Harms, Theodor - Der Heilsweg - Am Feste Johannes des Täufers 1870.
Die Gnade unsers HErrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Lasst uns beten: Lieber HErr und Heiland Jesu Christe, siehe uns arme Sünder in Gnaden an, die wir hier versammelt sind vor Deinem heiligen Angesicht. Unsere Seele hungert und dürstet nach Deiner Gerechtigkeit, gib uns, dass wir satt werden; in unserm Sündenjammer begehren wir Deine Gnade, gib uns Deine Gnade, dass unser Herz zum Frieden kommt; in unserm Kampf begehren wir Deine Kraft, gib uns Stärke, dass wir fröhlich überwinden und in unserm Sterben gib uns Dein Leben, dass wir in den Himmel eingehen können. Sei Du HErr Jesu unser Trost und Freude, dass wir weiter nichts begehren als Dich und Deine Gnade. Du darfst nicht mit uns handeln nach unserer Würdigkeit, sonst müsste uns Dein Zorn treffen, sondern Du musst mit uns handeln nach Deiner großen Barmherzigkeit, wie Du verheißen hast. Nun so lass uns Barmherzigkeit widerfahren, tue Deinen Gottesmund auf und sprich in unser Herz Dein teures Evangelium, dass wir genesen. Gib uns Deinen Heiligen Geist zur Betrachtung Deines teuren Wortes, dass wir es erfahren an unserm Herzen und durch dasselbe aus dem Tode zum Leben kommen. Wehre dem Teufel, dass wir nicht in Gleichgültigkeit oder Schläfrigkeit geraten, lass uns mit rechter Lust und Treue auf Dein Wort merken, Dir anhangen und mit Dir verbunden bleiben im Leben und im Sterben. Erhöre uns um Deines Namens willen. Amen.
Text: Jesaias 40, 1-8.
Tröstet, tröstet Mein Volk, spricht euer Gott; redet mit Jerusalem freundlich, und predigt ihr, dass ihre Ritterschaft ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben; denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand des HErrn, um alle ihre Sünde. Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste; bereitet dem HErrn den Weg, machet auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserm Gott. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was ungleich ist, soll eben, und was höckerig ist, soll schlicht werden: Denn die Herrlichkeit des HErrn soll offenbart werden; und alles Fleisch miteinander wird sehen, dass des HErrn Mund redet. Es spricht eine Stimme: Predige! Und er sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HErrn Geist bläst darein. Ja, das Volk ist das Heu. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; aber das Wort unsers Gottes bleibt ewig.
Mit dem heutigen Tage, meine Lieben, wenden wir unser Angesicht wieder nach Weihnachten, denn Johannes der Täufer, dessen Geburtstag wir heute feiern, sprach: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Diesem seinem Finger und seiner Weisung wollen wir folgen und wollen durch die ganze Zeit des Kirchenjahrs, die uns noch übrig bleibt, unser liebes Weihnachtsfest im Auge behalten. Die kleinen Kinder pflegen wohl oft zu fragen, wenn eben das Weihnachtsfest gefeiert ist: Kommt nicht bald wieder Weihnachten? denn das ist ihr Lieblingsfest. So wollen wir es auch machen, wollen uns freuen auf Weihnachten die ganze Zeit, die wir noch zu leben haben und uns recht bereiten, das liebe Jesuskind aufzunehmen. Ist's doch lauter Gnade und Erbarmung, die uns der HErr bringen will. Mag dieses Leben auch noch so