Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Sechste Andacht. - Die alte Schlange.


Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Sechste Andacht. - Die alte Schlange.

1. Mose 3, 1: „Und die Schlange war listiger, denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?

Wie wunderbar, mein Gott, und wie ergreifend berührt mich diese Begebenheit! Ach, gib mir helle Augen des Geistes, zu sehen die Geschichte, die da geschehen ist, und das innerste Wesen derselben zu erkennen das Wunder der Hölle, dass ich nicht mit den Träumern träume von Bildwerk und Dichtung, wo Himmel und Erde und alles, was darin ist, erbeben sollen vor der Wirklichkeit der inhaltsvollsten Begebenheit, die nur übertroffen wird durch das, was geschehen in der Fülle der Zeit. Gib meiner Seele den tiefen Ernst, zu betrachten den Kampf zwischen Tod und Leben; gib meinem Herzen das heilige Wallen und die Bewegung, welche da nicht fehlen kann, wo man die Bedeutung des Augenblicks erkennt; und wie Abendläuten auf stiller Flur müsse es mein Inneres durchtönen, wenn ich jetzt im Geiste durchleben soll dies unendlich große, gewaltige, ergreifende Ereignis der Ereignisse, auf welches Himmel und Hölle mit ganz hingenommener Aufmerksamkeit achten, mit atemloser Stille lauschen.

Da ist der Arge! Unter dem Sichtbaren ist das Unsichtbare, das Irdische ein Gefäß des Überirdischen. Das wundert mich nicht, mein Gott, das habe ich ja längst erkannt und begriffen, wie diese ganze Schöpfung ihrer innersten Natur nach zur Vereinigung und Gemeinschaft des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren angelegt ist, wie überall das Irdische Träger des Geistigen sein kann; es wundert mich nicht, dass, wo der Himmel keimt unter der Hülle des Irdischen, auch der Arge sich da verbergen kann, und die Hölle hineinredet in diese Welt, und der Zauber der Versuchung seine Macht entfalten kann zu diesem Wunder der Hölle. Nichts wundert mich in dieser Art, nachdem ich weiß, wie die ganze Schöpfung auf das Wunder, dies Hineinragen jenseitiger Kräfte, angelegt ist und ohne das Wunder des Zusammenhangs mit der Welt des Geistes weder sein kann noch soll, weder je gewesen ist, noch jetzt ist, noch sein wird in Ewigkeit. Ich will den Traum von einer aus dem Zusammenhange des Weltganzen entnommenen, für sich allein bestehenden Erden- und Menschenwelt den Träumern lassen; was geht mich die Unzulänglichkeit der Menschengedanken an in dieser heiligen, ernsten, ergreifenden Stunde, in welcher ich stehe und erleben soll im Geiste das Ereignis der Ereignisse, durch welches all dies Elend und all dieser Jammer, darin wir nun stehen, geworden ist auf Erden! In diesem ergreifenden Augenblicke, mein Gott, lass mich ganz atmen die Luft Deiner heiligen Offenbarung, unberührt von aller Beschränktheit der Menschenweisheit; lass mich ganz allein hören und ob dem Worte halten, das gewiss ist, Deinem Worte untertan. Ich frage nicht mehr, mein Gott, wie das sein kann; das ist ja keine Frage mehr, wo die Tatsache der Begebenheit vor mir steht im Worte; ich frage auch nicht, wer der ist, der unter der Hülle des Sichtbaren sich verbirgt, ich frage nur voll Entsetzen, warum er es darf? Diese reine Welt der Erde, deren Herrscher der Mensch ist; diese glückliche, selige, friedevolle, von Deiner Sabbatsruhe bedeckte, mit Deiner Gnadengegenwart beschenkte Welt des wunderherrlichen Paradieses, in welcher die verklärenden Kräfte der ewigen Welt wie selbstverständlich sind und hineinwachsen am Baume des Lebens; diese reine, selige, wunderherrliche Paradieseswelt, da Du Deinen seligen Kindern Dein Wort gibst und mit ihnen redest von Angesicht zu Angesicht - diese Stätte ist zugänglich dem Argen? Und gerade da, wo sie selig zu Deinen Füßen saßen, Deiner Rede lauschend mit seligem Entzücken, da darf der Arge erscheinen und hineinreden das Wort der Hölle und hineinwirken mit dem ganzen Zauber versuchender Macht und List? Dass er es kann, wie sollte ich noch fragen! Dass er es darf, das allein sei meine anbetende Frage vor Dir, mein Hort und mein Erretter. Du hast es so gewollt, hast es so gegeben, ohne Deinen Willen ist auch dieses Eintreten des Argen nicht geschehen. Dein Wille ist gut, nur Gutes kommt von Deiner Hand, nur tiefste Liebe und ewig preiswürdige Weisheit leitet all Dein Tun. Das weiß ich vorab, darum blicke ich in die Begebenheit vor mir mit diesem schrankenlosen Vertrauen, welches das selige Vorrecht Deiner Kinder ist. Es ist so gut, Dir dient alles, auch die Versuchung des Argen muss Dir dienen, dass das Gebilde Deiner Hand über die Möglichkeit der Sünde in freier Selbstbestimmung hinauswachse in die Vollendung der Überwinder. Alles Vermögen ist ja da, alle Kraft des Sieges, und die Entscheidung soll ein Sieg sein, der mit Frohlocken das Weltall durchzittert und mit Jauchzen alle Engel Gottes erfüllt. Ich sehe es und bete an. Es ist ein Kampf des Himmels und der Hölle, es ist ein Kampf des Argen, des von Hoffart verblendeten, gefallenen Geistes mit Dir, allmächtiger Gott und Herr, und die Entscheidung hast Du in den Menschen gelegt, in unserm Vaterhause der ersten Eltern wird ein Kampf entschieden, so inhaltreich, so bedeutsam, so folgenschwer für das ganze Weltall.

Ich stehe mit anbetender Seele vor der Tatsache der Begebenheit, ich habe nichts mehr zu sagen, nichts zu fragen, nur zu bitten habe ich: Den Geist, der da zuerst auf Erden so schleichend und gleißend auftritt, den Mörder von Anfang an, der nur Böses im Sinne hat, der so dreist das Werk Deiner Hand zu vernichten wagt und die Erde, die Deiner Ehre voll ist, so voll Spott der Hölle machen will, den argen Geist lass mich nie vergessen, und nie lass meine Seele sein ohne anbetenden Ernst gegenüber dem Vater der Lüge. Ach, mein Gott, und nie lass mich vergessen diesen Ursprung der Sünde und das damit aufgedeckte innerste Wesen der Sünde; nie lass mich vergessen diese gleißende Art, diese überlegene List, mit welcher der Arge das Todesgift der Sünde in diese wunderherrliche Gotteswelt eingeschwärzt hat. Dein Wort in Frage stellen, Dein Wort verdrehen, Verlogenheit und Verstellung, Hinterlist und Bosheit, die unter der unschuldigsten Miene sich verbergen, unter leichten Worten sich verhüllt, so leisetretend, so gefährlich - ja, so ist das erste Wort, welches der Mörder von Anfang hineinredet in unsere Welt, um Verwirrung anzurichten und Entsetzen zu verbreiten mit Ach und Weh. Was für ein Todesgift ist die Sünde, die der glühende Hass, der doch so gleißend sich verbirgt, so leisetretend, in so schleichenden Windungen sich verhüllt, hineinhaucht in die selige Welt der Menschen, das Wort des göttlichen Verbotes ihnen aus dem Herzen zu reißen und das Leben aus Gott und in Gott, welches an diesem Worte hängt, in ihnen zu töten! Ich fliehe zu Dir, mein Gott und mein Erbarmer, nimm mich in Deinen Schutz, und das eine versiegele in meiner Seele, diese Einsicht, dies unerlässliche Wissen, wie schrecklich der Feind, wie entsetzlich die Sünde ist! Ich muss auch demselben Feinde Widerstand tun, keinem kann der Kampf der eigenen Entscheidung erspart bleiben. Wo die Sündlosen fielen und unachtsam waren, die doch alles Vermögen hatten, in der Freiheit zu bestehen, da sollen wir nun in den Kampf mit der überlegenen Macht, wir Kinder einer Welt, die jetzt im Argen liegt? „Einer mag überwältigt werden, aber zwei mögen widerstehen, denn eine dreifältige Schnur reißt nicht leicht entzwei“ (Pr. Sal. 4, 12). Du bist es, o Herr, Du bist es, ohne den ich nicht bestehen kann, ich allein werde überwältigt; aber mit Dir verbunden durch Taufe, Wort und Abendmahl - so lass mich auf der Wacht sein, dass ich nicht überwältigt werde. Wie wunderbar hast Du Dein Wort hinausgeführt im höchsten Sinne des Worts: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei!“ Durch eigene Schuld ist das Gute übel geraten, und durch die Gehilfin des Lebens die Übertretung eingeführt. Da hast Du das Geheimnis der Ewigkeit lassen auf den Plan treten, Du sammelst die Gemeinde und neigst Dich zu ihr Du willst Dich ganz mit ihr vereinigen, Du kommst im hochheiligen Sakramente und wirst uns alles und gibst uns alles und machest die Gemeinde zu einem Volke, das zu tiefster Einigkeit soll verbunden sein. Getragen von dem Gebete Deiner ganzen Gemeinde dort und hier, gestärkt durch den Trost der Gemeinschaft mit so vielen Kindern Gottes, bereichert durch die Erfahrungen und belehrt durch die Einsicht der Jahrhunderte, die aus Deinem Worte geschöpft: so darf ich in den Kampf ziehen, der unvermeidlich ist. Aber mehr als alles ist es, dass Du Selbst Deiner Gemeinde Dich verbindest und in derselben auch mich zu Dir nimmst, ich will Dir danken in Ewigkeit. Du lässt uns sagen durch Deinen Apostel: „Der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sei mit euch (Röm. 16, 20)!“ Amen.


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