Kähler, Carl Nikolaus - Moses in Christo - XII. Selig sind die Sanftmütigen

Kähler, Carl Nikolaus - Moses in Christo - XII. Selig sind die Sanftmütigen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo! Amen.

Es ist oft behauptet worden: Christus nehme seinen Freunden, was sie hätten, und belohne sie dafür mit leeren Verheißungen. Es sei ein elendes, jämmerliches Ding um einen Christen, wenn er ganz nach dem Willen seines Meisters sich verhalte: er verliere dann die Welt mit ihrer Herrlichkeit, verliere die Freude des Lebens, verliere sogar sich selbst, und sein einziger Trost sei die Hoffnung auf eine ungewisse Zukunft. - Was sollen wir nun sagen, ist das wahr? Es scheint wirklich so, als ob Christus uns Alles nehmen wollte. Denkt nur an unsern Text, Matth. 5: „Selig sind die geistlich Armen.“ Da nimmt er uns das, worauf wir bisher so stolz waren, das Verdienst unserer Werke, und will uns nicht gestatten, dass wir uns irgendeines Werkes rühmen sollen. „Selig sind, die da Leid tragen.“ Da schließt er uns das große Welttor zu, durch welches die Menschen gehen, um sich zu freuen und fröhlich zu sein. Dagegen zeigt er uns einen Weg, auf dem wir viel Leid finden und viel Dornen der Trübsal und sollen uns davon stechen lassen, so lange wir leben. „Selig sind die Sanftmütigen.“ Da nimmt er uns die Waffen aus der Hand, die uns die Natur in die Hand gab, und reicht uns dafür den Stab Sanft, an den wir uns lehnen sollen. Er will, wir sollen ohne alles Widerstreben uns in sein Wort, seinen Willen, seine Fügung schicken und, den Menschen gegenüber, die uns reizen, necken, beleidigen, schaden, verfolgen, sollen wir ganz ruhig uns verhalten und lieber alles Mögliche Ungemach über uns ergehen lassen, als zu Zorn, Vergeltung, Rache und dergleichen unsere Zuflucht nehmen. Wie? sollen wir denn der Amboss sein, worauf die Welt ihr Eisen schmiedet? In der Tat, es ist, als ob Christus uns Hände und Füße bände. Was gibt er uns nun zur Entschädigung? Er preist uns selig und verheißt uns sein Himmelreich, seinen Trost. Ach, könntet ihr denken, wie schlecht werden wir da abgefunden! Verheißungen, nichts als Verheißungen! Sollen wir dafür hingeben, was wir haben? Besser ein Sperling in der Hand, als eine Taube auf dem Dache. So könntet ihr denken; aber ihr tut wohl, wenn ihr nicht so denkt. Für das, was Christus euch nimmt, gibt er euch so viel wieder, dass der Verlust mit dem Gewinn in gar keinen Vergleich zu stellen ist. Dies euch zu beweisen, wird mir sehr leicht. Denkt bloß an das Wort, worin Christus uns zur Sanftmut auffordert. Diese Sanftmut führt mit sich einen so großen Segen, dass er gar nicht mit einem irdischen Maß zu messen ist. Betrachten wir diesen Segen näher. Unser Text lautet,

Matthäi 5, 5: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Das ist der erste Text im N. T., der eine leibliche Verheißung hat. Eine andere irdische Verheißung findet sich Matth. 6: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ „Sie werden das Erdreich besitzen.“ Das Erdreich? Das ist ein dunkles Wort. Die Erklärer dieser Stelle drehen sich und wissen nicht, wie sie diese Verheißung fassen und deuten sollen. Doch das Dunkle schrecke uns nicht. So oft uns in der Schrift eine dunkle Stelle vorkommt, müssen wir denken, dass hinter dieser Wolke eine helle Sonne leuchtet. Wir betrachten nun den Segen der Sanftmut.

Denn

Selig sind die Sanftmütigen.

1. ihr Herz ist eine Wohnung Gottes;
2. ihr Haus eine Wohnung des Friedens;
3. sie gehen den Weg zum zeitlichen Glück;
4. die Erde ist ihnen untertan;
5. sie haben die Aussicht auf ein künftiges Reich der Herrlichkeit.

