Hasebroek, Johannes Petrus - Glaube, Hoffnung, Liebe.
1. Kor. 13,13
Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Diese Worte bilden den Schluss oder Abschluss der euch allen gewiss bekannten Abhandlung von Paulus über die Liebe, welche zu allen Zeiten für eine der schönsten Perlen in der Krone der heiligen Beredsamkeit des Apostels gehalten ist. Nicht so bekannt jedoch wird bei euch allen die Veranlassung sein, wodurch diese Abhandlung entstand. - Ihr wisst, dass die ersten Christen bei ihrem öffentlichen Übertritt zum Bekenntnis des Evangeliums zugleich mit der Taufe außer den gewöhnlichen auch ungewöhnliche Gaben des Heiligen Geistes empfingen. Diese Gaben nun waren unter den verschiedenen Christen verschiedentlich verteilt. Dies Alles, sagt der Apostel, wirkt derselbige einige Geist und teilet einem jeglichen seines zu, nachdem er will. (1. Kor. 12, 11.) In Folge davon besaß der eine das Vermögen, fremde Sprachen zu reden, ein anderer, die Gemeinde durch einen lebendigen Vortrag zu erbauen, oder, wie es hieß, zu weissagen, ein dritter wiederum, Zeichen und Wunder zu tun. Natürlich waren alle diese Gaben als Ausflüsse eines und desselben Geistes gleichermaßen der Ehrerbietung würdig und hatten auch zusammen denselben Zweck: die Erbauung des Leibes der Gemeinde. Unter den Korinthischen Christen herrschte jedoch in dieser Beziehung ein beklagenswertes Missverständnis. Es war dort nämlich unter den Christen Eifersucht, Neid und Zank in Bezug auf die größere oder geringere Vortrefflichkeit der ihnen erteilten Gaben entstanden. So diente das teure Himmelsgeschenk dazu, im Busen der Gemeinde ein Feuer von Eifersucht und Zwietracht zu entzünden, das ihr verderblicher zu werden drohte, als die größte Hitze der Verfolgung je hätte sein können. Und was das Schlimmste war, so ging bei diesen Christen in diesem Wettstreit über den größeren oder geringeren Vorzug der verschiedenen Gaben die vorzüglichste von allen verloren: nämlich die Liebe! Seht, das konnte der feurige Apostel nicht ansehen, nicht ertragen. Dann noch lieber alle anderen Gaben entbehrt, als die Liebe. Ein Christ, eine christliche Gemeinde, die alle anderen Gaben entbehrt, aber die Liebe besitzt, hat mindestens noch das Hauptkennzeichen eines Christen, einer christlichen Gemeinde bewahrt; aber da, wo die Liebe fehlt, möchte man auch aller andern Gaben sich rühmen, hat man das Recht verwirkt, länger den Namen eines Christen, einer christlichen Gemeinde zu tragen. Spräche ich auch alle Sprachen, besäße ich auch alle Gaben, täte, ich auch alle äußerlichen Werke der Liebe: hätte ich die Liebe nicht, so wäre ich nichts! - Nach diesem so lebendigen Ergusse folgt die herrliche Lobeserhebung der Liebe, welche, wie ich vertraue, in euer aller Gedächtnis (Gott gebe, auch in euerm Herzen) unauswischbar eingeprägt sein wird. Besonders in zwei Beziehungen erhebt und rühmt Paulus die Liebe: in ihrer himmlischen Natur, zufolge der sie den Charakter der vollkommensten Selbstverleugnung dem Bruder zu Liebe trägt, und in ihrer ewigen Dauer, wodurch sie alle anderen Gaben, gewöhnliche und außergewöhnliche, die einst aufhören werden, übertrifft. Die Liebe hört nimmer auf, rühmt der Apostel.
Nach dieser schönen Abschweifung im Lobe der Liebe fasst der Apostel das Gesagte in einen kurzen Schluss zusammen, womit er zur Behandlung seines Gegenstandes zurückkehrt. Dieser Abschluss nun lautet also: Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Aus dem Gesagten werdet ihr den allgemeinen Sinn und Geist dieses Ausspruches leicht verstehen. Der Apostel will sagen: So ist denn der Schluss von Allem, so kommt alles darauf hinaus, gleichwie der Prediger es ausdrückt: Von allem, was gehört ist, ist dies das Ende: Die Liebe ist das vornehmste.
Es ist wahr, der Apostel spricht auch vom Glauben und der Hoffnung. Und man muss zugestehen, dass man die Erwähnung dieser beiden an dieser Stelle nicht erwartet hätte, gleichwie dazu in dem Vorhergehenden keine deutliche Veranlassung vorzuliegen scheint. Darum glaube ich, dass diese Veranlassung anderswoher gesucht werden muss. Hört, wie ich mir die Sache vorstelle. Der Apostel war im Begriff zu dem Schluss zu kommen: Nun aber bleibt, so ist denn alles eingeschlossen in die Liebe. Und vielleicht würde Johannes, der Apostel der Liebe, wirklich so geschrieben haben. Aber Paulus ist der Apostel des Glaubens; er ist der Mann, den Gott auserkoren hatte, der Prediger und Vertreter jener großen Grundwahrheit der Schrift zu sein: Rechtfertigung durch den Glauben ohne die Werke: aus Gnaden seid ihr selig worden durch den Glauben, nicht aus den Werken, auf dass sich Niemand rühme. (Eph. 2, 8-9.) Im Geiste dieses Mannes konnte also leicht der Gedanke aufkommen: Aber wenn ich jetzt Alles der Liebe zuschreibe, wird es vielleicht Manchem scheinen, als täte ich damit dem Glauben zu kurz, der doch die Wurzel von allem und also auch von der Liebe ist? Und siehe, da drängt sich vor das Wort, das schon in der Feder saß, nun bleibt aber über alles die Liebe! als wäre die Erinnerung an den Wert des Glaubens (woran sich die Hoffnung als eine unzertrennliche Gefährtin anschließt) allezeit notwendig, das Wort: Nun aber bleibt Glaube und Hoffnung zusammen mit der Liebe, während darauf der eigentliche Hauptgedanke also ausgedrückt wird: doch die Liebe ist die größte unter ihnen. Es ist als sagte der Apostel: so steht es denn fest; das Erste und vornehmste im Christentum ist und bleibt die Liebe: nämlich diejenige Liebe, die Glaube und Hoffnung zu Gefährten hat, die aus dem Glauben geboren und durch die Hoffnung genährt und gestärkt die Frucht und Krone von diesen beiden und darum die erste und größte von allen ist. So bleibt denn nun Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die größte unter ihnen ist die Liebe.
