Kähler, Carl Nikolaus - Moses in Christo - XIII. Selig sind, die da hungert und dürstet
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo! Amen.
„Selig sind, die da hungert und dürstet“, fährt Christus weiter fort. Da ist ein Hunger und Durst der Seele gemeint. Aber wie kann die Seele hungern und dürsten? Da müsste sie ja einen besonderen Körper haben, verschieden von dem äußerlich sichtbaren Körper und doch wiederum ihm gleich. Hat sie den? Allerdings! Es ist mehr als ein Bild, wenn ich von der Seele sage, sie habe ein Auge, ein Ohr, sie habe eine Hand, einen Fuß, sie wache und schlafe, sie esse und trinke, sie sei lebendig oder tot. Stephanus steht den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes sitzen. Mit welchen Augen? frage ich. Doch nicht mit den Augen des Leibes? Nein, denn unser Leibes-Auge vermag nicht, wenn es emporblickt, den Himmel und Christum im Himmel zu sehen. Stephanus hätte auch bei verschlossenen Augen den Himmel offen gesehen. War's denn ein bloßer Schein? ein Gebilde der erhitzten Einbildungskraft? Gewiss nicht: was er sah, das war eine wirkliche Sache. Also die Seele hat ein Auge. -
Weiter. Paulus ward entzückt ins Paradies und hörte unaussprechliche Dinge. Mit welchen Ohren? Doch nicht mit den Ohren des Leibes? Paulus weiß selbst nicht, ob er im Leibe gewesen, oder nicht. Und doch hörte er etwas, und was er hörte, das war eine wirkliche Sache. So muss denn die Seele auch ihr Gehör haben. Das hat sie, und hat ihr Gefühl, wodurch sie Eindrücke empfängt von Gott, von den Engeln, von der unsichtbaren Welt, wie durch den Leib Eindrücke von der Außenwelt. In Summa, wie der Körper seine Sinne hat, so auch die Seele; ihr Leib ist ähnlich dem Bau des Leibes. So ist auch die Seele wie der Leib fähig, Speise zu sich zu nehmen, sie isst und trinkt und das ist ein Zeichen ihres Lebens; fehlt ihr aber das Verlangen nach Speise und Trank, isst und trinkt sie nicht, so ist's ein Zeichen, dass sie krank oder gar tot ist. Das Essen und Trinken der Seele hat ganz ähnliche Gesetze, wie das des Leibes; sie kann sich überladen mit Speise, sie kann sich berauschen mit Getränk, das ist geistige Unmäßigkeit, vor der man eben so sehr, wie vor der leiblichen, sich hüten soll. Gesunde Nahrung fordert die Seele, fordert sie zu ihrer Zeit und nicht im Übermaße, damit sie verdauen könne, was sie isst. Merkwürdige Ähnlichkeit hat das Verdauen der Seele mit dem Verdauen des Leibes. Nun, Christen, es ließe sich über die Ähnlichkeit der Seele und des Körpers noch vieles sonst sagen, aber das Gesagte sei genug. Es ist kein bloßes Bild, wenn Christus sagt, die Seele isst und trinkt. Wollt ihr mir das aber nicht abnehmen, so bleibe es bei der gewöhnlichen Erklärung, da man sagt: die Seelen sehen, ob sie gleich keine Augen haben; sie hören, ob sie gleich keine Ohren haben; sie ergreifen, ob sie gleich keine Hände haben; sie hungern und dürsten, ob sie gleich keine Magen haben; sie essen und werden gesättigt, ob sie gleich keinen Mund und Zähne haben. Denn der Seele Sehen ist Erkennen, ihr Hören Erfahren, ihr Ergreifen Glauben, ihr Hungern und Dürsten ist brünstiges Verlangen, ihr Essen, Trinken und Gesättigtwerden ein Erlangen dessen, wonach sie verlangt. Nun hört das Wort Christi in der 4. Seligpreisung,
Matth. 5, 6: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.
Wenn Christus einen Menschen speisen und tränken will, so ist das erste, was er tut, dies, dass er ihn in die Wüste schickt, wo weder Speise noch Trank zu finden ist, so wie Gott der Hagar erst dann einen Brunnen zeigte, als sie dem Verschmachten nahe war in der Wüste bei Bersaba. Daher verheißt denn auch Christus in unserm Texte nur denen die Sättigung, die einen Hunger und Durst haben. So sei unser Thema:
Des Christen Hunger und Durst.