sehr voll Not und Jammer sein, der HErr Jesus versüßt uns alles Leid. Es ist ja einmal mit Seiner Menschwerdung der Gnadenstrom aufgetan, dass er nun ununterbrochen auf die armen Sünder herabfließt und wir können unsere Herzen nicht weit genug auftun, denselben aufzunehmen. Er ist die Liebe und darum kann Er uns nichts anders beweisen, als Erbarmung und Gnade und kann keine anderen Gedanken, als Gedanken des Friedens über uns haben. Ach wie verkehrt sind wir Christen doch, dass wir trotz aller Predigt und Erfahrung noch immer nicht ein rechtes Bild von Jesu bekommen können, dass wir in bangen Stunden noch oft fragen: Hat mich der HErr wohl verlassen, hat Er wohl Seine Hand von mir abgezogen, dass Er mich in diese Not kommen lässt? Wer so fragt, der kennt seinen Heiland noch nicht recht. Es ist dem HErrn nicht möglich, dass Er einen Menschen, einerlei ob er gläubig oder ungläubig ist, in der Zeit dieses Lebens von Seiner Hand loslassen kann. Darum ist Er als ein kleines Menschenkind geboren und als das Gotteslamm gestorben, bei Seinem Eingang in dieses Leben und bei Seinem Ausgange aus diesem Leben zeigt Er sich in einer Gestalt, dass Niemand es nötig hat sich vor Ihm zu fürchten; denn wer wollte sich vor einem kleinen Kinde und vor einem Lämmlein fürchten? Durch diese Seine herzgewinnende Gestalt will Er uns locken, dass wir Vertrauen zu Ihm fassen sollen. Er ist die Liebe. Es ist ein Unterschied, ob Er die Liebe ist oder ob Er Liebe hat. Hat Er nur Liebe, so kann Er dieselbe verlieren, ist Er aber die Liebe, so ist die Liebe Sein Wesen und Sein Wesen kann sich nicht ändern. Nun haben wir Christen in diesem Leben nichts zu erwarten als Not und Jammer, denn was heißt Leben anders, als Sünde sehen und Sünde begehen. Ist das aber das Leben, so folgt daraus, dass im Gefolge der Sünde nichts ist als lauter Jammer und Trübsal und das Ende ist der Tod. So ist dieses Leben nichts als eine Häufung von lauter Trübsal äußerlich und innerlich, doch ist die äußerliche die geringere, die innerliche die größere. Darum wird auch der Mund unsers Gottes gar nicht müde, lauter Worte der Gnade zu sprechen, um uns Mut zu machen und uns zu trösten in unserm Elend, dass wir es erfahren, dass wir nur von Gnade leben können und nichts als Gnade von Ihm zu erwarten haben. Darin zeigt es sich in ganz besonders rührender Weise, dass Er die Liebe ist, da Er so unvergleichlich trösten kann, ja dass das ganze Evangelium nichts ist als Ein Trostwort. Wenn man das Gesetz betrachtet, darin uns Gott Seinen Willen offenbart, so soll es uns dazu dienen, dass es uns zu dem Troste in Gott bringt. Bei Allem, was Gott spricht, tut Er Seinen Gnadenmund auf uns zu trösten. Wie sehr das dem HErrn Ernst ist, das sehen wir aus unserer Epistel. Er sagt: Tröstet, tröstet Mein Volk, spricht euer Gott, redet mit Jerusalem freundlich. Freundlich, liebreich soll mit Jerusalem geredet werden. Jerusalem, was ist das anders als die christliche Kirche, als die Gemeine der Gläubigen, als die, die Gnade gefunden haben in den Wunden Christi. Mit denen soll freundlich geredet werden, die sollen getröstet werden und so soll die heutige Predigt auch eine Trostpredigt sein, so viel Gott Gnade gibt. Darum wollen wir handeln
Von unserm Troste.
