Kähler, Ludwig August - Sechs Predigten über den seligmachenden Glauben an Jesum den Sohn Gottes - 2. Am Sonntage Jubilate.
Über den seligmachenden Glauben an Jesum, den Sohn Gottes, will ich sprechen, meine christlichen Freunde, über den Glauben, welcher das Band der Christenheit ist, den ihr alle in früher Jugend als das edelste Gut eures Herzens und Geistes aufgenommen habt, dessen stete Erneuerung und Ausbildung den unmittelbaren Zweck dieser Versammlungen ausmacht, dessen Verkündigung ihr von mir erwartet, der Staat als Beschützer und Erhalter der Kirche mir erlaubt und befiehlt, und mein eigner Glaube an den göttlichen Beruf des Christlichen Lehramts, mir zur inneren, heiligen, weder von eurem Beifall noch von der obrigkeitlichen Befehl ausgehenden und abhängigen, Pflicht macht. Aufrichtig will ich sprechen, wie es vor meiner eignen Seele steht, als ewige Wahrheit; nicht euch zu Gefallen, obschon ich euch zu gefallen wünsche; nicht um kirchlicher Ordnung und Sitte willen, obschon ich kirchliche Ordnung und Sitte ehre, und mich freue, dass sie der Wahrheit Raum gibt.
Einfach und deutlich will ich sprechen, und weder eure Herzen durch Schilderungen eurer Freuden und Leiden, eurer Hoffnungen und Befürchtung erschüttern und noch euren Geschmack durch schöne und sinnige Gedanken und Worte reizen, noch euren Verstand durch scharfsinnige Untersuchungen anregen; nur auf den ersten Anfang der Wahrheit will ich mich und euch stellen, um den Weg mit euch zu wandeln, durch welchen sie von diesem Anfang uns unfehlbar in alle Wahrheit leitet. Herzlich aber wird meine Rede sein, weil sie aufrichtig ist, und gibt es wirklich durch den Glauben an Christum eine Wahrheit, welche selig macht, so soll und wird sie in meinem Wort eure Seelen mit aller Kraft des Trostes, der Freude und des heiligen Mutes, berühren.
Das will ich tun, geliebte Freunde, wie ich am Schluss meiner Betrachtung vor 14 Tagen sagte, teils, weil es an sich meiner Pflicht gemäß ist, insbesondre aber, um unsrer gegenseitigen Verständigung willen. Obschon ihr nun an und für sich nicht zweifeln werdet, dass die Predigt der ewigen Wahrheit umso mehr Frucht bringen werde, je inniger die Einigung des Herzens und des Geistes zwischen dem Prediger und seinen Zuhörern ist, so muss ich doch befürchten, dass ihr nicht ganz ohne Befremdung über meinen Vorsatz sein werdet. Kennen wir denn nicht die Glaubenswahrheiten? werdet ihr fragen. Sind wir nicht darin erzogen und unterrichtet? Haben wir nicht oft genug Dich hier darüber sprechen gehört? Hast Du sie denn bisher verschwiegen? Haft Du in so viel Jahren nicht Raum gefunden, Dich darüber auszusprechen? Ist nicht die Bestimmung dieses Orts vielmehr die Erbauung, die Erhebung unsrer Herzen, nach Zeit und Bedürfnis, als die eigentliche Lehre? Ich will das nicht wiederholen, geliebte Zuhörer, was ich schon in meiner vorigen Betrachtung gesagt habe. Es ist kein wirklicher Fehler eurerseits, es ist kein eigentlicher Mangel meinerseits, den ich verbessern will. Ihr kennt die Wahrheit, freut euch derselben, lebt in derselben; ich habe sie immer gesprochen, wenn nicht für alle, wenn nicht immer ganz, doch für die meisten und zur Genüge, so, dass ihr meinen Sinn fassen, und euer Herz Trost und Freudigkeit daraus ziehen konnte. Viele unter euch haben mir das auf eine so rührende als erhebende Weise geäußert. Aber ist euer Glaube wirklich so klar, so fest, so mächtig, so Herz und Geist und Leben durchdringend, als er sein soll? Habt ihr, was ich sagte, und wie ich es sagte, stets so erkannt und empfunden, dass ihr euch dadurch erfüllt mit neuer Kraft des Glaubens fühltet? Ho ihr nie gelesen, gehört, erfahren, was euch irre machte an dem, was ihr für Wahrheit hieltet, oder ich dafür gab? Wenn ihr das alles bei rechtem Nachdenken kaum zu bejahen wagt, so kann es zum Teil an euch, zum Teil an mir liegen; gewiss aber liegt es auch an der Sache selbst. Der seligmachende Glaube ist wohl sehr einfach, und wo er die Seele wahrhaft durchdrang, sehr leicht; aber es würde nicht heißen, er ist nicht jedermanns Ding, er würde nicht der Sendung des Sohnes Gottes bedurft haben, um ihn in seiner vollen Reinheit und Kraft zu erwecken, er würde nicht so vielen fehlen, nicht zu Zeiten bei allen so schwanken, es würden nicht so viel Verbrechen im Namen des Glaubens begangen sein, nicht von manchen so entsetzliche Lästerungen gegen ihn ausgestoßen werden, wenn er ohne alle, wenn er ohne große Schwierigkeiten wäre, ohne solche, die nicht jeder Unterricht, nicht jede Anwendung aufdeckt und hebt. Diese Schwierigkeiten sind es daher, über welche zuerst zu sprechen der Sache und meiner Pflicht gemäß scheint. Lasst uns dazu sammeln durch ein gläubiges Gebet.
