Hofacker, Wilhelm - Am Feste der heiligen Dreieinigkeit. (Erste Predigt.)

Hofacker, Wilhelm - Am Feste der heiligen Dreieinigkeit. (Erste Predigt.)

„Möchte ich auch nur Seines Kleides Saum anrühren, so würde ich gesund“ (Matth. 9, 21.). So hat einst jenes unglückliche Weib zu sich selbst gesprochen, als sie voll Schüchternheit und Blödigkeit sich dem Heiland nahte und durch eine Berührung Seines Gewandes Heilung und Befreiung von ihrem verborgenen, langwierigen Leiden zu finden hoffte.

Damit aber hat sie auch uns die rechte Gesinnung der Niedrigkeit ins Herz und die rechte Sprache der Demut auf die Lippen gelegt, wenn wir an einem Festtage, wie der heutige ist, vor den wunderbar herrlichen Gott und HErrn Himmels und der Erde uns stellen und im Gefühl unserer Ohnmacht und Beflecktheit vor dem Dreieinigen erscheinen. Wenn vor Ihm die Cherubim ihr Angesicht verhüllen und ihr demutsvolles Heilig, Heilig, Heilig stammeln; wenn ein Jesajas am Tage der Entzückung, da er den HErrn sah auf Seinem erhabenen Throne, voll Furcht und Zagen ein Wehe ausruft und hinzusetzt: Ich vergehe, denn ich bin von unreinen Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen (Jes. 6, 5.): - was ziemt sich dann für uns elende und sündige Kreaturen, die einer erhabenen Prophetenseele keinen Schuhriemen auflösen dürfen und von jenen herrlichen Geistern und Bewohnern der unsichtbaren Welt durch eine himmelweite Kluft geschieden sind? Aber Heil uns! am Saum Seines Gewandes wenigstens dürfen wir Ihn dennoch getrost fassen, wenn wir auch den vollen Lichtglanz Seiner Lebensherrlichkeit nicht ertragen können. Hat ein Jakob nach jener wunderbaren Begegnung mit dem HErrn bei Pniel ausrufen dürfen: Ich habe den HErrn von Angesicht zu Angesicht gesehen und meine Seele ist genesen (1 Mos. 32, 30.), so haben wir ein noch viel größeres Recht zu so freudigem Bekenntnis, nachdem der Gnadenglanz des Vaters im Angesicht Seines Sohnes uns so freundlich angeleuchtet und einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben hat, und fort und fort der Heilige Geist den Vater und den Sohn verklärt in den gläubigen Herzen zu Seines Namens Preis. Darum darf neben der tiefen Ehrfurcht und Beugung unserer Herzen dennoch auch Lob und Dank als Grundgefühl unserer Herzen nicht fehlen an dem heutigen Tage für die Offenbarungen der dreieinigen Liebe, deren wir aus Gnaden gewürdigt sind. Denn Er, der getreue Gott und Vater, der uns erschaffen und verordnet hat zur Kindschaft gegen sich selbst, Er, der Sohn Gottes, der uns erlöset hat mit Seinem Blut und hat uns zugezählt dem königlichen und priesterlichen Geschlecht in Seinem Reich, Er, der Heilige Geist, der uns berufen, geheiligt und versiegelt hat auf den Tag der Erlösung, Er, der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Geist, ists wert, dass Lob und Dank und Preis und Gewalt und Ehre dargebracht werde in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist zu aller Zeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wir stimmen deswegen an Gesangbuch, Lied 5, 12.:

Vater, Du hast mir erzeiget
Lauter Gnad und Gütigkeit;
Und Du hast zu mir geneiget,
Jesu Deine Freundlichkeit;
Und durch dich, o Geist der Gnaden!
Werd' ich stets noch eingeladen.
Tausend, tausendmal sei Dir,
Großer König! Dank dafür!