1. Gnade in Sünde.
Es heißt in unserer Epistel: Predigt Jerusalem, dass ihre Ritterschaft ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben. Denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand des HErrn um alle ihre Sünde. Will denn der HErr damit sagen, dass ein Christ, wenn er Gnade gefunden, gar nicht mehr zu kämpfen braucht, weil nun die Ritterschaft ein Ende hat? Wissen wir doch aus der Heiligen Schrift, dass ein Christ, so lange er lebt, die Waffen nicht aus der Hand legen darf; erst im Grabe ist Ruhe, auf Erden nicht, hier haben wir auswendig Streit und inwendig Furcht. Das kann der HErr nicht meinen, Er meint eine andere Ritterschaft, nämlich die, die man im Dienst des Teufels geführt hat, da man der Welt und dem Fürsten der Welt selber diente. Denn alle, die sich nicht bekehrt haben, stehen im Dienst des Teufels, sie mögen es wissen oder nicht, sie mögen es wollen oder nicht, denn der Teufel ist der Fürst dieser Welt. Aber welch eine traurige Ritterschaft ist das, für den Teufel und die Ausbreitung seines Reiches zu kämpfen und sich dann begnügen lassen mit den Sauträbern dieser Welt, die er als Lohn gibt, dass er uns all' die weltlichen Lustbarkeiten genießen lässt und lügt uns vor, das sei die beste Freude, die es gäbe, dass also der Sünder für den Teufel streitet gegen seine arme Seele und sie zuletzt seine Beute wird in der Hölle, wo er hohnlacht über die Dummheit der verführten Seele. In der Bekehrung fällt es dem Sünder wie Schuppen von den Augen, dass er erkennt, wem er gedient hat. Dann hat diese Ritterschaft ein Ende, man dient von nun an dem Lebensfürsten Jesus Christus und bei Ihm hat man es besser, als bei dem Fürsten der Finsternis. Hat die Ritterschaft des Teufels ein Ende, dann empfängt man Zwiefältiges für alle seine Sünde. Was tut man? Man bringt dem lieben HErrn alle Sünde und Missetat, das sündenbefleckte Herz, alle Not und Sorge und was uns sonst drückt und quält und der HErr Christus hat nichts lieber, als das in Empfang zu nehmen, was Ihm noch nicht gehört, dass Er es nehme und werfe es in die Tiefe des Meeres. Alles Gold und Silber gehört dem HErrn, wir können es eigentlich Ihm nicht geben, wir können es Ihm nur nehmen und das tun die meisten Christen, die es dann dem Teufel und der Welt opfern. Aber was dem HErrn nicht gehört, das ist unsere Sünde, unser böses Herz und um dieses zu gewinnen, darum ist Jesus gekommen als das Kind in Bethlehems Stall und ist gestorben als das Lämmlein Gottes auf Golgatha. Wer kann dem HErrn seine Sünde und sein Herz geben? Nur der Bußfertige, dem seine Sünde leid ist, dem sie eine Last geworden ist und der sie nicht anders als mit Abscheu ansehen kann. Es ist ganz natürlich, so lange der Mensch die Sünde liebt, will er sie nicht los werden, so lange er ein Freund der Welt ist, will er nicht frei werden von der Welt; aber wenn ihm die Welt zum Ekel und die Sünde gallenbitter wird, dann sucht er davon los zu kommen um jeden Preis. Erfährst du erst, dass du mit deiner Sündenlast nicht selig werden kannst, erfährst du durch das Elend der Sünde im Voraus, welch ein Jammer es in der Hölle sein muss, da dir jetzt schon die Sünde so viel Pein macht, Gottes Gnadenhand hält dich noch, wiewohl du es nicht meinst, dann ruhest du nicht, die Sündenlast muss weg. Wenn solch ein armer Sünder zu seinem Heiland kommt, - denn er weiß sonst nirgends hin, er wagt es nicht zu dem Vater oder zu dem Heiligen Geist zu gehen, denn zum Vater kommt man nur durch den