Text. Ev. Joh. 16, 16-23.
Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen: denn Ich gehe zum Vater. Da sprachen etliche unter seinen Jüngern unter einander: Was ist das, das er sagt zu uns: Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen, und dass ich, zum Vater gehe? Da sprachen sie: Was ist das, das er sagt, über ein Kleines? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Davon fragt ihr unter einander, dass ich gesagt habe: Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; Ihr aber werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehret werden. Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist. Und Ihr nun habt auch Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Und an demselbigen Tage werdet ihr mich nichts fragen.
In Traurigkeit versunken finden wir hier die Jünger Jesu. Warum? Sie hatten den vollen Glauben nicht; denn wo der ist, kann Traurigkeit und Verzagtheit nicht sein. Ihnen also, die Jesus selbst erwählt hatte, die er liebte, die drei Jahre lang von ihm belehrt worden, die Zeugen seines Benehmens und seiner Taten gewesen waren, ihnen mangelt der Glaube grade in der Stunde, wo er recht kräftig sein soll, grade in der Beziehung, wo sie seiner wesentlich bedürfen. Uns erscheinen sie freilich sehr unverständig, sehr schwachsinnig, sehr kleinmütig. Ob wir an ihrer Stelle anders gewesen wären? Schwerlich. Aber jedenfalls müssen wir durch ihr Beispiel aufmerksam werden. auf die Schwierigkeiten des Glaubens, worüber wir heute nachdenken wollen.
Zuerst aber mag uns unser Evangelium leiten auf die Betrachtung, was Glaube sei. Denn wissen wir das nicht, so können wir unmöglich recht fassen, was der Christliche Glaube, und warum er ein seligmachender sei. Und in Wahrheit, viele irren grade darin recht gröblich, und erschweren dadurch und verderben sich und andern den Glauben. Denn im gemeinen Leben sagen die Menschen, dass sie etwas glauben, was sie nicht recht wissen, und worauf sie selbst keine gründliche Zuversicht setzen; und wenn nun vom Christlichen Glauben die Rede ist, meinen viele, er bedeute auch nichts anders. Daher sagen die einen es ist ja doch nur Glaube, und nehmen sich gar nicht die Mühe, über die christliche Wahrheit recht nachzudenken, weil sie nur Glaube ist. Andre trösten sich wieder da. mit, dass die Religion nur Glaube sei, und suchen so wohlfeil als möglich dazu zu kommen, und sie bloß mit dem Herzen, wie sie es nennen, in ganz unbegründeten Einbildungen, ohne alles Nachdenken aufzufassen. Auf die Einbildungen, ohne alles Erkenntnis kommt es ihnen nicht an, wenn sie nur recht fühlen, recht dunkel, recht gewaltsam, durch religiöse Vorstellungen erschüttert und beschäftigt werden. Noch andre berufen sich darauf, um unter Androhung der Verdammnis einen solchen Glauben abzufordern, den sie den Christlichen nennen; manche aus bloßer eigner Unvernunft und Anmaßung, andre, um die Menschen zu jedem Glauben, und dadurch zu ihren schändlichen und verräterischen Ansichten zwingen zu können. Ach unsre Zeiten, meine Freunde, sind von solchen Ausartungen keineswegs frei; vielmehr arbeiten viele recht emsig daran, die Glaubensgräuel zu erneuern, welche aus solchen Vorstellungen vom Glauben folgen. Ist es nicht das erste Gebot, welches eine mit dem Namen Christi und dem Vorwande des Heiligen Geistes sich deckende berüchtigte Kirchenherrschaft ihren Dienern auflegt, alles zu glauben, was die Kirche befiehlt, es mag mit Vernunft und Schrift übereinstimmen, oder nicht? Dergleichen, meine Freunde, empfiehlt freilich für Verständige und Wohlmeinende den Kirchenglauben, und den Glauben überhaupt nicht: es ist kein Wunder, wenn viele, die ihn nur so kennen, ihn nur verspotten und verachten. Hätte aber ein solcher Glaube, wie doch durch den Glauben an Christum geschehen ist, ohne alle Gewalt, vielmehr gegen die zerstörendste Gewalt, einen solchen Sieg über die Gemüter, über die heiligsten Gewohnheiten gewinnen, sich so tief in das menschliche Denken und Leben einprägen können? So viel ist gewiss, der Glaube, welchen Christus lehrt, ist kein solcher Glaube; das bezeugt unser Evangelium. Denn da sagt er am Schluss von der Zeit, wo die Jünger den Glauben haben würden, der ihnen damals mangelte eure Freude soll niemand von euch nehmen, und an demselbigen Tage werdet ihr mich nichts fragen. Die frohste, über allen Zweifel erhabene Zuversicht also, die, meine