Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 3. Kap. 2, 1-7.
Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal. Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern. Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süße. Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Panier über mir. Er erquickt mich mit Blumen, und labt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich. Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr meine Freundin nicht aufweckt, noch regt, bis dass es ihr selbst gefällt.
Diese Worte versetzen uns noch in die Zeit des ersten Besuches der Braut in Jerusalem. So schön alles ist, was sie dort sieht, der Zug ihres Herzens geht doch in die Heimat; dorthin wünscht sie sich mit ihrem Bräutigam, dort möchte sie ihre Wohnstätte mit ihm aufschlagen, wie wir am Schluss des vorigen Kapitels gesehen haben. Ist sie doch nichts anderes als eine in der Stille des Landlebens erblühte Blume.
Die Lilie im Tal,
so können wir unsern Abschnitt überschreiben.
Denn eine solche ist gemeint, wenn wir Vers 1 lesen: „Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal.“ Die eigentliche Rose kommt in der ganzen Bibel (die Apokryphen ausgenommen) nicht vor; sie wurde erst spät von Persien und Armenien aus, wo ihre eigentliche Heimat ist, nach Palästina und Europa verpflanzt. Was Luther so übersetzt hat, bedeutet immer Lilie. Und zwar ist hier nicht an eine kostbare Gartenlilie zu denken, sondern an eine gewöhnliche Wiesenlilie, denn so lauten die ersten Worte des Verses: Ich bin eine Wiesenblume zu Saron. Eine Herbstzeitlose ist gemeint, wie sie schmucklos zu tausenden auf den Wiesen wächst. Die Braut will sich also durch diesen Vergleich nicht als etwas besonders Herrliches hinstellen, sondern im Gegenteil als etwas ganz Gewöhnliches, als etwas was tausend andere auch sind. Lernen wir hier wieder, wie die Braut Jesu gering von sich denkt. Ach es steckt so manchem der Wahn im Herzen, dass er etwas Besonderes sei, eine ganz wundervolle Blume, ein seltenes ausländisches Gewächs. Aber Seelen, die in wirklicher Gemeinschaft mit Jesu stehen, haben diese Einbildung gründlich aufgegeben. Sie haben erkannt, dass gar nichts Besonderes an ihnen ist, dass sie eben auch Sünder sind wie die andern alle und sich höchstens insofern von ihnen unterscheiden, dass sie die schlechtesten unter ihnen sind. Auch meinen sie nicht, dass sie sich durch hervorragenden Glauben und Liebe vor andern Kindern Gottes auszeichneten, sondern sie denken, dass wohl alle andern weiter sein oder weiter kommen können als sie; sie meinen nicht mehr wie Petrus vor seinem Fall, dass sie den Herrn lieber hätten als die andern, sondern sagen nur mit dem gedemütigten Petrus am See Genezareth: Herr, Du weißt, dass ich Dich lieb habe. Zu solcher Bescheidenheit kommt man nicht nur durch ernste Selbstprüfung und Betrachtung im Spiegel des göttlichen Gesetzes, sondern besonders durch die Erkenntnis Jesu. Als die Braut den König gesehen, erscheint sie sich erst recht unwert und kann es gar nicht begreifen, dass dieser große Fürst sich ein so gewöhnliches Wiesenblümchen erwählt habe. Auch wir können nicht besser zur Erkenntnis unseres Unwertes gebracht werden als dadurch, dass wir uns mit dem Herrn Jesus vergleichen. Da schwinden uns sofort alle hohen Gedanken. Und je mehr wir in seiner Erkenntnis zunehmen, desto demütiger werden wir werden; es heißt dann bei uns: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“
Und wo steht diese einfache Wiesenblume? „Ich bin eine Blume zu Saron und eine Lilie im Tal“ sagt die Braut. Unter Saron ist hier nicht die Gegend am Mittelmeer zwischen Joppe und Cäsarea zu verstehen, sondern diejenige von Nazareth zwischen dem Berg Tabor und dem See Genezareth, welche ja auch diesen Namen führte. Da ist das Blümlein gewachsen, und zwar im Tal, in tief zwischen Bergen versteckten Schluchten und Niederungen, in größter Verborgenheit. Eben weil die Braut Jesu weiß, dass nichts Besonderes an ihr ist, steht ihr Sinn auch nicht nach hohen Dingen: sie hält sich herunter zu den Niedrigen, sie liebt die Verborgenheit, sie gehört zu den Stillen im Lande. Sie ist nicht eine Blume auf den Bergen, sondern im stillen, verborgenen Tal. Schlage dir, liebe christliche Seele, das Verlangen, auf Erden recht in die Öffentlichkeit zu treten, gründlich aus dem Sinn. Sei dankbar, wenn dich der Herr einen verborgenen Weg führt und du im stillen Tal bleiben darfst. Stellt Er dich aber auf die Berge, dann demütige dich in deinem Herzen umso mehr, und sei wenigstens in deinem Sinn nichts anderes als eine Wiesenblume in dem verachteten Galiläa und eine Lilie im stillen verborgenen Demutstal.
