Kähler, Carl Nikolaus - Moses in Christo - VIII. Selig sind, die da geistlich arm sind
Gnade sei mit euch, und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo. Amen.
Diogenes stellte sich einst auf eine Höhe und rief: Menschen, kommt her zu mir! Da nun viele kamen, sah er sie an und sprach: Ich habe euch nicht gerufen. - Du hast uns nicht gerufen? Riefst du denn nicht: Menschen kommt? - Ja, ich habe Menschen gerufen, Ihr aber seid keine; denn Ihr lebt nicht nach der Vernunft, sondern nach der Begierde. - Christen, stellt euch nun vor, ein Prediger stiege auf die Kanzel und spräche: Ihr Armen, kommt her zu mir! Er meinte die geistlich Armen, die von Herzen Demütigen. Da stellten sich nun viele um ihn herum, also dass die Kirche voll würde. Wie nun? müsste auch er dann sagen: ich habe euch nicht gerufen, denn ihr seid nicht arm, sondern reich und satt und bedürft nichts? In der Tat, es gibt der geistlich Armen nicht viele, Unzählige stehen in dem Wahn, sie gehörten zu den neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Es ist mancherlei Betrug in der Welt, wie Jeremias sagt, Kap. 9: Sie fleißigen sich darauf, dass einer den andern betrüge, und ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können. Aber das ist ausgemacht, der Mensch wird von Niemandem mehr und schrecklicher betrogen, als von sich selbst. Wie viele mögen z. B. wohl unter euch sein, die da meinen, ihre Sache in Betreff der Seligkeit stehe gut, ihr Weg, den sie gehen, sei der richtige, ihr Glaube, den sie haben, sei der seligmachende, ihr Haus, darin sie wohnen, sei bestellt, ihre Rechnung, die sie mit Gott haben, sei abgeschlossen, ihre Saat, die sie zu beschaffen haben, sei bestellt, kurz alles sei in bester Ordnung, so dass in dieser Rücksicht der Tod kommen könne, wann er wolle. Ich sage euch aber, es ist dies Ales Blendwerk und Betrug. Was schwarz ist, das sehen sie an, als wäre es weiß, was bitter ist, das kommt ihnen vor, als wäre es süß. Sie halten sich für gerechtfertigt und stehen doch unter dem Fluch; sie meinen auf dem richtigen Wege zu gehen und wandeln doch auf der Straße, die zur Verdammnis führt. Liebe, öffnet doch eure Augen, dass ihr euch nicht selbst betrügt. Denn hier handelt sichs nicht um einen Schilling oder Taler, der verloren geht, hier handelt sich's um der Seelen Seligkeit, die auf dem Spiele steht. Gingen euch über den Betrug, den ihr euch selbst spielt, die Augen erst im Tode auf, das wäre schrecklich; denn ihr könntet dann nicht umkehren und den Weg durchs Leben noch einmal gehen. Daher bitte ich euch, forscht fleißig in der Schrift, in der Predigt und wo ihr sonst könnt, welches der Weg zum ewigen Leben sei. Dann untersucht, ob ihr auf diesem Wege seid. Findet ihr, dass ihr nicht darauf seid, so kehrt lieber heute als morgen, lieber in dieser als in der er nächsten Stunde um, und tretet auf den evangelischen Weg. Ich will euch namentlich auf eins aufmerksam machen, ohne welches ein Christ nicht selig werden kann. Was das sei? Christus möge es sagen.
Matth. 5, 3.
Das ist es, die Demut, oder wie der Herr es nennt, die geistliche Armut. Zwei Predigten habt ihr bereits über diesen Text gehört, heute folgt die dritte.
Selig sind die geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.
Dies Wort zeigt uns: 1. die Pforte, durch die wir treten. 2. den Weg, auf dem wir gehen. 3. das Ziel, wonach wir trachten sollen.
1.
