Hasebroek, Johannes Petrus - Das hohepriesterliche Gebet.
Johannes 17.
Solches redete Jesus und hob seine Augen auf gen Himmel und sprach: Vater die Stunde ist gekommen; verherrliche nun deinen Sohn, auf dass dich dein Sohn auch verherrliche rc.
Es wird euch nicht wundern, wenn ich bekenne, dass ich heute nicht ohne einige Schüchternheit zu euch zu reden beginne. Das Kapitel, welches vor uns aufgeschlagen liegt, hat euch diese Schüchternheit schon erklärt. Man hat das Evangelium Johannis das Herz Christi genannt. Aber wenn das ganze Evangelium Johannis das Herz Christi ist, was mag denn dieses Kapitel, das den innersten Teil desselben bildet, wohl sein? Doch nichts weniger als der tiefste Grund dieses Herzens. So hat auch Luther es genannt. Er sagt: „Dies ist das Gebet, worin Jesus den tiefsten Grund seines Herzens, beides gegen uns und seinen Vater, aufdeckt und ausschüttet.“ Nun, wenn Christus sein großes und göttliches Herz ganz vor dem Menschen ausschließt, was mag dann der Mensch wohl tun? Was anders, als sein Angesicht in den Staub beugen, stillschweigend zu lauschen und - anbeten?
Aber wie, Brüder! Wir können noch etwas anderes, etwas Besseres tun. Wir können den Erguss dieses Herzens, wenn wir ihn gehört haben, von Wort zu Wort bei uns selber wiederholen und erwägen, einander auf seinen hohen und tiefen Inhalt aufmerksam machen und Einer den Andern damit lehren, trösten, ermutigen, stärken und erbauen. Dass wir dabei nicht zu dem Mark und Kern dieses Ergusses durchdringen werden und uns auf die Rinde beschränken müssen, das braucht uns ja nicht abzuschrecken? Denn mit welchen von Gottes Worten ist das nicht ebenso sehr der Fall? Die Frage ist bloß: wozu ist uns dieses Gebet gegeben? und dann antworte ich freimütig: Gewiss nicht dazu, um ein heiliges Schaubrot daraus zu machen, das man vor Gottes Angesicht hinsetzt, ohne es anrühren zu dürfen. Meint man diesem Gebete eine außerordentliche Ehrerbietung bezeugen zu müssen? Das Gegenteil würde eine Schändung des Heiligen sein! Aber man zeige diese Ehrerbietung nicht in einer abergläubischen Enthaltung von dem Gebrauche dieses Gebets, sondern vielmehr in einem ehrerbietigen und dankbaren Gebrauch desselben, zu desto größerer Ehre dessen, der es mit lauter Stimme aussprach, damit wir es hören und zu Herzen nehmen möchten, zu höherer Verehrung vor allem von Gott selbst, der durch seinen Geist auch dieses Gebet für uns hat bewahren und niederschreiben lassen und uns darin gleichsam zugerufen hat: Versiegele die Worte dieses Gebets nicht; denn die Zeit ist nahe. (Off. Joh. 22, 10.)
So fordere ich euch denn auf, zwar, wie ich schon sagte, mit ehrerbietiger Schüchternheit, aber doch mit voller Freudigkeit, über dieses Gebet einige Augenblicke mit mir nachzudenken. Dass indes das heilige Feuer der Liebe Gottes jetzt mehr denn je meine Lippen reinigen möge, um würdig über diesen ehrwürdigen Gegenstand zu sprechen, ist ein Verlangen, das Gott in meinem Herzen liest und worin ihr euch betend mit mir vereinigen werdet. Amen.
Und nun zieht eure Schuhe aus, Christen, ihr steht auf heiligem Boden. Ihr steht im Heiligtum des Heiligen des Evangeliums. Ihr hört den göttlichen Sohn mit dem ewigen Vater reden. Ihr werft einen Blick in das Geheimnis der innigen Gemeinschaft, welche der Sohn auf Erden mit dem Vater im Himmel unterhält.
Ihr werdet Ohrenzeugen des Gebets, wovon Jeder, der einen Funken frommes Gefühl besitzt, erkennt, dass niemals ein ehrwürdigeres, heiligeres, fruchtbareres, ergreifenderes Wort im Himmel oder auf Erden gehört ist als eben dieses Gebet von Gottes Sohn! Unvergleichlich ist denn auch die Übereinstimmung, die Harmonie, die in diesem Gebet zwischen Inhalt und Form, zwischen Geist und Ton herrscht. Einfalt der Worte, Tiefe der Gedanken; Ruhe des Ausdrucks, Feuer und Glut der Beseelung; betende Ehrfurcht, kindliche, ja mehr als kindliche Vertraulichkeit; alles vereinigt sich, um diesem Gebete einen unnachahmlichen Charakter beides von Menschlichkeit und Göttlichkeit zu geben. Es ist ein Gebet des Menschensohnes, aber gleichsam durchglänzt und durchstrahlt von der Herrlichkeit des Sohnes Gottes: gleichwie auf Thabor das Licht der Verklärung durch den Leib der Erniedrigung in Marias Sohn hindurchbrach!
Und in der Tat! Wohl trug Alles dazu bei, diesem Gebete jenen hohen, jenen heiligen, jenen herrlichen, jenen himmlischen, jenen göttlichen Charakter zu geben. Denn wenn zu aller Zeit auf Erden niemals ein Mensch also gesprochen hat wie dieser Mensch (Joh. 7, 46), der es ausschüttete; so hat noch niemals der Einzige in feierlicherem Augenblick seine Stimme erhoben, als da ihm dieses Gebet von den Lippen floss. Da stand er im Tale Josaphat, am Bache Kidron. Da stand er und hinter ihm das prophetenmörderische Jerusalem, das er nicht anders, als in Banden und um getötet zu werden, wiedersehen sollte. Da stand er und vor ihm der. Ölberg mit dem an seinem Abhange versteckten Olivengarten, wo die Presse des Leidens bereits auf ihr Opfer wartete. Da stand er und ringsum ihn die Jünger, die elf Getreuen, die bei ihm geblieben waren, mit dem Ausdruck der tiefsten Wehmut in den auf ihn gerichteten Augen. Da stand er, und, als ob auch die sichtbare Schöpfung das Ihre dazu beitragen müsste, um dieses Schauspiel in sein eigentümliches Licht zu stellen, über ihm schien der Mond, der um diese Zeit seine Scheibe füllte, und goss auf die heilige Gruppe sein mildes und freundliches Licht aus. So stand er da auf dem Wendepunkte des großen Scheideweges seines Lebens: Denn hier schied sich der Weg des Lehrers, der in den Fluten des Jordan begonnen hatte, von dem Pfade des Dulders, der in dem Grabe von Joseph von Arimathia endigen sollte. Das wissend, hat der liebevolle Meister seine Jünger bereits früher auf sein Scheiden vorbereitet: Aber jetzt ist die Stunde gekommen (V. 1). Jetzt ist die eigentliche Stunde des Abschieds da. Und nun, was für ein Abschied wird es sein? Alle Worte sind gesprochen: das Wort der Ermahnung, das Wort der Warnung, das Wort des Trostes: das Wort der Liebe, der Gnade und der Verheißung von Hilfe und Kraft. Was soll er mehr hinzufügen? Seht, da hebt er seine Augen empor gen Himmel. Hört, da richtet er seine Stimme von den Jüngern zu Gott und betet. Er betet. Kein ungewohnter Anblick für die Jünger; kein ungewohnter Anblick auch für uns. So betete er in den Tagen seines Fleisches manchmal des Nachts für sie, für welche er sich am Tage müde gearbeitet hatte. Aber dann betete er nicht in der Tiefe des Tales, auf der niederen Erde, unter Zuhörern der ihn begleitenden Apostelschar. Nein, dann betete er in der Höhe, dem Himmel so nahe als möglich, auf dem Gipfel des geliebten Berges, in heiliger Einsamkeit; allein, allein mit Gott. Nun aber, welch ein Unterschied! Nun entfernt er sich nicht aus dem Kreise der Jünger, um hinzugehen und zu beten: nun hebt er aus ihrer Mitte Herz und Auge und Stimme empor. Nun betet er, dass alle es hören!