Text: Matth. 28, 18-20.
Und Jesus trat zu ihnen, redete mit ihnen und sprach: mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden; darum geht hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes; und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Unsere heutige Morgenlektion bildet den Schluss des Evangeliums Matthäi; wir haben sie also zu dem Letzten zu zählen, was dem auferstandenen, aus der Fremdlingschaft dieser Welt zur Herrlichkeit des Vaters zurückkehrenden Sohne Gottes über Seine holdseligen Lippen geflossen ist. Ist es uns schon bei einem gewöhnlichen Menschen, namentlich dann, wenn er sich einigermaßen über die gewöhnliche Alltäglichkeit und Mittelmäßigkeit erhebt, von Bedeutung zu erfahren, was beim Scheiden seine Seele bewegt, welche Gefühle und Ansichten sein Herz durchdrungen, welche Wünsche und Hoffnungen er noch ausgesprochen hat; wie viel mehr muss dies beim Hinblick auf das Scheiden des Ersten unseres Geschlechtes der Fall sein, des HErrn, der vom Vater ausgegangen war und zum Vater zurückkehrte, der einen solchen Erlöserslauf hinter sich, eine solche Erhöhung und Verherrlichung vor sich hatte, dass Er sagen konnte: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“

Seine letzten Worte und Eröffnungen sollen deswegen heute mit besonderem Vorrecht unsere Andacht leiten; wir werden sehen, dass sie durch ihren erhabenen Inhalt mit dem heiligen Gegenstand unseres heutigen Festes in ziemlich genauer Verbindung stehen, und wir in ihnen teils mittelbar, teils unmittelbar auf den Dreieinigen hingewiesen werden, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind, und dem deswegen auch im Himmel und auf Erden alle Ehre gebührt.

Wir betrachten daher mit einander die letzten Eröffnungen und Abschiedsworte des Sohnes Gottes an die Seinigen vor seinem völligen Eingang in die Herrlichkeit.

Wir werden finden, dass sie

1) das tiefste Geheimnis;
2) das teuerste Vermächtnis;
3) die ehrenvollste Aufgabe unseres allerheiligsten Glaubens enthalten.

HErr, unser Heiland! Du hast beim Abschied von deinen Jüngern deine Hände über sie gehalten und sie gesegnet: hebe auch jetzt deine heiligen Mittlershände über uns auf und segne uns mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern, und lass uns das Geheimnis der Gottseligkeit, dass Gott ist offenbart im Fleisch, recht erkennen und auf unser Herz und Leben anwenden! Lass uns, dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Geist, Glieder sein an deinem Leibe und Früchte tragen ins ewige Leben!

Amen.

I.

