Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 13. Kap. 5, 8-16.

Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 13. Kap. 5, 8-16.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, dass ich vor Liebe krank liege. Was ist dein Freund vor andern Freunden, o du schönste unter den Weibern? Was ist dein Freund vor andern Freunden, dass du uns so beschworen hast? Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden. Sein Haupt ist das feinste Gold. Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe. Seine Augen sind wie Taubenaugen an den Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der fülle. Seine Backen sind wie die wachsenden Würzgärtlein der Apotheker. Seine Lippen sind wie Rosen, die mit fließenden Myrrhen triefen. Seine Hände sind wie goldene Ringe, voll Türkisen. Sein Leib ist wie reines Elfenbein mit Saphiren geschmückt. Seine Beine sind wie Marmorsäulen, gegründet auf goldenen Füßen. Seine Gestalt ist wie Libanon, auserwählt wie Zedern. Seine Kehle ist süß und ganz lieblich. Ein solcher ist mein Freund; mein Freund ist ein solcher, ihr Töchter Jerusalems.

Der Traum Sulamiths, von welchem wir das letzte Mal gehört, war nicht umsonst; unser heutiger Text erzählt uns von der Wirkung desselben. Sulamith bereut ihre Untreue bitter und wendet wieder ihr ganzes Herz ihrem Freunde zu. Sie tut nach jener Mahnung des Herrn: „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße und tue die ersten Werke.“

Wie tut sie aber Buße? Sie geht zunächst ihre Freundinnen um ihre Fürsprache an. „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, dass ich vor Liebe krank liege.“ Sie sollen also bei Salomo ein gutes Wort für sie einlegen und ihn bitten, dass er zu Sulamith, die sich so sehr nach ihm sehne, komme und ihr seine frühere Liebe wieder schenke. Hier finden wir einen beachtenswerten Wink für bußfertige Seelen: geht andere um ihre Fürbitte an. Wenn die Hüter der Stadt, die Zionswächter, die Hirten der Kirche, sich eurer nicht annehmen wollen, wenn sie euch wundschlagen mit harten Worten, statt euch zu trösten und mit euch zu beten, wohlan so wendet euch an die Töchter Jerusalems, an Seelen, die den Herrn kennen und lieben, die euch verstehen und Mitleid mit euch haben können, weil sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Da ist vielleicht irgendein alter Bruder, irgendeine erfahrene Schwester, ein Vater, eine Mutter in Christo, das sind solche Töchter Jerusalems, die den himmlischen Salomo schon lange kennen und lieben; diese verstehen euch und nehmen euch liebevoll auf, zu denen geht, schüttet euer Herz vor ihnen aus und ersucht sie herzlich um ihre Fürbitte. Sagt zu ihnen: „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, dass ich vor Liebe krank liege.“ Man muss nicht so stolz sein, dass man meint, in allem allein fertig werden zu können. Kein Wunder, wenn man sich dann vergeblich abquälen muss mit Suchen nach dem Herrn; der Herr kann sich von einem Herzen nicht finden lassen, das noch nicht gebeugt und noch nicht wahrhaftig ist. Und das ist man so lange nicht, als man sich schämt, sein Herz vor dem Bruder auszuschütten und ihn um seine Fürbitte anzugehen. Bei der rechten Buße vergeht der Stolz, da läuft man gerne auf die Töchter Jerusalems zu, denen man vielleicht früher aus dem Weg gegangen ist, da blickt man hoch zu denen hinauf, auf die man vorher verächtlich herabgeblickt hat. Da sagt man: Wie glücklich seid ihr, und wie unglücklich bin ich, ich kann's nicht mehr so aushalten, betet für mich, dass der Herr sich meiner erbarme; ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, dass ich vor Liebe und Sehnsucht krank liege. Macht es doch so, ihr suchenden Seelen, namentlich ihr, die ihr bereits Frieden gefunden, ihn aber durch Untreue wieder verloren habt und die ihr dadurch in ganz besondere Seelennot hineingeraten seid, fasst euch ein Herz und wendet euch an irgendeine Tochter Jerusalems, an irgendeine bewährte Christenseele, zu der ihr Vertrauen habt, sagt ihr offen alles und geht sie um ihre Fürbitte an. Und ihr, ihr Töchter Jerusalems, nehmet eine solche betrübte Sulamith in Liebe auf und betet für sie. Seid nicht damit zufrieden, dass ihr selbst Frieden habt, sondern tretet priesterlich für die Bußfertigen und Angefochtenen ein; du begnadigte Seele, vergiss nicht, dass dich Jesus zu einer Priesterin gemacht hat, die priesterliche Hände aufheben soll zum Vater. Bete doch nicht bloß für dich, bete für alle diejenigen, die sich deiner Fürbitte empfohlen haben. Wenn so eine betrübte Seele zu dir sagt: Bete für mich, so sage nicht bloß ja, sondern tue es auch; der Herr, der ins Verborgene sieht, weiß, ob du dein Wort hältst oder nicht. Man kann freilich oft kaum all die Personen merken, die uns um unsre Fürbitte angehen. Manche, wie z. B. der treffliche Gottesmann Spener, haben sich deshalb die Namen derer, für die sie beten sollten, aufgeschrieben und an bestimmten Tagen regelmäßig ihrer gedacht. Und ein teurer Freund von mir ließ sich beim Abschied von seiner Gemeinde nur ein Gedenkbuch geben, in welches die Brüder und Schwestern ihre Namen mit einigen Worten der Erinnerung schrieben, damit er auf diese Weise zu einem Gebetszettel komme, der ihn zur Fürbitte für all die Seelen mahne. Vielleicht hast du auch ein Gedenkbuch oder Stammbuch; wenn du es durchblätterst, so lass dich durch die Zeilen der Erinnerung ebenfalls dazu treiben, für deine Freunde zu beten, besonders für diejenigen, von welchen du weißt, dass sie in Not und Betrübnis sind.

