Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Fünfte Andacht. - Der Tod der Sünde Sold.

Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Fünfte Andacht. - Der Tod der Sünde Sold.

1. Mos 2, 16-17: „Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baume des Erkenntnisses Gutes und Böses sollst du nicht essen. Denn welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben.

„Ich, der Herr, das ist Mein Name; und Ich will Meine Ehre keinem andern geben, noch Meinen Ruhm den Götzen“ (Jes. 42, 8). Hab Dank, Du treuer Gott, und gebenedeit sei Deine ewige Majestät, dass Du solches für alle Ewigkeit setzt und forderst und willst unser Herr sein und bleiben, und wir sollen nie eines andern sein. Ach, was wird aus uns, wenn wir von Dir weichen, wir sind ja weniger als nichts, wenn wir von Dir weichen, wir sind ja Kinder des Todes! Alles ist unser, wenn wir Dich haben; aber ohne Dich können wir nichts haben, nichts als Elend. Es ist so lieblich, so schön, so herrlich im Paradiese, der reiche Himmelsfriede bedeckt das Gefilde, und selige, heilige Stille erfüllt das Herz, und nichts als Seligkeit und freudiges Dienen hat da seine Stätte, das ganze Leben und Sein ist ein Gottesdienst. Da ist nicht einmal Raum für ein eigentliches Gebot, es ist ja alles selbst verständlich; der Mensch dient Dir, denn dies Dienen ist seine eigenste Natur; er liebt Dich, lobt und preist Dich, tut Deinen Willen, er lebt in Dir und Du in ihm. Es ist doch kein eigentliches Gebot, dass er essen soll von allerlei Bäumen im Garten, es ist ja nur eine Erlaubnis. Wir atmen die Luft, das ist unsere Natur; wir essen und trinken und schlafen, wir gehen und stehen, das ist unsere Natur. Nur der Kranke braucht hier Gebote, der Gesunde atmet, isst, trinkt und schläft von selbst. Ich verstehe es wohl, mein Gott, wie es dort kein Gebot geben konnte, wie das alles, was uns Sündern geboten werden muss, dort ganz selbstverständlich ist, die eigenste Natur des Menschen. Wie lieblich, wie schön, wie herrlich ist das Paradies, dass so alle Gebote getan werden, ehe geboten ist und ohne dass geboten werden kann. Welch ein Staunen würde es sein, wie unverständlich wäre es dort, wenn Gebote laut geworden wären im Paradiese! Das war ja ihr Leben, dass sie Deinen Willen taten; das war ihre Lust, dass sie in Dir lebten und Du in ihnen. Aber ein Verbot ja, ein Verbot hat auch im Paradiese Raum, eine Schranke ist auch dem sündlosen Menschen verständlich, die Schranke gehört ja zum kreatürlichen Leben. Hab Dank, o Gott, dass Du Selbst Erziehung und Führung Deiner Kinder in Deine Hand genommen von Anbeginn; hab Dank, dass Deine Liebe uns über unsere Schranke hinausführen wollte zur Vollendung der Freiheit, in welcher ein Missbrauch des Willens nicht mehr möglich ist; hab Dank, Du treuer Gott, dass überall Deine Treue und Güte uns begegnet auf allen Wegen der Geschichte unseres Geschlechts. Du ewiger, großer, gewaltiger, majestätischer Gott, wie lässt Du Dich hernieder als Vater zu den Kindern, als Erzieher und Führer, und hebst selbst mitten in der Herrlichkeit des Paradieses den Finger auf mit ernstem Drohen, um zu zeigen die verwundbare Stelle unseres Geschlechts, die eben mit dem größten Vorzuge unvermeidlich verbundene schwache Stelle durch ein Verbot zu zeigen und hinzuweisen auf die Möglichkeit des Missbrauchs der Freiheit, damit sie durch eben diese Freiheit überwunden werde. Noch ist das schreckliche Wort nicht genannt, das Wort Sünde; aber die Sache selbst ist bezeichnet, und die schrecklichen Folgen sind bezeichnet und bei Namen genannt. Das Wort ist laut geworden inmitten der Seligkeit des Paradieses, wenn auch sein Inhalt noch so unbekannt, sein Wehe noch so ferne liegt Tod und Sterben. Ich sehe das alles vor mir, mein Gott, ich erlebe es im Geiste. Lass meine Seele erbeben bei diesem Erleben, lass sie in der Tiefe bewegt werden; lass mich vergessen die Gegenwart, dass mir sei, als stände ich noch in Wirklichkeit vor den Ereignissen der Urzeit. Das ist ja der Vorzug der Schriftforschung, wenn sie geschieht an Deinem Tische, da Du das Mahl mit uns hältst und wir mit Dir; Deine Nähe gewährt uns, was wir ohne Dich nicht haben können. Deine Nähe mache mein innerstes Herz erbeben vor diesem Verbot, in welchem die furchtbaren Gewalten der Sünde und des Todes mein Ohr, meine Seele berühren. Gieß über mich Deinen Geist, dass Er mit tiefstem Ernst meine Seele erfülle, dass sie verstehe ganz und nie vergesse, was Du hier an dieser Stelle mir sagst.

Ich weiß es, mein Gott, es war nötig, das Geheimnis der Sünde und des Todes aufzudecken mitten in der Freude des Paradieses, denn Du hast es getan. Alles, was Du tust, ist gut; ich kann nicht mehr fragen, warum? Aber ich brauche auch nicht mehr zu fragen, Deiner Augen Wink hat es schon gesagt. Ich brauche nur zu achten auf die Worte Deines Mundes, nur nicht zu überhören, wie sie lauten und was sie sagen. Du redest ja nicht von etwas, was noch nicht da ist; Sünde und Tod sind ja schon in der Welt, wenn auch außerhalb dieser unserer Erden- und Menschenwelt. Das schreckliche Gift der Sünde und der Jammer des Todes sind ja bereits eine Wirklichkeit in der großen Schöpfung Himmels und der Erde mit ihrem ganzen Heer, und es ist ja diese unsere Erde und Menschenwelt nicht aus dem Zusammenhange des Weltganzen entnommen, steht nicht vereinsamt da, wie die Torheit der Toren in ihrer Beschränktheit träumt. So muss ja der Finger aufgehoben, eine Schranke gezogen werden, damit am Verbot die Freiheit bewährt werde, die Möglichkeit der Sünde aus eigenstem Triebe und innerem Wachsen überwunden, Sünde und Tod auf ewig abgewiesen werden und keinen Zugang mehr finden auf Erden. Ich sehe das alles, ein Bangen ergreift mich für unser Geschlecht; ach, Herr, ich weiß es ja schon, was kommen wird! Ist es denn möglich, dass Dein aufgehobener Finger unbeachtet bleibt? Ist's möglich, dass der Sündlose am Verbote so achtlos vorüber geht, gleitet wie im Traume und fällt? Welch eine berückende Macht muss die Sünde sein!

Ich will mein Angesicht verhüllen und in meine Hände legen, will tiefbewegt vor Dir zum Staube sinken. Ach, wie haben wir Dir Mühe gemacht mit unsern Sünden, wie haben wir Dir Arbeit gemacht mit unsern Missetaten! Wie schwer wiegt das Herzeleid, welches Kinder ihrem Vater bereiten, wenn sie das Wort seiner warnenden, ernsten Liebe so achtlos dahinwerfen! Wie schwer wiegt das Unrecht der Sünde, weil es die Liebe kränkt, weil es von Dir scheidet! Tod ist Scheidung, er reißt auseinander Leib und Seele, Gott und Menschen, Himmel und Erde. O, wie entsetzlich sind Sünde und Tod! Mein Gott und mein Erlöser, hilf mir, lass mich nie vergessen, dass es mitten in der Herrlichkeit und der Seligkeit und dem Frieden des Paradieses ein Beben gibt und geben soll, welches die Seele erstarren macht: der Anblick der Sünde und des Todes, selbst wenn sie noch außerhalb der Welt sind. Wie soll es denn nun meine Seele mit Beben ergreifen, wenn ich jetzt als sündiger Mensch inmitten einer Welt, die im Argen liegt, der Sünde und des Todes gedenke! Lass mich fliehen zu Dir, mein Heiland und mein Retter, lass mich Dich fassen und halten, Dich suchen und finden, wo ich unbedingt sicher, ohne alle Frage gewiss Dich als den Retter habe: in Deiner Kirche, in Taufe, Wort und Abendmahl. Aber auch hier mitten in der Gnade des Lebens, die mir Dein heiliger Bund verbürgt; mitten in dem Frieden der Rechtfertigung, die in sich unantastbar gewiss ist; mitten in der Reinigung durch Dein Blut, das für uns vergossen zur Vergebung der Sünden: in all dieser heiligen Freude der Heilsgewissheit lass mich nie vergessen das Beben vor dem Geheimnis der Sünde und des Todes, das sei und bleibe die Unterlage aller Freude des in der Gnade der Heilsgewissheit sich freuenden Herzens. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/g/grashoff-paradies-nebo/grashoff-vom_paradiese_bis_zum_nebo_-_5.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain