Hofacker, Wilhelm - Am Pfingstfest. Zweite Predigt

Hier ist mein Herz,
Geist Gottes, schaff es rein,
Und mach es gänzlich neu!
Weih es dir selbst zum heiligen Tempel ein,
Mach es zum Guten treu;
Hilf, dass es stets nach dir verlange,
Dich fürchte, lieb, und an dir hange,
Ein neues Herz!

Ja, ein neues Herz, das ists, was wir brauchen, das ists, was uns Allen hoch von Nöten ist, ein Herz, neugeschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, ein Herz, gereinigt und gesäubert vom Schlamm und Fluch der Sünde, umgestaltet zum Ebenbilde des dreieinigen Gottes und geweiht zu einem heiligen Tempel, in dem der Vater, der Sohn und der Geist wohnen und ruhen kann in alle Ewigkeit. Was hilft uns aller weltliche Besitz und Reichtum, was alle geistige Bildung und Wissenschaft, was alle christliche Erkenntnis und was alles christliche Bekenntnis, wenn das steinerne, selbstsüchtige, sündige Herz nicht weggenommen, und dagegen das neue Herz uns geschenkt wird, in das die Liebe Gottes und des Heilandes ausgegossen ist durch den Heiligen Geist? Aber Heil uns! wenn an irgend einem Tage des Jahres, so doch gewiss am Pfingstfeste dürfen wir mit besonderem Vorrechte vor den Thron des Höchsten treten, und die Bitte des Psalmisten da kund werden lassen: schaffe, o Gott, in mir ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen Geist; denn heute ist Er, der große Erneuerer der Menschheit, der Geist des Lebens und der Herrlichkeit, aus heiligen Himmelshöhen herabgefahren, und hat neue Herzen und neue Menschen geschaffen durch seine allmächtige Kraft. Hört ihr, wie es rauscht und braust über Jerusalems Zinnen, und wie sich die Ströme des lebendigen Wassers entladen, von dem die Propheten schon in alter, grauer Zeit geweissagt haben? Seht ihr, wie dort die Feuerflocken herniederzucken auf der Apostel Häupter, um das Wort des HErrn wahr zu machen: ich werde euch mit Feuer und mit dem Heiligen Geiste taufen (Apostelgesch. 1, 5.)? Vernehmt ihr, wie sie mit neuen Zungen die Großtaten Gottes kund tun, und damit aller Welt das große Wunder verkündigen, dass auch ihre Herzen neu geworden sind durch die Kraft des Heiligen Geistes? Ach, dass es auch bei uns so rauschen und brausen, und die Schleusen des Lebens, das aus Gott ist, sich öffnen möchten, um in unsere armen und leeren Herzen die Gabe der Pfingsten zu bringen! Ach, dass auch in unserer Gemeinde flammende Feuerzeichen des Glaubens, der Inbrunst, der Liebe und der Andacht sich erheben möchten, auf dass der Welt kund würde, der HErr habe sich aufgemacht, um sein Erbe heimzusuchen mit Kraft aus der Höhe!

Ach, dass doch dein Feuer brennte,
Du unaussprechlich Liebender,
Dass es doch die ganze Welt erkennte,
Dass du bist König, Gott und HErr!

Kommt wir wollen darum bitten, indem wir mit einander anstimmen den ersten Vers des 196. Liedes:

Text: Apostelgeschichte 2, 1-18.