Wir betrachten
1. den Mangel, den er voraussetzt;
2. die Speise, die er sucht;
3. die Stärke, die er hat;
4. die Mittel, zu denen er greift, und
5. die Sättigung, die er findet.
1.
Wo Hunger und Durst ist, da ist ein Mangel, der empfunden, eine Leere, die gefühlt wird. Wollt ihr einen Menschen sehen, der diesen Mangel fühlt, so betrachtet den verlorenen Sohn, Luk. 15. Alles, was er gehabt, hatte er verloren, hatte es mit Prassen umgebracht. Da fing er an zu darben und ging hin auf den Acker, die Säue zu hüten, und schlug in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben und ich verderbe im Hunger! Wo Hunger ist, da ist Mangel. Der Hungrige begehrt Speise, weil er in sich einen Mangel fühlt. So ist es im leiblichen Hunger und Durst, so im geistlichen Hunger und Durst ebenfalls. Soll in dir ein Verlangen entstehen nach Christo und nach seiner Gerechtigkeit, so musst du vor allen Dingen wissen und fühlen, dass dir etwas fehlt, was weder du dir geben kannst, noch sonst irgendjemand in der Welt dir geben kann; dass dir etwas fehlt, was in Kurzem da sein muss, wenn du nicht verderben, nicht umkommen sollst. Darum preist Christus die Armen selig. Denn wo Armut ist, da ist Mangel und wo Mangel ist, da ist Hunger und Durst. Die Reichen, welche satt haben und nichts bedürfen, kennen den Hunger nicht. Ach, dass sie ihn kennten! - Christen, ich rede von der Seele und von ihrem Mangel. Ist noch Jemand unter euch, der sich lässt dünken, er sei reich und habe satt und bedürfe nichts? der mir jene Frage entgegen hält, Matth. 19: Was fehlt mir noch? Was dir fehlt? Dir fehlt Gott. Denn den liebst und fürchtest du nicht, du hast zu ihm keine rechte Zuversicht, kein Vertrauen; dir fehlt Lust und Liebe, Kraft und Vermögen zum Guten; deine Gerechtigkeit ist ein unflätiges Kleid, ist verwelkt wie ein Blatt im Herbst, und deine Sünden führen dich dahin, wie ein Wind; dir fehlt Gottes Gnade, du stehst unter seinem Zorn und bist ein Kind des Todes, wenn nicht bald dein Mangel gedeckt wird. Erkennst und fühlst du das? Und wenn du es nicht fühlest, so gehörst du zu denen, über welche Christus ein Wehe ausruft, Luk. 6: Wehe euch, die ihr voll seid, denn euch wird hungern. Ja, euch wird hungern, sobald die Welt aufhört, euch ihren Tisch zu decken. Noch sitzt ihr an diesem Tische, esst, trinkt und sprecht: Wohlauf, lasst uns wohlleben, weil's noch geht, und unsers Leibes brauchen, weil er noch jung ist. An eure Seele denkt ihr nicht, der es an Allem fehlt. Ach, wie soll's werden, wenn ihr nun nicht mehr an den Welttisch euch setzen, nicht mehr aus ihren Schüsseln essen, aus ihren Bechern trinken könnt! Wenn ihr aus der Welt hinaus und hinübertretet in das Jenseits vor das Angesicht des heiligen und gerechten Gottes! Da werden plötzlich die Vollen leer, da werden die Reichen arm, da werden die Könige Bettler. Da spricht, der noch gestern herrlich und in Freuden lebte, zum Lazarus: Tauche das Äußerste deines Fingers ins Wasser, und kühle meine Zunge, denn ich leide Pein. Wehe euch, die ihr voll seid, denn euch wird hungern. Wie? Christen, ihr wolltet warten, bis dieser ewige Hunger über euch kommt, für den es kein Brot, dieser fürchterliche Durst, für den es kein Wasser mehr gibt? Ach, dass es in meiner Macht stände, euch nur auf Einen Augenblick in die Ewigkeit hinein und dann wieder in die Welt zurückzuführen! Ich wollte euch dann die Hölle aufschließen, und euch die zeigen, die früher waren, was ihr jetzt seid, nun aber hungert und dürstet sie, nun leiden sie Pein. Ein einziger Blick, auf das Elend jener Verzweifelnden geworfen, würde euch treffen, wie ein Blitz und euch durch Mark und Bein dringen. Ihr würdet nicht mehr so ruhig, so sorglos sein, wie ihr seid, ihr würdet nicht mehr sprechen: Was fehlt mir noch? Aber kann ich euch auch nicht in die Hölle führen, so kann ich euch doch warnen und sprechen: hütet euch, dass ihr nicht auch kommt an diesen Ort der Qual! kann euch bitten und vermahnen: erkennt doch euren handgreiflichen Mangel an Allem, was euch not tut, die Seele zu erretten im Gericht. Die jetzt einen brennenden Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit Gottes, für die hat es auch einst eine Zeit gegeben, wo sie keinen Mangel, keine Leere in sich wahrnahmen, wo sie meinten, es stände gut um sie, und sie hätten Alles, was zum Leben gehört in dieser und jener Welt. Nun sind sie aus ihrem Irrtum erwacht, nun sehen sie die Flecken auf dem Kleide und den Mangel auf dem Tisch ihrer Seele, und weil sie diesen Mangel sehen, so strecken sie die Hände aus nach Christo, dass, der komme und ihren Mangel decke und ihren Hunger und Durst stille. Wollt denn ihr in eurem Fatum1) verbleiben? Erkennt, dass ihr elend und jämmerlich seid, arm, blind und bloß. Geht durch die enge Pforte der Armut, des Leidtragens, der Sanftmut, die sich euch öffnet. Wo Hunger ist, da ist ein Mangel, den man fühlt.
2.
Den fühlen wir, hör' ich euch sagen. Wirklich? Nun, dann werdet ihr ja auch Speise suchen für euren Hunger Betrachten wir zweitens die Speise, die der Christ sucht in seinem Hunger und Durst. Unser Text sagt: es ist die Gerechtigkeit. „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit.“ Was ist denn diese Gerechtigkeit? wo finden wir sie? Ist sie in uns, ist sie außer uns? Wer hätte denn je, wenn ihn hungerte, die Speise in sich gefunden? Christen, wie Speise und Trank nicht etwas in uns selber ist, sondern etwas außer uns, das der Mensch in sich aufnimmt, so dass ihm nichts so nahe und eigen wird, als was er isst und trinket: so auch die Gerechtigkeit, von der Christus redet in unserm Text. Sie ist nicht etwas in uns. Oder was in dir sollte es sein, womit du deinen Mangel decken, deinen Hunger stillen könntest? Dein eigenes Verdienst? deine eigene Gerechtigkeit? Wie? du wärest wirklich der Meinung, dass du aus und durch dich selber könntest vor Gott gerecht werden? So viele gebrochene Gelübde liegen hinter dir, so viele verschwendete Kräfte, so viele verlorene Stunden; dein Gut hast du verloren, hast eine Schuld von zehntausend Pfund: und doch berufst du dich auf deine eigenen Mittel, womit du sie bezahlen willst? Versuch es einmal auf dem Wege der eigenen Gerechtigkeit, das heißt nichts anders, als die Pferde hinter den Wagen spannen. Du kommst damit wohl weiter, aber nicht weiter vorwärts, sondern weiter zurück. Erwähle dir deinen eigenen Weg, arbeite und laufe dich auf demselben müde. Sprich im Herzen so: Ich weiß, dass mir Vieles mangelt, aber ich will sehen, dass ich mir's erwerbe. - Recht so! wie nun weiter? Ich will mich losreißen von den Fesseln der Sünde, will mäßig, keusch und züchtig sein. Ich will tätig sein für mein und der Meinigen Wohl, will arbeiten früh und spät, will nicht ruhen, will nicht rasten, bevor ich es dahin gebracht habe, dass ich hinaus treten kann in die Welt mit der Frage: Nun, was fehlt mir noch? Hab' ich's dahin gebracht, dann zeige ich Gott mein Herz, meinen Wandel vor und spreche: Hier ist die Gerechtigkeit, die mir fehlte. Lieber, du redest ja, als wenn du ein Simson wärest, der Löwen erschlagen und Stadttore auf die Berge tragen kann. Du redest ja, als ob kein Christus wäre, der uns erlöst hat, erworben, gewonnen mit seinem heiligen teuren Blut. Dein Weg ist nicht der, den uns Christus zeigt, Matth. 5. Wer erkannt hat die Höhe und die Tiefe, die Länge und die Breite seines Elends, wer geistlich arm ist und trägt Leid über seine Sünden und beugt sich mit einem sanftmütigen Herzen unter das Wort Gottes: sollte der noch meinen, dass er durch sich selber könne gerecht und selig werden? Nein, er wird sich nicht selbst den Weg bahnen und pflastern wollen, der zum ewigen Leben führt, sondern den Weg gehen, den ihm Christus bereitet hat. Die Gerechtigkeit, die er sucht, wird dies sein, dass er durch den Glauben an Christum, den Gekreuzigten, Vergebung erlange, und ein Kind Gottes werde. Er wird sagen: Christus ist hie, der