geliebten Zuhörer, ist das wesentliche Kennzeichen des Glaubens, ja der Glaube selbst! O wohl etwas Grundherrliches, ja das Höchste und Edelste, ist dieser Glaube! So heißt es im Brief an die Hebräer, K. 11, 1: Der Glaube ist eine Zuversicht des, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht. Wenn nun aber jemand nur halb überzeugt ist von der Wahrheit, oder sie gar aus der Luft greift, oder von andern sich aufdringen lässt, wird er dann nichts mehr fragen? Das heißt, wird er dann nicht stets zweifelhaft sein? Denn wer frägt, der zweifelt. Und gesetzt, es zwänge sich jemand, weil es die Kirche befiehlt, zu glauben, und wenigstens äußerlich nicht mehr zu fragen, wird die frohe Zuversicht in ihm sein, dass niemand seine Freude von ihm nehmen kann? Biel tut freilich die Gewohnheit, oder auch die Furcht bei dem verkehrten Glauben, bei dem Glaubens schlaf; aber das Erwachen ist dann schrecklich. Nein, meine Freunde, nur der Glaube ist der rechte Glaube, der volle frohe Zuversicht des Lebens gibt, und alle Zweifel löset; der den heiligen Geist bringt, und den Mut und die Kraft eines göttlichen Lebens. So spricht wohl jemand: ich glaube an das Herz meines Freundes! Ich glaube an die Liebe meines Gatten! Da will er doch nicht sagen, er sei traurig, er sei zweifelhaft, er vermute bloß, es hätten ihm andre gesagt; sondern die innerlich felsenfeste, über alles Misstrauen, alles Fragen erhabene, unendlich frohe, seligmachende Zuversicht auf das edle, hinreichend erkannte Herz des Freundes oder Gatten hat er im Sinn. So war der Glaube der Jünger in jener Stunde nicht; so sollte er nach der Verheißung Jesu Christi erst werden; so soll der wahre Christliche Glaube stets sein.
Doch eben das, dass dieser Glaube augenscheinlich den Jüngern Jesu fehlte, führt uns zu der Betrachtung der Schwierigkeiten, die ein solcher Glaube hat. Die erste, die gleich in die Augen fällt, liegt in dem Umstande, dass überhaupt der Glaube, wie er sein soll, nur langsam bis zu der Vollendung kommt, wo er ist, was er sein soll, frohe und zweifellose Zuversicht. Er lässt sich nicht von außen geben, nicht einreden, nicht erzwingen, er kommt zu seiner Zeit. Denn warum erklärt Christus in unsrem Evangelium den Jüngern nicht alles weitläufig, was geschehen würde, warum belehrt er sie nicht ausführlich, was er doch am besten vermochte, warum sagt er bloß, der Glaube an ihn werde kommen in froher, seliger, über alle Fragen erhabener Zuversicht? Weil das Lehren doch nichts weiter gefruchtet hätte: es musste noch etwas anders hinzukommen, und bis dahin war es an der Verheißung genug. Deshalb mangelt der Glaube doch nicht ganz, wo er noch ohne Kraft und Sicherheit ist, wie er ja auch den Jüngern nicht mangelte. Ihr halbes Herz glaubte innerlich und lebendig, das halbe nicht. Mit welchem Feuer hatte einst Petrus das Wort ausgesprochen, Matth. 16, 16: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und als so wahr erkannte Christus diesen Glauben, dass er damals ausrief: auf diesen deinen Glauben will ich meine Kirche gründen für die Ewigkeit Denn das ist der wahre Sinn der Worte Jesu, die er damals zu Petrus sprach. Und doch sehen wir Petrus auch hier unter den kleinmütigen, zweifelnden Jüngern, doch lesen wir nicht, dass er etwa eine höhere Zuversicht als: sie geäußert habe, doch floh er späterhin wie alle, und verleugnete sogar ausdrücklich die Bekanntschaft mit dem, welchen er als Sohn Gottes gepriesen. Das kann uns, meine christlichen Freunde, wohl an sich tröstlich sein, wir mögen es nun anwenden auf unsern eignen Glaubenszustand, oder auf den der ganzen Christenheit. Denn von mir selbst zuerst zu sprechen, so habe ich wohl schon in meinem eignen Herzen empfunden, was die Worte Jesu bedeuten: eure Freude soll niemand von euch nehmen, und an demselben Tage werdet ihr mich nichts fragen; ich habe oft schon die volle, frohe, über alle Zweifel erhabene Zuversicht des Glaubens in mir gefühlt; aber es sind doch Stunden gekommen, und kommen noch, wo die Freude des Glaubens zu ersterben, und sein Licht dunkel zu werden schien. Sie kommen seltener, meine Zuhörer, sie gehen schneller vorüber: aber noch ist der Glaube, der meiner Seele als der feste und einige Grund ihres Heils eingeprägt ist, für mein Gefühl nicht immer in gleicher Stärke da. Sollte es bei euch anders sein? Sollte die Freude in Gott in euch ohne alle