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel, als eines gewaltigen Windes, und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und man sah an ihnen die Zungen. zerteilt, als wären sie feurig, und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen, und wurden alle voll des Heiligen Geistes, und fingen an zu predigen mit andern Zungen, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen. Es waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer, aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen, und wurden bestürzt, denn es hörte ein jeglicher, dass sie mit seiner Sprache redeten. Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen untereinander: siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darinnen wir geboren sind? Parther, und Meder, und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien, und in Judäa, und Kappadocien, Pontus, und Asien, Phrygien, und Pamphylien, Ägypten und an den Enden der Libyen, bei Cyrene, und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber? Wir hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden! Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre, und sprachen einer zu dem andern: was will das werden? Die andern aber hatten ihren Spott und sprachen: sie sind voll süßen Weins. Da trat Petrus auf mit den Elfen, hub auf seine Stimme und redete zu ihnen: ihr Juden, liebe Männer, und alle die ihr zu Jerusalem wohnt, das sei euch kund getan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen. Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnt; sintemal es ist die dritte Stunde am Tage. Sondern das ists, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist: „und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben, und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in den selbigen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“

Schon in unserem Christen-Namen, den wir Alle tragen, haben wir eine tägliche Erinnerung an die hohe Bedeutung unseres heutigen Festtages. Denn was heißt „Christ“ zu Deutsch anders, als ein mit dem Heiligen Geist Gesalbter? Wie Jesus, unser großer HErr und Heiland, darum Christus heißt, weil Er gesalbt ist mit dem Heiligen Geist ohne Maß, so soll von Ihm, unserem himmlischen Haupte, nicht bloß der Name, sondern auch das Salböl des Heiligen Geistes selbst auf uns, die Glieder seines Leibes, in immer reicherem Maße überströmen, so dass wir als Träger seines Lichtes, als Gefäße seines Lebens, als das königliche Priestertum verkündigen die Tugenden dessen, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht (1 Petri 2, 9.). Aber ach! wie sieht es in dieser Hinsicht aus unter uns! wie wird von so Vielen der Christen-Name, den sie tragen, Lügen gestraft durch die Ungeistlichkeit ihrer Herzen und durch die Ungeistlichkeit ihres Wandels! Wie Manche müssten wohl, wenn sie ehrlich sein wollten, gestehen, dass sie von einer Einwohnung des Heiligen Geistes noch nichts empfunden, oder auch nur vernommen haben! Und die, die da empfangen haben die Erstlinge des Geistes, und geschmeckt haben die himmlische Gabe, wie besitzen sie bloß armselige Bruchstücke, und sind noch weit entfernt von dem großen Wort unseres heutigen Textes: „Da wurden sie alle voll des Heiligen Geistes!“ Bei solchem Blick auf sich selbst und auf die uns umgebende Christenheit kann das heutige Pfingstfest nur eine niederschlagende und wehmütige Stimmung in jedem Nachdenkenden wecken! und es tut wohl, dass es zugleich auch eine andere, erfreulichere Seite hat, wodurch unser Auge erhellt, unsere Hoffnung erheitert, unser Gesichtskreis erweitert wird. Das Pfingstfest hat nicht nur eine Vergangenheit, die in hehrem und heilig beschämendem Lichte zu uns herüberglänzt, sondern auch eine Gegenwart und eine Zukunft, die uns mit Mut und Freudigkeit erfüllt; und wie Christus gestern und heute, und derselbe ist in Ewigkeit, ebenso ist auch der Geist gestern und heute und derselbe in Ewigkeit. Haben auch die außerordentlichen Wirkungen aufgehört, durch die er bei der Stiftung der ersten Gemeinde seine allmächtige Kraft betätigt und bewiesen hat, so ist er doch auch jetzt noch der große Wundertäter, der aus dem Tode das Leben, aus der Finsternis das Licht hervorbringen und Alles neu schaffen kann zur Ehre und zum Preise Gottes. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, haben wir in der Textgeschichte eine zweite Schöpfungsgeschichte vor uns, und darum wollen wir betrachten

den heiligen Pfingstgeist als den allmächtigen Neuschöpfer der Menschheit.

Als solchen erweist er sich:

1) durch den neuen Schöpfungsodem, den er wehen lässt.
2) durch die neue Geistessprache, die er kund tut.
3) durch die neue Lebensscheidung, die er hervorruft.

