Herbst, Ferdinand - Mein Freund ist mein - 1. Kap. 1, 1-4.
Hohelied Salomos. Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein; dass man deine gute Salbe rieche; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde. Ziehe mich dir nach, so laufen wir. Der König führt mich in seine Kammer. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr, denn an den Wein. Die Frommen lieben dich.
Komm, du Brautgemeinde Jesu, du sollst deinem himmlischen Bräutigam tief ins Herz sehen; du sollst lernen, wie viel du in seinen Augen giltst. Hierher zum Lied der Lieder oder dem Hohenliede!
Zwar will es uns auf den ersten Blick vorkommen, als ob wir von demselben wenig Gewinn haben könnten; scheint es doch nur von irdischer Liebe zu reden, so dass sich schon manche an ihm gestoßen haben. Aber lasst uns vor allem festhalten an dem Wort: „Alle Schrift von Gott eingegeben,“ der Heilige Geist ist der Verfasser der Bibel, auch des Hohenliedes, von Anfang bis zu Ende, - und an dem anderen: „Sie ist's, die von mir zeugt.“ Im Lichte dieses Spruches finden wir im Alten Testamente überall die segentriefenden Spuren unseres Herrn Jesu, auch hier in diesem köstlichen Teile desselben. Jesus und seine Brautgemeinde, nichts anderes ist das Thema des Hohenliedes.
Der Heilige Geist nennt die Gemeinde Jesu bald sein Volk, um anzudeuten, dass sie von ihm regiert wird und Ihm untertan ist, wie ein Volk seinem Könige; bald nennt Er sie seine Herde, um auszudrücken, dass sie von Ihm geleitet und versorgt wird wie von einem Hirten; bald seinen Leib, um die innige Verbindung der Christen mit dem Herrn als ihrem Haupt und untereinander als Glieder zu bezeichnen; bald seinen Tempel, um anschaulich zu machen, wie Jesus in seiner Gemeinde wohnt und waltet. Eines der schönsten Bilder ist es aber offenbar, wenn der Heilige Geist die Gemeinde die Braut Jesu nennt. Damit wird uns am deutlichsten gesagt, wie das Herz Jesu gegen seine Gemeinde gesinnt ist, aber auch was für Gefühle diese gegen ihren Herrn hegen soll.
Dieses Bild wird nun in unserm Liede vollständig nach allen Seiten hin verwertet, freilich vielfach in einer Art und Weise, welche manchem nicht recht gefallen will. Nun ist es wahr, es ist kein Buch für Kinder; die alten jüdischen Lehrer sagten, niemand solle es vor dem dreißigsten Lebensjahre lesen. Aber denkt nicht, dass das die Besten seien, welche an solchen Schilderungen der Bibel Anstoß nehmen. Es pflegen sich diejenigen am meisten darüber zu entrüsten, welche heimlich die Sünde lieben. Ist die bräutliche und eheliche Liebe etwas Erlaubtes, so darf sie auch besungen werden; ist sie es aber nicht, dann so sagt jemand mit Recht schäme dich auch deines Vaters und deiner Mutter. Sie ist aber nicht bloß etwas Erlaubtes, sondern sogar etwas Göttliches, wie unser Lied im letzten Kapitel sagt: „Die Liebe ist eine Flamme Jehovas,“ ein vom Herrn im Menschenherzen entzündetes Feuer, das durch Ströme Wassers nicht ausgetilgt werden kann. Sie ist eine liebliche Blume, welche die Freundlichkeit Gottes uns zur Erquickung auf den Lebensweg streut, die aber freilich wie alle gute Gabe Gottes nur allzu oft durch die Sünde des Menschen entweiht und zertreten wird. Weil aber die bräutliche Liebe etwas Göttliches, das bräutliche und eheliche Verhältnis ein von Gott geordnetes ist, so verschmäht es auch der Heilige Geist nicht, es als ein Bild zu gebrauchen, mit dessen Hilfe Er uns die Liebe Jesu und seiner Gemeinde anschaulich und köstlich macht.