Auch wir, Geliebte, auch wir, in Folge der unschätzbaren Mitteilung des Busenjüngers, im Geiste gleichsam unter die Zuhörer des Herrn versetzt, dürfen dies Gebet von ferne belauschen. Wer denn Ohren hat zu hören, der höre!
Ein berühmter Schriftausleger hat von dem Gebete Jesu, das vor uns liegt, gesagt, dass es, was die Worte angeht, das einfachste und deutlichste, was die Sachen angeht, das tiefsinnigste Kapitel aus der ganzen Schrift ist. Ich habe es also befunden. Aus diesem Grunde werdet ihr mir wohl gestatten, die kurze Zeit, welche mir für meine wichtige und ausführliche Aufgabe vergönnt ist, nicht auf die absonderliche Erklärung jedes einzelnen Wortes zu verwenden, sondern mich lieber auf eine allgemeine Übersicht der Sachen zu beschränken.
Und dann ists vor allen Dingen nötig, dass wir alsbald einen bestimmten Standpunkt wählen, von wo wir das Ganze besser übersehen können. Die Frage ist also: ist auch in diesem Gebet ein Hauptgesichtspunkt zu finden, der darin den Mittelpunkt bildet, woraus sich alles ableiten und worauf sich alles wieder zurückführen lässt? Mich dünkt, dass ich diese Frage bejahend beantworten kann. Und welches ist denn dieser Hauptgesichtspunkt? Die Herrlichkeit Gottes. Nicht weniger als achtmal kommt darin das Wort Herrlichkeit selbst oder in abgeleiteten Ausdrücken vor. Nun haben wir aus Jesu eigenem Munde die Regel: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. (Matth. 12, 34.) So brauchen wir denn nicht zu fragen, was bei diesem Herzensergusse Jesu zunächst am Herzen lag. Ersichtlich war es die Herrlichkeit Gottes. Wohlan, lasst uns das im Auge behalten und davon bei unserer ferneren Betrachtung ausgehen.
Aber was meine ich damit, wenn ich sage, dass die Herrlichkeit Gottes den Hauptgegenstand in diesem Gebete des Heilandes bildet?
Die Antwort ist einfach. Die Herrlichkeit Gottes ist nichts anderes, als die Verehrung, welche ihm wegen seiner herrlichen Vollkommenheiten und Tugenden von der ganzen Schöpfung dargebracht wird. Diese Verehrung nun ist der Endzweck von allem, was Gott beabsichtigt und tut. Nicht um seiner selbst willen. Denn Gott, „dem nicht von Menschenhänden gedient wird als der Jemandes bedürfte“, (Apostelgsch. 17, 25.) kann auch durch die Huldigung alles Geschaffenen eigentlich nicht verehrt werden. Aber Gott begehrt Diese Verehrung um seines Geschöpfs willen. Weiß er doch, dass es die Seligkeit des Geschöpfs ist, ihn zu verehren, d. h. ihn in seiner Größe zu erkennen, in seiner Heiligkeit zu fürchten und in seiner Güte lieb zu haben. Das ist das ewige Leben, dass sie dich, dass du der einige, wahrhaftige Gott bist, erkennen (V. 3). Darum laufen denn auch alle Werke Gottes, das Werk der Erwählung, das Werk der Schöpfung, das Werk der Erlösung, das Werk der Vollendung und Wiederbringung aller Dinge auf dieses Eine Ziel hinaus: die Verherrlichung Gottes. Aus ihm, durch ihn, zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! (Röm. 11, 36.)
Diese liebreiche Absicht nun, wobei Gott von dem Geschöpfe um seiner selbst willen die Huldigung einer dankbaren Gottesverherrlichung fordert, ist in einigen Teilen der Schöpfung von Anfang erreicht. Im Himmel beugen sich die Seraphinen mit verdeckten Angesichtern vor dem Throne Gottes nieder mit dem Lobgesang: Heilig, heilig, heilig, dreimal herrlich, ist der Herr der Heerscharen! (Jes. 6, 3.) Und der ganze himmlische Tempel hallet auf diesen Gesang wieder. Noch höher steigt der Lobgesang, welcher, nach der anfänglichen Vollendung des Werks der Erlösung aus dem Munde der Repräsentanten der Schöpfung Ihm, der auf dem Throne sitzt, dargebracht wird: Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr, der Allmächtige, der da war, der da ist und der da kommt! (Jesaias 6, 3.) Womit sich die Repräsentanten der Erlösten vereinigen und sprechen: Herr, du bist würdig zu nehmen die Herrlichkeit und die Ehre und die Kraft. (Off. 4, 8 u. 11.)
Aus diesem Himmel kam Jesus hernieder: er, der früher in diesem Himmel Zeuge, ja Mitgenosse dieser Herrlichkeit gewesen war! Auf Erden fand er jedoch Alles ganz Anders beschaffen. Da entdeckte er fast keine Spur von der Gottesverherrlichung, die er im Himmel angeschaut hatte. Denn allda hatte die Sünde den Namen, die Erkenntnis und den Dienst Gottes beinahe ganz von der Erde verschwinden lassen. Da konnte ein geweihter Mund mit Wahrheit bezeugen: sie haben dem Geschöpf mehr gedient, denn dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit! (Röm. 1,25.) Trauriger, entmutigender Anblick! Aber nein! Traurig möge dieser Anblick für Jesus gewesen sein, trauriger als es für Jemanden außer ihm sein konnte, aber er entmutigte ihn nicht. Im Gegenteil. Gerade dieser Anblick war es, der ihn bewog, aus dem Himmel auf Erden hernieder zu kommen. Als er sah vom hohen Himmel aus, von dem Throne der Herrlichkeit, zu welchem auch für ihn das dreimal Heilig aufstieg (Jes. 6, 1-10., Joh. 12, 37-41.); als er sah, dass die Menschheit durch das Verlorengehen der Erkenntnis Gottes auf Erden tief unglücklich geworden war, und stets unglücklicher zu werden drohte, da erbarmte sich die Liebe des Geliebten Gottes. Und da er wusste, dass es bloß Ein Mittel gab, um auf Erden den Dienst Gottes wieder herzustellen, versagte seine Liebe dieses Mittel nicht. Er legte Sternenkrone und Lichtgewand und Weltzepter und Gottesgestalt ab, kam auf Erden und wurde Mensch. Mit welcher Absicht? Um vermittelst dieser Menschwerdung die menschliche Natur wieder mit der göttlichen, die göttliche mit der menschlichen zu vereinigen. Um bei den Menschen als der Repräsentant Gottes, um bei Gott als der Repräsentant der Menschen aufzutreten. Um bei Gott zu tun, was zu tun war, um die Sünden der Welt zu versühnen; um bei den Menschen zu tun, was zu tun war, um sie wieder zu Gott zu bringen. Um also in seiner angenommenen Menschheit, darf ich's so ausdrücken, einen göttlichen Bund zwischen Gottheit und Menschheit zu schließen, dessen Ausgang war, dass die Menschheit, die fast ganz von ihrer Stelle gewichen und unter ihren eigenen Maßstab versunken war, nicht allein wieder aufgerichtet würde, sondern auch die Macht empfinge, der göttlichen Natur teilhaftig zu werden. (2 Petr. 1, 4.) Siehe, das war der große, herrliche und gotteswürdige Zweck, wozu der Sohn Gottes die Herrlichkeit, die er bei dem Vater hatte, ehe die Welt war (V. 5), verließ, um hier auf Erden der Mittler Gottes und der Menschen, und das göttliche Vereinigungsmittel zwischen beiden zu werden: Der Zweck, wozu der Sohn Gottes der Menschensohn wurde. Wurde nun dieser Zweck einmal erreicht, dann wurde Gott dadurch äußerst verherrlicht. Und zwar nicht allein darum, damit auf diesem Wege eine schöne Perle aus der Krone Gottes, der nach seinem Bilde und Gleichnis geschaffene Mensch, aus dem Staube der tiefsten Versunkenheit wieder aufgenommen und als ein Lieblingsjuwel an das Diadem seiner Herrlichkeit geheftet würde; sondern auch und vornehmlich darum, weil Gott auf diesem Wege von Erneuerung und Erlösung des verlorenen Menschengeschlechts seine herrlichen Tugenden auf eine solche Weise offenbarte, wie noch nimmer geschehen war; damit der Ratschluss dieser Erlösung das Kleinod der göttlichen Weisheit, seine Ausführung das Kleinod der göttlichen Allmacht, seine Vollendung das Kleinod der göttlichen Liebe würde. Um es mit Einem Worte zu sagen: damit in dieser neuen und prachtvollen Offenbarung der göttlichen Vollkommenheiten, Gott selbst sein göttliches Angesicht, sein göttliches Wesen, das Innerste und Innigste seiner Gottheit allem Geschöpfe, nicht bloß den Menschen, sondern auch den Engeln, sichtbar, anschaulich und gleichsam ohne Decke oder Schleier zeigen könnte. Gott, so lautet der altchristliche Morgengesang, womit die Gemeinde zu Ephesus und anderswo den Allerhöchsten verherrlichte (1. Tim. 3, 16):
Gott ist geoffenbart im Fleisch,
ist gerechtfertigt im Geist,
ist erschienen den Engeln.