Bezeichnender Ausspruch des Apostels! Wir sehen uns darin das Bild des Christen gezeichnet. Drei Hauptzüge sinds, die zu diesem Bilde gehören und es gleichsam zusammenfügen: Glaube, Hoffnung und Liebe, während unter diesen Zügen wiederum die Liebe die bezeichnendste und herrschende ist. - Wer muss hier nicht ausrufen: liebliches Bild! möchte ich dich tragen! Kommt, Geliebte, ob es unter Gottes Segen dazu etwas beitragen dürfte, lasst uns dieses Bild etwas näher und in seinen Einzelheiten betrachten. Schenket mir dazu eure gespannte Aufmerksamkeit, und Gott wolle dieselbe durch seinen Geist leiten, heiligen und fruchtbar machen! Amen.
Ach, dass ich nur ein Fünklein von der Gabe der heiligen Beredsamkeit besäße, welche den Apostel beseelte, als ihm seine herrliche Darstellung über die Liebe entfloss! Wie kräftig, wie lebendig wollte ich euch dann das Bild des Christen in seinen drei Hauptzügen, Glaube und Hoffnung und Liebe vorstellen. Komm du meiner Ungeschicklichkeit zu Hilfe, Heiliger Geist, dessen Gaben auch für uns durchs Gebet zu erlangen sind, und gib meiner schwachen und mangelhaften Darstellung Leben und Seele und Glut und vor allem Eindruck auf die Herzen, durch deine Kraft, die alles vermag! Amen.
Nichts ist einfacher als die Antwort auf die Frage, welche sich hier alsbald an uns richtet; welches der Ursprung dieser drei Hauptzüge im Bilde des Christen, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sei? Ist doch diese Antwort schon von dem Apostel selbst gegeben. Oder worüber ist er beschäftigt zu handeln? über die Gaben des Heiligen Geistes. Als solche stellt er die eine Sorte von Gaben gegen die andern, die gewöhnlichen gegen die außergewöhnlichen, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe gegen die Gabe der Sprachen, der Prophetie und der Kenntnisse oder Wissenschaft über. Aber so ist aus dieser Gegenüberstellung sogleich klar, wie Paulus diese drei Hauptkennzeichen des Christen ansieht. Er sieht sie nämlich, nicht minder als die außergewöhnlichen, als Gaben des Heiligen Geistes an.
Gaben des Heiligen Geistes. Aber so folgt weiter daraus, dass diese drei Haupterfordernisse im Geiste keine Gaben der Natur und also auch von Natur Keinem eigen sind. Und bedürfte das eines besonderen Nachweises? Aber wer ist so unbekannt mit dem gegenwärtigen Zustande der menschlichen Natur; lasst mich deutlicher sprechen, wer ist so sehr ein Fremdling in seinem eigenen Herzen, dass er nicht wissen sollte, dass kein Mensch diese Gaben von Natur besitze? Anlage, diese Gaben in sich aufzunehmen, besitzt der Mensch sicherlich, und kann es anders sein? Verändert doch die göttliche Gnade zwar den gegenwärtigen Zustand, vernichtet aber darum keineswegs die ursprüngliche Anlage der menschlichen Natur. Ja, was mehr heißt, es bestehen bei dem natürlichen - d. h. dem in Folge des Verderbens seiner Natur entarteten und durch die Kraft der göttlichen Gnade noch nicht wiedergeborenen - Menschen noch heute einzelne matte Spuren, welche andeuten, dass der Mensch einmal in seinem ursprünglichen Zustande diese Gaben in bestimmtem Maße muss besessen haben. Oder liegt nicht im Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach einer Offenbarung von Oben, ja, nach einer Offenbarung Gottes selbst, und damit eine in Verbindung stehende Empfänglichkeit, an eine solche Offenbarung, wenn sie ihr Ansehen bei ihm geltend zu machen weiß, zu glauben? Weshalb du nicht zu entschuldigen bist, o Mensch! wenn du bei offenkundiger oder heimlicher Abkehr von dem heiligen Inhalte der Heiligen Schrift dieses Bedürfnis verleugnest, um allein beim Schimmer deines eigenen Irrlichtes zu wandeln! Liegt nicht in dem Menschen ein natürlicher Zug, auf ein Leben nach diesem Leben zu hoffen und sich mit dieser Hoffnung über die Mühe und das Elend dieses Lebens zu trösten? Weshalb du nicht zu entschuldigen bist, o Mensch! wenn du aus fleischlicher Trägheit und Abneigung, die Bedingungen zur Verwirklichung dieser Hoffnung zu erfüllen, diesen Zug gewaltsam unterdrückst, um allein für diese Welt zu leben! Liegt eigentlich nicht im Menschen ein eingeschaffenes Gefühl von Beziehung zu seinem Mitmenschen, das ihn zwingt, mindestens einzelne unter seinen Nächsten auf seine Weise lieb zu haben? Weshalb du nicht zu entschuldigen bist, o Mensch! wenn du aus mutwilliger Verblendung gegen den hohen Ursprung und die eigentliche Bestimmung dieses Gefühls, die wahre und göttliche Natur der Liebe verkennst, um in deiner Liebe allein dich selbst zu suchen! Besteht also nicht in unser aller Herzen gleichsam eine offene und leere Stelle, die bloß darauf zu warten scheint, dass jene drei Himmelspflanzen darin ein- gepflanzt werden? Weshalb wir nicht zu entschuldigen sind, meine Mitmenschen! wenn diese Stelle bis hierher unausgefüllt und leer blieb! Und doch liegt hier vor uns das Evangelium, welches der göttliche Same ist, woraus diese himmlischen Pflanzen entkeimen müssen! Und doch ist uns nahe der Heilige Geist, der diese Pflanzen nicht bloß in uns einpflanzen, sondern auch begießen und fruchtbar machen will! Und doch darf ich hier von Gottes wegen laut die Verheißung wiederholen, dass er Allen, die ihn darum bitten, den Heiligen Geist schenken will!
