Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 12. Kap. 5, 2-7.

Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 12. Kap. 5, 2-7.

Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft: Tue mir auf, liebe Freundin, meine Schwester; meine Taube, meine fromme; denn mein Haupt ist voll Taues und meine Locken voll Nacht-Tropfen. Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln? Aber mein Freund steckt seine Hand durchs Loch, und mein Leiberzitterte davor. Da stand ich auf, dass ich meinem Freunde auftäte; meine Hände troffen mit Myrrhen, und Myrrhen liefen über meine Finger an dem Riegel am Schloss. Und da ich meinem Freunde aufgetan hatte, war er weg und hingegangen. Da ging meine Seele heraus nach seinem Wort. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er antwortete mir nicht. Es fanden mich die Hüter, die in der Stadt umhergehen, die schlugen mich wund; die Hüter auf der Mauer nahmen mir meinen Schleier.

Mit diesem Text treten wir nun in den dritten Hauptabschnitt des Hohenliedes ein. Wir erinnern uns kurz, dass der erste die Brautzeit schilderte, und der zweite die Hochzeitsfeier. Wie lieblich waren beide! Aber nun sind sie vorbei.

Ja auch Brautzeit und Hochzeitsfeier sind vergänglich, rasch vorübereilend wie alles Irdische. Bei wie manchem unter uns liegen sie schon Jahre und Jahrzehnte dahinten; und ihr, die ihr beides noch vor euch habt, werdet euch wundern, wie schnell diese ersehnten Zeiten, mit denen sich eure jugendliche Phantasie vielleicht so viel beschäftigt, vergehen werden und möglicherweise ganz anders verlaufen, als ihr denkt oder wünscht. Doch wenn du in deiner Wahl glücklich gewesen und Brautzeit und Hochzeitsfeier nicht durch Sünde befleckt und entweiht hast, so bleiben sie in der Erinnerung immerhin äußerst liebliche Zeiten, zu denen deine Gedanken noch oft gerne zurückkehren mit innigem Dank gegen den himmlischen Vater, der dir diese Freude beschert und diese lieblichen Blumen auf deinen Lebensweg gestreut hat.

Brautzeit und Hochzeitsfeier sind nun aber der Weg zum Ziel. Dieses ist das eheliche Leben, von welchem nun die folgenden Kapitel unseres köstlichen Liedes handeln. Möchte der Heilige Geist uns auch diese Schilderungen recht verstehen und zum Segen werden lassen! Ich denke, wir haben bisher nichts gefunden, was uns irgendwie hätte anstößig sein können; es ist alles heilig, alles rein gewesen, alles eingegeben von einem durch und durch Heiligen Geiste. Wir werden es wohl auch in Zukunft so finden. Es kommt nur darauf an, dass wir uns alles vom Heiligen Geiste auslegen lassen und nicht mit einem unreinen Sinn an das Lied herangehen. Procul, procul este profani! fort, fort, ihr Unheiligen! so hat einst ein römischer Dichter ausgerufen. Weicht, ihr Unwürdigen! so riefen einst die Diakonen, ehe die Abendmahlsfeier ihren Anfang nahm. So möchte ich auch hier bei Betrachtung dieses Liedes immer wieder sagen; fort, ihr alle, die ihr mit eurem unreinen Herzen dasselbe verstehen wollt, fort, ihr, die ihr in ihm Nahrung für euren fleischlichen Sinn sucht, und es etwa gar nur lest, um euren Spott damit zu treiben und einen Grund mehr zu haben, um die Bibel überhaupt verwerfen zu können. Und euch allen, die ihr zuhört, rufe ich zu: Zieht eure Schuhe aus, denn die Stätte, darauf ihr steht, ist heiliges Land!