Damit haben wir den Hauptschlüssel zum rechten Verständnis des herrlichen Buches gefunden. Mit ihm werden wir den Zugang in das innere Heiligtum desselben gewinnen, wenn auch einzelne Abschnitte vorerst noch etwas Rätselhaftes für uns behalten sollten.
Die Einteilung ist einfach und klar. Zuerst wird die Brautzeit geschildert (1-3, 5), dann die Hochzeit (3, 6 - 4, 17) und endlich der Ehestand (bis zum Schluss). Aus der Brautzeit wird wieder dreierlei berichtet. Ein Besuch von Seiten der Braut in Jerusalem (1-2, 7), dann ein Gegenbesuch des Bräutigams in der Heimat der Braut (bis zum Schluss des 2. Kapitels) und ein Traum der Braut (3, 1-5).
Betrachten wir zunächst
Den Besuch der Braut in Jerusalem.
Wie die Braut das Innere des Palastes betritt, findet sie dort eine Anzahl von Frauen beisammen, die alle Salomo von Herzen ergeben sind und in Wechselgesängen sein Lob verkündigen. Jede weiß etwas zu seinem Preise zu sagen und zu singen. So soll es auch sein, wenn Gläubige versammelt sind, namentlich zu gottesdienstlicher Feier. Da sollen sich die Herzen alle mit Jesus beschäftigen, zu seinem Lobe sollen sie ihren Mund auftun, Ihm sollen ihre Lieder gelten. O das sind gesegnete, erbauliche Gottesdienste, wo das Lob Jesu verkündigt wird!
Eine Stimme hebt an: „Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes,“ und eine andere antwortet: „Denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein.“ Die Liebe des Königs gilt diesen Frauen mehr als seine Gaben, ja als alle Freuden, die sie sonst in seinem Palast umgeben, - denn der Wein ist ein Sinnbild irdischer Freude, wie der Psalm sagt: „Der Wein erfreut des Menschen Herz.“ So soll auch uns die Liebe Jesu über alles gehen, sie soll uns weit lieblicher sein als alle irdischen Freuden, auch die reinsten und edelsten, lieblicher auch als die geistlichen Freuden, die man in christlicher Gemeinschaft genießen kann. Von Jesu geliebt zu werden und davon einen tiefen Eindruck im Herzen zu bekommen, gleichsam geistlicher Weise einen Kuss von seinem heiligen Munde zu empfangen, muss uns eine Freude sein, die größer und lieblicher ist als alles.
Eine dritte Stimme aus der Versammlung ruft: „Dem Geruch sind deine Salben lieblich,“ denn in der Gesellschaft wurde nicht nur Wein kredenzt, sondern es erfüllte auch der herrlichste Duft den Raum. Diesen Wohlgeruch deutet nun wieder eine andere Stimme auf den Namen des Königs mit den Worten: „Dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde.“ Gilt dies schon vom Namen Salomos, dessen Gerücht bis ans Ende der Welt drang, wie vielmehr finden diese Worte ihre Anwendung auf den Namen, der über alle Namen ist, den teuren Namen Jesus! Ja er ist wie eine köstlich duftende, ausgeschüttete Salbe. Wie die Salbe der Maria in Bethanien das ganze Haus mit ihrem Duft erfüllte, so geht von dem Namen Jesus ein Wohlgeruch aus, der die Herzen erquickt und stärkt. Das ganze Haus der christlichen Kirche ist von demselben erfüllt, soweit sie reicht auf dem ganzen Erdenrund, ist etwas zu spüren von dem Wohlgeruch dieses Namens. Aber ausgeschüttet muss die Salbe werden. So lange sie im Glas ist, duftet sie nicht; aber wenn man sie aus ihrem Verschluss befreit, wie Maria dort das Gefäß zerbrach, dann