Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 123.
(1) Ein Lied im höheren Chor. Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel sitzt. (2) Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen, also sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde. (3) Sei uns gnädig, Herr, sei uns gnädig; denn wir sind sehr voll Verachtung. (4) Sehr voll ist unsere Seele der Stolzen Spott, und der Hoffärtigen Verachtung.
Ein kurzer Psalm von nur vier Versen und doch geben diese wenigen Zeilen uns genug für ein Stündlein zu denken und zu lernen. Ein unscheinbarer Psalm, der auf den ersten Anblick so manchem andern im Psalmbuch gleichsieht wie ein Ei dem andern, indem er nichts enthält, als was wir schon so oft vernommen: Klage über Verfolgung des Frommen, Bitten um Hilfe von oben; der insbesondere mit den drei vorangegangenen Stufen- oder Pilgerpsalmen darin ganz übereinkommt, dass der fromme Sänger sehnsuchtsvoll seine Augen aufhebt zu dem Herrn im Himmel, - und doch kann der andächtige Betrachter auch hier wieder Neues, Eigentümliches finden und den Reichtum des göttlichen Worts bewundern, von welchem es gilt, so gut wie im Reich der Natur: Kein Blatt ist dem andern ganz gleich; kein Blatt draußen am Baum und kein Blatt hier drinnen in unserer Bibel. Jedes hat wieder seine eigenen Lineamente, seine eigene Farbenschattierung, und auch wo etwa ein Spruch an zwei verschiedenen Stellen wörtlich vorkommt, da erhält er durch den Zusammenhang, in dem er steht, jedes Mal wieder seine eigentümliche Beleuchtung; oder wo zwei Kapitel, zwei Psalmen das nämliche behandeln, da bietet doch jeder wieder seine eigentümliche Seite dar. So wollen wir uns bei unserem heutigen Psalm besonders halten an das schöne und eigentümliche Wort des zweiten Verses: „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen, also sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde.“
Also ein frommer Gottesknecht, eine redliche Magd des Herrn sieht auf die Hände des Herrn. Diese Wahrheit wollen wir jetzt etwas näher erwägen:
Sie sehen auf die Hände des Herrn,
1) in demütigem Gehorsam,
2) in gläubigem Vertrauen.
1) In demütigem Gehorsam zuerst.
Reisende erzählen aus dem Morgenland, dass da, wenn zum Beispiel ein Fürst oder sonst ein Vornehmer bei Tafel sitzt, die Sklaven mit kreuzweis über der Brust zusammengelegten Händen schweigend am Ende des Saales stehen, die Augen auf ihren Herrn gerichtet, um jedem Wunsch und Wink desselben augenblicklich zu gehorchen. Und auch wo es nicht um eigentliche Sklaven und um solch sklavische Unterwürfigkeit sich handelt, sondern um Knechte und Mägde nach unsern Begriffen - auch da sehen ja treue Dienstboten gleichsam auf die Hände der Herrschaft, um ihren Weisungen zu folgen, ihre Winke zu erkennen. Da sieht ein folgsamer Knecht auf die Hand seines Herrn, um augenblicklich zu gehen, wohin er ihn schickt. Da sieht eine fleißige Magd auf die Hände ihrer Frau, um von ihr zu lernen, wie sie's machen soll.