Denn zu diesen sollst du dich am meisten hingezogen fühlen. Es ist ein sehr schöner Zug, dass die um ihre Fürbitte angegangenen Töchter von Jerusalem die betrübte, bußfertige Sulamith die schönste unter den Weibern nennen. „Was ist dein Freund vor andern Freunden,“ antworten sie, „O du schönste unter den Weibern? Was ist dein Freund vor andern Freunden, dass du uns so beschworen hast?“ Ja welche Seele soll dir, lieber Christ, als die schönste vorkommen, welche ist in der Tat die schönste, auch in den Augen des Herrn? Nicht diejenige, welche Ruhe und Frieden hat, nicht diejenige, welche nichts von Anfechtung weiß, nicht diejenige, welche rühmen kann, dass sie sich reich und glücklich fühle, und mit dem Liede singt: „Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Lust und Singen, sieht lauter Sonnenschein; die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ, das was mich singen machet, ist was im Himmel ist.“ Gewiss, eine solche Seele ist auch schön, aber schöner noch ist die Seele, welcher das Bewusstsein der Gnade entschwunden ist und welche sich in Sündenangst mit Tränen der Neue und heißem Verlangen nach dem Herrn sehnt. Eine Seele, die sich selbst am verwerflichsten und hässlichsten vorkommt, ist in den Augen Jesu am schönsten; von einer solchen sollen auch wir uns nicht etwa abgestoßen, sondern vielmehr am meisten angezogen fühlen. Sie ist „die schönste unter den Weibern.“ Und wenn die Töchter Jerusalems sie fragen: „Was ist dein Freund vor andern Freunden, o du schönste unter den Weibern? Was ist dein Freund vor andern Freunden, dass du uns so beschworen hast“, so ist die Meinung nicht die, dass sie etwa diesen Freund, der ja auch ihr Freund ist, nicht selbst kannten, sondern sie wollen nur aus dem Mund der betrübten Sulamith hören, was dieser Freund ihr gewesen sei. Jeder Christ kennt den Heiland, aber der eine mehr, der andere weniger, der eine mehr nach dieser, der andere mehr nach jener Seite hin. Matthäus kennt den Herrn anders als Markus, Lukas anders als beide, und Johannes anders und besser als sie alle. Keiner kennt Ihn freilich ganz; so kennt Ihn nur der Vater, wie der Heiland selber gesagt hat: „Niemand kennt den Sohn denn nur der Vater.“ Nur Er kennt den Abgrund seiner Liebe ganz, nur Er versteht die Tiefen seines Wesens völlig und weiß Ihn seinem wahren Werte nach zu würdigen und zu schätzen. Unser Erkennen ist Stückwerk; aber besonders tiefe Blicke in die Herrlichkeit Jesu tut doch eine Seele, die Ihn kannte und sich mit Tränen der Buße nach der verlorenen seligen Liebesgemeinschaft mit Ihm zurücksehnt. Einer solchen zeigt der Heilige Geist, wie viel sie an Ihm gehabt hat. Es wird ihr so klar wie nie zuvor, dass Jesus der größte Reichtum, der herrlichste Schatz, das allerbeste und höchste Gut ist, das ein Mensch besitzen kann im Himmel und auf Erden.