Störung wohnen? Sollte euch niemals eine Bekümmernis ergreifen, wie hier die Jünger, niemals bei einer schweren Prüfung, einem großen Verlust, euer Herz eine zweifelnde Frage an die dunkle Zukunft und den unsichtbaren Vater tun? O dass ich sie kennte unter euch, die auf dieser Stufe der Vollendung stehn, dass sie mich in ihre Herzensgemeinschaft aufnehmen, und mir vergönnen wollten, durch ihre Kraft die meinige zu verstärken! Aber warum sollte ich es verhehlen, dass ich die volle Zuversicht des Glaubens wenigen unter euch zutrauen kann, vielmehr die Überzeugung habe, sie wanke in den Stunden der Prüfung ebenso, sie sei den Täuschungen, den Lockungen, den Schicksalen des Lebens noch eben so wenig gewachsen, wie bei den Jüngern; es begegne euch nur zu oft noch, was hier diesen begegnete, dass die höhere Wahrheit, welche euch eine kürzere oder auch längere Zeit an durchdringen und zu beleben schien, plötzlich euch gleichsam zu verschwinden droht! Es kann nicht anders sein, meine Freunde; es ist die religiöse Zuversicht die höchste, die allein wahre; sie ist der ursprüngliche und wesentliche Beruf unsers Gemüts; aber eben darum fordert sie Vorbereitung, fordert einen durch Trauer und banges Fragen mürbe gemachten Boden, fordert Zeit, wie bei den Aposteln selbst, wie bei dem ganzen Menschengeschlecht. Denn warum sandte Gott seinen Sohn, und durch ihn das volle Licht des Glaubens nicht eher, als nach soviel tausend Jahren, warum erschien er nicht gleich in dem ersten Geschlecht? Darum, weil ein weiser Vater seinen unmündigen Kindern nicht Männerspeise gibt, nicht Männersinn und Männertat anmutet, obschon es sein väterlicher Wille ist, dass sie Männersinn und Männertat gewinnen sollen; weil er zu ihnen spricht in Bildern, und sie abrichtet im Spiel, und nur mit Weisheit, belohnend oder strafend, sie weiter treibt. Denselben Trost können wir uns geben, in Hinsicht auf den Glaubenszustand unsrer Zeit. Ist der etwa so, dass die religiöse Zuversicht und Ausbildung über alle Sorge und alle Zweifel erhaben schiene? Im Gegenteil, geliebte Freunde, es ist noch gar keiner Aussicht, dass Eine Herde und Ein Hirte sein, und Ein Geist und Ein Glaube, ich will nicht sagen unter allen Menschen, nur unter allen sogenannten Christen herrschen werde. Ja, wenn jemand sich nur an den Augen schein hält, und die Welt des Glaubens nicht wieder mit Augen des Glaubens betrachtet, so könnte ihm wohl ebenso bange werden, als damals den Jüngern. Denn auf der einen Seite baut die Heuchelei und der schändlichste Betrug an einem Tempel, oder vielmehr an einem Zwinger, in welchen alle Christen sollen; auf der andern Seite spielt die Torheit, brüstet sich der Stolz, zankt die Beschränktheit, und scheint die Kirche Christi, die Bewahrerin der Glaubensfreude und Glaubenszuversicht, sich selbst zu zerstreuen und zu zerstören. Und dennoch, meine Freunde, wenn die letzten, einzigen, wahrsten Freunde der Wahrheit flöhen, verleugneten, wie damals die Jünger Jesu; sie flöhen doch nur die Gefahr, sie verleugneten doch nur aus menschlicher Angst; sie könnten doch nicht von ihr lassen, würden sich doch nach ihr sehnen; in den Herzen, wo sie einmal hineinblitzte, ist sie unaustilgbar; sie ist Gottes Licht und Kraft, und kein Menschenwille kann sie vernichten; sie, die in Christo gegebene Kraft des seligmachenden Glaubens, wird siegen, und diese furchtbare und bange Zeit wird sich abermals auflösen in eine solche, wo die Freude am vollen Siege der Wahrheit allgemein und vollkommen sein, und innere Zuversicht auf Gott durch Christum alle Gemüter beseelen wird. Lasst uns nur hoffen, und harren! Aber, gel. Fr., wer möchte sagen, dass das leicht sei? So wahr und herzrührend sagt Jesus. wenn der Mensch zur Welt geboren ist, vergisst die Mutter aller Traurigkeit, die sie hatte in der Geburt und die Hoffnung auf diese Freude stärkt sie im Kampf - aber siegt im Herzen der gebärenden Mutter die Traurigkeit nie, will die schmerzergriffene Seele nicht oft zagen und zweifeln? So ist es mit dem Glauben auch. Er ist die Kraft und Zuversicht des ewigen Lebens, wo er ist; die innere Verherrlichung und Vollendung der Seele; aber doch ist der Kampf um denselben oft so schwer, und hinge er ab vom menschlichen Willen allein, würde er nicht in die Seelen gepflanzt und darin gepflegt durch Gottes Kraft und Gnade, wie oft würde er in Sorge und Zweifel untergehen!
