Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 5. Am Himmelfahrtstage.

Der heutige Festtag, meine christlichen Freunde, ist dem Andenken der Himmelfahrt unsers Herrn Jesu Christi geweiht. Wie sollen wir dieses Andenken feiern? Wahrlich nicht, indem wir unsere staunende Aufmerksamkeit wenden auf jenen kurzen Augenblick, wo unser Herr zugleich seine Jünger und seine irdische Laufbahn verließ, auf die Art und Weise, wie es äußerlich geschehen, die wir weder an sich selbst jemals erläutern, noch in welcher wir selbst jemals ihm nachzufolgen hoffen können. Der Glaube würde sehr leicht, ja er könnte. nur sehr verkehrt oder sehr kraftlos sein, der bloß auf die Ansicht oder auf die Erzählung eines solchen Ereignisses seine Stärke, seine Hoffnungen und seine Taten bauen wollte. Nein, meine Freunde, nicht glaubten die Apostel um der äußerlichen Himmelfahrt willen an das himmlische Leben und Walten Jesu Christi; sondern weil sie, obschon in menschlicher Gestalt, sein himmlisches, göttliches Wesen erkannt hatten, weil er ihnen unleugbar erschienen war im irdischen Leibe, und doch über alles gemein menschliche, über alle Schwachheit des Fleisches hoch erhaben, als Sieger über Sünde und Tod, über Teufel und Hölle, darum glaubten sie, er sei, obschon ein Erdenbürger, doch kein Erdensohn, sei vom Himmel gekommen, und gesandt vom Vater, und sei zurückgekehrt in den Himmel des Geistes, und wohne nun beim Vater in göttlicher Herrlichkeit.

Ist es nicht dieses Bild unseres eigenen Wesens, meine Freunde, das wir suchen, schmerzlich suchen, und in uns zugleich finden, und nicht finden? Ja wir glauben an das Gute, denn es ist lebendig in unser Herz geschrieben, und doch verdunkelt Schwachheit aller Art das Licht, und lähmt die Kraft dieses Glaubens. Wir glauben an Gott, denn er ist lebendig in unseren Geist geschrieben, und doch wagt das Herz im Gefühl seiner Dürftigkeit, ja vielleicht seiner Verschuldung, nicht seine Liebe sich zuzueignen. Himmelan zieht uns vieles, ja Alles, manchmal wider Willen, oft auch mit Freuden: aber, wie es heißt im Buche der Weisheit: der sterbliche Leichnam beschwert die Seele, und die irdische Hütte drückt den zerstreuten Sinn; wir sind Erdensöhne, Erdentöchter, und sollen umso sicherer und härter auf die Mutter zurück, je höher wir von ihr uns zu erheben trachten. Wie die Jünger im letzten Augenblick standen, und dem körperlichen, nun verschwindenden Jesus staunend nachsahen, so, meine Freunde, stehen wir vor dem ganzen geistigen Christus, vor dem Menschenalter, welches er auf Erden lebte, und sehen seinem verschwundenen Wesen nach. Nachfolgen konnten ihm jene nicht; sie erblickten den Himmel nicht, den Vater nicht, zu dessen Rechte er aufgestiegen war; sie sahen ihn selbst nicht mehr; aber sie glaubten, er sei, er sei beim Vater, und wo er sei, würden sie einst auch sein. Sollen wir nun staunen, umkehren, und, wie Neugierige pflegen, von dem Unglaublichen weise oder töricht sprechen, bis wir ermüden, oder sollen wir glauben? Ist es dieser, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten? Dieser, oder keiner. Kein Mittelweg, meine Freunde, entweder wir müssen uns behelfen, müssen ertragen den harten Widerspruch des äußern Lebens, den noch härteren im Innern des Gemüts, als menschliches Schicksal, als eiserne Notwendigkeit, müssen vermuten, forschen, zweifeln, streiten, glauben und nicht glauben, oder, wenn eine lebendige Versöhnung, eine lebendige Hilfe vom Vater kommen kann und gekommen ist, so können wir sie nur finden in dem Glauben der Jünger, in dem Glauben an Christus, den Sohn Gottes.

Das ist es, wovon ich heute zu sprechen habe; das letzte, das Hauptstück des seligmachenden Glaubens. Aber wie soll ich davon sprechen? Soll ich herzählen, und erklären, was seit Christo gelehrte Männer zum Beweise seiner göttlichen Sendung und Natur gesagt haben, oder die Worte, in welchen die Kirche vor Zeiten darüber zu sprechen befohlen hat? Das Wissen, heißt es, bläht auf, die Liebe bessert; der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Und wäre das nicht, wie möchte ich, ohne euch zu ermüden und zu verwirren, ja zu erschrecken zum Teil, und von der Wahrheit in Christo für immer zurückzuscheuchen, jene Weisheit auslegen, welche unaufhörlich durch sich selbst an Schwierigkeiten wächst, und in gleichem Grade Zweifel erregt, als sie belehrt? Und was würde ich sagen können, als das, was entweder, als ein hergebrachter und anbefohlener Glaubensbuchstabe, meines Sagens nicht bedürfte, oder etwas, das augenblicklich von den einen als Zweifel, von den andern als Aberglaube verketzert würde? Und wer bin ich anders, als ihr, als die Jünger, ein Erdensohn, welcher nur staunend nachsehen, welcher den Schleier der jenseitigen Welt niemals durchdringen, den Vater niemals mit eigenen Augen schauen, nur durch den Vater an den Sohn, und durch den Sohn an den Vater, glauben, und die Kraft dieses Glaubens empfinden kann?