Sohn und der Sohn ist es, der den Heiligen Geist sendet, er wendet sich nicht an andre Menschen, die sind selbst Sünder, er wendet sich nicht an die Engel, die haben keine überflüssige Gerechtigkeit, es bleibt ihm nichts übrig als Jesus Christus, der die Sünde der ganzen Welt und auch seine Sünde getragen hat, und sagt: Ich kann mir nicht mehr helfen, ich muss meine Sünde los sein, nimm sie mir ab, dann lässt Jesus nicht auf sich warten, sondern gibt ihm Zwiefältiges für seine Sünde. Er nimmt dem Sünder die Sünde ab und schenkt ihm Seine ganze Gerechtigkeit. Das ist die Doppelgabe des HErrn für unsere Sünde, die Er durch Seinen tuenden und leidenden Gehorsam erworben hat. Wie ist doch der HErr so barmherzig und gnädig, dass Er uns nicht gibt, was wir verdient haben, dass Er unvergleichlich mehr gibt als wir bitten, denn ob unserer Sünden mehr sind als Haare auf dem Haupte und als Sandes am Meer, - und das sind die, so ist doch die Gnade viel höher und mehr. Unsere Sünde ist endlich, Gott kann sie zählen, aber Gottes Gnade ist unendlich. So hebt Gottes Gnade unsere Sünde vollständig auf und das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde. Aber nicht allein, dass der HErr Jesus spricht: Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben, Er gibt uns auch alles, was Er durch Seine Gesetzeserfüllung und blutigen Martertod erworben hat, Leben und Seligkeit schenkt Er uns. Das ist das Zwiefältige: Vergebung der Sünden, und Leben und Seligkeit. In diese zwei Stücke können wir Alles zusammenfassen, was Jesus durch Seinen tuenden und leidenden Gehorsam erworben hat. Seht, meine Lieben, das tut der HErr Jesus jedes Mal, wenn ein armer Sünder zu Ihm kommt, nicht bloß das eine Mal, wenn der Mensch sich von der Welt zu Jesu bekehrt, sondern jedes Mal, so oft ein Christ in seiner Sündennot zu Jesu kommt. Darum gibt es keinen größeren Trost, als Vergebung der Sünden, damit kann sich der Christ nicht bloß trösten in Sündennot, sondern auch in allem Schmerz und aller Krankheit des Lebens. Kein Kreuz drückt mehr, wenn man Vergebung der Sünden gefunden hat. Es zeigt sich so recht in der tröstlichen Erfahrung der Vergebung der Sünden die Liebe unsers HErrn, dass Er besser trösten kann, wie einen seine Mutter tröstet. Diese Erfahrung wächst bei einem Christen von Tag zu Tag. Sind wir wahre Christen, so muss die Erfahrung unserer Sünde zunehmen, wir müssen immer mehr Sünden bei uns entdecken, die wir noch nicht gesehen haben oder die Sünden, die wir schon kennen, müssen uns klarer und deutlicher werden in ihrer Abscheulichkeit, also dass wir uns je älter wir im Christentum werden, desto schlechter vorkommen. Nicht das Sündigen darf sich bei uns mehren, sondern die Erkenntnis unsers verderbten Herzens. Damit wächst der Sündenschmerz, die Buße wird tiefer und gründlicher, damit wird aber auch desto reicher der Trost, den wir an Christi Gnade haben. Wenn du deinen Heiland recht kennst, dann hörst du nichts Andres aus Seinem Munde als Gnade, Barmherzigkeit. So tröstet Er dich in deinem Sündenelend, wenn du nur den Trost, den Er in Seinem Evangelio, in Seiner Absolution und in Seinem Abendmahl dir darreicht, annehmen willst. Dann wirst du angetan mit dem Kleide der Gerechtigkeit Christi, der Vater kann keine Sünde an dir entdecken, der Himmel ist dir aufgetan, nichts steht zwischen dir und deinem Gott und du kannst getrost dem Tode entgegengehen. Hast du diesen Trost: Gnade in Sünde, dann hast du genug, du begehrst nichts mehr.
2. Herrlichkeit in Niedrigkeit.
Es heißt weiter in unserer Epistel: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem HErrn den Weg, machet auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserm Gott. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was ungleich ist soll eben und was höckerig ist, soll schlecht werden; denn die Herrlichkeit des HErrn soll offenbart werden; und alles Fleisch miteinander wird sehen, dass des HErrn Mund redet. Was sind das für Berge und Täler, von denen die einen sollen abgetragen und die andern sollen ausgefüllt werden? Das sind die Sünden im Herzen und Wandel der Menschen, die wehren dem HErrn den Einzug in unser Herz. Dazu ist uns die Predigt gegeben in der Kirche vom Gesetz und Evangelium, dass dem Sohne Gottes die Bahn gemacht werde in des Menschen Herz, denn das hat Er erwählt zu Seinem Königspalast und Himmelssaal, darin will Er sich verklären und Seine Herrlichkeit kund tun. Soll das geschehen, so müssen wir herunter von unserer Höhe, müssen so tief gebeugt und gedemütigt werden, wie es nur geht, wie es im Psalm heißt, dass unser Bauch an der Erde klebt. Die Sündenberge, das sind die Sünden, die den Menschen erheben über alles z. B. Hochmut, Hoffart rc. Damit erhebt sich der Sünder nicht bloß über seine Mitmenschen und Mitsünder, sondern auch über Gott. Diese Berge müssen abgetragen werden. Damit fängt der HErr an durch die Predigt Seines Worts, wirkt die rechte Buße, dass der Sünder von der Höhe seines Dünkels herabkomme, dass er sich ohne Christum erkennt als ein Scheusal, als einen Sündenwurm, der es wert ist zertreten zu werden. Da sind ferner die Täler, die ausgefüllt werden müssen. Das sind die Sünden, dadurch sich der Mensch tief unter das Vieh erniedrigt z. B. Hurerei, Ehebruch, unnatürliche Fleischessünden, Geiz, Völlerei, Saufen, Fressen rc. Durch diese Sünden sinkt der Mensch am tiefsten. Ein Tier treibt keine Unzucht, ein Tier säuft nicht, aber die Menschen huren, fressen, saufen und sinken dadurch tief unter das Tier. Ja der Mensch kommt soweit, dass er die unnatürlichsten Wolllustsünden treibt und daran Gefallen findet. Ja er sinkt tiefer als der Teufel, denn der Teufel glaubt, dass ein dreieiniger Gott ist, er glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass Er die Welt erlöset hat, wenn er auch nicht an Jesum glauben kann, so leugnet er doch nicht, dass Jesus Gottes Sohn ist, der Teufel glaubt, dass die Bibel Gottes Wort ist, und Menschen gibt es, die das nicht glauben, die das leugnen. Sagt, wer ist tiefer gesunken, der Teufel oder die Menschen? Darum ist es kein Wunder, dass der Heilige Geist eine ungeheuer schwere Arbeit hat, wenn Er einen Menschen bekehren will. Er muss ihn herabbringen von der Höhe seines Hochmuts und muss ihn heraufheben aus dem Sumpf der stinkenden Fleischeslust und ihn frei machen von dem teuflischen Unglauben. Bei den wenigsten Menschen gelingt ihm das, denn die meisten Leute hören die Predigt gar nicht mehr, so dass es dem Heiligen Geist unmöglich ist an ihr Herz anzukommen. Aber wo es dem Heiligen Geist gelingt, einem Sünder das Wort Gottes nahe zu bringen, da zieht der HErr Jesus ein in ein solches zerbrochenes und gedemütigtes Herz, und was tut Er da? Er verklärt sich darin und offenbaret Seine Herrlichkeit, und diese Herrlichkeit Gottes in der tiefsten Niedrigkeit des Menschen, das ist der Trost. Anders kann der HErr Seine Herrlichkeit nicht offenbaren, Er habe uns denn so tief gedemütigt als möglich. Er muss die Kreatur hinauswerfen aus unserm Herzen, um allein darin schalten und walten zu können. Weib und Kind, Haus und Hof, Geld und Gut, Ehre und Stand, kurz alles muss hinaus, dass Er allein darin wohnen könne.
Wenn Er durch den Glauben in solch ein gedemütigtes Herz eingezogen ist, dann offenbart Er Seine Herrlichkeit. Davon ist zwar äußerlich nichts zu sehen, aber am Jüngsten Tage wird es alles Fleisch sehen, wie die verborgene Herrlichkeit der Kinder Gottes offenbar wird. Diese Herrlichkeit in uns, was ist das anders, als dass der HErr Jesus Seine Liebe und Seinen Frieden in unser Herz ausgießt, dass wir Ihn haben als unser Eigentum, dass wir Seiner genießen, uns Seiner getrösten, Er uns erfüllt mit Kräften der zukünftigen Welt, dass wir immer kräftiger die Sünde in uns überwinden können, uns rein wäscht mit Seinem Gottesblut und uns ziert mit den Gottestugenden, dass wir bringen können die Früchte, die Er sucht in Seinem Garten. Wir haben nicht allein den Trost: Christus für uns, sondern auch Christus in uns in unserer Niedrigkeit, und diese Gemeinschaft der Liebe und des Lebens mit Jesu, das ist die Herrlichkeit des Gnadenstandes, darin besteht die Hoheit des Christenmenschen. Ein Christ wird so hoch erhöht durch Christum, als er sich durch seine Sünde tief erniedrigt hat. Der Christ wird erhöht über die Engel, denn er soll die Engel richten und ist ein Gotteskind, aus Gott geboren. Das ist unser Ruhm, dass wir durch Gottes Gnade Kinder Gottes geworden sind, darum sind wir königliche Prinzen und Prinzessinnen, denn unser Gott ist der König aller Könige; und das ist mir ein viel größerer Ruhm, ein Gotteskind zu werden, als selbst das größte Fürstentum, als Kronen dieser Erden. Das hat mein Heiland wiederbracht, und gibt mir dazu die Macht, weil ich Ihn aufgenommen. Aber wie, fühlst du nichts davon, dass du ein Kind Gottes bist? kannst du dich dessen getrösten, dass sich die Herrlichkeit Gottes in dir offenbart? Woher weißt du das? Du kannst die Probe machen. Ist dir die Sünde ein Gräuel und die Welt ein Ekel, so hast du die Antwort, die Herrlichkeit Gottes offenbart sich in dir. Möchtest du gern selig werden? Von ganzem Herzen, sagst du. Nun dann offenbart sich die Herrlichkeit Gottes in dir, denn was ist das Verlangen nach der Seligkeit anders, als eine Wirkung Jesu in dir. Hast du die Sehnsucht, ohne Sünde mit Jesu verbunden zu sein, so kannst du es gewiss wissen, dass die Herrlichkeit Christi in dir sich offenbart. Nun siehst du freilich auf deine Sünden, die dir immer schwerer werden zu tragen, du siehst auf die Not, in welche du geraten bist, aber lass dich dadurch nicht irre machen, ist es möglich, dass Jesus von dir weichen könnte in der Not, da Er bei dir war in den guten Tagen? Gerade die Not ist ein Beweis, dass Jesus bei dir ist. Es geht dir, wie den Jüngern im Schiffe, als Jesus schlief, sie meinten, sie müssten umkommen, und bedachten nicht, dass sie Jesum im Schiffe hatten. Du wirst auch oft, wenn Jesus schon in dem Schifflein deines Herzens wohnt, auf das offene, stürmische Meer hinausgetrieben, aber zugeben kann es Jesus nicht, dass du umkommst, Er müsste denn selbst mit untergehen, und aus deinem Herzen weichen will Er nicht, wenn du Ihn nur fest hältst. Darum sei nur getrost, Jesus ist in dir und bleibt bei dir bis an dein seliges Ende.