Keineswegs aber ist das die einzige Schwierigkeit des Glaubens, dass er überhaupt erst nach und nach, und unter vielen Wechseln, seine Vollendung erlangt. Auch die Menschen selbst sehen ihm durch eigentümliche Schwächen Schwierigkeiten entgegen, so dass man oft glauben möchte, sie stemmten sich recht freventlich, und ohne alle Vernunft gegen das, was doch allein sie beseligen kann und soll. Dergleichen stellt sich uns an den Jüngern Jesu dar, wenn wir weiter erwägen, woher denn in der Stunde, von welcher unser Evangelium erzählt, ihre Trostlosigkeit, und das heißt so viel als ihre Glaubenslosigkeit, kam. Denn so wie der Unglaube alle höhere Zuversicht wegnimmt, so ist der Mangel an Zuversicht stets Unglaube. Wir sehen nämlich die Jünger in frommen Vorurteilen und in sinnlichen Erwartungen befangen; und deshalb fehlt ihnen der Mut des Glaubens.
Fromme Vorurteile hindern hier die Jünger an der seligen und unerschütterlichen Zuversicht, welche allein Glaube genannt werden kann. Fromm nennen wir mit Recht jede aufrichtige Anknüpfung des Herzens an ein höheres Wesen, mag sie auch nur augenblicklich, oder kindisch sein. Das Kind ist fromm, wenn es die Hände faltet zum Gebet; obschon nur wie ein Kind, so dass es nach Beendigtem Gebet dem Scheine nach vergisst, was es gefühlt, gedacht, getan hat, in Beziehung auf Gott. Und doch ist der Same des Glaubens in sein Herz geworfen, und wird aufgehen zu seiner Zeit! Vorurteil aber nennen wir jede Überzeugung, die wir irgend fest in uns haben, ohne eigentlich zu wissen und angeben zu können, warum wir sie haben. Wo es nun überhaupt am Nachdenken und an der Einsicht fehlt, da finden sich leicht wenn etwa irgendetwas recht lange, recht oft und recht dringend als gewiss und wichtig eingeschärft wird. Fromme Vorurteile, oder solche religiöse Überzeugungen, welche sich bloß oder doch fast ganz darauf gründen, dass sie uns recht früh, und recht oft, und recht herzerschütternd, sind eingedrückt worden, pflegt man wohl in unsern Zeiten Aberglaube zu nennen, und unter diesem Namen überhaupt zu verachten und zu verspotten. Aber mit Unrecht, meine Freunde Denn ohne Aberglauben in gewissem Sinn kommt niemand zum Glauben, und auch die Jünger Jesu würden seinem Rufe nie gefolgt sein, ohne ihren Aberglauben, wenn wir es so nennen wollen. Aberglaube kann Kindeseinfalt sein, Glaubensunschuld, und dann ist er ehrwürdig und heilsam in seiner Art. Schämt euch niemals dessen, was andre vielleicht Aberglauben nennen, so lange euch dieser Aberglaube standhafte Zuversicht, und Willigkeit im Guten gewährt, und ihr die, welche euern Aberglauben verbessern wollen, bei ihrem vermeintlich verständigeren Glauben nicht Gott ergebener und Gott gehorsamer erkennt. Nur durch die Kraft des Heiligen Geistes hat der wahre Glaube in Christo den Aberglauben seiner Zeit überwunden, und nie kann und soll er wahrhaft anders überwinden. Aber der Aberglaube kann freilich auch sehr ausarten, und den Eindruck der Wahrheit lange verhindern. Der Aberglaube, das fromme, früh, vielfältig, und mit äußerlicher Wichtigkeit eingepflanzte. Vorurteil war es, was den Apostel Paulus mit solcher Leidenschaft gegen Christum und die Christen erfüllte, dass er sein lebelang sich dessen schämen musste, die Gemeine Gottes verfolgt zu haben, und sich selbst den größten der Sünder nennt. Die Jünger Jesu, wie sie unser Evangelium darstellt, waren in demselben Aberglauben, denselben Vorurteilen, demselben altväterlichen, unverstandenen, aber heilig geachteten Glauben befangen, und er hatte bei ihnen dieselbe leidenschaftliche und verkehrte Wirkung, als sie ihn gegen den wahren Glauben austauschen sollten. Nur trauerten sie, wo Paulus wütete. Denn dieser wütete für das Gesetz, und für das Vorrecht des Volkes Israel bei Gott, und sie trauerten, weil sie nicht begriffen, wie die Weissagungen von Wiederaufrichtung des Reiches Israel zu einem Reiche der göttlichen Gerechtigkeit und der menschlichen Glückseligkeit durch den sterbenden Messias erfüllt werden. sollten.