Ehre, so lautet darauf der Wiederhall der Engel in Ephrata,
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden,
an den Menschen ein Wohlgefallen.
Seht, so ist euch klar genug, was Jesus damit meint, wenn er in diesem Gebete immer und immer wieder von der Herrlichkeit Gottes, oder, was davon unzertrennlich ist, von seiner Herrlichkeit spricht. Aber so werdet ihr euch denn auch nicht mehr verwundern, dass diese Herrlichkeit den Grundton dieses Gebetes bildet. Ja, sei es, dass er für sich selbst, sei es, dass er für seine Jünger, sei es, dass er für seine Gemeinde betet, das Erste und das Letzte, der Anfang und das Ende seiner Gebete ist immer: Vater, verherrliche deinen Sohn, auf dass auch dein Sohn dich verherrliche! (V. 1.)
Wollt ihr euch davon überzeugen? Sehen wir denn zuerst, was Jesus für sich selbst betet. Denn er, dessen Gebete sonst durchgehends Danksagungen oder Fürbitten sind, er betet hier für sich selbst. Aber man halte diesen Unterschied wohl im Auge - es geschieht auch nicht ausschließlich um seiner selbst willen, dass er für sich selbst betet. Schon die alte Christenheit zeigte, dass sie das recht begriffen hatte, als sie dieses Gebet das hohepriesterliche Gebet nannte. Eine schöne und treffende Benennung, die, wohl verstanden, den eigentümlichen Charakter dieses Gebets erklärt. Wer ist doch der, welcher hier betet? Es ist nicht der Sohn Gottes, der Mitgenosse der göttlichen Natur1), der als solcher wohl Gebete annehmen und erhören, aber selbst kein eigentliches Gebet an den Vater, mit dem er Eins ist, richten kann. Aber es ist auch nicht der Sohn Marias, der als solcher in den Tagen seines Fleisches für seine eigenen menschlichen Nöte und Bedürfnisse Gebet und Flehen zu dem Vater geopfert hat, wie in Kurzem Gethsemane, wie später Golgatha es vernehmen wird. Nein, er, der hier betet, ist der Sohn des Menschen in ausschließlichem Sinne, wie in diesem bedeutsamen Namen die ganze besondere Beziehung Jesu zu der Menschheit ausgedrückt wird, so zu sagen: der wahre, der vollkommene, der einzige Mensch! Er ists, der, Gott offenbart im Fleisch, durch seine freiwillige Menschwerdung, das Haupt und das Herz der ganzen Menschheit geworden ist: woraus folgt, dass er nun auch von der mit ihm verbundenen Menschheit ebenso wenig geschieden werden kann, als sich das Haupt von dem Leibe, das Herz von den Adern des Leibes, womit es zusammenhängt, scheiden lässt. Er ist es, der hier also nicht allein oder erst für sich selbst, sondern, gleichwie der Hohepriester in Israel, vornehmlich für die durch ihn repräsentierte Gemeinde auftritt und betet: er also, der, für sich selbst betend, nicht mehr für sich selbst als für die mit ihm vereinigte Menschheit, nicht mehr für sich selbst als für dich und mich betet!
Und nach dieser Erinnerung hören wir ihn jetzt für sich selbst beten. Der betende Jesus beginnt mit danken. Was später ein Apostel durch den Geist von dem Seinen nehmen und uns verkündigen (Joh. 16, 14.) würde, das hat Jesus auch bereits hier durch sein Beispiel gelehrt: In allen Dingen lasst euer Gebet durch Bitten und Flehen, mit Danksagung vor Gott kund werden. (Phil. 4, 6.) Dankend betet Jesus, betend dankt Jesus.
Und wofür dankt er? Er dankt dafür, dass er sein Werk auf Erden vollendet hat. Und darum dankt er dafür, weil er, indem ers tat, seinen Vater verherrlicht hat auf Erden (V. 4.) So hört ihr's hier aus seinem eigenen Munde: das Endziel von Jesu Werk auf Erden war die Verherrlichung seines Vaters auf Erden. Und dieses Werk war nun vollbracht! Aber wie? War es denn vollbracht? Nein, Geliebte, es war nicht vollbracht. Was mehr sagt: das Schwerste musste noch vollbracht werden. Jesus musste noch mit jener Taufe getauft werden, von der er ausgerufen hatte: wie ist mir so bange, bis sievollendet werde! (Luk. 12, 50.) Aber obschon sie demnach in Wirklichkeit noch nicht vollbracht war, vor Jesu Geiste war sie vollbracht. So gewiss war Jesus seiner selbst, so gewiss seiner Willigkeit sowohl als seiner Macht, dieses Werk zu vollbringen, dass es ihm war, als ob es bereits vollbracht wäre. Hier erkennen wir wiederum den göttlichen Menschensohn, für den ebenso wie für Gott selbst die Zukunft gegenwärtig ist, und der, ehe denn es aufgeht, es hören lässt. (Jes. 42, 9.) Hier erkennen wir den göttlichen Sieger, der das Siegeslied anhebt, bevor noch der Kampf begonnen ist, und der, sich gürtend zu diesem Kampfe, triumphiert wie einer, der sich entgürtet. Herr! dein Name ist Wunderbar! wer ist wie du?
