Grashoff, Wilhelm - Vom Paradiese bis zum Nebo - Elfte Andacht. - Das Leid auf Erden.

1. Mose 3, 19: Im Schweiße Deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erden wirst, davon du genommen bist; denn du bist Erde und sollst zu Erden werden.

Wie gnädig ist Dein Gericht über den Menschen! Anbetend haben sie es vernommen in jener Stunde, von der Last ihrer Schuld bis in den Staub gebeugt, von dem Hoffnungsstrahl Deiner Gnade gehalten und getragen; anbetend und im Staube vor Dir liegend, mein Gott, lass auch mich das Wort jetzt im Herzen bewegen, es ist ja unser Gericht, es ergeht über alle vom ersten bis zum letzten Menschen. Gnade ist es, eitel Gnade, welche Dein Gericht umrahmt und durchwaltet. „Welches Tages Du davon isst, sollst Du des Todes sterben.“ Wie inhaltschwer ist dieses Todesdrohen, wie voll und ganz, wie wörtlich müssen alle Deine allmächtigen, wahrhaftigen Worte erfüllt werden! Und doch, die Gnade weiß Rat, wo alle ratlos sind. Die Übertretung ist nun da, und der Tod ist auch da, er ist da mit dem Augenblicke der Übertretung, er durchdringt ihr Leben, sie sind geschieden von Dir, das geistliche Leben ist dahin, dem geistlichen Tode verfallen, müssen sie eilends dahinsinken mit Leib und Seele in den andern Tod, den ewigen Tod, in die Nacht der ewigen Finsternis, das unaussprechlich schreckliche Gefängnis des Todes, das bereitet ist dem Satan und seinen Engeln Tod und Hölle sind ja unzertrennlich, gehören ja ihrer Natur nach und in der Kraft Deines Gerichts zu einander. Ach, Dein Erbarmen! Du legst unsern Tod auseinander in einen geschichtlichen Verlauf, entsprechend dem Grundgesetze der Entwicklung, das nach Deinem Willen diese ganze Erden- und Menschenschöpfung durchwaltet, Du lässt Raum und Zeit auf Erden, gibst Gnadenfristen des zeitlichen Lebens und lässt auch nicht einen dahinsinken in den ewigen Tod, bis Du das große Werk ausgerichtet, davon Dein Urevangelium geredet, und gibst in den ewigen Tod erst dann dahin, wenn Dein großer Tag des letzten Gerichts kommt, und gibst dahin nur die, welche Deine Berufung von sich gewiesen, Dein Heil dahingeworfen haben. Gnade ist es, dass Du ein zeitliches Leben auf Erden der im geistlichen Tode liegenden Menschheit bewahrt; Gnade ist es, dass Du die unmittelbaren Folgen dieses geistigen Todes Schmerzen, Lasten, Mühseligkeiten, Beschwerden, Krankheiten, Tränen, Jammer, Elend, Plagen setzt und gebrauchst als Zuchtmittel, dass die Sünder nicht verstocken in den Sünden, dass das Gewissen aufseufzt, dass das Sehnen nach Hilfe, das Schreien nach Erlösung in dieser sündigen, von Dir entfremdeten Menschheit erhalten bleibe Ach, und lauter Gnade ist es, dass Du diesem mühseligen und beladenen Erdenleben ein Ziel setzt und zwischen diesem zeitlichen mit den Todesmächten des geistlichen Todes erfüllten Erdenleben und dem ewigen Tode den zeitlichen Tod, die zeitweilige Scheidung Leibes und der Seele eingeschoben hast. Ein Geschlecht nach dem andern wird nun geboren, und ein Geschlecht nach dem andern sinkt wieder dahin, der Zeit und dem Raume entnommen, entnommen auch dem Jammer und der Mühseligkeit dieses Leibeslebens, hinübergebracht in das Land der Toten, dass sie harren des großen Tages, da Du auch die zeitweilige Scheidung Leibes und der Seele wieder aufhebst und einem jeden gibst, was er erwählet hat, einen jeden darstellst in dem, was er geworden in der Richtung, die er genommen bei Leibesleben, ein Kind der Gnade zum Leben, oder ein Kind des Todes zum ewigen Tode. Ich sehe es, mein Gott, und bete an. Gnade ist all dies Gericht mit zeitlichen Strafen, Gnade insbesondere die Spitze und Summa alles zeitlichen Elends, diese Scheidung Leibes und der Seele. Wie setzt Du der Missetat auf diesem Wege Schranken, dass sie nicht gar überhandnimmt auf Erden! Wie gnädig entnimmst Du Dein Volk, wenn es reif geworden, dem Jammer dieses armen, sündigen Erdenlebens zur völligen Erlösung!

Hab Dank, mein Gott, für alles! Hab aber auch Dank, dass ich dies Dein Wort vor Dir lesen, in Deiner Gnadengegenwart betrachten darf, im Lichte des Neuen Testaments, im Gnadenschein Deiner in der Fülle der Zeit vollbrachten Erlösung, da Du zu uns kommst, das Abendmahl mit uns zu halten und wir mit Dir! Hab Dank, dass Du unser ganzes Geschlecht dem ewigen Tode zunächst gänzlich entnommen hast, der zeitliche Tod dahin auch nicht einem die Tür öffnet, sondern nur am Tage Deiner Wiederkunst Dein Weltgericht dem ewigen Tode und seiner ewigen Nacht übergibt. Das Reich der Toten hast Du mit dem zeitlichen Tode zwischeneingesetzt, das stille, dunkle Land der abgeschiedenen Seelen drüben, da sie harren, ein jeglicher mit dem Inhalte, den sie mitnehmen aus dieser Welt des Lebens, es sei die Hoffnung und das Licht der Seelen, die Deinem Ruse folgten, die im Gewissen geweckt zu Deiner Gnade flüchteten, Dich suchten, ob auch im dunklen Drange, Dich fanden und ihres Glaubens lebten es sei die Angst des bösen Gewissens, dessen Wurm nicht stirbt, dessen Feuer nicht erlöscht. Und wie anders ist es nun geworden, da Du in Deinem Tode in die Mitte des Totenreiches tratest und hast geschieden, was innerlich sich fremd war, wie hier, so dort; und hast Deinem Volke die Friedensstätte des Neuen Testamentes eröffnet droben im Lichte, da sie in Deiner Ruhe ruhen, in Deinem Gnadenlichte warten des großen Tages, an welchem die Seelen wieder zurücktreten in das volle Leben Leibes und der Seele, um mit Dir zu leben und zu regieren in Ewigkeit! Unser alles bist Du, o Herr, unser Friede, unsere Ruhe, unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung, unsere Erlösung, unsere Stärke, unsere Seligkeit, unsere Auferstehung und unser Leben! Du allein bringst uns durch die Mühsale dieses Lebens, Du allein bringst uns durch das Thal des Todes, Du allein bringst uns zur Ruhe hier zeitlich und dort ewiglich, Du bist uns ein und alles! Ach, wie hungert mein Gemüte, Menschenfreund, nach Deiner Güte! Aus aller Arbeit und Plage, aus allen Kämpfen und Nöten, aus allen Tränen und aller Unvollkommenheit dieses Erdenlebens fliehe ich zu Dir. Ich höre Deine Stimme, ich habe sie gehört auch in dieser Stunde und bete an; ich höre aber auch Deine Stimme, die mich Mühseligen und Beladenen zu Deinem heiligen Tische ruft, dessen Gnaden und Gaben ich nicht entbehren darf. Ich komme auch da zu Dir; ich bringe Dir alles, was ich habe und bin, meine Sünde, meine Schuld, meinen Mangel, meinen Tod und meine Todesnot; und Du gibst mir alles, was Du hast und bist auch für mich, Deine Gnade, Deine Kraft, Deinen Tod, Deine Auferstehung, Deinen Leib und Dein Blut, dass ich Dein Leben habe und Deine Herrlichkeit sehe; das alles gibst Du mir, und ich soll ganz Dein eigen werden, uns soll der Tod nicht scheiden. So bereite mich, o Herr, zu diesem Gange, dass Leib und Seele sich freuen in Dir an Deinem heiligen Tische, da ich gespeist und getränkt werde mit dem Höchsten, was Du geben willst, mit dem Tiefsten, das mir fehlt, dass ich Dich Selbst empfange im hochheiligen Sakramente. So lass mich überwinden alles, was Tod an mir und in mir und vor mir ist; so lass mich Dich finden, o Lebensfürst, ganz wie Du bist, und was Du bist, die Auferstehung und das Leben. „O der großen Heimlichkeiten, die nur Gottes Geist kann deuten!“ Amen.

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