durchdringt sie alles mit ihrem köstlichen Aroma. So muss auch der teure Jesusname gleichsam ausgeschüttet oder vielmehr verkündigt werden, damit die Gemeinde sich an ihm erlaben kann. Er darf nicht bloß in der Bibel stehen, er muss bezeugt, gepredigt werden von gläubigen Lippen, dann erquickt er die Herzen. Möchte diese köstliche Salbe in jeder Kirche, in jedem Gottesdienst ausgeschüttet werden zum Segen für alle Versammelten. Möchte von den christlichen Kanzeln herab Jesus und nichts als Jesus verkündigt werden, so dass Er der Mittelpunkt aller Predigten ist, damit die Sünder erweckt und die Gläubigen gestärkt und erbaut werden. Wie Jesus die Sünder annimmt und mit ihnen isst, wie Jesus für die Sünder leidet und stirbt, wie Jesus die Kranken heilt und die Kinder segnet, wie Jesus zur Rechten Gottes sitzt und die Seinen schützt, und wie Jesus wiederkommt, um die Seinen in sein Reich aufzunehmen, das sei die köstliche Salbe, die in den Kirchen immer wieder ausgeschüttet werde, dann werden sie auch nie leer bleiben!
Denn der Name Jesus beweist stets eine wunderbare Anziehungskraft. „Darum lieben Dich die Mägde,“ fährt unser Text fort. Es gibt immer eine Schar von Seelen, welche sich durch das Zeugnis von Jesu zu Ihm führen lassen und Ihn lieb gewinnen. Kannst auch du sagen: Ich liebe Jesum? Sind solche „Mägde“ unter euch, ihr Jungfrauen und Frauen, die Jesum lieben? Aber auch ihr Männer, jung oder alt, sollt zu diesen „Mägden“ gehören, sollt jungfräuliche Seelen sein, die den Heiland lieben. Ja unser aller Seelen sollten solche „Mägde“ sein, die dem Herrn Jesus in herzlicher Liebe zugetan sind. Und wenn du sagen kannst: Jesus geht mir über alles, wenn ich nur Ihn habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde, dann liebst du Ihn, obgleich du mit Paul Gerhardt wirst hinzusetzen müssen: „Ich liebe Dich, doch nicht so viel, als ich Dich gerne lieben will.“ der Herr entzünde doch dieses Liebesfeuer in unsern Herzen!
Denn von Ihm muss der Anfang dazu gemacht werden, darum ruft nun wieder eine andere Stimme: „Ziehe mich Dir nach,“ worauf der Chor antwortet: „so laufen wir,“ oder wie die Worte wohl eigentlich lauten: „Ziehe mich, so laufen wir Dir nach.“ Wie die Werbung vom Bräutigam ausgehen muss, so der himmlische Gnaden- und Liebeszug vom Heiland; Er muss unser totes Herz erwecken, beleben, zu sich ziehen durch sein Wort und seinen Geist, dann können und werden wir Ihm nachlaufen. Wie die Leute oft einem Menschen, von dem sie sich angezogen fühlen, nachlaufen, so sollen wir es dem Heiland gegenüber tun. An Menschen sollen wir uns nicht hängen, das ziemt sich für Christen nicht, ist auch von keinem Nutzen; aber dem Heiland sollen wir nachlaufen, seine treuen Anhänger werden, die Ihm folgen, wo Er hingeht, das bringt Segen und wird uns zum rechten Ziele führen. Noch keiner ist irre gegangen, der dem Heiland nachgelaufen ist. Weshalb heißt es aber: „Ziehe mich, so laufen wir Dir nach?“ Weil der Heiland oft nur einen Einzigen zu ziehen braucht, um eine ganze Schar zu Seiner Nachfolge zu bewegen, denn der Eine, welcher vom Herrn gezogen wird, zieht wieder andere, sucht sie auch für Ihn zu gewinnen. Mancher Christ und manche Christin ist schon einer ganzen Menge Seelen zum Segen geworden. Ihr, die ihr dem Herrn angehört, sollt auch darum bitten, dass ihr einen gesegneten Einfluss auf andere ausüben dürft; keins von euch soll allein dem Herrn nachwandeln, sondern wenigstens noch eine oder ein paar Seelen gewinnen, damit es auch bei euch heiße: „Ziehe mich, so laufen wir Dir nach.“
