Harms, Claus - Das Vater Unser in 11 Predigten - Die achte Predigt.
Und führe uns nicht in Versuchung.
Gesang 577, V. 1-7. Vom Ziele fern -.
Vers 8.
Hilf du mir, Geist der Stärke, siegen!
Gib du mir Weisheit und Verstand!
Lass nie den Schwachen unterliegen,
Der schon mit dir oft überwand!
Erleichtre, fördre meinen Streit
Für meiner Seele Seligkeit!
All' unser Beten ist ein Hinauf- und ein Herabbeten, all' unser Bitten ein Wegbitten und ein Herbitten, mehr und minder verschieden, doch findet sich allezeit etwas von dem einen in dem anderen. So in unserer heutigen Andacht auch, in der Gesangsandacht; wir bitten weg, wir bitten her, letzteres aber vornehmlich, Verstand, Beistand, Förderung. Am vorigen Sonntag dagegen bewegte sich unsere Andacht mehr in dem Wegbeten nach dem Wort der fünften Bitte: Vergib uns unsere Schuld. Zuhörer von damals, wollt euch an den Schluss jener Predigt erinnern lassen. O große Bitte! eine Macht über Gott, die mit ihr uns gegeben wird. Sprechen wir sie noch einmal hier und in vollem Gefühle, wieviel mit ihr: Und vergib uns unsere Schuld, als wir vergeben unseren Schuldigern! reißend auch hier schon das Amen des ganzen Vaterunsers heran, Amen. Ist's auch seitdem wieder von euch getan worden? Jeder folgende Sonntag ist des vorhergegangenen Sonntags Examinator und Visitator. Denn wir täglich viel sündigen, heißt es im Katechismus, und wohl eitel Strafe verdienen. Derowegen, Christen, hat wohl die Frage Statt: Ist auch während der Woche die neue Schuld weggebetet worden? und ist auch einem Schuldiger, der Abbitte tat, wenn einer sich diese Woche vergangen hat an euch, vergeben worden? Hört diese Frage getan und tut sie auch im Augenblick selber. Die fünfte Bitte ist wahrlich ein Wegbitten, ein Bad der Reinigung recht gebraucht die Bitte, wie ihr vorigen Sonntag gelehrt seid. Da sieht der Prediger denn alle, die um ihn standen, gern als Schuldfreie an, schaut mit ihnen ins Freie, Heitere, Helle, Vater unser, der du bist im Himmel, einmal über das andere sagend und als nicht über den Anfang hinaus könnend: Vater unser, der du bist im Himmel.
Allein das ganze Gebet sollen wir brauchen, nicht seinen Anfang nur, noch bis zu irgendwelcher Bitte, zu der vierten oder fünften nur. Sonst möchte wohl die fünfte Bitte den Schluss abgeben. Denn was geht noch darüber hinaus, wenn wir einen gnädigen Gott haben? Wo Vergebung der Sünden ist, ihr kennt alle das Wort tiefer Lehr' und Erfahrung, - wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. Was brauchen wir mehr! Ach eins, meine Lieben, eins noch mehr, wie auch schon angedeutet ist vorhin: denn wir täglich viel sündigen. Wir möchten doch lieber nicht sündigen. Ob auch vergeben, lässt die Sünde doch einen dunklen Streif in der Seele zurück, oder als geheilte Wunde die vergebene Sünde betrachtet, steht doch die Narbe da, keine Zierde wahrlich, und manchmal zuckt noch der Schmerz in der geheilten Wunde, lässt uns fürchten, sie breche wieder auf. Anders angesehen lässt eine andere Furcht sich blicken, diese zu vergleichen, wie wenn jemand ein sauberes Kleid trägt, er fürchtet es zu beflecken, so wenn die Seele mit einem neuen reinen Kleide durch die Sündenvergebung angetan ist, mit weißen Kleidern angetan ist, ein biblischer Ausdruck, da ist Besorgnis, Furcht vor einer Befleckung von Neuem. Soll's wieder werden wie vormals! in die alten Weg' und Wunden wieder hinein! seufzt die Seele und blickt ins Freie, Helle, Heitere nicht, sondern ins Trübe. Sie sollte nach erlangter Vergebung fröhlich sein, war es auch, bleibt's aber nicht, wird traurig wieder, sieht sich um, die früheren Gefahren, sieht sich um, die vorigen Verführer, sieht sich um, da ist kein bewahrender, sicherstellender Freund. O sehen wir nicht um, sehen wir hinauf, mit der sechsten Bitte in Mund und Augen: Vater unser, führe uns nicht in Versuchung! Das ist die Stelle dieser Bitte in unserer Seele, und ihre Stelle in der uns gelegen kommenden Sonntagsepistel sollet ihr jetzt auch sehen. 1 Kor. 10, 6-13. Das ist aber uns zum Vorbilde geschehen usw.
