Kamlah, Wilhelm - Der Verkehr zwischen dem erhöhten Heiland und Seiner Gemeinde

Auf Grund eines Vortrags, gehalten auf der ersten Pfingstkonferenz der christlichen Gemeinschaft in der Provinz Sachsen und Anhalt zu Gnadau.

Von Wilhelm Kamlah,
Pastor in Hohendorf - Neugattersleben.

An den Ufern des Lago Maggiore unter Italiens Sonne sah ich Bambus, das Schilfrohr des Südens; und ein Anwohner des Sees, welcher Morgens und Abends an der Staude Messungen angestellt hatte, erklärte: „Der Bambus wächst fast nur des Nachts und dann sehr schnell.“ Es gibt unter den Pflanzen ein mächtiges Wachstum in der Finsternis. Aber auch im Reiche des Geistes bemerken wir eine starke Entwicklung in die Nacht hinein. Wollten wir abmessen, ob die bösen Mächte der Finsternis oder die Kräfte des Lichts sich mehr ausbreiten, so würden wir die Messstange bald trauernd aus der Hand legen. Wie eine dunkle Gewitterwolke ballen sich die Bestrebungen des antichristlichen Geistes in unserer Zeit zusammen. Deshalb hat sich große Verzagtheit vieler Arbeiter des Reiches Gottes bemächtigt. Emil Frommel schreibt: „Ins Große, Ganze und auch ins Blaue hinein wirken, ohne in Geduld die Frucht wachsen zu sehen, gewährt keine Befriedigung. Darum erlahmt auch bei so Vielen der Mut, und die Flamme auflodernder Begeisterung erlischt.“ Diese Worte decken die geheime Betrübnis Vieler auf. Sie arbeiten mit Eifer und möchten, wie es ganz natürlich ist, allmählich einige Frucht ihrer Arbeit sehen, wie jeder andere Arbeiter gewahrt, was er schafft. Aber sie sehen nichts, werden zuletzt mutlos, und der Stab entsinkt im Alter der Hand, die für die Ewigkeit kaum etwas erreicht hat. Nun trösten sich Einige freilich schnell dadurch, dass sie die Anforderungen an christliches Leben niedrig stecken: „Wenn auch Hausandacht, Bibellesen, Gebet, Besuch des Gottesdienstes fehlen, unser Volk weiß doch, dass es evangelisch ist.“ Andere halten jenen Zustand geradezu für den normalen. Sie behaupten, es sei eben das Wesen der unsichtbaren Kirche, dass geistliches Wachstum und Leben ihrer Glieder unsichtbar seien. Es stört die Freudigkeit solcher Leute nicht, wenn die Kirche immer leerer wird. Denn die Unsichtbarkeit der göttlichen Gnadenwirkungen tritt eben auch dadurch hervor. Wieder Andere sprechen sich so aus: „Es ist zu viel verlangt, in unserm Volk nach Leben in Christus zu fragen. Gottesfurcht, Gottvertrauen sind immer noch vorhanden, und das ist wahrlich genug.“ Ja, wenn du mit der Schere das Neue Testament von der Bibel abschneidest, so hast du Raum für die bloße Gottesfurcht, welche Christum nicht kennt. Aber nun sagt der Heiland Joh. 14, 6: „Niemand kommt zum Vater, denn durch Mich.“ Andere sind hoch erhoben, wenn sie an einem Sterbebette einmal Verlangen nach dem Heiland bemerken! Gewiss will es die Barmherzigkeit des HErrn, dass auch unter der Menge toter Namenchristen Einige selig werden. Aber Er ist nicht nur gekommen, dass wir in Ihm sterben, sondern dass wir in Ihm wandeln und leben.

Denn der ist zum Sterben fertig,
Der sich lebend zu Dir hält.

Diese Willigkeit, auf ein machtvolles Wirken des HErrn zu verzichten, dieses bescheidene Maß des Glaubens an des HErrn Kraft ist beklagenswert.