Nicht als göttliche Geheimnisse kann und will ich euch entdecken, meine Freunde, sondern die Geheimnisse meines Herzens, und aller der Herzen, denen Jesus Christus ein Mittler, ein Versöhner, ein Sohn Gottes, und ein Führer an das ewig liebende Herz des Vaters, geworden ist. Von dem Versöhner will ich sprechen, der mein eigenes Herz versöhnt hat, und täglich versöhnt; von dem himmlischen Freunde stiller Stunden, wie ich ihn erkannt habe in heiliger Betrachtung, wie er meinen eigenen Geist befestigt, mein Herz getröstet, und zum inneren Kampfe mir stets erneuerten Mut gegeben hat. Die ihr ihn kennt und liebt, nicht im Buchstaben, sondern in Kraft des Geistes, ihr möget urteilen, ob mein Erlöser der eurige ist. Die ihr ihn` vielleicht nicht kennt und liebt, obschon ihr das Gute achtet, und Gott kennt o möchte in meinem Wort sein Himmelsglanz euer Herz durchleuchten, und der Glaube in euch beginnen, zu welchem ihr fähig, dessen ihr würdig seid, der Glaube, durch welchen der Gedanke Wahrheit, und das Wollen Tat wird.

So lasst uns im Namen des Sohnes mit Vertrauen zu seinem und unserem Vater beten!

Text. Ev. Joh. 14, 6-12.

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg, und die Wahrheit, und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater. Und von nun an kennt ihr ihn, und habt ihn gesehen. Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater, so genügt uns. Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht? Philippe, wer mich sieht, der sieht den Vater. Wie sprichst Du denn: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, dass Ich im Vater, und der Vater in mir ist? Die Worte, die Ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst. Der Vater aber, der in mir wohnt, derselbige tut die Werke. Glaubt mir, dass Ich im Vater, und der Vater in mir ist; wo nicht, so glaubt mir doch um der Werke willen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die Ich tue, und wird größere, denn diese, tun, denn Ich gehe zum Vater.

Vom himmlischen Vater und seiner ewigen Liebe hatte Jesus gesprochen zu seinen Jüngern; das war das Wort der ewigen und vollkommenen Freude, welches er verkündigte von Anfang, und welches er jetzt, wo ihr Herz so voll Zweifel und Mutlosigkeit war, ihnen aufs neue dringend ans Herz legt. Sie hören es wohl, sie verstehen es auch, sie schenken ihm Beifall; und doch genügt ihnen das fremde Wort, der eigene Gedanke, das eigene Gefühl nicht; zeige uns den Vater, ruft Philippus aus, so genügt uns. Und Jesus erwidert: Philippe, wer mich sieht, sieht den Vater.

Spricht Philippus nicht ganz aus unserer Seele, meine Freunde, und aus der Seele jedes Menschen, welcher jemals Gott als seinen Vater nennen gehört und als solchen gedacht hat? Freilich so lange wir nur hören, wie Kinder hören, da glauben wir leicht, da freuen wir uns so lebendig, dass wir einen so großen, reichen, klugen, nachsichtigen, gütigen, starken Vater haben, dass der König der Könige unser Vater ist. Aber was leicht entsteht, vergeht leicht. Es ist bald ausgesprochen: Vater unser, der du bist im Himmel; aber es dauert lange, eh' die hohen Worte werden, was sie sein sollen, der Lebenslaut und Liebeston unseres innersten Gemüts, und so lange sie das nicht sind, sind sie nur Worte, Schaum bewegter Gedanken. Ja, ich spreche es zuversichtlich aus, meine Freunde, es ist keiner hier, der nicht in Not, Schwachheit und Zwietracht des eigenen Lebens, und des menschlichen Lebens überhaupt, sich unzählige Mal von Gott so weit entfernt gefühlt hätte, als die Erde vom Himmel ist, dem nicht die bitteren Tränen ausgebrochen wären, wenn er nur an den himmlischen Vater dachte, der nicht, sei es für sich, sei es für die leidende Menschheit, sei es in leiblicher Angst und Gefahr, sei es in geistiger Verwirrung und Zerstörung, emporgeschrien hätte gen Himmel um Licht, um Hilfe, um Kraft! Wer aber weint und schreit, der zagt und zweifelt, und hat das nicht, sondern ist ganz und gar in seinem eigenen Gefühl getrennt und entfernt von dem, was er wohl kennt, und so gewaltig begehrt. Da liegt es jedem, wenn nicht auf der Zunge, doch im Herzen; o zeigte sich mir der Vater, so genügte mir.

Ist nun das das natürliche Verlangen jedes menschlichen Herzens, dass Gott sich ihm als Vater zeigen möge; ein Verlangen, welches umso dringender wird, je deutlicher wir uns selbst und Gott, unsere eigene Schwachheit und Unwürdigkeit, und Gottes ewiges Wesen erkennen: so kann wohl kein Wort uns wichtiger erscheinen, als das Wort, worin Jesus Christus diesem Verlangen volle Genüge verheißt, das Wort, welches er Philippo sagt: wer mich sieht, sieht den Vater. Nicht bloß belehren will er sie vom Vater; das hatte er ja immer getan; sie sollen ihn sehen. Er ist der Vater nicht; aber in ihm, in dem Sohne, sollen sie ihn erkennen. Und wie viel höhere Wichtigkeit müssen diese Worte für uns haben, wenn wir erwägen, dass die Jünger Jesu wirklich in der Folge den Vater im Sohne erkannt, und nun, obschon aller Schwachheit des Lebens untertan wie wir, dennoch mit Gott als ihrem eigenen Vater sich innig und ewig verbunden erkannt haben! Das ist es ja, was uns fehlt, und ohne welches unsere Selbsterkenntnis nur zur Selbstpeinigung führt, und die Erkenntnis Gottes ein leerer Schall oder ein Donnerton für uns ist. So lasst uns forschen, ob und wie geschehen sei, und an uns geschehen könne, was Jesus sagt: wer mich sieht, sieht den Vater!

