Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 130.

Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 130.

(1) Ein Lied im höheren Chor. Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. (2) Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens. (3) So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? (4) Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. (5) Ich harre des Herrn, meine Seele harrt, und ich hoffe auf sein Wort. (6) Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache zur andern. (7) Israel hoffe auf den Herrn, denn bei dem Herrn ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm. (8) Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Dieser kräftige, echt evangelische Psalm, gewöhnlich als der sechste unter den sieben Bußpsalmen gezählt, ist samt dem Liede, das unser Luther darüber gedichtet und das wir zum Eingang gesungen: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ von Anbeginn an ein Kleinod unserer evangelischen Kirche gewesen.

Schon im Jahr 1524 hat Luther, die Wittenberger Nachtigall, die mit ihren Morgenliedern das deutsche Volk aus dem geistlichen Schlafe sang, diesen Psalm ins deutsche Lied übersetzt, und darin nicht nur seine eigene tiefe, evangelische Herzenserfahrung ausgesprochen, sondern auch seinem Volke den rechten evangelischen Heilsweg angezeigt: Bei dem Herrn ist die Vergebung, dass man ihn fürchte, nicht aber beim Ablasskrämer oder beim Papst oder bei den Heiligen. Noch im selben Jahr, da Luthers Lied gedichtet war, am 6. Mai 1524, trug dies Lied ein alter armer Mann, seines Handwerks ein Tuchmacher, in Magdeburg feil und sang es den Leuten auf dem Markt bei dem alten Steinbild des Kaisers Otto vor. Viel Bürger blieben stehen, hörten zu, stimmten mit ein. Da schickt der Bürgermeister seine Häscher und lässt den evangelischen Psalmensänger und lutherischen Hausierer einstecken. Aber in der schon damals entschieden evangelisch gesinnten Stadt Magdeburg gab es drob großen Rumor. Zweihundert Bürger zogen vors Rathaus und forderten durch ihren Wortführer, einen ehrsamen Bürger, die Loslassung des Gefangenen mit der Erklärung: Wir wollen unsere Zuflucht nehmen allein zu dem ewigen Herrn und Bischof, Jesus Christus, der mit göttlichem Eide bestätigt ist. Er ist unser Hauptmann und bei ihm wollen wir ritterlich fechten. Das drang denn auch durch: der Tuchmacher ward frei, Magdeburg blieb evangelisch und fröhlich klang das Lied weiter durch die Lande: Aus tiefer Not schrei ich zu dir; Herr Gott, erhör mein Rufen.

Ein alter Prediger jener Zeit schreibt: Er glaube nicht, dass ein Mensch melancholisch sein könne, wenn er diesen Psalm singt, dass er nicht empfindliche Erquickung, augenscheinlicher Trost und Besserung spüren sollte. Das hat Luther an sich selbst erprobt. Als er während des Augsburger Reichstages 1530 zu Coburg auf der Feste war und viel zu leiden hatte von inneren und äußeren Anfechtungen, da sagte er einstmals, aus einer tiefen Ohnmacht erwachend, zu seinem Diener: Kommt, wir wollen dem Teufel zum Trutz den Psalm: „Aus tiefer Not“ auf vier Stimmen singen und Gott damit loben und preisen.

Ja noch nach Luthers Heimgang ward dies von ihm gedichtete Lied sein Grabgesang und seines Volkes Klage- und Trostlied. Als man nämlich Luthers Leichnam am 20. Februar 1546 von Eisleben gen Wittenberg führte und ihn auf dem Durchweg in Halle abends 7 Uhr in die Sakristei der Kirche Unserer lieben Frauen trug, so wurde vom Volk, das sich um den Sarg des teuren Gottesmanns in großen Scharen drängte, dieser Psalm mit kläglich gebrochener Stimme mehr herausgeweint als gesungen.