gerecht macht, Christus mit seinem Leiden und Sterben, dadurch er mich erlöst hat. Was ich nicht bezahlen kann, das bezahlt er: alle Schuld wird mir erlassen, wenn ich zu ihm hingehe und spreche: Herr, hilf mir und sei mir Sünder gnädig. Was ich nicht kann, das kann er: ich vermag nichts durch mich selber, aber ich vermag alles durch Christum, der in mir Schwachen mächtig ist. Was ich nicht weiß, das weiß er; sein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Das ist meine Gerechtigkeit, dass ich Christum habe, der mich gerecht macht. Wie ich das leibliche Brot esse und es mir zu eigen mache, so dass es in mein Fleisch und Blut verwandelt wird: so habe ich Christum mir zu eigen gemacht, seine Versöhnung, sein Verdienst, sein Wort. Was Er hat, das habe ich auch, was Ihm gehört, das gehört mir auch. Klagt mich mein Gewissen an und erinnert mich an meine Schuld; so trotze ich und spreche: die Schuld ist bezahlt, die Sünde kann mich nicht mehr verdammen, denn Christus hat sie mir erlassen. Kommt das Gesetz und zeigt mir meinen unvollkommenen Gehorsam, so weise ich auf Christum hin, der gehorsam war bis zum Tode. Ist alles, was sein ist, mein, so gehört auch sein Gehorsam mir, und das Gesetz kann mich nicht verdammen, weil es ihn nicht verdammen kann. Kommt der Tod und zeigt mir das Gericht, in das er mich führen will: gut, sage ich, hier bin ich, lieber Tod, und fürchte mich weder vor dir, noch vor dem Teufel, noch vor dem Jüngsten Gericht. Denn zwar würde ich euch drei fürchten müssen, wie drei Löwen, welche kämen, mich zu zerreißen, falls ich nichts hätte, als mein eigenes Werk: aber ich habe Christum, der ein Herr ist über Tod, Teufel und Gericht, der wird mich vor ihnen beschützen. -
Seht, Christen, das ist die Speise, die wir suchen, das ist die Gerechtigkeit, nach der uns hungern und dürsten, das der Weg, den wir gehen sollen. Was sagt ihr dazu? Ein bequemer Weg, hör' ich euch antworten, ist das; kann man auf diesem Wege gerecht und selig werden, dann wird mans ja in einem Augenblick, in demselben Augenblick, wo man an Christum gläubig wird. Ihr habt Recht, man wird's in demselben Augenblick, und dieser Weg ist allerdings tausendmal bequemer, als wenn man sich die Seligkeit mit eignen Händen bauen und kein Brot essen will, als das, welches man selbst verdient. Aber auf diesem Wege wird man nicht satt, sondern arbeitet sich vergebens ab, wie jener Sisyphus, von dem die heidnische Fabel erzählt, er wälze einen großen Stein auf einen hohen Berg, und so oft er nahe am Gipfel sei, rolle der Stein wieder herunter und der Mann arbeite ewig umsonst. So arbeitet auch ihr umsonst, wenn ihr durch euer eigenes Werk und Verdienst selig werden wollt. O, versucht es einmal anders, geht den Weg des Glaubens, den ich euch eben gewiesen habe. Ihr habt Recht, dieser Weg ist bequem, aber in dem Sinne nicht, wie ihr es vielleicht meint. Denn wer durch Christum gerecht worden ist, der hat nicht die Freiheit, zu tun und zu lassen was er will, sondern er muss nun hernach auch tun, was recht ist, und was der Herr sein Gott von ihm fordert, wie Johannes sagt 1, 3: Wer recht tut, der ist gerecht. Christum seinen Erlöser nennen, und ihn hoch erheben, das ist noch nichts Besonderes. Auch die Türken halten viel von Christo, und selbst unter den Gottlosen sind Manche, die gerne einen Christum haben wollen, der sie vor der Verdammnis bewahre, und doch sausen sie täglich das Unrecht in sich, wie Wasser. Nein, so ist's mit der Gerechtigkeit Christi nicht gemeint. Du magst die Krone der Gerechtigkeit leiden, die dir Christus zeigt: liebst du aber auch den Weg und den Kampf der Gerechtigkeit? Ist das dein Wünschen und Sehnen, dass Christus nicht nur den Fluch, sondern auch die Herrschaft der Sünde von dir nehme? dass du durch ihn immer besser, immer vollkommener werdest, und immer mehr die Welt überwindest und dich selbst? Das ist die Speise, wonach der Christ sich sehnt in seinem Hunger und Durst.