Lasst uns Ernst machen mit dem Glauben an Christi Gegenwart.

Nein, Brüder, solche traurige Unsichtbarkeit geistlichen Lebens will Gott selbst nicht haben, welcher sichtbar geworden ist in Seinem Sohne. „Wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit,“ Joh. 1, 14. „Wer Mich sieht, der sieht den Vater,“ Joh. 14, 9. Jesus „,das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,“ welcher das stellvertretende Opfer für unsere Sünden am Kreuze dargebracht hat, hat sich durch Seine Auferstehung und Himmelfahrt Seiner Gemeinde nicht wieder entzogen. Er ist dazu gen Himmel gefahren, dass Er mit größerer Kraft und dem Geist Gottes dauernd in der Gemeinde gegenwärtig sei. Gleichsam als das Fundament des Kirchen- und Gemeindebaus steht Sein Wort vor der Auffahrt da: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Matth. 28, 20. Die Kirchengeschichte ist die Ausführung dieser gewaltigen Verheißung. Der Heiland steht in lebendigem Verkehr mit Seiner gläubigen Gemeinde auf Erden. Machen wir Ernst mit dem Glauben an Seine Gegenwart! Dieselbe ist nicht flüchtig wie die Anwesenheit des Nebels, sie ist kein Traum, sie ist Wirklichkeit. Freuen wir uns der wahren Gegenwart des Heiligen Geistes und der Macht Dessen, der zur Rechten des Vaters ist, aber dennoch wo Zwei oder Drei in Seinem Namen versammelt sind, mitten unter ihnen ist (Matth. 18, 20), der das Flehen der Seinen hört und ihnen nahe ist als der Erlöser, der HErr und König, der Mittler des Heils und Hohepriester.

Er hat Seine Gegenwart verheißen

Lasst uns in die Heilige Schrift sehen. Eine Fülle von Verheißungen des HErrn stellt Seinen künftigen innigen Verkehr mit den Seinigen nach Seiner Erhöhung in Aussicht. „Ich will euch nicht Waisen lassen; Ich komme zu euch. Es ist noch um ein Kleines, so wird Mich die Welt nicht mehr sehen; ihr aber sollt Mich sehen; denn Ich lebe, und ihr sollt auch leben,“ Joh. 14, 18-19. „Wer Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren.“ (wörtlich: „Ich werde ihm erscheinen.“) Joh. 14, 21. „Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Joh. 14, 23. „Und aber über ein Kleines, so werdet ihr Mich sehen; denn Ich gehe zum Vater,“ Joh. 16, 16. „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll Niemand von euch nehmen,“ Joh. 16, 22.

Er wandelte als Auferstandener mit Seinen Jüngern.

Mit Seiner Auferstehung, welche der Anfang der Erhöhung ist, hat Sein Verkehr mit den Jüngern so wenig aufgehört, dass Er vielmehr schon am ersten Tage den Jüngern und den Frauen erscheint und mit Zweien von den Siebenzig nach Emmaus wandert. Vierzig Tage hindurch werden ihnen Stunden der Gemeinschaft mit dem leibhaftigen Heiland zu Teil. Einer darf seinen Finger in Jesu Nägelmale, seine Hand auf die Speerstichnarbe an der Seite legen. Sie essen mit Ihm Fisch und Honigseim. Sie hören von Ihm über die Zukunft des Reiches. Durch die Himmelfahrt will nun der HErr mit den Gläubigen in einen noch innigeren Verkehr treten. Denn wo die Augen Ihn nicht mehr sehen, die Hände Ihn nicht mehr betasten können, richtet sich der Glaube umso mehr auf Ihn. Und nur mit dem Glauben wird Christus ergriffen.

Sein machtvoller Verkehr mit der Gemeinde nach Pfingsten.