Selig sind die geistlich Armen. Wer ist arm? Dem es an Allem fehlt, der keine Kleider hat, kein Brot, kein Geld, dem Jakob gleich, der nichts hatte als einen Stab, da er über den Jordan ging. So der leiblich Arme. Wie nun? will Christus, dass auf ähnliche Weise die Seele arm sein soll an geistlichen, an himmlischen Gütern? Selig sind die Armen, das hieße: Selig sind die, denen es an Glauben fehlt, an Liebe und Hoffnung, die keinen Gott haben, keinen Erlöser, keinen Geist, die ohne Gerechtigkeit sind, ohne Friede und Freude? O Lieben, wenn Christus das sagen wollte, das wäre ein rechtes Evangelium für die Welt. Damit könnte man in die Gaststuben und in die Tanzsäle und auf die Jahrmärkte gehen und die Leute würden sich um das Evangelium stellen, wie sie sich um die Marktorgel stellen. Aber das ist nicht gemeint. Der sollte selig zu preisen sein, dessen Seele gleich einer Hagar irre geht in der Wüste bei Bersaba, ohne Speise und Trank, und je ärmer die Seele, desto seliger wäre sie zu preisen? Das sei ferne! Deswegen ist ja eben Christus in die Welt gekommen, dass wir durch ihn reich würden. Fordert er nicht Luk. 12, dass wir sollen suchen reich zu werden in Gott? Dankt nicht der Apostel Paulus Gott, dass seine Korinther durch Christum an allen Stücken reich geworden sind, an aller Lehre und an aller Erkenntnis, 1. Korinth. 1, 5? Betet nicht Paulus für uns, Phil. 1, dass unsere Liebe je mehr und mehr reich werde in allerlei Erkenntnis und Erfahrung? Preist nicht Jakobus die, welche im Glauben reich sind und Erben des Reichs? Und doch sagt Christus: Selig sind die geistlich Armen. O da zeigt er uns eben die Stelle, wo wir anfangen müssen zu graben, wenn wir wollen Gold und Silber finden. Er will sagen: ist es euch darum zu tun, Christen zu werden und durch das Christentum in den Himmel einzugehen, so müsst ihr vor allen Dingen erkennen, dass ihr in eurem natürlichen Zustande elend und jämmerlich seid, arm, blind und bloß. Er zeigt uns die Pforte, durch die wir eintreten sollen ins Christentum. In seiner Predigt steht das Wort: Selig sind die Armen, obenan. Das ist gegen die Gewohnheit der Welt. Die fängt meistens ihre Predigt an mit dem Lob der Reichen. Sie preist die Würde unserer Natur, wie wir doch über die Tiere und über alle unvernünftigen Kreaturen so hoch erhaben und die Krone der Schöpfung seien, und wie Alles darauf ankomme, dass wir dieses unsers vornehmen Standes uns bewusst würden. Nein, sagt Christus, das geht nicht. Wer etwas werden will, der muss zunächst erkennen, dass er nichts ist, nichts hat und nichts kann, dass er bettelarm ist an den himmlischen Gütern und davon auch keinen Dreiling im Vermögen hat. Das ist eine bittere Arznei: wer mag sie einnehmen? Freilich, wie könnte Christus sonst auch sagen: die Pforte ist eng, und wie käme es sonst auch, dass die Menschen zu Millionen durch die weite Pforte gehen auf den breiten Weg: Unser Verstand, unser Wille, unser Herz, unser ganzes natürliches Wesen sträubt sich gegen diese Erkenntnis und das Bekenntnis einer solchen Armut. Wir bilden uns alle ein, dass wir viel Vermögen haben, und selbst ein zerlumpter Bettler, der die Verdammnis in sich trägt, wenn ich ihn anrede und ihn bitte, in sich zu schlagen und das Verderben zu erkennen, darin er geht, ist höchst erstaunt und fragt: Bin ich denn ein schlechter Mensch? So geht es mit ihm, so geht es mit uns Allen. Auch wenn wir noch gar keine Gemeinschaft haben mit Jesu Christo, noch gar nicht die Gerechtigkeit kennen, die er uns erworben hat, noch gar nicht seinen Frieden und seine Freude geschmeckt haben, will es uns gleichwohl vorkommen, als ob es ganz