Du Atem aus der ew'gen Stille,
Durchwehe sanft der Seele Grund,
Füll' mich mit aller Gottesfülle,
Und da, wo Sünd und Gräuel stand,
Lass Glauben, Lieb und Ehrfurcht grünen,
Im Geist und Wahrheit Gott zu dienen.
Amen.

I.

1) Wenn wir am Faden der biblischen Offenbarungs-Urkunden aufwärts steigen durch die Schriften des Alten Bundes, um uns die Frage zu beantworten: wo zuerst in der Bibel des Geistes Gottes Erwähnung geschehe, dessen Fest wir heute begehen, so kommen wir zurück bis zum ersten Blatt und zu der ersten Linie derselben, wo uns die Geschichte der Schöpfung des Himmels und der Erde mitgeteilt wird. Da heißt es: „und die Erde war am Anfang wüste und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf den Wassern.“ Dies ist das erste Mal, wo der Geist Gottes erwähnt wird. Wahrlich, dies ist nicht ohne tiefe Bedeutung: ehe noch Licht und Finsternis auseinander getreten waren, ehe noch die bildende Allmacht ordnend, scheidend, befruchtend in die dunkle, chaotische Masse eingriff, webte und schwebte der Geist als der allmächtige Schöpfungsodem Gottes bereits auf den gärenden Wassern: er war die bewegende und schaffende Kraft, durch deren geheimnisvolles Walten die Geburten der werdenden Dinge sich vorbereiten, und aus dem dunklen, gärenden Schoß der Unterschiedslosigkeit und Gestaltlosigkeit sich zum Licht und gesonderten Leben emporringen sollten. Da schon hatte der Geist des Höchsten sein Amt und sein Geschäft, da schon griff er belebend und schaffend in die Schöpfung der Welt ein, da schon war es, dass er, als der HErr sprach: es werde Licht, weislich in verschiedenen Gestaltungen sich offenbarte.

Sollte das weniger der Fall gewesen sein nachmals bei der Neuschöpfung der Welt im neuen Bunde, da aus dem Dunkel einer in Sünde und Tod versunkenen Masse eine neue, gottgeheiligte Menschheit erstehen, und zum Preise Gottes aus der Finsternis ans Licht der Welt hervortreten sollte? Gewiss nicht. Unser heutiger Text gibt davon Kunde. Es geschah schnell ein Brausen vom Himmel, als eines gewaltigen Windes: so erzählt derselbe. Was sollte dies anders bedeuten, als eben das, dass der allmächtige Schöpfungsodem ausgegangen sei, um belebend und erneuernd tote Sünderherzen zu durchdringen, und zu einem neuen Leben aus Gott sie zu rufen und zu wecken? Nicht ohne tiefe Bedeutung wird vom Heiland selbst der Wind als ein Sinnbild des alldurchdringenden Geistes gebraucht, wenn Er zu Nikodemus spricht: der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl, du weißt aber nicht, woher er kommt, und wohin er fährt, also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist (Joh. 3, 8.). Wie unerforschlich ihrem Grund und Wesen nach und wie unwiderstehlich ihrer Gewalt nach erweist sich nicht die Naturkraft des Windes? Wer kann stehen vor dem Winde des Allmächtigen? die stärksten Bäume werden entwurzelt und gebrochen, Felsen und Türme zu Boden gestürzt, das Meer bis zum Himmel aufgetürmt. Wenn der Wind solche Wirkungen hervorbringt in der sichtbaren Welt, warum sollte der Geist des Höchsten es nicht auch können in der Welt des Geistes? - Und wem fällt nicht das Totenfeld im Gesichte Ezechiels (37, 1-14.) ein, dessen Anblick ihn zu Tränen bewegte, weil er nichts sah, als verdorrte Gebeine, nichts als eine weite, unabsehbare Totengruft. Aber der Wind des Höchsten bläst darein, da werden die Gebeine wieder lebendig, der Moder verwandelt sich in Frühlingsduft des Lebens, und die Toten erstehen und richten sich wieder auf auf ihre Füße. Ist's anders gewesen am heiligen Pfingsttag? O wie hat es da gerauscht auf dem Felde der Totengebeine, auf dem Felde der alten jüdischen Satzungen, wo keine Menschen Gottes, sondern marklose Schatten lagen, ferne vom Leben aus Gott, im Tode der Selbstgerechtigkeit und tiefer Herzensblindheit gefangen; aber siehe: der Wind des Höchsten ist über sie gekommen, die Toten haben sich aufgerichtet, ihre Gebeine haben sich mit Fleisch bekleidet, und an Einem Tag wurden dreitausend Lebensgestalten ins Dasein gerufen, die, verschieden nach Alter, Stand, Bildung und Erziehung, dennoch den neuen Schöpfungsodem in sich trugen, und ein Loblied auf den anstimmten, der sie berufen aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Das hat der HErr getan, und ist ein Wunder vor unsern Augen.

