Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 3. Am Bußtage.
Der heutige Tag, meine christlichen Freunde, heißt Bußtag. Was bedeutet dieser Name? Buße ist in den Augen vieler ein hartes, und eben darum ein anstößiges Wort. Sie denken sich dabei ein Bekenntnis großer und schwerer Frevel, ein in seiner Schande und seinem Elend tiefbekümmertes Gemüt, eine mit den Zeichen des bittersten Schmerzes begleitete Demütigung vor dem richtenden Gott. Sind, so fragen sie dann ganz richtig, sind alle Menschen, sind wir in diesem Sinne Sünder? Kann man an einem bestimmten Lage im Jahr Buße tun, wie man eine Rechnung zu einer bestimmten Zeit berichtigt? soll und kann die Sünde, wo sie ist, so lange geduldet und nicht erkannt werden, bis der öffentliche Tag der Buße kommt, soll sie nicht vielmehr stets und auf der Stelle erkannt und bereut werden? und wo sie nicht ist, wo ein besserer Wille die Seele beherrscht, heißt es da nicht tote und heuchlerische Gebärden fordern, wenn man dennoch an dem sogenannten Bußtage die Zeichen der Buße fordert?
So scheint es, meine christlichen Freunde, und gäbe es keine andere Ansicht, so dürfte freilich die Feier des jährlichen Bußtages nur für manche zweckmäßig scheinen. Es dürften dann im Tempel an diesem Tage nur die erscheinen, welche bisher Lästerer, Undankbare, Ehebrecher, Diebe, Mörder usw. gewesen wären. Es wäre dann die Feier des Bußtags eine religiöse Versammlung für lasterhafte Menschen, und die Gläubigen und Bessern hätten nicht nur keinen Grund hier zu erscheinen, sie hätten sogar Grund wegzubleiben, damit sie nicht den Schein hätten, sich eine Unwürdigkeit anzudichten, die von ihnen fern wäre. Dem aber ist nicht so, geliebte Freunde Die Buße, und das mit ihr zusammenhängende Sündenbekenntnis, wie es von jedem Christen und zu allen Zeiten gefordert wird, hat eine doppelte Bedeutung, die von vielen zu ihrem Schaden verwechselt wird. Buße heißt überhaupt Sinnesänderung im edleren geistlichen Sinn. Es kann aber diese Sinnesänderung gehen teils auf den augenblicklichen Zustand und eine bestimmte Richtung unsres Willens, teils auf die ganze ursprüngliche und allgemeine Richtung desselben. Wir wollen die erste die Buße des Gefühls, die zweite die Buße der Erkenntnis nennen. Zwar kann Buße, Sinnesänderung, niemals sein ohne Erkenntnis, aber es macht doch einen Unterschied, ob wir das Böse grade unmittelbar in unsrem Herzen herrschend, oder ob wir es überhaupt in seiner gefährlichen Gegenwart und Verknüpfung mit den Trieben des menschlichen Herzens erkennen. Für das erste sind die Bußtage, wie wir sie heute feiern, nicht bestimmt, und sollen sie nicht bestimmt sein. Zwar gibt es fort und fort so viel sittliche Gebrechen, ja so viel Gräuel unter den Menschen, auch unter denen, die sich Christen nennen, dass es an keinem Bußtage an Stoff fehlen kann, ein recht entsetzliches Gemälde von der Sündhaftigkeit der Zeit aufzustellen. Wollte ich alle die Züge von Sittenlosigkeit zusammenstellen, die seit dem vorigen Bußtage ungesucht mir zu Ohren gekommen sind, und mein Herz betrübt, ja empört haben, o welcher Reichtum von Gräueln auch in dieser Stadt! Ich wollte und müsste dennoch darüber sprechen, wäre es wirklich auch heute nicht meine Pflicht. Rufe getrost, schone nicht - das, meine Freunde, ist die erste Regel für jeden, welcher seinen Bruder reißen soll und will aus einem Verderben, welchem er sich seelentrunken hingibt. Aber die, welche in wirklicher Sünde so tief versunken sind, dass sie einer gewaltigen Erschütterung bedürfen, kommen nicht in die Kirche, oder doch nur selten und gelegentlich. Niemand kann es hier lange aushalten, der nicht ein Verlangen hat, besser zu sein. Deswegen aber, meine Freunde, weil jemand nicht zu jenen gehört, die gar nicht aus dem Argen heraus wollen, und darum nicht an das Licht der heiligen Wahrheit kommen, deswegen ist jemand noch nicht im höheren Sinne gut; vielmehr sollen wir alle mit Paulo bis ans Ende des Lebens achten, dass wir es noch nicht ergriffen hätten, und nachjagen, dass wir es ergreifen möchten. Wie wollen wir aber nachjagen, wenn wir nicht erkennen, was und wie? Wie wollen wir das erkennen, wenn wir nicht blicken in uns selbst, in das menschliche Wesen überhaupt, und seine Mangelhaftigkeit klar und deutlich kennen lernen? Dieser Selbsterkenntnis nun, geliebte Freunde, die niemals träge still steht, aus Furcht, Unangenehmes zu entdecken, die sich nicht schont, nicht verstellt, nicht bloß die wirkliche Schwachheit, auch die tiefer liegenden Ursachen zu ergründen sucht, dieser Selbsterkenntnis ist meines Erachtens der heutige Bußtag namentlich und ausdrücklich bestimmt. Diese Selbsterkenntnis, und die damit unmittelbar verbundene Geistesbuße, ist aber auch in der Tat das erste Stück, die erste Frucht des Glaubens, von welchem ich schon zu euch gesprochen habe, und ferner sprechen will, und die heilige Bestimmung des heutigen Tages fällt also ganz und gar mit meiner Absicht zusammen. Lasst uns andächtig sammeln zu dieser heutigen Betrachtung.