Den Vater selbst können wir nicht sehen, meine Freunde, nicht unmittelbar erkennen; es bleibt von Gott auch als Vater stets wahr, dass er seinem inneren Wesen nach in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen kann. Aber wie er in den Werken sich uns als Schöpfer und Herr offenbart in seiner Kraft, Weisheit und Güte, so dass wir wohl einsehen, diese Kraft, Weisheit und Güte übersteige alle unsere Gedanken, ohne doch jemals daran zweifeln zu können: so ist es wohl auch möglich, dass er sich als Vater unserer Seele in einem solchen Zeugnis seiner Liebe offenbare, dass wir wohl einsehen, diese Liebe übersteige weit alle unsere Gedanken, ohne doch an ihrer Wahrheit zweifeln zu können. Und eben das ist es, was Jesus in sich verheißt. Ein vollkommen genügendes Zeugnis der göttlichen Vaterliebe will und kann er uns gewähren als Sohn Gottes, als Versöhner, als Herr. Denn dadurch bezeugt er uns, dass göttliches Wesen sein kann in der menschlichen Natur, dass selbst in ihrer tiefsten Erniedrigung die menschliche Natur bestimmt und fähig ist, es in sich aufzunehmen, dass es dem, der den Geist Gottes in sich trägt und aufnimmt, nie an Kraft des Sieges mangeln werde.

Einen Sohn Gottes stellte Jesus seinen Jüngern dar, meine Freunde, und können auch wir noch an ihm erkennen, einen Sohn Gottes, der zugleich Menschensohn war. Das Wort ward Fleisch, sagt Johannes, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. O erwartet nicht, geliebte Zuhörer, oder vielmehr fürchtet nicht, dass diese erhabenen Worte mich verleiten werden, wie sie schon zahllose Menschen verleitet haben, nachzugrübeln über die höhere Natur Jesu Christi, und euch in die unfruchtbare Wüste meiner oder fremder Betrachtungen darüber hineinzuführen. Nicht unserer Neugier, sondern unserem heiligsten Bedürfnis, unserer tiefsten Sehnsucht, ist das Evangelium gegeben. Eingebildete Klugheit fragt: was ist ein Sohn Gottes? Kann es einen Sohn Gottes geben? Woran sollen wir ihn erkennen? Woran erkannten ihn die Jünger? Die Antwort liegt deutlich in jedem menschlichen Gemüt und in der Heiligen Schrift. Dass Söhne Gottes wohl gedacht werden können, das bezeugen wir ja alle, die wir uns sehnen, Kinder Gottes zu sein, und uns nach dem Vater umschauen. Es ist ja sein eigner Geist, der in uns treibt, ihn zu erkennen, und seiner Erkenntnis nachzustreben; und niemals können wir ohne die Kraft dieses Geistes ihn Vater nennen, und, wenn sie wahrhaft in uns wohnt, werden wir mit voller Zuversicht Gott als unseren Vater erkennen. Denn nicht die äußere Gestalt macht es aus; das menschliche Antlitz, und der menschliche Leib, macht niemand zum Menschenvater, und zum. Menschensohn; wirst du wohl Vater- oder Mutterfreude und Liebe empfinden zu einem menschlichen Antlitz und Leib, welchem die menschliche Seele fehlt? Ach ,das ist ja der entsetzlichste Schmerz, wenn wir einen Menschen sehen, dessen Leib die edle Menschengestalt hat, und aus welchem doch der menschliche Geist, die Vernunft, die Kraft des Erkennens und des freien Wollens gewichen ist, oder zu sein scheint. Und eben das ist der innere Schmerz, welcher in uns allen wohnt, dass der Torheit und der Sünde in uns und überhaupt im menschlichen Leben so viel ist, dass der göttliche Geist, der allein uns zu Kindern Gottes macht, gleichsam der tierischen Rohheit und Wildheit zu dienen, und der gemeinen List und Eitelkeit zu weichen scheint; so dass wir gar nicht das Herz gewinnen können, uns für mehr als irdische Geschöpfe zu halten, und von unserm Leben mehr zu erwarten, als uns der sparsame Raum der irdischen Natur erlaubt. Wenn aber eben aus dieser Ursache die Menschen niemals wagten den König der Könige mit voller Zuversicht Vater zu nennen, so erkannten sie doch einzelne Menschen als Söhne Gottes, in welchen sich göttliche Kraft nach ihrer Meinung offenbarte. Diese Kraft aber erkannten sie an ihrem Wirken, wie auch Gottes Kraft und Gottheit von uns ja nur wahrgenommen werden kann an seinem Wirken. Und weil jene Menschen voll Geisteskraft doch nur Söhne Gottes sein konnten, und ihre Geistesherrlichkeit nicht hatten aus sich selbst und dem eigenen Willen, sondern allein aus dem väterlichen Willen und Wesen; so waren dem menschlichen Geschlecht von jeher diese Söhne Gottes die vollständigsten Zeugen der göttlichen Kraft und des göttlichen Willens, die eigentlichen unmittelbaren Boten und Diener Gottes, sei es zu bauen oder zu zerstören, zu segnen, oder zu strafen.

