Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 121.

Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 121.

(1) Ein Lied im höheren Chor. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. (2) Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. (3) Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. (4) Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. (5) Der Herr behütet dich, der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, (6) Dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. (7) Der Herr behüte dich vor allem Übel; er behüte deine Seele. (8) Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
Abermals ein Lied im höheren Chor! Abermals ein wunderschönes Pilgerlied! Und wie gut passt es zum vorigen! Im vorigen Psalm klagte der Pilger über seine Mühsale unterwegs, über das Ungemach in den Hütten Kedars und Mesechs. In diesem Psalm blickt der Wandersmann hinaus auf des Weges Ziel, hebt seine Augen empor zu den heiligen Bergen der Heimat, vernimmt von himmlischen Höhen herab die Stimme des Trosts und der Verheißung. Auch für uns, meine Lieben, passt dieses Pilgerlied gar schön; auch für unsere Wanderschaft in Erdental wollen wir uns merken, was dieses Lied im höheren Chor uns vorhält:

Des Pilgers Glaubensblick in die Höhe und des Pilgers Himmelstrost aus der Höhe.

1)

Welch schönen Glaubensblick in die Höhe tut unser heiliger Sänger, wenn er ausruft:

V. 1: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt;“ und V. 2: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Denken wir uns einen frommen Festpilger aus dem Volk Israel, der aus der Ferne der heiligen Stadt zuwanderte: wie sehnsuchtsvoll mag er von weitem schon seine Augen aufgehoben haben, bis er in blauer Ferne zum ersten Mal die gesegneten Berge erblickte, den Ölberg mit seinen lieblichen Gärten, den Zionsberg mit seiner Davidsburg, den Hügel Moriah mit Salomos Tempel. Da hieß es auch von Ferne schon: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“ Oder denken wir uns einen Pilgrim in der Fremde, in der Verbannung, in der Gefangenschaft, in den Hütten Kedars oder an den Wassern zu Babel - wie sehnsuchtsvoll und verlangend mögen die aus der Ferne hinübergeblickt haben nach den Bergen der Heimat, und ob sie die Kuppen dieser Berge auch nicht sehen konnten, schon die Himmelsgegend lieb gehabt, wo sie liegen mussten, schon das Lüftchen gesegnet haben, welches von dort herübersäuselte, wie Daniel in Babylon, als er die Fenster seines Sommerhauses offen hielt gegen Jerusalem. Da seufzte gewiss auch oft so ein Pilgrim und Fremdling: „Ach, dass der Herr aus Zion käme und sein gefangen Volk erlöste. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Auch wir, meine Lieben, obwohl wir nicht leiblich Gefangene sind in Babylon und obwohl wir nicht mit leiblichen Augen hinübersehen können nach jenen heiligen Höhen, auf denen einst der Herr seine Herrlichkeit geoffenbart hat, auch wir wollen aus dem Geräusche dieser Welt, aus dem Tränental dieser Erde manchmal den Glaubensblick hinüberrichten nach den Bergen, von denen unsere Hilfe kommt. Welcher Christ kennt sie nicht, diese heiligen Berge, von denen unser Heil gekommen ist und noch immer kommt. Da sind nicht nur die Berge des alten Bundes, zu denen das Volk Israel einst mit Ehrfurcht und Andacht emporblickte: Der majestätische Sinai, von dem aus einst der Herr in Donner und Feuerflammen sein Gesetz gegeben und von dem aus heute noch der Ruf an uns ergeht: Ich bin heilig und ihr sollt auch heilig sein. Oder der herrliche Zionsberg, auf dem einst Davids Harfe erklang und Salomos Opfer gen Himmel rauchten und von dem es heute noch zu uns herniederklingt: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth, ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser denn sonst tausend. Oder der gewaltige Karmel, auf dem einst in Elias Tagen der Herr sich in Feuer geoffenbart und die Baalspriester zu Schanden gemacht, und der uns heute noch zuruft: Der Herr ist Gott und keiner mehr! Nein, da sind uns noch heiliger, noch lieblicher die heiligen Berge des neuen Bundes, die unser Herr Jesus Christus durch seine Fußstapfen geweiht hat: Jener namenlose und doch ewig gesegnete Berg der Bergpredigt, wo er als ein göttlicher Prophet gesessen, als ein Lehrer, dem kein Lehrer gleich, sein seligmachend Evangelium verkündet und in den Jammer der Welt hinuntergerufen hat: Selig sind die Geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Jener stille Todeshügel Golgatha, wo er als ein ewiger Hohepriester das Opfer gebracht hat für der Welt Sünde und wo vom blutigen Kreuz herab noch immer der Ruf in die Sünderwelt hinuntertönt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Jener lichtumflossene Ölberg, wo unser Herr als ein himmlischer König aufgefahren ist gen Himmel und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und von wo auch uns tröstend und mahnend der Ruf erschallt: Himmelan, nur himmelan soll der Wandel gehen!