Ja, ja, wer sollte sie nicht vor seine Augen treten lassen, wer sie nicht zu Herzen nehmen die Exempel, die Vorbilder von dem traurigen zuweilen schrecklichen Ende derer, die sich des Bösen gelüsten lassen! Und nicht allein diejenigen haben sich unter solche Bilder zu stellen, die noch ein Ähnliches tun, Abgöttische, Hurerei Treibende, Gott Versuchende, Christum Versuchende, wider Gott Murrende, welche nach wie vor der Verderber, der Umbringer ergreift, - sondern auch diejenigen haben sich unter solche Bilder zu stellen, die den Vergeber schon gesucht haben in Reue und den Erhalter gefunden haben durch ihre Bitte. Christen, haben wir nicht? Wir auch stellen uns unter solche warnende Vorbilder, wie sie geschrieben sind und werden täglich geschrieben; so viele bestrafte Sünder, so viele stehende Lettern und wandelnde Warnungssprüche, die alle ins Vaterunser uns treiben und die sechste Bitte uns sprechen lehren, die es heute ja auch sein sollte, unsere Betrachtung, die zum Beten dieser Bitte führt.
Und führe uns nicht in Versuchung, welche Bitte den Blick und den Gedanken trägt:
1) in uns selber herein, dass wir erkennen unsere große Not so zu beten;
2) über uns hinauf, zu dem treuen Gott, unsere Hilfe bei ihm zu finden;
3) um uns herum, auf die Gefallenen, dass wir Stehenden nicht zu hart über sie urteilen.
I.
Freuen wir uns, dass diese Bitte uns gelehrt worden ist. Aber es freue sich derjenige doppelt, der sie sprechen kann. Ich mag es lieber mit einem Du als mit einem Er, lieber mit den Euchs als mit den Sieen zu tun haben in meinen Reden. Freut euch darüber, die ihr beten könnt: Führe uns nicht in Versuchung; denn, das deutet auf eine nicht schlechte Verfassung eurer Seelen. O wenn ihr alle könntet das Vaterunser durchbeten mit Wahrheit! Wenn ihr hintretet mit dieser sechsten Bitte, Liebe, was liegt dem zu Grunde bei euch? Es ist ja die Furcht vor der Sünde, es ist ja ein vorhandener, guter, reiner Wille, es ist ja doch der Wunsch vor Gott, dass ihr möchtet rein bleiben von nun an aller Missetat, nachdem ihr wegen des Früheren die Vergebung erhalten habt. Denen nur, da sich's in der Seele so findet, hat diese Bitte Wahrheit. Willst du, du, Beter des Vaterunsers noch einmal dich fragen, wie in dir es stehe, was diesen Punkt anbetrifft, so tue das auf diese gegebene Nachricht von dem guten Seelenzustande des so Bittenden. Augustinus, ein Bischof in der älteren Kirche, bekennt von sich, er habe wohl gebetet wider die Sünde, um herausgeführt zu werden durch Gottes Hand aus ihr, jedoch mit dem geheimen Wunsch daneben seiner sündigen Seele: noch nicht. Freue, Beter, dich, wenn du gar kein „noch nicht“ in dir spürest, die Sünde rein weg ist, und deine Bitte die ungefärbte, die lautere Wahrheit ist! Und nun wollen wir weiter gehen, dies war auch ein Blick in uns selber herein, nun zu einem anderen. Wenn der Apostel an die Korinther schreibt, wie wir gelesen haben: „Es hat euch noch keine, denn menschliche Versuchung betreten“ - menschlich, nach der Fülle des Worts, was so groß nicht ist, dass ihm nicht könnte durch Menschenkraft widerstanden werden, was Menschen bewirkt haben, einer sich oder einer dem anderen, was die weitere, tiefere oder höhere Herkunft nicht hat, was eine Anfechtung des Satans, ein Werk böser Engel nicht könnte genannt werden, was auch ein Verhängnis der Gotteshand nicht