So, meine Freunde, begreift auch der schwächste Verstand, was ein Sohn Gottes sei, der nämlich, in welchem sich die Kraft des göttlichen Geistes offenbart, und wie man ihn erkennen könne, nämlich an einem solchen Tun und Leben, aus welchem diese Kraft hervorleuchtet. Und in diesem Sinn heißt auch Jesus Christus ein Sohn Gottes, und auf diese Weise haben ihn seine Jünger dafür erkannt. Und doch ist der Sinn, in welchem sie ihn so nennen, ein ganz andrer als der, in welchem die Heiden berühmte Helden Göttersöhne nannten, und die Heilige Schrift die Engel Kinder Gottes, und irdische Fürsten Söhne Gottes nennt, ja worin überhaupt Menschen im irdischen Dasein der Name Kinder Gottes beigelegt werden kann. Denn Johannes nennt Jesum den eingeborenen Sohn, und Jesus selbst sagt in den Worten unseres Textes: wer mich sieht, sieht den Vater, ja im 6ten Vers ausdrücklich: niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Das setzt denn doch voraus, dass in dem Menschen Jesus die ewige Kraft Gottes, wie in keinem von uns, in einer solchen Vollkommenheit gewohnt habe, welche keinen Zweifel übrig ließ, er sei nicht, wie wir alle von Natur sind, ein Mensch des Fleisches, der dem Geiste Gottes widerstrebt, selbst wenn er ihn erkennt und nur mit Mühe ihm unterworfen werden kann, sondern ein wahrer Sohn Gottes, in welchem der Vater ist, wie er in ihm, so dass er das lebendige Bild, und die unleugbare Offenbarung dessen ist, den unser Geist zu denken vermag, und welcher doch unserm Herzen so fern ist? Wie er das habe sein können, und sei? Ach, meine Freunde, dann müssten wir selbst Gott sein, um das zu wissen, und grade das, dass sie das ergründen wollten, mit demselben Verstande, welcher nicht weiß, wie aus derselben Erde sich die Rofe und das Veilchen bilden, wie auf derselben Erde die Mücke spielt und der Mensch baut, wie in dem eigenen Körper Verstand ist, und sein kann, dass sie das ergründen wollten; das hat das Evangelium der göttlichen Vaterherrlichkeit und Liebe so oft und für so viele zur Torheit und zum Fallstrick. gemacht. Uns muss genügen, dass Jesus der Sohn Gottes war! Und vollkommen deutlich sagt es die Heilige Schrift, woran die Apostel es erkannten, und auch wir es zu erkennen vermögen. Das Wort Gottes wohnte in ihm, der schaffende Geist und Sinn, aus welchem die ganze Welt hervorgegangen ist, worauf sie beruht, durch welchen sie mit Licht und Leben erfüllt ist, ohne welchen sie in Finsternis und Tod versinkt; nicht begehrlich, nicht räuberisch, nicht mit leerem Scheine sich brüstend, nicht mit schnöder Willkür herrschend, wie der Menschengeist, sondern in seiner vollen, ewigen, heiligen Wesenheit und Kraft! In voller Herrlichkeit der Gnade und Wahrheit! Jeder Gedanke in ihm war ewige Wahrheit, jede Gesinnung in ihm göttliche Kraft und Liebe! Hoch wie der Vater über Erd' und Himmel schwebt, und doch Erd' und Himmel mit der Kraft seiner Weisheit und mit der Fülle seines Segens erfüllt, so schwebte er hoch über dem irdischen Leben, über dem menschlichen Geschlecht, und lebte dennoch auf Erden und als Mensch, um mit der Kraft und dem Segen seines göttlichen Geistes die Menschheit zu durchdringen!

So sahen ihn seine Jünger, so erkannten sie das ewige Wort im Fleisch, die Herrlichkeit Gottes in dem Menschen Jesus, den Vater im Sohn! Das genügte ihnen zur vollen Zuversicht des Glaubens, nicht an Gottes Dasein und Wirken, denn das hatten sie längst erkannt, sondern an die ewig unzertrennliche und innige väterliche Gemeinschaft des göttlichen Geistes mit der menschlichen Natur. Sobald ihnen das deutlich geworden war, da bedurften sie keiner Lehre weiter, da trugen sie in sich selbst den Geist der Wahrheit, da hatten sie freien Zugang zum Vater, da beteten sie getrost zum Vater, weil sie wohl wussten, sie würden stets von ihm nehmen, dass ihre Freude vollkommen sei! O selige Erscheinung Gottes auch für uns!