Am Pfingsttage trat dann auch der HErr in einen so machtvollen Verkehr mit der Gemeinde auf mit der Erden, wie nie zuvor. „So Ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch, so Ich aber gehe, will ich Ihn zu euch senden,“ Joh. 16, 7. „Von dem Meinen wird Er's nehmen und euch verkündigen,“ Joh. 16, 14. Das erfüllte sich jetzt. Die ganze Apostelgeschichte ist die Urkunde über den Umgang des Erhöhten mit der Gemeinde. Wie die Evangelien Seine Werke auf Erden, so berichtet sie Sein Wirken vom Himmel her in den ersten 30 bis 33 Jahren. Die Ausgießung des Heiligen Geistes ist durch Ihn geschehen (2, 33). Die Heiligung des Lahmen ist Sein Werk (3, 16). Den Märtyrer Stephanus hat Er aufgenommen (7, 55-60). Den Saulus hat Er bekehrt (Kap. 9). Den Aeneas hat Er gesund gemacht (9, 34). Er hat durch Seine Werkzeuge das Reich über die Grenzen des jüdischen Landes ausgebreitet, so dass Kleinasien, Griechenland, Italien, Spanien, allmählich ganz Europa erobert wurden. Er hat darauf den Eroberungszug über die ganze Erde unternommen und ist gerade jetzt mächtig auf dem Plan mit Seinem Geist und Gaben. Alle heilsamen Bewegungen in der Kirche sind durch Ihn veranlasst,

Er war der eigentliche Reformator in der Reformation, Er richtet Steine und Kalk zu zum Bau der Mauern Zions. Er ist der König des Reichs, denn einstweilen hat der Vater „Ihm Alles unter Seine Füße getan.“ 1. Kor. 15, 27. Auf den Zusammenhang dessen, was Seine Jünger auf Erden vollbringen mit der Macht des Erhöhten, deutet Sein Wort: „Wer an Mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die Ich tue und wird größere denn diese tun; denn Ich gehe zum Vater,“ Joh. 14, 12. „Er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeine,“ Kol. 1, 18. Wir wissen, wie innig der Verkehr zwischen unserm Haupt und unsern Gliedern ist, wie ein Blut Kopf und Hand durchströmt, wie jedes Glied sich nach dem Willen des Hauptes regt. So der Verkehr des erhöhten Heilandes mit Seiner Gemeinde auf Erden. Sie ist mit Ihm durch Sein Blut verbunden, und Sein Wille regiert jedes Glied. Wir lesen ferner Eph. 5, 31. 32: „Um deswillen wird ein Mensch verlassen Vater und Mutter und seinem Weib anhangen, und werden die zwei Ein Fleisch sein. Das Geheimnis ist groß; ich sage aber von Christo und der Gemeine.“ Er mit der Gemeinde vereinigt unter dem Bilde der Ehe. Jemand, der nicht da war, hat noch nie mit einem Andern die Ehe schließen können. Aber der gegenwärtige Heiland steht mit der Gemeinde und jeder einzelnen erkauften Seele in solchem Bunde.

Er ist im Himmel derselbe, der Er auf Erden war.

Jesus ist jetzt ebenso nahbar, wie Er auf Erden war. Er ist in demselben Leibe erhöht, mit dem Er noch am See Genezareth mit den Jüngern das Mahl hielt. Es hat Ihm gefallen, den Namen Jesus mit empor zu nehmen. Er trägt ihn noch jetzt. Wir rufen Ihn noch immer bei diesem Namen an und werden Ihn einst als „Jesus“ sehen. Er trägt ihn in alle Ewigkeit, wie Er Seinen menschlichen, nun verklärten Leib nie wieder ablegt. „Ich bin Jesus, den du verfolgst!“ ruft Er dem schnaubenden Saulus vom Himmel her zu, Ap. Gesch. 9, 5. Er weiß sich verständlich zu machen auch in der Glorie. Er sprach „auf Hebräisch“: Saul, Saul, was verfolgst du Mich? Ap.- Gesch. 26, 12-19. Viele haben die Vorstellung, der HErr sei mit der Erhöhung fern gerückt und lasse Keinen mehr an sich herankommen. Aber sollte der, welcher auf Erden die Freundlichkeit selber war, so dass das blöde Volk sich herantraute, im Himmel diese anziehende Gütigkeit abgelegt haben? Er ladet immer noch die Mühseligen und Beladen zu sich, dass Er sie erquicke. Wenn Er sich sogar Ungläubigen offenbaren kann, denn Paulus glaubte noch nicht auf dem Wege nach Damaskus, und auch seine ungläubige Begleitung hörte die Stimme, Apostelgesch. 9, 7, so hat Er bei den Seinigen offenen Zugang, und der Glaube kennt keine Entfernung. Er ergreift auch den HErrn zur Rechten der Kraft und hat mit Ihm Gemeinschaft.