heißen könnte, wenn der Apostel den Korinthern schreibt, dass sie nur noch solches, nichts Übermenschliches erfahren hätten: so kann, einige Ausnahmen nicht achtend, wie der Apostel eine Ausnahme auch nicht anschlug, 1 Kor. 5, so kann ein Prediger unserer Zeit auch zu der Gemeinde sagen: Euch hat noch keine andere Versuchung betreten als menschliche. Und doch, lieben Freunde, und doch, wer wäre in der menschlichen Versuchung nur, in der geringeren Versuchung bestanden allemal? Ich meine, dass jedem von uns eine betrübende Erinnerung sagen muss: Nur das hat es bedurft, nur eine solche Kleinigkeit bei mir, die eine, dass ich der Wahrheit untreu ward, eine andere, dass ich von der Ehrbarkeit abließ, eine dritte, dass ich meine Unschuld befleckte, eine vierte, dass ich meinen Wohltäter und Freund so bitter kränkte, eine fünfte, dass ich zu einem so schlechten Werke die Hand bot, oder wie jemand sich eines Andern vor Gott und seinem Gewissen schuldig weiß. Ist's nicht meistens eine Kleinigkeit gewesen? Ein Sturm war's nicht, ein Luftzug knickte den Halm meines guten Vorsatzes, so schwach war der Vorsatz! führte die Flocken meiner besseren Gedanken fort, so leicht waren die Gedanken! Und weil wir denn so schwach und so leicht sind, lieben Brüder, so ist keine Erinnerung uns so heilsam als eben die an unsere Schwachheit. Wer macht uns diese Erinnerung? wer hält sie uns vor, oft, so oft nötig, wenigstens ratsam? wer trägt unseren Blick in uns selbst herein, um unsere Schwachheit zu sehen? Das Vaterunser tut es, die sechste Bitte: Führe uns nicht in Versuchung. Wer sich aber dünken lässt, er stehe, er stehe fest, ob andere auch fallen, er falle nimmermehr, nur der kann die sechste Bitte, kann das ganze Vaterunser ungesprochen lassen, braucht gar nicht zu beten.
Christus, der wohl wusste, was in dem Menschen war, hat allen Menschen das teure Gebet gegeben, dass sie es beten und durch die sechste Bitte sich an ihre Schwachheit erinnern sollten. Sein Apostel, selbst sehend geworden und berufen von Gott Andern die Augen aufzutun, Apostelgesch. 26, 18, der warnt, man möge zusehen nicht zu fallen. Das erinnert uns nun wie an die Schwachheit, so an den Leichtsinn auch, der in uns ist. Denn was jemanden zum Fallen bringt, sollt' es nicht eben so oft der Leichtsinn sein, als es die Schwachheit ist? Das heißen wir ja Leichtsinn, den Sinn, welcher es mit der Gefahr leicht nimmt: es hat nichts zu bedeuten, leicht nimmt mit den Folgen und Strafen: es wird so schlimm nicht werden, es leicht nimmt mit der Vergebung: sie wird meinem Gebete nicht versagt, es leicht mit der Besserung nimmt: ich werde denn schon wieder aufstehen, wenn ich auch falle. Mein Zuhörer, kennst du den Leichtsinn? und dass du ihn hast? und nach dem Maß, in welchem? Der dich die sechste Bitte hat sprechen lehren und die Epistel am neunten Tr. hat hören lassen samt der Predigt über die Bitte und die Epistel, der deinen Blick hat wollen in dich kehren damit, o lass Christum dein Licht sein, komme zur Selbsterkenntnis, nimm, ich will dir gesagt haben, nimm von von Christo es an, dass du schwach bist und dass du leichtsinnig bist. Ihr Jüngeren besonders von beidem Geschlecht, oder ihr vom männlichen ganz besonders, habt Ohren gehabt und send in euch gegangen, lasst es an der schon gemachten Erfahrung genug sein, betet die sechste Bitte oft!
