu den Sündern gewandt hat. Und er verzichtet! er verzichtet in völliger Ergebung auf alles, was ihn von den Sündern unterscheidet, er will nichts Anderes mehr, denn als ein armer Sünder leiden, seufzen, schmachten, sterben! „O Wunderlieb', o Liebesmacht, Du kannst, was nie ein Mensch gedacht, Gott seinen Sohn abdringen!“

Um seiner Sünderliebe willen von der Liebe Gottes, der ewig lebendigen Quelle hinweggerückt, empfindet er einen namenlosen Durst, nicht bloß des Leibes, sondern vielmehr noch der Seele, die nach Liebe dürstet und schmachtet, und ach! kein Engel kommt, ihm Labung aus der ewigen Quelle zu bringen. Nur ein armer sündhafter Mensch läuft hin und tut ihm einen schlechten, fast verächtlichen Liebesdienst, wie man ihn eben einem Schächer und Verbrecher in seiner Qual erweisen mag. Es ist nur Essig, was er zur Labung bekommt, aber es ist doch etwas, nicht bloß für die am Gaumen klebende Zunge, nein, auch für die Seele, die ein klein wenig Liebe auch aus dieser schlechten Labung herausspürt.

III.

Nun aber war es tief genug hinabgegangen, tief genug in die Gottesferne. Ich glaube, es war ein Schauspiel, das die Engel Gottes kaum noch ertragen konnten, den eingeborenen Sohn des ewigen Vaters, der viel höher und heiliger war als sie alle, fern von aller himmlischen Hilfe und Güte verschmachten und an einem Essigschwamm von eines rohen, rauen Knechtes Hand saugen zu sehen!! Länger und tiefer durfte ihn der ewige Gott wahrhaftig nicht hinunterdrücken, und er fühlt, dass jetzt das Äußerste überstanden ist: Der Geist des ewigen Gottes, der von Ewigkeit mit dem Sohne eins ist, nun aber in der Stunde des Gerichts und der Gottesferne nur noch in dumpfer Stille über ihm geschwebt hatte, der durchhaucht und durchleuchtet ihn wieder und gibt ihm das Siegeswort zu sprechen: „Es ist vollbracht!“ Und es war vollbracht! Was war vollbracht? Der Sieg der welterlösenden Liebe über alle Macht und Gewalt der Feindschaft, ja über alle die dunklen, in trauriger Notwendigkeit wurzelnden Gewalten, die den Seelen der Menschen den Eingang zum Himmelreich erschwert und verschlossen hielten. Alle die furchtbaren Forderungen, an die die Begnadigung der Sünderwelt kraft ewiger Gerechtigkeit und Heiligkeit gebunden werden musste, sie waren alle erfüllt, die unendliche Schuld war abbezahlt durch das Herzblut des Gotteslamms, durch das namenlos große Opfer der Liebe, die alles duldete und alles überwand, die eher sich selbst als die armen Sünder von Gott verstoßen ließ! Und so geht nun der siegreiche Welterlöser, den Geist in des auf ewig versöhnten Vaters Hand befehlend, trotz dem Tod, durch den Tod und durchs frei und los gewordene Tor des Todes hinein in die Freiheit, in die Ruhe und Herrlichkeit. Wer ihn kennt, wer ihn im Glauben ergreift und von Herzen sich zu ihm hält, der folgt ihm friedvoll und freudig durch das nicht mehr schreckliche Todestor zu seiner Ruhe und Freiheit und Herrlichkeit. Wer ihn kennt und gläubig zu ihm sich hält, darf mit jedes Tages Ende seinen Geist getrost befehlen in des Vaters Hände und darf sich freuen auf die Stunde, da er es auf ewig tun wird. Wer ihn kennt und sich gläubig zu ihm hält, der weiß im Leben und im Sterben, dass es eine Liebe gibt, die alles, alles überwindet und in ewige Seligkeit verwandelt, er darf, wenn Not und Tod ihn kränken, ins Meer der Liebe sich versenken! Amen.

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