1) Der teure, unvergessliche Dann sagte einmal zu mir: „Wohin ich mich wenden oder blicken mag, überall befinde ich mich in einem Meer von Geheimnissen.“ Ich verstand damals dieses Wort noch nicht in seiner vollen Tiefe; aber immer heller und klarer geht mir seine große Wahrheit auf. Es ist wirklich so: überall, wohin wir uns wenden und wohin wir blicken, überall befinden wir uns in einem Meer von Geheimnissen, der Oberflächliche, der so bald mit dem Höchsten und Wichtigsten fertig ist, mag es nun glauben oder nicht. Schon unser Leib und unser leibliches Leben, wie viel Geheimnisse bietet dies uns dar. Unser Herzschlag und unser Blutumlauf, unsere Sinnentätigkeiten und unsere Nervenschwingungen, das Wunder des Hörens und unseres Sprechens, die verborgenen Gründe unserer Gesundheits- und unserer Krankheits-Zustände, die wunderbare Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, das geheime Band, das beide zusammenhält, Ärzte und Naturforscher suchen vergeblich den letzten äußeren und inneren Schleier zu heben, der darüber gezogen ist; aber wenn sie ehrlich sind, müssen sie bekennen: unser Wissen ist Stückwerk, unser Erkennen ist Stückwerk, und unser tiefster Blick reicht kaum zur Oberfläche der Natur. Dasselbe ist, nur noch in viel höherem Grade, auf dem Gebiete unseres geistigen Lebens der Fall: das Maß unserer geistigen Anlagen und Talente, die Grundrichtung unseres Willens und unseres Charakters, die Schöpfungen der Phantasie und des Verstandes, die Sonnenhelle eines lebenskräftigen und gesunden Geistes und die trübe dunkle Gewitternacht einer furchtbaren Seelen- und Gemütszerrüttung, welche tiefe Geheimnisse, welche schwere Rätsel, die wir vergeblich zu lösen suchen! Blicken wir hinaus auf das Gebiet der sichtbaren Natur: wie viele geheimnisvolle Kräfte und Bildungen in der belebten und unbelebten Schöpfung, welche Rätsel der Anziehung und der Abstoßung, der Ausdehnung und der Zusammenziehung, welcher Wechsel des Lebens und des Todes, des Blühens und des Verwelkens, des Auftauchens und des Untersinkens, welche unerklärte Geheimnisse von der Magnetnadel an, die unverrückt nach Norden weist, bis zu der geheimnisvollen Anziehungskraft, wodurch ein Stern an den andern festgeankert, eine Welt an die andere gekettet ist, ohne dass das verborgene Band entzweireißt oder sich verkürzt oder verlängert. Blicken wir hinaus auf die Geschicke Einzelner oder ganzer Völker, auf die oft unbegreiflichen Verwandlungen eines Jahres oder eines Jahrhunderts, auf die Geschichte der alten und auf die Geschichte der christlichen Welt: - welche Rätsel und Geheimnisse im Aufstehen und Zusammensinken der Völker, im Vorschreiten und Rückwärtsschreiten ihrer Bildung, welcher Wechsel von Herrschaft und Unterjochung, von Freiheit und Knechtschaft, von Siegen und von Niederlagen, von Segensströmen und von Fluchgewittern, von Aufbauen und Niederreißen, und welch' ein Chaos von Fragen, die wir nicht beantworten, von Dunkelheiten, die wir nicht aufhellen können, welche Gerichte, welche Wege Gottes, wo uns die Spuren, denen wir nachgehen wollen, augenblicklich wieder verschwimmen! Blicken wir endlich in die Bibel hinein: wie viele Geheimnisse und Rätsel begegnen uns, von der Schöpfung der Welt und des Menschen, von dem Fall der Engelwelt und der Menschheit, bis hinaus zur Menschwerdung des Sohnes Gottes, bis zur Auferstehung, zum neuen Himmel, zur neuen Erde, in der Gerechtigkeit wohnt, und zum neuen Jerusalem, da der Satan in den Abgrund verschlossen und seine Macht auf immer gebrochen sein wird. Jeder einzelne Lehrartikel unseres Glaubens hat sein rätselvolles Geheimnis, das wir nicht zu ergründen und mit unserer kurzsichtigen Vernunft nicht zu durchdringen vermögen. In der Tat, wohin wir blicken, wohin wir uns bewegen, wir befinden uns in einem Meer von Geheimnissen.

Aber was sind alle diese Rätsel und Geheimnisse auf den verschiedenen Gebieten der sichtbaren und der unsichtbaren, der gegenwärtigen und der zukünftigen, der geistlichen und der leiblichen, der natürlichen und der Offenbarungswelt gegen das Eine große, undurchdringliche, unerforschliche Geheimnis, das der Gegenstand unseres heutigen Festtags ist, und das der Heiland gerade beim Abschied von dieser Welt mit den paar unscheinbaren Worten: „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ bezeichnet hat, wenn Er sprach: „Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Wahrlich hier stehen wir vor dem Geheimnis aller Geheimnisse, vor dem Rätsel aller Rätsel; denn hier gilt das Wort des Apostels Paulus (1 Kor. 2, 11.): „Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, außer der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also auch weiß Niemand, was in Gott ist, außer der Geist Gottes, der in Ihm ist.“ Deswegen ruft er voll Verwunderung aus: O welch' eine Tiefe des Reichtums, beides der Erkenntnis und der Weisheit Gottes! wie gar unbegreiflich sind Gottes Gerichte! wie unerforschlich sind seine Wege! Wer ist des HErrn Ratgeber gewesen? wer hat seinen Sinn erkannt? von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge: Ihm gebührt die Ehre in Ewigkeit (Röm. 11, 33-36.). Bei Allem, was zur sichtbaren oder zur unsichtbaren Welt, zur Welt der Kreatur und der Endlichkeit gehört, können wir immer wenigstens teilweise noch den Maßstab unserer kurzsichtigen Vernunft anlegen; hier auf dem Gebiet der Unendlichkeit ist das nicht mehr möglich. Dass Er, der Eine Gott, der Unteilbare, zugleich ist Vater, Sohn und Geist, welcher Geist kann das erfassen? welcher kann das in menschliche Gedankenformen bringen? Unsere Begriffe reichen hier nicht zu; hier entsinkt der Maßstab unsern Händen; wir werfen das Senkblei aus, aber wir kommen nimmermehr auf den Grund; wir setzen die Fernrohre an unser Auge, aber wir gelangen auch beim schärfsten Blick an kein Ende; wir setzen Gedankenleiter an Gedankenleiter, aber wir können zu dem nicht emporsteigen, der das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende ist, und der auch für den höchsten Seraph nie ganz in seiner vollsten Wesenheit und Herrlichkeit entschleiert und enthüllt wird, so dass wir wohl alle Ursache haben, beim Blick in die schwindelnde Tiefe der Gottheit mit Paulus auszurufen: O welch' eine Tiefe!