Text. Ev. Joh. 3, 3-6.
Jesus antwortete, und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen, und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren wird das ist Fleisch: und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.
Niemand, sagt Jesus in den Textesworten, niemand kann in das Reich Gottes kommen, ohne von neuem geboren zu werden. In das Reich Gottes kommen, und den seligmachenden Glauben haben, oder wahrhaft glauben, ist eins und dasselbe. Folglich ist nach dem Ausspruch Jesu eine neue Geburt, eine Wiedergeburt, eine gänzliche Veränderung, Umkehrung, Bekehrung des Menschen selbst der Anfang des seligmachenden Glaubens. Wollen wir nun diesen erkennen und erlangen, so müssen wir unstreitig zunächst uns selbst erkennen. Wir müssen wissen, was wir, was Menschen sind, um zu wissen, welche Umkehrung, welche Veränderung, welche zweite Geburt hier gemeint ist, und in welchem Zusammenhange sie stehe mit dem, was wie sind.
Wir sind Menschen, meine Freunde, eh' wir Christen sind, und es waren Menschen, lange eh' Christen waren. Das Christentum selbst ist nichts dem Menschsein Widersprechen des, die Menschheit Entreißendes oder Zerreißendes, wie ja Christus selbst als Mensch für Menschen sein Reich gegründet hat; aber es ist doch nichts mit dem bloßen Menschsein schlechterdings und ursprünglich Verbundenes. Ist es nun nicht etwas Überflüssiges? Können wir uns nicht ohne dasselbe behelfen? Sind wir nicht gut, wie wir sind? Das, meine Freunde, wird zwar in unsrem Texte nachdrücklich und deutlich genug beantwortet, aber wenn wir eine rechte Überzeugung davon haben wollen, müssen wir doch tiefer nachdenken über das Menschsein überhaupt, und uns fragen, was ist der Mensch von Natur, vor der Veränderung, die im Christentum mit ihm vorgehen soll?
Jesus sagt einfach: was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch. Fleisch nennt die Heilige Schrift das vergängliche Leben, und alles, was demselben zugewandt ist. Wir nennen es wohl Natur. Der natürliche Mensch, will Jesus sagen, gehört nur der Natur, hat keinen andern Trieb, keine andere Regel, kein andres Ziel. Nicht von der ewigen, himmlischen Natur, meine Freunde, die mit dem Reiche Gottes gleich ist, ist die Rede, sondern von der irdischen, nicht von dem Wesen, sondern von der Hülle, von der äußern Haushaltung des menschlichen Geistes und Lebens. Der erdgeborene Mensch lebt nur der Erde, nur seinem irdischen Selbst; das ist der Sinn. Lasst uns sehen, ob dem also sei. Lasst uns die Menschheit mustern, wie sie die Geschichte uns darstellt vor Christo, wie wir sie seit der Erscheinung Christi erkennen, ohne Christus, wie sie noch zu unsrer Zeit, ja wie wir sie in uns selbst erkennen, wo und wenn Christus seine volle Wirksamkeit im Geiste noch nicht erlangt hat.
Gewiss, wenn wir Kenntnis und Geist genug haben, um die ganze Menschheit, wie sie seit Jahrtausenden sich herausgebildet hat, zu überschauen, so stellt sich uns ein glänzendes Gemälde dar, welches zum Erstaunen und zur Bewunderung hinreißt. Der Mensch ist Herr der Erde geworden durch stets vermehrte Einsicht und stets weiter ausgebildete Tätigkeit; er hat Wunder über Wunder hervor gebracht, Reichtümer über Reichtümer angehäuft; und wenn wir alle Bequemlichkeiten, Künste, Einsichten, Anordnungen, Tugenden sogar zusammenrechnen, die jetzt schon ein unverlierbares Eigentum der menschlichen Gesellschaft geworden sind, so scheinen wir mit vollem Recht als finstere und trübsinnige Tadler alle diejenigen verwerfen zu können, welche die Erde für ein Jammertal, und die Menschheit für verderbt ausschreien: denn es gilt augenscheinlich von der Menschheit ganz vorzüglich das Wort des Psalms: Herr, wie sind Deine Werke so groß und so viel; Du hast sie alle weislich geschaffen, und sie sind. voll Deiner Güte! und wie es in einem andern Psalm noch stärker heißt: Du hast den Menschen ein klein weniges geringer gemacht, als die Engel, und mit Ruhm und Ehre hast Du ihn gekrönt.