Aber, meine Freunde, wenn wir schon im gewöhnlichen Leben uns beschämt fühlen durch das bloße Bild eines vollkommen einsichtigen und guten Menschen, wie es wohl in unserer eigenen Seele entsteht, wenn es grade die unveränderliche Weisheit und heilige Güte Gottes ist, die uns erschreckt im Gefühl unserer Torheit und Schwachheit, so dass wir uns wohl flehend in den Staub werfen, aber nicht wagen zu Gott mit voller Seelenliebe als Vater aufzublicken, wenn unser Herz darin oft seinen einzigen Trost findet, dass nun einmal der Mensch nicht ohne Torheit und Sünde sei, und wir das, was wir an sich nicht loben, nicht einmal entschuldigen können, doch entschuldigen mit der Fehlerhaftigkeit aller: wie soll uns zu Mut werden, welche Beschämung, welche Bangigkeit muss uns ergreifen, wenn uns ein solcher Mensch erscheint, ein wahrer und ewiger Sohn Gottes? Unser Bruder, unseres gleichen scheint er zu sein; unsere Sinne hat er, unsere Sprache ist auf seinen Lippen; unsere natürliche Schwachheit bindet ihn; wir möchten ihm nahen, und seine Hand ergreifen, und ihn als Genossen und Gehilfen unseres Lebens, unserer Freuden, unserer Sorgen, unserer Geschäfte, unserer Verpflichtungen, aufnehmen. Dieser Mensch ist nicht mehr Mensch, ist nicht mehr Bruder, eben weil er Gottes Sohn ist; nur in scheuer Verehrung können wir vor ihm stehen, vor seiner Weisheit nur verstummen, vor seinem heiligen Gottessinn nur uns selbst verdammen! O, meine Geliebten, wir wissen es ja alle, und möchten wir alle es glauben, dass der, welchen seine Jünger als den eingeborenen Sohn Gottes erkannten, und welcher sich selbst unbedenklich als das Ebenbild, den Gesandten, den Willensvollstrecker und Vertreter Gottes ankündigt, dass der sich nicht darstellte stolz und streng als Richter, sondern mild und freundlich als Seligmacher; dass er sich des Menschen Sohn nannte, und als Mensch unter Menschen lebte, damit die Menschen in ihm die Kraft erhielten, sich selbst als Gottes Kinder zu erkennen, und es in stets höherem Sinn zu werden; dass er selbst den Zweck seines irdischen Lebens also ausspricht Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren würden, sondern das ewige Leben hätten! Nicht um mit seinem Vater zu prahlen vor den zagenden Jüngern, sprach er ja wer mich sieht, sieht den Vater - sondern dass sie, die noch furchtsamen, bebenden Säuglinge der Vaterliebe Gottes, in seinem Vater auch ihren und aller Menschen Vater erkennen sollten. Er, der einzige, vor welchem den Sündern alle Vorwände ausgehen, womit sie etwa gegen andere Menschen sich entschuldigen, oder verbergen, oder ihnen trotzen möchten, er ist es, der sich ihnen mit der innigsten Freundlichkeit naht, und ihnen nicht Verdammung, sondern Vergebung und Liebe ankündigt. Er, der versucht ward in allem, was täglich menschliche Herzen verführt zu Schande und Unglück, und in allem überwand, er verhöhnt die Gefallenen nicht, vielmehr eilt er zu ihnen hin, sie aufzuheben, zu trösten, und mit neuer Kraft zu erfüllen. Niemand stößt er zurück, der sich ihm naht; über niemand spricht er das Urteil der Verwerfung; Helfer, Versöhner zu sein, die Sünder zur Buße zu führen, die Verirrten zurückzubringen, den Feind der Seelen und des Seelenheils, die innerliche Lüge und Zwietracht, zu bannen aus menschlichen Herzen, zu verklären den Vater in seiner Liebe auf Erden; das allein ist sein Werk, seine Speise, seine Freude, seine Ehre und Herrlichkeit. So spricht er zu den Schwachen, wie eine liebende Mutter im Kindeswort zu dem keimenden Geist des Kindes; so, wandelt er unter den Menschen in freundlicher Teilnahme, wie ein wahrhaft väterlicher König brüderlich verkehrt mit dem ärmsten Bewohner der Hütte; so trägt er ihre Torheit und Verkehrtheit, ihre Unverständigkeit und Begehrlichkeit; ja so dient er, so unterwirft er sich ihnen, lässt sich beschimpfen, misshandeln, schlagen, töten, von ihrer wahnsinnigen Erbitterung; nicht dass der Fluch über sie komme, den Sohn Gottes getötet zu haben, hat er ja selbst am Kreuze gebetet für seine Mörder nein, dass sie und alle Menschen glauben an seine heilige Liebe bis zum Tode, dass sie umso tiefer in sich gehen, ihre Verkehrtheit umso schmerzlicher bereuen, um so freudiger hoffen, weil sie die Liebe des Vaters erkennen in der Liebe des Sohnes.

Ja, meine Freunde, wenn uns alle Menschen verachten und verdammen, wenn unser eigenes Herz in innerer Beschämung vergeht, wenn wir die Augen wohl nicht wagen aufzuheben vor schwachen Menschen, geschweige vor Gott: der Sohn Gottes am Kreuz spricht das Wort der Versöhnung aus im Namen des Vaters als ein einiges und ewiges für alle Menschen; sein Name ist der Name menschlichen Heils; der Vater ist in ihm erschienen, hat aus seinem Munde gesprochen, hat aus seinem Leben und Tode geredet in der Fülle seiner Barmherzigkeit; und wer ihn sieht, der sieht den Vater, der des eingeborenen Sohnes Gottes und des sündlichen, verzagten, sich selbst verdammenden Menschen Vater wahrhaft und zugleich ist.

