Harms, Claus - Das Vater Unser in 11 Predigten - Die elfte Predigt.

Harms, Claus - Das Vater Unser in 11 Predigten - Die elfte Predigt.

Vater unser Betreffnisse.

Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern und dein Gesetz habe ich in meinem Herzen. Dies Wort, Ps. 40, ist herübergenommen aus dem Alten ins Neue Testament, Hebr. 10, ist daselbst Christo in den Mund gelegt, als auf den es am ersten Orte ebenso wohl als auf den König David ginge. Es ist aber dasselbige zu einem Wort geworden, wie ein jeder Christ, der es wirklich ist, sprechen soll. Deinen Willen, mein Gott, tue ich gerne, sprechen wir insgesamt, vornehmlich an dieser Stätte, da wir so gewiss im Tun sind nach Gottes Willen, wie wir uns nimmer sagen dürfen anderswo; des Herzens Freude ist auch dabei, dass wir ebenfalls seien im Gerntun. Und was tun wir? In die Schrift wieder hinein. Brandopfer und Speiseopfer hat Gott nicht gewollt, aber die Ohren hat er uns aufgetan, sprecht ihr, - aber den Mund hat er mir aufgetan, spreche ich, weiter daselbst, ich will predigen die Gerechtigkeit in der großen Gemeinde. Gemeinde groß, Gemeinde klein, lass' uns nicht zählen. Wir sind unser genug, ob wir auch weniger wären, um Gott ein Opfer zu bringen, wie er's gerne hat, und sprechen mit einander: Siehe, Herr, hier sind wir, habe du uns! Von der Welt haben wir uns losgesagt und sind hier gewärtig, was deine Gnade jetzt aus uns machen will. Deine Hand ist dein Wort, und Rede, wie du sie lässt von deinem Wort ausgehen, ist deine Arbeit an unseren Seelen. Mache die Rede, die wir hören, zu deiner, zu deinem Wort an uns. Amen.

Wieder das Amen, welches das letzte Mal mit vier anderen Worten unsere Andacht trug, des teuren Vaterunsers letztes Wort. Heute sollten wir denn wohl davon abgehen. Nicht, als wenn Alles wäre gepredigt, als wenn das Vaterunser völlig ausgepredigt wäre; wie sollt' es! Ich spreche gern mit Einem, der gleichfalls das Vaterunser erklärt hat: „Es ist ein Teil nur von dem, was sich aus dem sinnvollen Gebet entwickeln lässt, kein andrer guter Sinn wird ausgeschlossen, sei vielmehr Jedermann ermahnt, weiter im Licht dessen, der es gegeben hat, darüber zu forschen.“ Allein das Vaterunser ist doch nicht das ganze Christentum. Ihr Lieben erinnert wohl, dass wir manchmal beflissen gewesen sind, Jesum Christum nicht außerhalb seines Gebets zu lassen. Dieserhalb haben wir andere christliche Redepunkte auch zu betreten und dürfen bei diesem Einen nicht bleiben. Doch heute schon davon scheiden? Ich denke, so wenig bei Gott als bei uns Kirchgängern kommt etwas darauf an, ob wir abbrechen mit Einem Mal oder die Reihe noch mit einer Predigt verlängern. Gewiss nicht, es ehrt Gott und nützt uns, wenn wir, nachdem so lange, neunmal, aus dem Vaterunser gepredigt ist, ebenfalls über dasselbige predigen, wie zu Anfang, in vier Betreffnissen, so zum letzten Schluss auch noch Eins und Anderes darüber. Was meinem Nachdenken entgegen gekommen ist in fernerem Betreff desselbigen, das will ich heute zu hören geben, abweisend, hinweisend, wie es einem Vaterunser-Beter zu wissen dienlich ist. Und nun noch einmal vertrete das Beten selbst eines Predigttextes Stelle.

Vaterunser.

Werde das Vaterunser heute von uns betrachtet

1) als ein gebotenes Gebet, ob nicht ein freies besser sei?
2) als ein gereichtes Gefäß für jegliche Herzenssache, ob ein solcher Gebrauch verstattet sei?
3) als ein begleitendes Gebet bei allen heiligen Handlungen, ob es da immer an seiner Stelle sei?

I.

