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Heer, Adolf - Am Sonntag Lätare.

Heer, Adolf - Am Sonntag Lätare.

Fortsetzung der Leidensgeschichte. Joh. 13, 31-38. Mark. 14, 29-31. Matth. 26, 33-35. Luk. 22, 33-34.

Herr Jesu! verkläre uns in deiner Liebe und bewahre uns vor Untreue und Verleugnung allewege! Amen.

Des Herrn Warnung an seine Jünger vor den Abwegen der Liebe, die er selber ist. Er warnt nämlich:

1) die Jünger zumal vor Lieblosigkeit im Leben; 2) Seinen Petrus vor Verleugnung im Leiden.

Nachdem wir den ersten Teil des heutigen Passionsabschnitts in der vorigen Predigt nämlich des Herrn Jesu Warnung gegen Judas betrachtet, so lasst uns nun den andern Abschnitt der Leidensgeschichte beherzigen, wie der Heiland

1) die Jünger zumal vor Lieblosigkeit warnt:

Judas ist hinausgegangen, um seinen Herrn und Meister zu verraten, und darob spricht der Herr: Nun ist des Menschen Sohn verklärt, und Gott ist verklärt in ihm. Der Trübsinn ist weg, der Herr stimmt einen Freudengesang, ein Sieges- und Triumphlied an. Jetzt, da Judas fort ist, jetzt da er zur Tat schreitet, jetzt da es nach Gethsemane und Golgatha geht, ins Leiden und Sterben, und Judas wider Willen ihm dazu dienen muss - jetzt sieht der Herr die Verherrlichung des Menschensohnes. Wenn gleich nun jeder Schritt und Tritt des Herrn eine Erniedrigung scheint und auch wirklich ist, der Gang nach dem Ölberg, sein Ringen und Kämpfen dortselbst, der Verrat mit dem Kuss, seine Bande, seine Verantwortung vor dem Hohenpriester, vor dem Landpfleger, seine Schläge, sein Gang auf Golgatha, sein Tod - so leuchtet doch über ihm der Heiligenschein der Verklärung, dass er uns arme Sünder geliebt hat bis in den Tod! und Gott, der Vater, ist verherrlicht in ihm und durch ihn, dass er also die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Durch den Gang ins Leiden und Sterben ging es auch zur Verherrlichung des Menschensohnes, zur Enthüllung und Offenbarung des geheimnisvollen väterlichen Ratschlusses. Durch Leiden zur Herrlichkeit! Nun konnte der Vater beweisen mit der Tat, was er bei der Taufe über den Menschensohn rief: du bist! dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, dem Sohne und vor aller Welt! Nun musste der Vater um seiner selbst willen, um seines Wortes willen, um des Sohnes Gehorsams willen bis zum Tod ihm den verdienten Lohn geben, nämlich den Menschensohn ganz verklären, auferwecken, gen Himmel nehmen, zu seiner Rechten setzen. Deshalb ruft der Sohn mit solcher Gewissheit aus: Ist Gott verklärt in ihm, so wird ihn Gott auch verklären in ihm selbst; deshalb hatte der Sohn ein Recht zu bitten Joh. 17, 4- 5: Ich habe dich verklärt auf Erden, und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich es tun soll. Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir selbst, mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war! Aber er setzte hinzu: und das bald. Darum wendet er sich an sie, wie sie vereint um ihn im trauten Kreise sitzen, und warnt sie vor jeglicher Lieblosigkeit im Leben, indem er ihnen Liebe unter einander, gleich der seinigen, ans Herz legt. Liebe Kindlein! spricht er, so traulich, so herzlich, so väterlich!