Diese Macht aber des frommen Vorurteils, oder des Aberglaubens, ist noch jetzt ein großes Hindernis des wahren Glaubens, und wird es bleiben bis ans Ende der irdischen Zeit. Denn ich wiederhole es, wo niemals Aberglaube war, da ist nie Glaube, wo das Heilige nie dunkel, nie im einfachen Gefühl, nie im kindischen Glauben aufgenommen worden, da wird es niemals zu der Stärke der Wahrheit gelangen, aus welcher die Zuversicht folgt, die allein wahrhaft Glaube ist. Aber je aufrichtiger die Seele, welche so glaubt, wie damals noch die Jünger, aus frommer Scheu und Gewohnheit, umso schwerer wird sie sich losmachen von dem Kinderglauben, und den höheren Glauben, der da erlöst und selig macht, aufnehmen in sich selbst. Aberglaube, m. geliebte Zuhörer, ist es nach unser aller Überzeugung gewiss, wenn die Bekenner einer bekannten, sich die Christliche Herrschaft zueignenden Kirche glauben, man könne in keiner andern Kirche selig werden, und die Vorsteher dieser Kirche hätten die Gewalt von Gott, nach ihrem Gefallen die Menschen an seiner himmlischen Gnade Anteil nehmen zu lassen, oder nicht. Und zwar ein höchst verderblicher Aberglaube, wo er in einem heftigen, ehrgeizigen, oder gar falschen Gemüt wohnt, ein Aberglaube, der manchen Saulus, manchen Herodes, manchen Kaiphas erzeugt hat, und noch erzeugt! Über den die Christenheit einst trauern wird, wie Paulus über seinen verkehrten Glaubenseifer, der ihn trieb zum Hohn und zur Bluttat gegen die Wahrheit selbst! Denen jedoch, welche in dieser Kirche die höhere Wahrheit, den nicht durch Menschenwillkür, sondern durch Gottes Gnade seligmachenden Glauben zu erkennen anfingen, ist es stets so gegangen, und geht es noch so, wie den Jüngern damals in ihrer Traurigkeit: das Alte scheint ihnen so gewiss und heilig, dass es ihnen für das, was ihnen als dessen Vollendung dargeboten wird, ganz an Zuversicht und Mut fehlt. Sie glauben gegen Gott zu sündigen, indem sie der Stimme seines Sohnes folgen, weil sie weder den Vater recht kennen, noch den Sohn. So hat ja Luther, dieser Gottbegeisterte Held des wahren Glaubens, selbst in großer Angst und vielem Zweifel geschwebt, eh' er fest und freudig wurde in der echt evangelischen Wahrheit. Aber lasst uns ja nicht wähnen, meine Freunde, es sei solcher Aberglaube, der den wahren Glauben erschwert, ja wohl verfolgt, nur in der Kirche zu finden, welche sich anmaßt, die allein seligmachende zu sein. Dort wird er nur durch Alter, Gewohnheit und absichtliche Kunst der Überredung und der Sinnenerschütterung vorzüglich gestärkt. Der Aberglaube ist nur die Keimhülle des wahren Glaubens, und wir müssen alle diese Hülle erst zersprengen, um in diesem zu leben, um dahin zu gelangen, dass unsre Freude niemand von uns nehme, und wir nach nichts mehr fragen. Der innere Mensch muss mit Schmerzen geboren werden, wenn die Zeit der himmlischen Wonne über sein Leben kommen soll. Es gibt noch viel Buchstabendienst, Buchstabenfurcht, Buchstabenhoffnung, auch unter uns, viele, welchen die hellere Wahrheit nur Traurigkeit und Zweifel bringt auch viel törichte Eiferer für den Namen des Evangeliums, manchen Saulus, manchen Herodes, manchen Kaiphas, auch in der Evangelischen Kirche! Es wird der Geist der Wahrheit nicht begriffen, er wird gefürchtet, er wird gehasst von vielen!
Sinnliche Erwartungen kamen dazu bei den Jüngern Jesu, um ihnen die reine Auffassung und die volle Zuversicht des Glaubens zu erschweren. Sinnliche Erwartungen werden überhaupt von dem frommen Vorurteil begünstigt und erregt, weil dieses Vorurteil, oder der Aberglaube, eben darin besteht, dass das äußerliche, sinnliche Bild der Wahrheit mit der Wahrheit selbst verwechselt wird, wie die Jünger und alle Juden damals das äußerliche Reich-Israel mit dem Reiche Gottes verwechselten. Aber doch können auch diese Erwartungen mehr für das Ganze, oder mehr für die eigne Person aufgefasst werden. Diese legte Art der sinnlichen Erwartungen meine ich hier. Die Jünger Jesu hofften nicht bloß, er solle Israel erlösen, sie hofften insbesondre selbst dabei als seine Freunde auch zu hohen Ehren und Lebensglück zu gelangen. So fragte Petrus einst was wird uns dafür, die wir alles verlassen haben, und Dir nachgefolgt find? So stritten sie sich ein andermal, wer der erste im Himmelreich sein sollte. Sie waren noch weit entfernt von den Tugenden der Demut und der Liebe, die jeder kennt, jeder schätzt, und doch nur wenige recht kennen und recht besitzen. Wir, geliebte Freunde, dürfen sie deshalb nicht verachten, oder