So soll es wenigstens sein. Es gibt freilich auch leichtsinnige Knechte und hochmütige Mägde, die nicht auf die Hände ihrer Herrschaft sehen, weil sie ihre Gedanken anderswo haben als bei ihrem Beruf, oder weil sie alles selber besser wissen wollen als die Herrschaft. Aber das ist nicht Gottes Ordnung. „Da siehe,“ sagt der alte Psalmausleger Frisch, wenn die Augen der Knechte auf die Hände des Herrn, wenn die Augen der Mägde auf die Hände ihrer Frauen sehen, das lobt der Heilige Geist dir, o Seele, zur Ermunterung. Du stehst vielleicht auch in einem solchen Stand, da du andern Leuten musst dienen. Das lasse dich nicht verdrießen, du hast vor dir heilige Exempel: einen Jakob, wie er in Labans Haus diente; einen Josef, wie er Potiphars Knecht war; ja deinen Herrn Jesum selbst, der in die Welt gekommen ist, nicht dass er ihm dienen lasse, sondern dass er diene, und der insonderheit auch seinen Eltern untertan war in der Hütte zu Nazareth. Darum bleibe gern im niedrigen Stande; das ist besser denn alles, da die Welt nachtrachtet. Dabei jage dem schönen Ehrenlob nach, dass man auch von dir rühmen könne: „Siehe, wie dieses Knechts Augen auf seines Herrn Hände sehen; siehe, wie dieser Magd Augen auf die Hände ihrer Frau sehen!“ So dienst du nicht nur Menschen, sondern eben damit Gott und deinem Heiland selbst und dein Geschäft gilt vor Gott in seiner Art soviel als das eines Fürsten oder eines Priesters. Das musste jener Einsiedler lernen, der Gott ganz besonders zu dienen meinte, indem er in der Wüste ein einsames, strenges Leben führte. Dieser ward einstmals in einem Traum gewiesen in die benachbarte Stadt, da werde er in einer Herberge eine Dienstmagd antreffen, die tue es ihm an Heiligkeit weit zuvor. Er machte sich dorthin auf, fand die Magd und fragte sie, worin denn ihr Tun bestehe? Da sagte sie, sie wisse nichts, als dass sie ganz demütig diene und einfach ihre häuslichen Geschäfte verrichte, wie es ihre Herrschaft sie heiße. Nur habe sie dabei die Gewohnheit, ihre Geschäfte mit guten Gedanken zu würzen. Wenn sie zum Beispiel einen Arm voll Holz die Treppe herauf in die Küche trage, so denke sie dabei manchmal an den, der ihrethalben das schwere Kreuzesholz auf die Schädelstätte geschleppt; oder wenn sie nachts bei einer Wäsche stehe, so falle ihr ein der Seufzer Davids: Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde. Da musste dann der Einsiedler bekennen, diese fromme Magd tue es ihm zuvor, weil sie in ihrem niedrigen Stande zugleich betete und arbeitete, zugleich Gott und den Menschen diente. Und so kannst auch du in deinem niedrigen Stande, bei deiner geringen Arbeit Gott ebenso wohl gefallen als andere bei den wichtigsten Geschäften, wenn du nur das deine redlich tust den Menschen zulieb und dem Herrn zu Gefallen. Denn ob nun Knecht oder Herr, ob nun Magd oder Frau die Hauptsache ist: wir allesamt sollen unsere Augen in frommem Gehorsam gerichtet halten auf den höchsten Herrn, dem wir allesamt dienen. Das ist's, worauf der Psalmist zielt. „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen, also sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott.“
Das ist der rechte Knecht Gottes, der mit Abraham spricht: Rede, Herr, dein Knecht hört, und dem Finger seines Gottes folgt, wohin er ihn weist, wär's auch der rauste Weg oder das fernste Land. Das ist der rechte Diener Jesu Christi, der mit Paulus dort bei Damaskus demütig fragt: Herr, was willst du, dass ich tun soll? und lässt sich willig führen von der Hand des Herrn, ohne sich zu besprechen mit Fleisch und Blut. Das ist eine fromme Magd des Herrn, die mit Maria bekennt auch beim schwersten Gebot: Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast. Ja, meine Lieben, das wäre schön und gut, wenn wir so allesamt als gehorsame Knechte, als folgsame Mägde sehen würden auf die Hände unseres Gottes und willig gehen, wohin sein Finger uns weist, und gerne tun, was seine Hand uns gebietet. Das wäre schön und gut, wenn wir so als lernbegierige Jünger und Lehrlinge Jesu bei all unserem Tun und Lassen sehen würden auf die Hände unseres Herrn und Meisters Jesus Christus und ihm an den Händen absehen und ablernen, was seinem Jünger geziemt, wie er gedient, geliebt, gesegnet, gearbeitet, geduldet und gebetet hat.
Merk, Seele, dir das große Wort: Wenn Jesus winkt, so geh! Wenn er dich zieht, so eile fort; wenn Jesus hält, so steh! Wenn er dich lobt, bücke dich; wenn er dich liebt, so ruh; Wenn er dich aber schilt, so sprich: Ich brauch's, Herr, schlage zu! Das heißt auf des Herrn Hände sehen; und wer so auf sie sieht in demütigem Gehorsam, der darf dann auch darauf sehen:
2) In getrostem Vertrauen.