Ach, so vom Heiland genannt zu werden, welche Seligkeit! ein Gnadenkind durch seine Liebe zu sein! ich bin noch eine kleine Weile bei euch; ihr werdet mich suchen, und wie er zu den Juden sagte, wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Joh. 8, 21. Aber eben deshalb, weil er bald sie verlassen müsse, legt er ihnen das königliche Gebot der Bruderliebe an das Herz. Ein neues Gebot nennt er dasselbe. Alt war es, denn schon Moses hatte es gegeben (5. Mos. 6, 5.), aber neu sollte es ihnen jetzt aus seinem Munde gegeben werden! wie ja Gottes Wort überhaupt alt und immer neu, ewig frisch und grünend, gleich Arons Stab ist. Als ein neues Gebot gab es ihnen der Herr, jetzt, da die Seele, das Band ihrer Gemeinschaft von ihnen ging, jetzt, da ihre Liebe eine rein geistliche sein sollte, jetzt, da ihre Liebe auf so manche Probe gestellt wurde. Ach! des Herrn Mahnung war keine unbegründete. Sie hatten ja noch so viel fleischlich äußerliche Liebe zu ihm, sie waren noch so schwach, und der Heilige Geist noch nicht über sie ausgegossen! Der Herr sah ja Alles voraus, und hatte es geweissagt (Matth. 26, 31.) dass Zach. 13, 7. an ihnen sich erfüllen werde: Ich werde den Hirten schlagen und die Herde wird sich zerstreuen! Wie nötig war dieses neue Gebot, dass sie sich lieben sollten mit solcher Demut, Verleugnung und Aufopferung, wie er sie geliebt habe, da sie jetzt den Herrn darstellen sollten vor der Welt und durch brüderliche feste, innige Liebe nicht bloß Rat, Kraft und Trost sich reichen sollten, sondern vor Allem sich selbst als würdige Jünger und Nachfolger dessen bewähren sollten, der im Leben, Leiden und Sterben die Liebe selber, die sich hingibt und opfert, ist. O hört es, Jünger des Herrn, ihr gläubigen Leute! Er gibt auch euch dieses alte und neue Gebot, dieses königliche Gebot, in welchem hängt das ganze Gesetz und die Propheten, für euer, unser Zusammenleben! Hat sich die Herde nicht zerstreut auch noch bis in unsere Tage hinein, seit der Hirte geschlagen wurde auf Golgatha? Ist seine Mahnung für uns nicht mehr nötig als altes und neues Gebot? Sind alle Gläubigen bei einander, ein Herz und eine Seele (Apg. 44)? Kann man von uns sagen, wie von jenen ersten Christen: Siehe, wie sie einander lieb haben? O Brüder, Schwestern! Die Hand aufs Herz vor Gott, unserm Herrn und Heiland! Ach lasst uns schmerzlich hineinblicken in der Gläubigen Zusammenleben, wie viel Abneigung, wie viel Kälte, wie viel Scheidung, wie viel Sonderung! wie viel Kirchen, wie viel Sekten, als ob man in Korinth stände, wo einer spricht: Ich bin Paulisch; der andere: Ich bin Apollisch; der dritte: Ich bin Kephisch; der vierte: Ich bin Christisch!? 1 Kor. 1, 12. Ist das der Eine Leib, wozu wir getauft sind, 1. Kor. 12, 13., wo ein Glied dem andern Handreichung tut, und mit dem andern leidet? Doch trennen sich die Gläubigen im Leben ob besonderen Ansichten im Glauben! O liebe Brüder! Meistert euch nicht! Einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder! So lange wir auf dem Grund und Eckstein Jesus Christus stehen, und als arme Sünder von keiner andern Gerechtigkeit wissen, als der seinigen, und nur in seinem Verdienst selig und hier gerecht werden wollen, lasst uns zusammenhalten, wir gehören zusammen! Wo aber ein Jünger des Herrn abirret in schädliche falsche Bahn und den Grundstein verrücket, der gelegt ist, und an dessen Stelle Niemand einen andern legen kann, da lasst uns lieben in barmherziger Liebe; ein Bruder, kann er nicht mehr sein! Lasst uns Ps. 133 und 1. Kor. 13 alle Tage vor Augen legen und ius Herz hineinlesen, lasst uns Christi Liebe bedecken, diese demütige, selbstverleugnende Liebe, und kraft seiner Liebe die Brüder lieben! Die Welt soll an uns sehen, dass wir wissen, wes Geistes Kinder wir sind; die Welt soll unser nicht spotten dürfen, als ob Christi Geist nicht ausgegossen wäre in unsere Herzen, durch welchen wir rufen; Abba! lieber Vater! die Welt und Jedermann soll aus unserer Bruderliebe sehen, dass wir aus Gott geboren sind!