Sein Verkehr mit dem Apostel Paulus.

Des HErrn Absicht, mit den Seinigen zu verkehren, bemerken wir besonders an dem Apostel Paulus. Derselbe stellt die Erscheinung des erhöhten Christus, welche ihm zu Teil geworden ist, auf eine Linie mit den Erscheinungen des Auferstandenen, indem er 1. Kor. 15, 8 schreibt: „Am letzten nach allen ist Er auch von mir, als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.“ Dazu stimmt 1. Kor. 9, 1: „Hab ich nicht unsern Herrn Jesum Christum gesehen?“ Sein ganzes Leben stellt er unter die Anordnungen des HErrn. Er lässt sich die Wege von Ihm weisen. Der Heiland gibt ihm aber auch besondere Winke, so wenn wir Apostelgesch. 23, 11 lesen: „Aber in der Nacht stand der HErr bei ihm und sprach: Sei getrost, Paulus! denn wie du von Mir zu Jerusalem gezeugt hast, also musst du auch zu Rom zeugen.“ (Vergl. Apostelgesch. 9, 10-16: Der HErr spricht zu Ananias im Gesicht, und 18,9-10 zu Paulus.) In besonderen Offenbarungen hat der erhöhte HErr ihm den Inhalt des Evangeliums, das er verkündigt, mitgeteilt, so dass Paulus sehr wohl unterscheidet, welches eigene Meinung und die des HErrn ist, 1. Kor. 7. 10. 12. Ja, er legt Wert darauf, bekannt zu machen, dass er das Evangelium nicht von Menschen hat, Gal. 1. 2.; z. B. 1, 11. 12: „Ich tue euch aber kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.“

Lasst uns selbst die Gemeinschaft des erhöhten HErrn suchen.

Lasst uns nun selbst die Gemeinschaft des erhöhten HErrn suchen. Auch hier gilt das Wort: „Naht euch zu Gott, so naht Er sich zu euch,“ Jak. 4, 8. Die Voraussetzung dazu ist freilich, dass die Seele zuerst in der Buße zum HErrn gekommen ist und die Gnade des Kreuzestodes an sich erfahren hat. Wie Jesus unter dem Gottesgericht zusammengebrochen ist, weil Er die Sünde der Welt trug, so müssen wir in der Erkenntnis unserer Schuld, für welche der Sohn sterben musste, niedergesunken sein. Zuerst die Besprengung mit dem heiligen, teuren Blute, das los macht von Sünde. Dann folgt die Heiligung durch die Kraft und den Geist des erhöhten Christus, Sein Wohnen im Herzen, die Gemeinschaft mit Ihm im Glauben. Zuerst Christus für uns, dann Christus in uns. Einige begnügen sich, die Rechtfertigung durch den Glauben erlangt zu haben: „Christus für uns“ und dringen nicht in die Heiligung ein. Sie schleppen ihr leidenschaftliches Wesen, Sünde und böse Angewohnheit mit sich herum, welche sie durch die Kraft des erhöhten Christus ablegen könnten. Aber sie genießen nicht diese völlige Erquickung, die von dem Angesicht des HErrn ausgeht (Apostelgesch. 3, 20). Seien wir jedoch überzeugt, dass in der Gemeinschaft mit Christus die fortlaufenden Niederlagen allmählich aufhören und Siege an ihre Stelle treten. Wer nur an den erhöhten Heiland angeschlossen ist und nicht mehr in eigener Kraft lebt, der kommt im inneren Leben vorwärts; denn Bekehrung und Heiligung sind Gnaden des HErrn. Das Geheimnis der Heiligung ist Kraftübertragung von dem Erhöhten.