Das, meine Lieben, sind unsere heiligen Berge, von denen unsere Hilfe gekommen ist und von denen noch immer dar Hilfe kommt, von denen Trost und Kraft, Gnade und Friede, Himmelsluft und Paradiesesduft herniedersäuselt in diese dumpfe schwüle Welt. Darum, mein lieber Gottespilger, wenn dir's schwül wird beim heißen Tagewerk, wenn dir's bange wird im rohen Weltgetümmel, wenn dir's angst wird im dunklen Trübsalstal, - wenn du eine Erfrischung brauchst für dein Herz, einen Sporn für deinen Willen, einen Lichtblick für deinen Geist - o dann halt es auch mit dem Psalmisten und sprich: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt“; dann steig empor auf die Höhen des Glaubens und geh im Geist zu jenen seligen Stätten der Offenbarung göttlicher Gnade und Wahrheit.

Auf diesen Bergen, auf diesen Höhen wird auch dir der begegnen, der von altersher auf den Bergen am liebsten seine Nähe kund getan hat, der auf Horeb im flammenden Busche dem Moses erschien und im sanften Säuseln an Elias vorüberging. Ja, dann wirst auch du es inne werden, was unser Psalmist bekennt V. 2: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Damit es ja nicht scheine, er wolle Fleisch für seinen Arm halten, er wolle sein Heil erwarten von irgend einem Fleck der Erde und sein Vertrauen setzen auf irgend eine menschliche Burg darum setzt der Psalmist mit Nachdruck hinzu: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“; von dem Unsichtbaren, der noch höher thront als auf Zion oder Moriah oder irgend einem irdischen Berg; von dem Allmächtigen, der sein Zepter ausstreckt über Berg und Tal, über Land und Meer; von dem Ewigen, der da war, ehe die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, und der noch sein wird, wenn alle irdischen Höhen längst in Staub gesunken sind, und zu dem darum der Gläubige sprechen darf: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für.

„Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“ So, Geliebte, wollen auch wir zu unserer Seele sprechen. Wenn auf Erden kein Trost für uns ist, wenn wir vergebens nach allen Bergen ausgeschaut um Hilfe und nirgendsher will Hilfe kommen, dann wollen wir über alle irdischen Höhen und Tiefen uns im Glauben aufschwingen zu dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der Himmel und Erde trägt und erhält; zu dem Allumfasser und Allerhalter, der auch uns hegt und trägt in Vaterarmen; zu dem wollen wir emporblicken und emporrufen:

Ach Gott, verlass mich nicht, gib mir die Gnadenhände;
Ach führe mich, dein Kind, dass ich den Lauf vollende
Zu meiner Seligkeit, sei du mein Lebenslicht,
Mein Stab, mein Hort, mein Schutz: Ach Gott, verlass mich nicht!

Und nicht vergebens ruft so der Pilger Gottes im Glauben in die Höhe empor. Denn wir vernehmen nun auch:

2)

Des Pilgers Himmelstrost aus der Höhe. Tröstlich wie einer Mutter Schlummerlied, womit sie ihr weinendes Kindlein in Schlaf singt; lieblich wie Engelsharfenton, recht als ein Lied im höheren Chor klingt nun die Antwort hernieder auf den Hilferuf des Psalmisten, V. 3-8.

V. 3: „Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.“ V. 4: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.' Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen.“ Siehe da eine himmlische Hand, die aus der Höhe sich zu dir herniederstreckt, die dich führen will auf rechter Straße, die dich behüten will, dass du nicht ausgleitest und zu Fall kommst auf dem schlüpfrigen Pfade dieser versuchungsvollen Welt, und von der's noch jeder erfahren darf, der sich von ihr leiten lässt:

Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden,
Er bleibt ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden;
Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her,
Gebt unsrem Gott die Ehre!

„Der dich behütet, schläft nicht. Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“ Siehe da ein göttliches Auge, das über dir wacht und dich behütet vor Unglück und Gefahr; ein allsehendes Auge, das alle seine Kinder überschaut auf dem weiten Erdenkreis und in finsterer Nacht so gut sieht als am hellen Mittag. Ein allliebendes Auge, das keines vergisst und übersieht von den Seinen. Ein nimmermüdes Auge, das offen steht Tag und Nacht. Das treueste, wachsamste Hirtenauge muss zuletzt auch schlafen und während es schlummert vielleicht, kommt der Wolf. Das treueste Mutterauge muss zuletzt im Todesschlaf sich schließen und kann ihre Kindlein nimmer hüten. Aber der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht, wie's im Liede heißt:

Herr, dein Auge geht nicht unter, wenn es bei uns Abend wird,
Denn du bleibst ewig munter und bist wie ein guter Hirt,
Der auch in der finstern Nacht über seine Herde wacht;
Darum hilf uns, deinen Schafen, dass wir alle sicher schlafen.

„Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ Ja, das ist ein schönes Schlaflied; darum dieser Spruch auch hindurchklingt fast durch all unsere christlichen Abendlieder. Denke dran heute Abend, liebe Seele; denkt dran, ihr Mütter, wenn ihr eure Kindlein zu Bette bringt; denkt dran, ihr Lieben alle, so oft ihr euch zum Schlummer legt, und befehlet in den Schutz des treuen Menschenhüters euch und die Eurigen, Hab und Gut, Haus und Hof, Stadt und Land.

„Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ Das ist ein schönes Reiselied; wo ich gehe und stehe, im fremden Land, im wilden Wald, auf wüstem Meer, in finsterer Nacht, sein Auge begleitet mich, seine Allmacht behütet mich.

„Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ Das ist ein schönes Abschiedslied. Wenn du ein liebes Kind oder einen teuren Freund in die Ferne ziehen lässt und kannst sein selbst nicht mehr hüten und pflegen, dann befiehl's dem treuen Hirten, dessen Augen offen stehen über allen seinen Kindern.

„Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ Das ist auch ein schönes Sterbelied. Wenn mein Aug im Tode bricht, wenn mir bange wird vor dem finstern Grab, darein sie meinen Leib legen werden, vor dem dunkeln Todestal, durch das meine Seele gehen muss, dann will ich mir's zum Troste sagen: „Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ Auch durchs Todestal wird er mich begleiten, auch über meinem Grabe wird er wachen, auch meinen Staub wird er behüten bis zum großen Morgen der Ewigkeit.

So vergiss es denn nicht, Pilger Gottes, im Leben und Sterben das selige Trostwort aus himmlischen Höhen: „Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht“; so sag dir's selber zum Trost und zur Ermunterung, so oft deine Seele verzagen will:

Du Verächter, Gott, dein Wächter, schläfet ja und schlummert nicht;
Zu den Höhen aufzusehen, wäre deine Glaubenspflicht.

Wie trostreich klingt's von diesen Höhen weiter hernieder: V. 5: „Der Herr behütet dich, der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand.“ V. 6: „Dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts.“ Siehe da zur führenden Hand, zum hütenden Aug auch ein schattendes Flügelpaar Gottes, das vom Himmel her sich über dich ausstreckt. Wie ein Adler seine Schwingen ausbreitet über seinen Jungen im Nest, wie eine Henne ihre Küchlein sammelt unter ihre Flügel, so beschirmt und beschattet der treue Menschenhüter seine Kinder mit den Fittichen seiner Allmacht und Treue, und nicht die Sonne bei Tag mit ihren sengenden Strahlen und nicht der Mond bei Nacht mit seinen feuchten Dünsten darf ihnen schaden. In der heißen Arbeit des Tages weht der Herr ihnen Kühlung zu, wie die Engelsflügel den Männern im Feuerofen, und im Schlummer der Nacht breitet der Herr seine Flügel über ihnen aus wie über dem Pilgrim Jakob, als er auf dem Feldstein bei Bethel übernachtete. Freue dich des, Pilger Gottes, und sag dir's zum Trost: Mich deckt seiner Allmacht Flügel, stürzt ein ihr Berge, fallt ihr Hügel: Gott ist getreu! Unter solchem Schutz, Wanderer der Erde, zeuch getrost deines Weges und nimm den Segen mit von oben:

V. 7: „Der Herr behüte dich vor allem Übel; er behüte deine Seele.“ In Leibes- und in Seelennot, vor Sündenschuld und anderem Weh behüte er dich in Gnaden, und wenn du auch leibliche Trübsal mitnehmen musst auf dem Weg wie jeder Erdenpilger, so behüte er deine Seele wenigstens, dass die keinen Schaden nehme, dass du die errettest fürs ewige Leben.

V. 8: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ O schönes Pilgerlied für den Wanderer auf Erden! Das sei auch unser Pilgerlied und Abschiedsgruß, mit dem wir heut Abend auseinandergehen ein jedes auf seinen Weg. Das wollen wir einander auf den Weg wünschen und erbitten: „Der Herr behüte deinen. Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Unsern Ausgang und Eingang hier in seinem Haus, unsern Ausgang und Eingang daheim im irdischen Beruf und Tagewerk wolle Gott segnen und behüten. Er behüte unsern letzten Ausgang einst, den Ausgang aus dieser Welt, dass es ein Abschied sei im Frieden. Er behüte unsern letzten Eingang einst, den Eingang in die Ewigkeit, dass es ein Eingang sei in sein himmlisches Reich, in die ewige Heimat.

Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen,
Segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen,
Segne uns mit selgem Sterben und mach uns zu Himmelserben.

Amen.

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