gut um uns stände und als ob der Weg, den wir gingen, der grade Weg in den Himmel wäre. Unsere Sünden verkleinern wir und machen Mücken aus Elefanten; unsere Tugenden vergrößern wir und machen Elefanten aus Mücken. Tausend Dinge, mögen es Gedanken oder Worte oder Werke sein, die das Christentum verdammt, sehen wir als gleichgültige Dinge, als Kleinigkeiten an und machen wohl gar aus der Sünde eine Tugend. Wir bekennen wohl, dass wir alle fehlen und irren, aber das ist nur die Einleitung in unser Lob und ohnehin setzen wir unsere natürliche Schwachheit Gott auf die Rechnung und sagen, er hat uns so geschaffen. Dagegen preisen wir laut und heimlich unser gutes Herz und zählen die guten Werke, die wir tun. Der Sechsling, den wir dem Landstreicher geben, die Schnitte Brot, die wir der armen Frau reichen, der Fleiß, den wir auf die Sorge für unsern Leib verwenden, das Vaterunser, das wir mitunter hersagen, der Gang, den wir von Zeit zu Zeit in die Kirche tun, der Brocken geistlicher Nahrung, den wir aus dem Katechismus gesammelt haben, dies und dergleichen mehr kommt uns als ein großer Reichtum vor. Es geht uns wie den Armen, die etwa einen Gulden an sich gebracht haben und nun Wunder meinen, wie reich sie seien und ihren Bettel des Tags wohl zehnmal zählen. Sagt, Christen, ist es nicht so? Wohin man blickt und die Gedanken schickt, da sind arme Leute in Menge: aber wo ist das Gefühl ihrer Armut? Rechtfertigen sie sich nicht alle selbst? Dünken sie sich nicht alle reich zu sein? Wie oft muss es der Prediger hören, dass die Leute sagen, wir haben Gott und sein Wort gelernt, und ist gleichwohl wenig oder nichts davon bei ihnen zu finden. O, Christen, die Sache hat einen großen Ernst. Ich sage euch und berufe mich auf unsern Text: wollt ihr selig werden, so müsst ihr eingehen durch die enge Pforte der geistlichen Armut. Weg mit aller Entschuldigung, mit aller Selbstrechtfertigung. Hier ist kein Unterschied, wir sind allesamt wie die Unreinen, und unsere Gerechtigkeit ist wie ein unsauberes Kleid, wir sind allesamt verwelkt wie die Blätter und unsere Sünden führen uns dahin wie ein Wind. Das müsst ihr erkennen, das müsst ihr fühlen, sonst ist es unmöglich, dass ihr euch zu dem Satz bekennt: Es ist in keinem Andern Heil als in Christo, und zu dem, was der Herr selbst sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Noch nie hat ein Pharisäer wahrhaftig an Christum geglaubt.
Das Wort „Selig sind die geistlich Armen“ zeigt uns
2.
die Pforte, durch die wir treten sollen. Aber wie? gilt dies Wort bloß für den Anfänger im Christentum? Ist's genug, dass wir geistlich arm sind, damit wir Christen werden, und brauchen wir nicht mehr geistlich arm zu sein, wenn wir Christen geworden sind? Fast scheint's, als ob es sich so verhielte. Geistliche Armut macht uns zu Christen; sind wir aber Christen, sind wir erst durch Christum reich gemacht an Glauben und Erkenntnis und Tugend, dann hört natürlich die Armut, also auch das Gefühl und Bekenntnis der Armut auf, dann wandeln wir in unserm Christentum, wie in einem Garten Gottes, und können uns freuen über die schönen Blumen und Bäume, und über die herrlichen Früchte, die dort auf den Bäumen wachsen. Die geistliche Armut ist das A B C im Christentum; sind wir darüber hinaus und haben nun später Schätze der christlichen Erkenntnis und Tugend in uns angehäuft, so geht uns das A B C nichts mehr an, sondern wir lächeln darüber, wie über ein kindisches Ding. Steht die Sache so? Nein, liebe Christen, das Wort: Selig sind die geistlich Armen, zeigt uns nicht nur die Pforte, durch die wir treten, sondern auch den Weg, auf dem wir gehen