Aber wenn diese Güte Gottes, diese weise waltende Regierung im Ganzen der Menschheit so deutlich und so glänzend erscheint, ist darum der Mensch selbst gerechtfertigt, verdient der einzelne Mensch dasselbe Erstaunen, dieselbe Bewunderung? Ist Einsicht, ist Tugend, ist Wohlwollen von jeher etwas so Gewöhnliches gewesen, haben alle von jeher so treu für das Ganze gearbeitet, dass der Ruhm desselben ihnen zukommt? Oder ist die Menschheit, die Krone der irdischen Natur, in ihrer ganzen Herrlichkeit nicht vielmehr einem Baue gleich, den ein großer Baumeister durch ungeschickte, träge, widerspenstige, treulose Arbeiter so aufführt, dass demungeachtet die Spur seines Geistes, seiner Anordnungen, seiner Aufmerksamkeit, seiner weisen Zucht, überall hervorleuchtet? Sind deshalb die Arbeitsleute mehr wert?
Lasst uns zuerst einen Blick tun in die Vorzeit. Es bedarf keiner Gelehrsamkeit dazu; der Gelehrteste findet nichts andres, nicht mehr, als was Gottes väterliche Vorsicht in der Heiligen Schrift uns aufbewahrt hat. Der erste Mensch, sagt sie, handelte als ein Tor, wenn von seiner eignen Glückseligkeit, als ein Undankbarer, wenn von seiner Verpflichtung, als ein Empörer, wenn von seinem Recht aus seine Handlung betrachtet wird. Das erste Geschlecht, das von ihm ausging, wurde befleckt und zerrissen durch wilde lebensfeindliche Leidenschaft. War es das eigne Verdienst solcher Menschen, wenn sie nicht untergingen in Strafe und Selbstzerstörung? Nicht sie, in dem, was sie wollten, sondern Gottes Geduld und Bewahrung erhielt sie. Anders, meine Freunde, als Adam und sein Weib, und ihre Söhne, sind die Menschen niemals und nirgends gewesen; es ist keine Übertreibung, wenn der Apostel sagt: sie sind allzumal Sünder, und mangeln des Ruhms, den sie bei Gott haben sollen; es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass bei weitem die meisten Menschen zu allen Zeiten, in allen Völkern, als Toren gegen sich selbst, als undankbare Empörer gegen Gott, als Feinde gegen ihre Brüder gehandelt haben, und an ihrem eignen Untergange nur durch die äußerlichen Schranken der Natur und Gottes Vorsehung gehindert worden sind. Leichtsinn, Wollust, Schwelgerei, Lügenhaftigkeit, Betrug, Verleumdung, Lieblosigkeit, Neid, Hass, Zorn, tödliche Wut, das ist die innerliche Geschichte des Menschengeschlechts, das äußerlich so glänzend dasteht. Strafen bessern es nicht; vernichten will der Schöpfer nicht sein Werk; er duldet es also nur nach seinem verborgenen Rat.
Das ist die Geschichte der Christlichen Vorzeit; und so wohl bewusst waren sich zu allen Zeiten die Menschen ihrer eignen Schwachheit und Unwürdigkeit, dass sie jeden ihrer Mitmenschen, der sich durch Einsicht und Jugend auszeichnete, entweder aus Neid verfolgten und ausstießen, oder über sich selbst erhoben, und als eine außerordentliche Gabe Gottes erkannten.