3. Leben im Tode.
Es heißt zuletzt in unserer Epistel: Es spricht eine Stimme: Predige! Und er sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HErrn Geist bläst darein. Ja das Volk ist das Heu. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; aber das Wort unsers Gottes bleibt ewig. Damit wird uns dieses Leben geschildert, wie es nichts ist als Eitelkeit, Vergänglichkeit und Sterben. Eigentlich ist dieses Leben gar kein Leben, es ist nur ein Scheinleben. Es ist so, als wenn du einen frischen grünen Ast vom Stamm abgehauen hast, derselbe bleibt noch wohl eine Zeit grün, du kannst ihn auch noch künstlich frisch erhalten, indem du ihn ins Wasser stellst, so dass man meine, er wachse, er lebe noch, aber er hat doch kein Leben in sich, weil er vom Stamm getrennt ist, er ist tot. Es dauert nicht lange, so wird das auch bemerkbar, denn die Blätter werden welk und fallen ab. So geht es auch mit den Menschenkindern und das hat die Sünde angerichtet, denn der Tod ist der Sünden Sold. Ja unser natürliches Leben ist ein Scheinleben, denn wir sind durch die Sünde losgetrennt von Christo, dem Weinstock, wir sind Reben, die am Sterben sind und bald genug werden die Merkmale des Todes offenbar. So ist das, was wir Tod nennen, nur der Abschluss dessen, was wir innerlich sind. Aber ist das nicht schrecklich, dass wir auf Erden eigentlich nicht leben, sondern nur sterben? Ja wohl ist es schrecklich und es wäre noch schrecklicher, wenn wir kein Mittel dagegen hätten. Darum gehen alle Ungläubigen in fieberhafter Hast durch dieses Leben. Das wissen sie: Sterben müssen wir alle, darum haben sie nur das Bestreben, entweder auf künstliche Weise ihr Leben zu verlängern, um es so viel wie möglich auszunutzen und zu genießen, oder sie stürzen sich kopfüber in den Genuss der Sünde und der Welt und denken nicht an den Tod; beide aber haben die Absicht das Leben zu genießen. Nun tritt der Tod oft vor ihre Augen wie ein Gespenst, aber sie suchen Alles zu vermeiden, was an den Tod erinnert. Es ist merkwürdig, wie die Menschen darauf sinnen, der Erinnerung an den Tod auszuweichen. Geht man auf die Kirchhöfe in den Städten, so sollte man kaum denken, dass das ein Kirchhof sei; es ist vielmehr ein schöner Blumengarten mit den herrlichsten Spaziergängen. Wenn ein Mensch krank ist, so hüten sich die Ungläubigen denselben zu besuchen, kommt es aber zum Sterben, so fliehen auch die ungläubigen Verwandten, denn sie könnten an den Tod erinnert werden. Es ist Mode geworden, so haarsträubend es auch ist, dass Eltern ihre eigenen Kinder nicht sterben sehen können, sondern überlassen sie andern Leuten, sie können die letzten Seufzer ihrer Kinder nicht hören, das wird ihnen zu schwer, wie sie sagen, aber eigentlich ist es die Erinnerung an den Tod, die sie meiden wollen. In unserer Zeit werden die Leichen nicht mit Sang und Klang zu Grabe gebracht nach alter kirchlicher Sitte, sondern sie werden heimlich eingescharrt, damit Niemand an den Tod erinnert werde. Und die armen Menschen! - sterben müssen sie doch, wenn der HErr zu ihnen sagt: Mensch, bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben! und nichts ist bestellt, nichts ist fertig; ist es da ein Wunder, wenn die Menschen in Betäubung oder Verzweiflung zur Hölle fahren? In der Todesstunde wachen alle unvergebenen Sünden auf und sind wie ein Feuermeer, das uns zu verschlingen droht. Es gibt doch keine größere Dummheit, als in dem Sterben dieses Lebens sich nicht um das Sterben zu bekümmern. Wir wissen aus Gottes Wort, dass dem Menschen zwei Orte bevorstehen, Himmel und Hölle. Von dem Himmel mögen die Kinder der Welt wohl hören, doch muss es ein Himmel nach ihrem Geschmack sein; aber von der Hölle wollen sie noch weniger wissen als vom Tode. Doch sie mögen wollen oder nicht, Hölle bleibt Hölle und Gericht bleibt Gericht und in die Hölle fährt Jeder, der ohne Vergebung der Sünden aus dieser Welt abscheidet. Es mögen die rechtschaffensten und frömmsten Menschen sein in den Augen der Welt, die alle Sonntage zur Kirche und alle vier Wochen zum heiligen Abendmahl gehen, haben sie aber keine Vergebung der Sünden, so gehen sie ebenso gewiss verloren wie die gröbsten und unflätigsten Sünder. Keine andere Sünde verdammt eigentlich als der Unglaube. Wie werden wir gerettet in dieser Welt der Eitelkeit? In uns ist keine Rettung, in der Kreatur auch nicht, denn Alles ist in Fäulnis und Verwesung übergegangen. Der einzige Fels, darauf wir uns gründen müssen und der unbeweglich steht, ist Gottes Wort: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Das ist der starke Fels, weit, breit, mächtig mitten in dem Meer. Dieser Fels ist der einzige Rettungsort für uns, wenn unser Glaubensschifflein zu zerschellen oder zu versinken droht. Aber wie retten wir uns auf diesen Felsen? Nicht anders als durch den Glauben. Siehe auf diesem Felsen steht ein gewaltiger Mann mit einem starken Arm, das ist der HErr Jesus Christus. In Seinem Worte ist Jesus Christus und Er reicht darin Seine allmächtige Gotteshand denen, die versinken wollen und zieht sie auf den sichern Felsen. Hast du Jesum im Glauben, dann stehst du auf diesem Felsengrund. Seht, meine Lieben, da haben wir das Leben im Tode, denn in dem Worte Gottes kommt der HErr Christus. Wer nun dieses geistliche Leben empfangen hat, das wahrhaftige Leben, das aus Gott ist, der ist vor dem Tode sicher, denn Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an Mich, der wird nimmermehr sterben. Sind wir erst von dem geistlichen Tode befreit, dann sind wir auch sicher vor dem leiblichen; der Christ stirbt nicht. Aber wie, müssen nicht alle Menschen sterben? auch die Christen? Ja freilich, was den alten Adam betrifft; aber der alte Adam ist nicht der Christ, der Christ ist der inwendige Mensch, der gezeugt ist durch den Heiligen Geist und über den hat der Tod keine Gewalt. Wenn es mit uns zum Sterben kommt, dann legen wir unser Elend und alle Sünde ab, der inwendige Mensch, frei von allen Todesbanden, geht ein in die ewige Herrlichkeit. Darum kann der Christ so fröhlich seine Straße ziehen und wenn dann die Stunde kommt, die wir die Sterbestunde nennen, dann merkt der Christ nichts vom Tode, er soll den Tod nicht sehen, sondern die Seligkeit des ewigen Lebens schmecken. So sind wir in Jesu geborgen, haben wir Jesum, so haben wir Alles. Darum braucht der Christ nicht betrübt zu sein, der HErr hat für den besten Trost gesorgt, dieser Trost der Christen ist: Gnade in Sünde, Herrlichkeit in Niedrigkeit, Leben im Tode.
Lasst uns beten: Wir danken Dir, lieber HErr Jesu, für Dein heiliges, teures Wort und bitten Dich, Du wollest es in unser Herz schreiben, dass wir uns von Dir allezeit trösten lassen mit Deinem Trost, dass unsere Seele Frieden findet. Wenn wir in Angst und Not sind, dann tritt Du herfür und mache unsere Seele stille, wenn es zum Sterben kommt, dann stehe Du uns zur Seite und sage uns das Wort ins Herz: Wer an Mich glaubet, der wird nimmermehr sterben. Gib uns mehr und mehr die Klugheit der Gerechten, dass wir es nicht machen wie die törichten Weltkinder, die sich nicht bekehren, sondern lassen es darauf ankommen, wie es mit ihnen im Sterben wird. Lass uns fest stehen und mit unserer Glaubenshand Deine Gnadenhand nicht loslassen und also mit Dir verbunden bleiben im Leben und im Sterben. Das walte Du in Gnaden. Amen.