Kähler, Carl Nikolaus - Moses in Christo - XI. Seid sanftmütig.

Gnade sei mit euch, und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo. Amen.

Ich sehe im Geist eine Belagerung. Joab zieht mit einem Heer heran. Als Joab die Stadt Abel belagerte wegen des Rebellen Seba und nunmehr sich rüstete, dieselbe zu stürmen und die Mauer niederzuwerfen, da rief eine weise Frau aus der Stadt: Warum willst du die Stadt töten und die Mutter in Israel? warum willst du das Erbteil des Herrn verschlingen? Joab antwortete und sprach: Das sei ferne von mir, dass ich verschlingen und verderben sollte, sondern ein Mann vom Gebirge Ephraim, mit Namen Seba, den Sohn Bichri, hat sich empört wider den König, gebt denselbigen her, so will ich von der Stadt ziehen. Wie Joab tat mit Abel, so tut Gott mit dem Herzen des Menschen. Wenn sein Feind, die Sünde, ins Herz hineinschleicht, so belagert Gott den Menschen mit Trübsal und Widerwärtigkeit, macht Laufgräben, Minen usw. Da pflegt sich denn eine Stimme im Menschen zu erheben, welche spricht: Warum tust du das, o Gott? willst du mein Herz töten und mich verschlingen? Gott antwortet: das sei ferne von mir. Ich will nicht deinen Tod, sondern dass du dich bekehrst und selig werdest. Dass ich mit Trübsal dich belagere, davon ist die Ursache allein, weil du der Sünde einen Naum verstattest in deinem Herzen. Gib dieselbige her, so ziehe ich ab mit meiner Trübsal. Nun sage mir, mein Christ, ist etwa dein Herz ein solches von Gott belagertes Abel? Mit Trübsal - höre ich dich antworten - sucht mich Gott allerdings heim. Aber warum tut er das? Du beherbergst ohne Zweifel die eine oder die andere Sünde in dir, welche ist es? Kannst du vielleicht noch nicht Herr werden, deiner alten Natur, sondern lässt dich von ihr hinreißen zu allerlei Gedanken, Worten und Werken, die nicht christlich sind? Ich will dich an Eins namentlich erinnern, an die Ungeduld, womit du dich gegen Gott, an den Zorn, womit du dich gegen deinen Nächsten versündigst. Nicht wahr? dieser Zorn beherrscht dich noch immer. Zerreiß diesen Löwen. Der Löwe in dir muss ein Lamm, der Tiger eine Taube, der Waldstrom ein stiller Bach, das Ungewitter ein klarer Himmel werden. Sieh' nur den Saulus an, der nun Paulus geworden ist. Er war ein reißendes Tier, das nach Menschenblut dürstete, nun ist er umgewandelt, ist ein Lamm das sich willig zur Schlachtbank führen lässt. So musst auch du dich umwandeln lassen durch die Gnade. Dein Zornmut muss aufhören und an seine Stelle die Sanftmut treten. Christus sagt:

Matthäi 5, 5. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Die Sanftmut ist eine Frucht des Glaubens. Daher könntest du fragen: warum redet Christus von der Sanftmut, bevor er vom Glauben geredet hat? Aber die Sanftmut ist auch eine Mutter des Glaubens, und als solche betrachtet muss sie die Stelle einnehmen, die sie einnimmt in unserm Text. So sag' ich denn, gemäß den Worten des Textes.

Seid sanftmütig!

Seid es

1. gegen Gott,
2. gegen den Nächsten.