Auch das, und das ganz besonders, will der Psalmist sagen mit unserem Spruch. Er war ja in großer Bedrängnis; Menschenhände hatten ihm übel mitgespielt, wie wir sehen aus
V. 3: „Sei uns gnädig, Herr, sei uns gnädig, denn wir sind sehr voll Verachtung;“ und V. 4: „Sehr voll ist unsere Seele der Stolzen Spott und der Hoffärtigen Verachtung.“ Aber da sieht er denn vertrauensvoll auf die Hände seines Herrn im Himmel, dass die zu rechter Zeit eingreifen, dem misshandelten Knechte zu Hilfe kommen und die übermütigen Feinde niederschlagen werden. Und in diesem Sinn ruft er aus: „Wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen, also sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde.“ Wie Knecht und Magd mit Kost und Lohn angewiesen sind auf die Hände ihrer Herrschaft und auch nicht vergebens darauf warten bei einer gütigen und gerechten Herrschaft, sondern zu rechter Zeit das Ihre erhalten; oder wie das Hündlein zu den Füßen seines Herrn sitzt und mit unverwandten Augen ihm auf die Hände sieht, bis er ihm einen Brocken zuwirft; oder wie, um ein jetzt gerade nahe liegendes Gleichnis zu brauchen, bei herannahendem Christfest die Augen der Kindlein erwartungsvoll auf die Hände der Mutter sehen, was die jetzt Gutes bereiten, Schönes zurüsten im Verborgenen, so dürfen auch wir in guten und in bösen Tagen getrost und vertrauensvoll auf die Hände unseres Vaters im Himmel sehen, der seine Kinder nicht verlässt noch versäumt, bis er uns gnädig werde.
Es sind ja reiche Hände, diese Vaterhände da droben, die überschwänglich tun und geben können über all unser Bitten und Verstehen. Es sind milde Hände, die sich gerne auftun über all ihre Kreaturen. Es wartet alles auf dich, heißt's da, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gut gesättigt. Es sind heilige Hände, aus denen nichts als Gutes kommen kann, die da segnen und wohltun, auch wo sie schwer auf uns liegen, so dass ein Kind Gottes spricht:
Ich bin Gottes, Gott ist mein! Wer ist, der uns scheide?
Dringt das liebe Kreuz herein mit dem bittern Leide:
Lass es dringen, kommt es doch von geliebten Händen,
Schnell zerbricht des Kreuzes Joch, wenn es Gott will wenden.
Denn es sind endlich auch starke Hände, diese Gotteshände; stark genug, um aus tiefer Not die Seinigen herauszureißen; stark genug, um die stärksten Feinde in den Staub zu werfen, wie wir erst neulich im Adventslied gesungen:
Was fragt ihr nach dem Schreien der Feind' und ihrer Tück?
Der Herr kann sie zerstreuen in einem Augenblick;
Er kommt, er kommt, ein König, dem aller Feinde Hand
Auf Erden viel zu wenig vermag zum Widerstand!
Wohlan denn, liebe Seele, so sieh denn vertrauensvoll auch du auf diese treuen, heiligen, starken, reichen Hände mit all deinen Wünschen und Anliegen und Sorgen. Auch für dich und mich und uns alle haben diese Hände Heil und Segen genug: unser täglich Brot für den Leib, Himmelsspeise für den Geist, Trost in Trübsal, Hilfe in der Not, allerlei gute Gaben hienieden und die Krone des ewigen Lebens droben siehe, das ist's, was die Vaterhände Gottes bereit haben für uns alle. So wollen wir auf diese Hände sehen in Leid und Freud als treue Knechte, als fromme Mägde, als gläubige Kinder Gottes und zu uns selber sprechen:
Gottes Hände sind ohn Ende, sein Vermögen hat kein Ziel;
Ist's beschwerlich, scheint's gefährlich, deinem Gott ist nichts zuviel.
Amen, Amen, in dem Namen meines Jesu halt ich still;
Es geschehe und ergehe, wie und wann und was er will!
Amen.