Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Achte Andacht. Die böse Lust.

1. Mose 3, 6: Und das Weib schaute an, dass von dem Baume gut zu essen wäre und lieblich anzusehen, dass es ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte, und nahm von der Frucht und aß, und gab ihrem Manne auch davon, und er aß.

Es ist geschehen! Die Himmel erbeben, die Harmonie des Weltalls ist gelöst, ein Misston geht wie ein Schrei des Entsetzens durch die Schöpfung, der Ansatz zur Vollendung Himmels und der Erde ist im Keime zerstört, das Kleinod der Schöpfung ist dahin, die Engel Gottes trauern, der Abgrund triumphiert, das Hohngelächter der Hölle wälzt sich gen Himmel - der Mensch ein Kind des Todes, und diese wunderherrliche Gotteswelt der Erde wird mit allem, was darauf ist, in die Nacht des ewigen Todes hinabsinken. Es ist geschehen! „Durch einen Menschen ist die Sünde kommen in die Welt und der Tod durch die Sünde“ (Röm. 5, 1). Ich sehe es, mein Gott, erlebe es im Geiste und sinke nieder vor Dir, meine Seele hat nur das eine Flehen: „Erbarme Dich!“ Ich darf zu Dir rufen, ich weiß es ja schon, was geschehen wird; ich sitze ja an Deinem Tische, das Mahl mit Dir zu halten und Du mit mir, Du gnädiger Erlöser der gefallenen Welt. So darf ich nun diese Anfänge unserer Menschengeschichte erleben im Geiste nicht ohne den Trost eines bußfertigen Gebets, nicht ohne den Dank der erlösten Seele. Ach, lass mich nun mit stillem Ernst eines bußfertigen, gnadenhungrigen Herzens hier das große Geheimnis der Sünde durchschauen und vor Deiner heiligen Offenbarung auf immer geheilt werden und auf ewig geschieden sein von allen unzulänglichen Menschengedanken über die Sünde, dies Elend der Welt, diese Mutter alles Jammers in dieser und jener Welt! Durch schändlichen Betrug ist dies Gift der Hölle in unser Geschlecht gekommen, aber das Elend und die Schuld sind nun da. Als Tatsache, als Geschichte liegt es ja vor mir; was sollen mir noch die Träume der Menschenweisheit, welche die Sünde aus der Mangelhaftigkeit der Menschennatur, aus dem Kampfe des Naturlebens mit dem Geistesleben ableiten! Was sollen mir alle diese vergeblichen Worte, die mit so viel klugen Gedankenkünsten die Sünde entweder verewigen, oder als einen notwendigen Durchgang bezeichnen, eine Kinderkrankheit, die mit zunehmender Entwicklung des Geistes wie von selbst überwunden wird! In dem allen ist ja die alte Lüge, die von Deinem Worte abzieht, Deine Stimme nicht gelten lässt, von dem sicheren Boden der Tatsachen hinweglockt mit dem unseligen Erfolge, dass man keine Ahnung mehr hat von den Tiefen der Sünde, von ihrem inneren, ewigen Elende, von dem Todesgift derselben. Das lass mich hier fest und gewiss erfassen, für alle Lebenswege errungen haben: die Sünde ist ein unergründlich tiefes Geheimnis, sie hat ihren Ursprung in der Welt der hohen, begabten, mächtigen Geister, sie ist deshalb in ihrer Höhe und Tiefe weit hinausgehend über unsern Verstand, hat einen Inhalt des Elends, den wir von ferne nicht kennen, ihre Abgründe bloßzulegen, ihren Strom des Verderbens zu enthüllen, bedarf es einer vieltausendjährigen Geschichte, in deren Mitte das Kreuz steht, an welchem das Todesgrauen der Sünde und die ganze Bosheit derselben offenbar geworden sind als Feindschaft wider Gott. Ich sehe diesen Ursprung hier, mein Gott, ich kenne von nun an ihre Art, ihr Wesen: sie ist ein Todesgift aus höherer Welt. Die Sünde wird sich auswirken hienieden als dies Gift der Hölle, es wird seine Natur nie und nirgend verleugnen, wird überall und immer nur Auflösung, nur Jammer und Elend anrichten können. Diese Einsicht, mein Gott, lass in mein innerstes Leben übergehen, dass ich das Grauen empfinde, welches jede Erscheinung aus dem Reiche des Todes uns bereiten sollte, auch wenn sie sich so tief verbirgt und verhüllt unter den duftigen und anmutigen Gestalten des natürlichen Lebens. Und nun lass mich weiter ihr Werden und Wachsen in uns erkennen, wie es die geschichtliche Begebenheit uns so nahe bringt. Im Geiste haftet der Same der Sünde sofort, sobald Dein Wort dem Geiste entwunden ist, mit dem Zweifeln an Deinem Worte ist der Unglaube da, da hebt alles Elend an, das innere Auge des Glaubens fällt zu, die Gemeinschaft mit Dir ist dahin, das Auge ist auf die schöne Welt gerichtet. Die Welt und was in der Welt ist ohne Dich haben wollen, das ist jetzt das Verlangen, Du bist nicht mehr in ihnen, an Dir hängt ihr Herz nicht mehr, auf Dich ist das Auge nicht mehr gerichtet, zu dem Abgott zieht es hin, die Welt und was in der Welt ist, hat das Herz gefangen, und hinter allen Abgöttern liegt der Arge. Ach, mit dem Unglauben ist das Gift der Hölle bereits in der Seele, es schleichen die Nachtschatten der Todeswelt durch die Gedankenwelt, das Widergöttliche durchkreist die „Anschauungen“ und umstrickt die Kräfte des Geistes und der Seele, die ihren Gott verloren hat. O, die Zaubermacht der schönen Welt und dessen, was in der Welt ist! Das Herz des Menschen ist ja so geschaffen, dass es diese ganze Welt haben muss und haben soll, aber haben in Gott und mit Gott und durch Seine Hand; und nun ist die Welt zum Abgott geworden, der Arge verhüllt sich hinter dem Sichtbaren, und der Abgott hat das Herz gefangen, darum muss das böse Gelüst aufsteigen, die Begehrlichkeit durchkreiset die innere Welt der Gedanken, Empfindungen und Neigungen. Drei Altäre baut der Abgott sofort, da ihm geopfert wird: Fleischeslust, der Augen Lust und hoffärtiges Leben, in die drei großen Gebiete verzweigt sich die eine Weltliebe, die mit dem Unglauben geborene Abgötterei, und das träumende Auge schaut sehnsüchtig hinüber nach der verbotenen Frucht, nur Glück, nur Freude, nur Befriedigung, nur liebliches Wesen sieht es in derselben und im Besitze derselben, und die böse Lust tritt aus der Welt der Gedanken und Begierden und Wünsche heraus und wird zur Tat. Da ist die Sünde vollendet, da ist das Leben mit dem Fluche belastet, und wie das Unkraut fortwährend Unkraut streut, so die Sünde Sündenelend und Todesjammer.

Es ist geschehen! Das Geheimnis der Sünde ist zur Weltmacht auf Erden geworden, die dunkeln Nachtschatten der Hölle folgen ihr. Lass mich klar sehen, mein Gott, durch keine Einbildungen und keine Träume der Menschengedanken mich betrügen lassen. Du hast es gesagt: „Ihr werdet des Todes sterben!“ Du allmächtiger, heiliger, wahrhaftiger Gott redest nie ein leeres Wort. Ach, bewahre meine anbetende Seele, dass sie auch nicht von einem Hauche des Zweifels berührt werde, etwas anderes zu sehen, als was Dein Wort sagt, in Deinem Worte vor meinen Augen liegt klar und hell: die Menschen sind Kinder des Todes. Ihre Zukunft liegt nun in dem öden Reiche des ewigen Todes, durch lauter Täuschungen, lauter bittere Erfahrungen wird es abwärts gehen diesen Todesweg bis in die ewige Nacht voll Verzweiflung der Hölle. Lass mich klar und nüchtern den Stand der Dinge durchschauen, wie er da vor mir liegt als Tatsache in dem Ereignisse aller Ereignisse, im Sündenfall.

Was soll ich Menschenhilfe suchen gegen diese Todesschuld, gegen diese Todesmacht und dieses Todesgift! Das sehe ich ja klar, weder in mir, noch in denen, die neben mir sind, noch in einigem, was auf Erden ist, gibt es Hilfe vor solchen überlegenen Mächten der Sünde und des Todes, und was noch mehr ist, vor solcher Last der Schuld. Wo soll ich denn fliehen hin? Zu Dir, Herr Christ, alleine! Du bist es, weil Du die Schuld getragen, den Tod gelitten in unserm Fleisch und Blut. Darum komme ich zu Dir, der Du Dich ganz in unser Leben, ganz in unser Elend, ganz in unsern Tod versenkt hast. Mit dem ganzen Todesernst der Erkenntnis dessen, was Sünde ist, mit dem völligen Verständnis für die Verlorenheit der ganzen Welt, mit der ungeblendeten, nüchternen Einsicht, dass ich umfangen bin in und mit der Welt von all diesem Jammer, komme ich zu Dir, mein Herr und mein Gott. Lass Dich finden, wie jetzt in Deinem Worte, so auch in Deinem Sakramente. Bereite mich durch immer tiefere Einsicht in das weltumgestaltende Ereignis des Sündenfalls und damit der Sünde, dass meine Seele nicht stille sein kann, als wenn sie ruht in Dir. Und wie Du mich jetzt erquickst nach Deiner Verheißung mit dem geistlichen Genießen Deines Mahles, wenn ich Dich so schaue im Spiegel Deines Worts und höre Deine Stimme: so lass mich nun auch Zutritt haben zu dem Höchsten, welches Du uns als Ersatz für die Entziehung Deiner sichtbaren Gegenwart bis zu Deiner Wiederkunft gegeben hast, lass mich kommen zu Deinem wunderbar herrlichen Sakramente des Altars, dass ich ganz Dich habe mit allem, was Du mir bist für Leib und Seele, für Zeit und Ewigkeit. Bereite mich! Ich komm zu Deinem Abendmahl, beschwert mit manchem Sündenfall! Amen.

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