Bringen wir daneben auch noch das in Anschlag, was wir ja müssen, wie uns eigentlich kein Ort sicher stelle, dass wir gewiss nicht versucht würden da. Mit Unterschied allerdings, mit großem Unterschied. Wo sich das Volk niedersetzt zu essen und zu trinken und steht auf zu spielen, mit Worten aus der Epistel, wo man zehn und zwanzig sieht Schlechtes tun, wie nach der Epistel drei und zwanzig tausend, wo jemand im Rat der Gottlosen wandelt, Psalm 1, auf den Weg der Sünder tritt und sitzt, wo die Spötter sitzen, da ist allerdings die größere Gefahr, die stärkste Versuchung. Indes wo ist gar keine? Sichert jemand lediglich der Umgang mit Frommen? Nein, sage ich, mit den Frommen willst du fromm sein und bist es noch nicht und wirst ein Heuchler. Sichert jemanden die völlige Abgeschiedenheit und Einsamkeit? Mitnichten, auch darfst du es nicht, darfst dich nicht so absondern, vor deinen Pflichten nicht, die du in der Welt hast, darfst die Welt nicht räumen, 1 Kor. 5, sondern sollst darin bleiben und bei deinem Gott befohlenen Werk. Allein du dürftest auch, so bist du in keiner Abgeschiedenheit völlig sicher. Denk' an Jesum, der in der völligsten Abgeschiedenheit versucht wurde. Denke ferner auch daran, wen du in die Einsamkeit hereinbringest, dich selbst mit deiner Schwachheit, mit deinem Leichtsinn, mit deinem schon glimmenden Feuer. Wie leicht kann auch in der Einsamkeit das Feuer aufschlagen, und du hast keinen Freund, der dir löschen hilft, keinen Freund, der mit Gotteswort dir Satanswort widerstehen hilft, darum, auf dich geführt, wer du bist, schwach und leicht, durch die sechste Bitte, werde von ihr geführt zu ihr und spreche sie: Führe uns nicht in Versuchung. Denken wir auch noch an die Mannigfaltigkeit der Versuchungen. Fünf Sünden nennt die Epistel, und wohl auch diese finden noch Statt, aber außer diesen, wie viele noch! Also auch ebenso viele Versuchungen. Versuchung nennen wir ja den Weg, die Weisung zur Sünde, den Versuch, ob nicht jemand zu einer Sünde zu bringen sei, die Probe, wird er Ja oder Nein sagen? ist böse Lust in ihm und wird er ihr Raum geben oder wird er sie dämpfen? gleichviel ob in ihm selbst die Lust erwacht oder von außen in ihn gebracht. Ob der Baum auch eine Eiche oder eine Buche sei, so sehen die Augen der Lust doch einen gelben Apfel darauf, und mit dem Langen danach, ja schon mit dem Blicke danach ist die Versuchung da, ist die Sünde schon halb getan, oder soll ich sagen: schon ganz getan? Meine Zuhörer, steht es nicht wirklich also? Sprecht Ja, sprecht Nein, bei dem Licht, das uns in uns selbst hereinleuchtet, bei dem Licht, das von der sechsten Bitte herkommt, müssen wir Ia sagen und sie darum nehmen zum fleißigen Beten, neben dem fleißigen Blick auf die warnenden Vorbilder, beten und beten lehren, die ganze Kirche voll beten lehren, die ganze Schule, ihr Lehrer, das ganze Haus, ihr Eltern, beten lehren: Führe uns nicht in Versuchung.
II.
Wir lassen unseren Blick tragen zu der sechsten Bitte. Was gesehen, auf uns gesehen, das ist aber betrübend, und tröstend ist es nicht, das schlägt nieder und richtet nicht wieder auf. Aufrichtend und tröstend wird es, wenn wir nun jetzt unseren Blick über uns hinauf tragen lassen, zu dem treuen Gott hinauf, dass wir Sicherheit, Hilfe bei ihm finden. Der Predigt zweiter Teil.