Aber Jesus dankt nicht allein für sich selbst. Wir hören ihn auch bitten. Und um was bittet er? Er bittet um Herrlichkeit, Herrlichkeit für sich selbst; aber Herrlichkeit für sich selbst, auf dass er den Vater verherrliche (V. 1). Die Macht jedoch, welche Gott ihm bei seiner bevorstehenden Verherrlichung geben würde über alles Fleisch, würde er nicht gebrauchen, als um allen, die ihm der Vater gegeben, den Auserwählten, das ewige Leben zu geben: das ewige Leben, welches Aller Teil ist, die den Vater als den einzigen wahrhaftigen Gott und Jesum Christum als den Gesandten des Vaters erkennen (V. 2, 3). Mit Freudigkeit bittet er also vom Vater, dass er ihm diese Macht verleihen möge: und da er einmal, nach seiner göttlichen Natur, ursprünglich die Herrlichkeit besessen hatte, welche er jetzt bittend von dem Vater begehrte, war diese Freudigkeit desto größer. Verherrliche mich, du Vater, mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war (V. 5). Diese Herrlichkeit, von Ewigkeit her sein Eigentum, hatte er bloß abgelegt, um in der Gestalt seiner Erniedrigung das Werk unserer Erlösung zu vollbringen. Aber jetzt, nachdem er die Reinigung unserer Sünden durch sich selbst zu Wege gebracht (Ebr. 1,3.), wünschte er denn auch wieder aufzufahren, um zu sein, wo er zuvor war. Und das nicht bloß, damit er also in den Besitz seiner ursprünglichen Herrlichkeit zurückkehren könnte; sondern auch damit die von ihm angenommene Menschheit, die durch ihre Vereinigung mit der göttlichen Natur unendlich erhöht und veredelt war, und sich bei Gott und Menschen unendlich verdienstlich gemacht hatte, nach Gottes Wort und Verheißung an dieser Herrlichkeit Teil nehmen möchte. Es ist, als sagte Jesus: Vater, das große Werk ist im Begriff vollbracht zu werden. Was nun noch übrig ist, das wartet bloß auf meine Verherrlichung. Lass denn diese Verherrlichung an mir vollbracht werden. Erhöhe mich, deinen und des Menschen Sohn, zu deiner rechten Hand! Setze mich ein zum Herrn und König des Reiches, das durch mich gegründet ist, auf dass ich darin alle, die du dazu bestimmt hast, versammele! Lass die Herrlichkeit, die ich ursprünglich bei dir hatte, sich nun auch meiner Menschheit mitteilen, darin sich offenbaren und ausstrahlen, auf dass die Menschheit darin das Vorbild und Unterpfand ihrer zukünftigen geistlichen und leiblichen Verherrlichung anschaue. Lass also meine Verherrlichung als Menschensohn das Mittel sein, wodurch dir die Huldigung von Mensch, Engel, von allem Geschöpf, im Himmel, auf Erden und unter der Erden dargebracht wird. Vater! verherrliche deinen Sohn, auf dass dein Sohn dich verherrliche!
Menschen! hört ihrs! Meine Mitmenschen! wie ich euch jetzt mit einem demütigen Gefühl von Erhabenheit nenne - hört ihr es, was Jesus in der heiligsten Stunde seines Lebens von dem Vater bittet? Er bittet, ja, um Herrlichkeit für sich selbst: aber warum? allein um diese Herrlichkeit den Seinen, euch und mir, so wir die Seinen sind, mitzuteilen. Habt ihr schon einigermaßen die Frucht und Kraft dieser Verherrlichung an euch selbst erfahren; habt ihr schon einigen Anfang jenes neuen Lebens, dessen verborgene Ader Gott und dessen für alle öffentlich dargestellte und geöffnete Quelle Jesus Christus ist, euch mitteilen sehen? Diesem Gebete Jesu, der Erhörung dieses Gebetes durch den Vater habt ihr es zu danken. Wer ihr sein mögt und was ihr bis hierher schon oder nicht empfangen haben mögt, erhebe nun dreist, o Mensch! das Haupt empor. Jesus, der Sohn des Menschen, ist verherrlicht zur rechten Hand Gottes. Die Herrlichkeit Gottes ist die seine, seine Herrlichkeit ist die deine: ja, das ist Herrlichkeit für ihn, wenn er von seiner Herrlichkeit dir mitteilen, wenn er dir Anteil an seinem ewigen Leben schenken kann. Dafür und dafür allein ist er auf Erden gekommen und hat er das Werk des Vaters auf Erden vollbracht. Dafür hat er gelebt. Dafür ist er gestorben. Dafür ist er auferstanden. Dafür ist er bei Gott verherrlicht. Dafür lebt er allezeit, um für uns zu beten. Dieweil wir denn einen großen Hohepriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, nämlich Jesus, der Sohn Gottes - so lasst uns mit Freudigkeit hinzutreten zu dem Gnadenthron, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe! (Ebr. 5, 16.)
Doch wir müssen weiter eilen. Bis dahin hörten wir Jesus bloß für sich selbst beten. Hören wir ihn jetzt auch für seine Jünger beten!
Seht ihn da stehen, den großen, den einigen Meister, mitten unter den Zwölfen… aber nein, ich täusche mich, die Zwölfzahl ist nicht vollzählig; Einer fehlt in dem heiligen Kreise. Dieser Eine ist Judas. Für ihn betet der Herr nicht; für ihn kann der Herr nicht beten. Und doch kann seine Liebe ihn nicht ganz vergessen. Er spricht von ihm mit einem einzigen Wort… aber welch ein tiefer Schmerz der heiligsten Liebe ist es, der aus diesem einzigen Worte spricht! Die du mir gegeben hast, die habe ich bewahret, und ist Keiner von ihnen verloren ohne das verlorene Kind (wörtlich: der Sohn des Verderbens), dass die Schrift erfüllt würde (V. 12). Dass die Schrift erfüllt würde! Geliebte! Auch das ist Herrlichkeit für Gott, wenn sich in der Offenbarung der Tiefe seiner Gerichte seine Allwissenheit, Allmacht und Freiheit anschaulich bezeugt. Ach! dass doch Gott sich nie auf eine solche Weise an euch oder mir verherrliche!
Aber kann Jesus für Judas nicht beten, desto feuriger ist sein Gebet für die übrigen Glieder der heiligen Zwölfzahl. Und wohl mochte es so sein! Oder wer sind diese Zwölfe - ich begreife jetzt unter dieser Zahl auch den Mann, welcher darin wohl bald Judas Stelle ersetzen soll und bei all diesen letzten Gesprächen und Gebeten bereits vor dem allwissenden Auge des Herrn gegenwärtig war - wer sind jene Zwölfe, für welche Jesus betet? Sind sie auserwählte Menschen, geliebte Freunde, teilnehmende Zeugen und Zuschauer, wie früher seiner Majestät, so in kurzem seiner Schmerzen und seines Todes? Ja, sie sind das Alles, aber sie sind noch mehr als das, Sie sind Apostel, heilige Menschen Gottes, Diener des Allerhöchsten. Gesalbte des Vaters, Zeugen Jesu Christi, Boten der Wahrheit, Statthalter des Reichs Gottes, das nun bald im Blute des Königs gegründet zu werden im Begriff ist. Wie der Erzvater Jakob auf seinem Sterbebette die zwölf Stammväter des heiligen Volks um sein Lager versammelt und in ihnen die zwölf Stämme segnet, und ihnen von den zwölf Stämmen weissagt, und ihnen für die zwölf Stämme sowohl wie für sich selbst betend bezeugt: Herr, ich warte auf dein Heil! (Gen. 49, 18.) so auch Jesus Christus, der aus den Vätern herkommt nach dem Fleische, welcher ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. (Röm. 9, 5.) Er betet für die zwölf Apostel - als Apostel, als geistliche Stammväter des heiligen Volkes, das durch ihre Predigt des Evangeliums gewonnen werden soll. Er betet für sie als Stellvertreter seiner selbst, auf welchen von nun an die Aufgabe ruht, die bei seinem Hingang von der Erde aus seinen in ihre Hände übergeht und auf welche bei seiner Himmelfahrt der Mantel der göttlichen Gesandtschaft auf Erden fallen soll. Hört es ihn selbst bezeugen: Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt. Und ich heilige mich selbst für sie, ich weihe dir mich selbst als ein Heiligtum, auf dass auch sie geheiligt seien in der Wahrheit (V. 17, 18.), auf dass auch sie meiner Weihe teilhaftig und dadurch zur Verkündigung der Wahrheit gegürtet und geschickt seien!