Lasst uns ferner die Menschen nach Christo betrachten, insofern sie sich dem Geiste Christi entzogen, und in ihrem eignen natürlichen Geiste handelten: waren sie anders, weiser, besser, liebenswürdiger, ehrwürdiger? Lasst uns stehen bleiben bei unsrer Zeit, bei dem, was wir vor Augen haben. Noch gibt es zahllose Völker, welche nicht einmal etwas wissen von dem Geiste Christi und dem Reiche Gottes, so entfernt sind sie, daran Teil zu nehmen. Jedes Kind lernt dergleichen jetzt schon in der Schule kennen. Ach, meine Freunde, welches gebildete Herz entsetzt sich nicht vor diesen Bildern von Menschen, welche Verstand nur zu haben scheinen, um entweder im Genusse mehr Tier, oder in der Leidenschaft mehr Teufel, als andere Erdengeschöpfe sein zu können! Vergebens suchen wir nach sogenannten unschuldigen Völkerschaften; wo sie sind, sind sie es durch Beschränktheit; bringt ihnen mehr Güter, bringt ihnen den Baum der Erkenntnis, und der Kreislauf des Bösen beginnt bei ihnen. Wo die gebildeten Europäer hinkamen, da, meine Freunde, haben sie unter den natürlichen Menschen das Gute, was sie hatten, zerstört, und das zügellose Laster hingebracht. Denn je größer der Verstand, ohne den Geist Gottes, umso größer die Verderbnis, umso tiefer die Sünde. Wir wollen uns wenden zu den sogenannten Christlichen Völkern, zu denen, welche sich bald des Lichts der Vernunft, bald auch des seligmachenden Glaubens rühmen, und wohl jene ungebildeten und unchristlichen Völker als Wilde oder als Heiden und Verdammte verachten: sind sie anders, und besser? Man kann wohl sagen, wie die Menschheit ihrem eignen inneren Sinne nach längst untergegangen wäre, hätte sie nicht Gottes Weisheit und Güte getragen, so wäre das eigentliche Christentum längst aus der Christenheit verschwunden, hätte es sich nicht durch seine eigne höhere Kraft und Wahrheit erhalten. Hat nicht jedes Werk des Fleisches, wie sie Paulus schildert, Gal. 5, 19- 21, den Namen und Schein Christi angezogen? Was ist Jahrhunderte lang von dem Christlichen Rom aus, und im Geiste dieses Roms, Grauenhaftes, Tyrannisches geschehen! Was zu unsrer eignen Zeit in Frankreich, Spanien? Welche innere, scheinheilige, räuberische, zerstörende, teuflische Falschheit, die sich mit den herrlichsten Worten, ja die sich mit Gottes Wort deckt, um ihr schändliches Ziel umso sicherer zu erreichen! Und ist es denn anders in andern Kirchen, in andern Ländern, anders bei uns? Ist es vorzugsweise der eigne menschliche Wert der Pfarrer, oder die innere Macht der Wahrheit, welche die Religion er hält? Ist es vorzugsweise der weise und pflichttreue Ernst der Machthaber, oder ist es die Furcht und das gemeinschaftliche Interesse, was dem Leben insgesamt Sicherheit und Gedeihen gibt? Ich ermüde meine Freunde, oder vielmehr ich finde es unmöglich und unnötig zugleich, alles zu erwähnen, woraus erhellt, dass der vom Fleisch geborene Mensch ohne eine besondere Veränderung Fleisch ist, und Sinn des Fleisches hat, und Werke des Fleisches tut. Lasst uns die nächsten Umgebungen, die Geschichte jedes Tages in Königsberg betrachten. Ist es nicht gelind geurteilt, wenn gesagt wird, dass, wenn jeder törichte Gedanke, jede sündliche Lust, jedes leidenschaftliche Verlangen, jeder böse Wille in Wirklichkeit übergehen sollte, wenn nicht tote Gewohnheit, leeres Vorurteil, Furcht, Scham, äußerliches Gesetz, persönlicher Widerstand, die Ausführung hinderte, diese unsre Stadt in namenlose Gräuel, in Unglück, Zwietracht, Raub, Brand, Mord sich auflösen, und in augenblickliche Zerstörung versinken würde? Diese Stadt, die mit Recht mancher sittlichen Vorzüge wegen vor andern gerühmt wird! Wie viel Hunderte, ja Tausende vielleicht auch hier, die der göttlichen Wahrheit spotten, und sich ihrer Torheit und ihrer Verbrechen rühmen! Wie viel mehr Tausende, welche täglich das Törichte und Schlechte tun, und es nur kunstreich in Mienen, Worten, und durch krumme Wege verbergen! Ja wo ist einer, auch nur einer unter uns und ich selbst rechne mich in diesem Sinne zu euch wo ist einer unter uns, der nicht tausendmal in seinem Leben denselben Sinn in sich gefühlt hätte, welcher die innere Geschichte des Menschengeschlechts so erniedrigend, so zerstörend bezeichnet, den Sinn der Selbstsucht, der törichten Begierde, der frevelnden Leidenschaft! Doch, rufet ihr aus, erstaunt, vielleicht beleidigt durch meine scheinbar harte Rede, gibt es nicht viel wahrhaft gute Menschen hier? Ja, Gott sei Dank, meine Freunde, es gibt deren, und ich ehre und liebe sie. Sind wir nicht, nach eigenem unverwerflichen Bewusstsein, oft vom Geist des Guten innerlich belebt und durchdrungen ? Ja, Gott sei Dank, meine Freunde, ihr seid es und ich erkenne es mit Freuden. Aber machen die einzelnen Guten die vielen tausend Nichtguten besser, und fehlt euch in zahllosen Augenblicken der echte Geist des Guten darum weniger, weil er manchmal, und vielleicht oft eure Gedanken und Empfindungen beseelt? Im Gegenteil, die wahrhaft Guten klagen die übrigen, und eure tugendhaften Regungen klagen euer Leben an. Das lustentbrannte Tier beschuldigt niemand der Schamlosigkeit, die Katze niemand der Falschheit, den Hund niemand des Neides, den Wolf niemand der Gefräßigkeit; sie sind so, es wäre Torheit, sie anders zu wollen. Wären alle Menschen und zu allen Zeiten gleich töricht, gleich undankbar, gleich widerspenstig, gleich wollüstig, gleich roh, neidisch und grausam; wer würde daran denken, es ihnen vorzuwerfen, ja wie wäre es nur von ihnen selbst zu erkennen? Aber es gibt Menschen, die anders, die besser sind; es gibt in jedem Menschenleben mehr oder weniger Augenblicke, wo es einem edleren Geiste folgt; und das, das allein ist es, was unser Geschlecht in seiner ganzen Gebrechlichkeit darstellt, was uns einen unabweislichen Spiegel unsrer Mangelhaftigkeit vorhält, worin wir erkennen, anders, als er von Natur, als er gewöhnlich ist, müsse der Mensch werden, wenn er nicht vor seinem eignen Gewissen, nicht vor Gott verworfen sein wolle.