Einen ähnlichen Gedanken sprechen die folgenden Stimmen aus: „Der König führt mich in seine Kammer.“ „Wir freuen uns und sind fröhlich über Dir.“ Wenn der König eine Seele in die innigste und seligste Gemeinschaft mit sich hineinzieht, so freuen sich die andern alle. Rechte Christen freuen sich nicht bloß über die Gnade, die ihnen selbst widerfährt, sondern auch über die Seligkeit, die der Herr andern schenkt. Sie freuen sich mit den Fröhlichen, weshalb der liebe Graf von Zinzendorf in einem bekannten Liede so schön singt: „Wenn Jesus seine Gnadenzeit bald da bald dort verklärt, so freu dich der Barmherzigkeit, die andern widerfährt.“
Die Barmherzigkeit des Herrn, welche uns und andern zuteilwird, soll überhaupt unsre höchste Freude sein. Es scheint, dass die bisherigen Wechselgesänge abgeschlossen werden, indem alle miteinander singen: „Wir gedenken an Deine Liebe mehr denn an den Wein. Die Frommen lieben Dich.“ Ja, gedenken auch wir nicht an den berauschenden Wein irdischer Vergnügungen, nicht an unsre Erholungen und die Freude, die wir uns von denselben versprechen; denken wir vielmehr daran, dass wir einen Heiland haben, der aus Liebe für uns gestorben und nun im Himmel in steter Liebe für uns sorgt, unser Leben regiert und zu einem seligen Ziele führen will. Daran lasst uns denken, dann wird eine Freude in uns wohnen, mit der keine andere zu vergleichen ist. „Wen Jesus liebt, der kann allein recht fröhlich sein und nie betrübt.“ Und wenn wir auf unserm Kranken- und Sterbebette daliegen, so wollen wir es im Geist an unsre Wand schreiben: „Herr, siehe, den Du lieb hast, der liegt krank.“ Das sei unser Trost und unsre Freude auch in solchen ernsten trübsalsreichen Zeiten, ja das komme uns nimmer aus dem Sinn, dass Jesus uns liebt. „Wir gedenken an Deine Liebe mehr denn an den Wein.“
Solches gläubige Gedenken an die Liebe Jesu zu uns erweckt in unsern Herzen auch aufrichtige Liebe zu Ihm, weshalb die Töchter Jerusalems noch hinzufügen: „Die Frommen lieben Dich.“ Das liebewarme Herz des Heilandes überwindet die Kälte und Gleichgültigkeit des unsrigen. Aus einem Jünger, den Jesus lieb hat, wird man wie Johannes ein Jünger der Liebe. Und das ist wahre, echte Frömmigkeit, sich von Jesus lieben lassen und Jesum wieder lieben. Es ist ja nicht alles, was fromm aussieht, wirkliche Frömmigkeit, wie Salomo in seinen Sprüchen sagt: „Viele werden für fromm gepriesen, aber wer will einen finden, der rechtschaffen fromm ist?“ Aber diejenigen, denen die Liebe Jesu ins Herz gedrungen ist, sind wirklich fromm. Bei ihnen hat die Selbstgerechtigkeit und pharisäische Eigenliebe den Todesstoß erlitten, und sie wollen nichts mehr sein als arme Sünder, die aus lauter Gnade von ihrem Heiland geliebt werden und nun mit aufrichtigem Herzen Ihn wieder lieben bis in den Tod, ja bis in alle Ewigkeit. Solche wahre „Fromme“ möge der Geist Gottes aus uns allen machen! Amen.