Wenn wir nun unserm Text näher treten, so gibt sich derselbe sofort als Erzählung eines Traumes zu erkennen, durch die einleitenden Worte: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht.“ Das ist ja das Wesen des Traumes, dass man bei demselben schläft, während das Herz oder der Geist tätig ist. Man hat allerlei Empfindungen und Gefühle, Angst, Freude, Schmerz, unternimmt allerlei, macht Wege, führt Werke aus und wird oft todmüde dabei, aber eben alles bloß im Schlaf. Und was beschäftigt unser Herz hauptsächlich im Traume? Eben das nämliche, was es auch im wachen Zustand erfüllt. Unsere innersten Gedanken und Gefühle werden da offenbar, der tiefste Grund unserer Seele wird aufgedeckt. So war es bei Sulamith in ihrer Brautzeit. Die Sehnsucht nach ihrem Bräutigam beschäftigte sie da so sehr, dass sie im Traume eine Reise nach Jerusalem machte, ihn überall suchte und als sie ihn endlich gefunden, festhalten wollte, um ihn mit in ihre Heimat zu bringen. Wir sprachen davon am Anfang des 3. Kapitels. Hier aber bei diesem Traume aus der Anfangszeit des ehelichen Lebens sind es andere Gefühle, welche in demselben zu Tage treten, leider nicht Gefühle herzlicher Sehnsucht, sondern vielmehr eine leise Entfremdung, ein Erkalten des Herzens, ein Verlassen der ersten Liebe. Ich möchte meinem ganzen Text die Überschrift geben:

Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt.

Ihr Eheleute, ist es nicht so, dass diese Gefahr gerade im Anfang des Ehestandes droht? Wenn man allmählich inne wird, dass der Ehegatte doch nicht so vollkommen ist, als man sich vorgestellt hat, dass er doch auch nur ein Mensch und zwar ein schwacher, sündiger Mensch sei, mit allerlei lästigen Fehlern behaftet, so kommt leicht der Feind und reißt die Herzen auseinander. Man wird empfindlich, nimmt dies und jenes übel, und der Riss wird ärger. Ach das ist die Geschichte unzähliger Ehen. „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt,“ diesen Vorwurf können sich wohl die meisten jungen Eheleute machen. Leider hat der Herr Jesus diese Anklage auch gegen seine Gemeinde erheben müssen. Wie schön war die Zeit der ersten Liebe in den Pfingsttagen der Kirche; welch ein Liebesfeuer brannte da in den Herzen der Gläubigen; was haben sie nicht für ihren Heiland getan, gewagt und gelitten, wie freudig haben sie ihr Leben in die Schanze geschlagen und wie herzlich sich untereinander geliebt! Ein Herz und eine Seele waren die Tausende untereinander, keiner sagte von dem Seinen, dass es sein wäre, Äcker und Häuser verkauften sie und legten das Geld zu der Apostel Füßen. Das war erste Liebe. Aber ach wie bald wurde es anders, wie bald muss der Heiland vom Himmel herniederrufen: „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt.“ Schon im Sendschreiben an die Gemeinde von Ephesus finden wir diesen schmerzlichen Vorwurf. Und geht es nicht auch im einzelnen Christenleben so? Ach leider ja. Auf die erste Freude der Gemeinschaft mit dem Herrn, auf das Hochzeitsfest der Seele folgt bald eine Zeit der Lauheit und Trägheit, eine Zeit, wo das Herz erkalten will und ihm der Herr Jesus nicht mehr so wert und teuer ist, als es sein sollte. Und wie oft kehren solche Zeiten wieder, wo man sich von diesem Wort schmerzlich getroffen fühlt: „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt!“ Ach wir sind untreue Geschöpfe!

Doch lasst uns nun Sulamith erzählen hören. Wie sie so träumend auf ihrem Lager daliegt, hört sie ihren königlichen Gemahl kommen. „Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft: Tue mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Fromme, denn mein Haupt ist voll Taues und meine Locken voll Nachttropfen.“ Es ist ihr also, als käme er spät abends von einer Reise durch sein Königreich zurück, sein Haar ganz nass vom nächtlichen Tau; er freut sich herzlich, seine Gattin daheim begrüßen zu können, und hofft auch ihrerseits auf einen freundlichen Empfang. Sein Herz hat die erste Liebe nicht verlassen; mit den zärtlichsten Ausdrücken, wie er sie in der Brautzeit gebrauchte, nennt er seine Gattin seine Freundin, seine Schwester, seine Taube, seine Fromme. Liebe Seelen, der Herr Jesus verlässt die erste Liebe auch nicht. Sein Herz ist immer gleich gesinnt, Er bewahrt stets die herzlichste Zuneigung gegen alle seine Erlösten, gegen dich und mich. So wie Er uns am Anfang geliebt hat, so liebt Er uns bis auf diese Stunde; und morgen wird Er uns wieder so lieben, und wenn wir alt und schwach werden, auch noch so, und in der Ewigkeit immer noch in gleicher Weise. In seiner Liebe sind keine Schwankungen und Trübungen wie in der unsrigen, sein Herz ist nicht wankelmütig, sondern treu, treu, treu. Von Ihm heißt es, wie Krummacher in einem Tauflied sagt: „Holdseliger Bräutigam, barmherzig Gotteslamm, halt ihm Treue; wie's immer geh, Dein Bund besteh, Dein Lieben heißt ja je und je.“