Anders also, als sie von Natur sind, meine christlichen Freunde, sollen die Menschen, anders können sie sein; das ist deutlich an sich selbst, dazu bedarf es keiner Offenbarung, keines Christentums; das sagt jedem sein Gewissen, entweder von selbst, oder doch, wenn er darauf geleitet wird. Welche Veränderung nun ist es, die mit jedem Menschen vorgehen soll und muss? Wir wollen jetzt nicht daran denken, in welcher Verbindung diese Umänderung mit dem Glauben an Christum steht, wir wollen sie nur betrachten, sie an sich selbst ist, nach den Worten Christi. Er nennt sie eine neue Geburt aus dem Geist. Damit bezeichnet er deutlich zuerst ihren Charakter, dann ihren Umfang, und endlich ihren Zusammenhang mit der menschlichen Natur.
Was vom Geist geboren ist, das ist Geist so, meine Freunde, bezeichnet Jesus den Charakter dieser Veränderung. Geist sollen wir werden, die wir von Natur Fleisch sind. Ich glaube nicht, dass einer unter euch darüber zweifelhaft sei, was er bei diesen Worten zu denken habe. Wir wissen alle recht gut das bloß Scheinbare, Vergängliche, von dem Wahren und Ewigen zu unterscheiden. Es ist uns nicht fremd, dass die irdischen Triebe, die sinnlichen Leidenschaften, denen wir folgen, uns irre leiten, dass alles, was wir in ihren Diensten erwerben, in jedem Augenblick verloren gehen kann; wir schämen uns dieser Dienstbarkeit, ja wir betrüben uns darüber; wir blicken mit neidischer oder wehmütiger Bewunderung auf die, welche sich davon dos gemacht haben. Ja wir haben wohl in besseren Stunden das rechte Wollen, was wir selbst dafür erkennen; nur das Vollbringen fehlt. Das, meine Freunde, was wir in diesen besseren Stunden wollen, was uns so einleuchtet in seiner Wahrheit, dass wir mit großer Mühe uns seiner gebietenden Kraft entziehen können, was uns so innerlich und rein gefällt in seiner Erscheinung, dass nur die Ohnmacht es zu besitzen uns davon abwenden, ja neidisch dagegen erbittern kann, was unsern Mut so hebt, dass wir uns über das Leben mit allen seinen Gütern, wie über den Tod und alle seine Schrecken, erhaben fühlen, was uns entweder mit einem Schmerz durchdringt, den kein Genuss betäuben kann, oder mit einer Wonne, die unabhängig von jedem Genuss befriedigt das, meine Freunde, ist Geist. Es ist nicht der Geist der Welt, nicht bloß ein verfeinertes und veredeltes Fleisch, nicht eine äußerlich aufgeputzte, abgerichtete Selbstsucht, nicht Geschmacksbildung, nicht Lebensklugheit, nicht Wissenschaft, nicht Lebenstätigkeit: es ist die reine Liebe zu dem, was gut ist, die volle Zuversicht der Wahrheit, die innere unbewegliche Kraft und Freudigkeit der Seele, die stets gleiche, stets sichere, stets genügende und überwindende Stärke des Willens, es ist mit einem Werte der Heilige Geist, von welchem Jesus spricht, von welchem die Veränderung aus gehen soll, ohne welche wir nicht zum Reiche Gottes, nicht zur Seligkeit des Glaubens gelangen können.