Hören wir denn, wie die bußfertige Sulamith ihren Freund beschreibt. Zuerst schildert sie sein Aussehen mit den Worten: „Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden.“ Mein Freund ist weiß und rot, dafür würden wir etwa sagen: wie Milch und Blut. Reines zartes Weiß ist das Kennzeichen vornehmen Standes, angestammten Adels, bevorzugter Erziehung. Deshalb wird in den Klageliedern Jeremiä von den Edlen Jerusalems gesagt, sie seien reiner denn Schnee gewesen und weißer denn Milch. Rot dagegen ist die Farbe frischer Gesundheit. Und in dieser Mischung von Schönheit und Lebensfülle ist Salomo ausgezeichnet vor vielen Tausenden. Es war eine seltene Erscheinung, der jugendliche König. Aber mit noch weit größerem Rechte sagen wir mit dem Lied: „Wer ist wohl wie du, Jesu, süße Ruh, unter vielen auserkoren, Leben derer, die verloren, und ihr Licht dazu, Jesu, süße Ruh!“ Siehst du Ihn dort in Gethsemane mit dem blassen Angesicht und den blutigen Schweißtropfen auf der Stirn? Das ist dein Freund, weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden. Oder dort vor dem Richthaus des Pilatus, den Purpurmantel um den bloßen blutig geschlagenen Leib gehängt, die Dornenkrone aufs Haupt gedrückt, dass die Blutstropfen über die bleichen Wangen herabrieseln, da heißt es wieder: „Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden.“ Und endlich dort auf Golgatha am Kreuzespfahl, wo sein heiliger Leib bloß dahängt, überflossen von den roten Bächlein seines heiligen Blutes, das aus den Händen und Füßen und endlich auch aus seiner durchbohrten Seite quillt und in den Sand herniederträufelt, da heißt es wiederum: „Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden.“ Weiß, das erinnert uns an die Heiligkeit unseres Heilandes, und rot an sein teures Versöhnungsblut. Das Weiß schreckt uns, das Rot lockt uns; das Weiß sagt uns: Er ist der Sündenfeind, und das Not: Er ist der Sünderfreund; das Weiß ruft uns zu: Tue Buße, das Rot dagegen: Glaube, fasse Mut und Hoffnung, armer Sünder! O wie gut ist's, dass Er beides ist; gerade einen solchen Heiland brauchen wir, von dem wir sagen können: „Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden.“