1. Selig sind die Sanftmütigen.

Sanftmütige bedeuten hier Diejenigen, die in anhaltender Buße sich aufs Tiefste vor Gott demütigen. Es ist noch nicht genug, dass wir erkennen, wie zerrissen und unrein wir sind, und dass wir deswegen. Leid tragen, sondern das Herz muss wie ein Lumpen auf die evangelische Mühle getragen, zerschnitten, zerstampft werden, bis wir so zubereitet sind, dass wir ein Brief Christi werden können, 2. Kor. 3. In unserm natürlichen Zustande sind wir Feinde Gottes und widerstreben ihm. Er kommt zu uns mit seinem Wort, aber wir wollen's nicht annehmen, wir sind zu stolz, zu sehr von uns eingenommen, als dass wir unser Herz ihm hinhielten wie eine leere Tafel oder einen unbeschriebenen Bogen Papier, mit der Bitte: Nimm deine Feder, o Gott, und schreibe darauf, was und wie viel du willst. Dass ihr noch nicht glaubt an Gottes Wort, nicht alle, nicht fest daran glaubt, woher anders rührt das, als von eurem Mangel an jener Sanftmütigkeit die Gott das Herz hinreicht, dass er sein Wort hinein schreibe? Bisher war es so: Gott sprach: Erkennt, dass ihr elend und jämmerlich seid, arm, blind und bloß; da regte sich in euch der Stolz und ihr antwortetet: wir sind so tief nicht gefallen, wie du sagst, sondern neben unsrer Sünde geht unser Verdienst her und hält mit ihr gleichen Schritt. Wenn Gott sprach: Tut Buße und schlaget in euch wie der verlorene Sohn und geht mit Tränen zu Christo wie Magdalena, so lautete die Antwort: wir haben eben so wohl Ursache, über unser Gutes uns zu freuen, als über unser Böses traurig zu sein. Wenn Gott zu euch sprach: Ihr sollt euch nicht dünken lassen, dass ihr durch euch selber etwas wisst, ihr wisst nichts, könnt nichts, habt nichts ohne Christum, welcher der Weg ist, die Wahrheit und das Leben: da fühlet ihr euch beleidigt und ihr spracht: Wie? haben wir nicht in uns eine Leuchte, in deren Licht wir den Weg sehen, der zum ewigen Leben führt? haben wir nicht geforscht und uns Mühe gegeben, einen Schatz an Erkenntnis in uns anzuhäufen, und diesen Schatz sollen wir ansehen als einen Haufen Rechenpfennige, womit nichts anzufangen, wofür nichts zu kaufen ist? Wenn Gott euch aus dem Naturreich in sein Gnadenreich führte, wo lauter Wunder vor euren Augen liegen eine Menschwerdung Gottes, ein Wort, das Wasser in Wein verwandelt, das Teufel austreibt, das Tote lebendig macht, ein erlösendes Kreuz, eine Auferstehung und Himmelfahrt, ein jüngster Tag mit seiner Totenauferweckung, mit seinem Weltgericht, - da tratet ihr zurück und spracht: Nein, unmöglich können wir unsere Vernunft gefangen nehmen und das Alles glauben. Seht da, liebe Christen, wir haben ein Herz, das dem Worte Gottes widerstrebt. Darum sagt Christus: Selig sind die Sanftmütigen, und fordert uns damit auf, dass wir uns demütigen sollen unter Gottes Wort. Nehmt das Wort an mit Sanftmut, Jak. 1, 21. Ist es ein bitteres Wort, so beißt die Zähne nicht zusammen, sondern sprecht wie Hiskias, Jes. 39: Das Wort des Herrn ist gut. Ist es ein schwer zu glaubendes Wort, so wendet ihm nicht den Rücken zu, sondern betet: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. Ist es ein tröstendes Wort, so nehmt's mit Dank an, wenn Gott die Gebeine wieder fröhlich macht, die er zerschlagen hat, Ps. 51, 10. Ist es ein Befehl, so sprecht mit Saul, Ap. Gesch. 9: Herr, was willst du, das ich tun soll? - Ihr wisst wohl, wie wenig wir von Natur geeignet. sind, uns den Willen Gottes gefallen zu lassen. Wir widerstreben nicht nur seinem Wort, das wir glauben, wir widerstreben auch seinem Willen, den wir tun sollen. Das natürliche Herz steht eben so widerspenstig vor den zehn Geboten Gottes, wie vor den drei Glaubensartikeln. „Du sollst nicht andre Götter haben neben mir.“ Diesem Gebot widerstrebest du und stellst zu dem Einen wahren Gott einen zweiten falschen, dein Ich; einen dritten, den Mammon; einen vierten, die Weltfreude; einen fünften, die Ehre. Von diesem Götzendienst willst du dich nicht abbringen lassen und ergrimmst in deinem Herzen, wenn man dich beim rechten Namen, wenn man dich einen Heiden und Götzendiener nennt. „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.“ Diese Vorschrift lässt du dir im Allgemeinen gefallen, aber wenn es zur Tat kommt, so hast du neben dem Beten, Loben und Danken, wodurch man Gott ehrt, drei andere Dinge, Fluchen, Lügen und Murren, wodurch man Gottes Namen verunehrt. Das Eine willst du tun und das Andere doch nicht lassen. „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Das lass ich bleiben, sagt der Eine, und der Andere sagt: Ich will es tun, tut es aber gleich wohl nicht. Die Predigt hört er nicht, oder doch nur höchst selten; den Altar besucht er nicht, oder doch nur einmal im Jahr aus Gewohnheit, die Schrift liest er nicht, oder doch nur flüchtig, und alle acht Tage ein Mal. Seine Kirche ist der Acker oder die Werkstätte oder das Arbeitszimmer; seine Bibel ist der Verstand, womit er seinen Vorteil berechnet, sein Altar der Schrank, worin er das verborgene Geld legt.

So der natürliche Mensch, er nimmt die Gebote an und verwirft sie, er tut sie und tut sie auch wieder nicht, wie es seinem Herzen zusagt, und wenn man mit Vorwürfen, mit Bitten und Vermahnungen in ihn dringt, so wird er erbittert und nennt es Übertreibung, dass man mehr von ihm fordere als er leiste. Wir sind Menschen, sagt er, folglich sind wir keine Engel; wir leben in der Welt, folglich müssen wir uns auch in die Welt schicken und können unmöglich durch die Welt kommen, wenn wir uns so strenge an die Gebote der Schrift binden wollten.

Freund, so darfst du nicht denken und reden, wenn du Christi Jünger sein willst. Tritt ein durch die Pforte der geistlichen Armut, lerne Leid tragen über deine Sünde, so wirst du auch aufhören, dem Willen Gottes deinen Trotz und Starrsinn entgegen zu setzen, du wirst dann sanftmütig dein Herz Gott hinhalten und bereit sein wie Kornelius zu hören Alles, was dein Gott dir befiehlt. Du wirst dann sagen: Vergib es mir, o Gott, dass ich mich wider deinen Willen so oft empört habe und stärke mich, dass ich an Gehorsam zunehme, wie an Licht der wachsende Mond. Ich nehme dein Gebot an, wie es dasteht und das soll meine Freude künftig sein, dass ich mich zu dir halte.