Doch wir kennen ja diesen Geist, und empfinden wohl seine Wirkung in unsrer Seele. Keinem Menschen fehlt er ganz oder immer; selbst in die finstre Nacht des Bösen leuchtet er wie ein Blitz; selbst in den Stunden, wo unsre von sinnlicher Lust oder sinnlichem Schmerz empörte Seele die ganze Welt als Eigentum ihrer Willkür, oder als einen Gegenstand ihrer Wut ergreift und behandelt, ja wo sie sich selbst in ihrem zaum- und sinnlosen Tun gefällt selbst in den Stunden empörter und trotziger Leidenschaft tritt er leise warnend, heimlich drohend an uns heran als ein Fremder, und doch als ein Freund, ja als ein Richter und zugleich als ein Vater. Wer, der nicht ganz versunken, nicht ganz verblendet ist, könnte ihm lange, könnte ihm immer widerstehen? Darum nun, geliebte Freunde, weil dieser Geist so eng' und unzertrennlich an die menschliche Seele gekettet ist, und mit Ernst und Liebe ihr nachfolgt, ja sie verfolgt; weil keiner es versagen kann, manchmal oder oft, weniger oder mehr, sich ihm anzuschließen, oder ihm zu weichen: darum, halten viele den Menschen überhaupt für gut, und insbesondre sich selbst für gut, und meinen, wie sich ihr Gutsein bis hierher gefunden habe, werde es sich auch ferner finden. Freilich wird es sich finden, aber nur wie etwas gefunden wird: wo aber in der Welt lebt und gedeiht jemand allein vom zufälligen Finden? Muss nicht der Bergmann graben und hauen mit vollem Bedacht und Ernst, wenn er finden will, was des Besitzes wert ist? Kein Mensch, meine Zuhörer, kann aus dem Reiche Gottes herausmachen, denn es ist ja dieses Reich, wie der Herr der Seelen, der ewige Geist, überall, wo Seelen sind, inwendig in euch, wie Jesus sprach: und eben weil kein Mensch herauswachsen kann, berührt ihn oft Licht und Kraft Gottes in höherem Leben, und verändert auf einige Zeit und in einiger Art sein inneres Treiben, das bisher nur ein Tappen im Dunkeln, und ein leerer Selbstbetrug war. Aber wir sollen hineinwachsen in dieses Reich; wir sollen nicht bloß dadurch zufällig bewegt werden, sondern uns darin mit allen Sinnen und Kräften bewegen; wir sollen nicht ein entferntes und mittelbares Leben aus demselben schöpfen, sondern mit vollem Bewusstsein unser unmittelbares und wahres Leben darin finden. Das bezeichnet Jesus, wenn er sagt: ihr müsst von neuem geboren werden aus Wasser und Geist. Ich will mich nicht dabei aufhalten, zu erklären, was unter Wasser hier zu verstehen ist; unstreitig sprach Jesus von der Taufe, wodurch die Juden jener Zeit bei Johannes sich gleichsam einschreiben lassen wollten für das von ihm in seiner Nähe verkündigte Reich Gottes. Der Geist ist die Hauptsache, ist der Charakter der Veränderung, welche mit jedem Menschen, der zum Reiche Gottes eingehen will, geschehen soll und muss, und welche er eine zweite Geburt nennt. Ein Bild braucht Jesus, meine Freunde, um uns darin den Umfang jener Veränderung zu bezeichnen, und zu belehren, dass jener Geist, der Heilige Geist, der Geist der ewigen Wahrheit, der Geist der Güte, der Geist des ewig Schönen und der ewigen Freude, dass der nicht etwa bloß gelegentlich uns berühren, und uns in unsrem gewöhnlichen Dünken und Tun stören oder fördern, sondern dass er uns ganz durchdringen, in unsrem Bewusstsein wohnen, und unser ganzes Denken und Tun leiten solle. Niemals als Fremder, stets als Freund, niemals als Richter, stets als Vater, niemals in Scheu und Furcht, stets in Bertrauen und Liebe soll er uns nahe sein. Wie die erste Geburt den leiblichen Menschen in ein ganz neues Leben versetzt, wie er von nun an das nur für Leben achtet, im Licht des Tages, in freier Gemeinschaft mit der Natur, sich zu bewegen, so soll auch diese zweite Geburt des geistigen Menschen ihn in ein ganz neues Leben versetzen, worin er durchaus nur für Leben achtet, was er in Licht und Gemeinschaft des Geistes genießt, besitzt und tut. Nicht die einzelne Bußträne tut es, auch nicht der eine Sieg über die Versuchung genügt, wie sehr er Dich erfreue; es soll keine Versuchung mehr fähig sein Dich zu überwinden. Nicht die einzelne fromme Erhebung zur Andacht, nicht die sonntägliche oder tägliche Buße genügt; das ganze Herz soll Buße tun, Dein ganzer Geist soll innerlich Andacht sein. Nicht dass Du der Wahrheit folgst, wenn sie mit vollem Ernst Dir zusetzt, nicht dass Du das Böse fliehst, wenn Du es in seiner ganzen Täuscherei und Abscheulichkeit erkennst, nicht dass Du das Gute tust, wenn Dir seine Notwendigkeit unmittelbar deutlich wird, nicht das macht Dich zu dem Menschen, der Du sein sollst: lieben und suchen sollst Du die Wahrheit als das edelste Kleinod, an sie sich schmiegen, und ihr folgen, wie einer Mutter; und das Böse soll zu allen Zeiten, und wenn es die ganze Welt Dir brächte, Deinem Herzen verhasst, das Gute unter allen Umständen, und wenn es Dich hier ans Kreuz führte, Deine Freude und Dein Ruhm sein.