2) Aber glaubt nicht, dass die Zeit solcher Wunder nun vorbei sei, und solche Wirkungen zu den längst vergangenen Begebenheiten gehören, deren Wiederholung nicht mehr erwartet werden dürfe. Es ist wahr, die Art und Weise, wie solche Wirkungen des Geistes zu Tage treten, ist eine andere, eine stillere, geordnetere und mehr abgemessene geworden; der Strom der Geistesgaben, der zur Zeit der Apostel aus seinem Ufer getreten war, ist in dasselbe zurückgetreten; demungeachtet aber hat der Geist des HErrn HErrn seine neuschaffende Kraft noch nicht verloren, noch immer ist Er der Lebensspender. Ich will mich nicht auf die Reformationszeit berufen, wo ein Wind des Höchsten durch die Totengebeine Europas wehte, und Hohe und Niedere, Reiche und Arme, Herren und Leibeigene aus dem Schlaf der Sicherheit erwachten und fragten: was ist Wahrheit, und wo finde ich einen sichern Verlass auf die Ewigkeit, wo Ruhe, Frieden und Seligkeit? der Geist konnte nicht gedämpft werden; er brach hervor, wie das Licht aus der Finsternis. Das ist vom HErrn geschehen und ein Wunder vor unseren Augen. Ich will auch nicht auf so manche lieblichen Züge aus der neuern Missionsgeschichte eingehen, die uns zeigen, wie auch auf dem Heiden-Gebiet die Totengebeine oft rauschen, und ein Hunger ins Land gesendet wird, nicht nach Brot und leiblicher Nahrung, sondern nach dem Brot des Lebens, und wie solche, die vorher den Teufeln opferten und viehischen Leidenschaften frönten und Menschenfresser waren, christliche Zucht und Sitte annehmen und darin die geborenen Christen übertreffen, die des Handels wegen zu ihnen kommen und den Christennamen durch ihre Zuchtlosigkeit und Unmenschlichkeit in Verruf bringen. Auch das ist vom HErrn geschehen und ein Wunder vor unsern Augen. Ich will auch nicht daran erinnern, dass gerade in unsern Tagen, wo das Geschrei des Unglaubens, als ob es mit dem Christentum nun bald vollends zu Ende sei, überhandnahm, und Manche bereits die Feder ergriffen, um der christlichen Religion und Kirche das Todesurteil zu unterzeichnen, der alte Christusglaube und die alte Christusliebe in vielen Herzen wieder kräftiger Eingang fand, und Hunderte von Zeugen in der Christenheit und in der Heidenwelt, auf dem Gebiet des kirchlichen und des öffentlichen Lebens, vor den Riss sich stellten und Protestation einlegten, und zahlreiche neuerstandene Anstalten und Vereinigungen für Christen und Heiden, für Kinder und für Alte, für Gesunde und Kranke, für Gefallene und Gebesserte, für Lebende und Sterbende es an den Tag legen, dass das Feuer auf dem Herd des Geistes noch nicht verglommen ist, und auch jetzt noch in neuen Flammen himmelwärts lodern kann. Auch das ist vom HErrn geschehen und ein Wunder vor unsern Augen. Aber ich will nur das Eine fragen: gibt es denn gar keine Beispiele unter uns, dass Menschen, die vorher nichts glaubten, selten die Kirche und höchst selten das Abendmahl besuchten, wohl Zeitungen und Romane, nie aber ein geistliches Buch oder die Bibel zur Hand nahmen, ja wohl über heilige Dinge gespottet und gelacht haben, durch das Regen des Geistes in aufrichtige Verehrer der Heiligen Schrift, in fleißige und aufmerksame Zuhörer der göttlichen Predigt, in Freunde des HErrn und aller seiner Glieder umgewandelt worden sind, und es durch ihren Wandel bezeugen, dass sie wissen, an wen sie glauben? Erkennen wir in solchen nicht Denkmale der Wirkungen des Geistes von Oben? O wie mancher Sieg ist dem Geiste Christi schon im Stillen gelungen, indem der Trog in Demut, der Hochmut in Beugung, der Eigenwille in Ergebung, die Weltliebe in Jesusliebe verwandelt worden ist! und wer sie überschauen könnte, die Verirrten, die durch den Geist des HErrn auf den rechten Weg geleitet, die Gefallenen, die durch Ihn wieder aufgerichtet, die Toren, die durch Ihn erleuchtet und weise gemacht, die Angefochtenen, die durch Ihn gewappnet, die Kämpfer, die durch Ihn überwunden haben: wahrlich, es wäre ihrer eine große Zahl, die Niemand zählen kann, die gemeinsam Zeugnis ablegen würden von der neuschaffenden, wiedergebärenden, heiligenden Macht des Geistes, der neue Kreaturen schafft in Christo Jesu, unserem HErrn.