Du musst ziehen;
Mein Bemühen
Ist zu mangelhaft;
Wo ihr's fehle,
Fühlt die Seele,
Aber Du hast Kraft.

„Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus,“ Phil. 4, 13. „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne,“ 2. Kor. 12, 9. Sterben mit Jesu, dem Gekreuzigten, Leben mit Jesu, dem Auferstandenen und Erhöhten, das ist der Heilsweg. „Ich bin mit Christo gekreuzigt. Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir,“ Gal. 2, 19. 20.

Alle Gaben schenkt Gott durch ihn.

Wir dürfen nicht meinen, irgendetwas von Gott empfangen zu können, das Er nicht durch Christus gäbe. Der Heiland ist der Mittler zwischen Gott und uns, sowohl für die Versöhnung wie für die Heiligung. Unser Gebet kommt vor Gott durch Jesus, und Gott sendet uns Gaben auf demselben Wege. Je mehr wir Christi Eigentum sind, umso mehr Gottes Eigentum. Dem Heiland angehören, das heißt: Gott angehören. Darum immer wieder das Haupterfordernis: „Dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen,“ Epheser 3, 17. „Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur,“ 2. Kor. 5, 17.

Vor Allem den Heiligen Geist.

Unser größtes Anliegen im Gebet muss sein, den Heiligen Geist reichlich zu empfangen, welcher erleuchtet, in alle Wahrheit leitet, Gaben und Kräfte verleiht und uns zu Zeugen Jesu macht. „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein,“ Röm. 8, 9.

Er bewahrt die Erretteten.

Der HErr, „aufgefahren gen Himmel“, ist der Hirte, welcher Seine Herde auf Erden sammelt und bewahrt. Die Bewahrung des Christen ist ein ebenso großes Wunder, wie seine Erweckung. Es geht dem Bekehrten, wie es Jesu ging. Als Er geboren war, trachtete Herodes, Ihn zu töten. So erkennt der Mensch erst, nachdem er zum Glauben gekommen ist, die Größe seiner eignen Sünde und die Macht Satans. Dann traut er nicht umsonst den Armen des HErrn, die ihn allein bewahren können. „Sicher in Jesu Armen.“ Das sind nicht bloß die Arme des „geschichtlichen“ Christus, dessen, der einmal war, sondern dessen, der ist, die Arme, die Er zum Segnen erhob, als Er auffuhr, die am Kreuz durchbohrten Hände, die jetzt noch größere Macht haben, als in der Stunde, in welcher Jesus sprach: „Meine Schafe hören meine Stimme, und Ich kenne sie, und sie folgen Mir; und Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und Niemand wird sie aus Meiner Hand reißen,“ Joh. 10, 27, 28.

Seine Gegenwart auch in Finsternis.

Dem Leben in der Gegenwart des HErrn sind allerdings auch Zeiten beschieden, in denen diese Gegenwart kaum gespürt wird, dagegen die Seele in Anfechtungen gerät und nächtliche Dunkelheit sie umgibt. Dann scheint der ruhige Besitz stillen Friedens dahin zu sein.

„Und doch sind solche Stunden
Ein Segen von dem HErrn.“

Der Herr ist dennoch nahe, auch wenn Er sich eine Zeit lang nicht zu erkennen gibt. Denn wir brauchen nicht immer ein Gefühl von der besonderen Gegenwart des HErrn zu haben. Es ist Gnade, wenn es da ist; aber wo es fehlt, fehlt darum nicht die Nähe des HErrn.