Nach der Schilderung des Aussehens beginnt die Beschreibung des Körpers vom Haupte an: „Sein Haupt ist das feinste Gold.“ Wir erinnern uns hier an jenen Traum des Königs Nebukadnezar, in welchem dieser eine Gestalt mit goldenem Haupte erblickte. Und als Daniel ihm denselben auslegte, sagte er: „Das goldene Haupt bist du, denn du bist ein König aller Könige und Gott vom Himmel hat dir Königreich, Macht, Stärke und Ehre verliehen.“ So war auch Salomo gleichsam ein goldenes Haupt, ein ausgezeichneter König, groß an Macht, Weisheit, Ehre und Reichtum. Aber das Haupt vom feinsten Golde ist doch der Herr Jesus. Er ist der ausgezeichnetste König, der König aller Könige und Herr aller Herren, ein König, dem der himmlische Vater alles unter seine Füße getan, dem Er alle Gewalt gegeben und in dessen Namen sich alle Knie beugen müssen im Himmel und auf Erden und unter der Erde, ein König, dem kein anderer gleichkommt an Macht, Weisheit, Ehre und Herrlichkeit. Ja Jesus ist das Haupt vom feinsten, edelsten Golde.

„Die Locken des Hauptes sind kraus, schwarz wie ein Rabe.“ In dichten schwarzen Locken wallt das Haar vom Haupt des jugendlichen Königs herab. Schwarze Locken sind aber für den Mann eine Zierde; deshalb betrachten wir sie hier als ein Sinnbild des königlichen Schmuckes. Wir wissen, wie herrlich der König Salomo geschmückt war. Der Schmuck seiner Gewänder, seiner Wohnung, seiner Hausgeräte, des von ihm erbauten Tempels, es ist uns alles bekannt aus der Schrift. Aber der Herr Jesus ist doch noch viel herrlicher geschmückt. Auf Erden freilich hatte Er keine Gestalt noch Schöne, auf Golgatha war Er der Allerverachtetste und Unwerteste; aber jetzt im Himmel hat Er eine Herrlichkeit, die wir mit tausend Zungen nicht beschreiben können. Nur ein wenig Geduld, wir sollen sie einst sehen, wie Er es uns im hohenpriesterlichen Gebet erfleht hat: „dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.“ Da werden wir es inne werden, dass es wahr ist, was der Psalm sagt: „Der Herr ist ein König und sehr herrlich geschmückt.“

Die Beschreibung der Schönheit des Bräutigams geht nun über auf die Augen. „Seine Augen sind wie Taubenaugen an den Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle.“ Sie gleichen also einem lieblichen Taubenpaar, das an einem Bach sitzt und sich munter hin- und herbewegt. Weil aber die Augensterne gleichsam im Weiß des Augapfels schwimmen, so werden sie mit Tauben verglichen, die sich in Milch baden. Und wenn hinzugefügt wird: „sie stehen in der Fülle,“ so will damit gesagt sein, dass sie nicht eingefallen sind wie die Augen eines Kranken, sondern uns frisch anblicken. „Seine Augen sind wie Taubenaugen,“ wenden wir das gleich an auf den Herrn Jesum. In diesen Worten liegt für den Christen ein reicher Trost. Seine Feinde blickt der Herr an mit Augen wie Feuerflammen, mit Augen, die nicht nur hineinleuchten bis in den innersten Grund ihres bösen Wesens, sondern sie auch hinwegscheuchen von seinem Angesicht. Vor diesen Augen zittert, ihr Unaufrichtigen, ihr Sündendiener und ihr alle, die ihr eure Sünden verbergt und verheimlicht; diese Augen werden einst vernichtend auf euch ruhen und euch im innersten Herzensgrund erbeben machen! Aber seine Braut blickt der Herr Jesus an mit Taubenaugen, mit Augen, aus denen nichts als die aufrichtigste, lauterste, herzlichste, treueste Liebe spricht. Siehe, wenn du im Gebet vor dem Herrn liegst und es wird dir wohl im Herzen, es wird dir aufs Neue gewiss, dass du sein eigen bist, dass Er dich liebt und dich ewig nicht lassen wird, da blickt Er dich an mit Taubenaugen. Wenn du sehr trostbedürftig bist und du wirst durch den Heiligen Geist an irgendeinen Trostspruch erinnert, der wie ein Stern in dunkler Nacht in deinem Herzen aufgeht und leuchtet, dass du wieder Mut und Hoffnung fasst und deine Tränen trocknest, da sieht dich dein Herr Jesus an mit Taubenaugen. Und wenn du die rechte Bahn verlassen und der Herr Jesus tritt im Geiste vor dich hin und blickt dich an, wie dort im Palast des Hohenpriesters den verleugnenden Petrus, so dass du innerlich getroffen hinausgehst und bitterlich weinst über deine Untreue, siehe da blickt dich Jesus auch an mit Taubenaugen. Lieber Bruder, liebe Schwester, blicke auch du fleißig in die treuen Taubenaugen des Herrn Jesu. Schaue sein Wort an, schaue seine köstlichen Verheißungen an, dann blickst du in diese Taubenaugen. Ist es schon etwas Liebliches, in das volle, klare, friedliche Auge eines Christen zu schauen, wie köstlich ist es erst, in die Augen Jesu zu blicken! „Seine Augen sind wie Taubenaugen.“