Der ganze Mensch also muss sich verändern, das, geliebte Freunde, ist der Sinn der Worte Jesu. O wohl haben schon viele gefragt, wie Nikodemus, wie soll das zugehen? Kann ich meine Empfindungen, meine Neigungen, meine Bedürfnisse, meine Gewohnheiten, meine Verhältnisse, auf einmal zertrennen, zerlegen, umgestalten, in neue verwandeln? Was mich bisher erfreute, fliehen; was mir uns erreichbar dünkt, als Lebenszweck verfolgen? Als Traum betrachten, worin ich bisher lebte und wirkte, und mich ganz dem überlassen, was mir nur als Traum vorschwebt? Es fehlt keinem von uns an inneren Verrätern, an heimlichen Begierden, an Bequemlichkeit und Verwöhnung, die solche Gedanken anregen, sich der Empfindung bemächtigen, und so lange Zweifel und Zögerung erregen, bis das Fleisch wieder siegt, und der eigne Geist ihm dient. Es fehlt wohl auch nicht an schwärmerischen Toren, welche diese neue Geburt nicht wunderbar, nicht schmerzlich genug beschreiben können, nur die Einbildung aufregen, nur die Gefühle empören, und durch verkehrtes Treiben grade das verhindern, was sie hervorbringen wollen, die wahrhafte und vollkommene Umänderung des Natürlichen oder Fleischlichen in den geistlichen Menschen., Lasst uns von Jesu lernen, um uns sowohl vor den Missverständnissen zu hüten, die unsre eigne Trägheit veranlasst, als vor denen, wozu uns Menschen führen können, welchen es nicht an Eifer, aber an Licht fehlt. Eine neue Geburt nennt er die geistige Umwandlung, durch welche wir in das Reich Gottes treten sollen; also allerdings eine gänzliche, und in gewisser Art eine plötzliche Veränderung unsres Wesens, aber doch eine solche, welche mit dem, was wir vorher waren, nicht im Widerspruche steht, welche vielmehr das, was wir waren, stets voraussetzt, und wozu wir in uns selbst schon geneigt und gleichsam gereift sein müssen, wenn sie erfolgen soll. Ist es nicht dasselbe Herz, welches die Freude der Sinne fühlt, und die Wonne des Geistes fühlen soll? nicht derselbe Verstand, welcher den Irrtum ergreift, und die Wahrheit erkennen soll? nicht derselbe Wille, welcher der Leidenschaft nachjagt, und die Tugend ergreifen soll? Ist nicht die Scham, die Betrübnis, ja die Verzweiflung, welche wir, gezüchtigt von den Folgen unsrer Torheit, empfinden, so wie die selige Heiterkeit, welche bei irgendeiner reinen und guten Tat unsre Seele erfüllt, ist beides, nicht gleichsam ein himmlisches Morgenrot des werdenden ewigen Tages, der durch den Glauben über unsrer Seele aufgehen kann und aufgehen soll? Ist nicht die Erde, auf welcher wir trunken schwelgen, dieselbe, auf welcher wir die Werke der Einsicht und der Güte vollbringen können und sollen? Sind nicht Gatten, Kinder, Freunde, Vaterland, Menschheit, alles was wir bisher verkannten, verachteten, verderbten, missbrauchten vielleicht, ist es nicht das, was uns gegeben ist, um tätig in die Gemeinschaft des göttlichen Reiches zu treten, Saat des Himmels auszustreuen, Bande der Ewigkeit zu knüpfen? Nein, meine Freunde, die leibliche Geburt bringt ja keinen neuen Menschen hervor, sie tötet den alten nicht, sie hebt ihn nur aus der Schwachheit, Unbeholfenheit, Gefangenschaft seines tierischen Daseins an das schöne Tageslicht und das freie Walten des Menschenlebens, wozu er erzeugt und gebildet ward von Anfang, und er lernt die Mutter geistig kennen und lieben, die er vorher nur tierisch kannte, und sinnlos bald begehrte, bald feindlich wegstieß. Ein andrer Mensch ist er, und doch derselbe. So bringt auch die geistliche Geburt keinen neuen Menschen hervor, der nicht zugleich der alte wäre; sie ist kein Wunder, wie es einer schwärmenden Einbildungskraft, sondern ein Wunder, wie es der göttlichen Majestät und Weisheit gemäß ist. Hinweggenommen wird nur in dieser Geburt das, was dem Geiste hinderlich ist, was ihn verführt und entehrt; hervor gehoben wird er, der von Gott zur ewigen Kindschaft Geschaffene, zu seiner vollen Kraft; und was vorher, wie durch Zufall, oder als durch Hülfe eines fremden Schutzgeistes einzeln und verloren erschien, das Licht der ewigen Wahrheit, die Siegeskraft der unerschütterlichen Tugend, der innerliche Friede des Herzens, wie ihn die Welt nicht gibt und nicht nehmen kann, die vollkommene Freude der Seele, die nichts bedarf und alles hat, das ist dann der eigentliche Mensch, welchem der äußerliche Mensch, das irdische Leben, untertan ist, bis er zu seiner Zeit ganz abfällt am Tage der Vollendung.