So, meine Freunde, so hatte sich Jesus den Jüngern gezeigt, voll Gnade und Wahrheit, voll göttlicher Geisteskraft und Hoheit, und dennoch lauter Erbarmen und Liebe, berufen und gesandt, den Sündern Vergebung und ewiges Leben im Namen des Vaters zu verkünden; darum sagt er auch nicht: ihr werdet den Vater in mir sehen, sondern: ihr habt ihn gesehen, ihr seht ihn in mir. Genügen konnte das den Jüngern, und doch zeigt das Wort Philippi, dass es ihnen nicht genügte. Und auch uns, geliebte Zuhörer, auch uns genügt der göttliche Sinn und die göttliche Barmherzigkeit in Menschenwort und Leben nicht, um uns mit der unwandelbaren Zuversicht zu erfüllen, dass der Mensch nicht bloß ein Geschöpf Gottes, sondern ein ewig geliebtes und gesegnetes Kind des himmlischen Vaters sei; wir wollen den Vater in seiner Macht aufstehen sehen für seine Kinder; er soll die Bande brechen, die uns drücken, die Feinde zerschmettern, die uns ängstigen; er soll es zeigen, dass er nicht bloß erlösen wolle, dass er es auch könne. Ist ja doch das tägliche Gebet der Menschen keineswegs um Weisheit, oder um Geduld und Sanftmut; ist es doch das tägliche Geschrei um Hilfe, womit sie den himmlischen Vater angehen! Das ist der Sinn unseres törichten, schwachen Herzens; ein kindischer Sinn fürwahr mehr, als ein kindlicher; aber er ist doch da, und hemmet die Freudigkeit des Glaubens. Und seht, auch diesem kindischen Sinn, der durchaus will, der Vater solle zeigen die Macht, womit er der Schwachheit seiner Kinder helfen kann und will, auch diesem kindischen Sinn, wie ihn die Jünger damals hatten, und wir alle wenigstens manchmal haben, hat der Vater genügt, indem er den eingeborenen Sohn als Herrn gezeigt hat über alle Feinde des Lebens an Leib und Seele. Kein kindischer Vater ist Gott, aber ein nachsichtiger, milder Vater; nicht umgekehrt hat er die menschliche Natur, nicht weggenommen die Schwachheit des Leibes, die zerstörende Gewalt der Leidenschaften, die Hemmende Gewalt der irdischen Natur, die vernichtende Gewalt des Todes, alle die aus weisem Rat unserem Leben zugegebenen Mittel der Läuterung und Zucht: selbst den Eingebornen hat er durchwandeln lassen den ganzen mühevollen Gang des Lebens, ausleeren lassen den ganzen bitteren Kelch des Leidens und des Todes. Aber wie er in des Sohnes Geist sein väterliches Wesen, in des Sohnes Liebe seine väterliche Gesinnung bezeugt hat, so auch in des Sohnes Verherrlichung seine helfende und erhöhende Kraft, als Vater. Nicht als ein Diener zwar, weder des irdischen Lebens, noch der menschlichen Willkür, vielmehr als ein geborener Herrscher und König über Kräfte der Natur und menschliches Tun, ist Jesus Christus erschienen, vom Anfang an seines Amtes, als ein solcher Herr, wie der Sohn stets sein kann und sein wird im Reich des Vaters, wenn er den unwandelbaren Geist und Willen des Vaters in sich trägt. Vor ihm flieht der Versucher; ihm dienten die Engel; sein Wort erweckt die Trägen, die Toten am Geist; die Gewalt seiner Rede erschüttert die Seelen; an ihm richtet sich die Hoffnung auf; vor ihm erbebt die Heuchelei, verstummt der Betrug; an seiner Geisteshohheit und Stärke allein hält sich der Glaube seiner Jünger; freien Entschlusses übergibt er seinen Leib der rohen Wut seiner Feinde; und in der tiefsten Erniedrigung und Schmach, die einen Menschen treffen kann, strahlt er hindurch in seiner Gewalt als König der Wahrheit, dass sein Anblick den Feinden Entsetzen, sein Wort dem hochmütigen und ungerechten Richter verlegenes Erstaunen, sein Blick dem schwachen und treulosen Freunde die tiefste Zerknirschung, sein Andenken dem Verräter Verzweiflung bringt. Es gibt eine Gewalt der Seele, meine Freunde, eine Gewalt der Seele, die Erd' und Hölle nicht beugen kann, und sie war in Christo in voller Herrlichkeit. Und dennoch schmerzt die äußere Schmach und Knechtschaft einer solchen Seele, die rohe Misshandlung, der grässliche äußere Triumph der Lüge und der Bosheit, die äußere Abhängigkeit eines göttlichen Sinnes von dem Hauch, welcher Leben heißt, das alles schmerzt umso tiefer, je inniger die Verehrung gegen den, welcher solches erduldet. Es ist eine Stimme der Wahrheit im Menschenherzen, die sich nicht zum Schweigen bringen lässt, dass dem wahrhaft guten Geist, der heiligen Stärke, auch das äußere Leben und die äußere Herrschaft gebühre. Die Schmach des Guten, die äußere Zerstörung des Heiligen, treibt freilich das empörte Gemüt, den König der Könige um sein Recht anzurufen, zieht freilich die erwartende Seele durch den Glauben an dieses Recht mit Sehnsucht in ein andres Leben, eine höhere Welt, wo Gottes Gerechtigkeit wohnt: aber ein so erregtes Hoffen vermag den Schmerz nicht zu heben, den Mut nicht zu stärken. Zu Gott, den der Gemarterte und Getötete so oft ihnen als Vater genannt, hoben wohl auch die Jünger mit blutender Seele die Hände auf: aber doch flohen, doch trauerten, doch zagten sie, und versammelten sich heimlich, und beteten bei verschlossenen Türen, aus Furcht vor den Juden. Da vollendet der Vater den Sieg des Geistes in der Kraft des äußern sichtbaren Lebens; da offenbart er am eingeborenen Sohne, wie es ihm nie an Mitteln fehle, seine wahren Kinder selbst gegen eine Welt voll Feinde zu erhalten und zu verherrlichen; da entreißt er ihn dem dunkeln Reiche des Todes, und stellt ihn nicht bloß als König der Wahrheit, stellt ihn als König des Lebens, als ewig herrschend noch einmal vor ihre Augen. Einen Blick haben sie getan in die überirdische Welt; auf Erden haben sie die Kraft des Himmels erkannt; sie haben den Vater gesehen im Sohn, und in dem Sohne sich selbst als Kinder; das genügt ihnen; sie fragen nicht mehr, sie glauben; Heiliger Geist, Geist der herrschenden Gotteskraft ist in ihnen; als Helden Gottes, der ewigen Wahrheit, der heiligen Stärke, der seligen Zuversicht gehen sie in die Welt, und das Reich Gottes, eine schreckende Gewalt der Bösen, die Zuflucht und Stärke der Guten, die Schule des ewigen Lebens, entsteht um nie zu vergehen, durch ihre Predigt von Jesu, dem Sohne Gottes, den Menschen töteten, den Gott auferweckte als den ewigen Zeugen seiner Wahrheit und Gnade.