und fortwandeln sollen bis an unsern Tod. Sei Jemand ein noch so guter Christ, sei er ein Paulus, ein Jakobus, ein Johannes, die reich geworden sind durch Christum, so müsst ihr euch gleichwohl das Leben eines solchen Christen nicht zu paradiesisch denken. Er hat wohl seine Hochzeit gefeiert mit dem Lamm und in seinem Hause ist, wenn er Christum hat, Brot die Fülle; aber es geht in dieser geistlichen Ehe, wie es in der leiblichen Ehe geht: da wechseln die guten Tage mit den bösen, da wechselt der Überfluss mit dem Mangel ab. Heute Brot, morgen Not, heute Freudentränen, morgen Kummertränen. Wer wird mehr angefochten, als ein Christ? Da kommen manchmal Tage, ja ganze Monde, wo sein bisheriges Christentum zu einem Traum und Christus für ihn zu einem Gespenst wird. Der Glaube geht aus wie ein Licht, das auf den Leuchter niedergebrannt ist, und mit dem Glauben erlischt das Gefühl der göttlichen Gnade. Er fühlt keine Kraft in sich, dem Teufel zu widerstehen, der ihn versucht, und nicht einmal sein Herz und seine Hand erheben kann und mag er, nicht einmal beten zu seinem Gott und Erlöser. Gleichgültig gegen das Evangelium, das ihm sonst so teuer war, geht er seines Weges fort, oder wenn er nicht gleichgültig ist, so ist er desperat wegen seines erbärmlichen Zustandes, oder wenn er nicht desperat ist, so ist er verzagt und verwünscht mit Hiob die Stunde seiner Geburt. So weit lässt ihn Gott kommen und vielleicht noch weiter, ein, zwei, drei Schritte in eine schändliche Übertretung hinein, damit er doch ja nicht stolz werde auf seinen Reichtum, damit er doch ja im Gefühl und Erkenntnis seiner geistlichen Armut bleibe. Doch auch davon abgesehen, soll gleichwohl die geistliche Armut der Weg bleiben, auf dem wir fortwandeln bis an unsern Tod. Hat dich Christus reich gemacht in allen Stücken, so soll dich das nicht aufblähen, stolz und sicher machen. Sieh davon ab, was du bist, und denke daran, was du gewesen und woher du gekommen bist. Wie bist du doch so arm gewesen! Du gehörst zu den Leuten, zu denen der Herr sandte, da er zu seinem Knechte sprach: Gehe hin auf die Landstraßen und hinter die Zäune und rufe, wen du findest. Lieber, wenn du daran denkst, wie es früher um dich stand, da du noch nicht an der königlichen Tafel saßt; wenn du bedenkst, durch welche Irrtümer und Sünden du gegangen bist, wie manche Stunde, wie manchen Tag, wie manches Jahr du verloren hast, bevor du dich besannst, bevor du in dich schlugst und dich aufmachtest zu Christo: muss dir da nicht sein wie Paulo, dem immer unbeschreiblich wehmütig ums Herz war, wenn er an seine Vergangenheit dachte, und der dann unter allen Sündern sich den größten nannte? Ach, so oft wir anfangen, stolz zu werden, lasst uns sofort an unsere frühere Armut und an die Zeit denken, wo Gott, wenn er nicht gnädig gewesen wäre, uns tausendmal mit Leib und Seele hätte in die Hölle verdammen können. Und könnte er es nicht noch jetzt? Ach ja, wie sind wir doch immer noch so schwach! Wie können wir das Korn auf unserm Felde betrachten, ohne das Unkraut zu bemerken, dass noch überall zwischen dem Korn steht und wuchert? Wenn wir auch täglich hingehen, es auszureißen, so wächst doch neues täglich nach. Du fürchtest Gott, aber nicht so, dass dir die Haut schaudert, Psalm 119. Du glaubst an Christum, aber nicht so, dass du mit deinem Glauben wie mit einem Schwert immerdar die Welt überwindest. Du liebst deinen Erlöser, aber nicht so, dass du seiner Liebe Alles opfern, dass du um seinetwillen wie Elisa Ochsen und Pflug stehen lassen könntest. Du hast ein reines Herz bekommen, aber nicht so, dass nicht tausend sündliche Gedanken, Wünsche