Von den Augen geht die Beschreibung weiter zu den Wangen. „Seine Backen sind wie die wachsenden Würzgärtlein der Apotheker.“ Würzgärtlein der Apotheker sind Blumenbeete, die mit würzigen Kräutern bepflanzt sind. So frisch und lieblich waren die Wangen Salomos. Und die Wangen des Herrn Jesu? Ach, wie sind sie, sonst voll Frische und Anmut, erbleicht in Gethsemane in heißem Todeskampf, wie sind sie geschlagen worden von den rohen Dienern, wie geschrieben steht: „sie gaben Ihm Backenstreiche;“ wie sind sie sogar mit Speichel besudelt worden, und wie sind sie dort am Kreuze endlich im Tode erblasst! Aber gerade deshalb sind sie uns lieblich wie die wachsenden Würzgärtlein der Apotheker. Ein Mensch, der seine Sünde nicht erkennt, wird freilich kein Wohlgefallen finden an diesen zerschlagenen, angespienen und erblassten Wangen des Herrn Jesu. Aber wenn du zu der Einsicht kommst, dass du selbst so ein Kriegsknecht bist, der mit seinen Rohheiten, mit seinen Gemeinheiten und sonstigen abscheulichen Sünden dem Herrn ins Angesicht geschlagen und gespien hat, denn man braucht es nicht so arg zu treiben wie jener Gefangene, der buchstäblich in das Neue Testament hineinspie und Jesum lästerte, man kann auch mit sonstigen bösen Reden und hässlichen Sünden Jesu ins Angesicht speien wenn dir das klar wird, und dass es deine Sünden waren, die in Gethsemane die Wangen Jesu in Todesangst erbleichen und auf Golgatha im Tode erblassen ließen, dann werden dir diese zerschlagenen und angespienen Wangen des Herrn Jesu köstlich und erquickend sein wie der kräftigste Wohlgeruch, der uns aus dem Würzgarten eines Apothekers entgegenduftet; dann wirst du diese Worte erst recht verstehen: „Seine Backen sind wie die wachsenden Würzgärtlein der Apotheker.“

„Seine Lippen sind wie Rosen oder vielmehr wie rote Lilien, die mit fließenden Myrrhen triefen.“ Ja liebe Seele, so sind die Lippen des Herrn Jesu. Was sagt Salomo im 45. Psalm? „Holdselig sind deine Lippen.“ Und was lesen wir von den Leuten zu Nazareth? „Sie wunderten sich der holdseligen Worte, die aus seinem Munde gingen.“ Wenn der Herr Jesus z. B. von dem verlorenen Sohn erzählte, der von seinem Vater mit so großer Freude wieder aufgenommen wurde, sind das nicht holdselige Worte, die schon unzählige getröstet und ermuntert haben, an die vergebende Liebe Gottes zu glauben? Oder wenn der Heiland ausruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken,“ sind das nicht wahrhaft holdselige Worte, die schon gar manches betrübte Herz kräftig aufgerichtet und zum Frieden gebracht haben? Gewiss ist auch uns schon gar manches Wort des Heilandes wie Balsam für die bekümmerte Seele gewesen. Wir sind vielleicht niedergeschlagen zur Kirche gekommen; aber da hat uns ein Wort aus des Heilands Munde wunderbar getröstet, allen Kummer und alles Leid fortgenommen, dass wir wieder fröhlich von dannen gezogen sind. Ja das ist gewiss, ihr lieben Seelen alle, so wie Jesus geredet hat, hat noch kein Mensch geredet; die Worte, so über seine Lippen flossen, sind von unvergleichlicher Schönheit und Lieblichkeit. „Seine Lippen sind wie Lilien, die mit fließenden Myrrhen triefen.“