gar uns über sie erheben. Es liegt so in der Art des Menschen, eh' er recht vom Glauben, und durch den Glauben vom Geiste Gottes durchdrungen wird, dass er auch bei sonst guter Meinung, und offenem, ja edlem Gemüt, sich selbst nicht vergessen kann, sich vielmehr immer verlieren zu können fürchtet, immer etwas zu wünschen und zu verlangen hat, und eben darum immer fürchtet und zweifelt. Auch kann es nicht anders sein. Denn was ist der Mensch, so lange er nicht mit ganzer Seele auf Gottes Liebe sich gegründet fühlt? Ein Blatt, das von jedem Sturme losgerissen werden kann, ein Bettler am Tore der Natur, der nur von Almosen lebt, ein bloßer Schatten seines eignen Lebens. Er ist eben darum lauter Sorge, lauter Furcht, lauter Unruhe, lauter Leidenschaft, trotzig im Glück, verzagt im Unglück, mutig ohne Vernunft, ergeben, nur wenn und weil er muss. Diese Ungewissheit über sich selbst, dieser Wechsel von Furcht und Verlangen ist es eben, was der Glaube in jedem Herzen überwinden soll, auch überwinden kann; aber es muss doch diese unruhige Selbstsorge und Selbstbegierde überwunden werden, und alles, was überwunden werden soll, stemmt sich mehr oder weniger lange und ernstlich gegen seinen Überwinder, so lange es ihn noch nicht als seinen eigentlichen und einigen Wohltäter erkannt hat. Von diesem Zustande sagt Paulus mit voller Wahrheit fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott. Und Johannes: habt nicht lieb die Welt, und was in der Welt ist, denn, wer die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Es ist ganz gleich, ob unser fleischlicher Sinn, und unsre Weltliebe, auf der Erde, oder im Himmel bei Gott Befriedigung sucht: der vollen Wahrheit nach ist dann immer noch Feindschaft gegen Gott, oder mangelt wenigstens die rechte Liebe des Vaters. So war es damals bei den Jüngern. Und möchte, meine Freunde, der wahre seligmachende Glaube in uns und überhaupt nie größere Hindernisse der Art treffen, als in den Jüngern zu der Zeit, wo sie tiefbetrübt waren, weil ihre sinnlichen Hoffnungen getäuscht schienen! Denn sie, die Jesus selbst erwählt hatte, waren gewiss nicht so fleischlich gesinnt, so vom Geist der Welt erfüllt, dass ihr ganzes Herz für nichts andres Sinn und Trieb gehabt hätte, als für ihr eignes gehofftes Wohlsein. Sie ehrten Gott, sie liebten Jesum, sie nahmen Teil an Volk und Vaterland: sie wollten nicht gegen Gott, nicht auf Unkosten Jesu, nicht für sich allein gewinnen; ihre Erwartungen, ihre Wünsche kamen nur mit besonderer störender und irreleitender Lebhaftigkeit und Begehrlichkeit dazu; sie dachten und fühlten, wie alle Menschen, auch die besten, denken und fühlen, so lange das Licht der Wahrheit sie noch nicht ganz durchdrungen hat. Sie irrten und fehlten, und darum zagten und zweifelten sie. Wo aber statt des Irrtums sündliche Leidenschaft sich ins Spiel mischt, wo die Sorge für sich selbst und die Begierde für sich selbst die ganze Seele füllt, da verwandelt sich alles, auch die ewige Wahrheit, in berückenden Schein, und der selbe Glaube, welcher zur frohen und unerschütterlichen Zuversicht führen soll, zeigt sich dann als selbstzerstörender Wahnsinn, oder als teuflische Wut. Trieb nicht der verkehrte Glaube daran, dass sie das erwählte Volk Gottes wären, derselbe Glaube, welcher die Jünger so unverständig, trägen Herzens und zaghaft machte, bis sie die göttliche Gnade in vollem Licht erkannten, trieb nicht jener Glaube die Juden an, den ihnen gesandten Erlöser selbst und seine Jünger zu töten, und zu meinen, sie täten Gott einen Dienst daran, einen Dienst, den er ihnen reichlich vergelten würde? Gingen sie nicht in ihrer selbstsüchtigen Glaubenswut so weit, dass sie den Anfänger und Vollender des wahren Glaubens kreuzigten? Nicht anders, geliebte Freunde, wirkt noch heut zu Tage der Glaube, durch Christum selig werden zu können, bei allen, die sich die Seligkeit nur im gemeinen menschlichen Sinn als ein unendliches Gnadengeschenk denken, welches Gott nach seiner Willkür austeilt und äußerlich zufallen lässt. Manche wollen sie in der Stille erzwingen, durch Beten, Singen, Kasteien, und zagen und klagen immer vor Gott, weil sie innerlich selbst fühlen, es sei nichts mit all' ihrem Treiben um die Seligkeit. Andre machen sich einen Glauben, beten davor an, wie vor einem Götzen, und verfolgen mit Feuer und Schwert alle, die nicht auch davor anbeten wollen; denn sie fühlen es wohl, dass sie keine Wahrheit haben, und wollen es nun ersehen durch den Schein der Wahrheit, durch