So spricht die Sanftmut und zürnet nicht, schilt nicht, tobt nicht, wenn man ihr Gottes Willen vorhält. - Noch Eins gehört zur Sanftmut gegen Gott, nämlich dass du auch seiner Führung nicht widerstrebest, sondern zu ihm sagst: Machs mit mir, Gott, wie dir's gefällt, gern will ich folgen, lieber Herr. Hier auf dem Gebiete der Führung Gottes treffen wir ein ganzes Heer von Menschen, die wider Gott sich auslehnen. Wenn Gott mit Wolken und Unwetter zu uns kommt, wenn er Trübsal sendet, eine nach der andern, und eine größer als die andere, da lernen wir einsehen, wie hochmütig unser Herz ist, wie eigensinnig, wie heftig, wie ungeduldig; da wird unsere Zunge ein Feuer, das in hellen Flammen aufschlägt, wir fühlen uns gedrückt und fangen an zu hadern mit unserm Schöpfer. Wir wollten uns das Christentum wohl gefallen lassen, wenn es, statt das Kreuz auf uns zu legen, vielmehr das Kreuz von uns nähme. Aber ihr kennt schon des Herrn Weise; wer ein Christ wird, der wird auch ein Kreuzträger. Die Tage des ersten Eifers und der ersten Liebe vergehen bald, es folgen die Tage des Kampfes und der Hitze. Es will mit unserer Heiligung so schnell nicht gehen, als wir anfangs meinten; haben wir den einen Feind überwunden, so kommt bald ein zweiter, der uns überwindet, unser Leben ist ein ewiger Wechsel zwischen Ruhe und Kampf, zwischen Sieg und Niederlage. Damit wir stark werden, muss Gott Versuchung über uns kommen lassen: da kämpfen wir, aber das Schwert will uns aus der Hand fallen; da beten wir, aber das Gebet kann die bösen Gedanken und Lüste nicht in die Flucht schlagen; da suchen wir uns heraus zu reißen und wie Joseph zu entfliehen, aber der Feind holt uns ein und schleppt uns in die Gefangenschaft zurück. Nun kommt noch mancherlei äußerliche Trübsal hinzu, zu dem inneren Zweifel, der sich regt, der äußere Hohn, der uns trifft; zu der inneren Ohnmacht, die wir fühlen, der äußere Mangel, der uns drückt; zu den inneren Verlusten, die wir erleiden, wenn Gottes Kraft, Friede und Freude von uns weicht, die äußere Trennung von einer geliebten Gattin, einem geliebten Kinde und dergleichen mehr. Da scheint nun alle Gnade vergebens und alle Arbeit an uns verloren zu sein. Wir seufzen und zagen, wir murren und klagen, wir verfallen in Grimm und Ungeduld, und möchten wie der Syrer Naeman lieber unverrichteter Dinge wieder umkehren, als uns in die seltsame Führung Gottes schicken. Wenn es uns so gehen sollte, warum haben wir die Hand an den Pflug gelegt? Wir gedachten, Gott sollte es gut mit uns machen, und nun sehen wir, dass er es böse mit uns machen will. Seht, Christen, dieser Sinn ist es, dieser schäumende und sich aufbäumende Sinn des Menschen, der sich demütigen muss. Seid sanftmütig, dann geht ihr den Weg zum Leben gern, wie schmal er auch sein möge, dann fragt ihr nicht mehr wie Bileams Eselin: was habe ich getan, dass du mich schlägst? sondern haltet dem Herrn euren Nacken hin und saget: hic ure, hic seca, Herr, brenne und schlage, wie du willst. Das fordert Christus, wenn er spricht: Selig sind die Sanftmütigen.