„Wenn ich auch gleich nichts fühle
Von Deiner Macht,
Du führst mich doch zum Ziele,
Auch durch die Nacht.“

Er will, indem Er solche innere Dunkelheiten zulässt, uns die Tiefe unserer völligen Verdorbenheit erkennen lehren, damit wir uns von allem eigenen Wesen lösen und nur auf Ihn uns verlassen. Seine Gnade hält auch in solcher Trübsal den Glauben aufrecht, welcher Ihn allein ergreift. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir,“ Ps. 23, 4.

Seine Gegenwart in allen Dingen unseres Lebens.

Der Christ kann die Gegenwart des HErrn in allen Dingen spüren. Wir haben sie in Wort und Sakrament. Wir brauchen den HErrn aber auch persönlich, und zwar bei Tag und Nacht. Wir dürfen in allen Stücken Seinen Rat erfragen, unser Tun und Lassen unter Sein Regiment stellen. Wir müssen jedes Wort, das wir reden, jeden Weg, den wir gehen, uns von Ihm weisen lassen. Es gibt nichts, wozu Er uns nicht Seine Meinung offenbaren will. In Krankheit rühren wir Seines Kleides Saum an, wie jenes Weib, und gesunden. Darauf arbeiten wir in der Kraft, die Er darreicht.

„Die Seele kriegt den neuen Geist,
Sie glaubt und tut, was Jesus heißt,
Sie sieht Ihn mit Augen an,
Die Gott alleine geben kann.“

Das heißt: in Jesu leben. Das ist der Vorzug, welchen Jünger Jesu vor den Kindern der Welt haben. Diese werden vom eignen Herzen regiert und laufen ohne Führer, ohne Licht, ohne Stab in die ewige Finsternis hinein. Jenen dagegen ist Jesus der Geleitsmann, durch die Zeit in die Ewigkeit hinein. Graf von Zinzendorf stand in fortwährendem Umgang mit dem Heiland. Nicht selten schloss er sich stundenlang ein und beriet mit dem HErrn Alles gründlich durch. Es war, als ob Er neben ihm auf dem Sofa säße. Auf seinen weiten Reisen war Jesus zu Wasser und zu Land bei ihm. Er empfing von dem HErrn oft ein Vorauswissen, so dass er von vornherein Klarheit hatte, wie die Sachen sich gestalten würden. Ich weiß, dass Einige, welchen solcher Umgang mit dem HErrn ein unbetretenes Gebiet ist, denselben für unmöglich halten. Was sie selbst nicht besitzen, erklären sie darum für nicht vorhanden. Schablonenhaft wollen sie Alles in die Enge ihrer Anschauungen einschnüren. Wie Handlanger schleppen sie Steine und Kalk herbei, um sich ihren eigenen Horizont zu vermauern. Was dem Apostel Paulus zugestanden wird, sollte jetzt nicht mehr möglich sein? Als ob der HErr sich änderte: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit,“ Ebr. 13, 8. Wenn Zinzendorf auf seinem Sterbebette sagen konnte: „Habt ihr wohl im Anfang gedacht, dass der Heiland so Vieles tun würde, als wir nun mit Augen sehen? Bei den Heiden habe ich es auf Erstlinge angetragen, und nun geht es in die Tausende. Welch' formidable Karawane steht schon ums Lamm herum aus unserer Ökonomie!“ so haben wir die Ursache dieses mächtigen Erfolges in dem Verkehr des Glaubens zu suchen, welchen Zinzendorf mit dem HErrn beständig hatte. Dr. Warneck schreibt: „Die kleine Brüdergemeinde, welche kaum 30,500 Seelen zählt, hat bis heute verhältnismäßig viel mehr zur Ausbreitung des Reiches Gottes unter den Heiden getan, als irgendeine Kirchenabteilung innerhalb des Protestantismus. Ihre Missionstätigkeit ist ein Unikum in der ganzen christlichen Kirchengeschichte.“ Das erklärt sich aus dem Umgang, in welchem die Brüdergemeinde bis heute mit dem erhöhten Heiland steht. Im Jahre 1794 wurde der Antrag, das Evangelium zu den Heiden zu senden, als gefährlich und abgeschmackt bezeichnet. Heute gilt die Unterlassung der Mission als gefährlich und abgeschmackt. Brüder, die Unterlassung des Umgangs mit dem erhöhten Heiland müssen wir als gefährlich bezeichnen. Lasst uns das geistige Kapital abheben, welches bei dem HErrn deponiert ist für Alle, die zu Ihm kommen.