1.

Selig sind die Sanftmütigen. Wie? Die Sanftmütigen selig? Leute, denen ihre Sünden im Gewissen aufgedeckt sind, dass sie sich nicht allein vor Gott, sondern auch vor den Menschen verbergen möchten? Leute, denen der Zorn Gottes wie ein Wurm im Gewissen nagt, und denen die Welt oft so eng wird, dass sie nicht wissen, wo sie hinfliehen sollen? Leute, die vor Gott stehen als vor einem unversöhnlichen Richter mit Zittern und Zagen, weil ihr Herz sie verdammt? Leute, denen alle Sprüche aus Gottes Wort Pfeile und Schwerter sind, die ihnen durchs Herz fahren? Leute, die über jede Kreatur, die sie ansehen, erschrecken und denken müssen: das ist wieder etwas, das über mich hat seufzen müssen? Leute, die sich nicht nur unter Gott beugen, sondern auch unter die Menschen, mit dem Bekenntnis: wir sind geringer, denn sie alle? Leute, die gescholten werden, und schelten nicht wieder und wenn man ihnen einen Streich auf den rechten Backen gibt, auch den linken hinhalten? Das sind die Sanftmütigen, die Christus meint, und die preist er selig? Die Kinder der Welt fliehen schon vor der bloßen Beschreibung, die man von den Sanftmütigen macht, und dennoch sollen sie selig sein? Ja, Christen, sie sind's. Die Sanftmut macht ihr Herz zu einer Wohnung Gottes. Es ist kein anderer Weg, auf dem Gott zu uns kommt, und wir zu Gott kommen, als demütige Sanftmut und sanftmütige Demut, die sich ohne alles Widerstreben unter Gottes Wort, Willen und Schickung beugt, und sich von ihm anfassen lässt, wie weicher Ton, woraus er ein Gefäß bildet, welches und wie er will. Die Unglücklichen, die sich wider Gottes Wort setzen, die Halstarrigen, die Gottes Geboten Trotz bieten, die Unzufriedenen, die mit ihrem Schöpfer hadern, die Zornmütigen, die immer ihre Zunge bereit halten, wie einen gespannten Bogen, um ihn gegen ihren Widersacher abzuschießen; die Zank- und Streitsüchtigen, die feindselig Gesinnten und Rachsüchtigen; kurz, die nicht sanftmütig sind, weder gegen Gott noch gegen Menschen, deren Herz ist ein unruhiges Übel, ist eine Diebs-Wohnung, ist ein empörtes Meer, ist eine Landstraße voll Gauner, ist ein wilder Jahrmarkt, ist eine Teufels-Kapelle. Willst du aber, dass Gott in dir wohnen soll, so ziehe alles Widerstreben, allen Zorn, alle Feindschaft aus wider Gott und Menschen, werde demütig und von Herzen sanftmütig. Gott wohnt nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, nicht im Sturm, sondern im stillen sanften Säuseln. Je tiefer du hinabsteigst in dein Nichts, desto näher kommst du Gott, desto näher kommt Gott dir. Gott spricht Jes. 6, 6: „Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meine Fußbank; was ist es denn für ein Haus, das ihr mir bauen wollt? Und welches ist die Stätte, da ich wohnen soll? Meine Hand hat Alles gemacht, was da ist, spricht der Herr? Ich sehe aber an den Elenden und der zerbrochenen Herzens ist.“ Da hört ihr's aus dem Munde Gottes selbst, dass er sich zu seiner Wohnung ausersehen hat das Herz derer, die Christus die Sanftmütigen nennt in unserm Texte. Selig sind die Sanftmütigen. Ja, sie sind's, denn Gott hat seine Wohnung in ihnen gemacht; wo aber Gott wohnt, da ist Seligkeit. Was schadet's nun, dass Gott sie klein macht und demütigt, da er sie nachher wieder groß macht? Was schadet's, dass er sie, wie Jakob, in den Kampf führt und ihnen die Hüfte lähmt, da er es bloß tut, um sie zu segnen? Was schadet's, dass er eine Weile sich zornig gegen sie stellt und hart mit ihnen redet, wie Joseph mit seinen Brüdern, da sein Herz zu ihnen sagt: Ich bin euer Vater? Selig sind die Sanftmütigen, ihr Herz ist eine Wohnung Gottes.