Was kein Mensch, kein eigner Wille,
Keine Kraft der Welt vermag,
Wirkst du mühelos und stille,
Geist des HErrn, am Gnadentag.

Die gärenden Massen der Sünden sind groß; aber der Geist Gottes schwebte auf den Wassern, und bald da, bald dort greift er hinein in das Dunkel, um aus einem Kind der Finsternis ein Kind des Lichts zu machen. Sollte das uns nicht Mut geben, auch im Hinblick auf die vielen Totengebeine, die noch fort und fort in der Grabesnacht daliegen? Er, der belebende Schöpfungsodem, wird sich auch an ihnen nicht unbezeugt lassen.

II.

Der heilige Pfingstgeist ist der allmächtige Neuschöpfer der Menschheit, das hat er bewiesen durch den neuen Schöpfungsodem, den er wehen ließ. Aber er bewies es auch durch die neue Geistes-Sprache, die er kund tat.

1) Die Apostel des HErrn erscheinen uns in unserer heutigen Textgeschichte in einem ganz neuen Lichte. Es sind neue Ansichten, die sie beseelen, es sind neue Kräfte, die sich an ihnen kund tun, es sind neue Hoffnungen, für die sie glühen, es ist ein neuer Mut, der sie durchdringt, das Wunderbarste aber bleibt, dass es auch neue Sprachen und Zungen sind, mit denen sie reden. Es hat den gelehrten Schriftauslegern schon viel Kopfzerbrechens gemacht, wie dieses Sprachen-Wunder wohl erklärt werden könnte, wie es denkbar sei, dass ein Mensch in einer Sprache, die er niemals gelernt, sich verständlich und fasslich auszudrücken vermöge: der Eine hat diesen, der Andere jenen Erklärungsgrund beigebracht, und das Rätsel bald so, bald anders zu lösen versucht. Wir gestehen ehrlich, dass wirs auch nicht verstehen, wie das zugegangen ist; aber wir bleiben beim Wort der Schrift, wonach wenigstens die Leute aus den verschiedenen Völkerschaften der damaligen bekannten Welt die Apostel in ihrer Muttersprache die großen Taten Gottes verkündigen hörten, und von dieser Verkündigung aufs tiefste ergriffen und angezogen wurden. Und eben hierin tut sich die wunderbare Kraft des Heiligen Geistes kund, der zwar eine hohe und erhabene, eine heilige und geheimnisvolle Sprache redet, aber doch zugleich eine solche, die die Muttersprache unseres eigensten, innersten Herzens ist, die deswegen jedem, der Ohren hat zu hören und Sinne stehen, so verständlich ist, dass er