Also, meine Freunde, sahen die Jünger Jesu den Vater im Sohn zu seiner Zeit, und waren stark und selig in Gott von der Zeit an. Denn es blieb freilich das irdische Leben für sie, wie es für uns alle ist, eine ungewisse, mühevolle, nicht bloß der Macht der Natur, auch dem Mutwillen und der Bosheit unterworfene, endlich in Grauen der Verwesung sich verlierende Laufbahn. Aber sie hatten erkannt, dass göttlicher Geist sich verbinden kann mit der menschlichen Natur, dass selbst in der tiefsten Erniedrigung der menschliche Geist durch Gottes Liebe noch fähig und bestimmt ist, jenen Geist in sich aufzunehmen, und dass, wo und wenn nur dieser Gottes Geist im Herzen aufgenommen ist und vollkräftig wohnt und wirkt, der Herr des Lebens seine Kinder aller äußeren Not entreißen und ewig verherrlichen könne und werde. Des war ihnen Jesus Christus Zeuge, und in diesem Zeugnis, von Gott gegeben, wurde er ihnen nicht bloß Freund und Lehrer, wie er im menschlichen Leibe gewesen, sondern Erlöser, 'Versöhner, Mittler, Vertreter bei Gott, Vorbild und Bürge der eigenen ewigen Herrlichkeit! Lasst uns nun erinnern, geliebte Freunde, der Fragen, welche aus der Betrachtung entsprangen, dass die Erkenntnis Gottes, wie sie der menschliche Geist aus seinem eigenen Bilde schöpft, obschon an sich so hochbegeisternd, doch dem Verstande oft so schwer fällt festzuhalten, und im Gefühl des Lebens, seiner Verirrungen und Prüfungen, dem Herzen oft so wenig Kraft gewährt. Gibt es, so fragte ich in eure Seele, gibt es denn keine Offenbarung, als den strengen schweigenden Ernst der Natur, und die bodenlose Tiefe des Geistes? Hat sich Gott nirgend dargestellt, deutlich und lebendig, wie ihn unsere bessere Hälfte zu nennen so heiß verlangt, wie ihn unsere schlechtere Hälfte zu nennen so wenig vermag, als Vater? Ist kein Zugang zu dem Unzugänglichen? Keine Gemeinschaft mit dem, welchen kein Auge sieht? Keine irdische Spur von ihm, wo er in Geist und Leib zugleich, im ganzen, ungeteilten Leben so waltet, dass der Geist sein Bild, und das Herz seine Stärke in ihm findet?