2.

Wir wollen nun das Herz der Sanftmütigen verlassen und einmal einen Besuch machen in ihrem Hause. Oder sollen wir zuerst in ein solches Haus gehen, wo nicht die Sanftmut, sondern der Zornmut wohnt? wo wir Menschen finden, die nicht nur mit ihrem Schöpfer hadern; sondern auch unter sich in Zank und Streit leben? Ach, welchen Unfrieden treffen wir dort! Der Gatte will nicht, was die Gattin, die Gattin will nicht, was der Gatte will, der Vater ist erbost und schilt das Kind, das Kind flieht mit ergrimmtem Herzen vor dem grimmigen Vater, der zornigen Mutter. Der Herr tritt mit finsterer Miene und Scheltwort zu dem Knecht, der, des Tobens endlich müde, ausbricht in Zorn wider seinen Herrn. Die Hausfrau waltet nicht mit sanftmütigem Herzen in ihrem Hause, sondern sie ist eine Gewitterwolke, woraus Blitz und Donner fährt den ganzen Tag vom Morgen, wo sie mit Schelten in die Küche tritt, bis an den Abend, wo sie scheltend sich in ihr Bett legt. Red' ich von wirklichen Dingen, oder ist, was ich sage, nur ein Hirngespinst? Ach, der Häuser, wo Unfriede, Zorn, Zank, Feindschaft, Rache wohnt, sind so viele in der Christenheit, dass, wenn sie alle beisammen lägen, sie eine Stadt wären, größer als London in England und Peking in China. Wehe dem Unglücklichen, dem das Los traf, in einer solchen Hölle wohnen zu müssen. Denn wo die Sanftmut fehlt, da fehlt der Himmel, und wo der Himmel fehlt, da ist die Hölle. Ihr armen Männer und Frauen, ihr armen Söhne und Töchter, ihr armen Knechte und Mägde, die ihr jeden Tag, jede Stunde unter solchem Zorn und Unfrieden leben und wohnen müsst! Ein einziges Wort, das den Zornigen reizt, ein einziges Versehen, das er zu Gesichte bekommt, ein einziger kleiner Strich, den ihm Gottes Hand durch seine Rechnung macht: gleich ist der Sturm da und das Haus steht in Flammen.

Aber selig sind die Sanftmütigen! Ihr Haus ist eine Wohnung des Friedens. Da leben Gatten bei einander, nicht die einander reizen mit stachelndem Wort, und ob auch der eine den andern reizte, so verträgt's dieser mit Geduld und weist den Irrenden zurecht mit sanftmütigem Herzen. Im täglichen Umgange mit einer sanftmütigen Seele muss zuletzt auch ein Wolf sich in ein Lamm verwandeln, und das Feuer des Zorns ausgehen. Wo die Sanftmut wohnt, da leben Gatten bei einander, nicht die mit Scheltwort sich begegnen und sich gegenseitig wehe tun, und einer dem andern zu Tränen und Verwünschungen zwingen, sondern die einander mit Geduld tragen, und wenn Gott mit Trübsal kommt, ohne Murren, ohne Sorgen sind und sich gegenseitig trösten und erbauen aus Gottes Wort. Mit Sanftmut begegnen dort die Eltern ihren Kindern und die Kinder lernen sein, was die Eltern sind und haben den sanftmütigen Vater, die sanftmütige Mutter lieb. Der Herr hört auf Herr zu sein; die Sanftmut verwandelt ihn in einen Bruder seines Knechts und die Dienenden freuen sich ihrer milden, nachsichtigen Herrschaft. Selig sind die Sanftmütigen, wenn irgendwo, so wohnt in ihrem Hause Friede.

3.