Geliebte Freunde, ich zweifle nicht, vielmehr ich glaube zuversichtlich, dass ihr nicht zu denjenigen gehört, welche die Herrlichkeit einer solchen Geburt aus dem Geist nicht fassen und nicht achten. Solches geschieht wohl bei denen, die so tief gesunken sind, dass Lebenslust und Lebenssorge ihre ganze Seele ausfüllt, die sich selbst an die gemeine Natur zur Knechtschaft der Torheit und der Sünde überliefert haben: wie Paulus sagt 1 Kor. 2, 14: der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes. Vielmehr glaube ich, dass ihr die Herrlichkeit des Geistes, welche die der hellen Erkenntnis, der richtigen Handlungsweise, und der unwandelbaren Ruhe und Zufriedenheit ist, dass ihr diese in mancher schönen Stunde in euch selbst gleichsam in einzelnen Lichtstrahlen deutlich genug wahrgenommen habt, um ermessen zu können, wie groß sie da sein müsse, wo sie ganz und immer wohnt, und dass ihr also, ohne grade an euch selbst zu denken, vermöget, euch an dem Gedanken und an dem bloßen Bilde einer solchen Herrlichkeit zu erfreuen. Dennoch könnt ihr und sollt ihr euch selbst nicht dabei vergessen, vielmehr euren eignen Geist, euer Denken, Treiben und Sinnen mit jenem Bilde vergleichen. Da nun kann es wahrhaftig nicht fehlen, dass bei der Vergleichung euch zu Sinn werde, wie einem Schüler, welcher mit jugendlicher Eile und Unbesonnenheit ein Bildchen gemacht hat, und es nun mit dem Bilde eines Meisters oder mit der Natur selbst vergleichend zusammenhält. Er wird sich über das innerlich schämen, was er vorher, und indem er es machte, für ein Meisterstück hielt, und es wird ihm so vorkommen, als sei alles, was er am Bilde getan, nur schlecht, und das Gute, was daran ist, sei nur so zufällig hineingekommen. Ja, meine Freunde, wenn schon die edleren Empfindungen und Taten einzelner Stunden uns beschämen und anklagen in Beziehung auf die zahlreichen Stunden, wo wir ganz anders dachten und handelten; wie muss uns das Bild eines Menschen beschämen und anklagen, der, nach dem Ausdruck Jesu, wiedergeboren ist aus dem Geist! Das wenige Gute, was wirklich unser eigen, nicht bloßes Werk der Natur, der Gewohnheit, der Scham, der Notwendigkeit, sondern Werk unsres Wissens und Wollens ist, verschwindet dann: und eine Summe von Torheiten, Verkehrtheiten, Vernachlässigungen, Selbsttäuschungen tritt hervor, die uns vorher oft unbedeutend und verzeihlich dünkten, und nun bei dieser Vergleichung schwer auf unsrem Gewissen lasten. Aber jenes wenige Gute, das wir uns bei solcher Beurteilung nicht mehr anzurechnen wagen, wirkt doch wenigstens so viel, dass es in einer solchen Stunde der Ruhe und der Andacht uns zu dem Bilde des geistigen Menschen hinzieht, uns mit Bewunderung und Liebe, und mit dem lebhaften Wunsch, ja mit der schmerzlichen Sehnsucht erfüllt, doch alles dessen los zu werden, was wir mit verkehrtem Sinn in uns festhielten und pflegten, aller der Lebensschlacken, in welchen Geist und Herz uns vergraben liegen, erneuert zu werden zu einem Wesen, das jenem Bilde gleiche, ganz so zu sein, wie wir uns in unsren seligsten Augenblicken wirklich fühlten. Nun, meine Freunde, jene Beschämung durch das Bessere, und dieses Verlangen nach dem Guten, ist ja Buße, ist ja grade das, wozu der heutige Tag uns Aufforderung und Anleitung gibt. Aber es ist zugleich diese Buße das erste Stück des Glaubens, gleichsam die Einleitung und Anleitung dazu. Denn wie natürlich ist die Frage: woher kommt uns dieses Bild eines heiligen und seligen Menschen? Können wir dazu gelangen, dass es in uns wirklich werde, wir, durch unsre Torheit, ja durch unsre Sünde Tiefbeschämte und Schmerzlichgebeugte? Welche Wege gibt es dazu, welche Mittel? Und so lasst uns heute den Sinn der wahren Buße, die aufrichtige Liebe zum Guten, das ernste Verlangen nach dem heiligen Geiste fassen, wodurch wir zu solchen Betrachtungen geschickt werden, welche nur durch diesen Sinn recht gefasst werden können! Gott aber, der Vater des Geistes, segne euch alle heute und immerdar mit der Kraft seiner seligmachenden Wahrheit! Amen!