Auch inzwischen ist dieses Lied und unser Psalm schon mancher angefochtenen Seele zum Trost geworden in Sündennöten, in Lebenssorgen und in Todesängsten, und ließe sich darüber noch manch erbauliche Geschichte erzählen. Besser aber, als solche Geschichten erzählen hören, ist, sie an sich selbst erfahren, und darum sei den Mühseligen und Beladeneu auch unter uns, ja uns allen zu andächtiger Betrachtung jetzt und zu frommer Beherzigung für allezeit empfohlen dies Lied:

Aus tiefer Not ruf ich zu dir.“ Der Psalm hat vier Absätze:

1) Die Seele ruft aus der Tiefe zum Herrn, V. 1. 2.
2) Bittet um Gnade und Vergebung als den einzigen Weg zum Heil, V. 3. 4.
3) Wartet geduldig auf das Gnadenwort des Herrn, V. 5. 6.
4) Fordert auch Israel auf zu solchem Glauben und Hoffen, V. 7. 8.

1) Die Seele ruft brünstig aus der Tiefe zum Herrn:

V. 1: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“ V. 2: „Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens.“ „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“ Sieh, liebe Seele, auch aus der Tiefe kannst du zu Gott rufen. Es könnte eines meinen, um zum Herrn zu rufen, der in der Höhe und im Heiligtum wohnt, müsse man selber sich auf der Höhe befinden, auf der Höhe freudiger Begeisterung oder auf der Höhe großer Weisheit und Wissenschaft oder auf der Höhe erhabener Tugend und Gerechtigkeit. Aber davon lesen wir nichts in der Schrift alten oder Neuen Testaments und davon finden wir wenig in der Erfahrung. Viel brünstiger als von der Höhe des Glücks, der Weisheit und Selbstgerechtigkeit rufet in der Regel das Menschenherz aus der Tiefe zum Herrn, aus tiefer Not, aus tiefer Angst und Bedrängnis von außen oder innen. Und viel lieber als zu den Hohen und Stolzen neigt sich der Herr zu den Niedrigen und Armen am Geist, wie er selber sagt Jes. 57, 15: Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, des Name heilig ist: Der ich in der Höhe und im Heiligtum wohne und bei denen, so zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. Was will auch menschliche Höhe heißen gegen die Majestät dessen, der über den Welten thront? Besteig ein Mann immerhin die höchste Alpenspitze und klettre auf den Gipfel des Montblanc und Chimborasso, soweit ein menschlicher Fuß sich versteigen kann: für die Erde ist er hoch oben, aber der Sonne droben ist er darum kaum um ein Härlein näher gekommen; denn was wollen zwanzigtausend Fuß sagen gegen zwanzig Millionen Meilen, die die Sonne von unserer Erde entfernt ist. Ähnlich verhält es sich mit der Höhe menschlicher Tugend, menschlicher Weisheit, menschlicher Begeisterung gegenüber der Geistersonne, dem heiligen und alleingewaltigen Gott, der in einem Lichte wohnt, da niemand zukommen kann. Heb immerhin deine Flügel, o Menschengeist, und steige so hoch du kannst, das ist schön und gut, aber glaube nicht, du kommest dadurch auf gleiche Höhe mit Gott. Der Abstand zwischen ihm und uns wird ausgefüllt nicht durch unser Steigen, sondern durch seine Herablassung; wir kommen zusammen mit ihm nicht durch unser Verdienst, sondern durch seine Barmherzigkeit, und darum auch aus der Tiefe, aus tiefer Herzensangst, aus tiefer Sündennot, aus tiefer Geistesarmut schreie du getrost zum Herrn und sprich: „Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens.“ Er hört deine Stimme, auch wo sie aus der Tiefe zu ihm ruft, denn er ist der Allgegenwärtige, von dem's in jenem Psalmspruch heißt: Führe ich gen Himmel, so bist du da, bettete ich mir in die Hölle, siehe so bist du auch da. Er merkt auf die Stimme deines Flehens, denn er ist der Gütige und Barmherzige, der gerne wohnt bei denen, die demütigen und zerschlagenen Geistes sind. Der Daniels Gebet hörte aus der tiefen Löwengrube herauf, der hört auch dein gläubiges Flehen aus der Tiefe deiner Not. Darum, wie tief du auch in Nöten steckest, sage nie: Meine Not ist zu tief, als dass ich zu Gott noch dürfte schreien, als dass er mich noch sollte hören; nein, ist deine Not tief, so ist noch tiefer der Abgrund seiner Barmherzigkeit; ist deine Sünde groß, so ist noch größer der Reichtum seiner Gnade. An diese Gnade freilich musst du glauben, daran musst du dich halten, darum. musst du bitten, wie es David macht:

2) Er bittet um Gnade und Vergebung als den einzigen Weg des Heils.

V. 3. 4: „So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ „So du willst, Herr, Sünde zurechnen.“

Da sehen wir, aus welcher Tiefe der Psalmist zum Herrn schreit: es ist die Tiefe der Sündennot, es ist der Jammer eines reuigen, gedemütigten und bußfertigen Herzens. Die tiefste Tiefe, in die eine Menschenseele versinken und aus der sie zum Herrn rufen kann, ist ja doch die Tiefe der Sündenangst. In jeder äußeren Anfechtung und Bedrängnis kannst du am Ende das Haupt noch aufrecht tragen, wenn du den Trost eines guten Gewissens hast. Aber wo der uns fehlt, wo unser eigenes Gewissen uns verklagt und unser eigenes Herz uns verdammt, da heißt's erst recht: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“ Und in Wahrheit jede Trübsal, auch die für den ersten Anblick unverschuldet erscheint, muss uns hineinführen in diese Tiefen, in unser eigenes Herz, muss uns mahnen an unsere Verschuldung vor Gott, muss uns den Seufzer nahe legen: „So du, Herr, willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?“ Ja, wenn er mit uns rechnen will, der Heilige und Allwissende; wenn er seine Bücher aufschlägt, in denen alles geschrieben steht, des wir anzuklagen sind, Versehen und Vergehen, die wir selbst längst vergessen haben; wenn er seine Waage nimmt, auf der alles gewogen wird, nicht nur unsere Werke, sondern auch unsere Worte und Gedanken - dann, wer will bestehen? Dann können wir auf tausend nicht eines antworten; dann bleibt uns nichts übrig, als mit jenem Knecht im Gleichnis zu bitten: „Herr, habe Geduld mit mir“, und mit dem Psalmisten zu flehen: „Herr, geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, vor dir ist kein Lebendiger gerecht.“ Es kann mir zwar wohl einer sagen, schreibt der große Kirchenlehrer Augustinus, er sei kein Abtrünniger, kein Götzendiener, kein Ehebrecher, kein Mörder, kein Betrüger: ob er aber auch rühmen und sagen könne, ich bin kein Sünder, da weiß ich nicht, ob jemand durch Hochmut sich also könnte blenden lassen. Sollt aber je von solch unverschämter Stirn einer gefunden werden, so glaub ich weit mehr als ihm dem Apostel Johannes, der da schreibt: So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Nein, es bleibt dabei: „So du, Herr, willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?“ Gottlob, dass wir auch hinzusetzen dürfen: „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“