O dass du doch die Sanftmut dir aneignen wolltest, die Christus seligpreist! Wie viel besser stünd's dann um dein Herz! wie viel ruhiger wohntest du dann in deinem Hause! wie viel besser kämest du durch die Welt! Denn auch das ist ein Segen der Sanftmut, dass sie unser Glück gründet in der Welt. Sie erwirbt uns Freude, und die Freude die wir haben, hält sie fest und macht das Verhältnis inniger zwischen ihnen und uns. Zorn stößt ab, ein einziges Zornwort kann dich auf immer um die Zuneigung, um die Liebe und Freundschaft eines Mannes bringen. Aber komm mit einem sanften, milden, freundlichen, nachgebenden Herzen deinen Nebenmenschen entgegen, gib du ihnen keinen Anlass zum Zorn wider dich, und wenn sie gleichwohl zürnen, so vergib's ihnen, trag es ihnen nicht nach; dem harten Wort setz du ein sanftes Wort, der Verleumdung die Entschuldigung, dem Übeltun setze Wohltun entgegen; räche dich nicht, auch wenn unter Tausend nicht Zehn wären, die an deiner Stelle das erlittene Unrecht ungerächt ließen; zeige dich als einen Mann, der frei von Stolz, Zorn und andern Leidenschaften, eben so sanft gegen den Nächsten, als demütig gegen Gott ist: dann wollen wir sehen, ob diese deine Sanftmut dir nicht dein Glück bauen hilft in der Welt. Du wirst das Erdreich besitzen, indem du die ganze Welt für dich einnimmst durch deine Sanftmut. Ach Welt, wie fein und lieblich wär' es in dir, wie viel glücklicher wären in dir die Menschen, wenn sie wie Brüder einträchtig bei einander wohnten, mit David zu reden. Nun aber geht's in dir so übel her, und ist so viel Zwietracht, Zank und Streit unter den Menschen, dass die Sonne am Himmel es nicht ansehen mag, sondern oft ganze Tage lang ihr Angesicht mit Wolken bedeckt, um solches Elend nicht anzusehen. Bald muss sie einen Streitsüchtigen sehen, der Händel anfängt mit seinem Nachbar und macht durch Prozesse sich und seinen Widersacher arm. Bald muss sie sehen einen Verlassenen, den die Welt von sich stößt, weil sie seinen Zorn, seine Leidenschaft nicht ertragen kann und will. Bald muss sie einen mutlosen Hausvater sehen, und die Ehe mit einer zornigen Gattin zu einer Hölle wird, wo er alle Lust zur Arbeit, allen Mut verliert und Wege geht, wo kein anderes Holz wächst, als der Bettelstab. Bald muss sie einen Betrübten sehen, der Leid trägt über ein Werk, das nicht gelingen will, weil die Eintracht fehlt unter denen, die es vollbringen sollen; der Eine ist wider den Andern, daher bauen sie, wie einst die Leute den Turm zu Babel bauten, es fehlte die Einigkeit das Werk konnte nicht gelingen. Selig sind die Sanftmütigen. Unter ihnen blüht die Freundschaft, unter ihnen geht die Arbeit munter fort, unter ihnen gedeiht die öffentliche Wohlfahrt, die von Sanftmütigen mehr gefördert wird in Einem Jahr, als von Zornmütigen in zehn Jahren. Suchst du dein Glück in der Welt, o Mensch, so nimm die Sanftmut mit dir auf den Weg, sie hilft dir dein Glück gründen.

4.