Oder halten wir uns mit einer Untersuchung auf, wie es doch könne von Gott gesagt werden, dass er in Versuchung führe? der gütige Gott, der niemandes Unglück will? und von dem ein Apostel sagt, Jakobus, er versuche niemanden? Ja, halten wir uns einige Augenblicke dabei auf, wenn ich gleich der Meinung bin, der Beter selbst begehrt es nicht, will lieber in den andächtigen Gebrauch als in den tieferen Verstand der Bitte hineingeführt werden. Gott versucht niemanden, schreibt Jakobus, ja, doch recht eben vorher schreibt er, Gott ist nicht ein Versucher zum Bösen. Die Absicht hat Gott nicht, dass jemand in der Versuchung falle, dieserwegen stellt er niemanden auf die Probe; weiß er ja doch ohne Probe, was sich findet in dem Menschen. Darum nicht, hingegen um des Menschen selbst willen macht er Probe mit ihm, das gewöhnliche Wort genommen, prüft er ihn, damit das Gute in ihm mehr von dem Schlechten, das auch in ihm ist, geschieden, und was noch in dem Menschen schwach ist, dieses gestärkt werde, und was noch unbetreten geblieben ist, das Gebiet des kämpfenden Glaubens, der kämpfenden Tugend, betreten werde zu weiterer und völligerer Ausbildung seines Seelenlebens, wie zur Erlangung dessen würdiger, was Gott auf Treu und Standhaftigkeit im wohlbestandenen Glauben als Prämie gesetzt hat. So schreibt auch Jakobus ja: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen. So ist Abraham versucht, Joseph versucht, Hiob versucht, David versucht und so auch Jesus versucht in der Wüste, dahin vom Geiste geführt und überhaupt am Tage seines Fleisches, da er Gebet und Flehen mit starkem Geschrei zu Gott opferte. Hebräer 4. Das ist Gottes Absicht, und wie die Epistel sagt, über jemandes Vermögen niemals, sondern erträglich, dass wohl der Versuchung Ende gewonnen werden kann. In diesem Verstande versucht Gott, in diesem Verstande. Oder wär's ja in einem anderen Verstande auch noch? denn wer kann alle Verborgenheiten Gottes aufdecken! Nämlich wär' es, dass Gott, obgleich wohl wissend, der Mensch widersteht nicht, ihn dennoch als an seiner eigenen Hand in eine solche Versuchung hineinführt? Sprechen wir dazu, denn so gebührt es sich, entzogene Gnade ist das nach des Sünders Verdienst wegen langer Verschmähung, verhängte Strafe ist das nach des Sünders Verdienst wegen missbrauchter Langmut. Ob wir denn auch beten dürfen in solchem Fall? O, was wissen wir's, ob ein solcher Fall eben vorliege! wir beten jedenfalls, wie lange der Mund das Vaterunser sprechen und die Seele die sechste Bitte denken kann.
Führe uns nicht in Versuchung. Nehmen wir jetzt das Beruhigende und Stärkende heraus, was in dieser Bitte liegt. Ist es unsere Schwachheit, deretwegen wir bitten: Führe uns nicht in Versuchung, wir haben unsere Schwachheit erkannt, so ist das unser Trost: Gott kommt mit seiner Kraft unserer Schwachheit zur Hilfe. Denn darum wird unsere Schwachheit uns ja nicht vorgehalten, wie's die sechste Bitte tut, dass wir unsere Kräfte zusammen nehmen, unsere, das wäre töricht, sondern dass wir erinnert werden uns in den Besitz fremder Kräfte zu setzen, höherer Kräfte, Kräfte von Gott mittelst dieses Gebets: Führe uns nicht in Versuchung. Sagt, Teure, wer das betet, von Herzen betet, ob der wohl seinen Weg wandeln, zu wandeln fortfahren wird, seinen Weg, der nicht Gottes ist? ob der nicht auf den Weg Gottes tritt oder jetzt zu treten vor Gott entschlossen ist? Und da sollte Gott ihm nicht die Füße stärken, dem Bittenden? Sagt, Teure, wer das betet, von Herzen betet, ob der wohl stehe an seinem Werk, an einem Werk, das seins und nicht Gottes ist? ob der nicht ein Gotteswerk angefasst habe oder jetzt anzufassen bereit ist? Und da sollte Gott ihm nicht die Hände stärken, zu verbleiben bei diesem Werk? zur seligen Ausrichtung ihm nicht die Hände stärken, welche betend aufgehoben werden zu ihm hinauf? Und ob zuweilen eine Versuchung eintritt, die schwer ist, in ihrem Angriff schwer und in ihrer Dauer, wofern der Versuchte nur im Gebet anhält und seine Geduld festhält, im Gehorsam bleibt, das Vertrauen nicht wegwirft, nicht wegwerfen will, in seiner Gottesergebung verharret, verharren will, er werde geprüft noch so hart, nein, Gott kann es nicht, hat es noch bei keinem getan, kann den nicht sinken lassen, der sich an ihm hält, nicht von sich schieben, der sich an ihn klammert. Denn treu ist Gott, lässt nicht über Vermögen versucht werden, sondern gibt selbst das Vermögen zum Widerstande her, schenkt dem Flehenden die nötige Kraft, und hat es immer getan, und wer uns anficht, Teufel, Welt oder Fleisches Wille, so stärkt er uns und lässt uns nimmermehr in Verzweiflung und andere Schand' und Laster fallen, sondern stärkt und behält uns fest im Glauben, wie der Katechismus so schön sagt.
Ist unser Leichtsinn es, deswegen wir zu beten haben: Führe uns nicht in Versuchung, - ach, wer ist von allem Leichtsinn frei! das ist der älteste und besonnenste Mann nicht, - so ist das unser Trost: Gott wandelt den Leichtsinn in Ernst auf solche unsere Bitte. Ob dasselbe nicht die bloße Überlegung, unsere Überlegung tue? Ich antworte mit einer Gegenfrage: Wird der Leichtsinnige überlegen? Dass er bete, ein Vaterunser, die sechste Bitte bete, sich dazu die Zeit nehme, lässt sich eher erwarten von ihm. Eine Art Frommsein findet sich manchmal neben dem Leichtsinne. Indes er überlege denn auch einmal, wird er es tun mit der erforderlichen Umsicht, Sorgfalt, mit der nötigen Wiederholung zu verschiedenen Zeiten und Tageszeiten, mit der unterdrückten Eingenommenheit für das eine, wider das andere? Hört es, ein Leichtsinniger kann zehn Tage, zehn Wochen etwas überlegen, es wird, was herauskommt, immer seinen Neigungen günstig sein. Anders, wer betet. Nicht als sollte überlegt nicht werden, sondern es soll auch gebetet und zugleich überlegt werden. Von dem Stern erhalten wir mehr Licht, als tausend Sonnen eigener Überlegung uns nicht geben, von so einem kleinen Gebet: Führe uns nicht in Versuchung, - wenn das von Herzen gebetet wird. Mag der Leichtsinnige sich das Gebiet des Erlaubten abstecken so weit wie unser Stadtsfeld, dem Betenden wird das Gebiet des Erlaubten so klein werden wie die kleinste Parzelle darauf, ihm wird nicht eine Pflugfurche breit zur völligen Willkür gestellt sein. Mag es den Leichtsinnigen ein Kleines dünken, auf verbotene Weise sich seine Nahrung zu verschaffen, „man soll doch leben!“ wer hat dir's zugesagt, dass du leben sollst? Der Betende hungert und friert lieber und stirbt lieber, als dass er eine Sünde tut. In jedem Verdienst, den einer sich auf eine unstatthafte Weise macht, darin sieht, wer beten kann, die Lockspeise der Hölle, wie die Fangeisen der bösen Engel; so eröffnet ihm sein Gebet seine Augen darüber. Mag es Weltklugheit nennen ein Weltkind, durch Kriechen und Schmeicheln, durch Gutheißen des Schlechten und Teilnehmen am bösen Werk den Grund legen zu Ehr' und Ansehen, - „man will ja doch gern aufkommen!“ aber dass du nicht in dem einen Betracht ebenso tief sinkst, als du in dem anderen Betracht steigest! Dem Betenden, wenn er versucht wird, öffnet Gott die Augen, dass er in so erworbener Ehr' die vielmal größere Schande sieht, in welcher er stehen würde dereinst und in der Vorstellung schon jetzt steht. Mag ein betörtes Herz nach weltlicher Macht, sei's die den Reichtum begleitet oder die aus dem Ansehen kommt, nach solcher Macht trachten und bereit sein, vor dem Teufel nieder zu fallen und ihn anzubeten, in dem schrecklichen Leichtsinn, welcher ihm zuraunt: „Es möchte doch am Ende so schlimm nicht ausfallen!“ aber erst das Ende wird's zeigen, wie schlimm!