Wie ist es aber mit unserm Lieben? Hören wir, was Sulamith ihrem Freunde antwortet: „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ So, das ist also ihre Liebe, das ist ihre Dankbarkeit gegen den, der sie aus einem armen Hirtenmädchen zu einer Königin gemacht, das ist die Erquickung, die sie dem müde heimkehrenden Gatten nach des Tages Last und Mühe bereitet, das ist ihr Empfang, dass sie um seinetwillen nicht einmal aufstehen und ihm die Tür aufmachen mag? wie hätte sie ihrem Freund entgegen eilen sollen, wie schnell hätte sie sich von ihrem Lager erheben, sich ankleiden und öffnen sollen; aber statt dessen hören wir die eiskalten Worte: „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ Sulamith, so weit ist es schon mit dir gekommen?!

Geht's nicht oft buchstäblich so im Ehestand? Ist es nicht dem lieblosen Gatten zu viel, wenn er des andern wegen in kalter Nacht einmal aufstehen und sich wieder ankleiden soll? Ist ihm nicht jede kleine Mühe zu viel, jede kleine Unannehmlichkeit, jede kleine Selbstverleugnung, der er sich unterziehen soll? Es gibt Männer voll Selbstsucht, die ihren Frauen nichts zu liebe tun mögen, und es gibt Frauen, die dem Manne, wenn er des Abends müde von der Arbeit kommt, einen möglichst schlechten Empfang bereiten. Da ist nichts geordnet, nichts rein gemacht, der Tisch nicht gedeckt, da gibt's kein freundliches Gesicht und Wort, wohl aber zornige Scheltreden, da wird dem Manne gleich alles Unangenehme gesagt, was vorgekommen ist, kurz, die Frau bedenkt nicht, dass der Mann der Erquickung bedarf nach des Tages Last und Hitze, im Gegenteil sie verleidet ihm sein Haus durch ihre Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht, dass es kein Wunder ist, wenn er wieder umkehrt und seine Erholung im Wirtshause sucht.

„Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln,“ sagt leider auch die Braut des Heilandes gar oft zu ihrem himmlischen Herrn. Es ist uns so leicht alles zu viel, wenn wir etwas für unsern Heiland tun sollen, wenn wir eine kleine Selbstverleugnung üben, ein kleines Opfer an Zeit, Mühe und Bequemlichkeit für Ihn bringen sollen. Er ist vom Himmel zu uns gekommen, Er hat in Armut 33 Jahre für uns auf Erden gelebt, hat weite Wege gemacht und sich müde gelaufen, hat so viel von seinen Widersachern gelitten, hat unsagbare Schmach getragen und endlich den furchtbaren Kreuzestod erduldet und wir wollen um seinetwillen nicht die geringste Bequemlichkeit entbehren! Als wir ihn um Errettung aus Sündennot anflehten, da haben wir Ihm gelobt, wir wollten Ihm auf ewig dankbar sein und uns Ihm ganz zur Verfügung stellen mit allem, was wir hätten; aber wenn Er dann wirklich kommt und nur eine Kleinigkeit von uns verlangt, so ist uns alles zu viel. Wir vergessen, was wir Ihm zu verdanken haben, wir vergessen die 10000 Pfund, die Er uns geschenkt, wir vergessen, aus welcher Tiefe Er uns herausgezogen, wir vergessen, dass Er unser Leben vom Verderben erlöset und uns krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Wir denken nur an die Mühe, der wir uns unterziehen sollen, und sprechen in unserm Herzen mit Sulamith: „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ welche Undankbarkeit!