Wenn der heutige Vortrag, meine Teuren, sich mehr in der Belehrung wenden wird als in der Erbauung, wie wir es heißen, mehr als in demjenigen, was geradezu sich an das Herz richtet, so hat das seine Ursach' in der heutigen Wahl unsrer Betrachtung. Weiß ich freilich wohl, was lieber gehört wird, und kenn' auch meine eigne Neigung, indessen was mich betrifft, so sag' ich mir: Wenn selbst einem Propheten sein Geist untertan ist, 1 Kor. 14, wie noch vielmehr muss ein Prediger seinen Geist in der Macht behalten. Was euch betrifft, so weiß ich gleichfalls, dass ihr auch zwischendurch einen Lehrvortrag genehm haltet und wisst Lehrkerne zu schätzen, denen die Süßigkeit allerdings abgeht, die aber für eine Süßigkeit Gesundheit bieten und Kraft, die in ihnen ist.

Wir haben an dem Vaterunser ein gebotenes Gebet. An den beiden Stellen, da es sich findet, Matth. 6 und Luk. 11, gehen demselben die Worte vorher, an der ersten Stelle: Darum sollt ihr also beten; an der anderen Stelle: Wenn ihr betet, so sprecht. Ob jemand dafür gehalten habe, dies Gebet gehe allein auf Christi Jünger und gehe auf uns nicht, so weiß ich's eben nicht, es mag wohl sein, dagegen die Kirche Christi, die ganze Christenheit auf Erden ist des Dafürhaltens nicht gewesen, ich denke, wir hier verstatten uns keine andere Meinung, sondern sprechen: Das Vaterunser ist wie das Christentum selbst allen Menschen gegeben, dass sie es nehmen sollen, wie alle an Christum Glaubende auch getan. Die geschriebenen Nachrichten gehen ins zweite Jahrhundert hinab. Andre Gebete sind natürlich daneben in Gebrauch gewesen, geschöpft mehrenteils aus eben dem heiligen Born, aus der Heiligen Schrift, oder wo sonst in späteren Tagen der Herr ein kräftiges und salbungsreiches Gebet hatte aufspringen lassen in eines Frommen Geist. Solches nahm die Christenheit beides zur gemeinsamen wie zur einsamen Andacht und betete, wie jedermann gelernt hatte, gelernt, das Vaterunser jedoch betete sie durchgängig, dieses Gebet betete niemand nicht. Vor fünfzig Jahren reichlich, meine Kindheit erinnert sich dessen noch, da ging jenes Ortes, woher ich bin, die dort unbekannte Lehre aus, dass ein Jeder müsse mit eigenem Wort beten, und auch die Schulkinder wurden in der Schule angehalten, geübt, wie es denn ging damit und dabei zuging, mit eigenem Wort aus freiem Herzen ein Gebet zu tun; freilich die gelernten blieben unabgeschafft, nur dass auf das so heißende freie Beten ein viel höherer Wert gelegt wurde, für das wahre rechte Beten fast ganz allein erklärt wurde. Ob es denn nicht auch besser sei? freies, eigenes nicht besser als ein gebotenes, gelerntes? Wir antworten auf solches Fragen und lassen aus demselben keinen Schatten über das Vaterunser ausgehen. Diese erste Antwort:

Das Vaterunser schließt ja kein freies Gebet aus. Eben wie Jesus selbst, eben wie seine Apostel, laut gegebenen in den Evangelien und Episteln vorkommenden Proben außer den zu der Zeit üblichen Gebeten, - seid an den Anfang erinnert des zweiten Hauptstücks in der Leidensgeschichte: „Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten,“ den vorgelesenen oder gelernten, - außer diesen Gebeten das Herz frei gehen ließen im Wort, von niemandem überkommen, sondern aus der eignen Seel' gekommen, - ebenso, Teure, dürfen wir auch, sollen wir auch. Wie bei einer Veranlassung der Apostel Petrus sagte: Mag jemand auch das Wasser wehren, die den Heiligen Geist empfangen haben gleichwie wir, das kehren wir in unsrer Sache also: Wenn über jemanden der Betgeist kommt und macht das Herz voll, wer will's dem Munde wehren, dass er nicht übergehe und bring' mit seinem Betwort die Sache vor Gott? Das Vaterunser hat nichts dawider, seine Stätte wird das schon behaupten vor dem Betaltar und unverdrängt bleiben. So wenig ist das Vaterunser wider das freie Beten, dass es im Gegenteile freies Beten hervorruft selber. Gleichwie Predigten aus dem Vaterunser gehalten und gehört sind, von uns hier gehört, welche geflossen sind aus dem Vaterunser wie aus einer Quelle, so geht es auch mit Gebeten zu, die in dem Vaterunser liegen und springen aus demselben auf. Manchmal sind wir ja in den Predigten selbst zu Gebeten gebracht worden, erinnert ihr gewiss. Möchten wir sogar sagen: Wenn jemand das Vaterunser betet mit Andacht und auch mit Verstand, so betet er daneben manch' andres freies Gebet zugleich. Lassen wir ihn die dritte Bitte sprechen: Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden, wie viele wohl dabei mit der Zung' in ihrem Herzen beten etwa also: Ja, habe du, mein Vater, deines Kindes Willen und lege deinen besseren in meine Seele für ihn. Oder bei der vierten: Ja, Vater, du wollest mich bei der Genügsamkeit dieser Bitte selbst bewahren, denn nur zu oft geht mein Begehren über das Nötige weit hinaus.