O meine Freunde! welch eine Beschuldigung dann für uns, wenn bis dahin der Glaube, die Hoffnung und die Liebe unserer geistlichen Gestalt fehlt. Doch was rede ich von einer geistlichen Gestalt? Als ob da, wo diese drei fehlen, noch von einer geistlichen Gestalt die Rede sein könnte, während sie im Gegenteil die Hauptzüge einer solchen Gestalt ausmachen! Ach, dass doch Niemand sich selbst betrüge! Der Glaube, die Hoffnung und die Liebe sind keine außergewöhnliche d. h. für einzelne Personen, Zeiten oder Orte bestimmte, es sind gewöhnliche d. h. für alle verordnete, aber darum auch für alle nötige und unentbehrliche Gaben des Heiligen Geistes. Ja, daran offenbart sich die Wirksamkeit des Geistes Gottes an unsern Herzen, dass er beginnt, uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zu schenken.
Das bezeuge die christliche Erfahrung. Ist's nicht also, Brüder? Bisher besaßt ihr wohl ein größeres oder geringeres Bedürfnis nach einer Offenbarung von Oben, oder vielleicht auch wohl einen äußeren Glauben an die Offenbarung der Schrift, der euren Verstand, aber nicht euer Herz mit der darin verfassten göttlichen Wahrheit vereinigte; aber da kam der Heilige Geist und neigte beides, Verstand und Herz, sanft und freundlich zur Erkenntnis und Annahme dieser Wahrheit; oder, wo der Verstand bereits früher gewonnen war, nahm er die Decke hinweg, wodurch die Gemeinschaft zwischen Verstand und Herz, und dadurch der Einfluss der bejahten Wahrheit auf euren in- und auswendigen Menschen verhindert wurde, was zur Folge hatte, dass ihr von nun an begannt durch den Glauben zu leben: und ihr danktet für die Gabe des Glaubens! Bisher besaßt ihr wohl eine unbestimmte und schwankende Begierde nach etwas Höherem und Besserem, als diese Welt geben konnte, oder vielleicht auch wohl eine ungegründete, aber eben darum unsichere und zweifelnde Erwartung, dass diese Begierde einmal erfüllt werden sollte. Aber da kam der Heilige Geist und zeigte euch, dass nicht allein durch das Evangelium der Gegenstand dieser Begierde wirklich bestünde, sondern nahm zugleich in eurem Herzen alle Unsicherheit wegen eurer Beteiligung daran hinweg; und das hatte zur Folge, dass vor eurem geöffneten und versicherten Glaubensauge der Himmel sich öffnete: und ihr danktet für die Gabe der Hoffnung! Bisher besaßt ihr wohl ein eigennütziges Gefühl von Liebe für die, welche euch lieb hatten, oder vielleicht auch wohl ein Gefühl von allgemeinem, aber zugleich wenig fruchtbaren und wenigstens aller Selbstverleugnung fremden, ja damit streitenden Wohlwollen gegen alle Menschen: aber da kam der Heilige Geist und lehrte euch nicht allein die einzige wahre Quelle aller Liebe kennen, sondern goss zugleich aus dieser Quelle einen Strom der Liebe Gottes in eure Seelen aus; und das hatte zur Folge, dass ihr nach dem Vorbild der vollkommenen Liebe nicht bloß alle Menschen, sondern auch alle Menschen ganz anders als früher lieb zu haben begannt: und ihr danktet für die Gabe der Liebe! Wohl euch, die ihr auf diese Darstellung Amen gesagt habt; aber ihr werdet dann wohl auch zu der daran geschlossenen Danksagung Amen sagen. Ja, ihr werdet dann wohl bekennen wollen, dass diese herrlichen Gaben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe keine Ausflüsse eurer eigenen verdorbenen und entarteten Natur, sondern von Oben geschenkte Gaben der göttlichen Gnade sind. Alles, was in euch glaubt, hofft und lieb hat, ruft in diesem Augenblick im Innersten eures Herzens den Heiligen Geist als Ursache und Werkmeister und dadurch Gott als Vater aus. Ja, zu deinen Füßen, Gott und Vater! legen wir, so viele wir glauben, unsern Glauben, so viele wir hoffen, unsere Hoffnung, so viele wir lieb haben, unsere Liebe dankend nieder, und während wir in Bezug auf sie alle Ansprüche, Verdienste oder Ruhm verleugnen, bringen wir dafür dir und dir allein die Ehre dar: nicht aus uns; es sind deine Gaben!
Aber ist nun der Ursprung dieser Hauptkennzeichen des Geistes so hoch, so erhaben und göttlich, dass sie nichts minder als unmittelbare Gaben Gottes durch den Heiligen Geist sind, so lässt sich dann auch erwarten, dass die Natur dieser Gaben jenem hohen Ursprunge entsprechen wird. So ist es. Wünscht ihr euch davon näher zu überzeugen? Wohlan, lasst uns dann jede dieser Gaben besonders in ihrer eigentümlichen Wirksamkeit betrachten.
- Durch den Glauben ist der Geist wirksam in Bezug auf das, was Jesus getan hat.
- Durch die Hoffnung ist der Geist wirksam in Bezug auf das, was Jesus verheißen hat.
- Durch die Liebe ist der Geist wirksam in Bezug auf das, was Jesus geboten hat.
Durch den Glauben ist der Geist wirksam in Bezug auf das, was Jesus getan hat.