sich dadurch die tiefsten Rätsel seines eigenen Gemüts, die wichtigsten Fragen seines nach Wahrheit forschenden Geistes gelöst und beantwortet sieht. Und das ists, was dem Evangelium unter allen Völkern und Nationen, unter allen Sprachen und Zungen, in allen Zeiten und Jahrhunderten die Herzen erobert, die Gemüter gewonnen und verschlossene Pforten geöffnet hat. Es geht dem Menschenherzen mit der Geistessprache des Evangeliums, wie es schon manchen Unglücklichen gegangen ist, die vom heimatlichen Boden in früher Jugend hinweggerissen, unter andere Zonen und Völker versetzt, ihre Muttersprache verlernt haben, aber, auf unvorhergesehene Weise wieder in die Heimat zurückversetzt, wie von einem elektrischen Schlage getroffen wurden, als sie die heimatlichen Laute der Muttersprache wieder vernahmen, und eine ganze Welt von alten Erinnerungen wieder in sich auftauchen sahen. So ists auch mit dem Menschengeist. Ursprünglich verstanden wir die Sprache des Geistes gar gut; im Vaterhause der Gemeinschaft mit Gott, zu der wir ursprünglich geschaffen waren, wird ja keine andere Sprache gesprochen, als die Sprache des Heiligen Geistes; aber wir sind hinaus verschlagen worden durch den Abfall und die Sünde, wie der verlorene Sohn, in andere Länder und unter andere Sprachen; die Sprache der Welt, der eigenen, unerleuchteten Vernunft, des eigenen, verderbten Herzens hat die Oberhand bekommen, und nur dunkle Rückerinnerungen sind uns geblieben an die alte Heimat des Geistes, und an die Sprache, die dort gesprochen wurde. Da schlägt es gar wunderbar an unser Ohr, wenn der Geist zur rechten Zeit und Stunde mit seinem Laut und Wort unser inneres Ohr trifft, da kommt das tiefe, wehmütige Heimweh über uns, das stets der Vorbote der Bekehrung ist, da wirds uns klar, wovon wir gefallen sind, und wir erkennen nun, wie uns geholfen werden kann. Da sprechen wir dann mit den Dreitausenden in unserem Texte: „wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, in der wir geboren sind?“ wir hören mit unserer Sprache die großen Taten Gottes predigen. Im Himmel aber ist Freude, wenn dem Geist Gottes ein solcher Sieg gelingt, und der Posaunenschall seines Wortes und seiner Sprache die heidnischen Mauern Jerichos niederwirft.