Ich will mit diesem Wort auf einen anderen Punkt treten. Das Vaterunser schließt das freie Gebet nicht aus, ruft es vielmehr hervor und weist dem freien Gebet seine Wege, die es gehen, auf denen es sich halten soll. Sind unter euch, die frei beten, viele werden es nicht sein, die mögen auf den Inhalt ihrer Gebete Acht nehmen, das Vaterunser gibt einen Wink dazu. Bittet ihr mehr um geistliche Güter oder mehr um leibliche? mehr in Gottessachen oder in eigenen, die euch für eure Person angehen?

Seht auf das Vaterunser und merkt die Zahlen euch. Sieben Bitten, Eine dem leiblichen Gut; sieben Bitten, drei in Gottessachen, gleichwie Anfang und Schluss auch Gottessache zunächst betrifft.

Hiernach betet selbst, die ihr mit eigenem freien Wort zu beten die Gabe, die Übung habt und die Kraft, ja last den Mund übergehen von eures Herzens Fülle und zieht, wieviel immer ihr wollt, in euer Betgebiet, aber das Vaterunser lasst euch Norm sein und Form in Allem und eure betende Seel' dünke euch ohne Kompass zu sein auf dem Meere, wenn sie das Gebet des Herrn nicht hätte und sähe fleißig danach.

II.