Samuel Gobat, später Bischof von Jerusalem, schreibt von dem Leben nach seiner Bekehrung: „Das erste Jahr meines neuen inneren Lebens war ein Jahr des Segens und der Freude für meine Seele in der beständigen Gemeinschaft meines Heilandes, so dass ich alle meine zeitlichen und geistlichen Angelegenheiten und Sorgen in Seine treuen Hände legen konnte. Ob zu Hause oder auf dem Felde, bei Tag und bei Nacht fühlte ich, dass Jesus mir nahe sei.“ Wir finden ihn in derselben Gemeinschaft, während er Missionar in Abessinien und darauf Bischof in Jerusalem ist, bis zu seinem Heimgange am 11. Mai 1879 im 81. Jahre seines Lebens. Lasst uns nahe herzutreten zu dem nahen Heiland.

Das Anrufen Jesu

Es fragen nun noch Einige, ob es recht sei, zu dem erhöhten Jesus zu beten. Dass alle Kinder Gottes ihr Gebet vor Gott, den Vater, bringen, ist die Regel und von der Heiligen Schrift gefordert. Nun haben aber gläubige Christen zu allen Zeiten auch den Herrn Jesus angerufen. Ist das biblisch?

Einmal ist es natürlich. Wird der Sünder, welcher von dem Herrn Jesus angenommen ist, nicht diesem Herrn dafür danken? Hat Sein Erbarmen, das alles Denken übersteigt, sich meiner angenommen, ergreift meine Seele Ihn, so ist es nicht denkbar, dass ich nicht auch zu Ihm reden sollte. Ferner: in Ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Alles, was mein Gott gibt, schenkt Er mir durch Ihn. Nur durch Ihn habe ich den Zugang zum Vater. Sollte ich mich nicht auch an Ihn wenden dürfen, weil in Ihm allein Alles vorhanden ist?

Das Gebet zu dem Herrn Jesus ist aber auch biblisch. Er spricht Joh. 14, 13. 14: „Was ihr bitten werdet in Meinem Namen, das will Ich tun, auf dass der Vater geehrt werde in dem Sohne. Was ihr Mich bitten werdet in meinem Namen, das will Ich tun.“ (So wörtlich.) Röm. 10,12 wird Christus genannt „Ein Herr, reich über alle, die ihn anrufen.“ Vgl. V. 13 und 14. 1. Kor. 1, 2 schreibt Paulus „der Gemeine Gottes zu Korinth, den Geheiligten in Christo Jesu, den berufenen Heiligen samt allen denen, die anrufen den Namen unsers Herrn Jesu Christi an allen ihren und unsern Orten.“ 2. Kor. 12, 8. 9 schreibt derselbe: „Dafür ich dreimal den HErrn gefleht habe, dass er von mir wiche; und Er hat zu mir gesagt: Lass dir an Meiner Gnade genügen; denn Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.“ Wir denken ferner an Stephanus, welcher „sah die Herrlichkeit Gottes und Jesum stehen zur Rechten Gottes,“ welcher, indem sie ihn steinigten, anrief: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“ Ap.-Gesch. 7, 55-58. Ananias spricht zu Jesu: „Saulus hat allhie Macht von den Hohenpriestern, zu binden alle, die deinen Namen anrufen,“ Apstg. 9, 14. Die letzten Worte des Neuen Testaments sind eine Bitte zum HErrn: „Amen, ja komm, Herr Jesu!“ als wollte Gott damit der wartenden Gemeinde auf Erden dies Gebet recht auf die Lippen legen, bis Er kommt, Offb. Joh. 22, 20.