Diese Fragen, geliebte Freunde, haben ganz gleichen Sinn mit der Forderung Philippi: zeige uns den Vater, so genügt uns. Jesus erwidert nur: wer mich sieht, sieht den Vater. Und die Jünger erkannten ihn endlich wirklich so, sahen den Vater in ihm, und fanden, was ihnen durch und durch genügte. Auch uns ist hier gegeben, was wir suchen. Wie wir ihn gern nennen möchten, und doch in dem Gefühl dessen, was wir sind, nicht zu nennen wagen, Vater, so hat sich Gott deutlich und lebendig dargestellt im eingeborenen Sohne. Der himmlische Mensch ist erschienen, der Gestalt nach irdisch und ein Knecht, dem Geiste nach ewig und Herr. In seinem, in Jesu Christi Leben, verschwindet die Zwietracht zwischen Geist und Leib, in welcher sich unser Gemüt quält, und Gottes Vaterkraft waltet in ihm von der Geburt bis zur letzten Verklärung so ganz und ungeteilt, dass unser Geist sein Bild, und unser Herz seine Stärke in ihm findet. Und das alles nicht, wie ein wunderbarer Zufall etwa eintritt ins Leben; nein, eine Offenbarung des Vaters für uns soll es sein; nicht zu seiner Ehre oder Lust ist der Sohn Gottes als Mensch erschienen, sondern damit wir Menschen den Mut fassten, Gottes Kinder zu werden; den Zugang zu Gott, die Gemeinschaft mit Gott will er uns eröffnen; ein Erlöser, ein Versöhner, ein Mittler zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Tod und Leben, zwischen Sinn und Vernunft, zwischen Menschheit und Gottheit soll und will er sein. Das ist die Lehre der Heiligen Schrift von Jesu, dem Sohne Gottes, dem Versöhner und Heiland der Menschen. Also, meine Freunde, habe ich sie darin gefunden, nicht mit Schulweisheit, die nur zu oft sich bläht und selbst verführt in eitlem Vorwitz, sondern weil ich darin suchte mit dem Sinn der Wahrheit, und dem Willen eines oft schwachen, aber redlichen Herzens. Ich wollte das Gute, und doch konnte ich der beschämenden und betrübenden Gewalt des Bösen nicht entfliehen; ich erkannte Gott, wie er sein blitzendes Bild geprägt hat in die Vernunft, auch in die meinige, und doch wollte der Glaube nicht haften und wirken in dem bewegten Gemüt. Da habe ich in Christo das Bild und die lebendige Bürgschaft der Einigung dessen, was geistig entzweit ist im Leben, den wahren und genügenden Versöhner für jedes Gefühl der Furcht, der Scham, der Traurigkeit und des Kleinmuts gefunden. Viel Herrliches und Großes ist zu allen Zeiten hervorgegangen aus dem menschlichen Leben; sollte denn der Geist, welchen Gott seinen Kindern gegeben hat, nicht auch in Schwachheit und Gebundenheit Zeugnis geben vom Vater? Das habe ich wohl erkannt, und mit Freuden in der Vorzeit und in der jetzigen Zeit, in der Ferne und in der Nähe, menschliche Geisteskraft und Tugend geehrt. Aber in so mancher Stunde, wo der Geist ermattete in sich selbst, bei so mancher Erfahrung, wo das, was herrlich und gut schien in der Ferne, zu dürftiger Gemeinheit herabsank in der Nähe, wenn die Seele überall nur Halbes und Mangelhaftes wahrnahm, und gleichsam zusammenbrach in dem Gedanken, es sei auch das menschliche Sein nur ein vorübergehendes Spiel irdischer Naturkräfte und Triebe, da habe ich meine Augen erhoben, und wie Gottes Sonne dem Auge, so hat die Wahrheit in Christo mir die Gewissheit verkündet, dass eine Kraft Gottes, ein Heiliger Geist sei und sein könne und solle im Erdenmenschen, und das Licht des ewigen Lebens hat wieder geleuchtet in meine Seele. Nie habe ich mit dem Herzen, welches Gott selbst mit Vatergefühl gesegnet hat, zweifeln können, ein Vaterherz sei in dem, welches das Vater und Mutterherz schuf; und es werde auch der ewige Vater die Schwachheit tragen an mir und andern, und mit gleicher Liebe in Strafe und Wohltat die Kindesseele pflegen und erziehen. Aber in so mancher Stunde, wo mir der Vater dennoch verschwinden wollte, wo ich tiefbeschämt zu Boden sank vor meinem eigenen Bewusstsein, oder auch wo ich erwog, wie so leichtsinnig, so roh, so wild, so boshaft sogar, die größere Menge sich der Luft und Leidenschaft hingibt, wie das Laster heimlich brennt und wütet in allen Ständen, wie überall der Schein des Guten gesucht, das wirklich. Gute gescheut, verspottet, nicht selten gehasst, und geflissentlich zerstört wird: da habe ich bedacht, dass der Gottesmensch, der heilige Sohn Gottes, nur darum sprach und lebte, ja den schimpflichen Tod starb, um die Sünder aufzurichten zum Glauben an die väterliche Barmherzigkeit, und mein versöhntes Herz hat in seiner Liebe die Gewährung der Liebe gefunden, welche hinreicht, alle Sünde zu tilgen, und alles zu erneuern zu seiner Zeit. Und so habe ich endlich nie gezweifelt an Gottes gewaltiger, (weiser und heiliger Herrschaft, und sein königliches Wesen oft mit Ehrerbietung und Freude erkannt in seinen Werken und Taten. Aber in so mancher Stunde, wo mir nur die finstere Macht eines geistlosen Schicksals, oder die entsetzliche Gewalt zerstörender Leidenschaft erschien, im Gefühl der eigenen Not, bei dem Anblick äußerer Zerstörung, bei dem Unglück teurer Freunde, bei dem Sterbebette guter Menschen, bei den trostlosen Klagen der Hinterlassenen, bei dem Elend niedergedrückter Völker, bei dem öffentlichen und prahlenden Siege der Ungerechtigkeit, bei der Jahres langen Trauer meines beraubten, entehrten und verknechteten Vaterlandes, bei der entsetzlichen Vernichtung, welcher in dieser unserer Zeit ein Christliches, in dem Verdienst seiner Väter unsterbliches Volk hingegeben wird durch die Gleichgültigkeit seiner Brüder, und die barbarische Wut seiner Feinde - ja, meine Freunde, wenn mir ein göttliches Herrschen, wie es in meinen Gedanken lag, aus dem Leben zu verschwinden schien, da blickte ich auf den königlichen Siegergang, welchen der Vater einst den eingeborenen Sohn voll Gnade und Wahrheit hat wandeln lassen vor den Augen der Seinen, welchen der Sohn nun in der Herrlichkeit seines Namens fortwandelt von Geschlecht zu Geschlecht, und mein Zweifel verstummte, meine Furcht verschwand, meine Frage war gelöst, denn ich hatte den Vater erkannt im Sohne, und mich und die Menschheit in beiden.

Und, wenn ihr bedürft, was ich bedarf, wenn ihr euch nicht erwehren könnt, oft mit Philippus auszurufen, zeige uns den Vater, so genügt uns: o möchtet ihr finden, was ich gefunden habe, meine Freunde, und was Jesus Philippo darbietet; möchtet ihr den Vater im Sohne sehen, und in dem Sohne mit voller Zuversicht des Glaubens das Bild, den Trost und den Mut eures wahren, eures Seelenlebens finden! Amen!

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