Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 124.
(1) Ein Lied Davids im höheren Chor. Wo der Herr nicht bei uns wäre, so sage Israel, (2) Wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menschen sich wider uns setzen, (3) So verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns ergrimmte; (4) So ersäufte uns Wasser, Ströme gingen über unsere Seele; (5) Es gingen Wasser allzu hoch über unsere Seele. (6) Gelobt sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne. (7) Unsere Seele ist entronnen, wie ein Vogel dem Strick des Voglers, der Strick ist zerrissen, und wir sind los. (8) Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Nicht harmlos und friedlich wie ein fröhliches Reiselied klingt dieser Psalm; er deutet vielmehr auf schwere Kämpfe, auf schreckliche Feinde, auf furchtbare Gefahren, auf wunderbare Errettungen. Aber mochten nicht auch die Pilger Israels, wenn sie friedlich und fröhlich auf sichern Pfaden über Berg und Tal gen Jerusalem wanderten, mochten sie da nicht auch an schlimmere Zeiten gedenken, die einstmals das Volk durchgemacht, an andere gefahrvollere Pilgerzüge, auf denen sie des Herrn Schutz und Hilfe erfahren, wie an den Durchzug durchs rote Meer, an die Wanderschaft durch die Wüste, und dabei ausbrechen in Lob und Preis des Gottes, der Großes an ihnen getan und von altersher sich ihnen erwiesen als Helfer und Erretter. Und wir, Geliebte, wenn wir die Pfade unserer Pilgrimschaft überschauen, ist nicht jedes auch von uns auf seinem Lebensweg schon an solche gefahrvolle Stellen gekommen, wo es durchs heiße Gedränge ging, wo wir verloren gewesen wären ohne die Wunderhilfe des Herrn? Hat's nicht auch bei uns schon manchmal geheißen auf unsern Pilgerwegen:
Schien mir alles zu zerrinnen, ward ich doch der Hilfe innen;
Tausend, tausendmal sei dir, großer König, Dank dafür?
Gott mit uns in der Not! Diese Überschrift unseres Psalms ist auch heute noch wahr und könnte als Überschrift auch über manchem Kapitel unserer Lebensgeschichte stehen. Gott mit uns in der Not! Das soll denn der Sah sein, an dem wir uns auch jetzt nach Anleitung unseres Psalms erquicken.
Gott mit uns in der Not!
Der Psalm spricht
1) in den fünf ersten Versen von der großen Not und
2) in den drei letzten von der großen Hilfe des Herrn.
V. 1-5:
„Wo der Herr nicht bei uns wäre, so sage Israel, wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menschen sich wider uns setzen, so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns ergrimmte, so ersäufte uns Wasser, Ströme gingen über unsere Seele.“ Mit großem Nachdruck wird hier der Grimm der Feinde, die Größe der Gefahr hervorgehoben, mit großem Nachdruck aber auch die Gnadengegenwart des Herrn bezeugt.
„Wo der Herr nicht bei uns wäre.“ - Ja, wenn wir den nicht hätten, dann wären wir freilich alle längst zu Schanden geworden und keines von uns allen wäre mehr da. Denn es bleibt dabei und gilt im Geistlichen wie im Leiblichen, im Ganzen wie im Einzelnen: Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.
„Wo der Herr nicht bei uns wäre“ - nun aber gottlob ist er bei uns. Wir haben dafür sein festes Verheißungswort: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst,“ so hat er schon in uralten Zeiten seinem Pilgrim Jakob verheißen auf der Wanderschaft nach Haran. „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit,“ so hat er durch Prophetenmund seinem alten Bundesvolke zugesagt, und die schönste und teuerste Verheißung, die hast ja du, Volk des neuen Bundes, aus dem Munde dessen, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“
„Wo der Herr nicht bei uns wäre“ - nun aber ist er bei uns. Wir haben dafür nicht nur sein feierliches Wort, sondern auch die eigene lebendige Erfahrung. Wer unter uns, meine Lieben, wenn er so zurückblickt auf die Pfade seiner irdischen Wallfahrt, wer unter uns hat es nicht auch schon erfahren, oft recht handgreiflich, recht wunderbar, recht selig erfahren: Der Herr ist bei mir gewesen mit seiner schützenden Allmacht, mit seiner sorgenden Liebe, mit seiner leitenden Weisheit? Wer unter uns muss es nicht auch bekennen: von jener Krankheit wäre ich nicht aufgekommen, in jener Gefahr wäre ich ohne Rettung untergegangen, aus jener Verlegenheit hätte ich mir selber nimmer zu helfen gewusst, wo der Herr nicht wäre bei mir gewesen, wenn er nicht sichtbar mit seinem rettenden Arm hätte hereingegriffen in mein Leben.