Der Bräutigam nimmt nun dieses Bild auf, gibt ihm aber eine für die Braut ehrenvolle Wendung und Bedeutung, indem er ihr antwortet: „Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern.“ Also sie ist eine Wiesenlilie, aber eine solche unter Dornen, welche in der Talschlucht ringsumher stehen. Während andere Frauen für ihn nur Dornen sind, ist sie für ihn eine Blume. Hier lernen wir vor allem, was alle diejenigen Menschen in den Augen des Herrn sind, die Ihm ihr Herz nicht geben mögen, nämlich nichts anderes als Dornen. Sie mögen noch so viele Vorzüge besitzen, weise, gelehrt, reich und schön sein, für den Herrn sind sie doch nur Dornen. Die Dornen wachsen schnell daher, grünen und blühen wohl auch schön, aber sie sind unfruchtbar, nützen nichts, im Gegenteil sie schaden und stechen nur. Ist es nicht so bei dem, dessen Herz noch nicht durch Jesu Geist erneuert und umgewandelt ist? Ach welch ein unnützes, unfruchtbares Leben führt er und wie viel Schaden richtet er an! Wie lästig ist er seiner Umgebung durch seine böse Zunge, welche die empfindlichsten Stiche versetzen kann; welch spitze Reden führt er oft im Munde, und wie tut er andern durch giftige Verleumdungen wehe! Ja so oft man ihm zu nahe kommt, erhält man sein Teil; es ist als ob man ein Dorngestrüpp berührte. Ist es zu verwundern, wenn solche Dornen zuletzt ins Feuer geworfen werden? Sie gehören fürwahr nirgends anders hin. Solche Seelen dagegen, die ihr Herz dem Heiland gegeben haben, gleichen einer Lilie. Diese hat nicht etwas Verletzendes an sich wie der Dorn, sondern etwas Wohltuendes, Auge und Herz Erfreuendes. So sind wahre Christen eine liebliche Erscheinung, man fühlt sich von ihren Worten und ihrem ganzen Wesen angenehm berührt, sie haben etwas Erquickendes an sich. Und so ist's mit der ganzen Kirche, soweit sie wirklich zur Braut des Herrn gehört. Wie einst Sarah in Ägypten allgemeine Bewunderung erregte wegen ihrer Schönheit, obwohl sie schon alt war, so steht auch die wahre Kirche des Herrn in stets jugendlicher Schönheit und Anmut unter den Völkern da wie eine liebliche Lilie. Ihr Platz aber muss stets unter den Dornen bleiben. „Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern“ - dieses Wort des Herrn kann uns recht von separatistischen Neigungen heilen. Wir wollen keine Lilie im Rosengarten sein, sondern unter den Dornen. Im Himmel wird es eine Gemeinde von lauter Heiligen geben, hier auf Erden findet sich nirgends eine solche, weder in den großen Volkskirchen, noch in den kleinen abgesonderten Parteien. In der kleinsten Gemeinschaft wachsen die Dornen, und da erst recht spitze. Auf dem Boden des geistlichen Hochmuts wuchern die schlimmsten Dornen. Sehr beherzigenswert ist, was Dr. Luther an Spalatin schreibt: „Wenn Ihr denn eine Lilie und Rose seid, so wisst, dass Euer Wandel unter den Dornen sein muss. Seht aber zu, dass Ihr nicht durch Ungeduld und freches Urteilen oder heimlichen Hochmut selbst ein Dorn seid. Das Reich Christi ist mitten unter seinen Feinden; was dichtet Ihr denn eine Mitte unter den Freunden?“
Ja lieber Christ, halte aus unter dem dornigen Gestrüpp, bis die Hand des Herrn dich herausnimmt und in den herrlichen Paradiesesgarten versetzt, und tröste dich inzwischen damit, dass das Auge deines Heilandes sieht, wo du stehst, und mit Wohlgefallen auf dir ruht.