Lies dein Gesangbuch durch! Außer den Kreuz- und Trostliedern, welche meist das allgemeine Gottvertrauen zum Inhalt haben, sind wenigstens die Hälfte aller Lieder Gebete zu Jesu. Die Lieder suchen Jesum. Die Gemeinde ist auf Ihn gerichtet. Der Geist Gottes treibt zum Mittler hin, auf dass sie Alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. „Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der Ihn gesandt hat.“ Joh. 5, 23. Darum beten wir:

„Ach, bleib mit Deiner Gnade
Bei uns, Herr Jesu Christ -“

„Herr Jesu Christ, Dich zu uns wend',
Deinen Heiligen Geist Du zu uns send'“

„Jesu, geh' voran
Auf der Lebensbahn,“

„Jesu, hilf siegen, Du Fürste des Lebens,
Sieh', wie die Finsternis dringet herein“

„Drum auch, Jesu, Du alleine \
Sollst mein Ein und Alles sein“

„König Jesu, streite, siege,
Dass Alles bald Dir unterliege,
Was lebt und webt in dieser Welt.“

„Wir loben Dich, wir benedeien Dich, wir beten Dich an, wir preisen Dich, wir sagen Dir Dank um Deiner großen Herrlichkeit willen, Herr Gott, himmlischer König, allmächtiger Vater! Herr, Du eingeborner Sohn, Jesus Christus! Herr Gott, Du Lamm Gottes, Sohn des Vaters, der Du die Sünde der Welt trägst, erbarme Dich unser! Der Du die Sünde der Welt trägst, nimm an unser Gebet! Der Du sitzt zur Rechten des Vaters, erbarme Dich unser, denn Du allein bist heilig, Du allein bist der Herr! Du allein bist der Allerhöchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geiste in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters. Amen. Amen. Amen.“

Jesus Christus, der Erhöhte, will Seine Macht unter uns offenbaren. Wenn Seine Gnadenwirkungen sichtbar werden, lasst uns froh sein. Er will nicht, dass der Glaube und Wandel der Seinigen unter dem Scheffel ein glimmendes Dasein führe, das niemand entdecken kann, sondern dass Sein Licht auf dem Leuchter sei, Matth. 5, 14-16. „Sehet, wie sie einander so lieb haben!“ riefen die Heiden aus, wenn sie das Leben der ersten Christen sahen. Viele von ihnen forschten nach der Kraft, welche sich bei den Christen offenbarte, und fanden ihre Quelle: Jesum. Wenn wir Glauben haben, werden wir selbst erfahren, was Mark. 16, 19. 20 geschrieben steht: „Und der Herr, nachdem Er mit ihnen geredet hatte, ward Er aufgehoben gen Himmel und sitzt zur rechten Hand Gottes. Sie aber gingen aus und predigten an allen Orten, und der HErr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen.“

„Darum hat Ihn auch Gott erhöhet und hat Ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ Phil. 2, 9 - 11.

„Ach, mein Herr Jesu, Dein Nahesein
Bringt großen Frieden ins Herz hinein,
Und Dein Gnadenanblick macht uns so selig,
Dass Leib und Seele darüber fröhlich
Und dankbar wird.

Wir seh'n Dein freundliches Angesicht
Voll Huld und Gnade wohl leiblich nicht,
Aber unsere Seele kann's schon gewahren,
Du kannst Dich fühlbar g'nug offenbaren,
Auch ungeseh'n.“

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