Dies ist jedoch nur die eine Seite der Sache; sie hat noch eine andere.

2) Es war nämlich hier in unserer Morgenlektion am Schluss seiner irdischen Pilgrimschaft nicht das erste Mal, dass der Heiland Eröffnungen über das innere Wesen Gottes und über die verschiedenen Beziehungen der drei Personen in demselben zu einander machte. Nein, während seines ganzen Lehramtes hat Er immer wieder die Geistesblicke seiner Vertrauten auf sein inneres Verhältnis zum Vater hingelenkt. Wie oft hat Er vom Vater geredet, der den Sohn als das Ebenbild seines Wesens von Ewigkeit her erkannt und geliebt und Ihm gegeben habe, das Leben zu haben in sich selbst, gleichwie Er, der Vater, von Ewigkeit her das Leben in sich selbst hat! Wie offen hat Er von sich als vom Sohne geredet, der beim Vater Herrlichkeit gehabt habe, ehe der Welt Grund gelegt war, und mit Ihm fort und fort in einer unzertrennlichen Gemeinschaft stehe, so dass Er dem Philippus, der zu Ihm sagte: Zeige mir den Vater, antworten konnte: Weißt du nicht, dass ich im Vater bin, und der Vater in mir; wer mich sieht, der sieht den Vater; ich und der Vater sind eins (Joh. 14, 8. 9.). Und wie viel hat Er am Schluss vom Heiligen Geist gesagt, vom Tröster, den Er vom Vater senden werde, als Geist der Wahrheit, der es von dem Seinen nehme und den Vater und den Sohn verkläre in den Herzen der Gläubigen. So hat Er oft und viel vom Vater, vom Sohn, vom Heiligen Geist geredet in vereinzelten Beziehungen und Andeutungen. Aber zusammengefasst, zusammengestellt hat Er dieselben nie zu einem Ganzen bis auf die Zeit, da Er nun die Welt verlassen und zum Vater zurückkehren sollte; das hat Er aufgespart auf den Schluss seines Lehramts, auf den letzten Augenblick, den Zeitpunkt, wo auch die letzte Binde von den Augen seiner Jünger genommen, der letzte Stein in das vollendete Gebäude seiner Lehre eingefügt, das tiefste Geheimnis ihnen entschleiert und enthüllt, und durch das Wort von Gott, dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geist ihre Erkenntnis des Einen wahren Gottes zu einem Ganzen zusammengeschlossen und verbunden werden sollte. Und damit hat Er wohl auch uns stillschweigend den Wink geben wollen, dass auch wir bei der Erkenntnis des dreieinigen Gottes nicht von oben herab anfangen, überhaupt nicht mit ihr beginnen, sondern, wie Er es gemacht hat in der Unterweisung seiner Jünger, von der stückweisen Erkenntnis zur vollkommenen aufsteigen, von der Dreiheit zur Einheit zurückgehen sollen. Wer die Liebe des Vaters erkennt, der seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern Ihn für uns Alle dahingegeben hat, auf dass wir nicht verloren gehen; wem die Gnade Christi offenbar wird, der durch sein Leben unsere Gerechtigkeit, durch seinen Tod unsere Versöhnung, durch seine Erlösung unser Friede und unsere Hoffnung geworden ist, und wer der Gemeinschaft des Heiligen Geistes teilhaftig wird, also dass dieser Geist des Lebens und der Herrlichkeit auf Ihm ruht und in Ihm wohnt, der wird zu viel lebensvollerer Erkenntnis des dreieinigen göttlichen Wesens geführt werden, als `ihm die auch am höchsten getriebenen Spekulationen der scharfsichtigsten Vernunft eine zu bieten vermögen. Diese Erkenntnis wird in ihm Geist und Leben, Licht und Kraft werden, und nicht erst im Blick auf die Offenbarungen der jenseitigen Welt, sondern schon im Hinblick auf diese gegenwärtige Offenbarung der göttlichen Geheimnisse wird er mit Paulus ausrufen (1 Kor. 2, 9.): „Kein Auge hat's gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist gekommen, das Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben. Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. In solcher Erkenntnis-des Vaters, Sohnes und Geistes sollen wir wachsen und zunehmen, und sollen nicht mehr Kinder am Verständnis bleiben, sondern hinankommen, zu einerlei Glaube und Erkenntnis und ein vollkommener Mann werden im Maß des vollkommenen Alters Christi (Eph. 4, 13. 14.). Wenn der Vater, der da ist im Sohne, auch in uns durch den Geist verklärt wird von einer Klarheit zur andern, -wenn sein Wesen auch in uns übergeht: dann sind wir von oben getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, dann haben wir das rechte Leben und die rechte Erkenntnis, dann können wir sagen:

Hallelujah, welche Höhen,
Welche Tiefen reicher Gnad',
Dass wir dem ins Herze sehen,
Der uns so geliebt hat;
Dass der Vater aller Geister,
Der der Wunder Abgrund ist,
Dass du, unsichtbarer Meister,
Uns so fühlbar nahe bist!

II.

So hat uns der Heiland von seinem vollen Eintritt in die Herrlichkeit das tiefste Geheimnis unseres allerheiligsten Glaubens eröffnet; aber Er hat auch zugleich das allerseligste und allerteuerste Vermächtnis uns zugeteilt.

Der HErr hat es während seines ganzen Lehramts seinen Jüngern gegenüber niemals an den wohltuendsten, glaubenstärkendsten, herzerquickendsten Verheißungen fehlen lassen, die Er ihnen als kostbare Vermächtnisse namentlich auf die Zeit seiner Trennung von ihnen in den Schoß schüttete. Je ärmer und hilfloser sie dastanden in der Welt, und je weniger Er ihnen in einer Welt voll Hass und Bosheit und Verfolgung äußerliche Stößen und Verlasse bieten konnte, desto reichlicher rüstete Er sie aus mit den holdseligsten Zusagen und Versicherungen, desto mehr lag es Ihm an, ihnen Etwas zu hinterlassen, das sie in allen Verhältnissen stärken konnte. Schickte Er sie aus ohne Beutel, ohne Tasche, ohne Geld und irgendeine irdische Habe, doch gab Er ihnen den Pilgerstab der Verheißung mit: Euer himmlischer Vater weiß, was ihr bedürft, und auf seine Frage: Habt ihr auch je Mangel gehabt? mussten sie antworten: HErr, nie keinen. Verhehlte Er ihnen nicht, dass schwere Zeiten auf sie warten, dass sie vor Könige und Fürsten gestellt und vor die Rathäuser und die Synagogen geführt werden sollen um seines Namens willen, augenblicklich setzt Er die trostreiche Versicherung hinzu: Sorget nicht, wie und was ihr reden sollt; es wird euch zur Stunde gegeben; denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern mein Vater im Himmel (Matth. 10, 17 bis 20.). Vergegenwärtigte Er ihnen den Kampf des Glaubens, in den sie eintreten, die Todesnöten und Lebensgefahren, die sie zu bestehen haben, so versäumte Er gewiss nicht hinzuzusetzen: Solches sage ich euch, auf dass ihr in mir Friede habt; meinen Frieden gebe ich euch; meinen Frieden lasse ich euch (Joh. 14, 27.); in der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost! ich habe die Welt überwunden (Joh. 16, 33.). Kurz für jeden Fall gab Er ihnen eine Verheißung, die sie als ein teures Vermächtnis betrachten, und womit sie für die Zeiten der Not und der Anfechtung sich wappnen durften.