2) Ist dem Geiste von oben dieser Sieg an uns schon gelungen, die Sprache desselben auch wirklich schon zu Herzen gedrungen? Es wird wohl keiner unter uns auftreten und behaupten, der Geist des HErrn habe mit ihm noch niemals gesprochen, noch niemals seine Einladungen und Mahnungen an ihn ergehen lassen. Denn er redet mit uns ja auf allen Wegen und Stegen, in der Kirche und zu Hause, im Geräusch des Tages, und wenn wir auf unserem Lager liegen in dunkler Mitternachtsstande. Und was will er anders, als die Rätsel unseres Lebens uns deuten, die Zwecke unseres irdischen Prüfungsstandes uns offenbaren, die Bedürfnisse unseres Herzens uns fühlbar machen, die Gefahren, die uns auf dem Wege der Unbußfertigkeit drohen, uns vor die Seele malen, das unbeschreibliche Glück einer Seele uns zum Bewusstsein bringen, die zu einem Kinde Gottes, zu einem Gliede am Leibe Christi, zu einem Tempel des Heiligen Geistes erkoren, aus dem Tode zum Leben hindurchgedrungen ist? Haben wir diese Sprache des Geistes wohl auch schon erneuernd und umwandelnd zu unseren Herzen dringen lassen? Ach, wie schwer hält es doch, bis der Geist mit solcher Sprache im Geräusch der Welt, im bunten Wellenschlag der Begierden und Lüfte des Herzens nur auch ein wenig zum Wort kommen kann! Wie viel schwerer hält es, bis wir seine Sprache verstehen, seine Sprache wieder lernen, und die Sprache der, eigenen Vernunft, des eigenen Herzens wieder verlernen, und in seine Schule uns schicken! Wie gar schwer aber hält es, bis wir auch die Feinheiten seiner Sprache endlich merken, und nicht bloß die lauten, handgreiflichen Ausstellungen, die er in Beziehung auf äußere und gröbere Sünden an uns macht, zu Herzen nehmen, sondern auch ein feines Ohr uns angewöhnen, um seine leise Züchtigung auch der feineren Regungen der Eigenliebe und Selbstsucht, die wir so leicht übersehen, wahrzunehmen, und auch auf sie zu lauschen mit der Aufmerksamkeit eines horchenden Jüngers! Solche Sprache des Geistes lernt kein Mensch aus: da geht es von Licht zu Licht, von Erkenntnis zu Erkenntnis, aber ausgeschöpft wird sie nicht.

O Heil jedem, der diese Sprache des Geistes nicht nur zu verstehen, sondern auch zu sprechen, und selber sich darin auszudrücken anhebt. Denn diese Sprache ist keine unerlernbare, der Geist will nicht nur zu uns, sondern auch durch uns sprechen; und er spricht durch uns, wenn wir in seiner Kraft das Abba, lieber Vater, stammeln, wenn der Geist uns beten lehrt auch in unausgesprochenen Seufzern (Röm. 8, 26.), wenn er in unsere stillen Seufzer Worte legt, die als ein heiliger Weihrauch in die Höhe steigen. Wir lernen diese Sprache auch zu unsern Mitmenschen reden, wenn unsere Rede allezeit lieblich ist und mit Salz gewürzt (Koloss. 4, 6.), wenn nicht nur faule Geschwätze, schandbare Worte, Scherz und Narrenteidinge, und was sonst Christen nicht ziemt (Ephes. 4, 29. 5, 4.), fern von uns bleiben, sondern auch was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich ist, was wohl lautet, was ein Lob, eine Tugend ist (Philipp. 4, 8.), über unsere Lippen geht, und wir jenes alte Wort erfüllen: ihr sollt Posaunen der Gnade sein. Darum räumet nur zuerst euch selber recht dem Geiste zur Wohnung ein. Denn warum war Petrus am Pfingstfest eine so helle Posaune der Gnade Jesu Christi? weil er selber zuerst dieser Gnade durch den Heiligen Geist sich eingeräumt hatte. Wenn deine Rede durch die Zucht des Geistes geläutert und gekräftigt, wenn sie durch Sanftmut und Demut holdselig geworden ist zu hören, so hast du damit einen Schlüssel in das Herz deines Nebenmenschen. Ja, wenn wir dem Geiste Gottes uns zu Gefäßen und Werkzeugen darbieten, dann kann es so weit kommen, dass unser schwaches Wort, unser oft unbeachtetes Zeugnis für die Wahrheit da und dort für eine Seele ein Wegweiser zum Himmelreich, ein Zündfunken des Nachdenkens, ein Angel der Anfassung wird, und der Erfolg beweist, dass wir im Dienste des Geistes gewirkt und geredet haben, der den Schlüssel zu allen Herzen hat, und aufschließen kann, da niemand mehr zuschließt.

III.

Aber eins ist noch übrig, die neue Lebensscheidung, die der heilige Pfingstgeist hervorrief.