3.
Findet sich bei dir ein solches Sehnen, das ein Hunger und Durst genannt werden könnte? Christus sagt: Selig sind, die da hungert und dürstet. Betrachten wir drittens die Stärke, die dieser Hunger und Durst haben soll. Der Hunger bedeutet ein Verlangen, das man hat. Verlangt dich nach der Gerechtigkeit? Ich kann nicht umhin, dich noch einmal zu erinnern an das mehrerwähnte Wort Luk. 6: Wehe euch, die ihr voll seid! Es gibt leider unter den Christen nur gar zu viele, die ein Verlangen nach der Gerechtigkeit gar nicht haben. Ihnen wird das Wort Gottes gesagt, aber sie stoßen es von sich und achten sich selber nicht wert des ewigen Lebens. Sie wohnen in dem Jerusalem, worüber Christus weint und spricht: Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt. Zwar, ohne allen Hunger und Durst ist kein Mensch; aber wie groß ist das Heer der Gergesenischen Säue, die nur auf der Weide der Welt gehen, nach dem Gelde einen Appetit haben, nach der Ehre, nach der Freude, nach dem Wohlleben, aber nicht nach dem Reiche Gottes, welches ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist! Solche Seelen sind krank oder tot; denn wer keinen Appetit mehr hat zu essen und zu trinken, der ist krank oder wohl gar dem Tode nahe. Selig sind die da hungert und dürstet. Der Hunger bedeutet ein Verlangen, ein starkes Verlangen. Was ist stärker als Hunger und Durst? Gab nicht Esau seine Erstgeburt hin, da ihn hungerte, und sprach zu seinem Bruder: lass mich kosten das rote Gericht, denn ich bin müde? Der Hungrige schont seiner selbst nicht. Heftiger noch ist der Durst. Nun gar Hunger und Durst zusammen, da mag's wohl heißen, Ps. 107: „Hungrig und durstig und ihre Seele verschmachtet.“ Ein Hunger nun soll sich bei den Christen finden, und was noch mehr ist, ein Durst, und was noch mehr ist, ein Hunger und Durst. Findet sich das bei dir, lieber Christ? Ist dein Verlangen nach der Gerechtigkeit bloß ein lauer, kalter Wunsch, dass du sagst, ich hätte wohl Lust, ich möchte wohl, weiter aber kommt es nicht mit dir? Da gleichst du wahrlich jenem Tagelöhner, der sich an einem heißen Sommertage aufs Grüne hinstreckte und sprach: Ach, wenn dies Arbeiten wäre! Ja, wenn dein Müßiggehen Arbeiten, dein Tanzen Knien, dein Lachen und Scherzen Beten und Singen, deine Wollust Buße, deine Welt-Freundschaft Gottes Freundschaft wäre, so wäre dir um und um geholfen. Nun aber bist du jener Faule, von dem Salomo sagt, Spr. 21: „Er stirbt über seinen Wünschen, denn seine Hände wollen nichts tun.“ Du sprichst, wie jener Mann, Spr. 22: „Es ist ein Löwe draußen, ich möchte erwürget werden auf der Gasse.“ Du bist, wie jener Fuhrmann, der, da sein Wagen tief im Koth steckte, rief: Ach Zeus, hilf den Wagen herausziehen! und wollte doch seine Hand nicht an die Axt legen und schieben. Du drehst und wendest dich in deinen tausendfachen Wünschen und guten Vorsätzen, wie eine Tür in der Angel, und zuletzt bleibt's immer beim Alten. Der geringste Kampf ermüdet dich, die geringste Gefahr jagt dich, wie die Maus einen Elefanten. O, fange doch einmal an mit Ernst zu trachten nach dem ewigen Leben. Der Hungrige ist bereit, alles zu tun und zu leiden, um nur gesättigt zu werden; er überwindet alle Gefahr und Hindernisse, wie Josephs Brüder, da