In der Tat, ein reicheres Erbe kann wohl kein Mensch in Besitz nehmen, als diese einfachen Verheißungen uns bieten, und wir sind selige und glückliche Leute, wenn dieselben auch uns gelten. Aber das eben ist die Frage. Nur gar zu oft meldet sich der bedenkliche Zweifel an, jene Verheißungen haben zwar den Aposteln gegolten, damit gelten sie aber dir nicht. Ihr besonderer Beruf, ihre besonderen Glaubensproben und Kämpfe, ihre besondere Treue, sie machen es erklärlich, warum der HErr sie mit so besonderen Zusagen bedacht und ausgerüstet habe; aber ich in meiner Geringfügigkeit, mit meiner Glaubensschwäche, mit meiner Untreue, wo will ich den Mut hernehmen, das solchen Männern gesagt ist, auf mich, und auf mein inneres und äußeres Leben anzuwenden? So raunt uns unser Kleinglaube stets ins Ohr, wenn wir die Verheißungen der Heiligen Schrift uns zueignen wollen. So wird uns die Freude und der Genuss verkümmert, den wir von diesen teuren Vermächtnissen haben könnten.

Aber siehe da! beim Abschied von der Welt stellt nun der Heiland feierlich eine eigentliche Testamentsurkunde aus, wonach seine Vermächtnisse nicht bloß den Aposteln, sondern Allen gelten, die durch ihr Wort an Ihn glauben werden, wie Er denn diese bereits in seinem hohe priesterlichen Gebet auf dem Herzen getragen und dem Vater der Barmherzigkeit anempfohlen hat (Joh. 17, 20.). Gehet hin, spricht Er, und machet alle Völker zu meinen Jüngern! tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten Alles, was ich euch befohlen habe! und siehe ich bin bei euch, bei euch und bei allen euren Nachfolgern im Jüngerstand, alle Tage bis an der Welt Ende. Wie uns durch den Dienst der Apostel kein anderes Wort überliefert worden ist, als das Wort Jesu Christi selbst, das Wort, das Er den Jüngern befohlen hat; und wie das Sakrament der Taufe seine Kraft und seine Bedeutung nicht verloren hat von der Apostel Zeit bis auf den heutigen Tag, und in Beziehung auf dieses Sakrament kein Unterschied der Person ist, ob ein Jude oder Heide, Mann oder Weib, ob ein Apostel oder ein Indianer, ob ein Kaiserkind oder ein Taglöhnerskind seinen Segen und seine Weihe empfängt, so bleibt unsere Taufe uns Brief und Siegel dafür, dass uns eben damit die allerteuersten Verheißungen gegeben und geschenkt sind, dass die Liebe des Vaters unser königliches Erbe, die Gnade unseres HErrn Jesu Christi unser unversiegbarer Reichtum, die Gemeinschaft des Heiligen Geistes unser höchster, göttlicher Adel ist, und wir mit allen Heiligen und Auserwählten durch dasselbe eingesetzt sind in alle Kindschafts- und Erbschafts-Rechte des neuen Bundes. „Meine Taufe freut mich mehr als mein natürlich Leben,“ hat deswegen der selige Hiller gesungen, und er hat Recht. Denn durch unsere leibliche Geburt sind wir hereingeboren in Sünde und Tod, in eine Welt voll Ungerechtigkeit, in das Gesamtleben der Sünde, ja in das Reich der Finsternis; durch unsere Taufe aber sind wir hineingeboren in die Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, in die himmlische Welt des Lichtes, der Gerechtigkeit und des Friedens, in das Gesamtleben des Reichs Jesu Christi, einverleibt den Hausgenossen Gottes, eingepflanzt dem Baum des Lebens als lebendige Reiser, eingetaucht in das Element des Heiligen Geistes. Wer will uns nun das Anrecht streitig machen an Gott als unsern Vater, unsern Berater, Versorger, der die Fürsorge für uns nach Leib, Seele und Geist übernommen hat und nicht aufgeben wird, bis Er uns in seinem großen Vaterhaus unsere himmlische Wohnung angewiesen hat? wer will uns unser Anrecht streitig machen an den Sohn, als unsern Erlöser und Heiland, der, nachdem Er das Größere getan, unsere Seelen errettet hat aus der Zwingherrschaft der Sünde, des Todes und der Verdammnis, gewiss es am Geringeren nicht fehlen lassen wird, an der treuen Beratung durch die Pilgerwüsten dieser Zeit, wo Er selber das Brot des Lebens und der mitfolgende Fels (vgl. 1 Kor. 10, 4.) sein muss, wenn wir nicht vor Hunger und Durst umkommen wollen auf dem Wege? Wer will uns unser Anrecht streitig machen an den Geist, den Lehrer und Tröster, der sich nicht geweigert hat, unsere Herzen zum Wohnsitz seiner Herrlichkeit zu weihen, und gewiss nicht ruhen wird, als bis Er uns geheiligt und gereinigt dem Bräutigam uns zugeführt, den Hochzeittag erkoren? Niemand! Weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem HErrn (Röm. 8, 38.).