„Seine Hände sind wie goldene Ringe voll Türkisen,“ oder wie es genauer heißt, wie goldene Walzen wegen der runden wohlgeformten Finger voll Tarsissteinen, womit die Fingernägel gemeint sind, die man füglich mit Edelsteinen vergleichen kann. O liebe Seelen, so sind die Hände unseres Heilandes; ja alles Kostbare in der Welt ist nicht herrlich genug, sie damit zu vergleichen. Sie sind wertvoller als das edelste Gold und die köstlichsten Edelsteine. Diese Hände haben wohlgetan, sie haben den Hungrigen Brot ausgeteilt, sie haben die Kranken und Aussätzigen berührt und sie geheilt, sie haben der Blinden Augen sehend gemacht, der Tauben Ohren aufgetan und der Stummen Zunge gelöst. Diese Hände haben die Toten ergriffen und sie dem Tode entrissen; diese Hände haben sich betend zum Vater erhoben und segnend über die Jünger ausgebreitet, und zum Dank für dies alles sind sie mit Nägeln durchbohrt und an das Kreuz geschlagen worden! Diese durchgrabenen Hände wirken aber jetzt erst recht unaufhörlich Gutes und halten eine jede gläubige Seele fest, dass sie nicht verloren gehe. Es sind unvergleichliche Segenshände; sie sind wie goldene Walzen voll Tarsissteine.“

Nun geht die Schilderung auf die bedeckten Körperteile über, deren Weiß mit Elfenbein und Marmor verglichen wird. „Sein Leib ist wie reines Elfenbein mit Saphiren geschmückt.“ Mit den blauen Saphiren ist wohl das blaue Geäder gemeint, das sich unter der weißen Haut verzweigt. Wir denken hier an den heiligen, nackt und bloß am Kreuz hangenden Leib unseres Heilandes. Was sind das für Saphire, mit denen er übersät und geschmückt ist? Ach, es sind seine Striemen und Wunden. Siehe hin auf seine Brust und auf seinen Rücken, da erblickst du eine Menge blauer und blutrünstiger Flecken und Streifen, welche von den Faustschlägen und Geißelhieben der Kriegsknechte herstammen, - das sind seine Saphirsteine. Und siehe an seine Seite, da klafft eine breite Wunde, so groß, dass man die Hand hineinlegen kann, aus welcher Blut und Wasser hervorquillt, das ist wieder ein großer Saphirstein. Und an seinen Händen und Füßen entdeckst du noch vier solche Steine, die blutenden Wunden von den dicken Nägeln. So ist der heilige Leib unseres Heilandes mit Edelsteinen geschmückt worden; das waren die Geschmeide, die Er an demselben trug. Als Kaiser Konstantin den Sitzungssaal des großen Kirchenkonzils zu Nizäa betrat, trug Er ein Gewand, das mit Edelsteinen übersät war, also dass die Augen der Bischöfe von dem Glanz seiner Erscheinung wie geblendet wurden. Aber die Edelsteine, mit denen der Herr Jesus geschmückt war, seine heiligen Wunden, sind für einen armen Sünder viel lieblicher und schöner als die herrlichsten Diamanten. Und heute noch strahlen diese Edelsteine am heiligen Leibe unseres Herrn. Denn seine Wunden hat Er mitgenommen in den Himmel und wird sie ewig an seinem Leibe tragen; da funkeln sie wie die herrlichsten Kleinodien im himmlischen Glanze an demselben und bilden seinen köstlichsten Schmuck. Wie herrlich muss es sein, diesen verklärten Leib mit den strahlenden Wundmalen schauen zu dürfen! Dann werden wir dieses Wort hier erst recht verstehen: „Sein Leib ist wie reines Elfenbein mit Saphiren geschmückt.“