und Neigungen noch immer einen freien Zugang hätten zu deinem Herzen. So in allen Dingen. Des Christen Herz ist wie die Stube, worin er wohnt; fällt das Sonnenlicht hinein, so sieht er eine Wolke von Sonnenstäubchen darin schweben. Lass das evangelische Licht in dein Herz fallen und nimm den Besen der Buße in deine Hand, so fangen die Sünden an, in deinem Herzen sich zu bewegen, und du siehst ihrer so viele wie Sonnenstäubchen in deiner Stube. Der natürliche Mensch sieht davon nichts, denn er wohnt in der Finsternis; aber je mehr einer ein Christ ist, desto mehr sieht er es und fühlt es und bleibt geistlich arm sein Leben lang. Nun heißt es: Nicht dass ichs schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, dass ich's ergreifen möge, Phil. 3. Denk auch darüber nach, was zu werden deine Bestimmung ist. Alles was du bist, ist noch gar nichts gegen das, was du werden sollst. Wo du hinsiehst, da ist nichts als Spinnweben, wie in eines armen Mannes Hause. Es soll aber besser werden, es muss; statt stille zu stehen und zurückzuschauen, musst du vor dich hinblicken und laufen, dass du das Kleinod erlangen mögest. O Lieber, wenn du das Alles tust; wenn du bedenkst, was du gewesen bist; wenn du bedenkst, was du jetzt noch bist; wenn du bedenkst, dass du, was du Gutes bist, von Gottes Gnaden bist; wenn du bedenkst, was vor dir liegt und du hast es noch nicht ergriffen: zeigt dir dann das Wort, selig sind die geistlich Armen, nicht den Weg, den du gehen sollst bis an deinen Tod?
3.
Und wenn du es tust, zu welch einem herrlichen Ziel führt dich dieser Weg! Auch das Ziel, wonach wir trachten sollen, zeigt uns das Wort unsers Textes: Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Die Seligkeit - nicht wahr? soll unser aller Ziel sein. O dass sie es wäre! Aber wie viele gibt es nicht, wie viele selbst unter den Christen, deren kleinste Sorge es ist, selig zu werden! Sie haben mit der Welt und mit dem, was in der Welt ist, vollauf zu tun. Sie halten sich an das Sichtbare und suchen darin ihr Glück zu machen, so gut sie können. Denken sie denn gar nicht an ihrer Seelen Seligkeit? Die, meinen sie, falle ihnen von selber zu. Christen, lasst uns doch einmal die Seligkeit näher ansehen, unser Text wirft ein Licht darauf. Was ist die Seligkeit? Ein Jenseitiges, sagt ihr, ein Zukünftiges. Nein, spricht unser Text, das ist sie nicht. Wohl ein Jenseitiges, ein Zukünftiges, aber nicht bloß ein solches, sondern auch ein Diesseitiges, ein Gegenwärtiges. Ihr irrt euch, wenn ihr meint, von der Seligkeit komme in diesem Leben nichts vor; vielmehr sollt ihr wissen, wer nicht schon selig wird in diesem Leben, der wird es auch in jenem Leben nicht. Viele stellen sich die Seligkeit vor wie das große Los, das Jemand in der Lotterie gewinnt. Er ist in dem einen Augenblicke arm, und in dem nächsten ist er reich, wenn er das große Los gewinnt. So, denken sie, sei der Mensch gar nicht selig, so lange er lebt, aber wenn er sterbe, so falle mit dem Sterben die Nummer aus dem Rade und von da an sei er selig und bleibe es in Ewigkeit. Also ein so Zufälliges, ein so Plötzliches, so mit Einem Mal über uns Kommendes wäre die Seligkeit? Nein, sie ist ein Baum, der nicht gleich fertig dasteht, sondern aus einem Keim allmählig sich entwickelt und so nach und nach immer höher wächst und mit jedem Jahre neue Zweige und Blätter bekommt. Christen, das ist eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit. Wenn es so um die Seligkeit steht, so müssen wir wahrlich Sorge tragen, dass sie schon jetzt Wurzel in uns fasse und ein kleiner Baum in uns werde. Geschieht das nicht und lassen wir die