Da Sulamith nicht auftat, so steckte Salomo seine Hand durch das Fenster, um womöglich die Türe selbst zu öffnen. Da wurde sie doch innerlich bewegt, „mein Leib erzitterte davor,“ sagt sie, und nun erhob sie sich, ihrem Freunde aufzutun. Als sie dann den Riegel am Schloss zurückschob, troffen ihre Hände von Myrrhenöl. Der Griff des Riegels war voll von diesem wohlriechenden Öl, nämlich von den Händen Salomos, der ihn zu öffnen versucht hatte. Der König war also reich gesalbt wie zu einem Feste heimgekommen, voll Liebe und Verlangen, Sulamith zu erfreuen; und sie wollte ihm nicht auftun. Wie musste sie das nun beschämen!

So geht es oft im Ehestande. Der eine Teil kommt dem andern mit aller Liebe entgegen, und dieser bleibt kalt und gleichgültig; er überzeugt sich erst später mit tiefer Beschämung von der aufrichtigen Liebe des andern, vielleicht erst nach dem Tode desselben, wo dann alle Reue zu spät kommt. So geht es aber auch im Christenleben. Der Herr Jesus erzeigt uns stets ungeheuchelte Liebe, aber wir glauben so oft nicht an dieselbe. Erst hinterher überzeugen wir uns mit tiefer Beschämung davon, wie gut Er es mit uns gemeint hatte. Wenn wir nun so lieblos, so träg und gleichgültig daliegen, muss Er auch seine Hand, seine durchgrabene, geistgesalbte Hand hereinstrecken, um womöglich den Riegel unsrer verschlossenen Herzenstüre zu öffnen. Wenn wir diese Hand sehen, wenn wir wieder daran denken, wie sie einst am Kreuz für uns durchbohrt wurde, wenn wir inne werden, wie sie sich wieder nach uns ausstreckt, ja wenn wir fühlen, wie die geistgesalbte, kräftige Jesushand wieder an unserm verriegelten Herzen arbeitet, dann erzittern wir wohl auch, ein Schauer der Rührung geht durch unser Herz, wir erwachen aus unsrer Lauheit und Trägheit und eilen, uns unserm Heiland aufs Neue zu ergeben. Ja nichts kann einen Christen, der die erste Liebe verlassen hat, zur Beschämung bringen, nichts kann ihn aufschrecken vom Ruhebett der Trägheit und Gleichgültigkeit, als die durchgrabene, geistgesalbte Hand des Herrn Jesu. O dass wir sie alle recht sähen vor dem Auge unsres Geistes, wie sie sich nach uns treulosen Seelen ausstreckt, und dass wir sie recht kräftig am Riegel unseres Herzensschlosses arbeiten fühlten!

Obwohl sich Sulamith jetzt ihrer Lieblosigkeit schämt, kann ihr doch die Züchtigung nicht erspart werden. „Und da ich meinem Freund aufgetan hatte, war er weg und hingegangen. Da ging meine Seele heraus nach seinem Wort. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er antwortete mir nicht.“ Als Salomo erkannte, dass seine Gattin die erste Liebe verlassen hatte, verschwand er in der dunkeln Nacht draußen. Sulamith hörte wohl in der Ferne noch sein Wort, aber ihn selbst erblickte sie nicht mehr. Sie eilte hinaus in die Finsternis, lief durch alle Gassen und Straßen der Stadt und rief seinen Namen, alles vergeblich!

So geht es der Seele, welche untreu gegen den Herrn gewesen ist. Der Herr Jesus entzieht sich ihr oft für lange. Da steht dann die Seele da in der Finsternis; alles Licht, aller Trost, aller Friede ist ihr entschwunden. Sie läuft durch die Stadt d. h. durch die christliche Kirche, sucht bald da bald dort, ähnlich wie bei ihrer ersten Bekehrung, aber umsonst. Sie ruft den Herrn an, sie betet, sie fleht, aber Er antwortet nicht. Das einzige, was sie noch hat, ist sein Wort, allein sie hört es so ganz aus der Ferne; es ist wie die Stimme eines Davoneilenden. Dieser Stimme muss sie aber doch nachgehen, wenn sie ihren Geliebten jemals wiederfinden will; sie muss „herausgehen nach seinem Wort.“