Ob Dornen sie umgeben,
Er kann sie dennoch sehn,
Er sieht ihr stilles Leben
Und findet sie so schön.
Hierauf gibt die Braut dem Bräutigam das Lob zurück, indem sie ihn mit einem Apfelbaum unter wilden Bäumen vergleicht Vers 3: „Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süß.“ Während also alle, die das Bild Jesu nicht an sich tragen, wilden Bäumen gleichen, die entweder ungenießbare Früchte oder gar keine bringen und deshalb abgehauen und ins Feuer geworfen werden, so ist der Herr Jesus wie ein lieblicher Apfelbaum, der nicht nur wohltuenden Schatten bietet, sondern auch süße, wohlschmeckende und überaus gesunde Früchte. Der Schatten ist natürlich ein Sinnbild des Schuhes, den Jesus gewährt. „Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre“ - so kann eine Seele sagen, die sich ganz in den Schutz des allmächtigen Heilandes befohlen hat. Die Früchte aber bedeuten die Worte und Werke des Herrn Jesu. Die Worte Jesu betrachten und an seinen Wunderwerken sich den Glauben stärken heißt die Äpfel dieses Baumes essen. „Seine Frucht ist meiner Kehle süß“ so wird jeder bekennen müssen, der betend und mit heilsbegierigem Herzen die köstlichen Worte und gewaltigen Wunder des Herrn Jesu betrachtet. Ja es gibt keine süßere und zugleich gesündere Nahrung für die menschliche Seele als diese. Lieber Christ, setze dich fleißig unter den Schatten dieses Apfelbaumes und esse immer wieder von seinen köstlichen Früchten!
Wenn nun die Braut fortfährt: „Er führt mich in den Weinkeller“ oder in das Weinhaus, so meint sie damit das Gastzimmer Salomos, wo er seine Gäste mit Wein bewirtet. Auch Jesus führt die Seinen in den „Weinkeller“, indem Er sie bewirtet und ihre Herzen erfreut, oft im größten Elende. Der ganze 23. Psalm, den wir alle kennen, schildert uns, wie Jesus die Seinen in den Weinkeller führt. Nur ein Beispiel. Als Paulus im Gefängnis zu Rom lag und jeden Tag befürchten musste, vom kaiserlichen Gericht zum Tode verurteilt zu werden, da war er nicht etwa gedrückt und niedergeschlagen, sondern er sprach: „Und ob ich geopfert werde über dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, so freue ich mich und ihr sollt euch mit mir freuen.“ „Freut euch in dem Herrn alle Wege und abermals sage ich: Freut euch!“ Seht, da hat der Herr Jesus seinen gefangenen Knecht in den Weinkeller geführt. Der Kaiser hatte ihn in den Kerker geworfen, der Herr Jesus aber macht das Gefängnis zum Weinkeller und bewirtet und erquickt seinen treuen Diener selbst angesichts des Schafotts mit heiliger Freude. Mögest auch du, liebe Seele, in Not und Tod von deinem Heiland in den Weinkeller der Freude im Heiligen Geist geführt werden!