Und was betet Jesus nun für die Apostel? Auch für sie beginnt er mit Danken. Er dankt für sie, dass Gott sie, welche die Seinen, sein Eigentum waren durch das Recht der göttlichen Erwählung, ihm gegeben, zu ihm geführt, zu seinem Dienst auf Erden geheiligt und abgesondert hat. (V. 6). Er dankt für sie, dass er ihnen nicht vergebens den Namen Gottes kund getan hatte, dass sie das Wort Gottes empfangen und bewahrt hatten. (V. 6. 8.) Er dankt für sie, dass sie ihn als den Gesandten des Vaters angenommen und erkannt hatten (V. 8.); dass er also in ihnen verherrlicht war (V. 10). Dies alles war ja nötig und musste vorabgehen, wenn sie je das Werk, wozu Gott sie bestimmt hatte, sollten antreten und vollbringen können. Die Welt hatte den Vater nicht erkannt; aber diese wenigstens hatten in ihm den Gesandten des Vaters erkannt (V. 25): und das war genug. Nun konnten sie bei der Welt von ihm zeugen. In ihnen war ein erstes Fundament für das Himmelreich gegründet; in ihnen war das Senfkorn für den Baum der zukünftigen Gemeinde in die Erde gelegt; in ihnen waren die Erstlinge der großen Ernte gesammelt. Beim Anblick dieser Erstlinge war es Jesus, wie einst zu Sichar, als sähe er die Felder bereits mit Halmen bedeckt, weiß zur Ernte, als hörte er schon die goldenen Wogen der Seelen, welche aus dem Weizenkorn seines Opfertodes hervorgehen sollten, unter dem Odem des Geistes von dem Lobe des Ewigen rauschen! mein Erlöser! Wohl mochtest du in jener Stunde, noch mehr als früher, dich freuen im Geiste. Wohl mochtest du dem Vater, dem Herrn Himmels und der Erde danken, dass er Solches vor den Weisen und Klugen verborgen und diesen Unmündigen geoffenbart hatte: denn also war es wohlgefällig gewesen vor ihm. (Matth. 11, 25.)
Aber Jesus dankte nicht bloß für seine Jünger; er bat auch für sie. Er bat für sie um Bewahrung: Bewahrung in dem Namen Gottes, auf dass sie dadurch zugleich in gegenseitiger Gemeinschaft mit einander verbunden, auf dass sie dadurch Eins sein möchten, gleichwie Jesus selbst mit dem Vater Eins war (V. 11). Ohne Gemeinschaft mit Gott keine wahre Gemeinschaft unter einander: ohne gegenseitige Gemeinschaft kein Segen auf gemeinschaftlicher Wirksamkeit. Auch im Reiche Gottes ists die Liebe, die Alles vermag, ists die Eintracht, die Macht macht.
Er bat für sie um Beschirmung: Beschirmung gegen die Welt. Gott hatte sie lieb; Jesus hatte sie lieb; aber die Welt hatte sie gehasst. Und kein Wunder. Sie waren auch nicht von der Welt, gleichwie Jesus nicht von der Welt war. Hatte die Welt Jesum gehasst, so musste sie auch sie hassen (V. 14, 16). Aber so bat denn Jesus auch, dass Gott sie vor der Welt bewahren möchte. Er bat nicht, dass Gott sie aus der Welt wegnehmen möchte, sondern dass er sie vor dem Bösen, dem Fürsten der Welt, vor der Übermacht des Übels, das durch den Satan in der Welt ist, bewahren möchte, (V. 15). Treffend klingt in dieser Verbindung das Wort, womit Jesus sie dem Vater anbefahl: Ich bin nicht mehr in der Welt. Sie aber sind in der Welt und ich komme zu dir. Während ich bei ihnen war in der Welt, erhielt ich sie in deinem Namen. Nun aber komme ich zu dir und rede Solches in der Welt, auf dass sie meine Freude vollkommen in sich haben (V. 11, 12, 13), auf dass sie versichert sein mögen, dass du sie bewahrest und dass auch nach unserer leiblichen Trennung nichts sie von mir und meiner Liebe scheiden wird. Stellt euch einen Vater vor, der sterbend seine Kinder einem mächtigen Freunde anbefiehlt. Dieses zarte und liebliche Bild sehen wir Jesum hier tragen. In seinem Gebete für die Seinen legte er sie gleichsam aus seinem Arm in den Arm und an das Herz des Vaters hinüber, als sagte er: bis dahin habe ich für sie gesorgt; jetzt kann ich es nicht länger. Sorge du denn für sie und ersetze bei ihnen meine Stelle! Vermachte Jesus sterbend seine Mutter dem Jünger, den er lieb hatte; die Jünger, die er lieb hatte, vermachte er scheidend Gott!
Endlich bat er für sie um Heiligung: Heiligung in seiner Wahrheit, das ist sein Wort: denn Gottes Wort ist die Wahrheit. Die Wahrheit und Gottes Wort sind Eins, wie der Schatz und die Schatzkammer Eins sind. Er bat also, dass Gott sie mehr und mehr von der Kraft der Wahrheit überzeugen und damit durchdringen möchte. Er bat, dass Gott ihnen Verstand, Herz und Willen ganz und gar mit seinem göttlichen Wesen, Licht und Liebe erfüllen und sie also beständig mehr seiner Heiligkeit teilhaftig machen möchte. Die Jünger standen da vor ihm wie auserwählte Gefäße im Tempel, wie vielversprechende Knospen im Garten Gottes. Schon glänzte auf ihrem einfältigen Antlitz ein Strahl der göttlichen Herrlichkeit, den sie durch das Anschauen Jesu in ihren reinen Busen aufgefangen hatten. Möchte nun bloß das Licht inwendig mehr und mehr zunehmen und nach außen durchbrechen! Möchte also ihr Bild, in- und auswendig, beständig mehr an Gestalt verklärt werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als vom Herrn, der der Geist ist. (2. Kor. 3, 18.) Möchten sie nicht allein durch ihre Verkündigung, sondern auch durch ihre Gesinnung und Taten Bildträger Jesu Christi, lebendige Spiegel seiner Herrlichkeit, und dadurch selbst Mitgenossen seiner Herrlichkeit und Seligkeit sein!
O meine Freunde! Wenn ihr sogleich - wozu ich euch einlade und ermuntere - dieses Gebet noch einmal in seinem Ganzen für euch wieder lest, achtet dann darauf, welch ein Reichtum der Liebe aus diesem Gebete Jesu für die Seinen redet. Merket darauf, wie es gleichsam mit der Armut der menschlichen Sprache ringt und kämpft, um es den Seinen doch verständlich zu machen, wie lieb er sie hat, wie er in ihr Glück und in ihre Vollendung seine eigene Ehre, sein eigenes Glück setzt, und wie er in seiner Fürbitte bei dem Vater sie nicht von sich selber zu trennen vermag: also dass er ausdrücklich verlangt, dass die Liebe, womit der Vater ihn lieb gehabt hat, auch in ihnen, ihr Teil, sei, auch in ihnen sich offenbare, wohnen und leben möge! (V. 26). Eben habe ich die Liebe Jesu mit der Liebe eines Vaters verglichen, der seine Kinder einem Freund anbefiehlt; aber hier kommt sie mir vor als die Liebe, die ein älterer Sohn zeigt, wenn er die Stelle an seines Vaters Herzen, die ihm von Rechtswegen gehört, aus Liebe mit seinem jüngeren Bruder teilt; ja, selbst wie mit eigener Hand dessen Haupt an das Herz des Vaters niederlegt und die Arme des Vaters um seine Schultern schlägt. O Liebe ohne Gleichen! So bestätigt noch das letzte Wort, das Jesus zu seinen Jüngern sprach, die Erklärung des Apostels, der in dieser letzten Nacht an seiner liebevollen Brust lag: Da nun Jesus erkannte, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater, wie er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende! (Joh. 13, 1.)
So haben wir Jesum auch für seine Jünger beten hören. Aber nun, Geliebte! Nicht bloß, was Jesus für sich selbst, auch was er für seine Jünger betet, betet er für alle, betet er für euch und mich. Musste doch in ihnen Jesus selbst verherrlicht werden, gleich wie Gott in Jesus verherrlicht war. Darum auch würde Jesus ihnen ferner den Namen Gottes kund tun, gleichwie er ihnen denselben bereits kund getan hatte (V. 26). Lernt daraus, welch einen Wert Jesus auf uns legt, um derer willen das Werk seiner Jünger ihm so wichtig war, ja, seine Jünger selbst ihm teuer waren. Und fühlt gleichsam einen Wiederschein von der Glut der Liebe, die Jesum für seine Apostel erfüllte, in euren Herzen strahlen! Aber lernt zugleich daraus, wie teuer in Jesu Auge alle sind, die in irgendwelcher Beziehung zu seinem Reiche und dessen Ausbreitung auf Erden stehen. Ja, jeder, der, in welchem Maße denn auch, ein Werkzeug in der Hand des Herrn sein will, zur Beförderung seines Reiches auf Erden und dadurch zur Verherrlichung Gottes, ist in seinem Auge groß und teuer wie die Apostel, groß und teuer als mitgehörend zu jenem göttlichen Leibe, wovon Er das Haupt ist, und in dessen Erbauung er, und Gott in ihm, verherrlicht wird. Alle wahre Größe des Menschen hängt nur allein davon ab, was wir zur Verherrlichung Gottes in Christo tun wollen oder können. Möge denn Jeder, der die Hand an den Pflug gelegt hat, mit Eifer und Kraft fortfahren, wissend, dass seine Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn. Möge Niemand die kleinen oder den Tag der kleinen Dinge verachten! Hebet eure Augen auf! Der kleinste Stein in diesem Gebäude gehört ebenso wohl zu diesem stolzen Tempel, als das Fundament, das den ganzen Tempel trägt. Wer auf dem Eckstein Christus gebaut und gegründet ist, steht nicht allein auf diesem Eckstein in Ewigkeit fest, sondern er wird auch selbst ein Pfeiler und eine Säule in dem Tempel seines Gottes, worauf vor dem Angesicht des Weltalls der Name Gottes, der Name Christi und der Name des neuen Jerusalems, dessen Bürger er ist, glänzt! (Offb. 3, 12.)
Noch eine letzte Betrachtung wartet unser. Jesus betete ja in seinem jüngsten Gebet nicht bloß für seine besonderen Jünger: er breitete sein Gebet auch zu allen aus, die da glauben; er betete auch für seine Gemeinde; Ich bitte, sagte er, nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden (V. 20).
Jesus betete für seine Gemeinde. Wo war seine Gemeinde? Sie war noch nicht. Erst am Pfingsttage wurde sie gegründet. Aber vor dem Geiste des Herrn war sie da. Wir haben es schon gehört. Jesus sah in den zwölf Stammvätern der Gemeinde die Gemeinde selbst repräsentiert. Und kein Wunder. Jesus ist der Allwissende, der Allmächtige: er und der Vater sind Eins. Er kennt also die Geheimnisse seines Vaters. Er kennt die Verborgenheiten der Zukunft. Er kennt die Gegenstände der göttlichen Erwählung. Er kennt sie nach Zahlen; er nennt sie bei Namen; er hat sie von Ewigkeit lieb. So auch jetzt! Vor Jesu Augen zerreißt der Schleier der Zukunft. Er schaut die ganze Versammlung der Seinen, die von Gott ihm gegeben sind, auf dass er ihnen das ewige Leben gebe. Er vergegenwärtigt sich die Christen aller Jahrhunderte, auch des Jahrhunderts, worin wir leben. Er vergegenwärtigt sich euch und mich, so wir wirklich Glieder seiner Gemeinde sind. Hört denn, Brüder! Hört mit doppeltem Interesse, was Jesus jetzt, was Jesus gradezu und gleichsam namentlich für euch, für mich von dem Vater bittet. Ja, lasst es euch sein, als ob die Himmel selbst sich öffneten und als ob ihr das Gebet hörtet, das der Hohepriester in Ewigkeit, alle Tage, auch jetzt, für uns betet!
Jesus betet für seine Gemeinde um Einheit unter einander. Vielleicht ist unter allen Bitten in diesem Gebet keine, die so oft wiederkehrt, keine, die Jesus mit solcher Inbrunst dem Vater ans Herz legt, als diese. Dass sie Alle Eins seien! Dass sie in uns Eins seien. Dass sie Eins seien, gleichwie wir Eins sind! Dass sie vollkommen seien in Eins (V. 21, 22, 23). Verwundert ihr euch darüber? ihr wundert euch mit Unrecht. Oder was ist das eigentümliche Kennzeichen, woran man die Sünde und ihr Werk erkennt? Ich kann es mit Einem Worte bezeichnen: Trennung. Die Sünde trennt den Menschen von Gott, und wenn sie den Menschen von Gott, den Leib vom Haupte getrennt hat, trennen sich auch die Glieder unter einander: oder besser, diese trennen sich von selbst, wie es die Glieder eines seines Hauptes beraubten Leibes tun. Aber was ist denn auch im Gegensatze dazu das große Werk des Erlösers von Sünden? Ich kann es wieder mit Einem Worte bezeichnen: Wiedervereinigung! Wiedervereinigung zuerst des Menschen mit Gott, danach der Menschen unter einander. Vorab geht also die Wiedervereinigung mit Gott, die jedoch, weil sie außer dem Auge der Menschen, inwendig und im Verborgenen geschieht, sich der Welt nicht offenbaren kann. Aber ist diese Wiedervereinigung einmal glücklich zu Stande gebracht, dann muss daraus von selbst die Vereinigung der Menschen unter einander folgen. Denn wie der Magnet seine anziehende Kraft allen dafür empfänglichen Körpern mitteilt, die mit ihm in Berührung kommen, und sie ihrerseits mit derselben Kraft begabt: so auch teilt sich die Liebe Gottes, womit Gott uns zu sich gezogen hat, Allen mit, die von ihm gezogen sind und lässt sie ihrerseits die Anziehungskraft der Liebe in Bezug auf andere ausüben; so dass die ganze Gemeinde, wie durch eine verborgene Kraft, (welche die Liebe ist, zusammengehalten nur Einen Leib mit unzählig vielen Gliedern bildet. Was jedoch hier besonders in Betracht kommt, ist dies, dass diese Vereinigung der Glieder Jesu unter einander nicht, gleichwie ihre Vereinigung mit Gott, verborgen bleibt, sondern sich nach Außen zeigt und also für die Welt offenbar wird. Urteilt denn nun, wie wichtig diese gegenseitige Vereinigung aller Kinder Gottes ist. Sie ist der einzige sichere und abschließende Beweis, dass die innerliche Vereinigung mit Gott stattgefunden hat. Sie ist der Lebensbeweis des Christentums! Dieser Beweis ist denn auch das Einzige, wodurch die Welt überzeugt wird. Aus diesem Grunde betete Jesus so dringend um Einheit der Seinen unter einander: auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt; auf dass die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und liebest sie, gleichwie du mich liebst. (V. 21, 23.) Rühme immerhin bei der Welt deinen Glauben, deine Hoffnung, deine Gemeinschaft mit Christo, mit Gott: die Welt wird solchen Ruhm verspotten. Aber habt einander lieb nach dem Vorbild der Liebe, womit Christus euch lieb gehabt hat, und sie wird, gerade wie die Heiden in der schönen Morgenstunde des Christentums, mit Verwunderung ausrufen: Seht, wie sie einander lieb haben! Sie wird aus der sichtbaren und unverkennbaren Vereinigung der Glieder unter einander auf eine unsichtbare Vereinigung mit dem Haupte schließen. Sie wird von einer heiligen Eifersucht ergriffen werden, mit zu einer Gemeinschaft zu gehören, wo die Paradiesblume der Liebe so lieblich blühet! Christen! Wollt ihr ein Apostel Christi sein? Wollt ihr Christum der Welt predigen, tausendmal kräftiger, als ob ihr die Beredsamkeit Pauli, die Salbung Johannis und den Geisteseifer Petri besäßet! Habt einander lieb, gleichwie Christus euch, gleichwie der Vater Christum hat lieb gehabt! Seid Eins unter einander, gleichwie Christus und der Vater Eins sind!