Aber was meine ich damit, wenn ich von dem spreche, was Jesus getan hat? Was kann ich damit anders meinen, Geliebte! als das große Werk, wozu Jesus in die Welt kam? Das Werk, von dem er selbst bezeugte: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen meines Vaters und vollbringe sein Werk:“ (Joh. 4, 34) wovon er am Eingange seines Leidensweges erklärte: Vater! ich habe vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte (Joh. 17, 4.): ja, wovon er sterbend am Kreuze ausrief: es ist vollbracht. (Joh. 19, 30.) Mit einem Worte: das große Werk der Erlösung und Beseligung unseres Geschlechts. - Für dieses Werk nun ist der Geist durch den Glauben in bestimmter Weise wirksam. Er vergegenwärtigt sich Alles, was Jesus getan hat, um dieses Werk zu vollbringen. Er sieht ihn also von dem Thron der Herrlichkeit, die er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war, niedersteigen, um hier auf Erden diese Herrlichkeit unter einem Kleide von Fleisch und Blut, ja in der Gleichförmigkeit des sündlichen Fleisches zu verbergen. Er sieht ihn von seiner Geburt an alle Gerechtigkeit des göttlichen Gesetzes erfüllen, um dadurch eine Rechtfertigung bei Gott zu erwerben, die bestimmt ist, nicht bloß die Bedeckung, sondern auch der Schmuck seiner künftigen Gemeinde zu sein. Er sieht ihn, mit heiligem Wasser aus dem Jordan getauft und mit göttlichem Feuer vom Himmel gesalbt, den langen Lauf beginnen, an dessen Eingang die Wüste mit ihren höllischen Versuchungen, an dessen Ausgang Golgatha mit seinen höllischen Martern sich befindet. Er sieht ihn das eine Ende dieses Laufes mit dem anderen verknüpfen durch eine Kette von Wundern; Wunder der Allwissenheit und Allmacht, Wunder der Weisheit und Liebe, in welchen sich als ein immerwährendes Wunder der Gnade die unerschaffene Herrlichkeit des ewigen Gottes in der Gestalt eines Geschöpfes, eines Menschen offenbart. Er sieht ihn im Garten am Ölberge die Last der Sünden der Welt auf sich nehmen, um sie zusammen mit dem Fluchholze, das ihr Bild und ihr Sold ist, nach dem Schädelberge zu schleifen, um sie dort als das Lamm Gottes, das der Welt Sünden wegnimmt, an seinem Leibe aufs Holz zu tragen. Er sieht ihn als den Raub und die Beute des Todes ins Grab niedersinken, aber auch als den Besieger seines Siegers daraus sich wieder erheben und in seinem verherrlichten und von aller Schuldzahlung an die Sünde, die gebüßt, an den Tod, der untergangen ist, enthobenen Leibe der Welt den Freibrief ihrer Erlösung zeigen. Er sieht ihn längs einer leuchtenden Bahn von glanzvollen Offenbarungen, worauf die Zeugen seiner Auferstehung ehrerbietig und gläubig niederknien, den Weg nach dem Ölberg nehmen, nach dem Himmel, wo er als König über den Berg der Heiligkeit Gottes gesalbt wird. Er sieht ihn aus diesem Himmel wiederkehren im Geiste, der als sein Stellvertreter und Tröster zu der Gemeinde kommt, um sie für seine sichtbare Wiederkunft zu bereiten, wie er auch im Busen der Gemeinde das Verlangen lebendig hält oder erweckt: Komm, Herr, komm bald! - Seht, Geliebte, das sieht der Christ durch den Glauben wie vor seinem Geiste gegenwärtig. Und sieht es nicht allein, sondern ist damit auch für sich selbst innerlich wirksam. Ich will sagen, er eignet es sich zu, er verlässt sich darauf, er lebt dabei; ja, es macht den Grund seines einigen Trostes im Leben und Sterben aus. So vergegenwärtigt sich der Gläubige nicht bloß die ganze Geschichte des Herrn, sondern er findet darin auch seine eigene Geschichte wieder: in des Herrn Geburt aus dem Geiste den Grund seiner Wiedergeburt aus Gott: in des Herrn äußerem Leben auf Erden das Bild von des Herrn innerem Leben in ihm: in des Herrn Leiden, von Beginn seiner Menschwerdung an bis ans Ende seines Lebens, nicht bloß die Bezahlung seiner Sünden, sondern auch das Vorbild seines eigenen leiblichen und geistlichen Leidens: in des Herrn Tod seinen Beruf, der Sünde abzusterben: in des Herrn Auferstehung seine Stärke und Kraft, um in einem neuen Leben zu wandeln. So lebt der Christ durch den Glauben mit und in Christo und ist für ihn der Rätselspruch Pauli, der für jeden außer dem Gläubigen allezeit ein Rätsel bleiben wird, erklärt: Ich lebe, doch nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir, und was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. (Gal. 2, 20.) Durch diesen Glauben ist er mit Christo verbunden wie die Nebe mit dem Weinstock, wie der Leib mit dem Haupte, wie die Adern des Leibes mit dem Herzen. Grade wie sich das Blut vermittelst der Adern aus dem Herzen durch den ganzen Leib verbreitet, also geht das Leben Gottes vermittelst des Glaubens aus Christo in den Christen über. Daher dass auch Christus in ihm eine Gestalt gewinnt; daher dass Christus in ihm wie das Original in der Kopie wiederlebt; daher dass er beständig mehr und mehr Eins wird mit Christo, gleichwie Christus Eins ist mit Gott. Ja Eins sein, Eins werden mit Christo durch die Gnade, gleichwie Christus von Natur Eins ist mit Gott; Eins sein, Eins werden mit Christo durch den Geist, gleichwie wir von Natur Eins sind mit Adam: das ist der große Zweck des Glaubens. Herrlicher Glaube also! Selig, wer dich besitzt. Er trägt einen Hauptzug vom Bilde des Christen. Denn nun bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.
Eng und innig ist die Verwandtschaft, die zwischen dem Glauben und der Hoffnung besteht. Und doch groß ist trotzdem der Unterschied, der zwischen beiden bleibt. Wollt ihr euch davon überzeugen? Lasst mich versuchen, euch das Bild der Hoffnung zu schildern.
Durch die Hoffnung ist der Christ wirksam für das, was Jesus verheißen hat.
Hier entsteht wieder die Frage: was hat Jesus denn verheißen? Und die Antwort ist gegeben in jener Reihe von herrlichen Weissagungen und Darstellungen über den vollkommenen und endlosen Glücksstand, welcher den Christen, der bis ans Ende beharrt, dort oben erwartet. Durch die Hoffnung vergegenwärtigt sich also der Christ die Seligkeit, welche sich ihm in der Ferne zeigt. Nachdem er durch den Glauben Christum als den Mittler Gottes und der Menschen und den Stellvertreter der Menschen bei Gott, in den Himmel hat eingehen sehen, sieht er, grade wie Stephanus, diesen Himmel allezeit offen, als wollte er ihn empfangen. Er sieht sich also im Geiste in die Wohnungen der Seligkeit hinüberversetzt. Er sieht den Vater der Geister auf dem Thron des Himmels, wie er von allen seinen angenommenen Kindern von Angesicht zu Angesicht angeschaut und von Mund zu Mund mit dem zärtlichen Namen Vater begrüßt wird. Er sieht den Sohn, sitzend zur Rechten Hand Gottes, zur höchsten Herrlichkeit erhoben, einer Herrlichkeit aber, die nicht mehr sein Eigentum ist als Eigentum der Seinen, welche als Glieder seines Leibes mit ihm verbunden sind, und auf welche, vom Größten bis zum Geringsten, seine Herrlichkeit, gleichsam als das Salböl des Hohepriesters vom Haupte bis zu den Füßen sich ergießt. (Ps. 133, 2.) Er sieht die Gemeinde der Auserkorenen, leuchtend von dieser Herrlichkeit ihres Königs, lauter Könige und Priester nach dem Vorbilde des König - Hohepriesters, dessen Gestalt sie tragen. Er schaut den herrlichen Lohn der Siege, welche jene unzählbaren Scharen unter dem Panier des Lammes über die Sünde, die Welt und den Toderrungen haben. Er sieht die Kronen und Palmen der Überwinder. Er hört die Lieder und Psalmen des Siegs und des Triumphs. Er ist Zeuge der Huldigung, die von aller Kreatur diesem triumphierenden Heere und seinem göttlichen Haupte dargebracht wird. Er vergegenwärtigt sich die Genüsse des großen Festmahls, wobei alle Kinder Gottes, als Brüder Eines Hauses, durch den gemeinschaftlichen Vater, mit Fülle der Freuden vor seinem Angesicht und lieblichem Wesen zu seiner Rechten bewirtet werden. Er stellt sich vor die Seligkeiten der Gemeinschaft dieser Heiligen. Er freut sich an den Entzückungen des Wiedererkennens, des Wiedersehens. Er sieht alle vorigen Dinge vergangen, alle Flecken weggewaschen, alle Runzeln geglättet, alle Tränen abgewischt, alle Mühseligkeiten vergessen. Wo ist nun der Stab des Pilgers? Er blieb an der Türe stehen. Wo ist nun die schwere Last der Sünden? Sie versank in das Meer der Erbarmungen Gottes am Fuße des Thrones Gottes. Wo ist nun das oft drückende Joch der Gebote des Herrn? Es ist an Gestalt verändert und was früher eine Last schien, ist nun lauter Lust worden. Wo ist… doch was frage ich? Der ganze alte Mensch ist ja nicht mehr; alles, was alt ist, ist vergangen; alles ist neu, alles ist schön, ist herrlich, ist selig geworden. Seligkeit der Seligkeiten: alles ist Seligkeit!. Doch wohin schweife ich?… ich fühle es, Geliebte! ich sehe es, dass ich noch auf Erden bin. Aber seht, so fest, so sicher ist die Hoffnung des Christen, dass er durch sie wirklich zu schauen meint, zu genießen meint, was er nur noch durch die Hoffnung schaut und genießt. Nein, die Frage, ob er sich so mit keiner eitlen Hoffnung schmeichelt, kann in ihm nicht aufkommen. Mit dem Glauben verbunden, ja darauf fußend als auf dem Grunde, worin sie ankert, ist die Hoffnung des Christen sich selbst so wohl das Unterpfand, als der feste Beweis der Dinge, die sie hofft. Sie schenkt dem Christen bei der vollen Gewissheit des Glaubens zugleich den frohen Ruhm der Hoffnung! Ich weiß, dass meine Beilage durch Christum bewahret wird! (2. Tim. 1, 12.) Ich weiß, dass mein Leben in Christo verborgen ist bei Gott. (Kol. 3, 3.) Ich weiß, dass ich bereits bin mitauferweckt und mitversetzt in den Himmel in Christo! (Eph. 2. 6.) Ja, gleichwie Christus vermöge seines göttlichen Wissens am Eingang der Streitbahn jauchzte: Ich habe mein Werk vollendet, o Vater! und nun verherrliche mich bei dir! (Joh. 17.) also jauchzt auch ein Paulus noch vor seinem Eintritt in die blutige Bahn, worauf ihm das Schwert Neros droht, durch die Hoffnung: Ich habe den Lauf geendigt. Hinfort wartet meiner die Krone! (2. Tim. 4, 7.) Herrliche Hoffnung denn! Selig, wer dich besitzt. Er besitzt einen Hauptzug vom Bilde des Christen. Denn nun bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.
Wo der Glaube und die Hoffnung vorangehen, da folgt die Liebe von selbst nach. Die Liebe, die auch selbst wieder ihre eigene Gestalt, ihr eigenes Antlitz trägt und ihren eigenen Wirkungskreis hat.
Ist doch durch die Liebe der Christ wirksam für das, was Jesus geboten hat.
Wieder eine Frage: was hat Jesus geboten? - Ihr fühlt, dass es hier nicht möglich, auch nicht nötig ist, alle Gebote des Herrn aufzuzählen. Es ist genug, wenn bloß Ein Gebot besteht, das als der Beschluss von allen auch alle zusammen in Eins fasst. Besteht nun wirklich ein solches Gebot?
Hören wir Jesum selbst, die Stunde ist gekommen, die letzte Nacht seines Lebens genaht. Jesus sitzt mit seinen Jüngern beim Passahmahl. In seinem Herzen herrscht das Lebewohl der ergreifendsten Trennung. Von seinen Lippen fließen die Lehren der heiligsten Liebe, worin das Echo früherer Ermahnungen erklingt. Und wie lautet es nun von den Lippen dieses himmlischen Gesetzgebers? Welches ist nun das erste, ja das Eine große Gebot, worin Gesetz und Evangelium, Altes und Neues Testament hänget? Hört! Ein neu Gebot gebe ich euch: dass ihr euch unter einander lieb habt, gleichwie ich euch geliebt habe, auf dass auch ihr einander lieb habt. Daran soll Jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt. (Joh. 13, 34.)
Siehe, da ist das große Wort ausgesprochen. Der Beschluss von allen Geboten des Herrn ist Liebe, nach dem Vorbild seiner Liebe! Durch die Liebe also ist der Geist in Bezug auf dieses Hauptgebot des Herrn wirksam. Durch den Glauben zur Dankbarkeit und Gegenliebe genötigt und gedrungen, durch die Hoffnung in dieser Gesinnung bestärkt und angefeuert, hat nun der Christ, der da lieb hat, kein anderes Streben, als dieses Testament, diesen letzten Willen Christi heilig zu erfüllen.
Er sieht also unaufhörlich auf Jesum Christum als das vollkommene Vorbild der Liebe. Er sieht in ihm die Liebe in ihrem erhabensten Ursprung, in ihrer lieblichsten Gestalt, in ihrem weitesten Umfang, in ihrer edelsten Wirksamkeit und Kraft. Dieses Vorbild trachtet er in sein Herz zu prägen, in seinem Leben auszuprägen. Er hat also seine Mitmenschen nicht so sehr als seine Brüder in Adam, sondern vor allem als seine Brüder in Christo lieb, als solche, für welche Christus mitgestorben ist. Daher schließt er sich wohl aufs innigste an die an, welche mit ihm durch Einen Glauben an diesen Versöhnungstod des Herrn, durch Eine Liebe zu diesem gestorbenen Erlöser verbunden sind und teuer über alles ist ihm die Gemeinschaft der Heiligen. Aber er ist doch weit entfernt davon, seine Liebe auf diesen engen Kreis zu beschränken. Sieht er doch, während er in seinen Mitgläubigen erlöste und gerettete Brüder sieht, in den übrigen errettbare und erlösbare Seelen, zu deren Rettung und Erlösung er, als Mitarbeiter Gottes, das Seine beitragen kann und muss und will. Als solcher hat er alle Menschen (da der Erfolg seiner Bestrebungen vor ihm verborgen ist) als Brüder in Hoffnung lieb. O wie teuer macht dieser Gedanke ihm jegliche Seele, die der Herr ihm auf seinem Wege begegnen lässt. Wie liebevoll ist vor allem sein Herz gestimmt und gesinnt gegen die, welche der Herr durch fleischliche und äußerliche Beziehungen und Bande ihm näher gestellt, und also vor und über andere als Gegenstände der Arbeit seiner Liebe ihm gleichsam mit dem Finger angewiesen hat. Und während er betend diesen heiligen Auftrag erfüllt, wie sorgsam ist er indessen, um auch in der Wahrnehmung aller Pflichten, welche ihm durch diese äußerlichen Bande auferlegt werden, vollkommen in der Liebe zu sein. Welch ein gehorsamer Sohn, welch ein liebender Bruder, welch ein freundlicher Gatte, welch ein zärtlicher Vater, welch ein treuer Freund, welch ein edelmütiger Versorger und Wohltäter von Witwen und Waisen, von Armen und Elenden ist er nicht! Und dennoch tut diese Liebe für die Allernächsten der Liebe für die Nächsten nichts zu kurz. Im Gegenteil. Nach dem Vorbilde des Apostels, nach dem Vorbilde des Herrn sucht er Allen Alles zu sein. Er ist ein Weltbürger im höchsten Sinne des Worts. Welche sein Arm, sein Auge nicht erreichen kann, die erreicht sein Gebet, das täglich alle wie auf Armen der Liebe zu den Füßen Gottes trägt und sie Gott und dem Worte seiner Gnade befiehlt. Ja, seine Feinde selbst, - d. h. solche, die sich selbst mit diesem Namen nennen oder sich durch ihre Taten so zeigen; in seinem Herzen werden sie mit einem andern Namen genannt, - sind von dieser Liebe nicht ausgeschlossen. Es sagt wenig, dass er ihnen ihre Feindschaft vergibt; mehr sagt es, dass er ihnen bei allen Gelegenheiten wohl zu tun sucht und dadurch feurige Kohlen auf ihren Häuptern zu sammeln; aber was Alles sagt, ist das: dass er in seinem Herzen gegen sie nichts als die reinste, die aufrichtigste Liebe, eine Liebe wie die des Vaters im Gleichnis für den verlorenen Sohn, wie die Christi für seine ihn verfolgenden und verdammenden Feinde fühlt. Ja, Christus, und zwar der Gekreuzigte, ist das wahre Vorbild für die Liebe des Christen. Denn grade wie Christus, beweist der Christ die Kraft seiner Liebe vor allem in dem Preise, den die Beweisung derselben ihn selber kostet. Und was kostet sie ihn denn?
Sie kostet ihn - darf ich mich so ausdrücken - ihn selbst! Selbstverleugnung! nannte Christus mit Einem Worte den Grund, worauf alle christliche Tugend, worauf auch die Tugend der Liebe wächst. Die Natur lehrt: hab dich selbst über alle lieb, d. h. habe deine Brüder weniger lieb als dich selbst, ja, wenn sie dir zuwider sind, scheue dich nicht sie zu hassen. Die Gnade lehrt: liebe deine Brüder als dich selbst, d. h. habe dich selbst nicht lieber als sie, und wenn ihr Interesse bisweilen die Aufopferung des deinen fordert, scheue dich nicht zu tun als ob du dich selbst hastest, dich selbst unter und hinter sie stelltest! Schwer sind sicherlich demzufolge oft die Opfer, welche die Liebe von dem Christen fordert, ja sie macht ihn gewissermaßen zu einem immerwährenden Opfer; aber je mühsamer die Gabe der Liebe erworben und bewahret wird, je mehr Aufopferung die Tugend, wozu sie geschickt macht, ausübt, desto lieblicher ist auch die Gestalt, welche sie trägt. Könnte ich euch diese Gestalt beschreiben! Könnte ich euch ihr himmlisches Bild malen!…. Aber ich kann es, Geliebte, wenn ich dazu die Hilfe Pauli, des unnachahmlichen Lobredners der Liebe, gebrauche. Wohlan, hört denn den großen Apostel selbst, wie er mit einem ins Feuer des Heiligen Geistes getauchten Pinsel das Bild der Liebe schildert.
Die Liebe ist langmütig, sie ist freundlich; die Liebe ist nicht missgünstig; die Liebe prahlet nicht; sie blähet sich nicht; sie handelt nicht unverständig; sie sucht nicht das Ihre; sie lässt sich nicht erbittern; sie trägt nicht s nach; sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit;, sie deckt alles zu, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles: die Liebe hört nimmer auf… Herrliche Liebe! Selig, wer dich besitzt. Er besitzt einen Hauptzug vom Bilde des Christen. Denn nun bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.
So steht denn nun in der Vereinigung dieser drei Hauptzüge, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, das Bild des Christen euch in seinem Ganzen vor Augen. Und wer wiederholt nun nicht gerne: liebliches Bild! Ja, in diesem Bilde erscheint euch, wie in einem Spiegel, sowohl der ganze Wert des Christentums wie die volle Herrlichkeit, wozu der Christ durch das Evangelium berufen ist. Durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe erhebt sich der Christ aus dem Staube dieser Erde und trägt bereits auf Erden und unter einem Staubkleide das Unterpfand und den Vorschmack einer Seligkeit, die ihn den Engeln gleich, ja Gott gleichförmig machen soll. Durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe erhebt sich der Christ aus dem Strome der Zeit und eignet sich in der Zeit die Frucht der Jahrhunderte, ja der Ewigkeiten zu. Durch den Glauben umfasst der Christ das Vergangene, setzt sich in den Besitz alles Dessen, was Christus vor Jahrhunderten getan hat, ja steigt bis vor Grundlegung der, Welt empor, wo Gott bereits seinen Namen in Liebe kannte und nannte. Durch die Hoffnung umfasst der Christ die Zukunft, versetzt sich in den Genuss der Seligkeiten, die sein warten und schaut, schwindelnd von Entzücken, in die endlose Weite einer stets fortgehenden und nie vollendeten Vervollkommnung hinein! Durch die Liebe umfasst der Christ das Gegenwärtige, das Heute, breitet die Arme aus, als wollte er die ganze Menschheit in Liebe umfassen, und bringt seinen Stein herbei zu dem stolzen Bau, der auf dem Grunde des ewigen Ratschlusses des Herrn zu der nimmer erreichten Spitze der Ewigkeit emporsteigt. Glaube, Hoffnung und Liebe sind gleichsam die Flügelpaare, womit der Christ, grade wie die Seraphim bei Jesaia (Jes. 6, 2.), in der Luft eines höheren und bessern Lebens schwebt. Und wohl darf ich hier die Seraphim erwähnen. Denn wenn der Christ laut der Verheißung einst den Engeln vollkommen gleich sein wird, so teilt er durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe ja schon hier auf Erden einigermaßen den Zustand der Engel. Oder ist der Glaube nicht ein vorzeitiger Besitz des Himmels? die Hoffnung nicht eine vorzeitige Anschauung des Himmels? die Liebe nicht ein vorzeitiges Himmelsleben? Und seht, darum sind denn auch in dem letzten Worte die Gründe angegeben, warum die Liebe die beiden anderen Gaben übertrifft: weil die Liebe bereits begonnen hat, das Leben zu leben, was der Glaube und die Hoffnung bloß noch erwarten. Darum lässt der Apostel denn auch zum Schluss den Triumphklang zu Ehren der Liebe hören: doch die Liebe ist die größte unter ihnen!
Die Liebe die größte unter ihnen! Warum die größte? Weil sie der Entstehung nach die letzte in der Zeit ist. Der Christ wird geboren durch den Glauben, wächst auf durch die Hoffnung; aber, wenn er erwachsen ist, trägt er Frucht durch die Liebe. Man muss glauben, ehe man hoffen kann, ehe man lieb haben kann. Der Christ, welcher lieb hat, ist also der vollendete und vollkommene Christ. Johannes, der Jünger, welchen Jesus lieb hatte, ist der Apostel der Liebe, und das Alpha und Omega seiner Ermahnungen und Lehren, als er in hundertjährigem Alter sich auf den Schultern seiner Jünger in die Christenversammlungen zu Ephesus tragen ließ, war: Kindlein! liebt einander! Kindlein! liebt einander! Die Liebe ist die größte. Warum die größte? Weil die Liebe die fruchtbarste an Wirkungen ist. Im Glauben und in der Hoffnung bleibt in so fern immer etwas Eigennütziges, als der Mensch darin ausschließlich sich selbst meint; die Liebe hingegen meint den Bruder, für welchen sie zur Not ihr eigenes zeitliches Interesse zum Besten hat. Das Reich Christi gewinnt Zuwachs an jedem Christen, der glaubt und hofft; aber der Christ, welcher dabei zugleich viel lieb hat, gibt diesem Reiche wieder neuen Zuwachs dadurch, dass er andere gewinnt, und ist zugleich ein Segen für die irdische Gesellschaft. Ja, was mehr ist, von diesen dreien ist die Liebe die einzige, welche wir mit dem hohen Gott gemein haben. Gott ist die Liebe! (1. Joh. 4, 16.) - Die Liebe ist die größte. Warum? Weil, während der Glaube und die Hoffnung aufhören, die Liebe ewig bleibt. Der Glaube hört auf, wo das Schauen beginnt; die Hoffnung endigt, wo der Genuss beginnt; aber die Liebe hört nimmer auf: sie bleibt auch im Himmel das Band der Seligen. Schauet das Bild des Christen. Ihm zunächst geht zur rechten Hand der Glaube, zur linken die Hoffnung, drinnen in ihm thront die Liebe, die der Heilige Geist in seiner Brust entzündete. So geht er dahin vom Glauben und der Hoffnung, wie von zwei Geleitsengeln unterstützt und getragen, während die Liebe ihn inwendig anfeuert und dringet. Da erreicht er das Ziel seiner Fahrt; er steht vor der Pforte des Himmels, sie schließt sich vor ihm auf. Nun kann er kein Geleite mehr, keine Stütze mehr nötig haben. Er nimmt also Abschied vom Glauben, von der Hoffnung; sie verlassen ihn und bleiben am Eingange zurück. Aber die Liebe, die in seinem Innersten wohnt, geht mit ihm hinein, begleitet ihn vor den Thron des Ewigen und bleibt unzertrennlich bei ihm. Sie, sein mächtigster Schutzengel auf Erden, bleibt auch sein treuester Gefährte im Himmel, ja auch dort der vornehmste Urheber seiner Seligkeit. So bleibt denn nun Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen! Denn sie hört nimmer auf!
Wer ist zu diesen Dingen geschickt? Es würde mich nicht befremden, wenn jetzt hie oder da diese Frage aufstiege. Wie herrlich war nicht das Bild, das ich euch schilderte! Aber eben darum möchte es vielleicht Manchem scheinen, als ob ich damit eine von Wenigen erreichte oder erreichbare Höhe christlicher Vollkommenheit geschildert hätte. Von Wenigen, immerhin beziehungsweise Wenigen erreicht? Es ist möglich, Geliebte! Aber darauf habe ich keine Antwort, als die: sie haben nicht gewollt. Aber für Wenige erreichbar? Nein, dagegen erhebe ich meine Stimme. Wer kann selig werden? bei den Menschen ist es unmöglich. Aber was bei den Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott.
Hier drängt sich meinem Geiste ein merkwürdiger Gegensatz auf. Saulus, schnaubend mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herrn, hatte ein Wohlgefallen an Stephanus Tode und zerstörte die Gemeinde.
Hätte ich die Liebe nicht, die Liebe, die langmütig, die freundlich, die nicht missgünstig, die nicht zu erbittern ist, sondern die Alles hofft und Alles duldet, so wäre ich nichts.