„Wo der Herr nicht bei uns wäre“ - nun aber ist er gottlob bei uns. Gottes Wort sagt's, unser eigenes Leben bezeugt's. Und darum soll auch unser Mund es bekennen: „Wo der Herr nicht bei uns wäre, so sage Israel, wo der Herr nicht bei uns wäre.“ „So sage Israel!“ Also es wird dem Volke Gottes ausdrücklich zur Pflicht gemacht, es laut zu bezeugen und offen zu bekennen: Der Herr ist bei den Seinen. Ja, liebe Seele, gehörst du zum geistlichen Israel, gehörst du zur gläubigen Gemeinde des Herrn, glaubst du das, weißt du das, hast du das schon erfahren, so sage es auch. Sage es deinem Gott zu Ehren in Gebet und Danksagung, dass du ihm allein die Ehre gibst, auf ihn all dein Vertrauen setzt. Sage es deinem eigenen Herzen zum Trost, wenn das kleinmütig und verzagt werden will, und richte dich selber damit auf: Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Sage es deinem Nächsten zur Ermunterung, rühme es laut vor den Menschen, damit auch sie Gott die Ehre geben, damit auch sie bei ihm Hilfe suchen; sage es, Israel, bekenne es dem Herrn zum Lob, dir selbst zum Trost, der Welt zum Heil: „Wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menschen sich wider uns setzen, so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns ergrimmte.“
Mit recht starken Farben, als reißende Wölfe, als blutdürstige Tiger werden hier die Feinde Israels geschildert. Und doch ist das nicht bloß dichterische Übertreibung. Mit tödlichem Hass wurde ja das Volk Gottes von seinen Feinden oftmals verfolgt, und auf nichts Geringeres hatten's mehr als einmal die Widersacher abgesehen, als auf seine völlige Vertilgung. „Wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn sich die Menschen wider uns setzen, so verschlängen sie uns lebendig,“ so hat auch das Volk des neuen Bundes, die Kirche Christi, mehr als einmal sagen können. Gleich in den Zeiten der ersten Christen, als die römischen Kaiser zehnmal in zweihundert Jahren es darauf anlegten, die Sekte der Christen völlig auszurotten vom Erdboden, als sie ihre Blutbefehle und Mordmandate ausgehen ließen in alle Länder von Asien, Afrika und Europa, als man die Christen, Männer und Greise, Frauen und Kinder, Jünglinge und Jungfrauen den Löwen, den Hyänen, den wilden Stieren vorwarf, da hieß es ja wörtlich: „Sie wollen uns lebendig verschlingen.“ Und auch heute noch die eigentlichen Todfeinde des Christentums, der christlichen Kirche, des christlichen Glaubens, sie haben's auf nichts Geringeres abgesehen, als auf einen Vertilgungskampf; ihre wütendsten Häupter haben es seit Jahr und Tag schon manchmal offen bekannt: es sei kein Heil und sie lassen nicht nach, bis das Reich Christi ganz ausgerottet sei vom Boden dieser Erde; und wenn sie jetzt statt mit Schwertern nur mit Federn und statt mit Zähnen nur mit Zungen gegen uns streiten, sie würden, wenn's Gott zuließe, auch Schwert und Henkerbeil wieder brauchen. Wohlgemerkt: wenn's Gott zuließe! „Wo der Herr nicht bei uns wäre, so sage Israel, wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menschen sich wider uns setzen, so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns ergrimmte.“ Aber sie verschlingen uns nicht. Denn der Herr ist bei uns, er hat seiner Gemeinde verheißen, dass auch die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen sollen. Und darum singen wir heute noch getrost:
Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen!
Der Fürst dieser Welt, wie sau'r er sich stellt,
Tut er uns doch nichts; das macht, er ist gericht't;
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
Und wie die Christenheit im Ganzen, so darf auch der einzelne Christ sich dessen getrösten gegen seine Widersacher.
Ein boshafter Feind tut freilich oft auch in seinem Grimm, als wollte er uns gar verschlingen, als wollte er uns erstechen mit seinen zornigen Blicken wie mit spitzen Dolchen, als wollte er kein gutes Haar an uns lassen mit seiner scharfen Lästerzunge, und wenn es auf ihn ankäme, so wäre es aus mit uns, mit Hab und Gut, mit Ehr und gutem Namen, ja mit Leib und Leben selber. Da heißt es auch: „Wo der Herr nicht bei uns wäre“ aber gottlob er ist bei uns.