Aber Jesus betet für seine Gemeinde nicht bloß um Einheit: er hat auch für sie noch eine andere Bitte zu tun. Er bittet für sie um Mitgenossenschaft an seiner Herrlichkeit. Vater! ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast (V. 24).
So ist es. Einheit auf Erden durch die Liebe! Herrlichkeit im Himmel durch die Gnadengabe Gottes! Herrlichkeit, das war das erste, das ist auch das letzte Wort. Der Vater war in Jesu verherrlicht. Zum Lohn dafür sollte der Vater Jesum verherrlichen. Jesu war in den Seinen verherrlicht und sollte ferner in den Seinen verherrlicht werden. In diesen Worten Jesu erkennt ihr also jenes unbeschreibliche Gefühl von Gemeinschaft mit den Seinen wieder, dessen unnachahmlicher Dolmetscher vor Allen Johannes geworden ist. Jesus (besonders bei Johannes, dem jedoch Paulus die Hand reicht) ist, nach der Vorstellung der Schrift keine für sich selber stehende Person: nein! er ist, was er ist, nur in Vereinigung mit den Seinen; er ist bloß das Haupt, gleichwie die Seinen sein Leib sind. Gleichwie nun der Leib nicht ohne das Haupt sein kann, so auch das Haupt nicht ohne den Leib. Jesus fühlt also nicht minder Beziehung zu den Seinen, als die Seinen zu ihm. Er begehrt Vereinigung mit den Seinen, ebenso sehr als die Seinen Vereinigung mit ihm. Gibt es ein göttliches Verlangen des Leibes auf Erden nach dem Haupte, so gibt es auch ein göttliches Verlangen des Hauptes im Himmel nach dem Leibe auf Erden. Daher kommt's, dass Jesus mit solcher Inbrunst vom Vater begehrt, dass, nun er im Begriff steht durch Gott verherrlicht zu werden, diese Herrlichkeit auch ehestens das Teil der Seinen sein möge. Ja, daher kommt's, dass er für sie, für welche er sie erwarb, diese Herrlichkeit mit ganz ungewöhnlichem Drange von dem Vater fordert: Vater, ich will. Es ist wahr, wie man mit Recht bemerkt hat, dass Jesus so nicht würde sprechen können, wenn er nach seiner höheren Natur kein Mitgenosse des göttlichen Wesens, ja Gott selbst wäre: denn welcher Sohn eines Menschen auf Erden würde selbst da, wo er nur ein Recht geltend macht, es für keine Unbescheidenheit halten, seinen Vater also anzureden: Vater! ich will? Und Jesus, sonst das vollkommenste Beispiel kindlicher Ehrerbietung vor dem Vater, sollte sich diese Anmaßung erlaubt haben, wenn er, selbst als Sohn Gottes, nicht zu Gott in einer noch engeren Beziehung gestanden hätte, als worin der Sohn eines Menschen zu seinem Vater steht? Wenn er es als einen Raub hätte halten müssen, mit Gott als seines Gleichen in Allem, zu sprechen? wenn er nicht im höchsten und vollsten Sinne hätte sagen können: Alles, was mein ist, das ist dein; und was dein ist, das ist mein? (V. 20). Wer kann es mit der Wahrhaftigkeit, mit der Heiligkeit Jesu in Einklang bringen? - Aber sei es nun auch, dass Jesus ein unbezweifelbares, ein göttliches Recht gehabt habe, so zu sprechen: Vater! ich will! wenn er dennoch in der Gestalt und dem Leben seiner Erniedrigung bloß einmal von diesem Rechte Gebrauch gemacht hat: dann wird uns daraus leicht so viel ersichtlich, dass das Verlangen, welches von ihm auf eine so ungewohnte Weise ausgedrückt wird, ihm sehr nahe am Herzen gelegen haben muss, mehr als ihm auf Erden je etwas Anderes am Herzen gelegen hat? - Und wenn wir nun hören, dass sein Verlangen nach Mitteilung seiner Herrlichkeit an alle die Seinen es gewesen ist, wovon Jesus also gesprochen hat: ich will: Brüder! wie wird es euch dabei zu Mute? - Seht, seht daraus, wie lieb der Herr im Himmel euch hat, wie er nach euch, nach eurer Aufnahme zu ihm, nach eurer Verherrlichung mit ihm verlangt. Wie glanzvoll auch die Herrlichkeit sein möge, in welche er nach der Vollbringung seines Werkes eingegangen ist, es ist als ob er sie nicht vollkommen genießt, so lange es noch ein Glied seines Leibes auf Erden gibt, das sie nicht teilt, so lange noch Ein Glied auf Erden leidet und kämpft, um durch Leiden zur Herrlichkeit einzugehen. Nicht feuriger sehnte sich Jesus nach seiner eigenen Verherrlichung, als er nach dem Augenblick ausschaut, wo Gott sich all den Seinen in Liebe offenbaren und dadurch die Welt zwingen wird zu erkennen, dass Gott sie und in ihnen seinen Sohn lieb gehabt hat (V. 23). Geliebte! vielleicht habt ihr auch wohl einmal etwas gelernt von jenem schmachtenden Verlangen, das nach dem Ende aller Dinge ruft und das vor allen in den ersten Christen mit einer solchen Jünglingsglut brannte. Wir, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns bei uns selbst und warten auf unsre Kindschaft, nämlich auf unseres Leibes Erlösung. Ja, wir wissen, dass die ganze Schöpfung sehnt sich mit uns in ängstlichem Harren noch immerdar (Röm. 8, 22. 23). Nun wohl: tröstet euch! Ihr seid es nicht allein, die also sich sehnen. Ihr teilt dieses Gefühl mit einem Hohenpriester im Himmel. Auch in seinem Herzen wohnt eine zärtliche Ungeduld nach der vollkommenen Offenbarung seiner Gemeinde: eine Ungeduld, welche sich vor dem Vater ausspricht in dem unaufhörlichen Gebet: Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast. Ihr habt euch also über dieses Verlangen nicht zu schämen; im Gegenteil mag es euch zu einem Beweis dienen, dass die Gesinnung Christi auch in euch ist. Vereinigt euch also freudig mit diesem Gebete dessen, der für euch im Himmel bittet (Ebr. 7, 25). Aber übergebt zugleich, eben wie er, die Stunde, wo dieses Gebet erhört werden soll, mit Vertrauen Ihm, der die Zeiten und die Gelegenheiten seiner eigenen Hand vorbehalten hat. Die Gläubigen haben keine Eile. - Siehe, da stehen die zwölf Männer am Fuße des Ölberges! Hört einen aus ihrer Mitte seine Stimme zu Gott erheben und erklären: du hast mir Macht gegeben über alles Fleisch, auf dass ich denen, die du mir gibst, das ewige Leben gebe! Welch eine scheinbare Prahlerei! welch eine vermessene Verheißung! Und doch! Achtzehn hundert Jahre gehen vorüber.
