Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 131.

Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 131.

(1) Ein Lied Davids im höheren Chor. Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz, und wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind. (2) Wenn ich meine Seele nicht setzte und stillte; so ward meine Seele entwöhnt, wie Einer von seiner Mutter entwöhnt wird. (3) Israel, hoffe auf den Herrn, von nun an bis in Ewigkeit.

Ein kurzes, aber liebliches Lob herzlicher Demut. Manche meinen, David habe diesen Psalm gesungen, um sein eigenes Herz zu schweigen, dass es nicht vor der Zeit nach Sauls Thron und Krone begehre, nachdem der Sohn Isais bereits von Samuel zum künftigen König über Israel gesalbt, aber seine Stunde noch nicht gekommen war. Und da galt es allerdings dem hochklopfenden Herzen des jugendlichen, von den Menschen schon so hoch gerühmten, von Gott selbst schon so hochbegnadigten Helden zuzurufen: Hinab, mein Herz, hinab! Ob aber David den Psalm als Jüngling gesungen im Beginn seiner Laufbahn oder als Mann auf der Höhe seines Glücks; ja ob statt des großen Königs David irgendein namenloser, unbekannter, niedriger Mann dieses kleine Lied gedichtet hätte: immer hat es seinen guten Sinn und ist am rechten Platz. Denn der Hochmut und die Ungenügsamkeit steckt dem Menschen so tief im Herzen und kommt vor in so verschiedenen Gestalten, bei Geringen wie bei den Gewaltigen der Erde, bei den Alten wie bei den Jungen, bei den Frommen wie bei den Weltkindern, und stiftet soviel Schaden in unserem Herzen und Leben, bei uns selbst und bei andern, dass wir's uns wohl allesamt dürfen gesagt sein lassen und selber immer wieder sagen: Hinab, mein Herz, hinab! Das soll denn auch unsere Losung sein für dieses unser Andachtsstündlein:

Hinab, mein Herz, hinab! oder: Eine Mahnung zur Demut.

Wir wollen dabei einfach unserem Psalm folgen und fragen:

1) Bei V. 1: Was hab ich bei der Demut zu meiden?
2) Bei V. 2: Wie kann ich zur Demut gelangen?
3) Bei V. 3: Was darf ich von der Demut hoffen?

1) Was hab ich bei der Demut zu meiden?

Auf diese Frage gibt uns David Antwort:

V. 1: „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig und meine Augen sind nicht stolz und wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind.“ Also dreierlei Hoffart gilt's zu meiden: Hoffart im Herzen, Hoffart in den Augen, Hoffart im Wandel; dreifach muss die Demut sich erweisen: in demütigen Gedanken, in demütigen Gebärden und in demütigen Werken. Oder wenn ich den einfachen Worten unseres Verses eine weitere Auslegung geben darf, so möchte ich auf die Frage: Was hab ich bei der Demut zu meiden? die Antwort geben: Lass dein Herz nicht hoffärtig sein, d. h. halte nicht zuviel von dir selber; lass deine Augen nicht stolz sein, d. h. blicke nicht herab auf deinen Nächsten; wandle nicht in großen Dingen, d. h. begehre nicht zu Großes von deinem Gott.

„Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig!“ spricht David, und das soll für uns eine Mahnung sein: Halte nicht zuviel von dir selber. Stellen wir uns den jungen Sohn Isai vor, so lag ihm allerlei Versuchung nahe, große Dinge von sich selber zu halten. Sein Herz hätte können hoffärtig sein auf leibliche Vorzüge, denn der Jüngling war schön von Gestalt, ein blühender und streitbarer Jüngling; und hoffärtig auf geistige Gaben, denn er war klug und verständig, geschickt im Saitenspiel und hatte schon die Erstlinge des Geistes Gottes empfangen. Er konnte sich etwas einbilden auf Menschenlob, denn die Töchter Israels hatten gesungen: Saul hat tausend geschlagen, aber David zehntausend; und er konnte stolz sein auf Gottes Gnade, denn der Herr selbst hatte ihn zu seinem Gesalbten erkoren durch seinen Propheten. Er konnte sich etwas zu gute tun auf das, was er schon geleistet, denn als Knabe schon hatte er Heldentaten getan, einen Bären erschlagen und einen Riesen bezwungen; und er konnte stolz sein auf das, was er noch werden sollte, denn er war erkoren zum König über Israel. Da tat es wohl not, sich selber zuzurufen: Hinab, mein Herz, hinab! und da wollte es schon etwas heißen, in Wahrheit sagen zu können vor dem Herzenskündiger: „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig.“

Auch unser Herz, meine Lieben, weiß so vielerlei Anlass zum Hochmut zu finden und hat so mannigfache Versuchung, zuviel von sich zu halten. Wer nicht eitel ist auf seine körperlichen Vorzüge: Jugend, Schönheit, Körperkraft, Gesundheit, Kleiderstaat, der bildet sich wenigstens gern etwas ein auf seine Geistesgaben: Verstand, Klugheit, Bildung, Gelehrsamkeit, Geschicklichkeit aller Art. Wer nicht hochmütig ist auf anererbte Glücksgüter: Geld und Gut oder Geburt und hohen Stand, der tut sich doch etwas zu gut auf seine selbsterworbenen Vorzüge und eigenen Verdienste, auf seine Leistungen im Beruf, auf seinen unbescholtenen Namen, auf seine Werke der Wohltätigkeit und Menschenliebe. Wer in bescheidenen Verhältnissen einen bescheidenen Sinn und ein demütiges Herz gehabt, wie David bei seines Vaters Herde, der wird im Glück oft aufgeblasen, kann Weltgunst und Menschenlob nicht vertragen. Wer vom weltlichen Hochmut sich losgemacht, bei dem schleicht sich der alte Feind so gern wieder ein in einem neuen Kleid, als geistlicher Hochmut, und er ist nun stolz zwar nicht mehr auf die äußere Habe, aber auf seine geistlichen Gaben, auf sein Beten und Kirchgehen, auf seine Frömmigkeit, auf seinen Gnadenstand, ja auf seine Demut selber. Wer in Worten und Werken, in Blicken und Gebärden sich hütet, seinen Hochmut herauszulassen, o bei dem steckt er oft nur umso tiefer in den geheimen Falten des Herzens drin. Darum in Wahrheit, meine Lieben, tut es recht not, dass jedes auch unter uns sich frage: kann ich's mit gutem Gewissen dem Psalmisten nachsprechen: „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig?“ Darum tut's recht not, dass auch ein Kind Gottes sich immer wieder zurufe: Hinab, mein Herz, hinab! Vergiss nicht über dem, was du hast und bist, das was dir gebricht; über deinen Tugenden deine Fehler, über deinen guten Werken deine Sünden, über der Menschen Lob Gottes Urteil, über deinem äußeren Schein dein inneres Wesen, über deinem sauberen Kleid dein vielfach beflecktes Herz; vergiss nicht, um es kurz zu sagen, dass du vor Gott, dem Heiligen und Allwissenden, dem Majestätischen und Alleingewaltigen, nichts bist, nichts als ein armer Sünder, nichts als Staub und Asche. Halte nicht zuviel von dir selber, dann wirst du auch nicht herunterblicken auf deinen Nächsten.

Daran soll uns das weitere Wort mahnen: „Meine Augen sind nicht stolz.“ Wie oft und gern drückt sich unser Hochmut aus in unsern Augen, die wir in der Welt umherwerfen, in dem Blick, womit wir auf unsern Nächsten heruntersehen. Kannst du, lieber Freund, in Wahrheit sagen: „Meine Augen sind nicht stolz?“ Ich habe noch nie auf einen meiner Brüder herabgeblickt mit jenem Pharisäerblick, der da spricht: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner da. Ich habe noch nie meines Nächsten Fehler aufgesucht mit jenem Späherblick, da man den Splitter sieht in seines Bruders Auge und wird nicht des Balken gewahr im eigenen Auge. Ich habe ein offenes Auge auch für das Gute an meinem Nächsten, einen freundlichen Blick auch für den, der unter mir steht an äußeren oder innern Vorzügen. Ach, wir können oft unserem Nebenmenschen so weh tun durch dieses stolze Auge, das so kalt auf ihn herniedersieht, durch diesen hochmütigen Blick, der ihm sagen soll: Du bist nicht meinesgleichen; ich bin mehr als du, bin begüterter oder vornehmer oder gescheiter oder rechtschaffener oder frömmer als du. Und wie müssten wir oft dieses unser stolzes Auge beschämt zu Boden schlagen, wenn wir hineinsehen könnten in das Herz und Leben des von uns verachteten Bruders und würden da im irdenen Gefäß oft Schätze göttlicher Gnade finden, von denen wir keine Ahnung haben; wie ganz anders als wir urteilt oft der Herzenskündiger, vor welchem der demütige Zöllner gerechtfertigt hinabging in sein Haus, während er den hoffärtigen Pharisäer stehen ließ in seines Herzens Eitelkeit! Und wie anders als in dieser Welt der Ungerechtigkeit wird einst dort an jenem großen Tag das Urteil Gottes ausfallen, wo oft die ersten werden die letzten und die letzten die ersten werden!

Darum mein Aug hinab, Gott selber schaut hernieder
Vom Thron aufs Niedrige, der Stolz ist ihm zuwider;
Je höher hier ein Aug, je näher ist's dem Grab,
Und sinkt in Todesnacht, darum mein Aug hinab!

„Meine Augen sind nicht stolz und wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind,“ fährt der Psalmist fort und daraus leiten wir die weitere Regel ab: Begehre nicht zu Großes von deinem Gott. „Ich wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind,“ spricht David; ich bleibe gerne bei meiner Herde, solange es Gott gefällt, und begehre nicht den Schäferstab zu vertauschen mit dem Königszepter, noch die friedlichen Triften von Bethlehem zu vertauschen gegen den Prunksaal auf der Zionsburg. „Ich wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind!“ - wie wohl täten wir allesamt, wenn wir auch so dächten, auch so sprächen, auch so handelten! Und nicht zu Großes begehrten von Gott, nicht mehr sein wollten, als Gott aus uns machen will, nicht mehr haben wollten, als Gott uns schenken will! Wie mancher vergeudet seine edelsten Kräfte, weil er höher hinaus will, als ihm von Gott beschieden ist; er könnte in seinem Kreis etwas recht Tüchtiges sein, aber er will über seine Grenzen hinaus und da reicht es nicht und er wird zu Schanden. Wie mancher verbittert sich das Leben, weil er das bescheidene Glück nicht schätzt, das ihm Gott beschieden, und trachtet nach hohen Dingen und jagt nach Glanz und Ehre und geht dran zu Grunde. Es ist aber ein großer Gewinn, so jemand gottselig ist und lässt ihm genügen.

Trachtet nicht nach hohen Dingen, nur der Demut kann's gelingen,
Wenn's das ewge Kleinod gilt;
Sie kann vor dem Fall bewahren, in Versuchung und Gefahren
Ist sie uns der beste Schild.

Aber, fragst du:

2) Wie kann ich zu solcher Demut gelangen?

Lass uns sehen, ob wir dafür nicht etwas lernen können aus: V. 2: Wenn ich meine Seele nicht setzte und stillte,“ oder dem Sinne nach: „Gewiss ich habe meine Seele gesetzt und gestillt. Es ward meine Seele entwöhnt, wie einer von seiner Mutter entwöhnt wird.“ Ich habe meine Seele gestillt- und ich habe meine Seele entwöhnt; seht da, meine Lieben, zwei treffliche Fingerzeige zur Demut und Zufriedenheit, zwei untrügliche Mittel wider Hochmut und Ungenügsamkeit.

„Ich habe meine Seele gestillt,“ d. h. geschweiget, dass ihre unruhigen Wünsche sich legen mussten wie die brausenden Meereswellen sich legen, wenn der Mond hervortritt aus den Wolken, dass ihre wilden Leidenschaften einschliefen, wie das weinende Kind, wenn die Mutter es in Schlummer singt. Aber wie muss ich das machen, um meine Seele so zu stillen? Wo ist der Mutterschoß, in den meine Seele sich legen muss, dass sie stille wird wie ein weinendes Kind? Wer ist der Wundermann, der dem stürmischen Meer der Leidenschaften gebietet, dass Wind und Wellen sich legen und es ganz stille wird? Ihr kennt ihn, den Wundermann es ist derselbe, der dort im See Genezareth den Sturm beschwor: Jesus, der Friedefürst. Ihr wisset ihn, den Mutterschoß, drin das weinende Herz zur Ruhe kommt es ist der Schoß der ewigen Liebe, es sind die Arme des himmlischen Vaters. Ja vor Gott und durch Gott und in Gott wird eine Menschenseele stille; demütig und geduldig, genügsam und zufrieden, satt und froh, dass sie nichts mehr beklagt, nichts mehr begehrt, nichts mehr vermisst. Stell nur mit deinem stolzen Herzen dich ins Licht vor Gottes Angesicht, o wie muss da dein Hochmut schwinden, wie musst du dir da so klein erscheinen vor ihm, dem Heiligen und Alleingewaltigen! Sammle nur und fasse im Gebet vor ihm deine Seele, o wie muss da der Sturm der Leidenschaften sich legen! Lass nur von seinem Worte dich lehren, das ein Richter ist unserer Gedanken und der Gesinnungen unseres Herzens, o wie wird da deine Selbstgerechtigkeit zu Schanden! Stelle dir nur den vor die Seele, der, obwohl er hätte Ehre haben mögen, doch die Schmach erwählte und erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, - o wie musst du da deines eitlen Stolzes dich schämen! Lege nur dein sorgenvolles Haupt zur Ruhe an Gottes Vaterherzen mit einem gläubigen: Herr, wie du willst, so schick's mit mir o wie werden deine Klagen verstummen und deine Tränen sich stillen! Ja, stille deine Seele vor dem Herrn, kehre ein in Gott, das ist das beste Mittel zur Demut und Genügsamkeit. Und das andere wird dann leicht: „Entwöhne dein Herz von den Freuden dieser Welt.“ Wie ein Kind, das von der Mutter entwöhnt ist, ruhig und begehrungslos nun in der Mutter Arme liegt und nicht mehr verlangt nach der früher gewöhnten, nun aber versagten Nahrung, so musst auch du dein Herz entwöhnen lernen von manchem, was dir einst süß dünkte hienieden, und entsagen lernen nicht nur der verbotenen Lust, sondern auch mancher erlaubten Freude. Es kostet freilich Tränen, bis das Kind entwöhnt ist von der Mutter Brust, und kostet Schmerzen, bis das Herz gelernt hat, sich selbst zu verleugnen. Aber man kann's entwöhnen, das begehrliche Herz, wenn man's ernstlich will; man kann's entwöhnen in dem Gedanken: Was Gott mir versagt hat, das will ich nicht erzwingen; er weiß besser als ich, was mir gut ist. Man kann's entwöhnen in dem Gedanken: Einst muss ich ja doch alles dahintenlassen, an das ich mich hier gewöhnt; denn wir haben nichts in die Welt gebracht, darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Man kann's entwöhnen in dem Gedanken: Das Beste bleibt mir ja doch.

Was sind dieser Erde Güter?
Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter;
Dort, dort sind die edlen Gaben,
Da mein Hirt Christus wird mich ohn Ende laben.
Und da sieh noch, Seele:

3) Zum Schluss: Was darf ich von der Demut hoffen?

Antwort:

V. 3: „Israel, hoffe auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit.“ Auf den Herrn darfst du hoffen, wenn du in Geduld deine Seele fassest; seiner Gnade darfst du dich trösten, wenn du demütig vor ihm dich beugest. Denn den Demütigen gibt Gott Gnade und wer sich selbst erniedriget, soll erhöht werden. Der David, der demütig das Joch trug in seiner Jugend, ist er nicht später gekrönt worden mit Gnade und Barmherzigkeit? Und der große Davidssohn, der sich erniedrigt hat und gehorsam ward bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, hat ihn nicht Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist? Wohlan denn, den Demütigen gibt Gott Gnade. So beuge dich vor ihm in frommer Demut, ergib dich ihm in getrostem Vertrauen und dann Israel, hoffe auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit!

Hinab, mein Herz, hinab, so wird Gott in dir wohnen.
Die Demut lohnet er mit goldnen Himmelskronen;
Im Demutstale liegt des heilgen Geistes Gab;
O wohl dem, der sie sucht! Darum, mein Herz, hinab!
Amen.

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