2. Nun wenden wir uns von Gott zu dem Menschen.

Seid sanftmütig, seid es gegen Gott, aber seid es auch gegen den Nächsten. Wir stehen im zweiten Teil der Predigt. Seid sanftmütig gegen euren Nächsten. Wer ist mein Nächster? - Wer bist du, der du so fragst? Bist du Obrigkeit, so zeige ich dir deinen Untergebenen, der ist dein Nächster. O, dass du so zu ihm sprächest, wie Josua zu Achan sprach: Mein Sohn, gib Gott die Ehre und sage an was hast du getan? Dass so die Obrigkeit mit ihren Untergebenen spräche, und wiederum, dass die Untergebenen bedächten, was geschrieben steht 2 Mos. 22: Den Obersten in deinem Volk sollst du nicht lästern! Bist du ein Lehrer, dann sei freundlich gegen Jedermann und auch die Bösen trage mit Sanftmut, 2 Timoth. 2; bist du aber ein Hörer, dann gehe bei Jakobus in die Schule, welcher spricht: Nehmt das Wort an mit Sanftmut, welches kann eure Seelen selig machen. Bist du ein Gatte, dann ist dein Nächster deine Gattin, und du sollst zu Herzen nehmen das Wort, Koloss. 3: Ihr Männer, liebet eure Weiber und seid nicht bitter gegen sie; bist du aber ein Weib, dann spricht Petrus zu dir: sei untertan deinem Manne und dein Schmuck soll nicht sein auswendig mit Haarflechten und Goldanhängen oder Kleider anlegen, sondern mit sanftem und stillem Geist, das ist köstlich vor dem Herrn. Bist du ein Vater, eine Mutter, dann weist dich die Sanftmut hin auf dein Kind und spricht, Ephes. 6: Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn. Bist du ein Sohn, eine Tochter, so sei wie Isaac, der stille war, da sein Vater ihn band und auf den Altar legte. Bist du ein Herr, so heißt es: Ihr Herren, lasst das Drohen, und wisst, dass auch euer Herr im Himmel ist; bist du aber ein Knecht, eine Magd, so merke dir den Spruch, 1. Petri 2, 19: Das ist Gnade, so jemand um des Gewissens willen zu Gott das Übel trägt und leidet das Unrecht. Seht, Christen, die alle redet der Heiland mit dem Wort an: Selig sind die Sanftmütigen. Und er zeigt dir noch Andere, gegen die du sanftmütig sein sollst. Den Irrenden, den Fehlenden zeigt er dir und spricht, Gal. 6: Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist. Er zeigt dir Kranke, alte Leute, und spricht, Eph. 4, 2: Wandelt mit aller Sanftmut und Geduld und vertragt einer den andern in der Liebe. Er zeigt dir den Beleidiger und spricht, 1 Petr, 3, 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, dagegen segnet und wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbet. Beklagt mehr eurer Feinde Schaden als den eurigen. Hier liegt eine Klippe, an der die meisten Schiffe scheitern. Noch zeigt dir Christus die Armen und spricht: sei sanftmütig gegen sie und komme ihren Bitten zuvor. Es wird nichts teurer erkauft, als was man mit Bitten kaufen muss. Seid sanftmütig, oder vielmehr, werdet es; denn von Natur seid ihr es nicht. Die Natur stellt uns in einen Kampf Aller gegen Alle hinein und lehrt uns das Gesetz: Friss oder lass dich fressen. Da ist nicht nur der Vogel wider den Vogel, der Fisch wider den Fisch, und das Insekt wider das Insekt, sondern auch der Mensch wider den Menschen. Von Natur seid ihr nicht sanftmütig. Denn was man so nennt, das natürliche Phlegma oder die Schläfrigkeit vieler Menschen, die mit sich tun lassen Alles, was nur ein Schaaf mit sich tun lässt, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil sie Schafe sind in Menschengestalt - das ist nicht wert Sanftmut zu heißen. Solche schläfrige, gleichgültige Menschen eifern auch da nicht, wo sie eifern sollten, sie sind wie Eli, der Alles erfuhr, was seine Söhne Böses taten und strafte sie doch nicht. Da lernet von Christo, der, obwohl er sprach: Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen geduldig, doch den frechen Sündern mit einem Wehe entgegentrat und machte eine Geißel von Stricken und trieb die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinaus. Deine natürliche Gleichgültigkeit wolltest du Sanftmut nennen? Nein, sie ist es nicht; denn du hast sie nicht in der Schule Christi gelernt; sie ist es so wenig, als eine Taube, weil sie sanft ist, ein Johannes ist. Du