Als die Braut in das Gastzimmer tritt, fühlt sie wohl, dass sie, das sonnenverbrannte Hirtenmädchen, nicht hierher gehört. Aber sie tröstet sich selbst mit den Worten: „Die Liebe ist sein Panier über mir.“ Dass der König sie liebt, ist ihr Trost; dies gibt ihr ein Recht, hier zu sein und sich in den Räumen des königlichen Palastes zu bewegen sowohl wie die andern Frauen. Die ihr geschenkte Gunst des Königs ist gleichsam das über sie schützend ausgebreitete Panier, dass niemand sie verachten oder gar aus diesen Gemächern fortweisen darf. Will nicht auch uns oft der Gedanke quälen, als gehörten wir nicht in diese und jene Gemeinschaft geförderter Christen? Haben wir nicht oft mit einer Blödigkeit zu kämpfen, die uns lähmt und alle Freudigkeit rauben will? Ich weiß kein besseres Mittel, sie zu überwinden, als die Liebe Jesu Christi. Wir sollen denken: Es mag wahr sei, dass diese und jene Brüder weit geförderter sind als du, und dass du von Rechtswegen nicht in ihre Gemeinschaft gehörst; aber das ist doch auch wahr, dass Jesus dich ebenso liebt wie sie. Jesus erlaubt dir hier zu sein, Jesus will dich hier haben und sieht mit Wohlgefallen auf dich, was brauchst du denn so verzagt zu tun? Fasse nur Mut, tritt getrost auf und bewege dich mit christlichem Freimut unter diesen Kindern Gottes. Im Grunde ist doch einer so viel wie der andere, nämlich ein von Haus aus fluchwürdiger und verlorener, aber durch Jesu Blut begnadigter Sünder. Seht, liebe Brüder und Schwestern, so ist die Liebe Jesu sein Panier über uns.
Das Bewusstsein, die Braut des Königs zu sein, überkommt Sulamith nun so mächtig, dass sie sich körperlich angegriffen fühlt und der Stärkung bedarf, die ihr denn auch sofort zuteilwird. „Er erquickt mich mit Blumen und labt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe.“ Wie die natürliche Liebe das leibliche Leben angreifen und erschüttern kann bis zur wirklichen Krankheit, so auch die geistliche. Nur an zwei Beispiele sei hier erinnert. Der fromme Hofprediger Hedinger ward auf seinem Sterbebette mit einem solchen Strom himmlischer Freudigkeit überschüttet, dass er ausrief: „O wie gut ist der Herr! süß ist Deine Liebe, mein Jesu! welch eine Süßigkeit! Ich bin's nicht würdig, mein Herr, lass ab, lass ab!“ Und der heilige Ephrem wurde einmal von einer solchen Wonne überkommen, dass er rief: „Herr, ziehe deine Hand ein wenig ab, denn mein Herz ist zu schwach, so große Freude zu empfangen.“ Das heißt krank sein vor Liebe, ein Zustand, wie ihn freilich nur die wenigsten aus Erfahrung kennen. Um die Schwache zu stärken, ließ der König seiner Braut wohlduftende Blumen und Äpfel zur Erquickung und Labung reichen. Was die „Äpfel“ sind, die uns in allen Lagen, auch in solchen überseligen Momenten zur Labung und Stärkung dienen sollen, wissen wir bereits, es sind Jesu Worte und Werke. Sie geben allezeit der Seele den rechten Halt und die rechte Kraft, was es auch immer sein möge, das sie bewegt. Die „Blumen“ aber, mit denen der Herr die Seinen erquickt, dürfen wir wohl in der brüderlichen Gemeinschaft und christlichen Freundschaft erkennen. Des sind gar liebliche Blumen, die uns der Herr auf den Lebensweg streut, wenn Er uns christliche Freunde finden lässt. Insbesondere mag es auch für solche, die reiche geistliche Erfahrungen machen, eine große Erquickung sein, wenn sie eine Seele haben, von der sie verstanden werden und vor der sie sich aussprechen können. So erquickt der Herr Jesus seine vor Liebe kranke Braut mit Blumen und labt sie mit Äpfeln.
Doch Sulamith sinkt in seliger Wonne wie ohnmächtig hin, aber in Salomos Arme. Er stützt und beruhigt die Wankende, welche dankend vor sich hinspricht: „Seine Linke liegt unter meinem Haupte und seine Rechte herzt mich.“ So sollten auch wir in seliger Wonne unserm Heilande in die Arme sinken, so dass seine Hände uns halten und herzen könnten und wir uns von seiner Macht und Gnade ganz getragen und umschlossen fühlten. Dann und wann schenkt es auch der Herr der gläubigen Seele, dass sie so ganz an seine Brust sinken und sich von Ihm lieben lassen kann. In solchen Zeiten versteht man jenes innige Lied erst recht und singt es mit seliger Freude:
Sicher in Jesu Armen, sicher an seiner Brust,
Ruhend in seiner Liebe, da find ich Himmelslust.
Mit holder Hirtenstimme ruft mir der Heiland zu:
Lass ab vom eignen Ringen, an meinem Herzen ruh!
Aber ist das nicht unnüchterne Schwärmerei? Hören wir endlich noch, was der König den anwesenden Frauen des Palastes, welche Zeuginnen dieses Vorganges waren, zuruft: „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder bei den Hindinnen auf dem Felde, dass ihr meine Freundin nicht aufweckt noch regt, bis dass es ihr selbst gefällt.“ Diese Frauen mochten wohl durch ihre Mienen verraten, dass sie das Verhalten der Sulamith, ihr aufgeregtes und beinahe fassungsloses Benehmen tadelten und im Begriffe waren, sie aufzufordern, sich doch besser zusammenzunehmen, denn es sei unpassend und ungebildet, sich so gehen zu lassen. Aber der König nimmt im Voraus seine Braut in Schutz und beschwört die Frauen bei allem was ihnen lieb ist, bei den zierlichen Gazellen und Hindinnen des Feldes, sie sollten ihr diese seligen Augenblicke nicht stören, verbittern und verkürzen durch übel angebrachte Zurechtweisungen, sondern sie in diesem glücklichen Zustande lassen, so lang es ihr selbst gefalle. So sind die „Töchter Jerusalems“, Christen, die sich zwar auch zum Herrn halten, aber doch nicht so recht innig mit Ihm verbunden sind, immer bereit, solche bräutlich liebende Seelen zu tadeln und ihr Verhalten als Schwärmerei zu bezeichnen; auch solche Lieder, wie das vorhin angeführte, gefallen ihnen nicht und sind ihnen nicht nüchtern genug. Aber der Herr sagt: Lasst meine Braut glücklich sein in meinen Armen, stört ihr die Seligkeit nicht durch eure überklugen, hofmeisterlichen Reden, lasst sie, bis es ihr selber gefällt. Leider pflegen solche selige Augenblicke ohnehin kurz zu sein; Sünde, Welt und Satan sorgen schon dafür, dass sie nicht allzu lange währen. Wie grausam ist es da, wenn auch Christen noch mithelfen, dass der Seele dieses Glück gestört wird! Gott gebe, dass deine und meine Seele eine Braut Jesu sei, die nicht nur Sünde, Welt und Teufel, sondern auch allen Tadlern unter den Christen zum Trotz glücklich ist an ihres Heilandes Brust und sagen kann:
in den Armen Jesu,
Sanft an des Heilandes Brust
Ruh ich von allen Schmerzen
Selig in Himmelslust. Amen.