Von wem stammen diese letzten Worte? Von Saulus! Von demselben Saulus, dessen Mund einst Drohen und Morden gegen dieselben Jünger Jesu blies, denen er jetzt eine solche Lehre von Sanftmut und Verträglichkeit gibt. Welch eine Umkehr! Wer hat das getan? Gott! Gott, der mit einem einzigen Wink den wütenden Löwen in ein sanftmütiges Lamm verändern kann. Wohlan! derselbe Gott, der dieses Wunder wirkte, lebt noch. Gleichwie er auf dem Wege nach Damaskus dem verblendeten Mann mit seiner Macht und Liebe entgegenkam, also kommt er auch uns auf allen Wegen unseres Lebens mit seiner bekehrenden und heiligenden Gnade entgegen. Und wenn es für ihn nicht zu groß war, in der Seele eines widerspenstigen Feindes nicht bloß ein vorzügliches und fast unvergleichliches Maß des Glaubens und der Hoffnung, sondern auch der Liebe, welche die größte ist, zu wirken: wie sollte es denn für ihn zu groß sein können, dieselben Gesinnungen in uns zu erwecken, die wir doch schon so weit näher zu ihm gebracht sind und hier als ehrerbietige Schüler ihm zu Füßen sitzen. Oder ist es nicht so sehr des Herrn Macht, als wohl seine Bereitwilligkeit, welche ihr in Zweifel zieht und in Bezug auf euch selbst verdächtigt? Aber lasst mich euch denn fragen: Warum sollte denn noch heute auf dem Wege von Gottes Vorsehung das Wort der gegenwärtigen Predigt zu euch kommen? Oder sollte Gott euch zu Tugenden ermuntern lassen, wozu er euch die Geschicklichkeit nicht sollte verleihen wollen? Sollte er euch Gaben anpreisen und anbieten lassen, die er euch nicht sollte schenken wollen? seht doch wohl zu, dass alle die scheinschönen Zweifel am Ende nicht als lauter Bemäntelungen der Trägheit offenbar werden, hinter welchen sich euer Unwille versteckte um zu tun, was eurerseits zu tun war, um Teil an den göttlichen Gnadengaben zu haben.
Ja, es sind Gaben, göttliche Gaben, göttliche Gnadengaben, von welchen ich heute redete; aber ihr, die ihr euch hinter diesen Namen versteckend in passiver und träger Ruhe den Augenblick abwarten wollt, dass Gott euch diese Gaben schenken wird, das Wort liegt vor euch aufgeschlagen, welches euch richtet: denn wie spricht der Apostel, ehe er seinen Lobspruch der Liebe beginnt? Strebet nach den besten Gaben, das heißt: Strebet nach dem Glauben! Strebet nach der Hoffnung! Strebet nach der Liebe! Nun! Gott würde euch nicht sagen lassen: Strebet danach, wenn diese Gaben nicht durch Eifer, mit Gebet und Seufzer gepaart, zu erlangen wären. Wendet denn allen Eifer und Fleiß an, dass ihr diese Gaben erlanget. Reinigt eure Seelen als ein Heiligtum, als ein heiliges Gefäß, um diese Gaben zu empfangen. Lasst von euren Sünden ab. Verlasst die Welt. Suchet die Gemeinschaft mit Gott. Prüft die Schrift. Betet um den Heiligen Geist. Der Heilige Geist schafft und wirkt diese Gaben, der sie Paulo verliehen hat und sie uns verleihen muss. Und der Heilige Geist ist von Gott allen verheißen, die ihn darum bitten. Seht denn nur zu, dass ihr seinem Wirken nicht widersteht. Vielleicht hat er sein Werk bei euch schon begonnen. Vielleicht ist in euch bereits ein erster Keim dieses Glaubens vorhanden, der auch die Wurzel der andern Gaben werden muss.
Wohlan denn, wacht über diesen zarten Keim, wie der sorgsame Landmann über den Samen einer kostbaren Pflanze. Die größten Christen sind aus einem solchen kleinen Keime geboren. Betet täglich mit den Aposteln: Herr, stärke uns den Glauben! (Luk. 17, 5.) Nährt euren Glauben durch Nachdenken, durch Bibellesen, durch christliche Besprechung, verbunden mit der Übung alles dessen, was gut und lieblich, was heilig und Gott gefällig ist. So wird er täglich zunehmen und allmählig wird aus dem Stamm des Glaubens auch die Blüte der Hoffnung entsprießen. Und als die Frucht aus dieser Blüte wird wie von selber die Liebe sich zeigen. So war es bei Saulus! Mehr als zwanzig Jahre liegen zwischen dem Ereignis auf dem Wege nach Damaskus und dem Herzenserguss im Briefe an die Gemeinde von Korinth, der uns eine so herrliche Probe von den Fortschritten des Apostels auf dem Wege der Vollkommenheit, von der ihm zu Teil gewordenen Begabung mit den herrlichsten Gaben des Geistes gibt. Und würden wir, wie es zu erwarten ist, niemals die Höhe des Apostels erreichen, so sind wir auch nicht zu so hohen Dingen berufen, wie er. Es genügt, wenn wir bloß zu wuchern suchen mit dem Pfunde, das wir empfangen haben, wenn wir uns bloß beeifern, in unserm Kreise ebenso sehr ein Zeugnis der göttlichen Gnade durch die Übung im Glauben, in der Hoffnung und Liebe zu sein, wie Saulus es in seinem erhabenen Kreise war. Dann wird auch für uns die Frucht solchen Eifers nicht ausbleiben. Wir werden fortschreiten von Licht zu Licht, von Kraft zu Kraft, von Gabe zu Gabe und von Tugend zu Tugend. Und so weit wir auch im Vergleich mit andern zurückbleiben mögen, Gott ist kein harter Herr, dass er mähen sollte, wo er nicht gesät hat, oder dass er viel fordern sollte von dem, welchem wenig gegeben ist. Geben wir uns nur im Vertrauen der allzeit gerechten, allzeit freundlichen Führung unseres Gottes hin und freuen wir uns dessen, dass wir, dass unsere künftige Seligkeit so wohl als der uns beizulegende Lohn in seinen, das ist, in den besten Händen liegt. Er aber, der Gott des Friedens, der von den Toten wieder ausgeführt hat den großen Hirten der Schafe durch das Blut des ewigen Testaments, unsern Herrn Jesum Christum, der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen, indem er selbst in euch tut, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesum Christum, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! (Hebr. 13, 20…)