„Bei dir ist die Vergebung.“ Bei dir allein; kein Heiliger kann da ins Mittel treten, kein Mensch kann uns lossprechen, kein Ablass kann da helfen, mit keinen guten Werken können wir unsere Sünden büßen: Nur du, an dem wir gesündigt haben, kannst uns auch die Schuld erlassen. Bei dir allein ist die Vergebung, aber bei dir auch gewiss. Denn barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte und Treue; er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. O wenn dessen schon ein Frommer des alten Bundes sich freuen durfte, der noch unter dem Druck des Gesetzes lebte, - wieviel getroster und fröhlicher dürfen wir als Kinder des neuen Bundes, denen Gott in Jesu Christo sein Vaterherz aufgeschlossen, im Evangelium des Neuen Testaments sich als die Liebe geoffenbart hat; wieviel fröhlicher und getroster dürfen wir es ausrufen, wenn wir aus tiefer Not zu Gott geschrien und vor seiner Heiligkeit gezittert haben: „Aber bei dir ist die Vergebung.“ „Dass man dich fürchte!“ Wohlgemerkt, also nicht dass man deine Gnade auf Mutwillen ziehe, dass man auf deine Langmut hineinhause und deine Geduld missbrauche, wie es unevangelischer Leichtsinn tut und wie es die Widersacher unserem evangelischen Glauben zum Schimpf nachsagen, - nein dass man dich fürchte, dass man aus Liebe sich umso mehr scheue, deinen Heiligen Geist aufs Neue zu betrüben, dass man aus Dankbarkeit sich umso mehr bestrebe, dir zu dienen in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit, die dir gefällig ist. Das, meine Lieben, das ist der evangelische Heilsweg. Wer den betreten hat, der kann dann auch mit dem Psalmisten:

3) Geduldig warten auf das Gnadenwort des Herrn.

V. 5. 6: „Ich harre des Herrn; meine Seele harrt und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur andern.“ Nicht gleich im Augenblick, da man aus der Tiefe zum Herrn rufet, kommt auch die Erfahrung seiner Gnade. Die äußere Hilfe lässt oft noch lange auf sich warten. Auch innerlich im Herzen bekommt man den Gnadentrost nicht alsobald zu spüren. Denn das Herz muss oft noch tiefer gedemütigt, der Glaube noch gründlicher durchläutert werden. Da, meine Lieben, gilt's dann Geduld; da gilt's warten auf den Herrn, hoffen auf sein Wort, harren von einer Morgenwache zur andern, wie der Wächter auf seinem Turm oder der Kranke in seinem Bett harrt auf den lieben Morgen von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute, bis zuerst im Osten ein blasser Lichtschein dämmert und dann die grauen Wolken sich leise färben im Morgenrot vom Nahen der noch verborgenen Sonne und endlich, endlich zuckt's golden am Gebirge und strahlend geht die Sonne auf und der liebe Tag ist da. O seliger Augenblick, wenn's so Morgen wird in der dunklen Seele und endlich ist die Nacht der Trübsal vorüber und die Sonne der göttlichen Gnade leuchtet wieder freundlich in unser Herz hinein und wir dürfen mit Freuden lobsingen: Mir ist Barmherzigkeit widerfahren! Solche Erfahrungen sind ja wohl des Wartens wert. Darum, was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Wer solches erfahren, der:

4) Fordert dann auch Israel auf zu gleichem Glauben und Hoffen.

V. 7. 8: „Israel hoffe auf den Herrn, denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.“ Nun zu diesem Israel, zu diesem gläubigen Volk Gottes sollen und wollen ja auch wir gehören. Was der Psalmist erst prophetisch hofft: Er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden“ das haben wir ja gottlob durch Jesum Christum in seliger Erfüllung. So lasst uns denn in guten und bösen Tagen hoffen auf den Herrn und im Leben und Sterben festhalten an dem kostbaren Trost: „Bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm“, bis wir uns durch seine Gnade einst freuen dürfen der ewigen Erlösung.

Ich gehe, wo ich gehe, ich sitze, liege oder stehe,
Ich wache oder schlafe ein,
Ich lebe oder sterbe:
Lass die Barmherzigkeit mein Erbe,
Das Gute meine Folge sein!
Ich will in dieser Zeit und in der Ewigkeit
Nichts als Gnade!
Mein Herze schließt in Jesu Christ,
Der aller Gnaden Urquell ist.

Amen.

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