O man bete, man bitte, führ' uns nicht in Versuchung, da wird's nicht fehlen, wer so in rechtem Ernst bittet, der wird allen Leichtsinn weg- und den heiligen Ernst hervorbeten, einen Ernst, bei welchem er für klein auch nicht eine einzige Sünde hält, noch für den Gewinn der ganzen. Welt einen Schaden an seiner Seele auch nur wagt, so ernst wird er sein und so stark in solchem Ernste.
Und da die Versuchung eintreten kann allerwärts und auf allerlei Weise, wie wir früher uns sagten, so ist uns ein Begleiter nötig, allwohin wir gehen, ein Beistand in allem Werke, bei welchem wir stehen. Beten wir, Christen, beten wir, und insonderheit, dass Gott uns nicht wolle in Versuchung führen, dass Gott, der treue, uns nicht über Vermögen lasse versucht werden, sondern nur zum Ertragen. Ganz ohne, nein, das begehren wir nicht, ist ja auch unser Herr selbst versucht worden, nur zum Ertragen und Aushalten. Das Gebet führt unsere Augen zu dem hinauf, von welchem das Maß und die Dauer bestimmt wird, zu Gott hinauf, welcher jeglichenfalls nicht über Vermögen, nämlich nicht über das Vermögen versucht werden lässt, das er darreicht. Wer im Gebete geht, der geht im guten Geleite, in Gottes Geleit, der kann in der Wüste des Hungers und der Sorgen wandeln, und greift kein verbotenes Mittel zu seiner Erhaltung an, der mag auf der Zinne stehen und da versucht werden, sich ein Ansehen zu geben vermessen, der mag auf einen Berg geführt werden und daselbst das versuchende Wort hören: Du sollst haben alles, was du siehst, wenn -. Kein Wenn, kein anderes Wenn als dies hier: Wenn ich es nicht von Gott haben soll, vom Teufel lass' ich mir keine Hütte mit einem Kohlhof schenken, für eine Sünde erwerb ich so wenig ein Fürstentum als einen einzigen Kohlstrunk mir. So spricht, wer betet, und stärkt sich, indem er betet, oder vielmehr, er wird von Gott gestärkt. In aller Versuchung, auch in der, die geistlicher Art ist: „Du hast es doch weit gebracht.“ Antwort: Vom Ziele fern, wonach ich ringe. „Du bist ein Gesegneter Gottes.“ Antwort: Ohn' all mein Verdienst und Würdigkeit. „Du bist ein Gotteskind.“ Antwort: So lang ich hier im Leibe walle, bin ich ein Kind, das strauchelnd geht, daher ich denn auch das Gebet: Führe uns nicht in Versuchung, - nimmer verstummen lassen darf, auf meinen Lippen nicht, in meinem Herzen nicht. Wollen wir dazu sagen: Der ist bewahrt!
III.
Wir gedachten aber noch einer dritten Richtung, in welcher das Gebet, das unsere Predigt ist, unseren Blick trüge, nicht bloß in uns herein und nicht bloß zu Gott hinauf, sondern ebenfalls auf unsere Nebenmenschen um uns her, auf die in Sünden Gefallenen, damit wir, die noch Stehenden, sie nicht zu strenge richten. Gehen unsere Gedanken dem also geleiteten Blicke nach.
Wie finden wir die Menschen denn, die gefallenen? O sie sind mehr schwach als böse, mehr leichtsinnig als frevelhaft. Es möchte schwer werden, aus hundert nur zehn heraus zu finden, die wirklich frevelhaft, die mit Absicht und mit Wohlgefallen am Bösen böse sind. Und wenn die anderen neunzig uns ihre Führung nachwiesen, die Erziehung, die sie erhalten haben, die Exempel, die sie vor Augen gehabt haben, den Umgang, in welchen sie gebracht sind, ihre ganze innerliche und äußerliche Lage, darin sie gelebt haben, wahrlich, noch eher würden wir uns verwundern, dass sie nicht viel weiter von dem rechten Wege abgeraten, nicht viel tiefer in die Sünde hineingeraten seien, würden darüber uns mehr wundern, als dass sie so weit und so tief. Zwar sind sie damit nicht gerechtfertigt, aber doch einigermaßen entschuldiget; zwar dürfen wir ihre Sünden und Laster nicht mit Gleichgültigkeit ansehen, aber doch mit Gelindigkeit beurteilen, zu welchem gelinden Urteil über sie uns diese nähere Bekanntschaft mit ihnen bringt, doch auch unser Gebet bringt: Führe uns nicht in Versuchung, - welches ein Eingeständnis ja ist unsererseits: Versucht wie sie, möchten wir auch gefallen sein wie sie. Daher wir nicht strenge, sondern milde richten, oder auch gar nicht richten, dies zu tun dem Herrn überlassend.
Der Herr richtet anders wie die Menschen. Menschen richten die äußere Tat nur und oft den bloßen Schein dieser Tat, wenn eben dieser Schein ihnen in ihre Augen fällt. Aber der Schein trügt im Bösen wie im Guten, und je abgewandter wir eben von der und von der Sünde sind, je weniger Neigung zu derselben in uns vorhanden ist, je schwächer wir zu derselben sind gereizt worden, je geringer der Vorteil oder die Freude, je größer der Schade und die Schande für uns gewesen wäre, für uns, bei dieser und jener Sünde, danach meistens fällt unser Urteil über die Sünder aus, oft so sehr hart und verdammend. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Wenn unsere Sünden, die wir getan, einen so hellen Schein um sich verbreitet hätten, wenn von unseren Sünden, die wir getan, der Deckel der Verborgenheit abgenommen würde, wenn wir nicht wären so sehr zur Wachsamkeit ermahnt, von heilsamen Warnungen und Vorbildern gehütet, so sehr zum fleißigen Beten angehalten, zu der Bitte angehalten worden: Führe uns nicht in Versuchung, - ach wohin, wohin würde dann es mit uns gekommen sein, die wir ja alle, so viele von uns noch stehen, uns anzusehen haben, ist's nicht wahr? wie junge Bäume an eine Latte gebunden, mit Moos dazwischen, die Jüngeren, - wie Bäume gegen den West zwei- und dreimal gestützt, die Weiteren, - und mancher von uns sich anzusehen hat als ein Ständer, der schon brannte, die Spritze löschte das Feuer, doch die verkohlte Stelle weist er noch. Darum so lang' es in unserer Bibel steht: Wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle; so lange wir in unserem Vaterunser die sechste Bitte haben: Führe uns nicht in Versuchung, - so lange werden wir milder über die Gefallenen urteilen müssen, wir menschlich bisher Versuchten, über die vielleicht teuflisch Versuchten, davon wir Gottlob weder Erfahrung noch Begriff, zum Teil wenigstens nicht, haben, und Gott bitten wollen, dass er zu solcher Erfahrung keinen unter uns wolle kommen lassen, auch zur Strafe nicht im gerechten Verhängnis, o gnädiger Gott, der du bist, und beten insonderheit für alle, die mit mehr als mit Fleisch und Blut, die mit den Fürsten und Gewaltigen, wie sie herrschen in der Luft, (Eph. 6,) mit bösen Geistern unter dem Himmel zu kämpfen haben, beten für die insonderheit und andringlich, o Gott, du treuer Gott, lass auch diese Versuchung so ein Ende gewinnen, dass sie's können ertragen, gleichwie wir für uns selbst bitten, ein jeder in eigner Gefahr, und wir alle für einander: Führe uns, Gott, nicht in Versuchung! Amen.