Sache auf sich beruhen, bis wir sterben, so wird keiner von uns selig. Wie steht es nun um dich? Wächst schon die Seligkeit, wie ein junger Baum, in dir? Ach, wie traurig, wenn du durch deinen Irrtum dich um die Seligkeit betrögest, und wenn es dir ginge, wie den fünf törichten Jungfrauen, die kein Öl in ihren Lampen hatten, und als sie nun an die Tür des Bräutigams kamen, das Wort hören mussten, ich kenne euch nicht. Fange doch jetzt endlich an, dich mit Ernst um deine Seligkeit zu bekümmern. Du hast der Welt lange genug gedient um ihre schöne Rahel, so tritt nun in die Fußstapfen des Jakob im Alten Testament. Nachdem derselbe über vierzehn Jahre in des Laban Diensten gewesen, redete er seinen Schwiegervater also an: Ihr wisst, dass ich euch nunmehr über vierzehn Jahre treue Dienste geleistet habe, Tag und Nacht, früh und spät, Sommer und Winter. Ich habe fast wenig Schlaf und Ruhe gehabt, sondern stets mit größter Sorge euer Interesse wahrgenommen. So gestattet mir nun, dass ich einen Abschied mit euch mache, denn es ist billig, dass ich auch einmal sorge für mein Haus. So Jakob. tue wie er, mache deinen Abschied mit der Welt, der du so lange gedient hast, es ist billig, dass du auch einmal sorgest für deine Seele. Oder macht dich der Gedanke sicher, dass die Seligkeit ein Glück sei, das Jedermann zufalle, wenn er stirbt? Nein, spricht unser Text, der Himmel ist nicht eine Gaststube, in die jeder hineinlaufen kann, der da will. Wer hat euch denn gesagt, dass die Himmelstür für Jeden offen stehe? Das ist eine Teufelslehre, an die ihr nicht glauben müsst. Die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, die Hungrigen und Durstigen, die Barmherzigen, die Reinen, die Friedfertigen, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, werden selig, die andern nicht. Haltet euch für heute besonders an das Wort: Selig sind die geistlich Armen. Das klingt allerdings etwas sonderbar. Arm und selig, wie reimt sich das zusammen? Aber doch ist es so, die geistlich Armen werden selig und sind es schon. Frage nur deine eigene Erfahrung, so wird sie dich lehren, dass das eben keine Seligkeit war, wenn du sprachst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts. Aber wenn du deine Armut und Nichtigkeit erkanntest, und bekanntest sie vor Gott; wenn du dein Nichts einsahst und sprachst wie der Zöllner im Evangelium: Gott sei mir Sünder gnädig; wenn du in deiner Armut durchbohrendem Gefühl dich vor den Stufen des göttlichen Thrones niederwarfst und batest Gott um Gnade: o wahrlich! nie standst du der Seligkeit näher, als eben dann. Und wenn du auch nicht sofort eine große Freudigkeit in dir spürtest, so konntest du dich gleichwohl damit trösten, dass Christus solche Armen seligpreist. Sie sind selig, spricht er, wenn sie's auch nicht fühlen; ich sage es, und auf mein Wort mögen sie es glauben. Von den Pharisäern, die sich selbst rechtfertigen, will ich nichts wissen; die geistlich Armen aber nehm' ich und mache sie selig. - Oft aber ließ dich Christus die Seligkeit empfinden, die mit der geistlichen Armut verbunden ist. Wenn du als ein demütiger Zöllner zu ihm tratst, da fühltest du dich gerechtfertigt durch sein Blut, da schmecktest du seinen Frieden und seine Freude. Darum sagt Christus auch: das Himmelreich ist ihr; denn was ist das Himmelreich anders, als Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist? Nun, lieber Christ, so geh' denn durch die Pforte, die Christus dir heute zeigt, und wandle auf dem Wege, den er dir vorschreibt. Auf diesem Wege erreichst du das Ziel, wonach du streben sollst. Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.