die Menge der Bekenner. Noch andre locken die arme einfältige Menge mit dem Sinnenbilde der Seligkeit, oder schrecken sie wohl auch mit dem Sinnenbilde der Verdammnis, dass sie aus Begierde oder Furcht ihnen zu Willen dient, und sich ihrer Lüge und Habsucht mit Dank und Freude Preis gibt. Kein höheres Wort in der Heiligen Schrift, welches so nicht in Frevel oder Unsinn verwandelt werden könnte; keine noch so heilvolle Lehre, die nicht so ein Pfuhl des Verderbens werden könnte! Kein Frevel ist so abscheulich, keine List so teuflisch, keine Gewalt so barbarisch, dass sie Menschen sich nicht erlaubten, welche nach der Seligkeit nur so lechzen, wie das Tier nach seinem Fraß, das Raubtier nach seiner Beute. Und selbst da, wo sie teilnehmend scheinen, sind diese Seligkeitskrämer nur selbstsüchtige Betrüger. Denn sie tun zwar, wie Jesus von den Pharisäern sagt Matth. 23, 15: sie umziehen Land und Wasser, sie schmeicheln, sie überreden, sie erschrecken, sie drohen, sie schenken und nehmen, um für den angeblich seligmachenden Glauben einen Genossen zu gewinnen, der, wenn er es worden, von Glaube und Seligkeit oft noch entfernter ist, als sie; aber sie tun es nicht um die Seele zu erretten, nicht um des armen, unwissenden, verirrten, verderbten Bruders willen, sondern um sich selbst in der irdischen Kirche einen Ruhm, und im Himmel eine Stufe der Seligkeit zu verdienen. Darum zerstören und bauen, töten und verschonen, segnen und fluchen, hassen und lieben sie, mit ganz gleichem Sinn und gleicher Beflissenheit: denn sie führen die Ehre Gottes und Christi, und das Heil der Menschheit nur im Munde; in ihrem Herzen wohnt nur der blinde und taube Götze ihres eignen Seelenhungers.
O fromme Jünger, selbst in der Schwachheit und Verzagtheit eures Glaubens; dass euch alle glichen, die euch Heilige nennen, und nach der Ehre geizen, so genannt zu werden! Ja so ist es, geliebte Freunde, der Glaube, welcher wahrhaft selig macht, welcher frohe und feste Zuversicht gibt, ist nicht leicht, ist nicht jedermanns Ding, wie die Schrift sagt. Er wird nicht im Fluge, nicht in einem Gelübde, nicht im bloßen Unterricht, nicht im kirchlichen Bekenntnis, gewonnen; langsam durch wandelt und verwandelt er das Herz; und eh' er es ganz erfüllt und belebt, scheint er oft völlig verschwunden zu sein. Ein falscher Wortglaube, ein vermeintes Heiligtum, eine altväterlich geerbte Ansicht, kann ihm lange und ernstlich widerstehen, selbst dann, wenn der edlere Sinn der Wahrheit, der rechte Christussinn zu erwachen beginnt, und Rechthaberei und Selbstsucht das Herz nicht leidenschaftlich erfüllen. Ganz aber wird Herz und Sinn für diesen Glauben verschlossen durch jede fleischliche Neigung und Erwartung; er dringt gar nicht eher ein, als bis die Seele ihrer äußeren Nichtigkeit gewahr wird, und einsieht, dass Gottes Gnade dem wahrhaft demütigen und liebevollen Herzen unendlich mehr schenkt, als es nach seinen irdischen Gedanken je wissen, erstreben, und durch irdische Tugend und Frömmigkeit verdienen kann, und dass vor ihnen keine Auszeichnung gilt und kein Verdienst, die es sein wollen nur für sich selbst. Das, meine Freunde, zeigen uns nicht nur so entsetzliche Ausartungen des vermeintlichen Christlichen Glaubens; Ausartungen, welche vielen einen Grund geben, vor dem Wort Glaube und Kirche so zu erschrecken, wie der Gläubige sich entsetzt vor dem Gedanken eines ungläubigen und irreligiösen Menschen: wir sehen an den Jüngern selbst, wie langsam und schwankend sich der Glaube bei ihnen gebildet, wie sehr das angeerbte fromme Vorurteil, und die sinnliche Erwartung und Sorge ihnen denselben erschwert hat. Aber grade ihr Beispiel ist uns das erfreuliche Zeugnis, dass ein aufrichtiger, wenn gleich noch schwacher Sinn, die Wahrheit endlich findet. Und mit einem solchen Sinn, meine Freunde, lasset uns die Grundwahrheiten des seligmachenden Glaubens ins Auge fassen: mit der Bescheidenheit, der Vorsicht, dem Ernst, aber auch mit der Freudigkeit, welche der Erkenntnis gebührt, an welche Gott die Teilnahme an seinem ewigen Reich, an seiner eignen göttlichen Herrlichkeit und Vaterliebe geknüpft hat. Denn der himmlische Vater, der die Seele berufen hat zu dem seligen Glauben an seine ewige Vaterliebe, der hat auch die Mittel gegeben, ihn zu finden, der wird ihn jedem gewähren, der ihn ernstlich und mit unermüdeter Treue sucht, wie sein Sohn in seinem Namen verheißen hat: Bittet, so wird euch gegeben, sucht, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan. Amen!