1) Nicht wirkungslos verhallte am ersten Pfingstfeste die Sprache des Geistes; es kam zu einem Ergebnis, das für alle Zeiten vorbildlich ist. Wie am ersten Tag der Schöpfung das Wort erscholl: es werde Licht, - und es ward Licht, und dann Finsternis und Licht sich schieden, und aus der Finsternis die Nacht entstand und aus dem Licht der Tag, so ging es auch bei der neuen, geistlichen Schöpfung, am Schöpfungstag der christlichen Kirche. Es werde Licht, war der Spruch des Geistes, und es ward Licht. Aber auch hier gab es eine Finsternis, die das Licht nicht begriff, die Finsternis bleiben wollte, obgleich das Licht heller schien, als die Sonne am Mittag. Das waren diejenigen, die zu spotten anfingen und sprachen: sie sind voll süßen Weins. Ihnen gegenüber aber trat eine andere Zahl mutig hervor; es waren viele Hunderte, die in ihrem Innern vom Schwert des Geistes getroffen, den Jüngern entgegenriefen: ihr Männer, lieben Brüder, was sollen wir tun? In diesen hatte es angefangen, Licht zu werden, sie hörten auf die ernste Antwort des Petrus: tut Buße, und lasse sich ein Jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden; sie ließen sich durch die Laufe der Gemeinde Christi einverleiben, und betätigten es so, dass sie in keinem Andern Heil und Seligkeit suchen, als in dem Namen Jesu, mochten auch die Andern spotten, wie sie wollten.

2) Meine Lieben, der Ruf des Geistes geht in alle Lande, der Schall des Evangeliums dringt durch die ganze Welt; und auch uns geht an, was Petrus jenen Fragenden am ersten Pfingstfest sagte: euer und eurer Kinder ist diese Verheißung. Wer da sucht, der wird finden, wer da anklopft, dem wird aufgetan. Aber Torheit und Träumerei wäre es, zu glauben, dass irgendeinmal während der gegenwärtigen Weltzeit die Finsternis dieser Welt ganz vom Reiche Gottes verschlungen werde. O nein, stets wird der dunkle und trübe Niederschlag bleiben, auch wenn fort und fort der Geist der Gnade und der Wahrheit in diese dunklen Massen hereingreift, und mit Allen, die sich retten lassen, zum Licht und zum Leben hindurchdringt. Licht und Finsternis wird nebeneinander bestehen, bis der HErr kommen wird, den guten Weizen zu sammeln in seine Scheunen, die Spreu aber zu verbrennen mit ewigem Feuer. Aber nur desto gewisser soll das Werk der Scheidung, wie es am Pfingstfest begonnen, auch jetzt noch sich fortsetzen; wer durch den Geist des Lichts und des Lebens sich nicht einführen lässt in das Reich des Lichts und der Freiheit, der hat es nur sich selbst zuzuschreiben. Immer wird der HErr auch seinen geistlichen Levi haben, der umgürtet ist mit den Waffen guter Ritterschaft, und der es weiß, dass seine Aufgabe ist, immer völliger auszugehen von der Welt und ihrer Gemeinschaft, nicht durch in die Augen fallende Gebärden, sondern in der Tat und Wahrheit. Solche Ausscheidung soll im Innern ununterbrochen fortgehen: auch keinen Fuß breit Landes soll im Gebiet ihres inneren und äußeren Lebens der Geist der Welt mehr innehaben und behaupten, auch kein Haar sollen sie ihm überlassen, denn es heißt: geht aus von ihnen, rühret kein Unreines an. Lasset die Spötter spotten und lachen; ihr aber freut euch in dem HErrn; lasst die Ungläubigen sprechen: wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche! kommt, lasst uns zerreißen seine Bande! - ihr aber haltet euch zum Hause des HErrn; denn ihr wisst, dass Er die Einfältigen behüten wird und den Demütigen Gnade gibt. Lasset den Abfall noch größer, und auch die falschen Brüder immer mehr offenbar werden und sich ausscheiden:

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