Sehr wichtig ist uns auch, wenn wir im 15ten Verse lesen: „Seine Beine sind wie Marmorsäulen, gegründet auf goldenen Füßen.“ Die Beine, von der Hüfte an abwärts, nehmen wirklich im Bau des Menschen die Stelle der Säulen, und die Füße diejenige des Untersatzes für dieselben, des sogenannten Piedestals, ein. „Seine Beine sind wie Marmorsäulen“ - so können wir mit Recht vom Herrn Jesus sagen. Sie sind fest und stark, sie wanken nicht und brechen nicht zusammen, sie tragen sicher und unermüdlich den ganzen Leib, seine heilige geliebte Kirche. Von diesen starken Marmorsäulen lass auch du dich tragen, gründe und stütze dich auf die Macht, auf die Liebe, auf die Treue deines Heilandes in getroster Zuversicht, dann stehst du fest in jedem Sturm. Und die goldenen Füße, auf welche die Marmorsäulen gestützt sind, erinnern uns daran, wie gesegnet die Füße unseres Heilandes gewesen sind. Heißt es schon von den Dienern am Evangelium: „Wie lieblich sind die Füße der Boten, die den Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen,“ wie viel mehr kann dies von dem Herrn Jesus gesagt werden! Wo Er seine Füße hinsetzte, da kam mit Ihm Heil und Segen; wenn seine Füße ein Haus betraten, so widerfuhr demselben Heil, seine Fußstapfen trieften von Fett, sein Tun war lauter Segen, sein Gang war lauter Licht, bis endlich diese gesegneten Füße mit Nägeln durchbohrt und an das Kreuz geschlagen wurden, um von da an erst recht ihren Segensgang über die ganze Welt hin anzutreten. Ja nicht bloß die Hände des Herrn Jesu sind wie goldene Walzen, Er hat auch goldene Füße.“

Nun der Eindruck, den seine ganze Gestalt macht. „Seine Gestalt ist wie Libanon, auserwählt wie Zedern,“ d. h. hochragend, majestätisch, ehrfurchtgebietend wie der stolze Libanon mit seinen prachtvollen Zedernbäumen. Siehst du, wie der Herr Jesus dort im Schiff aufsteht und in das tobende Meer hineinruft: Schweig und verstumme? Da war seine Gestalt wie der Libanon, auserwählt wie Zedern; Wind und Meer erblickten ihren Schöpfer und Gebieter und legten sich gehorsam wie ein Hund zu den Füßen seines Herrn. Oder siehst du, wie der Heiland dort im Garten Gethsemane seine Feinde fragt: Wen sucht ihr? Und als Er seinen Namen nennt, fallen sie alle von tödlichem Schrecken getroffen vor Ihm zu Boden. Da war seine Gestalt wie Libanon, auserwählt wie Zedern. Und überall wo Jesus sich jetzt offenbart, sei es in der Versammlung der Gläubigen oder wo es sei, stets ist seine Gestalt wie Libanon, auserwählt wie Zedern, majestätisch und ehrfurchtgebietend, dass alles zu seinen Füßen niedersinken muss. Wie wird es erst sein, wenn Er kommen wird in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit! Da wird seine Gestalt erst recht sein wie Libanon, auserwählt wie Zedern. Es ist unbedingt notwendig, dass wir die Majestät der Person Jesu recht erkennen, damit wir bewahrt bleiben vor einer falschen Dreistigkeit und Zudringlichkeit, deren sich auch manche Gläubige schuldig machen. Bedenke, dass der Herr Jesus doch nicht bloß deines gleichen ist. So hoch das Libanongebirge über das flache Land emporragt, so viel ein Zedernbaum größer und majestätischer ist als ein elender Strauch oder ein Grashalm, so unendlich hoch steht der Herr Jesus über dir. Vergiss es nicht: „seine Gestalt ist wie der Libanon und auserwählt wie Zedern,“ und darum habe eine tiefe Ehrfurcht vor Ihm!

