Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Dreizehnte Andacht. Der erste Gottesdienst.
1. Mose 3, 21: „Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“
Barmherzig und gnädig bist Du, o Herr, geduldig und von großer Güte; Du handelst so herablassend mit den gefallenen Menschen! Ich muss Dir danken, dass Du solch Gedächtnis Deiner Gnade und Güte gestiftet hast für alle kommenden Zeiten und Völker, dass sie sehen, wie Du von Anfang an den Begnadigten den tiefsten Zusammenhang zwischen Erlösung und Erhaltung der Welt gezeigt hast, und wie Du Leib und Seele mit Deiner Güte und Gnade deckest, mit derselben Gnade, davon wir singen im Lichte des Neuen Testamentes: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit kann ich vor Gott bestehn und zu der Himmelsfreud eingehn.“ Arm und bloß, gebeugt und voll Schmach stehen die Sünder vor Dir. Was nützt das Eigenwerk der Feigenblätter! Du deckest sie mit den Flügeln Deiner Gnade und gibst, was ihnen fehlt, alles, was zu des Leibes Notdurft gehört. Es liegt alles verborgen in dem Gnadenworte Deines Urevangeliums, ist alles nur Gnadengabe aus Deiner Gnadenfülle. Wie gäbe es eine Erhaltung der Welt ohne Deine Erlösung! Kleider und Schuhe, Essen und Trinken, Haus und Hof und alle Güter wie würden sie gegeben werden, wenn nicht das große Opfer Deiner Hingabe in den Tod uns alles gesichert hätte! Der Du die Seele hüllest in Deine Gnade, Du gibst auch dem Leibe seine Notdurft. Wo ist je eine so große Sache mit so wenig Mitteln in so einfacher Weise den Menschen an den Verstand und zur Erfahrung gebracht, als hier im Paradiese, da Du die Sünder an den Opferaltar führest, um zwei große Dinge, an denen die Jahrtausende zu sinnen und zu denken haben werden, in einer Feierstunde zu völligem Verständnis und zu erfahrungsgemäßer Erkenntnis zu bringen: die eine Gnade ist es, welche Leib und Seele decket, das Leben in Zeit und Ewigkeit erhält.
Das Opfer stiftetest Du, zum Opfer leitetest Du sie an, mit dem Opfer deckst Du des Leibes und der Seele Blöße. Die Jahrtausende sollen diese Einsicht bewahren, die Völkerwelt soll um den Opferaltar sich scharen, dass so im Gottesdienst, dessen Mitte das Opfer ist, die Erkenntnis Deiner Gnade den kommenden Geschlechtern erhalten bleibt, und das vorbildliche Opfer sie hinweise als eine Weissagung auf die Erfüllung, die da kommen wird, wenn Du Selbst als das Lamm Gottes der Welt Sünden trägst. Lass mich im Geiste jetzt miterleben diesen ersten Gottesdienst nach dem Sündenfalle; lass mich im Geiste dabei sein, wie die Ersten unsers gefallenen Geschlechts, von Dir geleitet, dem inneren Leben des bußfertigen Glaubens Ausdruck geben. Das Lamm muss sterben, es ist zum Sühnopfer hingestellt! Ergreifender Augenblick, als so zum ersten Mal auf Erden vor ihren Augen das Blut des Opfers fließt. Barmherziger Gott ist das der Tod? Das ist der Sünde Sold? Den Tod haben wir verwirkt mit unsern Sünden, todeswürdig, entsetzlich ist die Sünde! Wir sinken zum Staube, und unsere Seele betet aus der Tiefe: „Ich bin's, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen gebunden in der Höll! Der Tod ist der Sünde Sold! Und doch nicht uns trifft der vernichtende Schlag; Du wendest, barmherziger Gott, das Gericht des Todes von uns ab, legst es auf das Opfer, verschonest uns! Ist das die Gnade? So handelt sie? Barmherziger Gott, wir flüchten in Deine Gnade, die Gnade umhüllt uns, deckt unsere Blöße, ist der Rock der Gerechtigkeit, in dem wir vor Dir stehen mögen. Was kann denn anders unser beichtendes, bekennendes, bußfertiges, gläubiges Herz wollen, als Dir nun das ganze Leben zum Opfer zu bringen, alles, was wir sind und haben, Dir zu geben, Dir anzugehören o so ganz!
Mein Gott, ich danke Dir, dass Du mir diese Feier im Vaterhause unserer Stammeltern gezeigt, dass ich im Geiste ihre Beugung, ihre Buße, ihren Ernst, ihren Glauben, ihr Gelübde und ihren Dank miterleben durfte. Unvergesslich soll mir's sein, wie dieser Opferduft der von Deiner Gnade lebenden Stammeltern zum Himmel steigt; unvergesslich dieser erste Gottesdienst mit so lauterem Bekenntnis, mit so tief empfundener Buße, mit so gläubigem Dank und Gelübde. Ich höre im Geist Dein Ja und Amen, ich trete mit unter Deine segnenden Hände, ich danke mit für das Ehrenkleid Deiner rettenden Gnade, und nie lass mich vergessen diesen Gang, den Deine Hand die ersten Eltern führte. Lass mich Dank und immer wieder Dank Dir sagen; am Danken lassen wir es fehlen, und doch bleibt Dein Wort ewig wahr: „Wer Dank opfert, der preist Mich, und das ist der Weg, dass Ich ihm zeige das Heil Gottes“ (Ps. 50, 23). Hab Dank, dass Du diese erste Opferfeier des Vaterhauses so tief in das Gedächtnis der folgenden Geschlechter ein geprägt, dass sie diese Erinnerung, diese Weise auch in der verkommensten Heidenwelt nicht ganz verloren haben. Ist auch der Sinn ihnen entschwunden, ein Ahnen ist doch geblieben und ein Bewusstsein der Schuld durch diese Form erhalten und das Bedürfnis der Sühne. Hab Dank, dass Du Deinen Opferaltar in Deinem Volke so treu erhalten und in allen Frommen Deines Volkes die klare Erkenntnis der Schuld, die klare Einsicht in die Notwendigkeit der Sühne und das Bußgebet der Gläubigen bewahrt hast, bis Du an die Stelle des Vorbildes die Erfüllung gesetzt, bis sie Dich sahen auf Golgatha, o Du Gotteslamm, der Du trägst die Sünde der Welt und mit einem Opfer vollendet hast in Ewigkeit und „eine ewige Erlösung erfunden.“ (Hebr. 9, 12.)
Nun lass mich kommen zu Deinem Altare des Neuen Bundes, Du mein Gott und Herr! Da lass mich ganz hinnehmen Dein für uns vollbrachtes Opfer, Dich Selbst soll ich finden da, Du meine Gerechtigkeit und meine Rettung, Du, mein Heil und mein Leben. Du rufst: „Kommt her zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken!“ Ich komme, Herr, und suche Dich, ich trete in Deine Beichte. Wie bekannt ist mir alles, seit ich im Geiste Die Opferfeier erlebt im ersten Vaterhause! Mit Mutterhänden leitet Deine heilige Kirche uns denselben Weg. Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir; Herr, höre meine Stimme: „Ich armer, sündiger Mensch bekenne Dir alle meine Sünde und Missetat, damit ich Dich jemals erzürnt und Deine Strafe zeitlich und ewig wohl verdienet habe. Sie sind mir alle herzlich leid und reuen mich sehr, und ich bitte Dich durch Deine grundlose Barmherzigkeit und durch das unschuldige, bittere Leiden und Sterben Deines lieben Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi, Du wollest mir armen sündhaften Menschen gnädig und barmherzig sein. Ich will mich durch Deine Gnade hinfort bessern.“ Amen.
Nimm an, mein Gott, schon jetzt in dieser Stunde meine Herzensbeichte, wie ich sie vor Dir laut werden lasse an Deinem Altare, wo ich durch Deiner Kirche Dienst aus Deines Dieners Munde Deine göttliche Antwort mit meinen Ohren hören soll, die tröstliche Absolution. So reichlich und vollkommen, als Du, mein Heiland, der Sünden Vergebung am Stamme des Kreuzes erworben, so reichlich und vollkommen reichst Du sie meinem bußfertigen und gnadenhungrigen Herzen durch Deine tröstliche Absolution. Lass mich beides, meine Beichte und Deine Absolution, wieder und wieder im Herzen bewegen, dass ich wohlbereitet an Deinen Altar trete mit tiefempfundenem Bekenntnis der Sünden, mit der ganzen Todesnot, die auf mir liegt, mit dem tiefsten Ernst der göttlichen Traurigkeit, die von keinem eigenen Verdienst weiß, mit dem vollen Glauben, der allein auf Deinen Tod schaut und unbeweglich ruht in diesem Abgrund Deiner Gnade, mit dem kraftvollen, von Deinem Geiste getragenen Entschluss, mein sündiges Leben zu bessern. Und dann will ich eilen mit anbetender Seele zu Deinem hochheiligen Sakramente, will vor Dein allerheiligstes Angesicht treten in dem Kleide des Heils, welches Du Selbst mir angezogen in Deiner tröstlichen Absolution, will mich verneigen vor Dir und mit der oberen Gemeinde anbeten: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind Seiner Ehre voll!“ Und so will ich hinnehmen Pfand und Siegel Deiner höchsten Gaben, will hinnehmen Deine Himmelsspeise, Dich Selbst mit allem, was Du bist und hast auch für mich: Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit! „Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünde der Welt, erbarme Dich unser!“ Amen.