bist sanftmütig, weil du gleichgültig bist; ein anderer ist es, weil er den Schaden berechnet, den ihm der Zorn bringen würde; ein dritter ist es, weil er seine Rache für günstigere Zeiten spart; ein vierter ist es in gewissen Fällen, in andern ist er es nicht; er ist es bis zu einem gewissen Grade und für eine gewisse Zeit, ist aber das Maß voll, dann bricht er los, und so ruhig er früher war in seiner Sanftmut, so tobend und wütend ist er jetzt in seinem Zorn. Von Natur ist kein Mensch sanftmütig, sondern ist wie ein Wald, was man hineinruft, das gibt er wieder; ist wie ein Kieselstein, tritt das Pferd darauf, so gibt er Feuer; ist wie eine grüne Staude, biegt man sie ein wenig, so prellt sie zurück und schlägt einem ins Gesicht. Woher sonst auch so viel Zorn unter den Menschen, so viel Zorn, der vor dem Herzen, wie ein Hund vor der Stubentür, liegt und wenn Jemand ihn nur leise anrührt, sofort murrt, auffährt, bellt, beißt? Woher sonst so viel Zank und Feindschaft, so viel Hass und Rache in der Welt, so dass sogar die besten Freunde in die bittersten Feinde verwandelt werden? - Seid sanftmütig, liebe Christen, werdet es. Aber wie sollt ihr es werden? Wie gesagt, die Sanftmut wächst nicht aus dem Erdreich, welches Dorn und Disteln trägt d. h. aus unserer rauen, stachlichten Natur. Wollen wir sanftmütig werden, so müssen wir in die Schule Christi gehen. In welcher Ordnung man lernet sanftmütig sein gegen Gott, in derselben Ordnung wird man auch sanftmütig gegen den Nächsten. Vor allen Dingen werdet geistlich arm. So weit Jemand erkennt, dass er ein Sünder ist, so weit lässt er seinen natürlichen Hochmut fahren, der ein Vater ist des Zornes, des Zankes, der Feindschaft, der Rache. So weit Jemand sich vor Gott anklagt wegen seiner eigenen Sünden, so weit lernt er Nachsicht gegen die Sünden Anderer. Er hört auf, seine Ehre zu suchen und sucht die Ehre Gottes, und je mehr er Gottes Ehre sucht, desto weniger erbittern ihn persönliche Kränkungen und Beleidigungen, die er erfährt. Mögen sie schelten, wenn sie nur die Ehre meines Gottes nicht antasten; mögen sie mir schaden, wenn sie nur dem Evangelio nicht in den Weg treten. Lernt Sanftmut in der Schule Christi. Da heißt es: Selig sind die da Leid tragen. Bist du ein Leidtragender, wie wäre es möglich, dass du zugleich könntest ein Zänkischer, ein Zorniger, ein Nachsüchtiger sein? Ich höre dich antworten: In diese Schule gehe ich, bin lange darin gegangen, und doch wird es mir noch immer so schwer, sanftmütig zu sein. Nun, mein Christ, die Sanftmut ist auch nicht eine Kunst, die man in vier oder fünf Jahren lernt, sondern man hat an ihr zu lernen sein Leben lang. Doch will ich dir noch den einen und andern besonderen Rat geben. Nimm es dir fest vor, dass du heute, dass du morgen, dass du bei dieser oder jener Gelegenheit ruhig bleiben willst. Wiederhole oft diesen Vorsatz und bitte zugleich Gott, dass er dir dazu helfen wolle. Ein solches Gebet ist wie der Bogen Jonathans, der nie fehlte. Ergreife - mein zweiter Rat - ergreife einen Spruch, etwa den unsers Textes, und trage diesen Spruch mit dir herum wie ein Schwert Sauls, und wenn dich Jemand reizt, so sage erst im Stillen: Selig sind die Sanftmütigen bevor du ihm eine Antwort gibst. Wahrlich, wenn das Feuer des Zorns in dir anfängt zu brennen, so löscht dies stille Wort es aus.

Gewöhne dich - mein dritter Rat - gewöhne dich anfangs in geringen Fällen sanftmütig zu sein. Wenn dein Knecht ein Versehen macht, wenn deine Magd einen Teller zerbricht, wenn deine Gattin dich sauer ansteht, wenn dein Sohn seinen Rock befleckt, in solchen und ähnlichen Fällen beherrsche dich. Vom Kleinen steigt man zum Großen auf, vom Leichten zum Schweren. Erst muss man Zwerge überwinden lernen, bevor man mit Riesen kämpfen kann. Das sind meine Ratschläge, nimm sie an, befolge sie, damit du Sanftmut lernst gegen deinen Nächsten. Sei sanftmütig, beides, gegen Gott und gegen Menschen. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/k/kaehler_c/kaehler_mose_in_christo-predigt_11.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain