Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Neunte Andacht. Vor dem Richterstuhle.
1. Mose 3, 8-9: Und sie hörten die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten ging, da der Tag kühle geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesichte Gottes des Herrn unter die Bäume im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach: Wo bist Du?
Deine Stimme, o Herr, redet drein! Die Sonne dieses verhängnisvollen Tages darf sich nicht neigen, Du hast denn Deine Stimme erhoben. Deine Liebe fordert es so, auch die gefallenen Kinder sind Dir nicht gleichgültig, Du musst nach ihnen sehen, auch um Gericht zu halten. Die Liebe muss zürnen ebenso wohl wie Deine Heiligkeit, die Stimme Deiner heiligen, richtenden Liebe hallet wieder im Gewissen. Und wie der Wind die Saiten der Windharfe bewegt, so setzt Deine Stimme die Saiten des Gewissens ins Tönen. so bang klagt es durch diese Saiten, das Seufzen des Unfriedens zieht so schaurig durch die gedrückte Seele! Wo das ewige Leben zuvor seine Lieder sang von Fried und Freude, wo die Seele voll Dank und Freude war in seliger Gottesnähe: da dämmert die Todesahnung in der umnachteten Seele herauf, und die düsteren Schatten der Furcht und Unseligkeit lagern sich über die verödete, von Gott geschiedene Seele, wie Todeswehe zieht die Furcht des bösen Gewissens durch das innerste Leben. Deine Stimme ist es, o Herr, die darein redet; sie muss das Gewissen wecken, sie will die Sünder in das Gericht rufen.
Du ewiger, majestätischer, überweltlicher Gott bist eingegangen in Deine Schöpfung, und jedes Werk Deiner Hand muss Dir als Hülle dienen, nicht Dich zu verbergen, sondern Dich zu offenbaren. Zur Offenbarung dient Dir die ganze Schöpfung, die leblose und lebendige Kreatur, von dem weitesten Umkreise bis zum Mittelpunkte. Die Sterne, die vom weiten Himmelszelte in das Dunkel der Nacht herniederblicken, reden Deine Stimme; Dein Schelten rollt erschreckend den Himmel entlang, das Brausen des Sturmes, das Rauschen des Windes, der Nachthauch, der die Zweige leise bewegt, offenbaren Deine Nähe; und in der Krone der Schöpfung wird Deine Stimme gehört, heilige Männer Gottes müssen reden, getrieben von dem heiligen Geiste, bis Du in Deiner heiligen Menschwerdung ganz zu uns hereintrittst, in unser Fleisch und Blut Dich verhüllest, um ganz Dich zu offenbaren, um so ganz die Abgründe Deiner zürnenden und Deiner rettenden Liebe auszudecken. Ich kenne ja Deine Wege jetzt in der Zeit des Heils, im Lichte des Neuen Testamentes verstehe ich Dein Nahen im Paradiese, um von Angesicht zu Angesicht mit Deinen gefallenen Kindern zu reden. Das Rauschen Deiner Schritte schon weckt das bange Gewissen, und Deine Stimme ruft vernehmlich mit ausgesprochenen Worten die Sünder in das Gericht. Lass mich's erleben, mein Gott, im Geiste, lass mich zu Hause sein in der Geschichte des ersten Vaterhauses, dass ich als Kind dieses Vaterhauses mich mit in Dein Gericht stelle und erlebe, was keinem Kinde unsers Geschlechts erspart werden darf und kann. Ich falte meine Hände und bete an.
Gib mir helle Augen, mein Gott, den Stand der Dinge zu durchschauen, der nun geworden ist. Der Abgott ist durch die Sünde zur Erden- und Menschenwelt hereingetreten, sich darin einzunisten; die unsagbar arme, aller Herrlichkeit entkleidete, entthronte Majestät des Fürsten der Finsternis hat wieder ein Reich gewonnen hienieden auf Erden, ist durch die Sünde der „Fürst dieser Welt“ geworden. Und der Arge verhüllt sich, aber nur, um sich zu verbergen. Deine wunderherrliche Schöpfung mit all der Fülle der Gaben ist sein Versteck; nichts hat er, als was er geraubt hat. Dein Gut ist es und bleibt es, auch wenn der Arge sich dahinter verbirgt und versteckt. Barmherziger Gott, wann gehen uns die Augen auf, dass wir den Stand der Dinge mit nüchternem Blick durchschauen, von keiner Augentäuschung mehr verblendet! Wann gehen uns die Augen auf, dass wir erschrecken vor allem. auch vor den lieblichsten Gütern der Schöpfung, wenn nicht Deine Hand sie uns bietet, der Du darin Dich uns offenbarst aus lauter Güte! Wann gehen uns die Augen auf, dass wir entsetzt zurückschrecken, wenn uns die Dinge geboten werden wider Dein Wort und Gebot, aus der unsichtbaren Hand des Argen, der uns locket, sie als Raub an uns zu nehmen! Wann gehen uns die Augen auf, dass wir freudig und dankbar aus Deiner Hand alles hinnehmen, was Du gibst, auf alles mit Ergebung verzichten, was Du versagst, alles Dir opfern und hingeben, was Du forderst und nimmst! Du bist allein der Herr, Dein ist die Schöpfung, und wir sind auch Dein. Aber wir haben nun die Sünden des Versteckenspielens gelernt! Ach, es ist ja der Sünde Fluch, sie muss sich verbergen, sie kann sich nicht sehen lassen, Sünder müssen sich schämen vor Sündern, Lug und Trug muss Die Übertreter verhüllen. Aber mehr noch - sie fliehen vor Dir, und die Torheit will sich vor Dir äußerlich verbergen, und die Verblendung. will sich vor Dir innerlich verbergen mit Lug. und Trug, und der Lüge gefährlichste Art ist die Unbußfertigkeit, die die Sünde leugnet, und wenn. die Sünde ans Licht gezogen ist, die Schuld leugnet. Dahin ist es gekommen, mein Gott, das hat die Sünde angerichtet auf Erden! Der Abgott hat sich eingenistet mit all seiner List, mit all seiner Versuchungskunst, mit all seiner Bosheit,. versteckt sich hinter den Gütern der Welt und ihrer Herrlichkeit, nimmt den Opferduft entgegen von den Altären der Fleischeslust, der Augenlust und des hoffärtigen Wesens; und die Sünder verbergen sich vor Dir, fliehen Dein Angesicht, sinken immer tiefer in Leugnung der Sünde und Schuld! Ich sehe es, mein Gott, und flüchte zu Dir. Hab Dank, dass Du darein redest mit Gericht und Gerechtigkeit. Hab Dank, dass Du die Harfe des Gewissens in der gefallenen Kreatur hienieden bewahrt hast als das letzte Band, das uns mit Dir verbindet, wenn auch nur aus der Ferne; von Deiner Stimme können sie nicht loskommen, und die Stimme tönt hinein in das Gewissen, und es klagt und fragt und sagt darin von Gericht und Gottes Zorn. An diesem Faden hängt ja unsere Rettung, die Möglichkeit, dass wir nicht dahinsinken wie die Engel, die ihr Fürstentum nicht behielten; daran hängt es ja auch, dass Du, o Gott, das Gericht hineinlegst in diese Zeit. Es ist uns gesetzt zu sterben, darnach das Gericht; aber, o Du gnädiger Gott, hab Dank, dass Du, weil Du retten willst und kannst, das Gericht hier in die Zeit verlegst, hier uns ins Gericht rufst, dass wir uns selber richten und dann nicht gerichtet werden. Hab Dank, dass Du also Dich unser annimmst. Vor Deiner Stimme das Erwachen des Gewissens! Das bange, unselige Gewissen vor Deiner Klarheit und Wahrheit aus all den Irrgängen und Verstecken heraustreiben, in das Selbstgericht führen - das ist Dein Gang mit den Gefallenen. So gehst Du mit ihnen hier in das Gericht und bereitest eine Rettung vor.
Anbetend habe ich es nun gesehen und vor Dir erlebt, der Du das Abendmahl in Deinem Worte jetzt mit mir hältst. Meine Seele hat nur ein Verlangen in dieser Stunde; Du rufst, siehe, hier bin ich, lass mich vor Dir in das Gericht gehen. Ich will meine Seele ausschließen vor Dir, lass mich hinaustun alle die Nacht der Lüge, alle die Macht der Verblendung, all den Gräuel des Versteckens. Ich will nicht fliehen, ich will Dich suchen, ich trete vor Dein Angesicht arm, blind, bloß, voll Jammer. Das weiß ich, ich liege in Banden der Sündenmacht, liege in Banden der Todesnacht; ich weiß es, habe nichts, meine Blöße vor Dir zu decken, hier bin ich, mein Gott und mein Herr! Ich will zu Deinem Tische eilen, will Deine Gnade suchen und aus Deiner Fülle nehmen Gnade um Gnade. Ach, je tiefer meine Einsicht in das Verderben, desto sehnlicher mein Verlangen, zu Dir, o Herr, zu Deinem Tische, zu Deiner tiefsten, gnädigsten Herablassung, zu dem unendlichen Reichtum Deiner Huld. Ich weiß es, nur dem Aufrichtigen lässt Du es gelingen. Darum bekenne ich Dir alle meine Sünden, öffne meine tiefste Seele mit Bitten und Flehen im Geiste: „Heile mich, o Heil der Seelen, wo ich krank und traurig bin; nimm die Schmerzen, die mich quälen, und den ganzen Schaden hin, den mir Adams Fall gebracht und ich selber mir gemacht; wird, o Arzt, Dein Blut mich netzen, wird sich all mein Jammer setzen!“ Der Fall dort ist ja nichts Fremdes für mich, ich liege mit darin, und aus dieser Niederlage ist auch in mir erwacht eine Übertretung nach der andern. Ich kann Dir auf tausend nicht eins antworten im Gerichte. Und nun sieh das an, o Herr! Ich leugne nicht die Übertretung, leugne nicht die Schuld; ich klage auch nicht andere an, nicht den Versucher, nicht die Umstände, nicht Menschen das alles wirst Du richten an seinem Orte, es geht mich nichts an, mindert meine Schuld nicht. Mit mir allein hast Du es zu tun jetzt, mit mir allein gehst Du jetzt ins Gericht; ich beuge mich vor Dir, mein Gott! Lass mich vor Dir Gnade finden; ach, vergib die Sünden mir! Hier bin ich, wie ich bin; in Deinem Lichte sehe ich das Licht, und mit aufgewecktem Gewissen, mit banger Seele, mit dem Leid und Unglück im Herzen, mit dem Elende eines Adamskindes liege ich vor Dir arm, blind, bloß und voll Jammer, richte mich selbst, gebe Deiner Wahrheit die Ehre und habe nur das eine Wort, das eine Flehen: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ Amen.