Hebt die Augen empor und seht! Rauscht jetzt jene Hand voll Korn nicht wie der Libanon? bringt nicht jeder Tag eine neue Garbe zu der Ernte der Engel hinzu? Zweifelt also nicht, lasst euch durch die Zeichen der Zeit nicht beunruhigen. Lasst euch durch die Apostel des Irrtums nicht verführen. Lasst euch durch die Lügen des Unglaubens nicht in Verwirrung bringen. Der Herr kommt: er kommt bald. Jede Morgenstunde, die über unsern Häuptern aufgeht, bringt uns näher zu dem großen Morgen der Entscheidung, der Erlösung, des Sieges. Dann folgt das große Amen auf das Gebet, welches Jesus vor mehr als achtzehn Jahrhunderten gebetet hat in der Nacht, da er verraten ward. Dann ist es Amen für ihn. Amen für seine Apostel. Amen für seine Gemeinde. Amen für uns. Herrlichkeit für ihn. Herrlichkeit für die Apostel. Herrlichkeit für die Gemeinde. Herrlichkeit für uns. Dann leuchtet Jesus mit der Herrlichkeit der Sonne, die Apostel mit der Herrlichkeit des Mondes, die Gemeinde und wir mit ihr, mit der Herrlichkeit der Sterne. Und Sonne und Mond und Sterne, der König und seine zwölf Statthalter und alle seine Untertanen geben Ehre Dem, der auf dem Thron sitzt, und der Vater des Lichts sowohl als der Anfang und das Ende aller Herrlichkeit ist! und noch höher und lauter steigt das Lied der Herrlichkeit zu ihm empor: Halleluja! denn der allmächtige Gott hat das Reich eingenommen. Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Herrlichkeit geben. Halleluja!
Ich habe meine Aufgabe vollendet. Ich habe etwas gestammelt von dem göttlichen Gebet, worüber auch nur zu stammeln Seligkeit für den Menschen ist, der einige, wenn auch noch so geringe Liebe für Ihn fühlt, der es aussprach. Möchte ich nur nicht ganz vergebens gesprochen haben. Möchte durch das Gesprochene dieses Gebet euch, mir, uns allen etwas ehrwürdiger, etwas teurer geworden sein! Möchte dies uns darin sich zeigen, dass wir hinfort dieses Gebet sogar noch über manchem anderen Teil von Gottes Wort mehrmals zur Hand nehmen und es betend nachlesen, nachdenken, nachbeten. Von Alters her war dieses Gebet das Lieblingswort der Heiligen Gottes. Die größten und heiligsten Männer in der Christenheit haben ihre schönsten Lobreden ihm geweiht. Und was keine geringere Lobrede ist, zwei berühmte Reformatoren, der Reformator der Kirche in Schottland, und der Reformator der Sitten in Luthers entarteter Kirche in Deutschland, der edle und fromme Spener, ließen es sich auf ihrem Sterbebette vorlesen. Und fürwahr, mit diesem Gebet im Herzen, mit dem Herzen in diesem Gebet kann man sterben. Denn hier ist das Testament Jesu, worin er selbst die Frucht seines Blutes den Seinen vermacht, und Gott zum Vollstrecker dieses seines letzten Willens bestellt. Wer also durch den Glauben Gemeinschaft mit seinem Blute hat, kann mit diesem Testamente in der Hand zu Gott gehen und sagen: Hier bin ich. Jesus hat mich zu seinem Erben eingesetzt. Mir geschehe nach seinem Worte! - Geliebte! Vielleicht liegt unser Sterbebett schon aufgeschlagen. Vielleicht heißt es auch gar schnell für uns: die Stunde ist gekommen! Ich will nicht sagen, dass ihr in dieser Stunde, so wie jene zwei berühmten Reformatoren, euch dieses Gebet vorlesen lassen sollt; der Herr möge euch dann selbst geben, was ihr lesen oder hören sollt. Aber das sage ich: dass ihr den Glauben der Reformatoren, welcher sie in diesem Gebet ihre Namen lesen und sie darauf in Frieden heimgehen ließ, besitzen müsst. Oder wenn nicht: ich sage es mit einem blutenden Herzen: dann hat Jesus nicht für euch gebetet. Dann gehört ihr zu der Welt, von welcher Jesus sagt: ich bitte nicht für die Welt (V. 9). Ihr gehört zu der Welt, von welcher Jesus, als zitterte er vor dem gerechten Gericht des Herrn, erklärt: Gerechter Vater! die Welt hat dich nicht erkannt (V. 25). Vor diesem Gericht nun bewahre euch Gott und das Wort seiner Gnade! Habt denn die Welt nicht lieb, noch was in der Welt ist; denn die Welt vergeht mit ihrer Lust. Lasst euch durch die Welt nicht überwinden, sondern seid selbst Überwinder der Welt: das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, nämlich der Glaube. In der Welt, sagte Jesus unmittelbar vorher, ehe er dieses Gebet anfing, in der Welt werdet ihr Angst haben; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Herrlicher Sieg! wollt ihr Teil daran haben? Kämpfet dann den guten Kampf des Glaubens, worin Jesus euch vorangegangen ist, und schaut auf Ihn, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Gar bald ist der Kampf ausgestritten. Dann liegt ihr da auf eurem Sterbebett vor der Pforte des Todes; aber auch ihr stimmt vor dieser Pforte den Siegesgesang des Triumphs an: Ich habe vollendet das Werk, das Gott mir gab, dass ich es tun sollte. Wohl muss noch der Kampf mit dem letzten Feinde gekämpft werden; der letzte Feind ist der Tod. Aber dieser Feind ist nicht schrecklich mehr; er ist entwaffnet; er hat nichts an euch; er ist verschlungen in den Sieg. Ringsum euer Lager stehen eure Verwandten, eure Getreuen, eure Freunde. Ihr betet, ihr betet für euch selbst, ihr betet für sie. Ihr beruft euch bei Gott auf den Bund, den er in Christo mit euch gemacht, auf den Bund, den ihr eurerseits in Christo mit ihm geschlossen und durch die Gnade Christi, die mit euch war, treu gehalten und bewahrt habt; ihr beruft euch auf die Liebe, womit Gott euch lieb gehabt hat, ehe die Welt war. Jesus bringt euer Gebet vor den Vater. Der Vater hört. Der Vater erhört. Ihr neigt euer Haupt auf die Brust; das ist das Zeichen des Amens. Der Himmel öffnet sich. Ihr schaut die Herrlichkeit Gottes von Angesicht zu Angesicht. Und dieses Gebet, wovon Spener sagte, dass er es nicht verstände, weil es über das Maß des Glaubens hinausgeht, welchen der Herr den Seinen auf ihrer Pilgerreise durch dieses Leben zu schenken pflegt, ist für euch auf die herrlichste Weise durch die Tat erklärt! Amen.