Ja, sie tut noch mehr, sie macht uns die Erde untertan. Christus sagt: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Jemand kann viel haben und er besitzt doch nichts, sondern er ist der Besitz, und der Besitzende ist das, was er hat. Nicht er besitzt die Erde, sondern die Erde besitzt ihn. So ist es mit denen, die keine Sanftmut haben. Sie murren und klagen immerdar wider Gott, ihr Herz ist ein Wohnort der Sorge, des Kummers, des Unmuts. Gibt Gott ihnen wenig, so fragen sie: warum nicht mehr? gibt Gott ihnen viel, so strecken sie die Hand nach mehr aus und sind nie zufrieden. Schickt Gott ihnen Trübsal, so wissen sie sich nicht in seinem Rat zu finden, sondern grämen und sorgen sich ab; sendet er ihnen Glück, so werden sie übermütig und fragen mit Pharao: Wer ist der Gott, des Stimme ich gehorchen müsste? Solche Leute, hangen sie nicht ganz und gar von der Erde ab, und von dem, was auf der Erde ist? Sie sind der Dinge nicht mächtig, weil sie ihrer selbst nicht mächtig sind, sie besitzen nichts, weil sie sich selber nicht in ihrer Gewalt haben. Sie sind ein Ball, womit die Welt spielt. Aber die Sanftmütigen besitzen die Erde. Weil sie sich in Gottes Rat und Willen zu schicken wissen; weil sie, was sie haben, es sei wenig oder viel, in Freude genießen und in Zufriedenheit ihres Gemüts, ohne Geiz, Unruhe und Begierde, so ist ihnen nichts anders, als ob sie die Welt besäßen. Kennt ihr diesen Zustand der sanftmütigen Demut, die keine wilde Begierde aufkommen lässt, keine Leidenschaft, keinen Zorn? die alle Kräfte, alle Bestrebungen in einem ruhigen Gleichgewicht hält, die den inwendigen Menschen sanft und stille erhält und ihn vor allen Exzessen bewahrt zur Rechten und zur Linken? Da preist der Mensch Gott, es mag Freude kommen oder Leid; da ist ihm Alles recht, was Gott tut, des Vaters Wille und Weg ist auch sein Wille und Weg. Was kannst du mir nun nennen, das einem solchen Menschen nicht gehörte? Ihm gehört Alles. Der Himmel ist sein, ihn zu bedecken, die Sonne, ihm zu leuchten, der Engel, ihn zu beschützen, die Erde, ihn zu tragen, das Wasser, ihn zu reinigen, der Wein, ihn zu stärken, alle Kreatur, ihm zu dienen. Durch seine Sanftmut wird er ein Kind Gottes. Gott spricht zu ihm: Was mein ist, das ist dein, wie denn auch Paulus zu den Kindern Gottes sagt 1 Kor. 3: Es ist Alles euer, es sei Paulus oder Apollo, es sei Kephas oder die Welt, es sei das Leben oder der Tod, es sei das Gegenwärtige, oder das Zukünftige, Alles ist euer. Seht da, liebe Christen, in welch' einen reichen Besitz wir treten durch die Sanftmut. Uns wird die Herrschaft über die Kreatur wiedergegeben, die wir verloren hatten. Als Gott den Menschen schuf, da gab er ihm die Macht, zu herrschen über Alles. Diese Macht verloren durch die Sünde, wünschest du sie nicht wieder zu erlangen? Sei sanftmütig dann gehört dir Alles, Die Sanftmütigen sind die rechten Kinder Gottes, denen die Erde gehört. Wären sie nicht, so würde Gott die Erde untergehen lassen, wie Sodom unterging, da Lot hinaus war. Das mögen nur nicht die Kinder der Welt sich einbilden, dass ihnen die Erde gehöre. Nein, ihnen gehört nichts, sie haben ihr Recht daran verloren, und erlangen es auch nicht wieder, bevor sie geistlich arm und leidtragend und sanftmütig werden. Mögen sie immerhin die Erde an sich reißen und unter sich teilen, und sagen, dass ist mein, das ist dein! sie lügen, indem sie so sprechen, denn ihnen gehört nichts, sondern alles gehört den Kindern Gottes. Mögen sie immerhin auf ihr Recht sich berufen, das sie natürliches oder Römisches Recht oder wie sonst nennen! wahrhaftig! Gott wird ihr Recht ins Feuer werfen, und wird ihnen nichts lassen von Allem, was sie haben, denn sie sind Usurpatoren und Possessores malac fidei. Gott lässt ihnen nur einstweilen noch die Erde, ob sie wollen seine Kinder werden; darum lässt er seine Sonne aufgehen über die Bösen, wie über die Guten, und lässt regnen über die Ungerechten, wie über die Gerechten. Nachher kommt die Zeit, wo er Abrechnung mit ihnen hält. Lieber, beschaue die Münze die du hast: wes ist das Bild und die Überschrift?

5.