Sagt an haben wir nicht ein reiches, herrliches Vermächtnis? und ist nicht ebenso wie wir die ganze streitende Kirche reichlich begabt und belehrt worden? Wort und Sakrament hat der scheidende Heiland als das wichtigste Vermächtnis ihr zurückgelassen und eben damit die Grunderfordernisse zu ihrem Bestand und ihrem Leben, zu ihrem Wachstum und ihrer Blüte. Sind Wort und Sakramente vorhanden, unverfälscht und unzersetzt, unverringert und unverkümmert, so ist die Kirche Christi da; auch wenn ihre Gestalt noch so unscheinbar, ihre Zusammensetzung noch so gemischt, ihre Verfassung noch so mangelhaft, ihre äußere Stellung noch so gedrückt sein sollte, dennoch werden Christo Kinder geboren wie der Tau aus der Morgenröte,

dennoch ist der Lebensherd seiner Gnade und Wahrheit vorhanden, dennoch wird die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein. Darum hat die streitende Kirche von Anfang nur um das Eine hauptsächlich gebeten,

Dass wir sein Wort und Sakrament
Rein behalten bis an unser End',
Dass das göttlich Wort, das helle Licht
Doch ja bei uns auslösche nicht.

Nicht die Gunst der Könige und Fürsten, nicht das Wohlwollen der Regierung und der Staats-Behörden, nicht die papierenen Gesetze und Verfassungsgarantien sind der wahre bleibende Schutz; ihr Schutz und Schirm ist anderswo.

Dein Wort ist unseres Herzens Trutz
Und deiner Kirche wahrer Schutz;
Dabei erhalt' uns, lieber HErr,
Dass wir nichts Anderes suchen mehr!

III.

So haben wir und die christliche Kirche aus der Hand unseres scheidenden Hauptes die heiligsten Vermächtnisse empfangen: aber auch nicht minder den ehrenvollsten Auftrag.