Dass es dem Christen nimmer abhanden komme, dazu wird er auch zu oft an dasselbe erinnert, dazu wird es zu oft dargereicht in den öffentlichen Andachten und in den häuslichen denk' ich auch noch, hin und wieder. Der zweite Teil. Das Vaterunser ist ein dargereichtes Gefäß für jegliche Herzenssache und Gewissenssache. Kirchgänger, die es sind hier und anderswo, die kennen den gewöhnlichen Übergang zu diesem Gebet: Alles, was ein Jeder auf seinem Herzen und Gewissen hat, das fassen wir zusammen und bringen es zur gnädigen Erhörung vor Gott. Die Ausdrücke sind an Stellen, sind zu Zeiten etwas verschieden, meine Gewohnheit ist, wisst ihr, dass ich manchmal angebe eins und anderes, das, auch das, das auch sollet ihr nehmen und es in dieses Gefäß legen. Wie auch sicher getan wird hier und daheim, selbst wenn keine solche Aufforderung etwa dazu veranlasst. Denkt, meine Lieben, an die große Menschenzahl, welcher in der Tat das Fertigsein im freien Gebet durchaus abgeht. Einen Seufzer kann jedermann zu Gott erheben, mit einem oder zwei Worten seine Not klagen, seinen Dank ausdrücken, allein wir reden ja nicht davon, sondern vom Beten, d. h. von längerer Rede vor Gott, wenigstens wie das Vaterunser so lang, oder doch allerwenigstens halb so lang. Nein gewiss, in diesem Verstande beten, das sind so gar Viele nicht vermögend, auch Seelen nicht, die wirklich fromm sind. Nun, ihre besonderen Herzens- und Gewissenssachen haben sie, allein wie bringen sie zum Ausdrucke die? Deren Herz und Gewissen fordern das gesprochene Wort. Hier wird das Vaterunser genommen und was einen Namen hat in uns, das Gefühl unsrer Schwachheit, das begriffene Gefühl einer nötigen besseren Einsicht, das Verlangen nach mehr Festigkeit im Guten, der Kampf wider eine und andere Sünde, die Freude der erhaltenen Vergebung bei Gott, der Vorsatz, von nun an nicht länger im Rat der Gottlosen zu wandeln, der Gedanke an diesen und jenen von den Stricken des Satans Gehaltenen, in Schand' und Laster Versunkenen, ohne Gott dahin Lebenden, dahin Sterbenden, das Flehen um einen Trost, sofern die Hilfe zu früh noch wäre, und um das köstlich genannte Ding, um Geduld, oder die Bitte um eigene oder eines Kindes Genesung, um gnädige Bewahrung in einer vorhandenen Gefahr, Dank, wenn sie vorüber ist, oder, - doch End' ist hier nicht zu erreichen in dem, was zwischen Gott und dem Beter Tag und Nacht vorfällt, was es immer denn auch ist, wir nehmen das Vaterunser und legen als in ein dargereichtes Gefäß in dieses Gebet Alles hinein und Jedes, nehmen das mit unserem Anliegen gefüllte Gefäß als zwischen unsere gefalteten Hände, heben es zum Himmel hinauf, an die Worte des Gebets selbst, was die besagen, wenig denkend oder gar nicht. So wird täglich getan, ich behaupte, von den Allermeisten, die ein Vaterunser sprechen, die Worte sind ihnen gleich Tönen, die zu hören gegeben werden, welchen sie einen Text unterlegen, während sie beten, wie wenn die Orgel dort den Choral spielte: Wer nur den lieben Gott lässt walten, wir aber sängen bei uns: Dort werd' ich das im Licht erkennen, was ich auf Erden dunkel sah. Geht das an? fragen wir, ist ein solcher Gebrauch des Vaterunser verstattet? Hört mich antworten auf diese Frage so: Unsre besondere Sache, welche es denn ist, findet doch leicht in einem und anderen Wort des Vaterunser ihren Ausdruck. Ich meine vor Betern hier zu stehen, die werden mir aus Erfahrungen, von ihnen gemacht, beistimmen, dass dieses gar nicht selten der Fall ist, häufiger auch sich zuzutragen anfängt, je weiter wir in den Verstand des Vaterunser hineinkommen, uns hineindenken, leben, beten. Wie Manches auch eben vorhin von mir namhaft gemacht wurde, ich halte dafür, dass alles dieses und noch mehr wohl eine Stätte im Vaterunser habe, mit Worten desselbigen ausgedrückt werde, ganz angemessen. Sogleich der Anfang. Wenn Hundert ihn aussprechen unter dem Himmel vor dem darin, so möchten es keine zehn sein, die ganz dasselbe dabei denken, und von den Worten weicht doch keiner ab. Das einzige Wort „Vater,“ es ist ja nicht ein Menschenherzvoll nur, es ist eine Welt voll Bitten und Danksagungen. Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, da findet sich auch ja doch auf dem weiten Gebiet der göttlichen Dinge, im möchte sagen, kein Punkt, auf den allein diese drei Bitten nicht hinbrächten. Als z. B. du stehst vor einer Entscheidung, Ja oder Nein, Bleiben oder Gehen, und ob es ein Gehen aus dieser Welt wäre, sprich, was lässt sich besser sprechen, als: Dein Wille geschehe? Ob aber auch nicht, ob unser Betgedanke nicht haftet an einem und anderem Wort lediglich, so meine ich doch, ist's wohl verstattet, das Vaterunser zu brauchen, dieweil neben den Worten, die uns gegeben sind in dem Gebet, die betende Seele mit ihren eigenen Gedanken zugleich einhergehen kann. Ja, Freunde, sie kann das. Denn in der Werkstätte, da die Gedanken arbeiten, geht es wundersam zu. Wie wenn auf einem Webestuhl durch einen Tritt tausend Fäden bewegt werden, wie in nicht heiligen Dingen jemand dies als ein Gleichnis gebraucht hat, können wir es mit eben so viel Recht in unseren heiligen auch, - so geschieht's auf dem Betgebiet; nicht ist's Verwirrung, nicht Zerstreuung, o nein, sie gehen neben einander, die heiligen Gedanken, die auf die Worte des Vaterunser gerichteten oder vom Vaterunser angezogenen, und die wir selbst hinzutun als mehr unsere eignen, freien, und die einen verdrängen die anderen nicht und bleiben miteinander ein Gebet. Brauchen sogar die eigentlichen Vaterunsergedanken und unsere, unser Besondres befassenden Gedanken nicht einmal so verwandtes Geschlechts zu sein, als sie sind, und könnten sich doch zusammen vertragen. Ich habe ein Gleichnis gegeben, nehmet ein Beispiel dazu, und zwar eins ganz von Nahem. Meine lieben Zuhörer, ist's nicht also, dass ihr im Anhören des Predigtworts manchmal betet und bleibt im Anhören doch? gleichwie ich manchmal Beides in Einem tue, dies oft, dass ich bete, indem ich predige, und tue dies in diesem Augenblick wahrlich, wiederum auch zuweilen bei mir predige; es sollte wohl nicht so sein, aber die Gedanken, wer hält sie? predige bei mir, indem ich vor euch bete. So geht's zu, wenn wir das Vaterunser beten und zugleich ein Eigenes, Besonderes, Persönliches, das eben in dem gegebenen Gebet nicht liegt, vor Gott bringen, eigne Herzens- und Gewissenssache.

Und das sei drittens die Antwort, die wir geben, wenn gefragt wird: dürfen wir so mit dem Vaterunser verfahren? Ja, wir dürfen es wohl, denn es ist ja Gott, zu dem gesprochen wird, der uns in jedwedem Wort versteht. Zwischen Menschen ist's allerdings nicht so, da wollen die Worte und Gedanken jederzeit eins sein, sonst würde leicht ein Stein für ein Brot gegeben, oder für einen Fisch eine Schlange, ein Skorpion statt eines Eies geboten. Nicht also, der Vater unser im Himmel, der versteht uns in allem Wort. Ob ich dächte bei der fünften Bitte im dasmaligen Aussprechen derselben einzig daran, ein wie großer Schuldiger ich geworden sei an dem und dem, nicht dass er habe an mir, sondern dass ich habe an ihm mich versündigt mit dem Wort, mit der Tat, und füllte dieser Gedanke mein ganzes Vaterunser von dieser Bitte an, und dächte noch beim Amen den Vorsatz vor Gott, ich wollte es nach Kräften auch wieder gut machen, Gott wolle mich Schwachen dazu stärken, - was sollte damit wohl gefehlt sein? oder wer wollt' es einen Missbrauch des Vaterunser heißen? Meine Brüder, Gebet ist Gebet, und wir beten frisch zu, wie gute Gedanken uns dabei zugehen, wenn sie auch noch so weit von den Worten abgehen, Gott hört sie und versteht sie, und gibt uns nach unserem Sinne bei dem Wort.

III.

Und weil das teure Vaterunser so mit sich verfahren lässt, soll's nicht mit Unrecht getan heißen, wenn der dritte Predigtteil, wenn das Vaterunser bei allen kirchlichen Handlungen gebraucht wird. Gefragt mag werden, ob es daselbst überall auch an seiner Stelle sei. Ja, es sind der kirchlichen Handlungen viele und sehr verschiedene: Taufe, Konfirmation, Abendmahl, Trauung, Beerdigung und noch mehrere, da fast bei diesen allen allemal das Vaterunser gehört wird, in jeder Predigt auch ja. Nicht dass wir halten dafür enges Sinns, wobei kein Vaterunser daselbst sei die Handlung nicht rechter Art. O, da wissen wir's besser, wie bei der Taufe das Wasser es nicht tut, so tun's bei der Handlung die Worte nicht. Wenn wir nur mit Glauben und rechter Andacht bei einem heiligen Werk stehen und stören auch andere mit unsrer Freiheit nicht. Möchte vielleicht eine freiere, d. h. weniger durch übliches Wort gehaltene Bewegung zu wünschen sein. Doch ich wünsch' es eben nicht. Aber welche kirchliche Handlung es auch ist, bei welcher wir das Vaterunser brauchen, seine Stelle hat's bei jeder, denn Andacht passt überall hin. Seht, wozu geschieht, was geschieht? Uns zu Gott, Gott zu uns zu bringen und, wie zwischen Christen und Gott das der Weg ist, durch Jesum Christum. Hier ist nun, sprechen wir, das Vaterunser betend, hier ist nun Jesus Christus, der hat uns dieses Gebet gegeben, und wie gewiss wir's sind mit diesem Gebet, ganz so gewiss sind wir mit keinem anderen Gebet, dass Gott es gern höre. Wohlan denn, mit dem Vaterunser vorauf, das in den Himmel gerufen! Die Stimme ist oben bekannt, wird gehört als Jesu Stimme, und der himmlische Vater weiß, wie er daran sei mit uns, und dass wir eines Wegs kommen, da er uns gerne sieht. Und wir selbst auch, wie sehr wohl bereiten wir unsere Seel' auf ein heiliges Werk damit! was wird ausgebetet und weggebetet! was hergebetet und angebetet! Den rechten Priesterschmuck zur würdigen und gesegneten Verrichtung des jetzt Geschehenden beten wir uns zu. Nehmt es wohlverstanden hin: Ein andächtiges Vaterunser zieht dem Betenden Summar und Chorrock an und legt ihm den Kragen um. Solchem nach als viele Teilnehmer stehen an einem heiligen Werk, so viele Priester sind dabei. Das ist denn wohl ein schöner Gottesdienst!

Weiter antworten wir: Manches Wort im heiligen und heiligenden Vaterunser tritt in die jedesmalige Handlung hinein. Wie sehr in die Feier des Abendmahls habe ich neulich am Mittwoch in einer eigens darüber gehaltenen Predigt gezeigt, vom Anfang des Gebets an bis zu seinem Schluss. Heute ist nur zu einem Beispiele Raum. Ich nehme die fünfte Bitte: Vergib uns unsere Schuld. Ist's doch wie ein Gegengesang, eine Antiphonie, wenn es in den Einsetzungsworten heißt: Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Die Taufe: Wenn wir beten: Zu uns komme dein Reich, - so muss uns das ja eine Erinnerung sein daran, dass wir eben durch die Taufe dem Neugeborenen zum Bürgerrecht in diesem Reich verhelfen. Die Konfirmation: O wie sehr hat bei derselben die sechste Bitte ihren Ort: Führe uns nicht in Versuchung. Wie wohl wird Eheleuten, die in das vielbedürftige Menschenleben erst recht hineingehen, die vierte Bitte mitgegeben: Unser täglich Brot gib uns heute, und ja, um den schönen Frieden zwischen ihnen zu erhalten, von der fünften Bitte das Wort ernster Vermahnung: Als wir vergeben unseren Schuldigern. Und wenn wir an Särgen stehen oder an einem Grab', und es da heißt nach der siebenten Bitte: Erlöse uns von dem Übel, so frag' ich, ob dieses Wort nicht an seinem Orte daselbst sei? Ja das ist es! Ist nirgends am unrechten Ort.

Zudem noch, und dies ist das Letzte, wenn wir fromme Versammlungen haben und halten, - Kiel, du kennst sie, siehst alle Sonntage sie, wenn wir dabei ein Wort haben müssen, welches die Gekommenen befasst und anfasst alle, ein jedermann bekanntes Wort zum Behuf dieser Anfassung eben, so ist das Vaterunser dazu uns ganz recht. Denn mit dem Neuen und annoch Unbekannten hat unser Verstand zu viel zu schaffen und leicht kommt dabei das Herz zu kurz. Ferner, gleichwie wir ein gemeinschaftliches Glaubensbekenntnis nötig haben als Band, das uns bindet aneinander, so müssen wir auch haben, was wir beten miteinander, hierzu wieder ist uns das Vaterunser ganz recht. Glaube und Gebet ist ein Paar, von welchen Beiden nur Eines so geringen Wert hat, wie nur Ein Handschuh. Was kann denn uns nun erwünschter sein, als dass wir ein solches Gebet nicht erst zu machen haben, sondern welches schon gemacht ist und nicht zu verbreiten haben, sondern welches verbreitet schon ist, dass wir ein Gebet haben, welches nicht um des Gebers willen allein in so hohem Ansehen steht, sondern auf welches wir auch alle Menschenweisheit und Kunst können herausfordern und sagen: Wisst ihr ein besseres Gebet aufzubringen und uns zu vereinigen in eures, wie wir in das Gebet des. Herrn vereiniget nun einmal sind? Das wisst ihr nicht! Freuen wir uns denn unseres Vaterunsers.

Das ist denn auch diese Vaterunser-Predigt gewesen, die letzte. Der zu Anfang von uns angerufen ist, der ist herabgekommen und hat unser Werk gelingen lassen. Sprecht ihr nicht so mit mir? Ja, ihr Lieben, das tut ihr. Wenn wir jetzt in gewissem Verstande von dem teuren und uns teurer gewordenen Gebet scheiden, so geschieht's unter dem Wunsch der Seelen: Scheide du, teures Vaterunser, darum nicht von uns! Wir wollen auch nur nicht weiter predigen daraus und darüber, aber es fleißig zu beten, fleißiger als vorhin, das soll unser aller hier vor Gott und unserem Herrn Jesu Christo dargebrachter, dargelegter Vorsatz sein, bei welchem der Vater unser im Himmel, denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, uns behüten und erhalten wolle in Ewigkeit! Amen.

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