Selig sind die Sanftmütigen. Dies Wort ein Schrecken für die Gottlosen, ein Trost für die Frommen. Jenen droht es das Gericht, diesen eröffnet es die Aussicht auf das künftige Reich der Herrlichkeit. Seid getrost, ihr Sanftmütigen! Hier müsst ihr Manches entbehren und auf Manches Verzicht leisten. Ihr betäubt euren Leib und bändigt ihn 1 Kor. 9, 27. Ihr tragt Bedenken, das Fette zu essen und das Süße zu trinken. Seid getrost! Der Heiland verspricht euch neben dem Reiche Gottes, neben seinen Tröstungen, neben der Gnade Gottes, neben der Vergebung der Sünden, neben der Seligkeit noch etwas Leibliches zur Vergeltung für die Verleugnung der Welt. Ihr sollt das Erdreich besitzen. Seid getrost! euch gehört zwar jetzt schon die Erde; denn Alles ist euer. Aber vor der Hand ist sie noch im Besitz der Weltkinder. Was ist zu tun? Sollt ihr unter die Waffen treten, und jene hinausjagen? Das wäre keine Sanftmut. Nach dem Alten Testament musste das Volk Gottes das verheißene Land mit Blutvergießen und Morden einnehmen; im Neuen Testament sendet Christus seine Boten nicht aus mit Wehr und Waffen. sondern mit Sanftmut. Sie haben nichts, als den Stab Sanft. Wer hat die Welt eingenommen? Die Sanftmütigen. Wer hat die Abgötterei gestürzt? Die Sanftmütigen. Wer hat so viele tausend Henker ermüdet? Die Sanftmütigen. Seht, das ist der Weg, den auch ihr gehen sollt. Gebt nach, und lasst das Unrecht über euch ergehen. Tut nicht wie die Kinder der Welt. Die glauben nicht anders sich sichern zu können, als wenn sie für erlittenes Unrecht Rache nehmen und mit den Waffen in der Hand ihr Recht schützen. Ihr nicht also. Selig sind die Sanftmütigen. Wisst ihr doch, dass Christus alle Dinge trägt. Verbergt euch unter seine Flügel. Er wird der Unschuld den Sieg verschaffen. wird die Kinder des Reichs scheiden von den Kindern der Finsternis. Er wird eine neue Erde schaffen, in welcher Gerechtigkeit wohnt, 2 Petr. 3, 13. Dann werden die Sanftmütigen das Reich einnehmen, das ihnen bereitet ist, und werden mit dem Sohne herrschen, wie sie mit ihm gelitten haben. Der Herr wird sie rufen und sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt, Matthai 25. Sie werden die Seligkeit erlangen in Christo Jesu mit ewiger Herrlichkeit, 2 Tim. 2. Der Herr wird ihnen geben, mit ihm auf seinem Stuhl zu sitzen, Offenbarung 3. Es wird Alles erfüllt werden, was schon die Propheten geweissagt haben. Dan. 7, 27: Das Reich, die Gewalt und Macht unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden, des Reich ewig ist, und alle Gewalt wird ihm dienen und gehorchen. Jes. 60, 21: Dein Volk sollen eitel Gerechte sein und werden das Erdreich ewiglich besitzen. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Dies Wort ist ihr Lehnbrief. Ehe ihr aber an das Zukünftige denkt, denket daran, wie ihr das Gegenwärtige recht brauchen möget. Alles ist euer. So viele Lehrer und Gaben sind euer: ziehet denn davon Nutzen, um einst sagen zu können: das habe ich von dem Glaubens-Prediger Paulus, das von dem standhaften Kephas, das von dem beredten Apollo gelernt. Die Welt ist euer: ihr sollt also Herren über die Welt, ihre Güter, ihre Freundschaft, ihren Hass, ihre Drohungen sein. Seid ihr wirklich die Leute, die die Welt besitzen? Das Leben ist euer, warum lebt ihr denn immer in fremden Dienst? Der Tod ist euer: Warum flieht ihr denn vor ihm, wie Israel vor Goliath? Das Gegenwärtige ist euer, das Zukünftige. Ist dies Alles wirklich erst euer, dann wird Gott statt der jetzigen 5 Städte euch 10 und 20 geben. 2 Petr. 3, 13: Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in welcher Gerechtigkeit wohnt. Das ist's was unser Text sagt: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

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