Und wie gegen allen Grimm der Menschen, so gegen alle Wut der Elemente ist der Herr ein Beschützer und Erretter. „Wo der Herr nicht bei uns wäre, so ersäufte uns Wasser,“ fährt der Psalmist fort, „Ströme gingen über unsere Seele. Es gingen Wasser allzu hoch über unsere Seele.“ War vorhin von Verfolgung durch Menschen die Rede, so können wir bei diesen Wasserfluten und Wasserströmen denken an andere Nöten und Gefahren, die durch den Lauf der Natur, durch widrige Umstände über uns hereinbrechen. Solche Fluten der Trübsal können ja kommen über ganze Länder und Völker in großen Landplagen: Teuerung, Pestilenz, Krieg und Blutvergießen, und sie können kommen über den einzelnen in allerlei Nöten und Drangsalen dieses wechselvollen Lebens. In Sorgen der Nahrung, in schwerer Krankheit, womit uns Gott heimsucht, oder an den Krankenbetten der Unsrigen, in Hauskreuz aller Art, o da geht uns ja auch oft das Wasser an die Seele, da wird unser Lebensschifflein auch oft umhergeworfen von widrigen Winden auf stürmischen Wogen, dass wir mit aller Macht und Geschicklichkeit zwischen den Klippen nicht mehr hindurchzusteuern wissen, dass wir nichts mehr vor Augen sehen als den sichern Schiffbruch unserer Hoffnungen, dass wir mit dem Psalmisten meinen: es gingen die Wasser allzu hoch über unsere Seele, und mit den Jüngern dort auf dem See Tiberias rufen: Herr, hilf, wir verderben! Ja, wo der Herr nicht bei uns wäre, der Allmächtige, dem Wind und Wellen gehorsam sind, der Ewigtreue, der verheißen hat: So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen, und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht anzünden, wo der nicht bei uns wäre, dann müssten wir verzagen, dann müssten wir verderben aber gottlob er ist bei uns. Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? spricht der Herr dort zu seinen zagenden Jüngern, und Wind und Meer wird still. Und hört, wie der Psalmist hier singt:
2) V. 6-8
von der großen Hilfe in der Not: „Gelobt sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne. Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Strick des Voglers, der Strick ist zerrissen und wir sind los.“ Wie warm und lebendig schildert hier der fromme Sänger die Freude und den Jubel der geretteten Seele! Wie ein Vogel, der des Voglers Garn zerrissen, sich freudig emporschwingt zum Wipfel des höchsten Baumes und da mit noch klopfendem Herzchen herniederschaut auf die Gefahr, die ihm gedroht, und seine Flügel prüfend lüftet und ein fröhliches Loblied in die blaue Lust hinaufjubiliert, so freut sich die gerettete Seele und dankt ihrem Retter: „Gelobt sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne. Unsere Seele ist entronnen.“ So mochte es dem Volk Israel ums Herze sein, als es durchs rote Meer gegangen und der nachjagende Pharao mit Ross und Mann verschlungen war von den Fluten und Mose und Mirjam das Siegeslied anstimmten: Der Herr hat eine herrliche Tat getan, Ross und Wagen hat er ins Meer gestürzt. So mochte es dem armen Daniel zu Mute sein, als er aus der Löwengrube stieg unversehrt, und Gott hatte ihn nicht gegeben zum Raub in ihre Zähne. So mochte es jenem Wandersmann zu Mute sein, dessen wunderbare Rettung ihr wohl auch schon gelesen.
Er ging im heißen Afrika am Rand eines Stromes auf schmalem Pfad, zur Linken das Wasser, zur Rechten eine buschige Anhöhe. Da mit einem Mal sieht er eines Krokodiles drohenden Rachen aus dem Wasser sich erheben, und wie er entsetzt die Anhöhe hinauffliehen will, so funkeln aus dem Gebüsch die Augen eines Tigers ihn an, der zum Sprunge bereit ist. Gott sei meiner Seele gnädig! ruft der Arme und stürzt halbtot vor Angst zu Boden, rechts und links Tod und Verderben. Was geschieht? Der Tiger springt und springt über des Wanderers Haupt dem Krokodil in den Rachen und die beiden Ungeheuer kämpfen, dass die Wellen vom Blut sich röten. Der Wanderer aber ist gerettet und kann sprechen, V. 6: „Gelobt sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne.“ Und wir alle, wenn auch nicht so auffallend und wunderbar, so haben wir doch gewiss in unserem Teil es auch schon erfahren dürfen: Wenn die Not am höchsten, dann ist Gott am nächsten. Und was zu unserem Verderben zu dienen schien, musste in Gottes Hand ein Mittel zu unserem Besten werden. So sei es denn auch unser Bekenntnis:
V. 8: „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Das wollen wir dankbar bekennen im Rückblick auf das, was der Herr bisher an uns getan; darauf wollen wir uns getrost verlassen beim Ausblick in die Zukunft, auf das hin wollen wir kindlich ihm unsere Wege befehlen.
Ach Gott, verlass mich nicht! Gib mir die Gnadenhände;
Ach führe mich, dein Kind, dass ich den Lauf vollende
Zu meiner Seligkeit; sei du mein Lebenslicht,
Mein Stab, mein Hort, mein Schutz;
Ach Gott, verlass mich nicht!
Amen.