Fragt erfahrene Christen, sie werden euch manches zu erzählen wissen von solchen traurigen Zeiten, wo ihnen der Herr infolge ihrer Untreue entschwunden war, wo sie suchten und nicht fanden, wo ihnen die Predigt keinen Eindruck mehr machte, wo das Wort Gottes sie nicht mehr tröstete, wo das Gebet ihnen keine Erleichterung mehr gewährte, Zeiten, wo sie herumirrten wie Verlassene, Verstoßene und Verlorene, Zeiten, wo ihre Sonne untergegangen und kein Sternlein am Himmel stand, Zeiten, wo es hieß: „Ist alles finster um mich her, die Seele müd und freudenleer.“ Das sind betrübte Zeiten, wo man seine Lauheit und Trägheit, seine Lieblosigkeit und Treulosigkeit gegen den Heiland hundertmal verwünscht.

Ja es pflegen dann noch ärgere Demütigungen zu kommen. „Es fanden mich die Hüter, die in der Stadt einhergehen, die schlugen mich wund; die Hüter auf der Mauer nahmen mir meinen Schleier.“ Welch schmerzliche Erfahrung! Die Hüter, welche die Runde durch die Stadt machten und ihre Wachtposten auf den Mauern derselben hatten, um da die Zu- und Ausgänge der Stadt zu überwachen, hielten die königliche Gemahlin für eine gemeine Dirne, schlugen sie hartherzig, verwundeten sie mit ihren Waffen und rissen ihr den Schleier ab, den sie in ihren Händen lassen musste, um nicht ihre Gefangene zu werden. Die diensteifrigen, aber gefühllosen Leute hatten kein Verständnis für ihren Schmerz. Die Hüter der Stadt Jerusalem, die Wächter auf ihren Mauern sind die Hirten der Kirche. Wenn so eine Seele, die Jesum gehabt und durch ihre Untreue wieder verloren hat, zu ihnen geht, um sich Rat und Trost zu holen, so kommt sie nicht selten übel an. Sie findet das rechte Verständnis für ihren Zustand nicht, und deshalb auch keine rechte Teilnahme. Sie wird vielleicht geradezu für eine Abgefallene, für eine Heuchlerin, für eine ganz schlechte Person angesehen und geschlagen mit harten Worten, welche sie nur verwunden, statt ihr Trost zu geben. Ach wie hart können manche Hüter und Zionswächter mit betrübten Seelen umgehen; vor lauter Diensteifer schlagen sie auf dieselben ein, als ob sie die allerschlechtesten wären. Und wenn ein Christ gar einen offenbaren Fall tut, so findet er keine Gnade mehr; dann schlägt alles auf ihn ein und tritt ihn mit Füßen. Es ist ja auch sehr traurig, wenn ein Christ sündigt, und gewiss kann ihm eine schmerzliche Demütigung und Züchtigung nicht erspart bleiben. Aber ihn wundschlagen und tun, als ob er rettungslos verloren wäre, das sollte man nicht. Es ist doch noch eine Sulamith, wenn auch eine gefallene. Man sollte der Seele lieber wieder zurechthelfen, Mut machen und behilflich sein, dass sie ihren Heiland aufs Neue finde. Gegen die Feinde der Stadt Gottes mag man streng verfahren, die Waffen in Anwendung bringen, ohne ihrer zu schonen; aber wenn man eine tiefbetrübte Sulamith vor sich hat, ist das zürnende Dreinschlagen nicht am Platze. „Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, die ihr geistlich seid. Und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest!“

Dies der ernste Traum Sulamiths. Wie nachdenklich wird sie von demselben erwacht sein, welch wichtige Mahnungen und Lehren wird sie sich aus ihm genommen haben! Lasst uns alle daraus lernen, wie traurig es ist, die erste Liebe zu verlassen; man bringt dadurch seine Seele in große Gefahr, man gerät in Finsternis hinein, so dass man ratlos umherirrt und den Herrn mit tausend Schmerzen wieder suchen muss. Doch lässt sich der Herr auch wieder finden, wenn man Ihn ernstlich sucht und „heraus geht nach Seinem Wort,“ denn Er ist freundlich der Seele, die nach Ihm fragt. Amen.

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