2) Er warnt seinen Petrus vor Verleugnung im Leiden.

Petrus kann noch nicht über die Worte seines Herrn und Meisters wegkommen: wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen! und darum legt er ihm die Frage vor: Herr! wo gehest du hin? Er will Gewissheit haben über diesen letzten, bedeutungsvollen Gang seines lieben Herrn, er ahnet es wohl aus allen Worten. dass es zu Leiden und ins Sterben geht, aber rasch, eifrig, feurig, wie er ist, und uns immer in der heiligen Geschichte vor Augen tritt, will er Alles wissen, die ganze Gefahr, die seinem Herrn drohet, kennen. Sein Eifer und seine Liebe lassen ihn nicht ruhig und kalt bei solcher Weissagung. Ach! der Herr durchschaute wohl dieses Jüngerherz, dass in der Frage: Herr wo gehest du hin? im Grunde noch viel mehr lag - nämlich Selbstvertrauen und Selbstvermessenheit. Sollte es einen Ort geben, wohin ich dir nicht folgen könnte; sollte es Hindernisse geben, die ich nicht heben könnte; Gefahren, denen ich nicht gewachsen wäre? Sollte meine Liebe zu dir so schwach, so kraftlos sein, dass sie auf dem schwersten Gang weiche, dich verlasse, und sich nicht daran wage? Der Herr antwortet ihm, gewiss ruhig und ernst, mit scharfer Betonung jedes Wortes im Gegensatze zu seiner schnellen, eilfertigen und zugleich unüberlegten Frage: da ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen. Er bleibt bei seinem Worte, wenn es gleich der Jünger nicht fassen kann; er wiederholt es noch einmal, zum Zeichen, wie ernst er es meine, aber er setzt doch das Wörtlein „diesmal“ hinzu, aus welchem sein Jünger Hoffnung fassen sollte, ja er sagt es ihm zum Troste; aber du wirst mir hernachmals folgen! Jetzt ging ja der Herr ins Leiden und Sterben aus Liebe, aus Gehorsam für seine, ja der ganzen Welt Sünde, von Gethsemane bis Golgatha! wie viel schwere Gänge! Jetzt forderte der Vater, da in Judas das willige Werkzeug sich fand, die tiefste Verleugnung, das größte Opfer vom Menschensohne -Liebe, die stärker ist, als der Tod! Zu solchem Gang sollte Petrus sich nicht berufen fühlen - dazu war nur Einer bestimmt, der Gottes- und Menschensohn Jesus Christus; zu solchem Gang hatte Petrus keine Kraft, für sie nicht einmal den rechten Verstand, wie er denn auch mit irdischer Macht und des Schwertes Schärfe Gott in seinen großen Plan eingreifen wollte, um zu lösen, was erst auf Golgatha seine Lösung finden sollte. Aber später, als der Herr für uns und ihn in den Tod gegangen war, als Pfingsten den Zeugen und Duldergeist über ihn ausgegossen hatte, als der Herr den Gang in Leiden und Tod von ihm verlangte, und Petrus sich nicht eigenwillig dazu drängte, da durfte er kraft der Liebe seines Herrn, aus Gnade ihm folgen und im Kleinen für seinen Herrn dulden, was der Herr für alle Welt erduldet hat, nämlich den schmachvollen, verfluchten Kreuzestod. Das deutete ihm der Herr noch klarer, Joh. 21, 18-19: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, da du jünger warst, gürtetest du dich selbst, und wandeltest, wo du hinwolltest. Wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, zu deuten, mit welchem Tode er Gott preisen würde. Aber Petrus steht das „Warum er ihm diesmal nicht folgen könne?