der Hunger sie nach Ägypten trieb; der Hungrige gibt ganze Hände voll Geld um ein Stück Brot, wie bei der Belagerung Samariens, wo man 80 Silberlinge gab für einen Eselskopf. Der Hungrige greift begierig zu, wenn ihm die Speise geboten wird, und wenn er sie kostet, so wird sein Verlangen nur umso heftiger, und er isst und trinket bis er gesättigt ist. Findet sich denn bei dir ein so heftiges Verlangen nach der Gerechtigkeit? Bist du bereit, alles zu tun und zu leiden, um nur Christum zu gewinnen? Scheust du kein Hindernis, das deinem Glauben im Wege steht? Überwindest du alles, wirfst du alles weg, verleugnest du alles um Christi willen? wie Paulus sagt, Philip. 3: Ich achte es alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntnis Jesu Christi und achte es alles für Dreck, auf dass ich Christum gewinne, und in ihm erfunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Jesum Christum kommt. Steht's so um dich, lieber Christ? Wenn Gott nun rufet und spricht, Jes. 55, 1: Wohlan, alle, die ihr hungrig seid, kommt her, und die ihr nicht Geld habt, kauft und esst, kauft ohne Geld und umsonst, beides, Wein und Milch: greifst du da zu und nimmst mit Freuden an, was er dir bietet? Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit. Dieser Hunger und Durst bedeutet ein Verlangen, ein heftiges Verlangen, ein tägliches Verlangen. Du isst dreimal am Tage, einundzwanzig mal in der Woche und Tausend und fünfundneunzig mal im Jahre; wie oft treibt dich der geistliche Hunger, zu essen von dem Brot der Gerechtigkeit? Denke nicht, wenn du dann und wann ein frommes Verlangen fühlst, dass das könne ein Hunger und Durst genannt werden. Auch einen ungerechten und gewinnsüchtigen Bileam kommt bisweilen eine Lust an, und er spricht: Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten. Auch ein König Agrippa hat Stunden, wo er spricht: Es fehlt nicht viel, du überredest mich, dass ich ein Christ werde. So Bileam, so Agrippa, und auch uns kommt bisweilen eine fliegende Hitze an, da fährt ein Seufzer aus unserer Brust, da rufen wir: Ach Gott! da bekennen wir unsere Sünden, da greifen wir zu einem Buch, oder was sonst geschehen mag. Ist das Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit? Nein, es währt nur einen Augenblick, dann verschwindet es wieder auf ganze Wochen, auf ganze Monde, bis wir endlich von Neuem einen Gesang lesen, eine Predigt hören, ein Gebet sprechen. Wähnet doch nicht, dass damit der Sache genug getan sei. Hunger und Durst kehren täglich wieder, und mehr als einmal täglich. So soll auch dein Verlangen nach der Gerechtigkeit täglich wiederkehren, ja in all' deinem Denken und Tun soll der Grundton jenes Verlangen sein. Am Morgen, wenn du aufstehst, soll dein erstes, am Abend, wenn du zu Bette gehst, dein letztes Verlangen nach oben gehen. Der Wunsch, die Sehnsucht: Ach, dass du ganz mein wärest, teurer Erlöser, und ich ganz dein wäre! soll dich aus der Nacht in den Morgen, aus dem Morgen in den Tag, aus dem Tage in den Abend und in die Nacht, soll dich aus der Jugend in das Alter und aus dem Leben in den Tod begleiten. Dies Verlangen, dies eifrige, dies beständige, fordert Christus, wenn er spricht: Selig sind, die die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.