Doch damit wir nicht in falscher Furcht von Ihm ferne bleiben, kehrt die Schilderung noch einmal zurück zu seinem lieblichen Wort. „Seine Kehle ist süß und ganz lieblich.“ Ja das ist's, was uns trotz seiner ehrfurchtgebietenden Majestät immer wieder hinlockt zu Ihm und uns Mut macht, mit vollstem Vertrauen Ihm zu nahen, sein süßes und liebliches Wort. Warum nahten sich zu Jesu überall, wo Er hinkam, allerlei, oder vielmehr wie es genau heißt, alle Zöllner und Sünder, warum wagten sie sich trotz ihrer Sünden zu diesem erhabenen, majestätischen, heiligen Jesus hin? Wir antworten mit unserm Text, weil seine Kehle süß und ganz lieblich“ war. Nahe auch du dich Ihm vertrauensvoll, wenn du gleich ein großer Sünder bist; ist es dir nur ernst, dich zu bessern, so brauchst du dich vor Ihm nicht zu fürchten. Nahe dich Ihm, wenn du Frieden und Ruhe suchst für deine Seele; nahe dich Ihm, wenn du Erquickung begehrst für deinen inwendigen Menschen; nahe dich Ihm, wenn du in großer Traurigkeit bist und dir um Trost bange ist; nahe dich Ihm, wenn du auf dem Kranken- und Sterbebette liegst und deine Seele verschmachten, in Sündenangst und Höllenfurcht verzagen will, nahe dich Ihm getrost, seine Kehle ist süß und ganz lieblich.“

Lasst uns unsere Betrachtung schließen mit den letzten Worten unseres Textes: „Ein solcher ist mein Freund; mein Freund ist ein solcher, ihr Töchter Jerusalems.“ Ja so ist Jesus! So hat ihn die Braut gemalt, die bußfertige Sulamith, nicht mit Farbe und Pinsel, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehrt. Es ist ein besseres Bild, als der beste Künstler es entwerfen kann. Sein Anblick nützt uns mehr als das Anschauen der gemalten Bilder an den Wänden. Aber es will verstanden und mit dem innersten Herzen erfasst werden. Möchte das Gesagte uns wenigstens eine kleine Anleitung zum Verständnis desselben sein und möchten wir alle von Herzen mit einstimmen in das Bekenntnis des heiligen Sängers: „Du bist der schönste unter den Menschenkindern!“ Amen.

Schönster Herr Jesu,
Herrscher aller Enden,
Gottes und Mariä Sohn,
Dich will ich lieben,
Dich will ich ehren,
Du meiner Seele Freud und Kron.

Schön sind die Wälder,
Noch schöner sind die Felder
In der schönen Frühlingszeit;
Jesus ist schöner,
Jesus ist reiner,
Der unser traurig Herz erfreut.

Schön leucht die Sonnen,
Noch schöner leucht der Monden
Und die Sternlein allzumal;
Jesus leucht schöner,
Jesus leucht reiner,
Als all die Eng'l im Himmelssaal.

Alle die Schönheit
Himmels und der Erden
Ist nur gegen Ihn als Schein.
Keiner auf Erden
Lieber kann werden
Als der allerschönste Jesus mein.

Wenn ich endlich sterbe,
Dass ich nicht verderbe,
Lass mich Dir befohlen sein!
Wenn's Herz wird brechen,
Lass es dann sprechen:
Jesu, Jesu, Jesu mein!

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