“ nicht ein - in natürlicher Verblendung über sich selbst. Ja er geht noch weiter in seiner Selbstvermessenheit: Ich will mein Leben für dich lassen; ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen! ja er überhebt sich selbst über die andern, Matth. 26, 33: Wenn sie auch Alle sich an dir ärgerten! so will ich doch mich nimmermehr ärgern! Da kann der Herr nicht länger zusehen! Er fragt ihn mit Mitleid: Solltest du dein Leben für mich lassen? O lasse dir sagen: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal krähet, wirst du mich dreimal verleugnen! Aber Petrus hört nichts in seinem Eifer, sieht nichts in seiner Verblendung; neue Versprechungen macht er, und reißt auch die Jünger mit sich fort zu gleichen Beteuerungen - und doch war ihm sein Leben im Hofe des Hohenpriesters lieber, dass er selbst da, als nur Gefahr drohte, seinen Herrn, der ihn bis zum Tode liebte, verleugnete, selbst mit einem Schwure, Ach! wir möchten so gerne einen Stein auf Petrus werfen, und doch sind wir dieselben Leute! Das leidige, angeborene: Ich, ich will! hat Petrum zur Verleugnung dessen getrieben, der die Liebe selber ist, und trägt noch heute bei uns Jüngern des Herrn die Schuld, dass wir ihn verleugnen im Leiden! Ja, liebe Brüder! es gibt unter Christi Jüngern genug, die Petrus heißen und sind; ja wohl keines unter uns kann sich von jeglicher Verleugnung seines Herrn, seiner Sache, seines Wortes, seiner Glieder frei sprechen! O ein hartes Wort, aber ein wahres Wort! Wenn der erste Feuereifer, wenn die erste Heilandsliebe uns erfasst bald nach der Stunde unserer Erweckung aus dem Sünden- und Todesschlafe, dann sind wir wohl alle, mehr oder weniger, ob's Pfarrer sind oder aus dem Volke, Petrus gleich! Man glaubt ein ganzer Jünger zu sein, man will die ganze Welt zum Heiland führen, man meint, jedes Hindernis überwinden zu können, man will Alles daran setzen, Leib, Leben, Weib, Hab, Gut, seinen guten Namen bei der Welt! Man hat noch keine Erfahrung, dass es nicht leicht ist ein Himmelsstürmer zu sein! Ich will! ich will! heißt es in derselben Selbstvermessenheit mit Petrus! Aber wenn die Leiden kommen, wenn wir die Übernamen, den Spott und Hohn hören müssen, wenn der Druck von oben und unten kommt, wenn wir den Hass der Welt fühlen müssen, wenn wir nicht durchdringen, sondern unterliegen und dulden müssen, wenn wir uns selbst von Brüdern verkannt und verlassen sehen, wenn, wie in letzter Zeit, die Schergen des Aufruhrs uns Weib und Kind entreißen, und Gefängnis und Tod unserer wartet, - wo ist unsere Liebe zum Heiland, der uns bis in den Tod geliebt, ach! wer hat's nicht erfahren, wie sie wanket, weichet, und wir so leicht verleugnen! Ja, wir müssen Verleugner sein, so lange wir nicht sprechen: Ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht, Jesus Christus. So lange sich regt in uns das geringste Selbstvertrauen, so oft wir nicht im Leiden, im Gebet uns fassen und stärken, und ihn als unsere Stärke anrufen, so lange und oft müssen wir unterliegen! und gleich Petrus auf die Abwege der Liebe geraten!

Der Herr, unser Gott und Heiland, bewahre uns vor Hass bis in den Tod, vor Lieblosigkeit im Leben, vor Verleugnung im Leiden! Amen.

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