1) Es war gewiss ein großartiger Auftrag, den der HErr den Aposteln erteilte, indem Er sie mit dem Befehl belehrte: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur! Früher sagte Er, als Er sie aussandte: „Gehet nicht auf der Heiden Straße und in der Samariter Städte (Matth. 10, 5.),“ und von sich selbst hatte Er gesagt: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel (Matth. 15, 24.).“ Nun aber waren durch seinen Tod und seine Auferstehung die Völkerschranken durchbrochen; die Scheidewand des Gesetzes, welche Heiden und Juden trennte, war abgetan. Er hatte Friede gemacht durch sich selbst in seinem Blut, um die Menschen zu Einer großen Familie umzuschaffen, und konnte jetzt im Blicke auf die ganze Menschheit sagen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Die Apostel aber waren es, die zu dem ehrenvollsten Geschäft. bestimmt waren, nach Öffnung jener Schranken hinzugehen und alle Völker zu lehren und zu taufen. Sie, die armen Fischer, die aus ihrem engen Kreis noch nicht herausgekommen waren, sollten Lehrer der Völker, Lichter in der Finsternis der Welt werden; sie, die ungelehrten Laien, sollten die von Gott gelehrten Prediger der Gerechtigkeit, die Verkündiger der himmlischen Weisheit werden. Sie, die schwachen, zitternden Schafe, sollten die streitbaren Helden werden, durch welche Er seines Reiches Kriege führen wollte, ja sie sollten das Werk, das der Vater Seinen Händen anvertraut hatte, ausführen und vollstrecken in seiner Kraft, dieweil die Welt ein Haus Gottes und die Erde ein Tempel seines Preises sein sollte.

2) In diese ihre Arbeit, meine Lieben! sind wir gekommen; denn ein Blinder sieht, dass der Heiland unmöglich sich dem abenteuerlichen Gedanken überlassen haben konnte, dass die elf Apostel die ganze Welt zu bekehren im Stande sein werden. Solche träumerische Hoffnungen hatte Er nicht. Er wusste zu gut, dass ihre Zahl zu klein, ihr Leben zu kurz sein würde, um alle Länder der Erde auch nur zu bereisen, geschweige sie mit dem Schall des Evangeliums zu erfüllen; Er wusste zu gut, dass viele Geschlechter auf Erden einander folgen würden, ehe sein Wort unter allen Völkern gepredigt würde. Darum meinte Er auch die, welche erst fernerhin zu Jüngern berufen werden sollten; darum meinte Er auch uns, - - auch zu uns hat Er gesprochen: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur. Es handelt, sich daher bei dem Werk der Ausbreitung des Evangeliums unter allen Völkern nicht darum, ob ein Christ demselben beitreten will oder nicht; es ist Pflicht: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur. Wem das Wort des HErrn Etwas gilt, der muss; es ist kein freier Wille. Hätte die Christenheit das bälder bedacht, und Hand ans Werk gelegt, wie viel Länder könnten jetzt unter der Sonne der Gnade Christi stehen! Und deswegen darf es Jedes für eine Ehre ansehen, wenn der Vater uns beruft, der nicht will, dass Jemand verloren werde, sondern dass sich Jedermann zur Buße kehre und lebe. Der Sohn Gottes beruft uns, der uns vorangegangen ist als Vorkämpfer; auch wir sind berufen, seines Reiches Kämpfe zu führen. Der Geist beruft uns, um aus der durch die Sünde verderbten Menschheit eine neue Menschheit zu machen; das ist unsere Ehre, Mitarbeiter zu sein mit dem dreieinigen Gott, dem HErrn Zebaoth!

Das freilich dürfen wir nicht vergessen, dass es mit aller äußerlicher Missionsarbeit Nichts ist, wenn dein Herz nicht missioniert wird; was hilft es, wenn du Anteil nimmst an den Missionsvereinen und dein Herz ist nicht erleuchtet, wenn das rechte Opfer fehlt, ein zerbrochener und zerschlagener Geist, den dein Gott nicht verachten will! Darum wollen wir zuerst an unsere eigene Brust greifen und uns fragen, ob da der Wille ist, der Alles tut, ohne Ausnahme tut, was der HErr befohlen hat. Wie traurig wäre es für einen Prediger, wenn er Andern predigte und sich selbst verwerflich wäre! wie traurig ist das Schicksal derer, die an der Arche bauen und nicht hineinkommen! O möchte es dem Geiste Gottes gelingen, unsern ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist dem Dienste Gottes zu weihen, dass keine Willensregung, keine Ader mehr in uns ist, die sich nicht Ihm hingäbe, damit Gott der Vater samt dem Sohn und Heiligen Geist geheiligt werde in uns jetzt in der Zeit und in alle Ewigkeit. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/h/hofacker_w/hofacker_w_trinitatis_1.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain